Fake Feminismus - Laura Sachslehner - E-Book

Fake Feminismus E-Book

Laura Sachslehner

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Beschreibung

Linke Feministinnen haben diejenigen, für die sie eigentlich kämpfen sollten, nämlich Frauen, eindeutig verraten. So lautet Laura Sachslehners Urteil. Denn Frauen müssen nicht nur aufgrund der unkontrollierten Zuwanderung und den damit verbundenen Folgen in vielen Städten Europas immer mehr um ihre Sicherheit, Freiheit und körperliche Unversehrtheit fürchten. Auch führt das übertriebene Streben einiger weniger Ideologen nach verfälschter "Diversität" die Weiblichkeit ad absurdum und untergräbt sie. Frauen werden auf brachiale Art und Weise zurück in die Unsichtbarkeit gedrängt – und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Anstatt sich um die gravierenden Sorgen der Frauen von heute zu kümmern, verharrt der angeblich moderne Feminismus in seinem starren ideologischen Weltbild, das nur sich selbst gerecht werden möchte und wo für Frauen und ihre Lebensrealität nichts außer Floskeln übrig bleibt. Sachslehner plädiert aus diesem Grund für eine Emanzipation von eben jenem Fake Feminismus und damit für eine neue Ära der Frauenrechtsbewegung.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2025

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FAKE FEMINISMUS

ZEIT ZUM AUFBEGEHREN

LAURA SACHSLEHNER

INHALT

Vorwort

1. Die moderne Frauenfrage

Anti-feministische Scheingefechte

Die ewige Opferthese

Feministische Abgründe

2. Meine Periode ist nicht politisch

Das überlegene Geschlecht

Die Entweiblichung der Menstruation

Der Trumpf der Frauen

3. Die Verdrängung der Weiblichkeit

Geschlechtsneutralität: die neue Unterdrückung

Gefährliche Gedankenspiele

Was bleibt von der Frau?

4. Das Privileg, eine Frau zu sein

Die Unendlichkeit der Geschlechter

Kinder & Jugendliche im Geschlechterwahn

Frauen leiden, doch alle schweigen

5. Geschlecht als ideologische Waffe

Der große Mythos Gendern

Deutsch für Eliten

6. Importierte Frauenfeindlichkeit

Das zugewanderte Patriarchat

Belästigte Frauen

Importierte toxische Männlichkeit

7. Ein Verrat mit Folgen

Sittenwächter in Europas Städten

Morden im Namen der Ehre

Alltägliche sexuelle Gewalt

Wie viele noch?

8. Das Kopftuch-Paradoxon

Unanständige Frauen

Die Verharmlosung des Kopftuches

Aus Unterdrückung wird Gewalt

9. Die biologischen Grenzen des Feminismus

Das Imageproblem der Mutter

Der Fake Feminismus schlägt zu

Die beschränkte Freiheit der Frau

10. Zehn Thesen zum modernen Feminismus

Warum es so nicht weitergehen darf

11. Fazit: Wir haben etwas zu sagen

12. Dank

Anmerkungen

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2025 Seifert Verlag

1. Auflage (Hardcover): 2025

ISBN: 978-3-903583-14-6

ISBN Print: 978-3-904123-99-0

Umschlagfoto: Dalma Trebulová

Sie haben Fragen, Anregungen oder Korrekturen? Wir freuen uns, von Ihnen zu hören! Schreiben Sie uns einfach unter [email protected]

www.seifertverlag.at

Für meine Mama – die für mich die stärkste Frau ist, die ich kenne

VORWORT

Bist du eine oder bist du keine? Vermutlich hat beinahe jede Frau diese Frage schon mindestens einmal gestellt bekommen. Immer dann, wenn das Gegenüber sich scheinbar brennend dafür interessiert, ob man sich als Frau selbst als Feministin definiert. Sogar während meiner Studienzeit haben wir in einigen Seminaren an der Universität hitzig darüber diskutiert, ob wir uns nun alle selbst als Feministinnen definieren würden oder nicht. Wie irritierend, dass manche Professoren dies offenbar als höchst komplexe wissenschaftliche Fragestellung verstehen. Ich gestehe ganz ehrlich: Ich habe diese Thematik schon immer als etwas absurd empfunden. Nicht nur, weil sie erneut eine Schublade aufmacht, in die Frauen eingeteilt werden, sondern auch, weil ich den Hintergrund der Frage als sinnlos empfinde. Wie feministisch bist du? Welchen Erkenntnisgewinn soll die Auseinandersetzung mit dieser Frage für irgendjemanden liefern? Wenn wir davon ausgehen, dass Feminismus den Kampf um Frauenrechte beschreibt, wird sich ja wohl jede Frau als solche definieren. Welche Frau will nicht die gleichen Rechte für sich und ihre Kolleginnen im Vergleich zu Männern? Welche Frau würde sich dafür einsetzen, dass es Frauen schlechter geht als Männern? Doch wie bei so vielen anderen ideologischen Fragen wird auch daraus eine „Alles oder nichts“-Frage gemacht.

Zugegeben: Mein Zugang zu diesem Thema mag anlässlich der weltweiten emotionalen Debatten rund um den Feminismus wohl etwas naiv sein. Der ewige Kampf um die Selbstdefinition als Feministin und die Instrumentalisierung des Begriffes zeigen uns in Wirklichkeit schon lange, dass es da um viel mehr geht. In jedem Fall geht es um eine politische Einordnung. Wer sich selbst als Feministin definiert, gibt dem Gegenüber das Gefühl, damit einer gewissen politischen Gruppierung zuzugehören und sich daher mit speziellen politischen Inhalten zu identifizieren. Wer Feministin ist, gilt gemeinhin wohl als links. Oder zumindest als besonders progressiv. Manche würden vermutlich so weit gehen und davon sprechen, dass jede Frau, die keine Feministin ist, das völlige Gegenteil von Fortschrittlichkeit ist. Gute Frauen sind Feministinnen. Diejenigen, die dieses Wort nicht in den Mund nehmen wollen, sind dann für einige wenige die größten Verräterinnen des eigenen Geschlechts. Ich halte das für eine völlig fatale Einordnung und für einen Missbrauch des Begriffs, der in seiner Geschichte schon für so viel mehr stand als für die plumpe Einstufung zwischen links und rechts.

Schauen wir uns die Geburtsstunde des Feminismus in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt, an: Damals ging es tatsächlich um die Selbstermächtigung von Frauen. Man kämpfte um die Gleichstellung von Frauen vor dem Gesetz, um das Recht, wählen zu dürfen, um das Recht, arbeiten zu dürfen – ja, sogar um das Recht, als Frau aufzutreten, Vorträge zu halten und sich politisch zu äußern. Sogar darum musste die erste, bürgerliche Welle der Frauenbewegung lange ringen. Die Sichtbarkeit der Frau, nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum, war bis vor wenigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit und musste von einigen Frauen erst hart erkämpft werden.⁠1 Heute scheint das alles schon lange in Vergessenheit geraten zu sein. In den letzten Jahren beschäftigt sich der Feminismus fast ausschließlich mit zahlreichen Nebenschauplätzen, die zu großen Teilen den Narrativen linker Identitätspolitik dienen sollen, und ignoriert sowie verleugnet dabei die wahren Probleme von Frauen. Besonders anschaulich wurde mir das vor einigen Monaten im Rahmen eines verhältnismäßig trivialen Ereignisses vor Augen geführt. Damals stand ich in einer Buchhandlung und ging einem meiner liebsten Hobbys nach – zwischen Bücherregalen herumschlendern und mich mit so vielen Büchern ausstatten, wie ich nur tragen kann. Ein Hobby, das meinen Mann regelmäßig zur Verzweiflung treibt, mir jedoch in den manchmal anstrengenden Tagen meines Lebens die notwendige Zerstreuung liefert, die man in seinem Alltag ab und zu braucht. Und im Gegensatz zu dem, was manche Leser hier vermutlich nun von mir erwarten würden, verschlinge ich seit Jahren jede Form von feministischer Literatur, die ich finden kann. Der Kampf um die Rechte von Frauen und die unterschiedlichen Erscheinungsformen, die der Feminismus in den letzten Jahrzehnten gefunden hat, haben mich schon immer besonders interessiert. Egal, ob es um Biografien bekannter Frauenrechtlerinnen, feministische Essays, seitenlange Erörterungen über die Gefahren des Patriarchats oder Lebensanleitungen für junge Nachfolgefeministinnen geht – ich habe vieles davon gelesen. Natürlich teile ich eine Vielzahl der beschriebenen Thesen darin nicht, aber man soll ja nicht nur das lesen, was man selbst kennt und weiß, sondern seinen Horizont regelmäßig erweitern. Und in kaum einem anderen Genre mache ich das so gerne und so intensiv wie bei feministischer Literatur.

Die Abteilungen dazu sind mir in meinen liebsten Buchhandlungen also mehr als vertraut. An diesem Nachmittag stand ich vor einem solchen einsamen Bücherregal in einer bekannten Buchhandlung im 3. Bezirk in Wien und starrte auf die Titel, die mir dort in die Augen sprangen. Meine Periode ist politisch, weibliche Brüste sind politisch, ja, sogar die Wechseljahre sind offensichtlich politisch, wie ich da erfuhr. Und sowohl Männlichkeit als auch Weiblichkeit waren und sind höchst toxisch – das lehrten mich die Buchcover, die da fein säuberlich aufgereiht waren, auf den ersten Blick. Daneben standen noch einige Titel, die in unterschiedlichen Essays über die uns mittlerweile allseits bekannten „alten weißen Männer“ herfielen oder die Einteilung der Geschlechter in Mann und Frau als gefährliches Überbleibsel des Patriarchats definierten. Ein leider vertrautes Bild für mich, doch an diesem Nachmittag stieß es mich plötzlich besonders vor den Kopf. Vorbei sind also die Zeiten, in denen Feministinnen für die Sichtbarkeit von Frauen und ihre Weiblichkeit auf die Straße gingen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Sicherheit, Unversehrtheit und die Selbstbestimmung der Frau das oberste Ziel der politischen Agenda von Feministinnen darstellten. Heute dreht sich der Feminismus hauptsächlich um kostenlose Tampons, Unisextoiletten und die Verwendung geschlechtsneutraler Pronomen.

Fassungslos stand ich in dieser Buchhandlung und fragte mich: Nach Hunderten Jahren des Kampfes um Frauenrechte und jahrzehntelangen Debatten um eine ordentliche Frauenpolitik ist das also alles, was die feministische Literaturwelt heute zustande bringt? Verrisse über ältere Männer aus der Öffentlichkeit, die irgendwo in den Jahrzehnten ihrer Karriere mal einen dummen Kommentar fallen gelassen haben? Seitenlange Abhandlungen über die politische Bedeutung der Wechseljahre? Nun gut, man kann natürlich alles als politisch relevant betrachten, und das ist es bis zu einem gewissen Grad auch. Politik kann sich um alle Bereiche des Lebens drehen, aber das erscheint mir doch als eine völlig überzogene Politisierung von biologischen Prozessen, die einer ernsthaften Auseinandersetzung mit frauenrelevanten Themen nicht wirklich dienlich ist.

Alles in allem scheint es in diesem uns allen bekannten Mainstream-Feminismus nur noch um zwei Aspekte zu gehen. Der eine ist das Beharren auf dem Dasein von Frauen als Opfer. Egal, ob es um angebliche patriarchale, sexistische oder kapitalistische Ausbeutung geht, in irgendeiner Form werden wir Frauen – folgt man den Thesen aktueller Feministinnen – immer ausgebeutet. Nur zu gerne wird da das vordergründige Streben nach Gleichstellung dazu missbraucht, um eine uns allen bekannte Kapitalismuskritik linker politischer Vertreter erneut salonfähig zu machen. Wenn uns Frauen der Kapitalismus besonders ausbeutet, dann erscheint es einigen wenigen nur logisch, dass Teil des feministischen Diskurses auch ein Kampf gegen eben diesen und gegen jede Form wirtschaftsliberaler Politik sein muss.

Fast scheint es so, als würden manche dieses liebgewordene Opferdasein auch noch heute als Selbstzweck für den Feminismus dringend brauchen, um ihre eigene Ideologie rechtfertigen zu können. Haben manche Feministinnen etwa Angst, dass es den Feminismus nicht mehr braucht, wenn Frauen nicht mehr durchgehend Opfer sind? Feministische Autorinnen wie Sophia Fritz, die für ein „neues, feministisches Miteinander“ eintreten, formulieren es so:

„Gemeinsames Opfersein verbindet. (…) Das Opfer trägt keine Schuld und keine Verantwortung. Das Opfer ist Opfer.“⁠2 Der Fokus auf Frauen als Opfer soll also nicht nur einen Berechtigungsgrund liefern, sondern zugleich Frauen aus der Verantwortung nehmen, für sich selbst einzutreten. Besonders paradox an diesem Zugang scheint, dass doch gerade der Feminismus das Überwinden dieser Opferidentität als oberste Priorität anerkennen sollte.

Doch statt sich diesem Ziel anzunehmen, hören wir ständig die gleichen Geschichten: arme Frauen, die von bösen Männern ausgebeutet werden. Und damit automatisch von bö-sen Mächtigen, die uns knebeln und uns unsere Selbstbestimmung rauben. Dass das schon lange nicht mehr die ganze Realität widerspiegelt, ist dabei noch nicht einmal das größte Problem. Die Versteifung auf die Auseinandersetzung mit ausschließlich solchen Fragen verschiebt ganz offensichtlich den Fokus: weg von den viel drängenderen Fragen, mit denen Frauen heute mitten in Europa konfrontiert sind.

Im Jahr 2023 erschien eine irritierende Nachrichtenmeldung, in der verkündet wurde, dass die britische Stadt Birmingham eine „Hijab-Statue“ errichtet, die das Kopftuch für Frauen feiern soll.⁠3 Eine Statue also, die unverhohlen die Verschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit huldigt und das Zurückdrängen von Weiblichkeit im öffentlichen Raum ganz klar als Ziel preist. Ein Monument, das eigentlich im Widerspruch zu jeglichem feministischen Gedanken stehen müsste. Doch der Aufschrei der Feministinnen blieb aus. Kein Wort der Empörung, kein Wort des Widerstandes oder des Protests erreichte die Öffentlichkeit. Während Frauen im Iran und in anderen Teilen der Welt ihr Leben dafür riskieren, um ihre Weiblichkeit und ihr Frausein im öffentlichen Raum zeigen zu dürfen, steht mitten in Europa eine Statue, die genau das Gegenteil davon würdigt. Und plötzlich, siehe da, sind hier Frauen, die ein Kopftuch tragen müssen, ausnahmsweise keine Opfer mehr. Denn gerade in Europa wird das Kopftuch schon lange entgegen jeglicher wissenschaftlichen Expertise als Zeichen weiblicher Selbstbestimmung vermarktet – ungeachtet des-sen, dass es in Wahrheit in völligem Gegensatz dazu steht. Das Tragen des Kopftuchs als feministischer Akt, während Frauen, die freiwillig zu Hause bei ihren Kindern bleiben, als Opfer des Patriarchats dargestellt werden – so definiert sich Feminismus paradoxerweise heutzutage.

Gleichzeitig tauchen in vielen europäischen Städten immer wieder neue Bedrohungen für Frauen auf. Durch die starke Zuwanderung der letzten Jahre aus hauptsächlich muslimisch geprägten Ländern halten plötzlich patriarchale Wertvorstellungen auf unserem Kontinent Einzug, die in Europa eigentlich schon lange hinter uns liegen sollten. Auf einmal gibt es an Schulen in Österreich wieder Debatten über die Kleidung von jungen Frauen und Mädchen. Auf der Straße müssen sich Mädchen plötzlich vor selbst ernannten „muslimischen Sittenwächtern“ für ihr Aussehen rechtfertigen und Angst vor tätlichen Übergriffen haben.⁠4

In Deutschland erschütterte der Fall einer Gesamtschule in Neuss die Öffentlichkeit, als Sittenwächter vor Ort strenge islamische Regeln durchsetzen wollten und damit auch muslimische Kleidervorschriften für Mädchen. Bei Verstößen wollte man sogar Steinigungen durchführen.⁠5 Schon vor Jahren erreichten uns Berichte aus Großbritannien über eine Bande von Islamisten, die unter dem Namen „Muslim Patrol“ bei nächtlichen Streifzügen durch London Passantinnen belästigten und beschimpften und versuchten, Scharia-Gesetze durchzusetzen.⁠6 Auch zu diesen Vorfällen hört man seit Jahren kaum ein Wort von den sonst so lauten Feministinnen. Unter dem Deckmantel falscher Toleranz wird da weiter konsequent alles totgeschwiegen oder ignoriert, das nicht in das eigene Weltbild passt. Diejenigen, die sich trauen, derartige Entwicklungen zu hinterfragen, werden schnell in ein reaktionäres oder rechtsextremes Eck gestellt – auch von jenen, die sich immer an die Fahnen heften, für die Rechte von Frauen einzutreten. Doch in solchen Fällen scheint der Kampf für die Selbstbestimmung der Frau plötzlich sehr schnell aufgegeben zu werden. Zu groß ist offenbar die Angst, der eigenen Identitätspolitik auf die Füße zu treten. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind allerdings am Ende wiederum Frauen.

Dabei müsste man meinen, dass wir derartiges in einem aufgeklärten Europa nie wieder zulassen würden. Der Schutz von Menschen- und damit natürlich auch von Frauenrechten ist etwas, was wir nur zu gerne als einen zentralen moralischen Grundpfeiler unseres Kontinents zur Schau tragen. Nur allzu gerne inszenieren wir uns damit anderen Teilen der Welt gegenüber als untadelige Hüter der Moral. Doch gerade bei den entscheidenden Fragen versagen wir offensichtlich – und damit in erster Linie natürlich auch der moderne Feminismus. Was ist denn die Antwort dieses Feminismus auf Männer aus migrantischen Communitys, die unsere erkämpften Rechte für Frauen mit Füßen treten? Wo setzt dieser Feminismus Grenzen, wenn junge muslimische Männer Mädchen und junge Frauen bespucken, beschimpfen und verprügeln, weil ihnen ihr Aussehen nicht gefällt? Wann kämpft dieser Feminismus endlich gegen die Verhüllung von Mädchen auf unseren Straßen? Der Mainstream-Feminismus liefert auf diese Fragen schon lange keine Antworten mehr. Zum Teil verteidigt er diese Entwicklungen sogar noch und konzentriert sich lieber auf grotesk anmutende Diskussionen zur Enttabuisierung der weiblichen Periode. Es sind jedoch genau diese Scheindebatten, die Frauen in Europa und darüber hinaus am Ende Kopf und Kragen kosten werden.

Neben der Stilisierung der Frau zum universellen Opfer gibt es noch einen zweiten Aspekt, der diesen angeblich so fortschrittlichen Feminismus so auszeichnet wie kaum ein anderer. Unter dem Schlagwort „Dekonstruktion“ des Geschlechts wird seit geraumer Zeit die Abschaffung der biologischen Geschlechter von Mann und Frau vorangetrieben und dabei fälschlicherweise als große Errungenschaft des Feminismus verkauft. Dabei bedeutet die Dekonstruktion der Weiblichkeit, die von vielen Aktivistinnen seit Jahren propagiert wird, nichts anderes als die Zerstörung eben jener. Plötzlich kann jeder eine Frau sein. Jeder Mann kann sich als Frau definieren. Alles, was Frauen zu dem macht, was sie sind, was sie biologisch gesehen sogar zum stärkeren Geschlecht macht,⁠7 ist plötzlich austauschbar und etwas, was heutzutage jedes männliche Wesen für sich proklamieren kann. Auf einmal ist Weiblichkeit nichts Heroisches, Beschützenswertes oder Bedeutendes mehr – so wie es die erste Welle der Frauenbewegung über Jahrzehnte zu erstreiten versuchte –, sondern etwas, was im wahrsten Sinne des Wortes aufgelöst werden muss. Denn würden wir der Weiblichkeit zugestehen, dass sie sich klar abgrenzen und definieren darf, müsste das ebenso für die Männlichkeit gelten – und das will offenbar keine dieser Feministinnen der männlichen Welt zugestehen.

Somit erleben wir immer öfter, wie das Frausein in unserem Kulturkreis zu etwas wird, das man per Selbstdefinition wählen kann, das man ablegen oder sogar etwas, das man von Grund auf ablehnen sollte. Geschlecht, seine Pronomen und alle seine Zuschreibungen stellen heutzutage für einige wenige nicht nur etwas Negatives dar. Weiblichkeit und das Privileg, eine Frau zu sein, werden plötzlich sogar als eine Art Hülle inszeniert, die sich jeder kurzfristig und nach Lust und Laune zulegen kann. Fast wie ein Outfit, das man sich überwirft, kurz bevor man das Haus verlässt. Ich selbst saß in den vergangenen Jahren in Dutzenden Diskussionen, in denen das Gegenüber genau diese Entwicklung als besonders fortschrittlich und progressiv darstellen wollte. Dabei offenbart diese Ideologie bei näherer Betrachtung, wie fundamental sie allem widerspricht, wofür die Frauenbewegung früher einmal stand. Meiner Meinung nach sollte das Frausein nichts sein, was derart ins Lächerliche gezogen wird oder was jeder Mann einfach für sich proklamieren kann. Doch in Deutschland ist es mittlerweile sogar für jeden möglich, sein Geschlecht einmal im Jahr am Standesamt ändern zu lassen. Dabei muss nicht einmal ein Gutachten vorgelegt werden. Eine mündliche Angabe der Änderungen reicht völlig aus. Ob es der Wohnsitz ist, den man ändern lassen möchte, oder das eigene Geschlecht inklusive Vornamen – in Deutschland gibt es da keinen Unterschied mehr.⁠8

Die dahinterstehende Ideologie bestimmt aber nicht einfach nur, wie mit Geschlechtseintragungen im Pass umzugehen ist. In fast allen Bereichen des Lebens müssen Frauen neuerdings wieder um ihre Sichtbarkeit kämpfen. So auch im Sport, wie bei den Olympischen Spielen im Sommer 2024 auf bedauernswerte Art und Weise unter Beweis gestellt wurde. Mit Imane Khelif gewann dort eine Sportlerin Gold beim olympischen Frauenboxen, die, biologisch gesehen, ein Mann ist und die mit ihrer deutlich sichtbaren männlichen und somit physisch überlegenen Statur Frauen vor der versammelten Weltöffentlichkeit im Fernsehen verprügelte.⁠9 Die Empörung vieler Zuseher war zu Recht groß, doch das Schweigen der Feministinnen währenddessen ohrenbetäubend. Gerade als jene betroffenen Frauen sie am dringendsten gebraucht hätten, schienen sich all die selbst ernannten Feministinnen plötzlich nicht mehr für den Schutz von Frauen zu interessieren. Schlimmer noch, manche von ihnen gaben dem Ganzen auch noch ihren Segen. Wenn jemand wie Imane Khelif sich als Frau definiere, dann habe sie wohl auch das Recht, in dieser Disziplin anzutreten. Selbst der Protest anderer Sportlerinnen, die sich dem Kampf mit Khelif stellten, verhallte unbeantwortet.⁠10

Was würden wohl die früheren großen Pionierinnen der Frauenbewegung dazu sagen, wenn sie wüssten, dass der moderne Feminismus genau dazu heute anhält? Dass Männer Frauen scheinbar vollkommen unwidersprochen ihre Unversehrtheit, ihre sportlichen Erfolge und ihren Raum in der Öffentlichkeit rauben? Soll das etwa alles sein, was nach rund 200 Jahren Feminismus überbleibt?

Autorinnen wie Sophia Fritz offenbaren in ihren Texten sehr deutlich, worum es ihnen dabei geht. So spricht Fritz davon, dass Emanzipation „die Befreiung von Weiblichkeit als patriarchaler Wunschvorstellung“⁠11 sei. Weiblichkeit ist also für einige wenige nicht mehr en vogue, sondern nur noch eine als widerlich empfundene sexistische Männerfantasie, die der Vereinheitlichung der Geschlechter und damit der Gleichheit aller Individuen hinderlich ist. Und alle, die es wagen, die dahinterstehende Ideologie zu hinterfragen, bekommen da schnell ihr Fett ab. Gegner dieser ausgerufenen Gleichheit seien nämlich alle „Sexisten und Rassisten“, schreibt die österreichische Philosophin und Feministin Lisz Hirn.⁠12 Das sind vermutlich noch die harmlosesten Zuschreibungen, mit denen man in solchen Auseinandersetzungen zu rechnen hat.

Dabei sollte uns allen eines klar sein: Eine Frauenrechtsbewegung, die nicht den Schutz, die Sicherheit und die körperliche Unversehrtheit der Frau als unbestritten höchstes Gut verteidigt, hat keine Existenzberechtigung mehr. Frauenrechtsaktivistinnen, die nicht dafür eintreten, dass Frauen ihren Raum in der Öffentlichkeit behalten dürfen, sind keine. Ein solcher angeblicher Feminismus ist letzten Endes nur mehr Fake. Und stellt im Grunde nicht mehr als eine Ideologie dar, die sich in Errungenschaften anderer sonnt und ihre Daseinsberechtigung aus einem Etikett ableitet, das sie schon längst untergraben hat. Diese offensichtliche Ideologie hat die Weiblichkeit schon lange verraten und gegen etwas anderes eingetauscht. Anstatt für die Rechte der Frauen wird da heutzutage nur noch für die eigene Selbstgefälligkeit gekämpft.

Frauen, egal, ob in Europa oder anderswo auf der Welt, haben sich etwas Besseres als diesen hohlen und hochmütigen Fake Feminismus verdient.

So wie im 19. Jahrhundert die „Frauenfrage“ in weiten Teilen Europas zu Beginn der Frauenbewegung breit erörtert wurde, müssen auch wir die Situation von Frauen vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen neu diskutieren.⁠13 Dazu soll dieses Buch einen Beitrag leisten. Wir müssen dafür nicht nur hinter die glatt geschliffenen Worthülsen dieses modernen Feminismus blicken, sondern uns auch der ungeschönten und brutalen Realität stellen und uns ansehen, wo diese Form der Frauenrechtsbewegung in den vergangenen Jahren immer wieder versagt hat. Erinnern wir uns zum Beispiel an die furchtbaren Grausamkeiten, die israelischen Frauen im Rahmen des Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023 angetan wurden, und die mangelnde Bereitschaft linker Frauenrechtsaktivistinnen, dies bis heute klar zu verurteilen. So grotesk es auch ist, das überhaupt betonen zu müssen: Kein Feminismus darf so etwas dulden. Kein Feminismus darf hier schweigen. Auch die Frauenrechtsorganisation UN Women schwieg monatelang zu den grauenvollen Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Hinrichtungen israelischer Frauen, die traurigerweise auch noch in einer Reihe von Videos festgehalten wurden.⁠14 Ein tragischer Verrat an den Errungenschaften der früheren Frauenrechtsbewegung.

Doch dieses Verhalten zeigt uns vor allem eines – welch paradoxes und fatales Wertesystem diesem modernen Feminismus zugrunde liegt. Und während manche lieber die Weiblichkeit dekonstruieren, tun wir dies in den folgenden Kapiteln mit diesem angeblich modernen Feminismus. Nur wenn wir gemeinsam erkennen, wie folgenschwer dieses Ungleichgewicht und diese gefährliche Ideologisierung ist, können wir zu dem übergehen, was es so dringend braucht. Denn in erster Linie soll dieses Buch eines sein: ein Aufruf zum Widerstand, um sich diesen Entwicklungen nicht mehr stillschweigend zu beugen. Nicht nur jede Frau, sondern wir als Gesellschaft, müssen unsere eigene Stimme wiederfinden und entschlossen dafür kämpfen, wofür der Feminismus eigentlich stehen sollte. Das Dasein als Frau und die Verteidigung dessen in allen Bereichen muss wieder die Wertigkeit erlangen, die es braucht und die sich Frauen auch verdient haben.

Und das ist mit Sicherheit keine Frage von politischer Gesinnung oder von links und rechts. Dass Frauen sicher und frei leben und ihren Alltag so gestalten können, wie sie möchten, sollte nicht mehr länger ein Thema sein, das nur von einer politischen Seite aus betrachtet und angesprochen werden darf. Und schon gar nicht dürfen wir zulassen, dass einzelne Akteure diese Selbstbestimmung durch die Hintertür wieder untergraben. Pseudowissenschaftliches Geschwafel über toxische Männlichkeit, Proklamationen irgendeiner fahlen Tole-ranz und Dekonstruktion biologischer Gegebenheiten – das alles führt uns nicht dorthin, wo wir schon längst als Gesellschaft sein sollten.

Anstatt also Seminare mit der Frage zu füllen, wie feministisch jede Einzelne von uns ist, sollten wir uns eher mit der Frage auseinandersetzen, warum es manchen so schwerfällt, Frauen nicht als politische Schwungmasse in ihrer eigenen Weltanschauung zu missbrauchen. Und auch warum es manche offensichtlich nicht ertragen können, wenn ihnen dann dafür auch ein entsprechender Spiegel vorgehalten wird. Letzten Endes ist jeder von uns angehalten, sich zu entscheiden, auf welcher Seite dieser Entwicklung er sich wiederfinden möchte. Wollen wir weiter still den Geschichten und selbstverliebten Gedankenspinnereien dieser angeblichen Feministinnen lauschen und die damit zusammenhängenden Folgen noch länger ignorieren? Oder stehen wir auf und treten gegen dieses augenscheinlich entgleiste Weltbild an? Ich für meinen Teil habe mich da schon längst entschieden. Ich möchte bestimmt keine Vertreterin eines solchen Fake Feminismus sein. Und genau aus diesem Grund muss und werde ich auch weiter dagegen aufbegehren.

EINS

DIE MODERNE FRAUENFRAGE

Als im Oktober 1485 sieben Frauen in Innsbruck der Prozess gemacht wurde, handelte es sich um den ersten Hexenprozess, der auf österreichischem Boden stattfinden sollte. Richter in diesem denkwürdigen Prozess war der berüchtigte Inquisitor und Dominikanermönch Heinrich Kramer, der heute als einer der ersten „Hexenjäger“ gilt und der mit seinen grausamen Vorstellungen über den Umgang mit Weiblichkeit und Frausein in die Geschichte einging.⁠1 Kramer glaubte, dass „Hexen“ Teufelsanbeterinnen wären, die nicht nur ihr Leben Satan widmeten, sondern deren Lebensinhalt auch darin bestünde, Menschen und Tiere zu töten und andere Leute zu verfluchen. Seiner Meinung nach hassten Hexen – also Frauen – in erster Linie Männer und verstanden es als ihre vorrangige Aufgabe, eben jene mit böser Absicht zu täuschen.⁠2 Die erste Angeklagte, die Kramer in Innsbruck zur Strecke bringen wollte, war Helena Scheuberin – eine junge Frau, die mit einem Kaufmann verheiratet war. Helena Scheuberin führte laut Überlieferung ein nahezu vorbildliches Leben. Es gab nur wenige Dinge, die ihr in dieser Hinsicht zum Verhängnis werden konnten. Doch vor ihrer Hochzeit hatte Helena scheinbar noch einen anderen Verehrer als ihren Ehemann gehabt. Angeblich soll es sich dabei um den Koch des Erzherzogs gehandelt haben. Nachdem Helena ihren Verehrer jedoch abwies, heiratete der enttäuschte Galan zwar daraufhin eine andere Frau, doch gemeinsam mit ihr bezichtigte er einige Jahre später Helena als eine der ersten Frauen in der Gemeinde der Hexerei. Ein Vorwurf, der für Heinrich Kramer wie gerufen kam.

Helena Scheuberin war ihm als Frau bereits vorher negativ aufgefallen. Schon bei seiner Ankunft in Innsbruck äußerte sich Helena negativ über Kramer, sie soll ihm sogar vor die Füße gespuckt haben. Helena hielt nichts von der „Hexenjagd“, sie bezweifelte die fragwürdigen theologischen Begründungen dahinter und konnte somit der Ankunft des Inquisitors nichts abgewinnen. Als Kramer, gekränkt durch Helenas sofortige abweisende Reaktion, daraufhin begann, sich über sie zu erkundigen, fand er schnell einige Zeugen, die bereit waren, sie der „Hexerei“ zu beschuldigen. Neben ihrem ehemaligen Verehrer gab es auch noch einen Ritter, der in der Vergangenheit angeblich mehr Nähe zu ihr gesucht hatte. Als Helena auch ihn abwies, war er nicht nur am Boden zerstört, sondern verstarb kurze Zeit später. Seine Familie machte schlussendlich Helena für seinen plötzlichen Tod verantwortlich.⁠3

Kramer warf Helena daraufhin vor, Dutzende Liebhaber gehabt zu haben, hinterhältig zu sein und Männer gezielt verflucht und verzaubert zu haben. Neben Helena fand Kramer auch noch andere Innsbruckerinnen, die er ähnlicher Vergehen beschuldigte. Alle Frauen hatten seinen offensichtlichen Vorstellungen in irgendeiner Form widersprochen und mussten nun einen hohen Preis dafür bezahlen. Schlussendlich konnte er mit Ende seiner Untersuchungen in Innsbruck 63 Beschuldigte ver-zeichnen, von denen er sieben offiziell anklagte. Einundsechzig Beschuldigte waren Frauen, nur zwei davon waren Männer. Angeklagt wurden letztendlich natürlich ausschließlich Frauen.⁠4 Als Helena am 29. Oktober 1485 tatsächlich der Prozess gemacht wurde, plädierte sie auf unschuldig. Trotz der unangenehmen und drängenden Fragen und der offensichtlich für sie herabwürdigenden Situation widersprach sie Kramer in seiner Befragung vehement und ließ sich nicht von ihm einschüchtern. Darüber hinaus hatte sie schon vorab eine weise Entscheidung getroffen, die ihr das Leben retten sollte: Helena hatte sich einen Anwalt organisiert. Sie wurde von einem Spezialisten für Kirchenrecht vertreten, der Heinrichs Anklage zerpflückte, ihm vorwarf, dem Gesetz zuwiderzuhandeln, und den anwesenden Bischof sogar aufforderte, statt Helena und ihre Mitangeklagten den Inquisitor in Gewahrsam zu nehmen. Kramer wurde schließlich im Laufe des Prozesses selbst des Amtsmissbrauchs bezichtigt.⁠5 Schlussendlich wurde der Prozess beendet, und alle Frauen wurden freigesprochen.⁠6

Warum der zuständige Bischof und der Erzherzog dann doch so schnell das Vertrauen in Heinrich Kramer verloren hatten, lässt sich aus heutiger Sicht wohl nicht mehr eindeutig sagen.⁠7 Es war in jedem Fall auch der Mut der Frauen – allen voran Helenas –, die unter Androhung von Folter und Hinrichtung nicht dazu bereit waren, ihre angeblichen Sünden zu bekennen, und sich wehrten, indem sie einen renommierten Anwalt engagierten, der sie vor Schlimmerem bewahrte. Heinrich Kramer konnte seine in Innsbruck erlittene Schmach jedoch nicht so einfach überwinden. Infolge dieses Prozesses ging er für einige Zeit nach Deutschland, wo er eines der ersten dämonologischen Lehrbücher, den berüchtigten „Hexenhammer“, oder auch „Malleus Maleficarum“ genannt, verfasste. Dieses unheilvolle Buch sollte später zum „Standardwerk“ für „Hexenjäger“ werden, in dem es Tipps gab, wie Frauen befragt und gefoltert werden sollen, um ihnen falsche Geständnisse zu entlocken.⁠8 All diese Grausamkeiten erfolgten nur, weil Frauen angeblich „in allen Kräften der Seele wie des Körpers mangelhaft“ waren. Weiter sei „eine boshafte Frau sündhafter als der Mann, von Natur aus lügnerisch und wolle nicht geführt werden.“⁠9

Der „Hexenhammer“ wollte in seiner perfiden Argumentation den Beweis dafür liefern, dass Frauen und „Hexerei“ zweifelsfrei miteinander verknüpft seien. Helenas Sieg führte dazu, dass Heinrich Kramer davon überzeugt war, dass ein fairer Gerichtsprozess bei „Hexerei“ nicht angebracht sei, sondern dass man die verdächtigen Frauen sofort foltern müsse, um ihnen mögliche Geständnisse zu entlocken. Auch wenn Heinrich Kramer nicht der einzige Dämonologe war, so war sein Werk doch ein Grundstein und damit auch Vorbild für die Hexenverfolgung der kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte. Tausende andere Frauen wurden auf Basis dessen später der „Hexerei“ bezichtigt und mussten nach oft qualvollen Torturen ihr Leben am Scheiterhaufen lassen.

Heinrich Kramer hörte mit seiner Jagd nicht auf, sondern klagte als Ermittler ab 1474 Hexen in Deutschland, Böhmen und Mähren an.⁠10 ⁠11 Auch wenn Helena Scheuberin sich und ihre Mitinhaftierten retten konnte, so stellt ihre Geschichte traurigerweise dennoch den Beginn einer Reihe von unfassbaren Grausamkeiten gegenüber Frauen in Europa dar.

In den folgenden Jahrhunderten sollte es zu Tausenden von „Hexenprozessen“ und in ihrem Gefolge zu Hinrichtungen kommen – die alle im Grunde eine Ursache hatten: Im Zentrum standen meist Frauen, die von Menschen in ihrer Umgebung aus den verschiedensten Gründen denunziert wurden – die Vorwürfe reichten von „Wetterzauber“ bis zur „Teufelsbuhlschaft“, also Sex mit dem Satan. Letztendlich handelte es sich bei etwa 75 bis 90 Prozent der Menschen, die im Rahmen der Hexenverfolgung zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert zu Opfern wurden, um Frauen. Nur in sehr wenigen Fällen wurden Männer der „Hexerei“ angeklagt. Dahinter stand die damals weit verbreitete Annahme, dass böse Magie etwas sei, was unbedingt mit Weiblichkeit in Verbindung stehe. Im überwiegend christlichen Europa hatte sich der Glaube verbreitet, dass bereits Eva durch ihren Verrat mit der Schlange dem Satan erlegen sei und Adam damit zur Sünde verführt hätte. Und genau das würden Frauen also seither mit allen Männern machen. Frauen seien daher in der Regel alle gefährlich und unberechenbar.⁠12 Heute geht man in ganz Europa von etwa 60.000 Opfern aus, die bei Hinrichtungen infolge dieses offen frauenfeindlichen Weltbildes ums Leben kamen.⁠13

Zweifelsohne handelt es sich dabei um einen dunklen Aspekt in der Geschichte Europas, der zeigt, wie meilenweit entfernt die frühneuzeitliche Gesellschaft von jeder Form der Frauenrechtsbewegung war. Dass eine Frau sich wie Helena Scheuberin in so einem Prozess überhaupt zur Wehr setzen konnte, war mit Sicherheit die Ausnahme und nicht die Regel. Frauen waren damals in vielen Fällen diversen Mythen und absurden Vorstellungen ihrem Geschlecht gegenüber hilflos ausgeliefert. Theologen wie Thomas von Aquin, aber auch der Reformator Martin Luther trugen dazu wesentlich bei. Überraschenderweise war es schließlich eine Frau, die dem schrecklichen Spuk – zumindest in Österreich – ein Ende bereitete. Kaiserin Maria Theresia beschloss ab 1740 schrittweise für ihre habsburgischen Länder ein Verbot der Hexenverfolgung.⁠14

Als die ersten Hexenprozesse begannen, sah die Welt noch völlig anders aus. Auch die Aufklärung, die uns dazu brachte, einige bis dato sakrosankte Annahmen zu hinterfragen, sollte erst einige hundert Jahre später ihren Lauf nehmen. Heute verstehen wir die Welt in weiten Teilen völlig anders – zumindest beanspruchen wir das in Europa sehr gerne für uns. Doch der moderne Feminismus, der eigentlich für sich definiert, die Stimme der Frauen zu sein, um nach wie vor gegen solche falschen Erzählungen und Märchen gegenüber Frauen aufzutreten, versagt seit einigen Jahrzehnten in einer Reihe von Fällen völlig. Das hat aus meiner Sicht mehrere Gründe.