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Peter Larsen ist Kriegsreporter. Einer von denen, die hingehen, wo es weh tut: dicht dran an Flüchtlingen, Kriegsopfern und Katastrophen, unerschrocken im Gespräch mit Warlords und Schleusern. Mit Bild und Ton, live und online. Nur: Alles ist Fake. Die syrischen Flüchtlinge sind afghanische Asylbewerber, der Seelenverkäufer ein Fischerboot in Brandenburg, der Rest aus dem Internet zusammengeschnitten – Hauptsache, es entspricht den Erwartungen, dann geht alles durch. Peter Larsen ist feige, und er weiß das, aber seine Masche funktioniert. Selbst schuld, wer das glaubt. Und schließlich steht er ja auf der richtigen Seite, für die Freiheit, gegen den Krieg, gegen Assad – der Zweck heiligt die Mittel. Als die bildschöne Cousine seines Kumpels und Komplizen Ahmad in Syrien Hilfe braucht, sieht Larsen die Gelegenheit, mit sich ins Reine zu kommen. Doch Leila kann sich keine Moral leisten, sie steht auf der anderen Seite, und Larsen wird erpresst: Entweder berichtet er von nun an zugunsten des Assad-Regimes, oder sein jahrelanger Betrug fliegt auf … Sven Recker, selbst Entwicklungshelfer für den Aufbau unabhängiger Medien in Krisenregionen, hat einen schwarzen Roman über Fake News, korrupte Journalisten und die Leichtgläubigkeit des Publikums geschrieben. Inspiriert von Fällen wie dem des "Fake-Kriegsfotografen" Eduardo Martins schreibt er packend und desillusionierend über die Wahrheit im Zeitalter ihrer technischen Produzierbarkeit.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sven Recker
Roman
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a · D - 22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten · © Edition Nautilus GmbH 2018
Originalveröffentlichung · Erstausgabe März 2018
Umschlaggestaltung: Maja Bechert, www.majabechert.de
ePub ISBN 978-3-96054-067-0
EINS
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
ZWEI
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
DREI
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
VIER
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Sieh Dir die offene Wunde genau an,und du kannst die Vergangenheit lesen,schau noch genauer hinund du siehst die Zukunft.
Stanley Greene
Als alles noch vor ihm lag und Larsen von dem Leben, das er mal führen wollte, noch träumte, kam nur das Gute für ihn infrage, sonst nichts. Peter, sagte seine Mutter, du kannst gut mit Menschen. Und du erzählst gerne Geschichten. Beides war falsch. Larsen saugte die Projektion dennoch dankbar auf.
Musste ja weitergehen, so wie es auch mit Larsen immer weiterging auf seinem Weg nach oben oder was so einer wie er eben unter oben versteht. Er kam dort an, dann stürzte er ab oder stieg noch weiter auf, je nachdem, von wo aus man die Sache betrachtet. Larsen war ein gewöhnliches Kind.
Braune Haare, braune Augen, nicht dick, nicht dünn, nicht groß, nicht klein, in allem mittelmäßig begabt, guter Durchschnitt, aber seit jeher mit einem Talent zum Blenden gesegnet, das ihn weit bringen sollte.
Lauf Larsen, lauf! Mehr Angst, Larsen lauf, zieh den Kopf ein, lauf, es sterben Menschen, echte Menschen, renn Larsen, es geht um das Leben. Einschusslöcher, Nahaufnahme, Zoom, Larsen, bieg um die Ecke, es muss knallen, es knallt, Larsen, stolpere, ja, stolpern ist gut, Blut, wo ist das Blut?, es muss doch bluten, Schussweste, Larsen, du hast die Schussweste vergessen, oh Mann, so wird das doch nichts, bleib stehen, Larsen, sag mal was, außer Atem, genau, sag: es ist Krieg, schnauf den Namen der Stadt, aber nur kurz, klemm den Kopf zwischen die Schultern und jetzt rein in die Ruine, in der Ecke eine Matratze zwischen Geröll, in die Ecke kauern, wirrer Blick, Larsen, so ist es gut. Larsen, runde Brillengläser, die Bügel mit Pflaster notdürftig geklebt, ein gutes Detail, macht glaubwürdig wie das verdreckte Hemd, auch verschwitzt, und Ahmad, der heißt wirklich so, warum auch nicht?, Larsen heißt schließlich auch Peter, ruft: CUT!
Eigentlich müssten sie bald kommen. Larsen läuft durch die Straßen, schaut in die Gesichter der anderen, aufreizend, starrt, glotzt in Augen, die sich reflexartig senken.
Ihr Waschlappen!
Peter Larsen betritt den Supermarkt, frisch gewaschen, die Haare gekämmt, schwarze, dicke Brille aus Horn, gebügelte Hose, Khaki, Hemd weiß, oberster Knopf geschlossen, Larsen ist intellektuell, das wünscht er sich, aber er sieht nur so aus. Na und? Der Schein mag trügen, aber er scheint. Wenn du im Graben liegst und nicht mehr kannst, nur mal angenommen, du bist zerrissen und verwahrlost, wer hilft dir dann auf? Keiner! Klar, trägst du Anzug, Krawatte vielleicht, da kommen sie alle und reichen die Hand.
Larsen schiebt den Einkaufswagen, akkurat, stramm, beide Hände am Griff, nimmt Wein, nur den guten, Fleisch nur Filet, Rind schon lange nur noch, saufen tun sie, aber Schwein isst noch keiner. Also Hauptsache Bio, Larsen fährt zurück, hat das Gemüse vergessen, legt Fenchel in den Wagen, das hat er gelernt, Fenchel, dünn geschnitten, gesalzen, gepfeffert, in Olivenöl mariniert, Ahmad sagt, sein Onkel, der mache das so.
Peter, pass auf dich auf!, war das Letzte, was Larsen von zu Hause gehört hat. Seine Mutter weiß nichts, hat keine Ahnung, ihr Peter, denkt sie, ist in Gefahr, es tut ihm leid, aber nach der ersten Flasche am Abend dreht sich alles weiter, ist ihm alles egal. Im Rückgrat muss es zucken, dann ist es gut.
Drei Monate ist es jetzt her, da hat er Abschied gefeiert, es kamen alle: Mach es gut, Larsen! Und Larsen macht es gut, das kann man so sagen, die Kasse klingelt, der Rubel rollt, Larsen bezahlt, natürlich in bar, keine Spuren hinterlassen, geht klar und zu Hause hängt Ahmad vor dem Rechner, freut sich: Ah, food!
Morgen kommen die Neuen, wird langsam auch Zeit, vor der Tür vollgetankt der Kleinbus im Halteverbot, macht ja nix, hinter der Windschutzscheibe der Aufkleber: PRESS.
Das Thuraya klingelt und Larsen geht erst mal nicht ran. Er schreibt die Nummer ab, tippt eine Erinnerung ins Handy, prepaid natürlich, der Verbindungsmann schläft sicher noch. Warum ihn nicht wecken? Larsen ruft an.
Wir kommen in drei Stunden, geht alles klar?
Ja, fahrt schon mal los.
Larsen ab zum Auffanglager, Ahmad steigt aus. Larsen stellt den Rückspiegel ein, sieht seinen Bart, graue Strähnen, das macht sich ganz gut, zündet sich eine Zigarette an, die zweite schon, setzt die Sonnenbrille auf, wartet. Es dauert nicht lange, die Schiebetür hinten geht auf.
No Syrians, sagt Ahmad.
Scheiße, sagt Larsen, was dann?
Only Afghans, sagt Ahmad.
Larsen schaut in den Rückspiegel, sieht fünf Männer im Fond.
Larsen: Say allahu akbar!
Die Männer: Allahu akbar!
Geht doch!, sagt Larsen und gibt Gas.
Vor dem Tor des Asylantenheims zwei Demos. Eine dafür, eine dagegen, Armageddon für Anfänger. Larsen muss hupen, sonst kommt er nicht durch, die Masse teilt sich. Larsen schiebt die Mütze ins Gesicht, das Wetter ist bewölkt, im Radio sagen sie: Es lockert noch auf. Hoffentlich, denkt Larsen, sonst wird das heut nichts. Das Thuraya klingelt. Schon wieder.
Showtime!, sagt Larsen, drückt Ahmad das Satellitentelefon in die Hand.
Ahmad hält das Thuraya direkt vor den Mund, brüllt auf Arabisch, reibt das Telefon am Pullover, klopft es gegen das Armaturenbrett, brüllt wieder, dann legt er auf.
Well done, Ahmad!
Hinten lachen die Afghanen, und weil Larsen sich immer gut kümmert, soll keiner sagen, er lasse sich lumpen, fährt er beim nächsten Türken rechts ran: Simit for all!
Er kommt zurück, drei rote Tüten aus Plastik, ein Sesamring, schon angebissen, im Mund. Cola, Bananen, Wasser, Marlboros satt. Enjoy, sagt Larsen, und bevor alle essen, wird erst mal geraucht, sie stehen sowieso im Stau und wenn sie fahren, dann im zähfließenden Verkehr. Die Afghanen schauen durch die verdunkelten Scheiben des Vans. This is Hauptbahnhof, sagt Larsen, this is Fernsehturm, this is Potsdamer Platz. Larsen kennt sich ja aus, gibt den Fremdenführer, man muss den Leuten schließlich was bieten, so viel Gastfreundschaft muss schon sein.
Gemächlich schleicht der Bus aus der Stadt an Schrebergärten mit Deutschlandfahnen, an Schallschutzmauern, an Autohäusern vorbei. Auf dem Beifahrersitz schläft Ahmad Alian, geboren in Sweida, Syrien, Druse, Revoluzzer, Überlebenskünstler, Geschäftsmann, Menschenfreund, wobei die Reihenfolge nichts aussagt. Larsen, würde man ihn fragen, wer Ahmad ist, würde sagen: ein Freund.
Die Straßen werden schlechter, die Landschaft leerer, Felder, Wiesen, Hochspannungsmasten, die Afghanen auf dem Rücksitz sind eingedöst. Larsen fährt langsam, damit sich seine Schauspieler erholen.
So ist es gut, denkt Larsen, es darf uns nur keiner anhalten, sonst fliegen wir auf.
Noch fünf Kilometer, schnurgerade, dann rechts hinter dem Maisfeld geht’s rein. Feldweg, Schlaglöcher. Beim Fahrtraining für Krisenregionen hat Larsen gelernt, im Notfall Gas geben, sonst langsam in kleinen Kurven um jede Vertiefung herum. Larsen schaltet runter, lässt die Kupplung butterweich kommen, trotzdem wachen von dem sanften Geschaukel nach und nach alle auf. Nur noch das kleine Waldstück, dann sind sie da.
Mensch Jürgen, sagt Larsen, auf dich ist Verlass.
Leck mich, sagt Jürgen, es ist scheißekalt.
Jürgen nimmt die Scheine von Larsen, zwei davon grün.
In drei Stunden komm ich zurück.
Larsen legt noch was drauf: Hauptsache, du hast hier gar nichts gesehen.
Am Außenborder, wie immer, Jürgens stummer Protest. Rote Flagge, schwarzes Kreuz mit gelbem Rand. Der rote Wirmer, sagt Larsen, war doch am Ende auch nix als ein Opportunist.
Wer war Wirmer?, fragt Jürgen und macht dann mal los.
Die innere Ausstattung des Menschen, schrieb Larsen, damals, als er noch dachte, er sei Groß-Kommentator, ist für den weltweiten Kampf nur unzureichend geeignet. Und strich den Satz gleich wieder. Nächster Versuch: Geht Freiheit in Grenzen? Auch nix, der Cursor hüpft rückwärts. Die Taktik, schrieb Larsen, wurde im Hinterzimmer festgelegt, und war auf der Stelle mit sich und seinem Anfang versöhnt. Taktik und Hinterzimmer, das ging eigentlich immer. Taktik und Hinterzimmer. Das klingt!
Der große Larsen, der mal wieder mehr weiß als der Rest da draußen. Larsen ganz nah dran an denen da oben, mit Zutritt in die Hinterzimmer, ach was, in die Hinterhöfe der Macht, Larsen deckt auf, Larsen auf du und du mit denen da oben, aber trotzdem mit Bodenhaftung, man kann vieles vergessen, aber nie, wo man herkommt.
Larsen hat hier studiert: Schule des Lebens.
3527 Abonnenten auf Facebook.
18 Tsd. Follower bei Twitter. Larsen erklärte das Große und Ganze, die Welt, Deutschland und was alles zusammenhält, fünf Posts am Tag, mindestens, Tweets dreimal so viel. Larsen an Bord der Regierungsmaschine: 587 Likes. Larsen beim G8: 924 Likes, 596 Retweets. Larsen im Weißen Haus. Larsen, das kann man getrost so sagen, hatte Tuchfühlung, war sozusagen am Puls der Zeit, manchmal hätte man meinen können, also wenn man Larsen wäre, er wäre der Puls der Zeit, erkennbar für alle mit Anschluss in den sozialen Medien, da musste es knallen, aber so richtig, eine Sekunde nur, sein Profilbild ist seine Visitenkarte, 20, ach Quatsch, mindestens 50 Mal hat er es geändert und getestet, ob und wie die Zahl der Follower steigt. Erst hat er staatsmännisch versucht. Header-Bild: Kniefall Willy Brandt. Profilbild: Larsen im Anzug mit Brille. Dann ironisch. Header: Illustration seiner selbst als Teufel. Profilbild: Larsen in Badehose am Strand. Am Ende dann, meister Zuwachs an Followern und Freunden: Larsen groß mit Sturmhelm, natürlich steht dick und fett Presse drauf, dazu eine schusssicherer Weste am Leib, hinter ihm ausgebrannte Autos, als Profil ein Schwarz-Weiß-Bild von Larsen im Anzug, feuilletonistisch angehaucht, damit jeder kapiert: Larsen, Kriegsreporter, aber einer mit Stil.
Der Mythos Larsen wurde in Libyen geboren. Es war alles so einfach. Es wurde geschossen, aber schlimm war es nicht. Es gab wenig zu tun, aber wenn doch, dann ganz viel. Endlich ein historischer Ort. Das Internet kollabierte, der Strom fiel aus, mindestens zehn Mal am Tag, die Nato bombte gegen Gaddafi und im Hotel Rixos, juhuu, Journalisten als Geiseln. Ganz ehrlich, dachte Larsen am Anfang, ein bisschen Angst hab ich schon. Dann kaufte er sich für 400 Dollar eine Kiste Rioja, gab 100 Dollar Trinkgeld und alles war gut. An der Bar unten tummelten sich die Veteranen, tranken Whiskey und Gin, Larsen hatte Ahmad, den Roomboy. Und Ruhe, aber vor allem: Internet als Erster, vor allen andern sendete er die News. Seine Quelle war Ahmad, der kannte sich aus. Am Anfang hatte Larsen Bedenken, eine Quelle, reicht das wohl aus? Er schickte Berichte, er schickte Interviews, die er mit Ahmad führte und im Betreff vermerkte: Interview mit namenlosem Oppositionellen, und wenn er fertig war, rief er über das Haustelefon Ahmad, und die beiden gingen zum Strand. Sie mieteten ein Surfbrett und Ahmad sagte: Sag einfach nichts, dann erkennt dich auch keiner. In der Stadt knallte es, aber das war die Stadt. Und während die Welt dachte, Tripolis explodiert, versteckte Larsen das erste Bier des Tages in einem stinkenden Socken am Strand.
Larsen lässt sich von Ahmad ein Feuerzeug geben, nimmt den Wirmer und zündet ihn an. German tradition, sagt Larsen zu den Afghanen, spendiert Marlboros, dann geht es los. Ahmad verteilt Schwimmwesten, bittet die Afghanen, ihre Schuhe auszuziehen und die Jacken gleich mit. Die Afghanen krempeln die Hosen hoch, wickeln sich ihre Schals ums Gesicht. Larsen nimmt die Kamera, vergisst das Stativ, aber verwackelte Bilder sind sowieso authentischer, kennt man ja von der Tagesschau und erst recht aus dem Netz.
Action, ruft Larsen, und die Afghanen schieben das Boot ins Wasser, einer nach dem andern springt rein. Das Boot wackelt, Wasser läuft rein, einer nimmt das Starterseil, stemmt den Fuß neben den Motor und zieht einmal: Ruck! Der Motor stottert, säuft ab. Das Gleiche noch mal, dann springt er an. Der Treibstoff rußt, es tuckert, erst schlingert das Boot, fängt sich, die Wellen hinter dem Bug malen ein V, Larsen zoomt mit der Kamera vom Ufer aus auf den Mann am Motor.
Scheiße, denkt Larsen, vielleicht war das Palästinenser-Tuch um den Kopf vielleicht doch eines zu viel. Doch morgen schon wird er eine E-Mail bekommen: Danke für Mut und Einsatz, Du bist wirklich nah dran.
Larsen muss aufpassen, dass er den Wald nicht im Bild hat, über dem See leichter Nebel, das macht sich ganz gut. Nach einer Minute verschwinden die Afghanen schemenhaft im Grau. Und dann stechen sie in See, spricht Larsen am Abend ins Mikro, einer besseren Zukunft entgegen, denn alles ist besser als Krieg.
Die Klappe zum Keller geht auf und schließt sich gleich wieder, die Treppe aus Holz, die Stufen steil und eng beieinander. Larsen hat Mühe, die Augen wollen nicht recht, zu stark der Kontrast zum Neonlicht oben, die Kopie eines Cafés nur schlecht versteckt hinter halbhohem Milchglas zur Straße hinaus. Ein paar Tische aus Holz, vereinzelt Stühle aus Plastik, ein gelber Tresen, keine Gäste, das war es auch schon. Tagsüber sitzen oben ein paar Männer, mittelalt, manche mit Schnauzer, manche mit Mütze, lassen Gebetsketten klacken, spielen Karten oder tun nur so als ob. Ein abweisender, gesichtsloser Ort, die perfekte Tarnung, da kennt Larsen sich aus, über ihm die Kellerdecke, abgehängt, sorgfältig mit Schaumstoff gedämmt, verschluckt das Hämmern des Schlagzeugs, das Klirren der Gläser, den Jubel, die Pfiffe, das ganze Gebrüll. Ganz vorne, direkt an der aus Paletten gebauten Bühne, steht Ahmad im Rotlicht, wirft ausgebreitet seine Arme umher, wild angedeutet das Schnipsen der Finger, wenn er sich dreht. In der Ecke fünf Bierkisten links, fünf Bierkisten rechts, darüber ein Gerüstbrett als Tresen, bezahlen muss keiner, nur wenn man will. Larsen steckt 20 Euro in die leere Flasche Asbach, drei Liter waren da mal drin. Larsen schenkt sich Arrak in einen Plastikbecher und öffnet ein Bier, schiebt sich durch die Menge, Richtung Ahmad, den einzigen, den er hier kennt.
Just come, hatte Ahmad gesagt, but do not speak German.
Auf der Bühne eine Frau mit Flöte, lange schwarze Haare im Gesicht, oder ist es ein Mann?, spielt ein Solo, immer schneller, immer höher, wechselt das Tempo, den Rhythmus, der Mann am Bass kommt fast nicht mehr mit. Die Menge tanzt, feuert die Spieler mit rollenden Kehllauten an, Larsen schlängelt sich an ein paar Afrikanern vorbei, legt tanzenden Arabern die Hand auf die Schulter und drückt sie zur Seite, nur so was wie Deutsche, die sieht er nicht. Er könnte sich fremd fühlen, er fühlt sich sehr wohl. Ist das Beirut oder ist das Berlin? Es ist ein Keller, das alleine zählt. Neben der Bühne eine kleine Schlange, daneben in Koffern und Taschen Instrumente, die Larsen nicht kennt. Jeder darf spielen, jeder kommt dran, nur der Schlagzeuger ist gesetzt, damit der Beat immer bleibt, auf der Bühne ein Kommen, niemals ein Gehen, wer will, bleibt oben, begleitet, spielt ein paar Takte zur richtigen Zeit. Was ist Bühne? Was ist Publikum? Es wird alles eins. Larsen steht neben Ahmad, hält seine Hand, sie tanzen, sie trinken, sie schwitzen, irgendjemand kommt immer und hat frisches Bier, nur Waheed, einer der Afghanen von heut Morgen, trinkt Wasser, tanzt, bis er weint.
Magic, ruft Ahmad, just magic.
Larsen dreht sich, müsste er nicht ein schlechtes Gewissen haben? Aber warum? Ahmad, sagt Larsen, ich hol noch mal Bier!
Ui, zwei Buchstaben, für mehr reicht es nicht. Drei Zimmer hat Larsen und alle sind voll. Körper neben Körper auf dem Boden, Auslegeware hat Larsen, immerhin, alle schlafen, haben sich zugedeckt mit Jacken, Zeitungen, Handtüchern und mit Bettbezug ohne Plumeau. Dazwischen Bierflaschen, halbleer, darin schwimmen Kippen, versenkt. Larsen muss mal, kommt nicht hoch, neben ihm Ahmad, schläft, im Arm die Kamera, wie eine Frau. Larsen nimmt sie, stützt sich auf, drückt Play, ein Schwenk über die Leiber. Die Zustände, textet Larsen, werden durch die Kriegshandlungen immer prekärer. Gutes Material, nur die Bierflaschen stören. Neue Einstellung, ohne Flaschen, im Kasten, dann schläft Larsen wieder ein.
Papiere bitte, Fahrzeugkontrolle!
Scheiße, denkt Larsen, jetzt Afghanistan, das wäre gut, Pass raus, 100 Dollar drin und dann nix wie ab. Es läuft nicht gut, dieser dicke Blogger in Braunschweig macht Stress, Scheiß-Analyse von Kriegsvideos, Damaskus ist offline und die Redaktion fragt nach Stoff.
Larsen, wir brauchen was Politisches, muss kein Video sein, gern auch ein Text.
Larsen sollte mal wieder Zeitung lesen, aber das hat er sich abgewöhnt. Was Politisches? Was soll das denn sein? Muss Ahmad fragen, denkt Larsen, kramt in der Tasche, findet den Pass.
Bitte schön, wird immer kälter, nicht wahr?
Wer sind diese Leute?, fragt der Beamte.
Berechtigte Frage, bei dem Job, denkt Larsen, das wüsste ich auch gern. Er sagt:
Moabit hilft, das sagt Ihnen doch was? Sind Flüchtlinge, die müssen zum Arzt, Verdacht auf Scharlach und Läuse, Sie wissen ja schon.
Ich habe nichts gesehen, sagt der Polizist, und machen Sie’s gut. Machen Sie’s besser, sagt Larsen, zwinkert, fährt um den Block und schmeißt alle raus.
Muss nachdenken, denkt Larsen, zündet sich eine an, weil es sich dann besser denkt. Aber Larsen denkt nur Quatsch, was einem eben so durch den Kopf geht, wenn man denkt und versucht die Gedanken zu ordnen. KM-72, hat der Blogger geschrieben, Waffen der Volksarmee im Einsatz in Syrien?
Jürgen, der Depp, was ein Arsch, beim nächsten Mal gibt’s was aufs Maul!
Kann doch nicht so schwer sein, wenn man sich auskennt, aber Larsen, das ist das Problem, hat den Kriegsdienst verweigert, hatte noch nie eine Waffe in der Hand, da ist er konsequent, ein, zwei Prinzipien müssen schon sein, auch wenn er sonst keine hat. Larsen glaubt, er wär Pazifist, in Wahrheit hat er nur Angst vor dem Hass tief in sich drin. Vor seiner Scheißwut auf alles und jeden, wenn man sein Hirn anschaltet, glaubt Larsen, dann gibt es doch nur Amok, alternativlos und sonst wirklich nichts. Diese Wichser, die sich die Taschen vollstopfen und so tun, als fiele das Elend vom Himmel.
Bist ja selbst so ein Arsch, denkt Larsen, aber Ahmad, denkt Larsen, den bezahle ich gut, der schickt alles nach Hause, was weiß ich, ob sie sich davon Waffen kaufen oder nur Brot. Klar, Brot wär mir lieber, adopt a revolution, gibt’s die überhaupt noch? Auch so ein kriegsromantischer Scheiß, auf dem Armaturenbrett feuchte Allzwecktücher, gibt’s die auch in trocken? Was weiß ich, denkt Larsen, schaut auf die Uhr, schon fünf durch, wär mal Zeit für ein Bier.
Ahmad muss ihm helfen, aber er ist mal wieder nicht da. Andauernd klingelt sein Handy, Ungarn, Italien, Österreich, wie viele Verwandte kann ein Mensch eigentlich haben? Erst gestern hat ein 14-Jähriger hier geschlafen, seine Mutter, eine Cousine von Ahmad, hatte ihn alleine über das Meer geschickt. Bevor Larsen abtauchte, war so was noch eine Geschichte, das ließ sich verkaufen, das wollten alle, wäre ’ne Schlagzeile. Larsen fand sie im Park. Hello my friend, where do you come from?, hörte einfach nur zu.
