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Was Sie schon immer über die neue Transbewegung wissen wollten, sich aber nie zu fragen getraut haben. Hier wird alles erklärt. Menschen mit einer Transidentität sind im Durchschnitt ärmer und haben häufiger Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit. Sie würden von methodologisch hochwertigen Studien zur Geschlechtsinkongruenz, zu gegengeschlechtlichen Hormonen und zur Pflege operativ veränderter Körper profitieren. Doch der Mainstream Transaktivismus beschäftigt sich mit diesen Themen überhaupt nicht. Er verfolgt im Wesentlichen zwei Ziele: dass männliche Personen Zugang zu Frauenräumen erhalten und dass Beschränkungen für gegengeschlechtliche Hormone und geschlechtsangleichende Operationen aufgehoben werden, auf für Minderjährige. "Höchste Zeit, dass "Trans" von Helen Joyce endlich auf Deutsch vorliegt, denn wir brauchen ihre kühle, klare Analyse hier genauso dringend wie in den englischsprachigen Ländern. Besonders gelungen ist das versöhnliche letzte Kapitel, das auch die Rechte der Transmenschen gut vertritt und verteidigt und gute Vorschläge macht, wie diese Rechte geschützt werden können, ohne die Rechte von Frauen, Kindern, Lesben und Schwulen zu verletzen." sagt die BücherFrau des Jahres 2004 Luise F. Pusch "Dieses Buch ist ein überzeugendes, überfälliges Argument für eine kritischere Betrachtung der Self-ID. Selbst diejenigen, die sich über Joyces Positionen empören, würden davon profitieren, sie zu verstehen. Denn wie sie feststellt, schneidet Self-ID in den Umfragen recht schlecht ab, wenn man ihre tatsächlichen Grundsätze ausführlich erläutert." The New York Times
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Seitenzahl: 510
Veröffentlichungsjahr: 2025
Fakten über Transgender
Helen Joyce
Sachbuch
Deutsche Erstausgabe (Printversion): Magas Verlag
E-Book-Ausgabe: Literki Verlag
»Wenn ich mich traue, kraftvoll zu sein, um meine Stärke in den Dienst meiner Vision zu stellen, dann wird es immer unwichtiger, ob ich Angst habe.«
AudreLorde
»Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles weitere.«
George Orwell
VORWORT
Warum soll man dieses Buch lesen, wenn man keine Probleme mit dem eigenen Geschlecht hat?
Weil das Selbstbestimmungsgesetz1 (international SelfID genannt) in Deutschland eingeführt werden soll und kaum jemand weiß, was es damit auf sich hat, geschweige denn, was es beinhaltet. Der aktuelle Entwurf zur geplanten SelfID sieht vor, dass jede Person einmal im Jahr zum Standesamt gehen und sich ohne jegliche medizinische Stellungnahme zu einem beliebigen Geschlecht erklären kann. Wer diese Person weiterhin mit ihrem biologischen Geschlecht anspricht, muss mit einer Strafe von bis zu 10.000 EUR rechnen. Zahlreiche feministische Gruppen, medizinische Fachleute und selbst Transsexuelle2 haben massive Kritik am Referentenentwurf (der im August 2023 vom Bundeskabinett beschlossen wurde) für das Selbstbestimmungsgesetz formuliert.3
Wir leben in einer Welt, die zutiefst frauenfeindlich ist
Wer anderer Meinung ist, darf sich gerne eingehender mit Misogynie4 befassen. Oder mit deutschen Gesetzen: 1966 erklärte der Bundesgerichtshof: »Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.«; als 1997 erstmalig Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat erklärt wurde, stimmten heute noch aktive Politiker wie beispielsweise Friedrich Merz dagegen.5 Oder mit frauenfeindlichen Gewalttaten: Statistisch gesehen versucht in Deutschland jeden Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin umzubringen, jeden dritten Tag gelingt es einem.6 Daher mahnte die UN-Sonderbotschafterin für Gewalt gegen Frauen kürzlich an, das Recht der Frauen auf öffentliche und politische Teilhabe weiterhin zu sichern und gegen die Gewaltexzesse vorzugehen.7 Weil sie sich kritisch zur SelfID äußerte, geriet sie unter Beschuss.8 Wer immer sich nicht nur positiv zur SelfID äußert, wird sofort als transphob und/oder als TERF (trans exclusionary feminist/trans ausschließende Feministin) verurteilt.9 Dieser Begriff ist zu einem der schlimmsten Schimpfwörter für Frauen geworden und es wird an vielen Stellen offen zur Gewalt gegen TERFS aufgerufen.10,11,12,13 Der größte Frauenrechtsverein in Deutschland, Terre des Femmes, wäre am Streit über seine Stellung zur SelfID fast zugrunde gegangen.14 Viele reine Frauenvereine in Deutschland ändern ihre Satzungen, weil ihnen mit dem Verlust der Gemeinnützigkeit gedroht wird, wenn sie nur Frauen (und keine »Personen mit weiblicher Geschlechtsidentität«) aufnehmen?15,16
Was in Deutschland bisher geschah
Nach der Bundestagswahl 2021 kam Markus (Tessa) Ganserer (mit diesem Namen auf dem Wahlzettel) über die Frauenquote der Grünen in den Bundestag. Es folgten Diskussionen17 darüber, ob eine Person, deren Geschlechtseintrag im Personalausweis männlich ist, 18auf einen Frauenplatz in den Bundestag kommen darf. Eine in den sozialen Medien viel beachtete trans Frau spricht sich dagegen aus.19 Anfang 2022 ernannte die Ampelkoalition erstmalig einen Queerbeauftragten der Bundesregierung. Im Bundeshaushalt stehen ihm jährlich 70 Millionen Euro für die Bekämpfung von Queerfeindlichkeit zur Verfügung. (Der Queerbeauftragte bestreitet die biologische Zweigeschlechtlichkeit des Menschen.20) 2015 gründete sich der Bundesverband Trans* e. V., er setzt sich für die Rechte von Trans*Personen ein und lobbyiert für ein Selbstbestimmungsgesetz, seit 2018 hat er insgesamt über 1,2 Millionen Euro erhalten. Dem Verein TransInterQueer e. V. wurden seit 2013 über 500.000 Euro zugewiesen.
Das vom Bundesfamilienministerium BMFSJ aufgebaute Regenbogenportal.de erhielt 2017 bis 2021 rund 1,2 Millionen Euro.21
Anfang 2023 sprach sich die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes für eine Grundgesetzänderung aus, um die »sexuelle Identität« als schützenswertes Merkmal aufzunehmen.22,23 Den Schutz vor Diskriminierung fordern auch Pädophile,24 die mit ihrer Flagge beim Kölner Christopher Street Day 2022 mitliefen25 und sich nun »MAP-minor attracted persons«26 nennen. lm Februar 2023 ging die Meldestelle für Antifeminismus27 an den Start, die vom Bundesfamilienministerium mit 133.000 Euro unterstützt wurde, und die erklärt: »In der Biologie ist schon lange bekannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.« Im Mai 2023 reichten Feministinnen und unabhängige feministische Gruppierungen Stellungnahmen zum Selbstbestimmungsgesetz ein.28
Militante Transaktivisten haben im gleichen Monat einen Anschlag auf das Wohnhaus des derzeitigen Justizministers Marco Buschmann verübt.29,30 Lesben, die sich gegen die Queer-Bewegung aussprechen werden körperlich angegriffen.31
Mit Beginn der Fußball Saison 22/23 entscheidet der DFB, dass Menschen mit dem Personenstand »divers« oder »ohne Angabe« sowie Menschen im Prozess der Geschlechtsangleichung selbst entscheiden können, ob sie im Frauen- oder Männerteam spielen.32 Dass diese Regelung die weiblichen Fußballerinnen benachteiligt, ist bekannt.33
Die kostenlose Elternbroschüre »Wegweiser aus dem Transgenderkult«, eine zusammengefasste Übersetzung des Buchs »Desist, Detrans, Detox. Getting your child out of the Transgender Cult« der amerikanischen Entwicklungspsychologin Maria Keffler (Mitbegründerin von Advocates for children34) wurde im Mai 2023 veröffentlicht und im September als jugendgefährdend indiziert.35 Im gleichen Monat fand ein Fachtag zum Selbstbestimmungsgesetz im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin statt, bei dem sich einige Abgeordnete wunderten, warum im Bundestag nie so ausführlich informiert wurde.36 Der Termin der Verabschiedung des Gesetzes wurde immer wieder verschoben. Bis heute ist es in Deutschland nicht verabschiedet.37
Wie viele Menschen betrifft es eigentlich?
Seit dem 22. Dezember 2018 gibt es in Deutschland die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag »divers« im Personenstandsregister eintragen zulassen,wenndemStandesamteinärztlichesAttest,daseine»Variante der Geschlechtsentwicklung« bescheinigt, vorgelegt wird. Das Bundesverfassungsgericht ging in seinem Intersexualität-Urteil 2017, bei dem die Richter den dritten Geschlechtseintrag im Behördenregister gefordert hatten, noch von bis zu 160.000 Betroffenen aus. Der Ethikrat schätzt, dass in Deutschland etwa 80.000 intergeschlechtliche Menschen leben.Bis2020habenknapp400MenschendieOptiondiversgewählt, 2021 waren es einundsiebzig. Viel häufiger wurde die Änderung des Personenstandsgesetzes genutzt, um den Geschlechtseintrag von »weiblich«zu»männlich«oderumgekehrtzuändern.Daspassierteinsgesamt 1191-mal bis September 2020.38
Die Anzahl an queeren Menschen in Deutschland wird mit 7,3 %39 oder14%40 beziffert. Die Schwierigkeiten bei der Zahlenerhebung liegen auch in der unklaren Definition, so werden alle als queer bezeichnet, die bisexuell, homosexuell, asexuell, polyamourös, nichtbinär, trans oder anders sind (bei einer Umfrage in Österreich haben sich 80 % von 3.500 Studierenden als queer bezeichnet). 2019 haben deutschlandweit fast dreimal so viele Jugendliche unter achtzehn Jahren eine Hormonbehandlung aufgrund von Geschlechtsdysphorie begonnen wie noch fünf Jahre zuvor.
Warum ein Buch aus England?
Das Vereinigte Königreich war 2004 das erste Land der Welt, das mit dem Gesetz zur Anerkennung des Geschlechts (Gender Recognition ActGRA)einegesetzlicheGeschlechtsänderungohnemedizinischeBehandlung erlaubt hat. Zwischen 2000 und 2018 ist die Zahl von TranspersonenimVereinigtenKönigreichumdasFünffachegestiegen.Ihr Anteillagbeiden16 bis17-Jährigenamhöchsten.Beipubertierenden Mädchen verzeichnet man einen Anstieg der Zahlen um 5.000 (sic!) Prozent. England hat die längste Erfahrung mit der gesetzlichen Geschlechtsänderung, die unabhängig von medizinischer Einschätzung ist. Um sich eine Meinung über die Auswirkungen eines SelbstbestimmungsgesetzesinDeutschlandbildenzukönnen,hilftes,einmalaufdie Insel zu schauen. Helen Joyce beschreibt die Entwicklungen dort und in den USA. Und sie liefert eine umfassende Einbettung des Themas, aushistorischerSichtbiszurAnalyseunsererheutigenGesellschaft,die Fördergelder in Höhe von 2,8 Millionen Euro für den Bau einer künstlichen Gebärmutter zur Verfügung stellt.41
DiesesAufklärungsbuchistunsererMeinungnachbesonderswichtig bei einer Lobbygruppe, die als eine von elf obersten Direktiven das Vermeiden von Presseberichterstattung propagiert.42 Es wird Sie in die Lage versetzen, mitreden zu können, wann immer es um die neue Transbewegung und das geplante Selbstbestimmungsgesetz geht.
IchwünscheeineanregendeLektüre.
Dr.GeritSonntag,MagasVerlag,Januar2024
EINLEITUNG
IndiesemBuchgehtesumeineIdee,einescheinbareinfacheIdee,die aber weitreichende Folgen hat. Es geht darum, dass Menschen aufgrund ihres Gefühls und darauf basierender Zuordnung als Frau oder Mann gelten sollten, nicht aufgrund ihrer Biologie. Der Begriff dafür: geschlechtliche Selbstbestimmung. Der zentrale Grundsatz dieses sich raschausbreitendenGlaubenssystemsbestehtdarin,dassallePersonen über eine Geschlechtsidentität verfügen, die mit dem dazugehörigen Körper übereinstimmen kann oder auch nicht. Stimmen Körper und Identitätnichtüberein,istdiePersontransgender–kurztrans–,undes istdieIdentität,nichtderKörper,diebestimmensoll,wiedasUmfeld diePersonwahrnimmtundbehandelt.
Die Wurzeln dieses Glaubenssystems reichen fast ein Jahrhundert zurück, zu den ersten ärztlichen Versuchen, den Sehnsüchten einiger weniger Menschen, die ihr biologisches Geschlecht wechseln wollten, eine physische Form zu geben. Jahrzehntelang waren solche »Transsexuellen«nurseltenanzutreffenundinderObhuteinerHandvollunkonventionellerÄrzte,diemitHormonenundOperationendieKörper an die Wünsche ihrer Patientinnen und Patienten anzugleichen versuchten.VondenÄmternundRegierungenwurdensiealsAusnahmen behandelt. Personen, die in die Gesellschaft integriert werden mussten – mit einem unterschiedlichen Maß an Kompetenz und Mitgefühl.
Seit der Jahrhundertwende wird die Ausnahme aber immer mehr zur Normalität. Gesetze, Unternehmensrichtlinien, Lehrpläne, Forschungsarbeiten und Stilrichtlinien in Medienhäusern werden umgeschrieben, um die selbst erklärte Geschlechtsidentität (Gender) über das biologische Geschlecht (Sex[us]) zu stellen. Diese Idee hat auch bei bislang getrenntgeschlechtlichen Einrichtungen Einzug gehalten, von Toiletten und Umkleiden bis zu Obdachlosenunterkünften und Gefängnissen. Dazu kommt, dass sich inzwischen immer mehr Menschen als trans outen, meist ohne sich einer medizinischen Behandlung zu unterziehen. Dieses Buch erklärt, warum und wie es so schnell dazu kam.
Eine zentrale Rolle spielten Entwicklungen im akademischen Umfeld. Feministinnen benutzten früher das Wort »Gender«, einige tun dies auch heute noch, um die gesellschaftliche Einordnung weiblicher Menschen als minderwertig und den männlichen untergeordnet zu bezeichnen. Grob gesagt ist »Sex« für sie eine biologische Kategorie und »Gender« eine historische; Sex ist der Grund, warum Frauen unterdrückt werden, und Gender ist die Art und Weise, wie Frauen unterdrückt werden.
In den 1990er-Jahren wurde das Wort »Gender« entlehnt, um einen Diskurs zu bezeichnen – oder, um es mit den Worten der führenden Vertreterin für Gender Studies und Queer-Theorie, Judith Butler, zu sagen: »[Gender ist] die Nachahmung eines nicht vorhandenen Originals«. Butler baut mit der Idee, dass Gender Performanz ist, im Wesentlichen auf den Lehren der französischen poststrukturalistischen Philosophie der 1960er-Jahre auf. Sie und Gleichgesinnte an anderen US-amerikanischen Universitäten denken, dass ein Mann das Mannsein und eine Frau das Frausein lediglich darstellt. Es handle sich dabei um Stereotypen, um Fragen der Selbstdarstellung wie Kleidung und Frisur und um Verhaltensweisen wie die Wahl der eigenen Hobbys und des Berufs. Sie seien nur deshalb bedeutsam, weil sie immer und immer wieder ausgeführt würden. Die Theorie wurde in den letzten zehn Jahren ausgebaut: Man ist inzwischen von den Stereotypen, die einst einen – wenn auch schwachen – Bezug zur objektiven Realität lieferten, abgekommen. Laut der grob vereinfachten Version des neuen Credos, das sich zur Social-Justice-Orthodoxie verfestigt hat, wird Gender nicht mehr als etwas betrachtet, das ausgeführt wird, sondern als etwas Angeborenes, Unbeschreibliches: so etwas wie eine geschlechtsbestimmte Seele.
Der gesellschaftliche Einfluss war gering, als es nur postoperative trans Menschen gab, die sich als das andere Geschlecht identifizierten. Die von der aktuell vorherrschenden Ideologie postulierte Geschlechtsidentität ist jedoch völlig subjektiv und die Gruppe der trans Personen viel größer. Sie umfasst Leute, die gelegentlich die Kleidung des anderen Geschlechts tragen (Crossdressing) und sogar Menschen, die sich dem Stereotyp ihres biologischen Geschlechts entsprechend präsentieren, sich aber als das gegenteilige Geschlecht identifizieren – oder sich zu einer neuen Identität bekennen, wie die der nicht binären oder genderfluiden Identität. Gefordert wird nicht mehr Flexibilität, sondern eine Neuformulierung der gesellschaftlichen Regeln. Was es heißt, Mann oder Frau zu sein, soll komplett neu definiert werden.
Die geschlechtliche Selbstbestimmung wird oft als Bürgerrechtsbewegung dieser Generation beschrieben, und einige derselben Organisationen, die für das Frauenstimmrecht, die Aufhebung der Rassentrennung im Süden der USA und die Ehe für alle gekämpft haben, setzen sich für dieses Anliegen ein. Allerdings geht es bei der Forderung, die Geschlechtsidentität über das biologische Geschlecht zu stellen, nicht wie bei echten Bürgerrechtsbewegungen darum, Privilegien auf eine Randgruppe auszuweiten, mit der eine Gruppe zu Unrecht übervorteilt wird. In keiner Gesellschaft, nirgendwo, niemals, haben Personen das biologische Geschlecht ihrer Mitmenschen nicht wahrgenommen, und schon gar nicht in Situationen, in denen sie nackt waren oder Körperkontakt hatten. In allen Gesellschaften, überall, immer, wurde die überwältigende Mehrheit der Gewalttaten, sexuellen Übergriffe und Belästigungen, denen weibliche Menschen ausgesetzt waren, von männlichen verübt. Darum gibt es nach Geschlechtern getrennte Räume, nicht, um Privilegien zu stützen oder Vorurteile zu bedienen. Und es sollte allen klar sein, dass es unmöglich ist, getrenntgeschlechtliche Einrichtungen zu erhalten, wenn man Menschen eines Geschlechts erlaubt, die Räume, die für das andere Geschlecht bestimmt sind, zu betreten. Das alles ist so offensichtlich, dass ich fast nicht glauben kann, dass ich es sagen muss, und bis vor ein paar Jahren, als sich das Konzept der geschlechtlichen Selbstbestimmung durchzusetzen begann, wäre das auch nicht nötig gewesen.
Ein Großteil der Bevölkerung weiß nicht genau, was Lobbygruppen für Transrechte tatsächlich von der Gesellschaft verlangen. Erstere verstehen den »Ruf nach Transrechten« als die Forderung nach Zugeständnissen, die es einer leidenden Minderheit ermöglicht, ein erfülltes Leben in Sicherheit und Würde zu führen. Ich und alle, die der Geschlechtsidentitätsideologie kritisch gegenüberstehen und mit denen ich für dieses Buch gesprochen habe, unterstützen das voll und ganz. Die meisten, mich eingeschlossen, befürworten auch das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Eine liberale, weltliche Gesellschaft verträgt viele subjektive Glaubenssysteme, selbst wenn sie sich gegenseitig widersprechen. Was nicht passieren darf, ist, dass die Überzeugungen einer Gruppe allen anderen aufgezwungen werden.
Andere in modernen Demokratien vertretene Glaubenssätze werden im Großen und Ganzen als private Angelegenheit behandelt. Man kann beispielsweise allein oder gemeinsam mit anderen die Meinung vertreten, dass es eine Wiedergeburt oder Auferstehung gibt. Bei dem Ruf nach geschlechtlicher Selbstbestimmung, eigentlich eine irreführende Bezeichnung, geht es in Wirklichkeit um die Forderung nach Validierung durch andere. Andere müssen Sie als Angehörige oder Angehöriger des von Ihnen proklamierten Geschlechts identifizieren. Da die Evolution dem Menschen aber die Fähigkeit gab, das biologische Geschlecht anderer fast sofort und mit äußerster Genauigkeit zu erkennen, werden nur sehr wenige trans Personen als das von ihnen angenommene Geschlecht eingeschätzt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Passing.43 Gibt es eine Diskrepanz zwischen Erscheinungsbild und biologischem Geschlecht, muss das Umfeld die eigene Wahrnehmung unterdrücken.
Meinen Einwänden hinsichtlich der geschlechtlichen Selbstbestimmung liegt eine wissenschaftliche Tatsache zugrunde: Dass biologisches Geschlecht eine objektive Grundlage hat, die anderen gesellschaftlich bedeutsamen Kategorien wie Ethnie oder Nationalität fehlt. Ich spreche vom Sexualdimorphismus. Die zwei biologischen Geschlechter, männlich und weiblich, tauchten erstmals vor 1,2 Milliarden Jahren auf unserem Planeten auf. Säugetiere, Tiere wie der Mensch, die ihre Jungen in sich selbst aufziehen, anstatt Eier zu legen, gibt es erst seit 210 Millionen Jahren. In all dieser Zeit hat kein Säugetier jemals das Geschlecht gewechselt. (Einige Nichtsäugetiere, zum Beispiel Krokodile und Clownfische, können das.) Männer und Frauen haben sich also extrem lange unter unterschiedlichem Selektionsdruck entwickelt. Das hat den Körper und die Psyche von Männern und Frauen geformt, und zwar auf eine Weise, die für die individuelle Gesundheit und Zufriedenheit von großer Bedeutung ist. Egal, wie viel Sozialtechnik betrieben wird, das heißt, egal, wie groß die Anstrengungen zur Beeinflussung gesellschaftlicher Strukturen auch sind, der Geschlechterunterschied bleibt bestehen, auch wenn manche es gerne anders hätten.
*
In diesem Buch geht es nicht um trans Menschen. Ich stelle die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Ursachen der Geschlechtsdysphorie und der Geschlechtsinkongruenz vor, ohne die Geschichten von Personen, die entweder eine erfolgreiche oder misslungene Geschlechtsangleichung erlebt haben, gegeneinander auszuspielen. Die Frage, ob Menschen nach einer Transition44 glücklicher sind oder nicht, ist zwar wichtig für Betroffene sowie Fachleute, insbesondere wenn irreversible hormonelle oder chirurgische Behandlungen in Erwägung gezogen werden. Sie ist jedoch irrelevant für die Beurteilung des Wahrheitsgehalts der Genderidentitätsideologie. Die Antwort auf jene Frage ist ebenso irrelevant für die politische Debatte um Self-ID, sprich, ob die selbst erklärte Geschlechtsidentität das biologische Geschlecht in unserer Gesellschaft ersetzen soll. Ob beispielsweise eine Religion ihre Gläubigen glücklich macht, spielt für die Frage, ob ihr Gott existiert oder ob alle Nichtgläubigen gezwungen werden sollten, ihm Lippenbekenntnisse abzulegen, absolut keine Rolle.
In diesem Buch geht es vielmehr um den Transaktivismus. Ich schreibe über seinen Einfluss auf Politik und Institutionen sowie über von Milliardärinnen und Milliardären verwaltete Stiftungen, die gemeinsam mit Aktionsgruppen hinter den Kulissen Geld in die Lobbyarbeit pumpen, um auf diesem Weg Gesetzesänderungen herbeizuführen. Sie haben bereits große politische Parteien und Unternehmen für sich gewonnen. Zu nennen sind die Demokratische Partei in den USA und einige Tech-Giganten. Sie werden auch von Akademikerinnen und Akademikern aus der Genderforschung, Queer-Theorie und verwandten Gebieten sowie von der Pharma- und Gesundheitsindustrie gestützt. Letztere scheinen erkannt zu haben, dass sich mit gender-affirmativer45 Medizin sehr viel Geld machen lässt.
Diese mächtige neue Lobby ist weitaus größer als die Anzahl der Menschen, für die sie behauptet, einzustehen. Und sie dient deren Interessen sehr schlecht. Weil sie ideologisch ausgerichtet ist, versucht sie ständig, alle zum Schweigen zu bringen, die Selbstbestimmungsgesetzen kritisch gegenüberstehen. Interessanterweise werden diese sogar von vielen trans Menschen abgelehnt, die eine geschlechtsangleichende Operation hatten und sich keine Illusionen darüber machen, wie wichtig Körper sind. Ideologische Lobbyistinnen und Lobbyisten ignorieren zudem alternative Lösungen für die Probleme, von denen trans Menschen betroffen sind. Sie könnten zum Beispiel mehr Mittel in die Erforschung der Ursachen und Behandlung von Geschlechtsdysphorie oder in den Bau zusätzlicher Unisex-Toiletten stecken, ohne im gleichen Zug reine Frauen- oder Männer-WCs abzuschaffen. Ihre übertriebene Haltung wird vermutlich eine Gegenreaktion auslösen, die einem trans Menschen, der einfach nur in Sicherheit leben und von der Gesellschaft akzeptiert werden möchte, schadet. Wenn die Allgemeinheit endlich begreift, was die Lobby tatsächlich fordert, wird die Schuld wahrscheinlich nicht dort verortet, wo sie hingehört, nämlich bei den Aktivistinnen und Aktivisten.
Ich rechne damit, dass es insbesondere im Frauensport zu einer Gegenbewegung kommt. Der ganze Sinn und Zweck der Frauenkategorie ist es ja, einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Schließlich haben Männer durch die körperlichen Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern einen überwältigenden Vorteil im Sport. Weibliche Spitzenathletinnen haben nur im nach Geschlechtern getrennten Wettbewerb eine Chance auf einen fairen Wettbewerb. Biologisch männlichen Personen zu erlauben, sich als weiblich zu identifizieren, um dann in der Frauenkategorie anzutreten, ist genauso unsinnig, wie Schwergewichte in der Kategorie »Fliegengewicht« boxen zu lassen, Athletinnen und Athleten ohne Behinderung die Teilnahme an den Paralympics zu gewähren oder Erwachsenen zu erlauben, bei der U18-Liga mitzumachen. Und doch sind fast alle Sportverbände bis hinauf zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) unter dem Druck des Transaktivismus zu Self-ID übergegangen.
Der Anblick stärkerer, schwererer und schnellerer männlicher Athleten, die mühelos die weltbesten weiblichen Athletinnen besiegen, wird bei vielen die tiefsitzende Intuition über Fairplay im Viereck springen lassen, wenn sich diese Information einmal ausbreitet. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches war zwar noch nicht klar, wo das zuerst passieren würde, es stand aber völlig außer Zweifel, dass das bald der Fall sein wird. Erstmals traten bei den Olympischen Spielen 2020 (auf 2021 verschoben) trans Frauen an und platzierten weitaus besser als früher, als sie noch als Männer starteten. Vor dem Obersten Gerichtshof der USA liefen zu dieser Zeit zwei diametral entgegengesetzte Klagen: Die eine will die Bundesstaaten daran hindern, männlichen Sportlern die Teilnahme an Wettkämpfen als Frauen zu gestatten, die andere will die Bundesstaaten dazu zwingen.
Gegenwind weht wohl auch bald in der pädiatrischen Medizin für Geschlechtsdysphorie.46 Bis vor Kurzem wurden kaum Kinder in Genderkliniken vorstellig, aber in den letzten zehn Jahren ist die Zahl stark angestiegen. Jede Einzelne der etwa ein Dutzend Studien über Kinder mit Geschlechtsdysphorie kam zu dem Schluss, dass die meisten Betroffenen darüber hinwegkommen, vorausgesetzt, das Umfeld unterstützt das Kind in seiner geschlechtlichen Nonkonformität, anstatt ihm zu sagen, es sei »im falschen Körper geboren«. Viele dieser Minderjährigen, die geschlechtsangleichende Schritte unterlassen, beschreiben sich später als homosexuell. Es gibt zahlreiche Belege für einen engen Zusammenhang zwischen geschlechtlicher Nonkonformität im Kindesalter und Homosexualität im Erwachsenenalter.
Doch seit es der Transaktivismus auf die Kliniken für Geschlechtsdysphorie abgesehen hat, haben deren Behandlungsansätze ideologische Züge angenommen. Anstatt Eltern zu raten, die Situation mit Sympathie und Verständnis zu beobachten und einfach mal abzuwarten, geben sie nun Ratschläge basierend auf der Annahme, dass eine Geschlechtsdysphorie in der Kindheit zur Folge hat, dass die Person im Erwachsenenalter zwingend trans ist. Sie empfehlen eine sofortige soziale Transition – eine Änderung des Namens, der Kleidung und Personalpronomen –, gefolgt von pubertätsblockenden Medikamenten, geschlechtsangleichenden Hormonen und schließlich chirurgischen Eingriffen, oft noch im Jugendalter. Dieser Behandlungsweg führt im Schnellverfahren zu sexuellen Dysfunktionen und Sterilität im Erwachsenenalter.
In den letzten Jahren ist eine bestimmte Gruppe von transidenten47 Minderjährigen aufgefallen: Mädchen im Teenageralter. Bis vor Kurzem waren sie äußerst selten in Genderkliniken anzutreffen, heute überwiegt diese Bevölkerungsgruppe weltweit. Auch ihnen wird schnell zu Hormonen und Operationen geraten, obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass diese helfen, sondern berechtigten Grund zur Annahme, dass sie es eben nicht tun. Diese Bevölkerungsgruppe ist zudem am anfälligsten für soziale Ansteckung: von Lach- und Ohnmachtsanfällen, die im Laufe der Geschichte in Mädchenschulen und Klöstern dokumentiert wurden, bis hin zu selbstverletzenden Verhaltensmustern und Essstörungen, die gegenwärtig manchmal unter Jugendlichen grassieren. Nun können wir eine neue Welle sozialer Ansteckung beobachten. Sie wird in den sozialen Medien durch Social Justice Warriors (Krieger für soziale Gerechtigkeit) verbreitet, die für die vermeintlich sozial fortschrittliche Gendertheorie werben, aber auch von medizinischen Berufen und Schulen, die die Geschlechtsidentitätstheorie in den Lehrplan aufnehmen.
Erste Zahlen in Schweden lassen auf eine Abnahme der Zahl der Kinder schließen, die in Gender-Kliniken vorstellig werden. Dort hatten Fachkräfte Alarm geschlagen angesichts der unkritischen gesellschaftlichen Bestärkung von Transidentifikation. In England wies ein Gericht den Gender Identity Development Service (GIDS), die einzige pädiatrische Klinik für Geschlechtsdysphorie des Landes, Ende 2020 an, vor der Verschreibung von Pubertätsblockern für Kinder zuerst eine richterliche Genehmigung einzuholen. Die Medikamente, so das Gericht, gehörten zu einem Behandlungsweg, der zu irreversiblen Schäden führe. Schäden, deren Tragweite laut Gericht nur sehr wenige Kinder und Jugendliche unter 16 erfassen könnten. Daher sei eine informierte Einwilligung seitens der Minderjährigen schwierig. Doch in den USA, wo es hierzu weniger Regelungen gibt und die Krankenkassenlobby viel Einfluss hat, schlagen Ärztinnen und Ärzte den letzten Rest an Vorsicht in den Wind. Diese Geschichte läuft auf zerstörte Leben und eine Klagewelle hinaus. Ich weiß, dass man mich wegen dieses Buchs mindestens als grausam abstempeln wird. Einige werden das, was ich hier schreibe, als zutiefst verletzend empfinden. Beispielsweise, dass man nur selten als dem anderen Geschlecht zugehörig durchgeht, vor allem, wenn man männlich ist; dass das Gefühl, dem anderen Geschlecht anzugehören, egal wie tiefempfunden und aufrichtig es ist, die instinktive Wahrnehmung anderer Menschen nicht ändern kann; dass einem ein solches Gefühl nicht das Recht gibt, Einrichtungen oder Dienstleistungen zu nutzen, die für das biologische Geschlecht bestimmt sind, das man selbst nicht hat; dass Kindern, die unter ihrem biologischen Geschlecht leiden, nicht gedient ist, wenn man ihnen sagt, dass sie es ändern können.
Es ist nicht meine Absicht, gegenüber trans Menschen herzlos zu sein, sondern größere Herzlosigkeit zu verhindern. In immer mehr Ländern werden Selbstbestimmungsgesetze verabschiedet, und die Kollateralschäden nehmen zu. Männliche Personen, die Frauen vergewaltigt und ermordet haben, wurden in Frauengefängnisse verlegt. Frauen haben ihre Arbeit verloren, weil sie sagten, dass »Mann« und »Frau« objektive, gesellschaftlich bedeutsame Kategorien sind. Ich halte es für zutiefst herzlos, weibliche Sportlerinnen zu zwingen, gegen männliche anzutreten, und es ist ein Skandal, Kinder zu sterilisieren. Hinter diesen Entwicklungen steckt zum Teil durchaus ein bewundernswertes, wenn auch schlecht durchdachtes Mitgefühl für trans Menschen. Mitgefühl wird zudem, nicht zufällig, hauptsächlich Frauen abverlangt, die dazu erzogen werden, ihre eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen, und die härter sanktioniert werden als Männer, wenn sie sich weigern, dieser Forderung nicht nachzukommen.
Was mich zuerst an der Geschlechtsidentitätsideologie faszinierte, war das zirkelschlüssige zentrale Mantra »trans Frauen sind Frauen«, das die Frage aufwirft und unbeantwortet lässt, was denn das Wort »Frau« bedeutet. Wer die Aussage hinterfragt, wird diffamiert, was mich zu weiteren Überlegungen anspornte. Philosophinnen und Philosophen sind grundsätzlich frei, die heikelsten Themen zu debattieren: Ist es moralisch vertretbar, behinderte Babys zu töten? Darf man Menschen gegen ihren Willen eine Niere als Organspende entnehmen? Doch sogar sie wurden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zum Schweigen gebracht, wenn sie vor den Folgen einer Neudefinition von »Mann« und »Frau« warnten. Journalistinnen und Journalisten, die stolz darauf sind, Geschichten aufzudecken, die irgendjemand irgendwo nicht in den Medien sehen will, haben sich Themen wie die pädiatrische Medizin für Geschlechtsdysphorie und trans Frauen im Frauensport oder auch Geschichten von Frauen, die entlassen wurden, weil sie über die Realitäten des biologischen Geschlechts sprachen, angesehen und – wiederum mit wenigen Ausnahmen – den Schwanz eingezogen.
Der Ausschlag für dieses Buch gab die Begegnung mit den Menschen, die die herzzerreißendsten Opfer der Genderidentitätsideologie sind: Die Detransitioner. Sie haben hormonelle oder gar chirurgische Schritte in Richtung Transition unternommen, nur um dann festzustellen, dass sie einen katastrophalen Fehler gemacht hatten. Beim Gründungstreffen des Detransition Advocacy Network, einer britischen Selbsthilfegruppe, in Manchester Ende 2019 habe ich einige von ihnen persönlich getroffen. Beim Zuhören wurde mir sofort klar, dass ich ihren Geschichten Gehör verschaffen musste.
Meine Gegenüber waren teils junge lesbische Frauen, die einst aus ihrer geschlechtlichen Nonkonformität schlussgefolgert hatten, sie müssten in Wahrheit Männer in einem Frauenkörper sein. Andere waren junge schwule Männer, deren Eltern es bevorzugten, ihre »verweichlichten kleinen Jungs« als »in Jungenkörpern gefangene Mädchen« zu sehen, anstatt wahrzuhaben, dass sie wahrscheinlich homosexuell waren. Der Anteil der Personen mit Merkmalen, die auf eine Autismusspektrum-Störung hindeuten, ist in der Gruppe der Detransitioner wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Zu diesen Eigenschaften gehören dissoziative Gefühle, die als Geschlechtsdysphorie fehlinterpretiert werden können, und rigide Denkmuster. Letztere können dazu führen, dass eine Person zum Schluss kommt, sie sei trans, weil sie von den Geschlechtsstereotypen abweicht. Junge Frauen mit Essstörungen sind überrepräsentiert. Nicht wenige waren im Teenageralter unglücklich und suchten in der Transition Bestätigung und eine Gemeinschaft, der sie zugehören konnten.
Viele, die ihre geschlechtliche Transition rückgängig gemacht haben, sprechen von Traumata durch experimentelle Medikamente und Operationen, davon, dass sie von Erwachsenen manipuliert und getäuscht wurden, und davon, dass sie aus ihrem Freundeskreis ausgeschlossen wurden, als sie detransitionierten. Ich habe miterlebt, wie sie in den sozialen Medien beschimpft, diffamiert und der Transphobie beschuldigt wurden. Ihnen wurde unterstellt, sie würden lügen und echte trans Menschen daran hindern, die so dringend nötigen Behandlungen zu erhalten. In Wirklichkeit mahnen die meisten nur zur Vorsicht. Sie haben kein Interesse daran, andere davon abzuhalten, so zu leben, wie sie es sich wünschen. Die offensichtlichsten Spuren der Transition sind physischer Natur: Brustamputationen, Kastration und durch gegengeschlechtliche Hormone geformte Körper. Die seelischen Wunden gehen tiefer. Die Opfer glaubten einer inkohärenten und sich ständig ändernden Ideologie, die alle grausam bestraft, die sich von ihr abwenden. Ihnen wurde eingetrichtert, dass Eltern, die sich um die Auswirkungen starker Medikamente auf Gehirn und Körper in der Entwicklungsphase sorgen, intolerante Fanatiker seien. Suizid wurde ihnen als einzige denkbare Alternative zur Transition dargestellt.
Ideen haben Konsequenzen. Die Idee der geschlechtlichen Selbstbestimmung hat bereits dazu geführt, dass Kinder manipuliert und geschädigt wurden. Wenn man das einmal gesehen hat, ist es schwer wegzuschauen. Die Detransitioner, die ich kenne, haben schwer gelitten. Sie und ihre Verbündeten auf der ganzen Welt scheinen sich auf das Eidechsen-Emoji geeinigt zu haben: ein Symbol der Verjüngung, Genesung und Regeneration. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, um anderen jungen Menschen das gleiche Leid zu ersparen. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe.
DAS DÄNISCHE MÄDCHEN
EINE KURZE ABHANDLUNG ZUR TRANSSEXUALITÄT
Es begann mit Strümpfen. Gerdas Modell, die Schauspielerin Anna Larssen, hatte angerufen und mitgeteilt, dass sie sich verspäten würde und schlug neckisch vor, doch Gerdas Ehemann Einar für das Porträt einspringen zu lassen. Immerhin waren seine Beine denen von Anna ebenbürtig. »Das perfekte Damenmodell!«, rief Gerda, als sie sah, wie sich Einar verwandelte. Doch in … wen? »Wie gefällt dir Lili?«, schlug Anna vor, als sie endlich eintraf. »Ein besonders schöner, musikalischer Name.«
Ob sich das Ganze wirklich so zugetragen hat oder später einfachso im Sinne der Legendenbildung erzählt wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist, dass Einar Wegener – ein 1882 in Kopenhagen geborener und ausgebildeter Künstler und das dänische Mädchen aus dem Film The Danish Girl (2015) mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle – die Geburt von Lili Elbe (benannt nach dem Fluss) auf diesen Tagdatieren.IndenJahrendanachpräsentiertesichEinaraufPorträts und Partys als Lili. Kaum jemand wusste, dass Gerdas verführerisches, dunkeläugiges Modell in Wahrheit ihr Ehemann in Frauenkleidern war. Das Paar verließ Kopenhagen, um nicht aufzufliegen, und ließ sich 1912inParisnieder.DortstelltesichLilialsGerdasSchwestervor.Was als Spiel begonnen hatte, wurde bitterer Ernst: Die Persona, die Einar fortan als »die Frau in diesem Körper« betrachtete, gewann die Oberhand.ErsuchteÄrzteauf,diesagten,erseiverrückt–oderhomosexuell, wasihnmehrbeunruhigte.MitEndevierzigwarerverzweifelt.Biszum Jahresende,sobeschlosser,würdeerentwedereinenWegfinden,Lilis ExistenzBeständigkeitzuverschaffenoderEinarsExistenzbeenden.
Das Jahr war fast um, als Lili ein Rettungsanker zugeworfen wurde. Im Februar 1930 besuchte Einar das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, wo er sich mit Gründer Magnus Hirschfeld beriet. Das InstitutverbandForschungmitpraktischenDienstleistungenwiederBehandlungvonGeschlechtskrankheiten,ImpotenzundUnfruchtbarkeit. Außerdem hatte es ein Archiv wie kein anderes. In seinen Memoiren über das Berlin der Weimarer Republik erinnert sich Christopher Isherwood an die »Peitschen, Ketten und Folterinstrumente für die Sadomasochisten; hochhackige, kunstvoll verzierte Stiefel für die FetischistenunddiespitzenbesetzteDamenunterwäsche,dievondendurch und durch maskulinen preußischen Offizieren unter der Uniform getragen wurden«.
FürWegener,dersichfühlte,alswürdenzweiMenschenunterschiedlichen Geschlechts in einem Körper wohnen, hätte Hirschfelds Denkweiseüberdas,wasMännerundFrauenunterscheidet,nichtpassender sein können. In der Antike nahmen Verfechter des Ein-Geschlecht Modells an, dass die Vagina ein nach innen gestülpter Penis und die weibliche Fortpflanzungsanatomie der männlichen unterlegen waren. Frauen haben »genau dieselben Organe, aber an genau den falschen Stellen«, schriebGalen,eingriechischerArztdeszweitenJahrhunderts n.Chr. Im 19. Jahrhundert war die Humananatomie schon weiter und dieAuffassungwurdedurchdasZwei-Geschlechter-Modellverdrängt, indem»männlich«und»weiblich«alszweigrundsätzlichverschiedene Kategorien angesehen wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickeltenHirschfeldundeinigeandereeuropäischeSexualwissenschaftler einneuesModell.ÜberraschenderweisewarenihreTheorienwedervon der Evolutionstheorie und den Darwinschen Erkenntnissen über den UrsprungunddieBedeutungderbeidenbiologischenGeschlechtergeprägt,nochließensiesichmitihnenvereinbaren.Diesergrundlegende FehleristindenaktuellenÜberlegungen,wasesbedeutet,transzusein, erkennbar.
In dem1859 veröffentlichtenGrundlagenwerk ÜberdieEntstehung der Arten erläutert Charles Darwin die beiden Arten der evolutionären Selektion.BeidererstgenanntennatürlichenAuslesesindesdieunterschiedlichen Überlebensraten, die zu unterschiedlichen Reproduktionsratenführen.BeiderzweitgenanntensexuellenAusleseistderErfolgbei der Partnersuche der bestimmende Faktor. Die Evolutionstheorie liegt dermodernenBiologieundMedizinzugrundeundverstehtdiebiologischenGeschlechteralsurzeitlicheKategorien:reproduktiveRollen,die durch das Überleben und die Fortpflanzung geprägt und auf sie ausgerichtetsind.MännlicheKörperteilesindaufdieProduktionvonkleinen, beweglichen Gameten(bei SäugetierenSpermien genannt)ausgerichtet, weiblicheaufdieProduktionvongroßen,unbeweglichenGameten(bei Säugetieren Eizellen genannt).
Ob ein Individuum Geschlechtsteile nur eines biologischen Geschlechts oder beider hat, hängt von der jeweiligen Art ab. Viele Pflanzen sind selbstbestäubend. Ein einziges Exemplar enthält also sowohl männliche als auch weibliche Teile. Einige Tiere, zum Beispiel Regenwürmer, sind Zwitterwesen, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane besitzen. Bei Arten wie Krokodilen oder ClownfischenwirddasGeschlechtdurchbeeinflussendeUmweltfaktorenbestimmt. Der Mensch hat jedoch wie alle Säugetiere das eine oder das andere biologische Geschlecht, das bei der Empfängnis festgelegt wird und unveränderlich ist. Varianten der Geschlechtsentwicklung, ein Oberbegriff für etwa vierzig verschiedene Entwicklungsbedingungen derGenitalienundKeimdrüsen,änderndarannichts.InspäterenKapiteln gehe ich näher auf diese Varianten ein.
Nach Darwin müsste jegliche Definition von »männlich« und »weiblich«,dienichtinderEvolutionundderFortpflanzungbegründetist,ins Leerelaufen.DochfürHirschfeldundseineKollegenamInstitutwares so,alshätteDarwinnieexistiert.SieignoriertennichtnurdenUrsprung derbiologischenGeschlechter,sondernbetrachteten»männlich«und »weiblich«nichteinmalalsunterschiedlicheKategorien.NachHirschfelds Formulierung waren alleMenschen »bisexuell«, nicht im Sinne der sexuellenOrientierung,sondernimSinnevonDoppelgeschlechtigkeit. Alle Menschen seien beide Geschlechter. Männlich und weiblich seien Abstraktionen,erfundeneExtreme.ErsahHomosexualitätundTransvestitismuslediglichalsZwischenstufen,dieungewöhnlichweitvonden vermeintlichen Endpunkten, den Polen »Vollweib« und »Vollmann«, entferntwaren.HirschfeldbezeichnetmitdemBegriff»Transvestiten« eine Vielzahl von Menschen: von Personen, die gelegentlich Kleidung und Schmuck des anderen Geschlechts tragen, bis hin zu Menschenmiteinemstarken,unablässigenErlebenvonGeschlechtsinkongruenz. FürjemandenwieWegener,derseinbiologischesGeschlecht »wechseln« wollte, waren diese Ideen verlockend. Denn wären die Geschlechtergetrenntundwürdensichnichtüberlappen,wäreesunmöglich,voneinemzumanderenzuwechseln.Dochwennmanbiologisches GeschlechtalsSpektrumversteht,könntemansichvielleichtweitgenug darauf bewegen, um neu klassifiziert zu werden.
AlserHirschfeldkennenlernte,hattedasInstitutbereitsmitgenitalchirurgischenEingriffenexperimentiert.DieerstebekanntePatientin war Dora (Rudolph) Richter. Der 1891 in einer armen Bauernfamilie geborene Rudolph hatte schon als ganz kleines Kind Mädchenkleider angezogenundimAltervonsechsJahrenversucht,sichPenisundHodensack abzuschnüren. Unter der Obhut des Instituts wurde Rudolph 1922 auf eigenen Wunsch kastriert. 1931 folgte die Penisamputation, dann die operative Anlage der künstlichen Vagina. Der Institutsarzt veröffentlichte ihren Gestaltwandel als Fallstudie. Dora blieb als Hausangestellte am Institut.
Für Wegener hatte Hirschfeld ehrgeizigere Pläne: Eine Veränderung der Genitalien und der Körperchemie. Er ließ sich von der Arbeit des österreichischen Endokrinologen Eugen Steinach inspirieren, der weiblichenMeerschweinchenbabysHodenundmännlichenEierstöcke transplantiert hatte, in der Hoffnung, das für das Spendergeschlecht charakteristischeVerhaltenhervorzurufen.Erführteeinezermürbende ReihevonOperationenanWegeneraus.WiebeiRichterstandzuerstdie Kastration und Penektomie an; dann die Verpflanzung von Eierstöcken, die einer jungen Frau entnommen wurden; und schließlich die Konstruktioneiner»natürlichenÖffnung«–wahrscheinlicheineNeovagina, die aus Gebärmuttergewebe hergestellt wurde. Möglicherweise gab es auch den Versuch einer Gebärmuttertransplantation.
DieEinzelheitensindunklar,dadieAufzeichnungendesInstitutsbei der berüchtigten Bücherverbrennung durch die Nazis vor der Berliner Oper im Jahr 1933 oder bei der Bombardierung 1945 vernichtet wurden. Der einzige verbliebene Bericht ist: Lili Elbe. Ein Mensch wechselt seinGeschlecht.EineLebensbeichte.AushinterlassenenPapierenherausgegebenvonNielsHoyer.EssindWegenersMemoiren,diezwischenund nach den Operationen geschrieben und unter einem Pseudonym veröffentlicht wurden. Es scheint, dass Wegener entweder nicht verstanden hat, was die Ärzte ihm sagten, oder dass sie Unsinn redeten, der weit über die Theorie der »Bisexualität« Hirschfelds hinausging. Es heißt in den Memoiren, man habe in Wegeners Unterleib zwei Eierstöcke entdeckt–zusätzlichzuseinenzweiäußerenHoden.Wegenerglaubte,dass LilinachdenOperationeninderLageseinwürde,mitderimplantierten Gebärmutter und den Eierstöcken ein Kind zu empfangen und zu gebären. Ob die Ärzte Einar das so versprachen oder ob er sich das ausdachte, lässt sich nicht sagen.
SelbstwennHirschfeldDarwinsErkenntnisseverinnerlichthätte,ist anzunehmen,dasserWegenerdiegleicheBehandlungangebotenhätte. Docherhättesiehoffentlichandersinterpretiertunderklärt.Erhätte MitgefühlfürWegenersElendzeigenundsogarversuchenkönnen,sein LeiddurcheinegeschlechtsangleichendeOperation,dieesihmermöglichte,indenmeistenSituationenalsFrauwahrgenommenzuwerden, zu lindern, ohne zu suggerieren, dass diese Operation Wegener an das weibliche Ende eines nicht existierenden Spektrums biologischer Geschlechter verschieben würde. Das hätte uns später viel Verwirrung – und viel Sexismus – erspart.
Ich möchte den Visionär Hirschfeld in seinem bemerkenswerten Mut nicht geringschätzen. Er setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und kämpfte für die Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen zwischen Männern, obwohl das für ihn während der Machtergreifung der Nazis äußerst gefährlich war. (Er war selbst schwul und nach seinem Verständnis ein »Transvestit«, der als Tante Magnesia in der Berliner Szene verkehrte.) Das Problem war, dass seine für Generationen von Forschenden richtungsweisende Theorie der geschlechtlichen Zwischenstufen zum einen ein Verständnis von Frauen als von Natur aus minderwertig und den Männern untergeordnet transportierte und zumanderenvermittelte,dassdieErfüllungvongeschlechtsbezogenen Stereotypen Teil dessen sei, was eine Person zum Mann oder zur Frau mache.
VertreterdesfrüherenZwei-Geschlechter-Modellswarenselbstverständlich nicht aufgeklärter: Sie sahen »Mann« und »Frau« als unterschiedliche, unveränderliche Kategorien, wobei Erstere von Natur aus dominant und überlegen war. Eine solche Denkweise ist nicht weniger sexistisch,abersielässtsichimLichtederFakteneinfacherkorrigieren. Versteht man die Geschlechter als getrennt, ist die Existenz einer erfolgreichen Wissenschaftlerin, Dichterin oder Chefin ein Schlag gegen diesozialeHierarchie.GehendieGeschlechterjedochineinanderüber, können diese Frauen einfach als weniger weiblich abgetan werden. Sie gelten als Ausnahmen, nicht als Argument für eine gleichberechtigte Wertschätzung. Wird zudem angenommen, dass sich die Person, die oberflächliche Merkmale wie Kleidung, Auftreten und Verhalten verändert,aufeinemSpektrumdesbiologischenGeschlechtsbewegt,dann isteineFrau,diedieseStereotypenablehnt,»wenigerFrau«,anstattaufzuzeigen, dass die Stereotypen für das Frausein unnötig sind.
InLiliElbesBuchistdiesereingebackeneSexismusdeutlicherkennbar. Beschrieben wird, dass sich Lili von den anatomischen VeränderungenzueinemgewissenGraderhofft,denStatus»Frau«zuerlangen. SiewünschtsichbeispielsweiseeinKind:»DurcheinKindwürdeich mir selbst gegenüber den eindeutigsten Wahrheitsbeweis geben können,WeibvonAnbeginngewesenzusein.«48IhrFrauseinberuhtaber vor allem auf ihrem Charakter, der so anders ist als der von Einar. Im Buch heißt es, »er war geistreich, klug, interessierte sich für alles, war eininnerlicherMensch«undsieeine»gedankenlose,leichthinlebende, sehraufÄußerlichesbedachteFrau«.Siebeschreibtsichselbstauchals »putzsüchtig,vergnügungssüchtig,ja,ichglaubeauchkindisch.[…]Es war wirklich meine Wesensart, unbekümmert, sorglos, unlogisch, launenhaft«. Einars Leidenschaft, die Kunst, interessiert Lili nicht: »Denn ich will nicht Künstlerin, sondern ich will nur Weib sein.« Das muss Gerda, die sowohl Künstlerin als auch Frau war, getroffen haben. Wie hatsiesichwohlgefühlt,alsLiliihrenHerzenswunschverkündete?
»Alles, was ich mir wünsche, ist nichts anderes als die letzte Erfüllung der wirklichen Frau: vor dem Leben geschützt zu werden durch das härtere Wesen, den Mann.«
Nach den Operationen stellte der dänische König Lili einen neuen Pass aus, in dem ihr Geschlecht als weiblich angegeben war, und annullierte die Ehe zwischen Einar und Gerda. Lili verlobte sich bald mit ClaudeLejeune,einemKunsthändler.SieerlebtedenHochzeitstagnicht mehr; nach einem »Abgrund des Leids« starb sie am 13. September1931 an Herzversagen, wahrscheinlich wegen einer Organabstoßung oderInfektion.Aberfürsiehattesichdasallesgelohnt.»Dassaberich, Lili, lebensfähig, lebensberechtigt bin, habe ich durch mein Leben seit 14Monatenbewiesen«,schriebsiekurzvorihremTod.»Diese14Monate seien nicht viel? Mir erscheinen sie als ein ganzes und glückvolles Menschenleben.DerPreis,denichgezahlthabe,erscheintmirgering.« Nach Lilis Tod schien zwei Jahrzehnte lang unklar, ob man tatsächlich biologisches Geschlecht wechseln konnte. In mancher Hinsicht ist das seltsam, denn die medizinischen Fortschritte in dieser Zeit hätten die gesundheitlichen Risiken deutlich verringert. In den 1930er-Jahren konnte man erstmals Sexualhormone synthetisieren, und in den 40ern fandenAntibiotikaverbreiteteAnwendung.DiedeutschenÄrztehatten behauptet, dass es möglich sei, männliche Personen an das weibliche EndeeinesvermeintlichenSpektrumszubringen.Wegenerhatteesgetan – und den Reisebericht dazu geschrieben. Warum also, so fragten sich eine Handvollanderer Männer mitähnlichem Wunsch, solltensie esnichtversuchen?
*
»Ex-GI wird blonde Schönheit: Operationen verwandeln Bronx Jugendlichen«, titelte die New York Daily News am 1. Dezember 1952. Der zwanzigjährige New Yorker George Jorgensen war zwei Jahre zuvor nach Europa gereist, nachdem er Gerüchte gehört hatte, dass schwedische Ärzte eine Art Behandlung für Männer wie ihn anboten. Bei einem Besuch bei Verwandten in Kopenhagen lernte er Dr. Christian Hamburger kennen, einen Endokrinologen, der mit Hirschfelds Arbeit vertraut war. Hamburger diagnostizierte »Transvestismus« und bot ihm eine »Behandlung« an. Was so viel heißt wie: Er würde an ihm experimentieren und für das Privileg kein Geld verlangen.
In der Kindheit war George nach außen ein gewöhnlicher Junge, doch innerlich war er unglücklich. Er hasste maskuline Kleidung und Spiele und war in andere Jungs verknallt. Als Erwachsener machte er homosexuelleErfahrungen,dieeralsunmoralischbetrachtete.Ersehnte sichdanach,»wieeineFraumitMännernzuinteragieren,nichtwieein Mann«, wie er später schrieb. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurdeerzumMilitärdiensteingezogen,wasseineAbneigunggegendas Mannseinnochverstärkte.NochvorderAbreisenachEuropabesorgte er sich Östrogen und nahm das Präparat ohne ärztliche Aufsicht ein.
Hamburger behandelte Jorgensen in drei Phasen: psychiatrische und körperliche Untersuchungen; zusätzliche weibliche Sexualhormone; und letztlich, in iterativen Schritten zwischen 1951 und 1952, Kastration,PenektomieundplastischeChirurgie,umäußerlichdenAnschein eines weiblichen Geschlechtsteils zu erwecken. Der Arzt verhalf seiner Patientinzudemzueinemneuen,aufdenNameneinerFraulautenden amerikanischen Pass. Als Ausdruck der Dankbarkeit wählte Jorgensen den Vornamen Christine.
Hamburger und seine Kollegen begriffen Jorgensen stets als homosexuellen Mann, dessen »Transvestismus« so tiefsitzend war, dass für ein zufriedenes Leben eine Präsentation als Frau absolut nötig wurde. Sie dachten nie, dass die Eingriffe Jorgensens biologisches Geschlecht veränderthätte.EswarChristine,dieWeiblichkeitfürsichinAnspruch nahm–mithilfederUS-amerikanischenPresse.AlssieimFebruar1953 in New York ankam, warteten hunderte Menschen auf sie, um sie zu beglückwünschen und Fotos und Interviews zu machen. »Ich bin froh, wieder hier zu sein«, sagte sie. »Welche amerikanische Frau wäre das nicht?«
Obwohl sie sich zeitlebens über die aufdringliche Berichterstattung beschwerte,weißmaninzwischen,dasssieeswar,diederPressevorab einenTippgegebenhatte.DieMedienmachtensieweltberühmt.Inden fünfundzwanzig Tagen nach Bekanntwerden ihrer Operation wurden fünfzigtausend Wörter über sie gedruckt. Ein Bericht aus ihrer Perspektive,derinderSonntagszeitungsbeilageAmericanWeeklyveröffentlichtwurde,brachteihr25.000US-Dollarein.Daswärenheuteetwa 240.000US-Dollar.DerBerichterschieninsiebzigLändern.Esdauerte nicht lange, bis das Konzept des »Geschlechtswechsels« unter dem Begriff »Operation Christine« bekannt wurde.
Die Geschichte von Lili Elbe hatte für Aufsehen gesorgt, geriet aber inmittendesSchreckens,derbaldnachihremTodüberEuropahereinbrach, schnell in Vergessenheit. Jorgensens Geschichte hingegen, die von amerikanischen Themen wie Selbstverwirklichung und Neuerfindung handelt, eröffnete anderen Männern, die zuvor ihre Sehnsüchte nach einer Geschlechtsangleichung abgetan oder jeden Gedanken an ihre »innere Frau« begraben hatten, einen bis dahin unvorstellbaren Ausweg.SiemarkiertaucheinneuesKapitelindermehrereJahrzehnte andauernden Umdeutung des biologischen Geschlechts von einem binären, festgelegten zu einem unscharfen, veränderbaren Verständnis.
Ab diesem Zeitpunkt wurde das Narrativ von den Medien und der Ärzteschaft gestaltet. Sie lobten Christines Aussehen, ohne groß über die Details der Operationen und deren Teilergebnisse zu berichten. Beim Eingriff in Dänemark wurde lediglich ein äußeres Geschlechtsteilgeformt.1954unterzogsichChristineeinerweiterenOperation in New Jersey, bei der eine flache Neovagina aus Oberschenkelgewebehergestelltwurde.VieleLeserinnenundLeserlegtendenBegriff »Geschlechtswechsel« zweifellos wörtlich aus. Sie wiederholten auch leichtgläubig Jorgensens vage Behauptungen, dass ihr Körper schon immerVariantenderGeschlechtsentwicklungaufgezeigthätteunddass biologischesGeschlechteinSpektrumsei.IneinemBriefanihreEltern, der oft zitiert wurde, teilte sie mit, dass bei ihr ein hormonelles Ungleichgewichtdiagnostiziertwordensei.»DieNatur«,soschriebsie, »hat einen Fehler gemacht, den ich nun korrigiert habe, und jetzt bin icheureTochter.«1957sagtesieineinemInterview:»Menschen,sowohl Männer als auch Frauen, sind beide Geschlechter. Ein Mann oder eine Frau kann höchstens achtzig Prozent maskulin oder feminin sein.«
Nach seinem Erfolg wurde Christian Hamburger, der Jorgensen in Dänemark behandelt hatte,mit Anfragenaus allerWelt regelrechtüberschüttet. Er lehnte sie alle ab. Es war ein in New York praktizierender Arzt,dersichanJorgensensRuhmhängteundderdengrößtenEinfluss auf die Medizin für Geschlechtsinkongruenz hatte.
Harry Benjamin, ein deutscher Endokrinologe, hatte seine Karriere als Bilderbuch-Quacksalber begonnen. Er kam 1913 als Assistent eines Betrügers, der einen wirkungslosen Impfstoff gegen Tuberkulose verkaufte,diesogenannte»Schildkrötenbehandlung«,nachNewYork.Der Betrug flog auf, und Benjamin ging dazu über, Testosteronpräparate undVasektomienalsAnti-Aging-Behandlungenanzupreisen.Siefunktionierten nicht, obschon er beides an sich selbst ausprobierte und mit 101 Jahren Lebenszeit (1885–1986) eigentlich die beste Werbung für seineProduktegewesenseinmüsste.Esistauchbekannt,dasserHirschfeld kurz vor dem Tod von Lili Elbe zu einer Vortragsreise durch die USA eingeladen hatte.
Nachdem er Christine Jorgensen 1953 bei einer Dinnerparty kennengelernt hatte, wurde er zu ihrem Endokrinologen. Zu diesem ZeitpunkthatteerbereitseinigeJahreHirschfeld’scheIdeengepredigt;nun verstärkte Christines Ruhm seinen Einfluss. Auf einem vom American Journal of Psychotherapy gesponserten Symposium im Jahr 1954 argumentierteer,dassalleMenschenausmännlichenundweiblichenKomponentenbestündenunddassmännliche»Transsexualisten«einekonstitutionelle Weiblichkeit – vielleicht aufgrund einer chromosomalen Geschlechtsstörung – hätten. Wie Hirschfeld hielt er es für vernünftig, sie mit Hormonen und Operationen zu behandeln. Es fiel ihm jedoch lange Zeit schwer, einen willigen Chirurgen zu finden. Denn die meisten hielten solche Menschen für verrückt und behandelten sie mit der üblichen Barbarei der damaligen Zeit, einschließlich Megadosen von Hormonen des eigenen Geschlechts und Elektroschocks.
1963 betreute Benjamin eine Patientin, die sich als Mann identifizierte.DiesePersonsollteeineebensogroßeRolleinseinerKarrierespielenwieJorgensen,wennauchhinterdenKulissen.Reed(Rita)Erickson, eintransMann,der1917alsMädchenzurWeltkam,hatteeinVermögengeerbtundfinanzierteeineReihevonForschungssymposienunter der Leitung Benjamins. Ein Jahrzehnt später wurde daraus die Harry BenjaminFoundation,die2006zurWorldProfessionalAssociationfor TransgenderHealth(WPATH)umbenanntwurde.Sieistnachwievor dieweltweiteinflussreichsteOrganisationaufdiesemGebiet.EricksonfinanzierteaucheinevonBenjamingeleiteteForschungsgruppe,dieinden USAein»Geschlechtswechselprogramm«einrichtenwollte.EinMitglied derGruppewarJohnMoney,einNeuseeländer,derinHarvardPsychologiestudierthatte,bevorerandieJohns-Hopkins-Universitätwechselte. EinschicksalsträchtigesEreignisderMedizingeschichtefürGeschlechtsinkongruenzistdasZusammentreffenderbeidenForscher BenjaminundMoney.BenjaminsahbiologischesGeschlechtalsSpektrum. Er glaubte, Personen von einer Seite des Spektrums durch pharmakologische und chirurgische Mittel in die andere Richtung lenken zu können. Money war der Ansicht, dass es nicht der Körper sei, der einen Menschen zum Mann oder zur Frau macht, sondern die stereotypen Geschlechterrollen, mit denen er in der Kindheit konfrontiertwar. Diese zwei Ideen bildeten eine neue Theorie über den Ursprung unddieBedeutungdesGeschlechtsinkongruenzerlebensundwiedamitumzugehensei.
Laut Money werde Mädchen in der frühen Kindheit klischeehafte Femininität beigebracht, was im Erwachsenenalter zu dekorativem, häuslichem und unterwürfigem Verhalten führe. Jungs hingegen würden von der Gesellschaft stereotype Maskulinität erlernen und so zu aktiven, aufgeschlossenen und dominanten Persönlichkeiten heranwachsen. Laut Money kann die Sozialisierung auch fehlschlagen. Es könnevorkommen,dasseinePersonfürihrGeschlechtsehruntypisch aufwächst,sichvielleichtsogardemanderenGeschlechtzugehörigfühlt und die soziale Rolle dieses Geschlechts übernimmt. In solchen Fällen seiesamklügstenundhumansten,denKörperzuverändern,damitdie Person wieder in die »natürliche Ordnung der Dinge« als Angehörige des anderen Geschlechts eingegliedert werden könne.
MoneysBeitragwarnichtnurtheoretischerNatur.UmseinHandeln zu verstehen, müssen wir einen Umweg zu einer der unrühmlicheren Episoden der modernen Medizin machen: zur Sterilisation und Geschlechtsangleichung von Kindern, die mit uneindeutigen Genitalien geborenwurden–einewinzigeUntergruppevonPersonenmitVarianten der Geschlechtsentwicklung. Heutzutage ist die Behandlung in der Regel konservativ. Ärztinnen und Ärzte führen Scans und Bluttest aus und bestimmen die Chromosomen (Karyotypisierung), um das biologische Geschlecht des Kindes zu ermitteln und die Variante zu diagnostizieren.KosmetischeOperationenwerdenzunehmendverschoben, bis das Kind alt genug ist, um einwilligen zu können. Doch Moneys Theorien führten damals zu einem interventionistischen Ansatz – mit schlimmenFolgenfürdiezukünftigeFortpflanzungsfähigkeit,sexuelle Gesundheit und das Wohlbefinden der betroffenen Kinder.
Money war der Ansicht, dass das, was er als Geschlechterrolle bezeichnete, das heißt, »all die Dinge, die eine Person sagt oder macht, um sich selbst als Junge oder Mann, Mädchen oder Frau zu erkennen zugeben«,indenerstendreißigLebensmonatenformbar–unddanach unveränderbar–sei.Erschlussfolgerte,dasseinkleinerJungemiteinem Mikropenis oder ein kleines Mädchen mit einer vergrößerten Klitoris mit beiderlei Geschlechtern gleich gut zurechtkäme, solange die Entscheidung früh getroffen würde und die Eltern nie davon abweichen würden. Da es viel einfacher war, Genitalien weiblich anstatt männlich aussehen zu lassen, waren es insbesondere Jungen, deren Geschlecht »neu zugewiesen« wurde. Den Eltern von Kindern mit typischen Chromosomen, aber Variationen in der Präsentation der Geschlechtsorgane, riet er routinemäßig, sie kastrieren und operieren zu lassen, damit sie weiblich aussähen, und sie als Mädchen zu erziehen.
1967 lernte Money den Patienten kennen, der seinen Ruf erst begründen und später zerstören sollte. Die Reimers, ein kanadisches Ehepaar, wurden Ende 1965 Eltern von eineiigen Zwillingsjungen. Im Alter von sieben Monaten wurden die Kinder einer routinemäßigen Vorhautbeschneidung unterzogen. Ein Stromstoß in der Kauterisierungsanlage führte dazu, dass der Penis des älteren Jungen irreversibel verbrannt wurde. Nach diesem Schock sah das Paar zufällig Dr. Money im Fernsehen, der seine Theorien präsentierte. Unsicher, was zu tun sei, schrieben sie ihm, und er versicherte ihnen, dass das Kind, wenn es als Mädchen erzogen würde, auch glauben würde, dass es das sei. Widerstrebend stimmten sie zu.
Die Kastration wurde durchgeführt, der Name des Kindes wurde von Bruce zu Brenda geändert, und die Reimers versuchten zu vergessen, dass sie jemals Zwillingsjungen hatten. Mehr als ein Jahrzehnt lang schrieb Money über den von ihm getitelten »John/Joan«-Fall in höchsten Tönen. Das »Mädchen« sei glücklich und feminin, liebe Puppen und Hausarbeit. Ihr Zwillingsbruder sei ein normaler, rauer und ungestümer Junge. Der Fall wurde immer wieder als Beweis dafür angeführt, dass körpergeschlechtliche Identitäten – als welches körperliche Geschlecht man sich identifiziert – in der frühen Kindheit sozial konstruiert würde. In Wirklichkeit war der Zwilling jedoch weder glücklich noch feminin. Money übertrieb jedes noch so kleine Anzeichen, das Kind würde sich in seiner weiblichen Identität wohlfühlen. Außerdem verschwieg er die unangenehme Wahrheit, dass »sie« in der Pubertät darauf bestand, als Junge gesehen zu werden. Schließlich sagten die Reimers ihrem Kind die Wahrheit. Der unglückliche Zwilling nahm den Namen David an und forderte seine männliche Identität ein. Als Erwachsener unterzog er sich einer Operation, um einen Neopenis zu konstruieren, heiratete eine Frau, die bereits Kinder hatte, und versuchte, das Ganze hinter sich zu lassen. Die Angelegenheit wurde öffentlich, als Sexualwissenschaftler Milton Diamond, der davon überzeugt war, dass Moneys Theorien Unsinn waren, David Reimer aufspürte. Die Geschichte wurde 1997 vom Journalisten John Colapinto in einem seither preisgekrönten Artikel in der Zeitschrift Rolling Stone und anschließend in einem Buch aufgearbeitet. Es folgten tragische Ereignisse: 2002 starb Davids Zwillingsbruder Brian an einer Überdosis von Antidepressiva, und zwei Jahre später brachte sich David im Alter von achtunddreißig Jahren mit einem Schuss in den Kopf um. In der Zeitspanne zwischen der ersten Geschlechtsangleichung und seinem Tod wurden weltweit Tausende von Kindern sterilisiert und in die Rolle des anderen Geschlechts gezwängt, auch wegen dieser angeblich so wunderbaren Erfolgsgeschichte.
Der Fall David Reimer wird manchmal als Beweis herangezogen, dass es ein angeborenes, inneres Gefühl für das eigene körperliche Geschlecht gibt. Schließlich wusste David selbst dann, als ihm gesagt wurde, er sei ein Mädchen, irgendwie, dass er in Wirklichkeit ein Junge war. Der Fall wird auch oft zitiert, um zu argumentieren, dass sich eine Person auch dann als das andere Geschlecht identifiziert, wenn dieses innere Gefühl nicht mit ihrer Biologie übereinstimmt. Eine unlogische Schlussfolgerung. Tatsache ist, dass Reimer tatsächlich ein Junge war und dass Money und seine Eltern ihn belogen, als sie etwas anderes behaupteten. Was ihn zu einem Jungen machte, war nicht dieses innere Gefühl, und ein ähnliches inneres Gefühl des »Junge-Seins« im Kopf eines biologischen Mädchens würde es nicht zu einem Jungen machen. Im nächsten Kapitel behandle ich die Bedeutung solcher Gefühle bei Kindern tiefgehender.
David Reimer war noch nicht auf der Welt, als sich Benjamin, Money und ihre Forschungsgruppe zum ersten Mal trafen. Doch ähnliche Operationen an anderen Kindern hatten die Chirurgen am Johns-Hopkins-Krankenhaus bereits darauf vorbereitet, das biologische Geschlecht von Erwachsenen »neu zuzuordnen«. Die erste derartige Operation wurde 1965 ohne großes Aufsehen durchgeführt. Sie blieb jedoch nicht lange geheim. Im Oktober 1966 wurde Avon Wilson – »ein umwerfendes Mädchen, das zugibt, vor weniger als einem Jahr ein Junge gewesen zu sein« – in der Klatschspalte der New York Daily News vorgestellt.
Benjamins Hauptwerk, The Transsexual Phenomenon, erschien im selben Jahr. David Cauldwell, ein Sexualwissenschaftler, der sich gegen »geschlechtsverändernde« Operationen aussprach, hatte zuvor den Begriff »transsexuell« geprägt, aber es war Benjamin, der ihn popularisierte, und er setzte sich schnell durch. Liest man das Buch zum ersten Mal mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung, hat man das Gefühl, das alles doch schon einmal gelesen zu haben. Es vermischt Erklärungen für Transsexualität, von denen keine mit den aktuellen Erkenntnissen der Evolutionstheorie, Entwicklungsbiologie oder Kinderpsychologie vereinbar sind, die aber alle in der einen oder anderen Form auch heute noch zitiert werden.
Benjamin bezieht sich beispielsweise auf Hirschfelds Geschlechterspektrum, indem er sagt: » […] jeder Adam enthält Elemente von Eva und jede Eva birgt Spuren von Adam, sowohl physisch als auch psychisch.« Er schreibt auch, dass es bei Transsexuellen eine Diskrepanz zwischen Körper und Geist gebe: »Ihr anatomisches Geschlecht, das heißt ihr Körper, ist männlich. Ihr psychologisches Geschlecht, das heißt ihr Geist, ist weiblich.« An anderer Stelle führt er ein neues Geschlechtermodell ein, bei dem der Sexus aus mehreren additiven Komponenten besteht: chromosomale, genetische, anatomische, rechtliche, gonadale, germinale (gemeint ist die Produktion von Eizellen oder Spermien), endokrine (hormonelle), psychologische und soziale Eigenschaften. Außerdem knüpft er an Moneys Theorien an: Sobald sich das »Gendergefühl« – eine Art Amalgam aus Gefühlen, Einstellungen, Wünschen und Selbstidentifikation – durchgesetzt habe, müsse das biologische Geschlecht »weichen«, wenn es nicht mit diesem Gefühl übereinstimme.
Es war alles andere als einfach, in Benjamins neuer Klinik für eine Operation zugelassen zu werden. Patientinnen und Patienten mussten psychisch stabil sein und beweisen können, dass sie ihre angenommene Geschlechtsidentität seit mehreren Jahren lebten. Wenn die Ärztinnen und Ärzte glaubten, die Person würde nach der OP nicht heterosexuell sein und/oder von der Gesellschaft nicht als das gewünschte Geschlecht eingeschätzt werden, wurde sie abgewiesen. Die Gesamtzahl der in der Klinik ausgeführten Operationen war gering, nur vierundzwanzig in den ersten dreißig Monaten bei mehr als zweitausend Anträgen, und die Klinik existierte auch nicht lange. Sie wurde gegen interne Widerstände eröffnet und 1979 geschlossen.
Ende der 1980er-Jahre gab es in den USA bereits mindestens fünfzehn Kliniken für geschlechtsangleichende Operationen – mit Personal, das am Johns-Hopkins-Institut ausgebildet worden war – und etwa eintausend trans Menschen, die sich einer Operation unterzogen hatten. Mehr noch als Lili Elbe mit ihrem kurzen Leben voller Leiden war Christine Jorgensen der ersehnte Machbarkeitsnachweis. Durch die Hand Benjamins war sie zu einem Phänomen geworden.
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Der Fall Corbett gegen Corbett ist die vielleicht bezeichnendste Klatschgeschichte. Arthur Corbett, später der dritte Baron Rowallan, überzeugte einen britischen Richter davon, seine Ehe mit April Ashley aufzulösen. Er war ein alter Eton-Absolvent, Erbe eines schottischen Adelstitels und Besitzer des Jacaranda-Klubs an der Costa del Sol; sie war in einem Slum in Liverpool geboren und arbeitete als Tänzerin in einem Pariser Burlesque-Club. Sie heirateten 1963, trennten sich aber kurz darauf. Einige Jahre später forderte sie Unterhaltszahlungen und die Villa in Marbella. Er wollte die Ehe für ungültig erklären lassen – mit der Begründung, sie sei keine Frau.
Es können viele Parallelen zwischen Ashleys frühem Leben als George Jamieson und Wegeners sowie Jorgensens gezogen werden: eine traurige Überzeugung der eigenen Andersartigkeit und eine Vorliebe für die Gesellschaft von Mädchen. Nach einer kurzen, unrühmlichen Karriere in der Handelsmarine, einem gescheiterten Suizidversuch und der Einweisung in eine psychiatrische Klinik fand George seinen Weg in den Pariser Nachtclub Carrousel, wo er 1955 im Alter von zwanzig Jahren unter dem Namen Toni Arthur als Frauenimitator auftrat. Wie viele andere Darsteller im Nachtclub nahm auch er Östrogene ein, um rundere Kurven zu bekommen. Drei Jahre später unterzog sich die Hauptdarstellerin Coccinelle (Französisch für Marienkäfer) in Casablanca einer operativen Genitalangleichung bei dem aufstrebenden Chirurgen Georges Burou, der nur fragte, ob man bei der Ankunft mehrere Tausend Dollar zahlen konnte, vorzugsweise in Reisechecks. Jamieson sparte das Geld zusammen, schrieb Burou und bestieg 1960 ein Flugzeug in Richtung Casablanca.
Burou war Gynäkologe und Geburtshelfer. Basierend auf seinem Wissen über die weibliche Beckenregion erfand er eine Technik zur chirurgischen Angleichung der männlichen Anatomie an die weibliche. Vorbei waren verschwenderische Serien von Operationen, bei denen Penis und Hodensack weggeworfen wurden und an anderer Stelle wie dem Oberschenkel Gewebe gewonnen werden musste, um eine neovaginale Höhle auszukleiden. Burou konnte stattdessen in einer einzigen Sitzung die inneren Teile von Penis und Hodensack entfernen und die Haut und Nerven der Organe verwenden für eine Kolpopoese.49 Er bestand nicht darauf, dass sich seine Patienten zuvor beraten ließen oder sich für eine gewisse Zeit als Frauen präsentierten. Seine einzige Bedingung war, dass sie in seinen Augen wie Frauen aussahen. »Ich weise viele Menschen ab, wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass sie ein feminines Aussehen haben«, sagte er 1970 einem Journalisten des Sunday Mirror.
Der vielleicht berühmteste Patient Burous war James Morris, später Jan. Als James war er der einzige Journalist, der die Everest-Expedition von 1953 begleitete. Morris unterzog sich 1972 einer operativen Genitalangleichung in Casablanca. Jans Autobiografie Conundrum, die zwei Jahre danach herauskam, trug viel zur späteren Bekanntheit Burous bei. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erhielt Burou mindestens zwei Anfragen pro Tag, und jede OP dauerte nur etwa eine Stunde. Jahrelang hielt er seine Methoden geheim, bis er sie schließlich auf einer Konferenz in Stanford im Jahre 1974 vorstellte. Danach wurden sie weltweit kopiert.
Zurück zu April Ashley. Sie kehrte von Casablanca nach Paris zurück, wo sie Arthur Corbett kennenlernte. Er war bereits verheiratet und hatte vier Kinder, war seiner Frau aber keineswegs treu. Seit Langem schon zog er sich zu erotischen Zwecken Frauenkleider an. Es war Arthur, der Ashley aufsuchte, weil ihn ihre Verwandlung faszinierte, von der er in einschlägigen Kreisen gehört hatte. Er unterstütze sie bei der Änderung ihrer personenstandsrechtlichen Angaben. Sie änderte ihren Namen per Namensänderungsurkunde zu April Ashley und forderte einen neuen Reisepass an, in dem ihr Geschlecht als weiblich eingetragen sein würde. Arthur war so von ihr besessen, dass seine Ehe in die Brüche ging.
Ashley arbeitete als Fashionmodel, als einem Bekannten ihre Ähnlichkeit zu Toni Arthur, dem Frauenimitator, auffiel. Er steckte die Information der Sonntagszeitung Sunday People. Ashleys Modelaufträge versiegten und ihre aufkeimende Karriere als Schauspielerin starb einen plötzlichen Tod. Doch die Publicity schreckte Corbett nicht im Mindesten ab. Im Gegenteil: Ashleys Transsexualität war die Attraktion, und er gab der Klatschpresse ausführliche Interviews über ihre Verlobung. 1963 heirateten sie, wofür Ashley ihre Identität mit ihrem neuen Pass nachwies. Bereits nach zwei Monaten folgte die Trennung. Als Ashley einige Jahre später die Besitzurkunden für das Haus, das er ihr angeblich versprochen hatte, verlangte, leitete Corbett das Verfahren ein, um die Ehe aufzulösen.
Die Anhörung, die 1969 folgte, war tief entwürdigend für Ashley. »Geschlechtsverkehr mit dem völlig künstlich geschaffenen Hohlraum kann niemals echten Geschlechtsverkehr darstellen«, urteilte Lord Justice Ormrod. Ashleys Verhalten erinnere an den erfolgreichen Frauenimitator, hieß es weiter. Am verheerendsten war seine Schlussfolgerung, dass »die beklagte Person keine Frau ist und zum Zeitpunkt der Eheschließung auch keine Frau war, sondern ein Mann.« Es sei irrelevant, dass Corbett gewusst habe, dass Ashley transsexuell war; nur die Bindung zwischen Mann und Frau stelle eine Ehe dar, und Ashley und Corbett seien beide Männer.
Mit diesem Urteil wurde im britischen Recht verankert, dass Männer und Frauen zumindest für die Zwecke der Ehe rein biologische Begriffe sind. Da keine Operation das biologische Geschlecht ändern konnte, durften Transsexuelle nicht in ihrer neuen Rolle heiraten. Da der Nationale Gesundheitsdienst aber gelegentlich operative Genitalangleichungen ausführte, bedeutete das Urteil auch, dass der britische Staat zwar bereit war, die Kosten für die Körperangleichung zu übernehmen, aber nicht, um dieser Person die Eheschließung zu ermöglichen, da damals eine eheliche Verbindung zwischen zwei Frauen praktisch und gesellschaftlich unmöglich und eine zwischen zwei Männern rechtswidrig gewesen wäre. (Die offensichtliche Lösung – die Zulassung der gleichgeschlechtlichen Ehe – war damals undenkbar.)
WennmanaufdaserstehalbeJahrhundertdesTranssexualismuszurückblickt,wirddeutlich,dassMitarbeitendeinBehördenihreAufgabe lange als die Klärung einer bedeutungslos kleinen Anzahl irregulärer Situationenbetrachteten.EineAufgabe,diesiemiteinem
