Falkenjagd - Susanne Betz - E-Book

Falkenjagd E-Book

Susanne Betz

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Beschreibung

Eine außergewöhnliche Frau, so frei wie ein Falke!

Ein farbenprächtiger historischer Roman um eine faszinierende Frau des deutschen Rokkoko: Friederike von Preußen, die Schwester Friedrichs des Großen.
Hinreißend erzählt: Susanne Betz erweckt das Zeitalter der Reifröcke, gepuderter Perücken und intriganter Hofzwerge zu prallem Leben!

Preußen 1729: Die vierzehnjährige Friederike, die Schwester Friedrichs des Großen, wird mit dem Markgrafen Charles von Ansbach verheiratet. Das intrigante und frivole Hofleben gerät der jungen, blitzgescheiten Markgräfin jedoch bald zum Gefängnis. Zudem hat der aufbrausende Charles eine Mätresse aus dem Volk und interessiert sich nur für die Falkenjagd. Dennoch gelingt es Friederike, dem höfischen Daueramüsement zu entgehen, indem sie Anatomie studiert und mit dem Anbau von Kartoffeln ihre Untertanen vor dem Hungertod rettet. Indem sie sich Stück für Stück von den überkommenen Konventionen befreit, öffnet sich die faszinierende Markgräfin schließlich auch für die Liebe …

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Widmung
Lob
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
 
Dichtung und Wahrheit
Literaturauswahl
Copyright
Buch
Preußen 1729: Mit vierzehn Jahren wird Friederike, die Schwester Friedrichs des Großen, mit dem Markgraf von Ansbach verheiratet. Doch anstatt sich mit seidenen Gewändern und pompösen Perücken, rauschenden Bällen und frivolen Liebschaften die Zeit zu vertreiben, gilt Friederikes ganze Leidenschaft der Anatomie. Eine Wissenschaft, die für Frauen im Zeitalter des Rokoko gänzlich tabu ist. Während ihr Mann Charles eine Mätresse aus dem Volk hat und das ganze Staatsvermögen für die Falkenjagd verprasst, begeistert sich Friederike in ihren Ländereien für neue Methoden von Ackerbau und Schweinezucht. Der Hofstaat ist entsetzt. Auch, weil sie sich weigert, ihr Gesicht mit arsenhaltigem Puder zu schminken und – noch viel schlimmer – weil sie sich wäscht! Im Selbstversuch hat Friederike nämlich festgestellt, dass sie seither viel weniger von lästigem Ungeziefer und Krankheiten geplagt ist. Doch als sie ihre Untertanen vor dem Hungertod rettet, weil sie sie dazu bringt, nahrhafte Knollen anzubauen und zu essen, die die Entdecker aus Amerika mitgebracht haben, beginnt das Volk die eigenwillige Markgräfin zu lieben. Schritt für Schritt löst sich die kluge Markgräfin von den höfischen Konventionen einer untergehenden Epoche und öffnet sich für die Ideen einer neuen Zeit. In dem jungen Heinrich von Gleichen, einem vermeintlichen Spitzel ihrer Schwester Wilhelmine von Bayreuth, erfährt Friederike schließlich die wahre Liebe. Und während die Truppen ihres Bruders mordend und brandschatzend durch das kleine Markgrafentum ziehen, macht sie ihr größtes wissenschaftliches Experiment und entdeckt das wahre Geheimnis menschlichen Lebens.
Autorin
Susanne Betz wurde 1959 in Gunzenhausen geboren. Sie studierte Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften in Deutschland, den USA und Kolumbien. Danach arbeitete die promovierte Historikerin bei diversen deutschen und amerikanischen Tageszeitungen und Zeitschriften. Seit 1993 ist sie Hörfunkredakteurin in der Abteilung Politik des Bayerischen Rundfunks. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von München und schreibt an ihrem zweiten Roman.
Für Roland
Gott hat uns in die Welt gesetzt, damit wir uns amüsieren.
Voltaire
1
In den meisten Schüsseln schwammen wieder bleich gekochte Rüben. In anderen sackte fahler Kohl in sich zusammen. Friederike hatte es geahnt. Nur auf einer Platte dampfte ein Wildschweinbraten, garniert mit säuerlich in die Nase stechenden Kaldaunen. Wie jeden Mittag genügte Friederike ein Blick, um die Tafel abzuschätzen. Sofort wusste sie, wie viel jedes der Kinder erwarten konnte. An diesem Julimorgen des Jahres 1728 hatte ihr allerdings ein Lakai etwas krümeliges Brot aus der Hofbäckerei zugesteckt, so dass ihr Magen nicht so leer war wie sonst. Ihr dicker, sechsjähriger Bruder August Wilhelm, der immer neben dem Vater sitzen durfte, sagte unverdrossen fröhlich wie einen Abzählreim das Tischgebet herunter. Der König küsste sein Lieblingskind auf die breite Stirn und legte ihm eigenhändig ein Stück Fleisch auf den Teller. Beide begannen zu schmatzen.
Friederike spürte einen Rempler an ihrer linken Seite, und schon schob Lottine ihr die heiße Bratenportion der ältesten Schwester Wilhelmine in die Hand, die wie üblich unter dem Tisch an den Bruder Friedrich weitergegeben werden sollte. Wenn der Vater nur nichts merkte.
Aber heute verzog sich sein massiges Gesicht nicht wie sonst so oft gleich zu Beginn des Essens zu einer finsteren Grimasse. Wohlwollend schaute der König auf seine Kinderschar, die wie bei einer Bürgersfamilie mit ihm und der erneut schwangeren Königin ohne großes Zeremoniell an einem nur mit Zinntellern gedeckten Tisch speiste. Friederike wusste, dass ganz Europa über diesen Brandenburger Emporkömmling und seinen kümmerlichen Hof spottete. Ihre Mutter, die Tochter Georgs I. von England, sagte es ihr oft genug. Nicht nur, dass er selbst den wöchentlichen Speiseplan für Schloss Wusterhausen zusammenstellte und nur deftige Hausmannskost – noch dazu viel zu wenig – auftragen ließ, er feilschte auch um jeden Kreuzer, damit er noch mehr Monturen für noch mehr Soldaten kaufen konnte. Am Dresdner Hof dagegen wurden Schwalbennester aus China zu Suppen verkocht, um für die Sensation eines einzigen rauschenden Fests zu sorgen. Man trug dort Schwindel erregend hohe Türme aus Zuckermasse und Marzipan auf, über die man neuerdings auch in Versailles redete. Friederike hatte im Gegensatz zu den kleineren Geschwistern immerhin schon Konfekt gegessen, aber erst nachdem sie dreizehn geworden war und zu den Empfängen ihrer Mutter zugelassen wurde. Vor deren Boudoir und Spieltischen musste nämlich auch der Geiz des Vaters strammstehen.
»Ickerle, hör jetzt gut zu«, sagte der König und rülpste nach einem großen Schluck Bier.
 
»Mein liebes Ickerle, du machst deinen Vater nach seinem vielen Kummer mit der englischen Kanaille heut zu einem frohen Menschen, der sich endlich wieder an Gottes hellem Tag freuen kann.«
Die Lakaien blieben, die Vorlegegabeln noch in der Luft, reglos stehen. Die Königin riss die Augen auf und presste die rechte Hand auf ihren gewölbten Leib. Wilhelmine, der das Schimpfwort gegolten hatte, suchte panisch den Blick des Kronprinzen, an dessen Hals in Sekundenschnelle rote Flecken zu leuchten begannen.
Friederike legte langsam Messer und Gabel zur Seite und schaute den Vater über den Tisch hinweg stumm an. Sie fror vor Angst, aber man sah es ihr nicht an.
Der König bekam, noch bevor er weitersprach, feuchte Augen. Der Mann, der seine Töchter und Söhne mit Stuhlbeinen schlug, war gern und oft gerührt.
»Ich bin mir heut Morgen mit Hofmeister Herrn von Bremer, der die Verhandlungen für die verehrte Ansbacher Markgräfin führt, über alle Modalitäten und auch das Geld einig geworden.«
Der schwere Mann im schlichten dunkelblauen Uniformrock eines Obersten schnaufte noch einmal schwer ein und aus und fuhr dann fort. »Der Ehekontrakt kann nun also als ein schönes Stück Einigkeit unter uns Brandenburgern fixiert werden. Unser Haus muss wieder zusammenwachsen und Preußen im Süden des Reiches Ansehen gewinnen. Und du, Ickerle, sollst mir den ersten Enkel schenken …«
Der König verstummte, weil ihm jetzt die Tränen so heftig aus den Augen quollen, dass er sich in seine Serviette schnäuzen musste.
Ein pfeilspitzer Blick der Mutter durchbohrte Friederikes Gefasstheit. Mit Mühe hielt sie auf ihrem Stuhl die Balance. Ihre Hände klammerten sich an die Tischplatte. Ansbach also. Markgräfin von Ansbach. Friederike sagte nichts. Im Mund lag ihr ein Stück ledriger Kohl, und sie hatte bislang noch kein Fleisch bekommen.
»Ein guter Bursch soll er sein, der Ansbacher Vetter. Keiner von den Tagedieben mit seidenen Ärschen und äffischen, gottlosen Manieren, darum will ich ihn auch, wenn er herkommt, in mein Tabakskollegium einladen. Freilich hat der Ansbacher leere Taschen. Aber die werde ich ihm meinetwegen und deinetwegen stopfen.«
Der König lachte rau und trank wieder gierig aus seinem Krug, wobei er Friederike mit seinen winzig kleinen Augen fest im Blick behielt.
»Lutherisch musst du halt werden, weil sich die Vettern unten im Süden nie mit der viel gottgefälligeren Lehre Calvins, die uns und den guten Holländern so viel Nutzen bringt, anfreunden konnten. Vielleicht hat Gott den Armen aber auch die Erleuchtung verwehrt und bewusst nur wenigen …«
Wieder überkam den Mann, der vor fünfzehn Jahren von seinem Vater ein durch Schwelgereien, Mätressen und Faulheit zerlumptes, bettelarmes Land übernommen hatte, ein so übermächtiges Gefühl, dass seine Worte in Schluchzen untergingen. Fünfzehn Jahre hatte er, Friedrich Wilhelm, jeden Knopf, der für seine Soldaten gebraucht wurde, extra registrieren lassen. Systematisch merzte er die geldverschleudernde Wollust der Spitzen, Seidenstrümpfe, italienischen Opern, philosophischen Traktate und sonstigen Hurereien des Geistes und des Fleisches aus, die nur den ausländischen Händlern Reichtum brachte, das Land dagegen in Armut stürzte. Der König trug schwer an seiner Bürde. Er war kein glücklicher Mensch. Tief im Herzen wünschte er sich nichts mehr, als ein Bürger Hollands zu sein. Inmitten einer Gemeinschaft anderer herzhafter und hart arbeitender Herren, auf deren Rechtschaffenheit Gottes Wohlgefallen ruhte. Aber er war nun mal in dieses Joch gespannt und musste als Amtmann Gottes den störrischen Preußen Sparsamkeit und Pflichterfüllung beibringen. Die ihn dafür allerdings so wenig liebten wie seine eigenen Kinder.
Bei diesem Gedanken angekommen hätte Friedrich Wilhelm am liebsten mit beiden Händen den Tisch umgestoßen, an dem seine Frau saß, die er nie betrog und der er brav Jahr für Jahr ein Kind machte, was ihm von ihrer Seite nichts als Verachtung einbrachte. Und erst sein läppischer erster Sohn, der heimlich französische Bücher kaufte und schiefe Blicke mit Wilhelmine, der Kanaille von Tochter austauschte, die gegen ihn intrigierte, bloß um nach England zu heiraten. Das Blut wallte in ihm auf, denn das Bier hatte ihn heute noch nicht genügend ermüdet.
»Wenn mein Vater es wünscht, dann heirate ich den Markgrafen von Ansbach.«
Friederike, die keiner weiter beachtet hatte, weil alle die Sekunden bis zum Ausbruch des Königs zählten, sagte diesen Satz laut und deutlich.
Der König reagierte nicht gleich, denn schon gärte wieder Misstrauen in ihm. Hatte aus der Stimme seiner Tochter vielleicht mehr Entschlossenheit als Gehorsam geklungen? Ihr hatte er bislang immer getraut. Friederike gehörte nicht zu den Speichelleckern und aalglatten Lügnern, die an seinem Hof gegen ihn arbeiteten. Gottlob durchschaute er sie alle. Seine zweitälteste Tochter war so wie er, geradeheraus, sparsam und mit einem erstaunlich guten Sinn für die Realität. Trotzdem musste er immer auf der Hut sein. Während er sich dafür entschied, ihr wortreich und herzlich zu ihrer guten Wahl zu gratulieren, studierte er gleichsam zum Abschied ihre äußere Erscheinung noch einmal genau.
Eine Schönheit war sie durchaus, obgleich keine strahlende. Nase, Kinn, Wangenknochen ergaben ein hübsches, noch rundes Kindergesicht. Ihren Teint hatten gottlob bislang keine Pockennarben verdorben. Die Augen, die musste man wirklich extra loben, so schimmernd blau und groß waren sie. Das mit dem Bein, das jetzt ein wenig lahmte, tat ihm leid. Ein Mädchen von vierzehn Jahren, mit noch etwas eckigen Schultern und zarter Brust. Gott gebe, dass sie so schnell und leicht Kinder empfangen und gebären würde wie ihre Mutter, der sie mehr als die anderen Töchter ähnelte. Obwohl sie natürlich nie die Blicke auf sich ziehen würde wie seine Dorothea Sophie, von der man, als sie jung war, in ganz Europa als der Prinzessin mit der schmalsten Taille und dem vollsten Busen geschwärmt hatte. Darauf war sie immer noch stolz und vor allem darauf, eine Welfin zu sein. Auch das war eine Bürde, die Gott ihm auferlegt hatte. Der König schnaufte wieder sorgenvoll und hob die Tafel wie immer um Punkt ein Uhr auf.
 
Der kleine, schwergewichtige Mann schlurfte mit den Grimassen Wilhelmines und der herausgestreckten Zunge Friedrichs im Rücken davon. Allein ging er in den Hof und die Stufen hinauf zum Küchenbrunnen. Hier, umgeben von einem soliden schmiedeeisernen Gitter, stand an schönen Tagen sein Lehnstuhl. Er ließ sich fallen, streckte die Beine von sich und schlief augenblicklich ein.
 
Friederike wusste, dass der König ihrer Gouvernante, Fräulein von Montbail, Geld für den Fall zugesteckt hatte, dass sie nicht gleich der Ehe mit dem Markgrafen zustimmte und überredet werden musste. Merkwürdigerweise vergaß der König jedoch, die kleine Summe zurückzuverlangen. Friederike konnte sich deshalb von ihr einen Dukaten erbetteln. Der Hof hatte mit dem Ende des Sommers das feuchte Schloss Wusterhausen mit seinen engen Dachkammern und kleinen Fenstern verlassen, das mehr einem Kastell glich und noch dazu als unbeheizbar galt – ein Ort, an dem die Nähe des königlichen Vaters noch schwerer zu ertragen war.
 
Zurück im Berliner Stadtschloss, besserte sich auch die Laune der Mutter wieder. Jede Nacht spielte sie mit ihren Damen und Herren Tokkategli und sammelte Schulden und Schmeicheleien. Friederike wurde von ihr geschnitten. Die Mutter verzieh ihr nicht, dass sie so dumm gewesen war, der Heirat mit dem Ansbacher Bauerntölpel zuzustimmen. Einmal, als ihr Friederike über den Weg lief, hielt sie das Mädchen am Ärmel fest und rief ihren Hofdamen mit beißendem Spott in der Stimme zu: »O kommen Sie, kommen Sie, erweisen Sie der Hirtin von dreitausend Schafen und vierhundert Ziegen Ihre untertänigste Aufwartung.«
 
Friederike versank zitternd in einen tiefen Knicks. Dabei fiel ihr einer der papierenen Lockenwickel aus dem Haar und wurde von einem Luftzug über den Boden gefegt. Friederike wollte sich gerade bücken, da zürnte ihre Mutter aufs Neue: »Lassen Sie nur, dergleichen werden Sie in Ansbach ohnehin nicht brauchen. Die Bauernmädchen dort flechten ihre Haare.«
Die Königin zog ihre älteste Tochter Wilhelmine aus dem kichernden Tross und stellte sie Friederike gegenüber wie eine Statue.
»Sehen Sie sich Ihre unglückliche Schwester genau an, und hüten Sie sich davor, Ihre Mutter so zu beschämen wie sie. Sie sind zur Königin von England bestimmt! Denken Sie immer daran.«
Wilhelmine im dottergelb wippenden Reifrock, tadellos gepudert und geschminkt, lächelte ihre Mutter auf das Liebenswürdigste an.
»Ich werde erst vollkommen glücklich sein, wenn ich meiner lieben Frau Mama am Hof von St. James eigenhändig die Schokolade servieren darf.«
Wilhelmines Blick auf Friederike war noch demütigender als der der Mutter, weil sie zuckersüß lächelte.
Friederike verharrte weiter im Knicks, schwindlig und benommen von der öffentlichen Erniedrigung. Als sie sich schließlich wieder aufrichtete, streifte ihre Hand den harten Dukaten in der Rocktasche. »Das ist gut«, flüsterte sie zu sich selbst, »das ist gut.« Sie biss sich auf die Unterlippe und fing erst an zu weinen, als die Königin am Ende des Ganges verschwand.
Friederike eilte die Treppen hoch, einen langen Flur entlang und ließ dabei das Dukatenstück nicht los. Allein dafür, so dachte sie, hat sich die Verlobung gelohnt.
 
Am meisten Geld kostete es sie, den Kutscher zu bezahlen, der sie und die Montbail drei Tage später bei Einbruch der Dunkelheit zum »Weißen Elephanten« fuhr. Schließlich drohte ihm Kerkerhaft, sollte er erwischt werden. Friederike war noch nie so tief in die engen, nach Kot stinkenden Eingeweide der Stadt vorgedrungen. Natürlich hatte sie auch noch nie ein Gasthaus betreten.
»Flöhe gibt es auch im Schloss genug, die fangen wir uns hier nicht extra ein«, sagte das Fräulein von Montbail und zog Friederike, bevor sie die Tür öffnete, die dunkle Haube tief ins Gesicht, damit ja niemand sie erkannte.
 
In der Schankstube schwappte ihnen laute Heiterkeit entgegen. Wildfremde Menschen lachten und klatschten einander auf die Schultern. Männer legten, wie Friederike fand, ungemein hübsch aussehenden Mädchen den Arm um die Hüften. Andere klopften sich johlend auf die Schenkel, hoben große Krüge vor ihre rot schwitzenden Gesichter und prosteten sich gegenseitig zu. Von Minute zu Minute nahm das Brausen und Gedränge zu. Diese Stimmung, in der sich selbst Hunde und Kinder fröhlich tänzelnd durch die überfüllten Stuhlreihen schoben und man sie und die Montbail wie alte Freundinnen willkommen hieß, erfüllte Friederike mit einer unbekannten, nervösen Freude. Zu gern hätte sie eines der ausgelassenen Mädchen in ihrem Alter an die Hand genommen oder vielleicht sogar mit ihm gesprochen. Aber solch einen Umgang hatte sie nie geübt, und sie fühlte sich wie ein Insekt, das man aus dem Sand geklaubt und in eine wuchernde Graslandschaft versetzt hatte. Schnell suchte sie deshalb Zuflucht hinter dem breiten Rücken eines jungen Mannes, der wie ein Russe, vielleicht auch wie ein Türke aussah. Als sich dieser jedoch zu ihr umdrehte und sie zu einem Branntwein einlud, rückte sie rasch ein Stück von ihm ab an die Wand. Die Montbail verlor sie dabei aus den Augen.
 
Für die Vorführung war schon alles vorbereitet. An der Stirnseite des Schankraums hatte man ein Podest gezimmert und davor, quer von Wand zu Wand, einen prächtigen roten, allerdings nicht ganz sauberen Vorhang gespannt. Dieser beulte sich immer wieder aus und ließ erahnen, dass dahinter schon einiges los war. Die Besucher des »Weißen Elephanten«, Alte wie Junge, angesehene Kaufleute mit ihren Familien und müde Prostituierte, gerieten außer Rand und Band und stampften und klatschten so laut, dass die Schankmädchen unter großem Gelächter ihre Bierkrüge verschütteten.
 
Friederike hatte von dem Ereignis ganz nebenbei durch ihren Bruder Friedrich erfahren, der sich freilich beklagte, dass solche Narreteien immer noch ihren Weg über die Grenzen nach Preußen fanden, nicht aber mehr französische Schriften und Gelehrte oder zumindest französische Tanzmeister. Seitdem dachte sie unentwegt über Möglichkeiten nach, die Menagerie aus Paris zu sehen. Auch deshalb hatte sie so schnell in die Verlobung eingewilligt. Zusätzlicher Ärger mit dem Vater oder gar Stubenarrest hätten ihre Pläne zerstört. Die vergangenen Nächte, als klar war, dass sie genügend Geld für den Eintritt und vor allem den Kutscher beisammenhatte, schlief sie wenig. Die Aussicht auf einen zimtfarbenen Wilden aus den Wäldern Französisch-Amerikas ließ alles andere unwichtig werden, selbst den blond gelockten Prinzen, dessen Porträt inzwischen aus Ansbach eingetroffen war.
Als der Vorhang ruckartig zur Seite ging, erstarrte die zweite Tochter des preußischen Königs vor Enttäuschung. Auf der Bühne war nichts, aber auch gar nichts von dem zu sehen, was sie erwartet hatte und für das sie ein solches Risiko eingegangen war. Stattdessen erblickte sie nur, was sie schon längst aus dem verstaubten Raritätenkabinett ihres verstorbenen Großvaters kannte:
Auf einem langen Holztisch reihte sich ein Glaskolben, gefüllt mit menschlichen und tierischen Missgeburten, an den anderen. Zum Erbarmen gekrümmte Föten krallten ihre korallenrosa Finger an die Scheiben. Eine Katze, aus deren Nacken ein zweiter Kopf mit aufgerissenem und spitz bezahntem Maul wuchs, glotzte aus seinem Spiritussaft das Publikum an.
»Mesdames et messieurs, das ist die abgetriebene Frucht«, zischte der Conférencier mit bedeutungsvoll abgesenkter Stimme, »einer vor fünf Jahren in Lyon verbrannten Hexe, die mit jedem Jesuitenpfaffen in vierzig Meilen Umkreis Unzucht trieb, schlimmer als die Huren Babylons.«
Die Menschen um Friederike stöhnten auf.
»Und noch etwas darf ich Ihnen, aber nur Ihnen, weil Sie gottesfürchtige und unerschrockene Leute sind, verraten«, säuselte das spindeldürre Männlein weiter, von dem Friederike vermutete, dass es gar kein Franzose, sondern ein gallisch radebrechender Sachse war, »das Geschöpf der Hölle da zuckt jedes Mal bei Vollmond so wild wie der Leibhaftige beim Vaterunser aus dem Mund einer Jungfrau.«
Während sich die anderen Zuschauer bekreuzigten oder nach dem einen oder anderen Talisman in der Tasche griffen, beugte sich Friederike weit vor, konnte aber nur ein kleines, bernsteinfarbenes Fleischklümpchen mit sanft geschlossenen Augenlidern erkennen, das in seinem Glasbehälter träumte.
 
Als Pausenfüller wurde eine Runde Branntwein ausgeschenkt. Eine beleibte Frau vor ihr in der Tracht der Wäscherinnen wechselte den Platz, so dass Friederike auch wieder die Montbail entdeckte, die sich gerade von einem Chevalier ein Glas reichen ließ und lachend die Zähne blitzen ließ. Der Tisch wurde von der Bühne getragen, und eine Familie verwachsener Zwerge mit vorquellenden Augen in geradezu höfischer Kleidung marschierte auf. Die Eheleute tanzten zum Spiel einer Geige, die winzigen, kugelrunden Kinder vollführten Purzelbäume und bildeten schließlich eine Art Pyramide. Voller Zorn dachte Friederike an ihr gutes, unsinnig verschwendetes Geld.
Dass mittlerweile auch noch eine Dame mit einem Kropf, so prall wie ein Kuheuter kurz vor dem Melken, in Begleitung eines Feuerschluckers auftrat, nahm sie nur noch am Rande wahr. Als ihr der junge Russe, der vielleicht auch ein Türke war, wieder seine Branntweinflasche hinhielt, lehnte sie nicht ab. Die blauen Flammen, die auf der Bühne hüpften, verschwammen in ihren Tränen.
»Ist dem Fräulein nicht wohl, will es sich ausruhen? Ich logiere nur ein paar Schritte von hier. Kommen Sie mit«, sagte der junge Mann mit der Branntweinflasche und legte den Arm um ihre Taille, wie es vor Beginn der Vorstellung auch schon andere Männer mit den Mädchen gemacht hatten.
Wie freundlich und hilfsbereit die Menschen hier doch sind, dachte Friederike und antwortete ihm höflich: »Ich will Ihnen keine Mühe machen. Es geht mir schon viel besser.«
Was auch tatsächlich stimmte, denn sie hatte zum dritten Mal von seinem Branntwein getrunken. Der junge Mann drückte sich jetzt so nah an sie, dass sie den Trommelwirbel nur gedämpft vernahm.
»Die wilden Rothäute aus Französisch- …«, plärrte der Conférencier. Friederike stemmte ihre Hände mit aller Kraft in den schmalen Spalt zwischen sich und dem russischen Türken und pflügte sich durch die Menge. Dann stand sie an der Rampe zur Bühne, kerzengerade und wach wie nie zuvor in ihrem Leben.
Es waren sogar drei Wilde. Zwei schmächtige in voller Bemalung und mit einem Band um den Kopf, an dem lange blaue Federn herunterhingen. In ihrer Mitte stand ein größerer, jüngerer Mann. Er schwang ein Kriegsbeil durch die Luft und war bis auf einen Lederschurz unbekleidet. Gebannt starrte Friederike ihn an.
Seine Brust war blank wie die feinste Kommode aus Kirschholz und gänzlich unbehaart. Seine Brustwarzen saßen wie Rosenknospen auf den fettlosen Rippen. Eine kleine Kopfbewegung brachte sein blauschwarzes Haar zum Zittern, und auf Geheiß seines Dompteurs drehte sich der Wilde um, damit man das Spiel seiner Rückenmuskeln sehen konnte.
Der Duft von geraspelten Orangenschalen, ausgelassenem Gänsefett und ein wenig auch von warmen Pferdeäpfeln wehte zu ihr hinunter.
Aus dem Gemurmel des Wirtshaussaals heraus grölte eine Frauenstimme: »Für mein Geld will ich auch sehen, was er drunter zu bieten hat.«
Eine andere überschrie sie noch: »Vielleicht mehr als die Burschen hier, dann soll er gleich bleiben und uns den Winter versüßen.«
Der Wilde verzog keine Miene, aber der Conférencier wurde nervös. Die geilen Weiber drohten, ihm die Vorstellung zu sprengen. Also stellte er sich eilig an einen hölzernen Pfahl, ließ sich von den beiden Indianern im Federschmuck fesseln, während der junge Wilde vom Stamm der Huronen mit einer einzigen Bewegung, die die Luft zum Sirren brachte, sein Beil so schleuderte, dass es einen Fingerbreit über dem gepuderten Kopf im Holz stecken blieb. Die folgenden Schilderungen des Conférenciers von noch an der Brust ihrer Mutter skalpierten Säuglingen, niedergebrannten Dörfern weißer Siedler und blutrünstigen Zeremonien ließen die Zuschauer vor Schreck erschaudern.
 
Friederikes Augen erforschten den Körper des Huronen, der jetzt wieder ruhig in der Mitte der Bühne stand. Was befand sich unter dieser wie ein Blasebalg gespannten Haut? War er je zur Ader gelassen worden und wenn ja, welches Blut war hervorgequollen? Mochte es dicker, röter sein als das ihre oder vielleicht von ganz anderer Farbe? Überhaupt, wie viele Eimer Blut würde man von einem Menschen zusammenbekommen? Jetzt sah sie, dass er durchatmete und seine Schenkel und Waden straffte. Wollte er davonlaufen? Aber wohin? Sie verstand ihn gut. Sie würde immerhin bald nach Ansbach flüchten können. Womöglich versteckte die Haut eines Huronen noch ganz andere Lebensfunktionen und Säfte. Es wäre nur logisch, dass er für das Leben in den Wäldern Amerikas andere Fleisch- und Muskelschichten brauchte als ein Mensch in Berlin, London oder Dresden.
Interessant wäre natürlich auch, wenn man zimtfarbene und schwarze und auch getaufte weiße Menschen miteinander paarte und dann die Veränderungen von Haut, Gliedmaßen und womöglich sogar Organen von Generation zu Generation beobachtete. Obwohl das Ergebnis vielleicht zu wünschen übrig ließe. Dieser Hurone hier kam ihr jedenfalls schön und vollkommen wie ein göttliches Werk vor. Und das, obwohl er von Gott nichts wusste. Es war ihr allerdings nicht klar, ob man Gott für die Erschaffung eines Ungläubigen verantwortlich machen konnte. Doch wen dann?
Friederike wischte den Gedanken beiseite, um sich nicht vom Eigentlichen abbringen zu lassen. In diesem Moment spürte sie den Blick des Huronen auf sich: dotterweich und schwarz, so dass man keine Pupille erkennen konnte, und zudem recht vergnügt. Friederike bemerkte, wie der Duft nach Orangen stärker wurde. Sie atmete tief ein. Spiegelte sich ihre Haube in seinen Augen? Erkannte er sie? Sie beide standen ganz allein mitten in einer Berliner Gastwirtschaft und wussten, dass sie hier fremd und überflüssig waren. Der Sohn eines Pelzjägers, der bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr keinen Weißen gesehen, dann aber französischen Jesuiten in die Hände geraten war, und die zweite Tochter des preußischen Königs verzehrten sich in diesem Augenblick vor Sehnsucht nach einem anderen Leben. Friederike hätte ihm gern ihren Namen genannt und nach dem seinen gefragt. Er verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. Sie sah darin ein Zeichen für sie.
»Schaut nur die an, die gafft ihm ja die Eier weg«, lachte eine Frau gellend auf und knuffte Friederike nicht unfreundlich in die Seite. Andere schimpften los, dass sie nun endlich auch ein paar Weiber der Wilden sehen wollten. Sofort rief der Conférencier eine verschleierte Türkin auf die Bühne, die ihren üppigen nackten Bauch zu Schellenklängen kreisen und hüpfen ließ. Die Huronen verschwanden augenblicklich hinter dem Vorhang. Friederike besaß noch vierunddreißig Kreuzer, wenn sie das Geld für die Rückfahrt abzog. Wieder schob sie sich durch die Menge, rammte Hüften, riss eine Perücke herunter, wurde beschimpft, gestoßen und getreten. Zuerst nahm sie einen Ausgang, der zu einem dunklen Hinterhof führte, auf dem zwei Männer urinierten, die sie hämisch angrinsten. Dann fand sie die richtige Tür.
Die Zwergenfamilie kauerte in dem kleinen Raum auf einem Teppich am Boden und aß Kuchen aus einem Korb. Die Frau mit dem mächtigen Kropf, der ihren Kopf wie ein rosiger Pelzkragen wärmte, stickte an einem Kissen und blickte freundlich auf. Der Feuerschlucker fuhr unverdrossen fort, seine Stiefel zu putzen.
»Guten Abend.«
»Guten Abend, wie können wir Ihnen behilflich sein, gnädiges Fräulein?«
Es war der Vater der Zwergenfamilie, der das Wort an Friederike richtete. Sein ernstes, faltenreiches Gesicht zeigte Anteilnahme. Friederike zögerte nicht. Falsche Scham würde zu viel Zeit kosten.
»Ich suche den Huronen aus den Wäldern Französisch-Amerikas.«
»Noch so eine, die sich in Jérôme vergafft hat«, höhnte eine Stimme. Eine üppig geschminkte Matrone, die Friederike bisher noch nicht gesehen hatte, weil sie hinter einem Paravent saß, schlurfte schwankend, vielleicht schon ein wenig betrunken, heran.
»Wenn jede, die bei uns vorbeischaut …«
Friederike trat einen Schritt vor und drückte ihr, die hier offensichtlich das Sagen hatte, denn auch der Zwergenmann blickte gehorsam zu ihr hoch, die vierunddreißig Kreuzer in die Hand.
»Na gut, dann hier hinein, Fräulein.«
Für Friederike öffnete sich eine Tür zu einem weiteren kleinen Zimmer.
Hatte er auf sie gewartet? Oder wartete er die ganze Zeit, so wie er dasaß, ruhig und ausdruckslos auf einem Schemel? Er stand nicht auf, als sie eintrat.
Auf Französisch sagte sie: »Ich habe bezahlt.«
»Eh bien.«
Sein Blick hatte sich seit der Begegnung im Wirtssaal nicht verändert.
»Monsieur, Ihre Zähne bitte.«
Und schon stand sie ganz nah bei ihm, so nah, dass ihr jetzt auch wieder der Geruch des ausgelassenen Gänsefettes ins Gesicht stieg und den Orangenduft überlagerte, und öffnete seinen Kiefer so, wie sie es bei den Pferdeknechten in Wusterhausen gesehen hatte. Vorsichtig hob sie die Oberlippe an. Seine Haut fühlte sich weicher an als alles Lebendige, das sie bislang berührt hatte. Kein einziger Zahn fehlte, keiner war gelb oder gar schwarz. Ein wenig Speichel tropfte ihm aus den Mundwinkeln und über ihre gespreizten Finger. Das weiß blitzende Diadem hätte Dinglinger, der Juwelier des sächsischen Kurfürsten, nicht kostbarer schmieden können, dachte sie. Sie zählte langsam. Zuerst die obere Reihe, dann die untere.
»Zweiunddreißig«, sagte sie schließlich.
Er nickte.
Eine Weile blieben ihre Hände noch auf seinem Kinn. Er saß weiter reglos und lächelte amüsiert. Sie hatte es nicht vorgehabt, handelte dann aber blitzschnell. Während sich ihre linke Hand noch immer nicht von seinem schönen Kiefer trennen wollte, hakte sie mit der rechten eines ihrer opalverzierten Ohrgehänge aus und kratzte ihn mit der Nadel kräftig am Oberarm. Das Blut, das in einem großen, fast runden Tropfen herausquoll, hatte die gleiche Farbe wie das ihrer Monatsblutung.
»Danke, danke sehr«, sagte sie leise und wandte sich zum Gehen.
»Warum bleiben Sie nicht noch etwas bei mir?«
»Weil ich schon viel zu lange weg bin, aber vielleicht morgen …«
Ihr Vorschlag kam ihr so verwegen vor, dass sie die Augen gesenkt hielt. Tatsächlich hätte sie noch sehr gern sein schwarzes Haar, das in langen Strähnen auf seiner Brust lag, durch ihre Finger gleiten lassen und ihn dabei über die Wälder Französisch-Amerikas befragt. Aber die Kutsche zurück ins Schloss war für Viertel nach elf bestellt. Außerdem musste sie noch die Montbail suchen, von deren Schweigen sowieso alles abhing.
Er seufzte kaum hörbar und machte ihre Hoffnungen in elegantestem Französisch zunichte.
»Morgen bin ich schon unterwegs nach Hamburg. Die Bürger dort haben ein besonderes Faible für Wilde.«
 
In den folgenden Wintermonaten war Friederike sehr beschäftigt. Sie nahm kaum zur Kenntnis, wie sich ihr Brautschatz mit weißseidenen Strümpfen, bestickten Kniebändern, Marseiller Nachthauben, Puderdosen und Kerzenhaltern aus gehämmertem Silber, Staatsroben aus hartem Brokat und heiteren, blütenberankten Negligés für den Tag füllte. Sie unternahm lange, mehr oder weniger heimliche Wanderungen durch das Schloss und ließ sich von allen Bediensteten, die sich darauf einließen, die Zähne zeigen. Sie schaute ihnen tief in den Rachen, auch wenn er manchmal nach Fäulnis stank. Dann notierte sie die Anzahl der Zähne und auch der Lücken, dann Namen, Alter und Herkunft der Leute. In einer nächsten Runde nahm sie Schnüre mit. Sie legte sie den Silberbeschließerinnen, Zofen und Mundköchen um Oberarme, Brustkorb und Handgelenk, um dann die Maße ihrer Gliedmaßen ebenfalls genau zu vermerken.
Nachts lag sie angestrengt wach und grübelte beim gleichmäßigen Schnarchen der Montbail darüber nach, was sie mit all diesen Untersuchungen und vielen Zetteln anfangen sollte. Was war es, das so brennend in ihr Antworten auf Fragen suchte, die sie noch gar nicht gestellt hatte? War es Gottes Wille oder purer Zufall, dass die Menschen sich in ihrem Wuchs und Körperbau so auffallend unterschieden? Konnte es sein, dass sich die einzelnen Geschöpfe eigenwillig vom göttlichen Ursprungsplan entfernten, ohne dass sie es selbst wahrnahmen? Was hatte der zimtfarbene, blankbrüstige Hurone damit zu tun? Welche Spur wies er ihr, oder führte er sie komplett in die Irre?
Die Nebel in ihrem Kopf lichteten sich für einen winzigen Augenblick und ballten sich dann noch dichter zusammen.
 
Tagsüber schämte sie sich, weil sie so anders als ihre Geschwister war. Sie wünschte, sie könnte mit Friedrich und Wilhelmine über einem italienischen Opernlibretto die Köpfe zusammenstecken, über den einen oder anderen Kastraten fachsimpeln und dabei, wie es die beiden gern taten, die Füße zärtlich ineinander verhaken. Sie bemühte sich, sich zu ändern. Brav las sie für eine Weile französische Komödien oder erbauliche Romane, aber sie fand sie weder witzig noch lehrreich.
Eines Tages kam ihr beim Essen eine Idee. Sie ließ sich heimlich aus der Küche die blank genagten Knochen von Hirschen, Schweinen und Enten bringen, scheuerte sie mit Sand, bis sie glänzten, verglich sie, vermaß sie und zeichnete sie ab. Schließlich vergrub sie sie in ihrer Wäsche, um sie immer wieder in den wenigen Stunden zu betrachten, in denen sie allein war, weil die Montbail zu einem Kammerherrn ins Bett geschlüpft war.
Aus Furcht, jemand könnte ihren absonderlichen Neigungen auf die Spur kommen, zog sie sich noch mehr als früher von ihren Geschwistern zurück. Mit ihrem Mann, dem Ansbacher Markgrafen, würde sie darüber sprechen können, da war sie sich sicher. Wahrscheinlich hielt er sich als moderner Mensch einen Hofmedicus, der an einer der fortschrittlichen Universitäten studiert hatte und ihr bald aus dem Dickicht ihrer Gedanken heraushelfen konnte. Vielleicht gab es in Ansbach sogar Forscher von Rang, mit denen man sich austauschen konnte. Außerdem war ja die Universität Altdorf bei Nürnberg nicht weit. Dort lehrten, wie sie gehört hatte, bedeutende Mediziner. Nicht dass man sie als Frau dort zulassen würde, nein, so weit wagte sie nicht zu hoffen, aber vielleicht konnte ihr wenigstens jemand berichten, was dort demonstriert wurde. Berlin war kein Pflaster für Wissenschaftler. Für sie war kein Geld da, und der Vater beschimpfte sie als nutzloses Federvieh.
Ab März begann sie, die Wochen, bald auch die Tage bis zu ihrer Hochzeit zu zählen. Die Königin rätselte über den Schmuck, den Friederike bekommen würde. Immerhin stammte die Mutter des Ansbacher Erbprinzen aus dem Württemberger Herrscherhaus. Der Vater und sein Minister, Grumbkow, erteilten ihr stundenlang Instruktionen, wie sie in Ansbach die Leute bespitzeln und Preußens Einfluss stärken sollte. Friederike hörte geduldig zu, froh darüber, dass die Flucht kurz bevorstand.
 
Am 23. Mai 1729 traf der junge Ansbacher mit seinem Gefolge am Berliner Hof ein. Siebzehnjährig, breitbeinig, rotgesichtig stand er da, lachte und redete. Auch wenn es nichts zu lachen oder reden gab. Artig übergab er Friederike Schmuckschatullen, in denen auf dicken Samtkissen tatsächlich Armbänder, Brustschnüre, Perlenketten und Ringe aus Ansbacher, aber auch Württemberger Besitz glitzerten. Der König freute sich mehr als alle anderen und drückte mit all der Kraft, mit der er sonst Schläge verteilte, die Köpfe der Verlobten zusammen. Er schleppte den zukünftigen Schwiegersohn zu stundenlangen Musterungen seiner Truppen, so dass Friederike den jungen Mann nur wenig sah. Einmal aber, als sie eine Weile zusammenstanden, um sich von Antoine Pesne porträtieren zu lassen, und der Hofmaler kurz das Zimmer verließ, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Habt Ihr schon gehört, dass es Folianten gibt, die den menschlichen Körperbau und seine Eingeweide detailgetreu abbilden?«
»Hoffentlich sind recht hübsche Frauenzimmer dabei«, gab Charles lachend zurück und schüttelte kräftig seine Arme und Beine aus, denn das lange Stehen und langweilige Abschreiten der Truppen bekam ihm gar nicht. Seine blauen Augen sprühten vor Ausgelassenheit. Das Zusammensitzen mit seinem Schwiegervater und dessen Kumpanen im Tabakskollegium gefiel ihm, da kamen seine Witze gut an, und der König brummte zufrieden, weil der Ansbacher viel Bier vertrug.
Die Hochzeit wurde für Berliner Verhältnisse pompös gefeiert, und die Ansbacher Markgräfin übertrug ihrem Sohn noch während seiner Abwesenheit die Regierungsvollmacht. Mitte Juni reisten die Jungverheirateten mit einem großen Tross ab. Neben all dem Bargeld brachte Friederike fünf Dörfer im Fränkischen mit in die Ehe. Besonders aber freute sich der Markgraf über die zwölf großen Hetzhunde, die ihm der König für die Jagd geschenkt hatte und die er abwechselnd in seiner Kutsche mitfahren ließ. Friederike trug während der achttägigen Reise nach Ansbach denselben Unterrock wie im »Weißen Elephanten«. Er zeigte zwei dunkelbraune Flecken, weil sie damit das Blut vom Oberarm des Huronen gestillt hatte. All ihre Aufzeichnungen über die Zahnbestände der Berliner Schlossbediensteten sowie vier ihrer besten Hirsch- und Schweineknochen nahm sie in Strümpfe eingewickelt ebenfalls in ihre neue Heimat mit.
2
Jan Kersmackers holte Louise vorsichtig aus dem kleinen Holzverschlag, in dem sie seit ihrer Abreise aus dem Falkenhaus des dänischen Königs in Bessested mit kurzem Zwischenstopp in Berlin gehockt hatte. Er sah sofort, dass es ihr schlecht ging. Was ein Skandal war, denn Kersmackers wusste, dass sie vom preußischen König extra mit dem zweiten Namen seiner Lieblingstochter benannt worden war, die er nach Ansbach verheiratet hatte. Mit diesem kostbaren Vogel wollte er ihr einen zärtlichen Gruß schicken.
Die junge Markgräfin begeisterte sich bislang allerdings nicht sonderlich für Jagdfalken, was Kersmackers sehr bedauerte. Umso mehr, so nahm er sich vor, wollte er sich mit ihrer Namensschwester Mühe geben. Vielleicht konnte er damit das Interesse der Markgräfin wecken.
Kersmackers seufzte. Sein Wunsch würde wohl noch lange nicht in Erfüllung gehen, denn Louise war entsetzlich mager und hässlich. Niemals hätte er es gewagt, sie der Markgräfin in diesem Zustand unter die Augen zu bringen. Ihr Brustbein stand so weit vor, dass er es zwischen seinem Daumen und Zeigefinger wie einen Griff halten und Louise daran ziehen konnte. Ein Blick auf den Boden ihres Reisekäfigs bestätigte seine Befürchtungen. Was sonst in fest gerollten, sämig weißen, mit Schwarz durchsetzten Abschnitten aus den Eingeweiden dieser Vögel quoll, schwamm hier als hellgrüner Rotz inmitten einer farblosen Lache. Sie hatten ihr in Berlin also verdorbenes Aas gegeben.
Als er Louise mit schnellem Griff die Haube abnahm, suchte ihr Blick kein Ziel. Auf ihren Augen, die eigentlich wie Holunderbeeren nach einem weichen Sommerregen hätten glänzen sollen, lag ein trüber Schleier. Sachte drehte der Falkner den starren Körper, in dem das Herz ängstlich pulste. Der Perlmuttschimmer, den der Markgraf so sehr an diesen Falken aus dem eisigen Norden liebte, war nicht zu sehen. Aber Kersmackers erkannte sofort die ungewöhnliche Reinheit des Gefieders. Die Unterseite war durchgängig weiß. Erst da, wo sich die Brust nach oben verjüngte, tauchten ein paar graubraune Einsprengsel auf, zufällig gestreut wie Pfefferkörner. Die Flügelspitzen waren schwarz. Dass mehrere Federn angebrochen waren, störte ihn wenig. Das ließ sich richten.
Jetzt erst löste Kersmackers den Prell aus weichem Hundeleder, der, wie er sofort anerkennend registrierte, von bester Qualität war, er stammte wohl noch vom dänischen Hof. Auch als er die dünne Fessel ganz abzog, hockte Louise plump und reglos in seiner Hand, nicht einmal ihre schuppigen Fänge zuckten. Sie waren von deutlich blaugrauer Wachshaut überzogen und bestätigten deshalb Kersmackers erste Schätzung, dass es sich bei dem königlichen Geschenk um einen jungen, wahrscheinlich erst zwölf oder vierzehn Wochen alten Vogel handelte.
So standen sie eine Weile zusammen da, und Kersmackers überlegte, in welcher der Kammern er Louise unterbringen sollte. Auf seinem runden fleischigen Gesicht ruhte eine gewisse Andacht, denn Kersmackers war ein Mann, der seine Gedanken gern gründlich zu Ende führte. Ein kühler Morgenwind zauste sein hellblondes Haar, das er vergessen hatte, hinten in den Beutel zu binden, weil die Kutsche mit Louise noch vor Sonnenaufgang auf den Triesdorfer Falkenhof gerollt war.
In der Stille dieser frühen Stunde schreckte ihn das erste röchelnde Pumpen sofort auf. Louises zerzauste Brust hob und senkte sich schwer. Dann verharrte sie wieder stumm und erschöpft vom Atemholen, und in Kersmackers Handfläche war nur der hüpfende, schnelle Rhythmus ihres Herzschlags zu spüren.
Aber das eine Mal war genug gewesen. Er, der sich seit fünf Jahren um die Beizvögel der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach kümmerte und vor Kurzem wegen seiner Geschicklichkeit vom Falkeniersknecht zum Meisterfalkner aufgestiegen war, wusste Bescheid. Ihre Lunge hatte Schaden genommen. Kersmackers konnte sich gut zusammenreimen, wie alles gekommen war.
 
Den ganzen September über, bis in den Oktober hinein hatte im Norden wie im Süden eine ungewöhnliche Wärme den Himmel aufgebläht. Nachts zuckten Blitze über die sumpfigen Wiesen entlang der Altmühl, aber nur wenige Male entlud sich ein Gewitter mit Regen. Die Bauern freuten sich über das gute Erntewetter. Nur die pralle Haut der Zwetschgen platzte an den Bäumen auf, und aus dem honiggelben Spalt tropfte ihr Saft, noch bevor man sie herunterholen konnte. Auf dem Hofplatz hinter dem erst vor Kurzem fertig gebauten roten Falkenschloss, um den sich die Verschläge für die Tauben, das Schlachthaus und die Hütten und Gehege für die Falken, Milane, Reiher und Krähen gruppierten, flog schon ab der Mittagsstunde wieder feiner Sand auf, obwohl man ihn erst morgens sorgfältig gesprengt hatte. Die Männer achteten peinlich genau darauf, dass die kostbaren Gerfalken immer im Schatten standen und vor allem oft baden konnten.
Louise aber, so überlegte Kersmackers, hatte man wahrscheinlich tagelang in der aufgeheizten Kutsche sitzen lassen, während der Hundsfott von ihrem Begleiter in Schenken soff oder hurte. Er trug sie in eine kühle abseitige Kammer, die derzeit von keinem anderen Falken bewohnt wurde, und stellte sie auf ein mit festem, reinem Leinentuch ummanteltes Reck. Die Läden ließ er geschlossen, denn verängstigt und elend wie sie war, würde ihr Dunkelheit guttun.
Dann machte er sich schnell an die Arbeit. Er herrschte einen der schlaftrunkenen Knechte an, frische Eier zu holen, suchte persönlich ein junges Täubchen aus und brach ihm mit einer einzigen Handbewegung das Genick. Routiniert hantierte er auf dem sorgsam gescheuerten Aastisch, zupfte Federn, löste Knochen und Knorpel, schnitt das Fleisch in lange dünne Streifen und legte es in eine saubere Schüssel. Dann nahm er dem Burschen zwei Eier, an denen noch Flaumfeder und Kot klebten, aus der Hand, schlug sie auf, trennte Eiweiß vom Gelb und mischte beide Dotter unter das Fleisch. Ganz zum Schluss ließ er das noch warme Blut einer weiteren frisch geschlachteten, allerdings alten Taube in das saftige Gemenge tropfen. Wenn etwas einem geschwächten, ausgezehrten Falken guttat, dann dieses Futter. Kersmackers hatte die Zubereitung von seinem Vater gelernt, der sie wiederum aus der alten Heimat kannte. Nicht umsonst galten die flämischen Falkner als die besten Europas. Der Meisterfalkner ging in die Hocke und hielt Louise mit der rechten Hand ein vor hellroter Tunke triefendes Stück Fleisch vor die Fänge, wobei er mit seiner linken Hand ihr rechtes Bein ein klein wenig anhob. Dabei schnalzte er leise und zärtlich mit der Zunge. Als das Tier nicht reagierte, zwickte er es leicht in den Fuß. Das half. Der Falke bückte sich, nahm das Fleischstück auf und kröpfte.
 
Als er am nächsten Morgen feststellte, dass Louise noch lebte, wurde ihm froher zumute. Noch bevor er frische Atzung brachte, richtete er ihre Kammer ordentlich her, ohne dabei Licht hereinzulassen. Er ließ sich ein paar Eimer mit rotem Sand bringen und verteilte ihn selbst auf dem Boden. Nachdem er ihn ordentlich festgestampft hatte, besprengte er ihn gleichmäßig mit Wasser. Dann machte er sich daran, Louises Futter zu bereiten. Wieder brauchte es viel Geduld und Zeit, bis die gesamte Tunke aus Blut, Eidotter und Taubenfleisch vertilgt war.
Am Nachmittag fand er die erste frische Losung. Wieder schmierte ein pistaziengrüner Klumpen auf dem dunklen Boden, doch diesmal waren die Ausscheidungen kompakter geworden. Ein Zeichen dafür, dass sie sich zumindest erholte. Ob ihre Lungen das verdorbene Aas überstehen würden, war freilich eine andere Sache.
 
Kersmackers hatte Herrn Johann Göbel, dem Falkensekretär, gewissenhaft über Louises Ankommen und ihren Zustand Bericht erstattet. Dieser gab Abschriften weiter an den Geheimen Rat und Obristfalkenmeister von Pölnitz am Ansbacher Hof, denn schließlich handelte es sich um ein Geschenk des Königs. Der Flame verschwieg nichts. Die schlechte Versorgung durch die Preußen beschrieb er sogar besonders deutlich, was ihm, wie er hoffte, mehr nützen als schaden sollte, denn oft genug hatte er den Markgrafen derb über seinen Schwiegervater, den preußischen König, spotten hören. Auch über die Ehe mit der jungen Prinzessin hörte man wenig Erfreuliches. Der Falkenmeister erinnerte sich gut, wie sie mit ihrem Tross vor zwei Jahren nach Ansbach gekommen war. Er selbst hatte lange am Straßenrand im Staub gestanden und die Kutschen und Wagen betrachtet, die in die Residenzstadt rumpelten.
»Fünfzig Mann berittene Soldaten mussten den Zug unserer Markgräfin begleiten«, hatte er den anderen Männern in Triesdorf berichtet, »weil die dreihunderttausend Taler bare Mitgift in den Ledersäcken so klapperten, dass die Banditen im ganzen deutschen Reich es hören konnten.«
Diese Heirat war zweifelsohne der große Coup für seinen Markgrafen gewesen. Allerdings wartete der immer noch darauf, dass der Bauch seiner Gemahlin anschwoll.
 
Den einfachen Leuten gefiel die junge Markgräfin. Kersmackers hörte sie ihre Feingliedrigkeit und ihre großen blauen Augen loben. Man betete für sie und auch dafür, dass sie bald schwanger würde. Allerdings kam sie ihnen mit der Zeit doch etwas merkwürdig vor.
Ein paar Monate nach ihrer Ankunft in Ansbach ließ sie sich in die Dörfer fahren und vermaß eigenhändig die Kinder, deren Mütter und Großmütter. Noch nie zuvor hatte eine Ansbacher Fürstin die stinkenden Bälger der Häusler und Kleinbauern, deren Haut mit Ausschlägen und Ungezieferbissen überzogen war, berührt. Diese Markgräfin aber schaute ihnen in die Ohren und in den Mund und notierte die Länge von Nase, Brustbein und Unterarmen. Weil sie Zuckerstücke verteilte, machten die Armen mit. Die Bürger und Großbauern aber schüttelten missmutig die Köpfe. Eine solche Königliche Hoheit verschenkte ihre Würde, raunten sie.
 
Dann, vor etwa einem halben Jahr, belauschte Kersmackers zufällig den Herrn von Reitzenstein, von dem man ja wusste, dass er der engste Vertraute des Markgrafen war, wie er dem alten Herrn von Eyb eine ganz ungeheuerliche Geschichte erzählte. Angeblich hatte die Markgräfin an einem warmen, windigen Julitag in Lehrberg ihre Kutsche anhalten lassen, weil gerade in diesem Moment eine am siebten Kind verstorbene Frau aus ihrer Hütte getragen wurde. Flugs gab die Fürstin dem Witwer ein Goldstück und wollte dafür die noch warme Tote einladen und mitnehmen. Da war eine gaffende Menge herangerückt und hatte der Markgräfin laut und erbost gedroht. Widerwillig ließ sie von der Toten ab. Die Leute rätselten, was die Markgräfin mit dem ausgezehrten Leichnam vorgehabt hatte und reimten sich noch über Wochen den schlimmsten Unsinn zusammen. Der Markgraf hatte entsetzlich getobt, als er von der Sache hörte. Seitdem lief alles schlecht zwischen den beiden Herrschaften. Der Markgraf besuchte seine Frau nachts nicht mehr so oft, wie es sich für einen Jungverheirateten gehörte. Die Markgräfin blieb dafür viel in ihrem Appartement und las ausländische Bücher, was bekanntermaßen auch nicht gut fürs Kinderkriegen war. Man erfuhr, dass der Markgraf, wenn er seiner Ehefrau begegnete, oft die Backen aufblies und die Augen verdrehte und sie dann wichtig von gelehrten Dingen sprach, die er nicht verstand. Letztlich aber war es Kersmackers egal, was die Ansbacher Herrschaft veranstaltete, solange der Markgraf sein Falkenhaus weiter so generös unterhielt.
 
Nach einer knappen Woche war Louise gesund. Sie atmete gleichmäßig und ruhig. Ihre Brust hatte sich gerundet. Kersmackers stülpte ihr eine schlichte Haube aus weichem Hundeleder über, prellte ihren rechten Flügel auf, band ihr an jeden Fang eine melodisch klingende Belle, ein Geschüh und dann die Langfessel an und trug sie auf der linken Faust zur Altmühl hinunter. Er hatte dafür gesorgt, dass keine anderen Falkner oder gar Hunde unterwegs waren.
Die Stelle, die er aufsuchte, war ideal. Der Fluss breitete sich flach aus, durch die Weiden, die in den letzten Tagen schon viel von ihren Blättern verloren hatten, tropfte das Licht in großen Lachen auf das Wasser. Kein Haus, keine Scheune störte weit und breit. Auch Bauern ließen sich nicht sehen, denn die zähen Gräser der morastigen Uferwiesen taugten nicht mal zu Einstreu. Kersmackers sog den bitteren Geruch des Herbstes ein. Er roch ein nicht allzu fernes Feuer, bei dem feuchtes Holz verbrannt wurde. Das würzte die gesalzene Wurst, die er kaute und in den Backentaschen hin und her schob. Er dankte Gott für solche Tage, wenn es im Himmel und in den Bäumen kräftig rauschte und er allein mit sich und seinem Vogel war.
Mit dem kleinen, in einem Schulterbeutel mitgetragenen Beil spaltete er sich einen Pfahl, den er gut einen Meter vom Ufer entfernt in den Fluss rammte. Daran band er die Langfessel fest und nahm Louise die Haube ab.
Kersmackers setzte sich ans Ufer und beobachtete, wie der Vogel nach nur kurzer Zeit wachsamen Äugens ins Wasser sprang und den linken Flügel genussvoll spreizte, sich reckte, blähte und wieder duckte, dass die Tropfen flogen. Schließlich beugte sich der Falkenmeister vor und füllte seinen Mund mit dem brackig schmeckenden Wasser. Dann nahm er Louise auf die Hand und bespritzte sie schnell mit einer dünnen Fontäne, die auch ihren Kopf benetzte. Gleichzeitig fischte er mit der rechten Hand den präparierten Taubenflügel aus der Umhängetasche und begann mit dem zärtlichsten Teil seines Handwerks. Sacht strich er Louises Körper ab. Immer wieder führte er den Flügel die elegante Biegung ihres Halses entlang, glitt zur Schwanzspitze, liebkoste die Brust. Noch nie hatte Kersmackers für eine Frau so viel Phantasie und Zeit aufgebracht wie für Louise bei diesem langsamen Liebesspiel am Fluss.
Wichtig dabei war, dass Kersmackers einen entscheidenden Zeitpunkt ihres gemeinsamen Vergnügens streng im Auge behielt. Sobald Louise nämlich annähernd trocken war, bestand die Gefahr, dass sie ihres Liebhabers überdrüssig wurde und aufsprang. Also musste er ihr zuvorkommen und sie rechtzeitig wieder nass machen, damit sie in neuer Erwartung bei ihm blieb. Irgendwann fing er an, ihr während des Reibens die Haube auf- und abzustreifen. Auch dieses Spiel trieben sie unzählige Male.
Dann schlug das Wetter um. Wenn sie frühmorgens losgingen, stand oft zäher, kalter Nebel über der Altmühl, die langen harten Stängel des Sumpfgrases legten sich welk um und begannen, zu braunem Glitsch zu vermodern. Danach fing der Regen an. Kersmackers entschied, dass es an der Zeit war, Louises Federn zu richten. Schließlich sollte sie schön sein, wenn die Markgräfin sie zum ersten Mal sah. Er ließ sich einen Korb besonders feiner, kleiner Karotten aus der Ansbacher Hofküche schicken. Die wurden in einem Tiegel angebraten und heiß, wie sie waren, vom Falkeniersknecht akkurat der Länge nach halbiert. Kersmackers schob beide Hälften über die lädierten Federstellen und drückte sie ein paar Minuten fest zusammen. Die Knicke glätteten sich. Den Rest der Karotten bestreuten Kersmackers und der Falkenierspage mit Salz und ließen ihn sich schmecken.
Eine große Feder von Louises linkem Flügel war komplett durchgebrochen, was ihre Flugsicherheit beeinträchtigte. Der restliche Stumpf, der höchstens drei Fünftel der ursprünglichen Länge ausmachte, stand hässlich quer ab.
Aus einer Fichtenkommode, die in der Schreibstube stand, holte Kersmackers Dutzende von Federn hervor – Federn, die die Falken in Triesdorf irgendwann einmal verloren hatten und die man seit Jahren sammelte und aufhob. Mit geübtem Auge fächerte er sie sorgfältig auf einer Tischplatte aus. Auch für die Auswahl der Nadel ließ er sich Zeit. Dreieckig musste sie oben sein, aus gutem Stahl und unten sehr spitz. Aber sie musste genau in die Röhre der Feder passen, nicht zu dünn und nicht zu dick sein. Die, die er schließlich nahm, war an der Spitze schon etwas abgerieben und musste extra zugeschliffen werden. Als er damit fertig war, tauchte er sie in Salzwasser und spießte sie ein Stück weit in die gekürzte Ersatzfeder. Louise hatte er einen Tag hungern lassen, so dass sie jetzt gierig kröpfte und stillhielt, während er ihr die neue Federspitze auf den alten Kiel aufpfropfte.
Anfang Dezember kam wieder trockenes Wetter. Für ein paar Stunden legte sich jeden Tag ein Tuch dünnen Sonnenlichts auf die Altmühl und ihre Nebenwasser. Die alten Leute setzten sich mittags vor die Häuser, streckten die Gesichter vor und wärmten sich.
 
Für einen Donnerstag gegen elf Uhr war der Besuch des Markgrafen avisiert.