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In »Fallen lassen« lernen wir die frühere Bestsellerautorin Brigitte Schwaiger als Patientin der Psychiatrie kennen. Ihre Schilderungen handeln von verständnislosen Ärzten und gescheiterten Therapieversuchen, von flüchtigen Glücksmomenten, der Angst zu leben und dem notwendigen Zorn angesichts der anhaltenden Tabuisierung psychischer Erkrankungen.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2025
BRIGITTE SCHWAIGER
Mit einem Nachwort vonAndrea Winkler
Brigitte Schwaiger
FALLEN LASSEN
Mit einem Nachwort vonAndrea Winkler
Czernin Verlag, Wien
Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur
Schwaiger, Brigitte: Fallen lassen / Brigitte Schwaiger
Wien: Czernin Verlag 2025
ISBN: 978-3-7076-0879-3
© 2025 Czernin Verlags GmbH, Kupkagasse 4, 1080 Wien, Österreich
Die Originalausgabe erschien 2006 im Czernin Verlag.
Lektorat: Florian Huber
Satz, Umschlaggestaltung: Mirjam Riepl
Autorinnenfoto: Simon Mark
Druck: Finidr, Český Těšín
ISBN Print: 978-3-7076-0879-3
ISBN E-Book: 978-3-7076-0888-5
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Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.
aus: Ingeborg Bachmann, »Was wahr ist«
Pavillon 10, Ebene 2. Gemeinsame Toiletten und gemeinsames Badezimmer für Frauen und Männer. Ein Einbettzimmer, Mann oder Frau, ein hinzugebautes, im Saal, neues, größeres Einbettzimmer für einen Mann oder eine Frau, nimmt Platz weg. Einige wenige Zweibettzimmer, ich glaube, insgesamt drei. Männer oder Frauen. Ein Vierbettzimmer und ein Dreibett- für Frauen, ein riesiges Männerschlafzimmer (6–8 Betten). Verlässt eine Frau im Nachthemd das Frauenschlafzimmer, stößt sie zusammen mit einem aus dem nebenan liegenden Männerzimmer torkelnden unfrisierten halbnackten Mann. Speichel rinnt ihm von den Lippen, Haar nach allen Seiten abstehend, es ist kein Pfleger da, wenn einer aufsteht und zur Toilette wankt.
Das Badezimmer: Man nimmt ein Bad, eine Dusche. An zwei Waschbecken je ein Mann, eine Frau, sich das Gesicht waschend. Geschlechtertrennung, sagte ich einmal. Ich wünsche mir Geschlechtertrennung. Ja, es sei zu wenig Platz.
Ein Einzelzimmer hätte ich gerne einmal gehabt, aber es gab für Schriftstellerinnen natürlich keine Ausnahmen. An der Tafel an einer Wand Namen. Schwaiger Brigitte, L(…) Kaspar, B(…) Ulrike. Entschuldigen Sie, aber sind Sie die Schwaiger?
Sind das Sie?
– Ich habe Sie für eine Ärztin gehalten, sagt eine Mitpatientin. So wie Sie herumgegangen sind vorher, und so wie Sie gekleidet sind, und so wie Sie sich im Speisezimmer benommen haben, hab ich geglaubt, Sie sind eine Ärztin. So, wie Sie mit dem einen Patienten gesprochen haben. Das war für mich eine Erleuchtung.
– Was war die Erleuchtung?
– Na ja, die Art, wie Sie mit ihm geredet haben.
– Ja danke. Ich habe selbst einmal die Erleuchtung gehabt, vor einem Jahr, ich bin ja schon einige Male hier gewesen. Da hat eine Patientin mit einer Mitpatientin gesprochen. Da habe ich mir gedacht: Aha, das werde ich auch tun.
Einfach dem Mitpatienten, der aus dem Mund speichelt oder dessen Lippen gelb sind von Spuckerückständen, eingetrocknet, ihm oder ihr sagen: »Geh bitte, sei so gut und wisch dir den Mund ab! Ich kann das nicht mehr anschauen!«
Die, von der ich das lernte, dass man mit Patienten reden kann wie mit Mitmenschen, war schlank, groß, herrlich gekleidet, nämlich dezent und pfiffig. Ihre Mutter schizophren, ihr Bruder schizophren, sie mit ich weiß nicht mehr was für einer Diagnose. Sie war verliebt in einen Mann, den sie erst kurz kannte, der im Ausland lebte. Täglich telefonierte sie mit ihrem Handy mit London. Ein Patient, der vorher bei mir gewesen war (»Bitte hätten Sie eine Zigarette für mich«, näherte sich ihr mit derselben Frage, und sie sprang auf, warf ihr Strickzeug hin (sie strickte mit feiner Wolle ein ganz besonderes Muster), hob die Arme und lief durch den Saal: »Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich halte das nicht mehr aus!«
Ich hielt es auch nicht mehr aus und konnte auch nicht mehr. Ich war froh, dass sie durch den Saal lief und es sagte. An meiner Statt, danke, meine Liebe, habe dich leider schon lange nicht mehr gesehen. Vorher war nämlich die ältere Dame mit den Krücken im Rollstuhl gekommen, die, die sich einmal aus dem Fenster gestürzt und überlebt hatte. Sie war geistig gebildet, körperlich nicht besonders anziehend, langes, offenes Haar, dunkel gekleidet, sie sprach vornehm und ruhig, ärgerte sich, dass niemand sich mit ihr befasste, bat mich um Zigaretten. Und die Strickerin mit ihrem Geliebten in London, der schizophrenen Mutter, dem schizophrenen Bruder und ich hatten der Dame Zigaretten gegeben, dann war der Mann gekommen, der auch welche wollte, und da drehte ich fast durch, aber die Jüngere warf eben wirklich ihr Strickzeug hin und demonstrierte.
Dass es nämlich nicht mehr zu ertragen war. Die Armut, die Bedürftigkeit, diese Menschen, die aus ihrer Familie ausgestoßen, von der Ehefrau eingeliefert oder von der Polizei, aus einem Gefängnis vielleicht gerade entlassen und wegen psychischer Krankheit in der Psychiatrie, »Mein Sachwalter kommt heute Nachmittag, er gibt Ihnen die Zigaretten ganz bestimmt zurück«.
»Entschuldigen Sie bitte, hätten Sie einen Euro für mich? Ich möchte telefonieren.« Das Telefon ist ein uralter Apparat, im oberen Stockwerk. Zwei lange Stiegen hinauf. Nicht jeder schafft es, die Stufen zu erklimmen. Es sind Menschen, so geschwächt von Tabletten, dass sie telefonieren möchten, es aber sein lassen. Das Bürotelefon auf unserer Ebene darf von Patienten nicht benutzt werden.
Manchmal, ausnahmsweise, borgen ein Arzt, ein Pfleger, eine Schwester das Handy her.
– Aber nur kurz.
– Natürlich.
So wie ein Arztgespräch nicht lange dauern darf. (»Sagen Sie mir kurz …«, »erzählen Sie mir kurz …«)
In der Beschäftigungstherapie, einen Stock tiefer, im Keller, mit Ausgang zum Park, weshalb der Keller Ebene 1 ist, unsere ist Ebene 2, Ebene 3 das Telefon und die Geriatrie sowie die Gymnastik, Ebene 4 eine Station wie hier, nur nicht Notaufnahme, keine Akuten, sondern die Chronischen. Toiletten und Badezimmer für Damen und Herren gleichzeitig. Oben nicht so sauber wie herunten, hörte ich von Mitpatientinnen, die hinauf wechselten, weil auf Ebene 2 Betten gebraucht wurden.
Die charmante Strickerin mit dem Handy-Anschluss nach London sagt, die Beschäftigungstherapie sei wie ein Kindergarten. Sie ruft »Tante …!«, wenn sie die Therapeutin braucht. Wir sitzen an Tischen, nähen, sticken, stricken, basteln, zeichnen, malen, kleben, schneiden, singen aber dabei kein Lied. Wir sind die fleißigen ArbeitsdienstlerInnen vom Steinhof. Punkt zehn Uhr vormittags wird geöffnet. Vorher sitzen wir (wenn Winter ist) im kalten Vorraum auf einer Bank. Dann wird aufgesperrt. Wir dürfen in die lichten Hallen (Kunstlicht), jeder an seinen Tisch. Einige »Tanten« von Tisch zu Tisch gehend, dann wieder untereinander tratschend, sehr kranke Gestalten scheinen auch sie zu sein. Eine Schusselige, Befehlerische, vor der sich Patienten fürchten. Eine Hagere, Magere, mit dem Haar gefärbt: blau, grün, rosa, gelb. Sie trägt die Mode des Leiberl-Hose-Bauchzeigens. In ihrem Nabel, glaube ich, ein Edelstein. Ihre Kollegin, die Ergotherapeutin (Ergotherapie ist gleich Beschäftigungstherapie, Nummer drei), vom Hals bis zu den Knöcheln tätowiert.
Die Strenge, Schusselige, Befehlerische ist mir lieber, weil sie in meinem Alter ist. Sie nimmt mir, wenn ich etwas nicht machen kann, die Sache aus der Hand und vollendet sie. Eigentlich wollte ich nur stricken. Einen Wollschal nach dem anderen. Beim Stricken kann man so gut nachdenken und zuhören, träumen, Pläne schmieden, Entschlüsse abwägen. Als ich nach dem ersten Schal einen zweiten anfange, sagt die Gestrenge: »Nein!!! Wieder ein Schal?« Sie zeigt mir ein norwegisches Häkelmuster, häkelt es mir vor.
– Mir ist das zu kompliziert.
– Nein.
– Was möchten Sie denn machen? Noch einen Schal, das erlaube ich Ihnen nicht!
Natürlich hätte ich darauf bestehen können, dass das Schalstricken sich bei mir gut bewährt hat als Mittel zur Beruhigung und Sammlung. Wenn es auch zur Sucht wurde einmal, denn da strickte ich eine Zeit lang für Menschen, denen ich etwas Gutes tun wollte, nur noch Schals, anstelle von Briefen oder Besuchen. Jeder, den ich gernhatte, bekam einen.
Die Ergotherapeutin meint, ich könnte etwas nähen. Nähen, ach Gott, aber bitte. Ich bringe nach einigen Tagen sogar meine eigene Nähmaschine mit in meinem Einkaufswagerl. So wie ich ein Klavier besitze und nicht spiele, so besitze ich auch eine Nähmaschine, obwohl ich nicht nähe. Nun nähe ich Bettwäsche, wochenlang. Dann wieder etwas anderes. Eine Pappfigur, die mehr oder weniger missglückt ist, so bemalen, dass man das Missglückte möglichst nicht sieht. Ich wende meine mir in langen Jahren erworbene Malkunst an. Der Clown wird ganz hübsch. Ob ich ihn haben möchte? Nein, danke. Dann geben wir ihn zur Weihnachtsausstellung. Zu Weihnachten wird nämlich Basar gemacht in psychiatrischen Spitälern. Patientenwerke ausgestellt und zu niedrigem, d. h. vernünftigem Preis verkauft. Seidenschals, bemalt, Pullover, Aschenbecher, Schüsseln, kleine Figuren, geflochtene Körbe, gebundene Bücher mit Leerseiten und so weiter.
Ein Patient malte auf Seide einen Kakadu. Er wurde gefragt, ob er ihn mit nach Hause nehmen wolle. Nein, danke, ich habe eh schon so viel daheim. Er sprang bald darauf zu Hause aus dem Fenster, tot. Vielleicht vierzig. Schlank, mittelgroß, Brille, immer traurig. Wir schälten mittwochs (Vormittag am Mittwoch gilt dem Kochen) Erdäpfel miteinander, er hatte einen blauschwarzen, schon ein wenig abgetragenen Pullover an, eine Art Skipullover, den er fast immer trug. Beim Erdäpfelschneiden und Arm-über-die-Schüssel-Bewegen strich sein herabhängender Ärmel meist über die potatoes, ich sagte, er solle den Arm heben, er: »Ja, weil der Pullover schmutzig wird, danke.« Ich hatte eher gedacht, dass es unappetitlich ist für die, die diese Erdäpfel dann essen werden.
Er ging am Tag vor seinem Tod noch mit uns spazieren, Mittwoch Vormittag gemeinsames Kochen, Mittwoch Nachmittag gemeinsamer Spaziergang. Wir versammelten uns, wir, die Ergotherapie-Mitglieder, dann ging's los. Entweder mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt oder nach Schönbrunn oder zu Fuß irgendwohin in der Nähe. Es wurde abgestimmt, meist schon Tage vorher. So wie das »Was wollen wir am Mittwoch kochen?« viele Tage vorher schon geplant wurde, gemeinsam beschlossen. Wer, wie, was. Wo kaufen wir ein. Wer besorgt die Kürbisse, ich, ich, ich!
Bin zu etwas gut, kaufe Kürbisse. Und der, der sich umbrachte, einen Tag vorher. Eben hatten wir Kochen, dann Spaziergang zu Fuß von den Pavillons hinauf, an der Otto-Wagner-Kirche vorbei (kein Zweifel, dass sie schön ist, von der Ferne, die goldene Kuppel, das ist ja wie Jerusalem) und in den Wald, über Hänge, auf Wegen neben Wiesen und Feldern, zur Schutzhütte, zum Schutzhaus, dort konnten wir, es war Frühling, im Freien sitzen. Cappuccino, Limonade, Tee. Der neben mir schwieg. Ich wusste, dass er unglücklich war. Ich schwieg auch. Ich war mindestens so unglücklich wie er. Als ich am nächsten Tag von einer Mitpatientin ins Ohr gewispert bekam, er sei tot, erschrak ich, wünschte ihm alles Gute, gratulierte ihm und beneidete ihn. Gut, dass ich nichts mehr gesagt habe, dachte ich. Er meinte, sein Pullover wird schmutzig von den rohen Erdäpfeln. Ich hatte gemeint, er sei unappetitlich. Gut, dass ich das nicht sagte, dachte ich, gut, gut, gut, sonst würde ich glauben, er ist deshalb hinuntergesprungen.
– Du musst es tragen mit Gelassenheit, sage ich zur Informantin. Er ist tot, er hat es geschafft, er muss nicht sein weiteres Leben als Krüppel verbringen, wir wissen nicht, warum er es getan hat, wir haben ihn ja nicht gekannt, außer dass er hier war. Ich mache mir jedenfalls keine Vorwürfe. Ich war immer möglichst nett zu ihm.
– Aber ich war nicht nett, sagt sie. Ich bin nicht nett zu ihm gewesen.
Sie ist eine der Patientinnen, die zu niemandem nett war, ja, ich erlebte sie monatelang als vollkommen in sich verkapselte Person mit einer gewissen Schrulligkeit. Mit seltsamem Gang. Bei einem anderen Aufenthalt erzählt sie eines Abends plötzlich im Speisezimmer, sie sei aus dem vierten Stock gesprungen und habe überlebt. Acht Monate Gips im Krankenhaus. Sexuell missbraucht von den Eltern.
Sexuell missbraucht von der Großmutter, vom Großvater. Es sind so viele sexuell missbrauchte Kranke. Die sich nie wieder erholen, die immer Angst haben, Zweifel, Selbsthass.
Vor ein paar Tagen ein Anruf, andere Patientin, Mitte dreißig, berufsunfähig, Stimmenhören, sexuell missbrauchtes Kind, hat sich »lange nicht gemeldet bei dir, Brigitte, entschuldige, aber ich habe einen Selbstmordversuch gemacht und war lange im Spital«. Einer der Versuche war so: Viel Alkohol und achthundert Truxal. In einem Wald. Gefunden, als sie im Koma war. »Das Koma war wunderschön. Ich habe lauter Luftballons über den Wiesen aufsteigen gesehen.«
Ein Kritiker schrieb mir, ich solle über diese Dinge nicht schreiben. Die Leser würden Selbstmord begehen, weil ich darüber schreibe. Wenn man einen Selbstmordversuch gemacht habe, solle man es niemandem sagen.
Das Essen war gut, das Mineralwasser war gut, wurde aber wegen Budgetkürzung Ende 2003 gestrichen. Leitungswasser. Wir nehmen die bereitstehenden kleinen Trinkgläser und holen uns halt das Leitungswasser aus der Männer-Frauen-Toilette, die auch das Personal benützt. Erste Tür Männer, zweite Tür Frauen, dritte Tür mit Schlüssel, fürs Personal. Oft geht ein Mann in die Frauenkabine und umgekehrt, es ist die Toilettenbrille oft nass und die Schüssel nicht sauber, manchmal verstopft, mit Toilettenpapier und Kacke, die Kacke manchmal neben der Schüssel, auf den Fliesen in der Kabine, mein Gott, was haben erst die Juden leiden müssen, ich helfe mir immer mit den Juden, die Juden im KZ, und ich in einem sehr freundlichen Konzentrationslager, in dem nicht geschossen wird.
Das ist doch was.
Und die Kälte dort, die atmosphärische? Menschenliebe wollt ihr auch noch haben? Menschenwärme?
Wir psychisch Kranken werden nicht vergast, nicht durch Zwangsarbeit gefoltert, nicht geschlagen. Oder nur sehr, sehr selten, in Zeiten äußerster Not drischt vielleicht einmal versehentlich jemand auf den Patienten ein oder gibt der Patient der Krankenschwester, die ihn beleidigt, eine Ohrfeige.
– Warum haben Sie sie geschlagen?, frage ich ihn. Die Krankenschwester hat sich entfernt. Er isst weiter sein Mittagsmahl.
– Weil ich in dem Ton, den sie hat, mit mir nicht reden lasse.
Weil sie ein Nazi ist, eine Faschistin und eine Schlampe.
Ich freute mich ja im Stillen, als sie die Ohrfeige bekam. Es war die Schwester, die von allen Patienten gefürchtet wurde, auch von mir. Als ein Patient mir sagte, sie habe ihn schon zwanzig Mal ins Gitterbett gesperrt, ging ich mit ihm zu ihr, sie war gerade in der Küche. »Sie sind keine Krankenschwester«, sagte ich, »Sie sind eine böse Frau! Wenn Sie das Essen austeilen, geben Sie mir immer zu wenig! Ich bleibe immer hungrig, wenn ich von Ihnen das Essen bekomme!«
Mit einer anderen Krankenschwester wurde ich per Du, und als ich ihre gefürchtete Kollegin einmal kurz erwähnte, unterbrach sie mich: »Sag ja nichts über die (…)! Ohne die (…) tät' bei uns überhaupt nichts mehr funktionieren!« Diese Krankenschwester, die nicht gestattete, dass über die tüchtige Kollegin eine Klage vorgebracht wurde, nahm sich eines Tages drei Wochen Urlaub, um in Psychotherapie zu gehen. »Wenn ich jetzt keine Therapie mache«, sagte sie, »dann werde ich selber krank«.
Und das wollen wir ja nicht. Wir müssen fit bleiben.
Das unfreiwillige Aufeinandertreffen mit Menschen, die gleich mit einem per Du sind. Verschiedene Erziehung, aus allen Schichten, allen Berufen, Nationen. Dazu die Halbnackt-Auftritte fremder Menschen, ganz nah, meist Männer. Das Geduztwerden von einer Krankenschwester, plötzlich. Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern miteinander per Du. Zumindest im Pavillon 10. Nackte, behaarte Unterschenkel, Schlapfen, halboffene Bademäntel, Tschick, »Haben Sie ein Feuerzeug?«, »Ja, aber Sie müssen es mir zurückgeben«.
Stühle werden geräuschvoll verschoben. Holz auf Keramikfliesen. Tische werden verschoben. Fernsehen aufgedreht, lauter gestellt, leise gestellt. CDs dazwischen gespielt, vom Schwesternzimmer aus, ein Lautsprecher im Saal. Es ist ein Saal, ja. Keine Geborgenheit. Ab und zu rauft jemand, Tischtennis konnte gespielt werden monate- und jahrelang, doch dann wurde der Raum verkleinert, nein, hinten haben sie von einem Saal etwas weggenommen, eben um diese Mauer zu bauen, ein Zimmer innen im zweiten Saal anbauen anstatt von außen.
Für schwierige Patienten. Solche, die aggressiv sind, meist im Gitterbett. Es sieht das neue Zimmer von außen wie ein Sonderkerker aus oder eine kleine Garçonniére.
Es war oft dort dieses: Wie mache ich mich meinen Mitmenschen verständlich. Wem schreibe ich. Was könnte ich erzählen, warum ich hier bin. Auf keinen Fall darf es lauten: »Glaubt nicht, dass ich verrückt bin, nur weil ich lieber in Steinhof bin als unten in eurem Wien.« Verrückte sagen immer, dass sie nicht verrückt sind. Es ist mir bei den täglichen Morgengesprächen – zwanzig bis vierzig Patienten, ein, zwei Ärzte, ein Pfleger, eine Krankenschwester oder zwei – nicht immer angenehm gewesen, vor fremden Menschen mein Leid auszupacken, und ich habe es auch für mich behalten weitgehend. So wie auch die Mitpatienten nicht viel redeten. Nur: Wie haben Sie geschlafen, was passt Ihnen an der Medikation, was nicht, möchten Sie heute Ausgang haben, was planen Sie für das Wochenende? Erwarten Sie Besuch? Wann kommt Ihr Sachwalter? Haben Sie schon Kontakt zur Patientenanwaltschaft aufgenommen? Sollen wir Ihre Eltern verständigen, dass Sie hier sind? Wünschen Sie besucht zu werden, oder wollen Sie keinen Besuch?
Es wünschten etliche Patienten keine Besuche. Es wehrte sich eine junge Frau ständig gegen die Besuche ihrer Eltern, wurde nicht ernst genommen, die Eltern erschienen fast täglich, perfekt gekleidet, die junge Frau auch mit einem großen Koffer voll bester Kleidung, besonders der Herr Papa saß weit über die Besuchszeit hinaus im Speisezimmer. Vielleicht hatte er eine besondere Mission. Oder ein gewaltiges Trinkgeld gegeben. Jedenfalls, noch zwei Stunden nach dem Ende der Besuchszeit (neunzehn Uhr) war der immer noch da, und ich mied gern den Kontakt mit Besuchern, weil die Leser unter den Patienten, die Literaturliebenden, begeistert waren, einige, von meiner Anwesenheit. Da gehe es ihnen schon viel besser gleich. Und so gab es auch neugierige Blicke auf mich von Eltern oder sonstigen Angehörigen, ich wurde vorgestellt, durfte oder sollte, musste mich zwecks gepflegter Unterhaltung (die mich überaus anstrengte) an den Tisch setzen. Oder: Ich interviewe einen Mitpatienten und eine Mitpatientin schreibt mit.
Ich frage den Mitpatienten, den ich schon von mehreren Aufenthalten kenne, nach seiner Lebensgeschichte, seinen Meinungen zu diesem und jenem, er ist ein sehr gebildeter Alkoholiker, halb gelähmt wegen kaputter Beine (Alkohol kann Lähmungen erzeugen), und die neue Patientin, sie ist Journalistin, schreibt mit. Ich bitte sie, über diesen Mann keinen Zeitungsartikel zu schreiben, denn was er erzähle, erzähle er ja mir. Ein anderes Zimmer ist nicht da. Das Personal meint, wir sollten, um zu verhindern, dass die Patientin mitschreibe, uns auf den Balkon setzen. Doch dort ist es viel zu kalt. Ich gehe dann zu den Ärzten und teile mit, dass es ein Copyright gibt in der Literatur, und dass der Patient und ich, wenn ich niederschreibe, was er erzählt, ein gemeinsames Copyright haben. Und dass es schließlich und endlich ich bin, die Art meines Fragens, meines Verstehens und Nachfragens, was ihn zu fundiertem Erzählen bringt, und nicht fair, wenn eine Berufsrivalin (Journalisten sind oft ärgerlich über Romanschriftsteller) das notiert und dann für sich beansprucht, noch dazu ohne Zustimmung des Patienten. Die Ärzte sagen, das müsse ich mit dem Patienten selbst ausmachen, wem er erzählen wolle und wem nicht. »Und zurückziehen!« wird empfohlen.
Wir vertreiben uns die Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen irgendwie, wenn nicht Termine sind, etwa Beschäftigungstherapie, Einzelgespräch, Physiotherapie oder Wege zu Ärzten oder auf Ämter. (Wer so krank ist, dass er Amtswege alleine nicht schafft durch den Verkehr in Wien, erhält Begleitung von einer Sozialarbeiterin.) Ich vertreibe mir die Zeit mit Patientenbefragungen. Wie lange sind Sie schon krank, was war vorher, wohin werden Sie gehen, wenn Sie entlassen sind, was ist Ihr größter Wunsch, darf ich Sie in einem Buch erwähnen, ohne Namensnennung. Manche wünschen sich, man solle gleich ein ganzes Buch inklusive Namensnennung über sie schreiben.
Einmal kommt ein Arzt. »Frau Schwaiger, Sie dürfen hier über alles schreiben, was Sie sehen, hören, über alles, was hier passiert. Es darf natürlich auch kritisch sein. Und ohne Namensnennung. Wir wünschen uns, dass Sie ein Buch über die Psychiatrie schreiben und wieder einen Erfolg haben wie mit Wie kommt das Salz ins Meer.«
Er meint es gut, ich fühle mich auch sehr geehrt, aufgefordert zu konstruktiver Kritik und Information der Bevölkerung. Zugleich tut weh, dass er »Erfolg« und »Wie kommt das Salz ins Meer« ausspricht. Ich fühle mich unter Druck, Leistungsdruck, ich werde keinen Bestseller mehr schreiben, das schwor ich mir schon wenige Monate nach dem Erscheinen des ersten Romans. Nie wieder ein Bestseller, und auf ging's, anderer Stil, andere Themen, ein Zickzacklauf zwischen literarischen Genres. Nur nicht ewig dieselbe Masche abwickeln. Nur nichts wiederholen wollen. Sondern immer etwas Neues. Nicht stehen bleiben, kein literarischer Roboter werden. Nun ein Buch über Psychiatrie. Da ging die Meinung dann auseinander. Zu einem Arzt sagte ich: »Ich habe heute schon viel arbeiten können.« »Sie sind nicht bei uns, um zu arbeiten, sondern um sich zu erholen.«
Ein Telefonat mit einem Jugendbekannten, er lebt in Wien, ist selbst Künstler und hat Depressionen. Während zweier Aufenthalte für einige Zeit daheim, rufe ich ihn an. Er empfiehlt Seneca als Lektüre und Fluctine als ein Mittel, das zumindest ihm sehr hilft. Dann bringt eine Freundin, es gibt ja doch eine, mir Seneca ins AKH.
November 2004, ich werde besucht von der Jugendbeamtin, die meinen Sohn betreut, während ich immer kurz vor der Entmündigung lebe, denn die, die einen Sachwalter ja schon im Jahre 1994 wünschte, war ich selbst. Ich kann Kunst machen, aber ich kann sie nicht verkaufen. Ich bin angewiesen auf Menschen, als Künstlerin, die sich mit dem Verkauf von Kunst befassen, und von solchen Menschen kann man sehr gut betreut, aber auch stark übers Ohr gehaut werden oder in anderer Weise missbraucht. Nach Jahrzehnten Erfahrung mit Verlegern traue ich eigentlich fast keinem mehr. Verleger wollen Geld verdienen, Künstler brauchen natürlich auch Geld, doch sie brauchen auch anderes, und Künstler ohne Familie, ohne Verwandte, ohne Geborgenheit, allein streunend durch die Stadt, psychisch krank, angewiesen auf Freundlichkeit, gleichgültig, von wem, setzen sich oft zu sogenannten Sandlern, Bettlern, besuchen Verhaftete, weil sie sich nützlich machen wollen auf jeden Fall, ihren »Nützern« aber nicht mehr trauen: ausgenutzt wurden sie und in Schaffenskrisen alleingelassen und verlassen.
Seneca ist mein guter Ratgeber im Sommer 2004 und darüber hinaus. Im November und Dezember bin ich im AKH in der Verhaltenstherapie. Eine Mitpatientin, sehr zart, apart gekleidet, leidet unter fürchterlichen Depressionen, sagt immer wieder, sie werde sich umbringen. Sie stürzt einmal, hat plötzlich einen epileptischen Anfall oder etwas Ähnliches. Dabei bricht sie sich eine Schulter. Sie kommt auf eine andere Abteilung. Dort gibt es einen Eklat, sie will nicht operiert werden oder nicht festgebunden werden, sie ist dann wieder auf unserer Station, sie vegetiert dahin, manchmal geht es ihr ein wenig besser. Ihre Mutter, eine Schneiderin, kommt jeden Tag. Sie bringt mir, wenn sie kommt an Samstagen, eine Zeitung mit. Ihre Tochter ist nur wenig über dreißig. Arbeitete viele Jahre als Betriebsrätin in einem Institut für Verbreitung österreichischer Literatur. Sie sagt, sie habe gesehen, wie wenig dort gearbeitet werde, wie hoch die Gehälter seien. Sie habe es nicht ertragen und habe gekündigt.
Nach der AKH-Intensiv-Spezialtherapie bin ich monatelang in ambulanter Borderline-Gruppentherapie im dritten Bezirk, wo auch eine Mitpatientin aus dem AKH sitzt, eine Ärztin, die berufsunfähig geworden ist. Sie sagt: »Heute ist das Begräbnis.« Es ist die Betriebsrätin, die sich das Leben genommen hat mit einer Überdosis.
Was sie erzählte, darf ich nicht preisgeben, sie hat es mir anvertraut. Wir hatten viele gemeinsame Bekannte. Sie war Lektorin, lebte eine Zeit lang in New York, wo sie glücklich war. Sie sagte in den AKH-Gruppensitzungen einige Male, sie überlege, ob sie wieder nach New York gehen solle. Die Meinung der Therapeuten war, wenn sie in New York sei, gehe es ihr gut, einverstanden, nur, wenn sie zurückkomme, gehe wieder alles von vorne los. Sie solle sich heilen lassen und erst dann wieder ins Ausland gehen.
Ihr Leichnam wurde obduziert und eine Fettleber festgestellt. Sie hatte schlank sein wollen und kein Fett gegessen. Die Leber erzeugt, wenn sie kein Fett zugeführt bekommt, das Fett selbst. Fettleber ist eine schwere Krankheit. Medikamente schlugen bei ihr kaum an. Sie sagte zu ihrer Mutter: »Du hast über dreißig Jahre lang eine Tochter gehabt, jetzt kann ich nicht mehr, bitte lasst mich sterben.«
