Falsche Propheten - Leo Löwenthal - E-Book

Falsche Propheten E-Book

Leo Löwenthal

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Beschreibung

Lautstark schwingen sich selbsternannte Tribunen des Volkes, esoterische »Querdenker« und autoritäre Demagogen zu Verteidigern der demokratischen Ordnung auf, deren Werte sie eigentlich ablehnen. Um Gefolgschaft zu organisieren, schüren sie Ängste vor drohendem Chaos und spinnen Verschwörungstheorien über anonyme Mächte, die das Schicksal der Nation bestimmen. Vorschläge zur Lösung komplexer gesellschaftliche Probleme sind ihre Sache nicht. Vielmehr verlegen sie sich auf eine aggressive Rhetorik des Kampfes gegen »die Politiker«, »die Linken«, »die Flüchtlinge« und immer wieder: »die Juden«.

Was sich wie eine Kurzbeschreibung von Aspekten der politischen Kultur unserer Tage liest, ist Gegenstand eines Buches, das vor mehr als siebzig Jahren geschrieben wurde. In Falsche Propheten analysiert Leo Löwenthal Themen und Techniken politischer Demagogie. Er fragt, warum die immergleichen Phrasen und Phantasmen verfangen, legt dar, weshalb dem Agitator so schwer beizukommen ist, und warnt vor Unterschätzung. Denn nicht selten ist die Agitation »Generalprobe fürs Pogrom«. Falsche Propheten ist ein Klassiker der politischen Psychologie. Inwiefern es auch ein Buch für unsere Gegenwart ist, zeigt Carolin Emcke in ihrem Nachwort zu dieser Neuausgabe.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Leo Löwenthal

Falsche Propheten

Studien zur faschistischen Agitation

Unter Mitarbeit von Norbert Guterman

Aus dem Englischen von Susanne Hoppmann-Löwenthal

Mit einem Nachwort von Carolin Emcke

Suhrkamp

Für Susanne

Übersicht

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Vorwort

Kapitel

I

Agitationsthemen

Was der Agitator sagt

Hintergründe der Verführung

Bearbeitung des Publikums

Kapitel

II

Gesellschaftliche Malaise

Katalog der Beschwerden

Emotionales Substratum

Das Individuum in der Krise

Kapitel

III

Eine feindliche Welt

Thema 1: »Die ewig Betrogenen«

Thema 2: Verschwörung

Thema 3: »Verbotene Früchte«

Thema 4: Unzufriedenheit

Unseriosität

Umformung der Meinung

Antiuniversalität

Thema 5: Die Scharade vom Untergang

Kapitel

IV

Der unbarmherzige Feind

Thema 6: Die »Roten«

Thema 7: Die »Plutokraten«

Thema 8: Der »korrupte« Staat

Thema 9: »Der Fremde«

Kapitel

V

Der hilflose Feind

Thema 10: »Unterwelt-Gestalten«

Thema 11: »Auf zur Jagd!«

Die Taktik des »Alles-in-einen-Topf-Werfens«

Kapitel

VI

»Der Feind heißt Jude«

Thema 12: Das Opfer

»Der Jude wird verfolgt«

»Der Jude wird nicht verfolgt«

Der Antisemitismus wird geleugnet

Der Antisemitismus wird erklärt

Nur kein falsches Mitleid

Thema 13: »Sie sind Anders«

Der Jude als Antichrist

»Sie stecken zusammen«

»Ferment«

Identifizierung des Juden

Jüdische Namen

Nachäfferei

Thema 14: »Sie stellen eine Bedrohung dar«

»Rachsucht«

»Schlauheit«

»Selbstzufriedenheit«

Kapitel

VII

Ein Heim für die Heimatlosen

Parteiprogramm und Grundsatzerklärung

Thema 15: »Entweder – oder«

Thema 16: »Geschlossene Gesellschaft«

Thema 17: »Hausreinigung«

Kapitel

VIII

Der Anhänger

Thema 18: Schlichte Amerikaner

Populistischer Anti-Intellektualismus

Thema 19: Die Wachhunde

Auf geht's!

Blut und Tod

Der ältere Bruder

Kapitel

IX

Das Selbstporträt des Agitators

Thema 20: Grosser ›kleiner Mann‹

Eine sanfte Seele

Geteilte Sorgen

Öffentliches Privatleben

Thema 21: Märtyrer mit kugelsicherer Weste

Die innere Berufung

Verfolgte Unschuld

Ein eindeutiger Mordfall

Der geldgierige Märtyrer

Magie des Überlebens

Mir kann keiner

Geheime Informationen

Der charismatische ›Führer‹

Kapitel

X

Was der Zuhörer verstanden hat

Generalprobe fürs Pogrom

Die gesellschaftliche Grundlage der Agitation

Ein Wortführer der Agitation

Was der Agitator meint

Anhang

I

. Beispiele profaschistischer oder antisemitischer Äußerungen der Agitatoren, die in dieser Untersuchung zitiert werden

Anhang

II

Quellenmaterial

Nachwort

Über den Autor und die Autorin

Fußnoten

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Vorwort

Vor und während des Zweiten Weltkrieges waren Amerikaner erstaunt darüber, daß es in ihrer Mitte eine Reihe von Individuen gab, die den Naziführern der zwanziger Jahre in Deutschland verblüffend ähnelten. Die meisten gaben offen ihrer Bewunderung für Hitler und Mussolini Ausdruck, waren unbarmherzig antisemitisch und frönten einer intensiven Verunglimpfung unserer nationalen Politiker. Darüber hinaus fanden sich die meisten an der Spitze kleiner ›Bewegungen‹ und waren Herausgeber von Zeitschriften. Sie alle hielten häufig öffentliche Reden, und einige waren unseren Kriegsgegnern gegenüber hilfreich und von Nutzen.

Es ist dieser Typ des selbsternannten ›Tribunen‹, der in der vorliegenden Untersuchung mit dem Terminus ›Agitator‹ gemeint ist. In keiner Weise wird der Anspruch erhoben, die Geschichte der politischen Agitation in all ihren Aspekten zu berücksichtigen oder andere Formen zeitgenössischer Propaganda-Manipulation der Popularpsychologie zu analysieren.

Das konventionelle Image des amerikanischen Agitators ist das einer amerikanischen Kopie eines ausländischen Modells. Gewöhnlich hält man ihn für einen harmlosen Verrückten, dessen Anziehungskraft und Ziele weder etwas mit wirtschaftlichen und politischen Zuständen noch mit Haltungen und Einstellungen der Bevölkerung zu tun haben. Der als ausländischer Agent geltende Agitator ist gewöhnlich mit den Mitteln der Bloßstellung bekämpft worden. Sowohl seine schändlichen Absichten und Beziehungen als auch die offensichtlichen inneren Widersprüche seiner Aussagen und Behauptungen sind oft herausgestellt worden. Hinter diesem Bild des Agitators jedoch – und der damit in Zusammenhang stehenden Strategie – steht die Vorstellung, daß er nur durch Betrug zu öffentlicher Wirkung kommen kann und daß seine Äußerungen bloß zur Tarnung seiner wahren Ziele dienen. Man muß nur seine Tricks entlarven, und schon wird er zur Hilflosigkeit reduziert.[1] 

In dieser Untersuchung amerikanischer Agitationsmechanismen haben wir zu zeigen versucht, daß das konventionelle Bild des Agitators unrichtig ist und sich wesentlich unterscheidet von dem Bild, das sich aufgrund intensiver Analyse seiner Texte ergibt. Diese Texte dienen als einzige Grundlage der vorliegenden Untersuchung; aber da wir überzeugt sind, daß der Agitator sich oft auf unbewußte Mechanismen verläßt, um sich das Handwerkszeug für die Manipulation seiner Zuhörer zu schaffen, haben wir versucht, hinter die Kulisse des manifesten Inhalts seiner Reden und Pamphlete zu dringen, um ihren latenten Inhalt aufzuspüren.

Wir haben versucht, das zu extrahieren, was den verschiedenen Agitationstexten gemein ist; unwesentliche Differenzen haben wir im großen und ganzen ignoriert. Aus einer großen Anzahl von Flugschriften, Zeitschriften und Reden haben wir die bedeutsamsten Merkmale der verschiedenen Typen von Agitatoren ausgewählt: und zwar solche, die sich in ihrem Ansatz als differenziert und intellektuell erwiesen, wie auch jene, die naiv und primitiv sind, und solche aus industriellen Gebieten und aus landwirtschaftlichen Gegenden. In den weitaus meisten Fällen können die in diesem Buch verwandten Zitate ohne weiteres als ständig sich wiederholende Themen im Agitationsmaterial gefunden werden.

Die Anregung zu einer Untersuchung des Agitationsphänomens als Manifestation tiefliegender sozialer und psychologischer Trends kam von Max Horkheimer, Direktor des ›Institute of Social Research‹. Seit 1940 hatte das Institut für Sozialforschung derart ausgerichtete wissenschaftliche Voruntersuchungen angestellt, die von Theodor W. Adorno, Leo Löwenthal und Paul W. Massing geleitet wurden. Die vorliegende Untersuchung, die z. ‌T. auf diesen Vorarbeiten beruht, entstand in Zusammenarbeit mit dem ›Department of Scientific Research of the American Jewish Committee‹, dem wir für fortwährende Ermutigung und Interesse zu Dank verpflichtet sind. Zweifelsohne kann für die Schlußfolgerungen im Hinblick auf latente Gehalte nur ein beschränkter Wahrscheinlichkeitsgrad gelten. Eine bloße Textanalyse kann nicht mit Sicherheit und Präzision bestimmen, welche von verschiedenen möglichen Bedeutungen ein Publikum einem Thema zuschreiben mag. Wir sind uns darüber im klaren, daß unsere Interpretationen nicht den Anspruch erheben können, tatsächliche Publikumsreaktionen zu repräsentieren. Wir sind jedoch überzeugt, daß dieser Ansatz den Weg weist für eine empirische Untersuchung der Psychologie des Agitators und für Feldforschung hinsichtlich seines tatsächlichen Effekts auf unterschiedliche Zielgruppen. In methodologischer Hinsicht ist diese Arbeit gänzlich experimentell; es handelt sich hier um einen kaum erforschten Untersuchungsgegenstand.[2] 

New York, Dezember 1948

Kapitel IAgitationsthemen

Was der Agitator sagt

Wann wird die einfache, aufrichtige, lammfromme Bevölkerung Amerikas sich darüber klarwerden, daß ihre öffentlichen Angelegenheiten in den Händen von Ausländern, Kommunisten, Verrückten, Flüchtlingen, Renegaten, Sozialisten, Termiten und Verrätern liegen und von ihnen kontrolliert werden? Diese ausländischen Feinde Amerikas ähneln den Parasiten, die ihre Eier in den Kokon eines Schmetterlings legen und die Larve verschlingen; wenn der Kokon sich öffnet, entdecken wir anstelle eines Schmetterlings ein Ungeziefer, einen Parasiten. Wir haben es hier mit einem raffinierten Plan zu tun, und wenn das amerikanische Volk sich nicht beeilt und zur Gegenattacke ansetzt, wird das ganze üble Komplott über euch hereinbrechen, ohne daß ihr wißt, was euch geschieht. Eine umfassende und sorgfältig geplante Verschwörung, von einflußreichen und wohlorganisierten Cliquen inszeniert und sich offizieller und halboffizieller Organe bedienend, ist seit Nimrods Zeiten am Werke, um uns unsere Freiheit zu rauben. Wir dürfen keinen Augenblick vergessen, daß die von diesen Usurpatoren christlicher Freiheiten angewandten Taktiken darauf ausgerichtet sind, Schrecken und Panik durch äußerste Brutalität hervorzurufen. Wie wäre euch zumute, wenn das Blut eurer Säuglinge, eurer Söhne und Töchter mit dem getrockneten Blutplasma von Juden, Negern und Kriminellen verseucht würde? Gesunder Menschenverstand gebietet, daß alle Haushalte – wenn die ersten Anzeichen allgemeiner Unruhe aufkommen – mehrere Gefäße mit Trinkwasser bei sich aufstellen, so daß die allgemein qualvolle Situation nicht noch durch Durst verschlimmert wird.

Hitler und Hitlerismus sind die Geschöpfe des Judentums und Judaismus. Die erbarmungslosen Ausbeutungsmethoden, die gewisse Juden und ihre Satrapen auf Menschen anwenden, die nicht vorbehaltlos mit ihnen übereinstimmen, haben schlimme Reaktionen hervorgebracht. Ich will diese Reaktionen weder rechtfertigen noch unterstützen; ich will sie lediglich erklären. Haben die Juden vergessen, daß die Folge ihrer immer mehr sich verstärkenden finanziellen Organisation immer häufigere Angriffe und Verfolgungen sein werden? Vergeßt nicht, diese Juden sind Christen gegenüber erbarmungslos. Warum sollten jüdische Gangster nicht Synagogen vorsätzlich zerstören und verschandeln, um somit eine scheinbare Rechtfertigung für Vergeltungsmaßnahmen zu schaffen – so daß amerikanische Christen, die zu viel wissen und sich als zu couragiert erwiesen haben, in der Nähe von oder in Synagogen tot aufgefunden werden?

Wir wissen genau, was hochnäsige Reaktionäre als Antwort parat haben. Daß wir nämlich verrückt sind. Und daß diese Taktiken nur im Hinblick auf eine halb verrückte Außenseitergruppe erfolgreich sind. Es ist doch nicht antisemitisch, die Wahrheit ergründen zu wollen? Vielleicht aber doch?

Was stimmt hier nicht? Ich werde euch sagen, was hier nicht stimmt. Wir haben den Menschen ihre Freiheit geraubt. Wir haben sie hinter die Gitter bürokratischer Verfolgung gesteckt. Wir haben dem amerikanischen Geschäftsmann so lange zugesetzt, bis er schließlich nicht mehr wagt, einen Gehaltsscheck gegenzuzeichnen, aus Angst, sich damit des Verstoßes gegen irgendwelche bürokratischen Verordnungen schuldig zu machen, der die Rückzahlung einer Anleihe, das Erscheinen vor einem Komitee in Washington oder sogar Gefängnisstrafe zur Folge hat. Wir haben das Management verfolgt und verkommen lassen, wir haben tatenlos zugesehen, wie eine Bande von Radikalen, Geschäftemachern und Verschwörern unsere Arbeiter im Namen der Gewerkschaft in eine beitragzahlende Verschwörung hineingezwungen hat, die in Moskau konzipiert wurde und nur darauf ausgerichtet ist, Arbeiter für die amerikanische Rote Revolution zu gewinnen.

Wir werden unsere Regierung von den Einflüssen dieser Lackaffen befreien und sie in die Hände der Massen zurückführen, die immer noch glauben, daß zwei und zwei vier ist, daß Gott im Himmel lebt und die Bibel die Wahrheit verkündet. Wehe den Wenigen, die im Luxus schwelgen, wehe den Gesetzen, die die paar Privilegierten schützen, und wehe den Politikern, die die Wähler hintergehen! Wann immer eine legislative Körperschaft zusammentritt, sind die Freiheitsrechte der Massen der Bedrohung durch subtile und aktive Interessen ausgesetzt. Finanzieller und politischer Machthunger ist der stets im Hintergrund lauernde Feind der Freiheit der Massen. Das dem Wort ›liberal‹ anhaftende Odium ist wohlverdient. ›Liberalismus‹ ist eine für alle fundamentalen Werte destruktive Kraft, gleichgültig, ob er sich auf Religion, Moral oder Politik bezieht. In der Religion führt Liberalismus zum Atheismus, in der Moral zu Nudismus und in der Politik zum Anarchismus. Im Kontext einer Demokratie realisieren die meisten anständigen Menschen nicht, was vor sich geht, wenn ihre Interessen verraten werden. Es ist an der Zeit, daß wir auf den Weg zurückkehren, der zum Fortbestand unserer Demokratie und zu den Traditionen unserer Republik führt.

Dem Ausland hörige Plutokraten schwelgen im Reichtum, baden im Alkohol, umgeben sich mit den verführten Töchtern Amerikas und unterstützen alle Bestrebungen zum Aufbau des Kommunismus und zur Unterminierung christlicher Haltungen. Das eitle Amerika, das hochmütige Amerika, die Nation der Schwelger, Verschwender und Trinker. Die Hochzeitsfeier von Harry Hopkins wurde von Herrn Baruch ausgerichtet. Sieben verschiedene Fleischsorten wurden serviert, zweiundzwanzig verschiedene Speisen, und Barney Baruch zahlte 122 Dollar pro Person; der Wein war vom Jahrgang 1926. Wir reden von den Orgien der Geschichte – wir erwarten dergleichen von Al Capone, aber solange ich mich einen Christen nenne, will ich mich nicht von einem solchen Mann regieren lassen. Das wollen sie mich nicht sagen hören. Sie hassen mich, weil ich ausspreche, was ihr alle sagen wollt und nicht den Mut habt auszusprechen.

Wir politischen Führer riskieren unser Leben in dem Bestreben, eine neue Seite der Geschichte Amerikas zu schreiben. Ohne Umschweife und ohne Zweideutigkeit, ohne lächerliche Sentimentalität, die manchmal als Toleranz auftritt, verlangen wir die Kastrierung der Wüstlinge in unserer Gesellschaft und die Wiederherstellung Amerikas auf einer Grundlage, die eine solche Verwahrlosung ein für alle Mal ausschließt. Ich habe die Absicht, zwischen dem 6. August und dem 15. September hundert öffentliche Reden zu halten. Für die meisten Menschen wäre dies eine physische Unmöglichkeit, aber dank des christlichen Lebensstils von Mutter und Vater habe ich eine kräftige Konstitution und große körperliche Reserven. Dennoch werde ich so manches Mal, am Ende meiner Kräfte, wie tot abends ins Bett fallen; aber ich werde meinen Gegner nie mit Schmutz bewerfen … ich bin den ethischen und moralischen Grundsätzen des Christentums verpflichtet. Wir kommen an den Kreuzweg, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir Recht und Ordnung und Anständigkeit aufrechterhalten wollen oder ob wir uns für diese roten Verräter verhökern lassen wollen, die Amerika zu ruinieren beabsichtigen.

Diese Versammlung ist keine Vorlesung, kein offenes Forum … hier wird heute Geschichte gemacht. Dies ist ein Kreuzzug. Ohne Geld wird es nicht gehen. Wir wollen es jedoch nur von enthusiastischen Freunden.

Hintergründe der Verführung

Die vorstehende, kursiv gedruckte ›Rede‹ ist eine Zusammenstellung tatsächlicher Aussagen und Zitate aus den Reden amerikanischer Agitatoren. Mit Ausnahme der Interpunktion ist alles authentisch, Worte, Gedanken, Appelle. Es mag wie die wilde Tirade eines Besessenen wirken und als solche ignoriert werden. Jedoch läßt sich nicht leugnen, daß Reden und Artikel, die im wesentlichen die gleichen Ideen in ähnlicher Sprache formulieren, ein recht kleines, aber getreues Publikum finden. Welcher Art sind nun die sozialen und psychologischen Implikationen eines solchen Materials?

Amerikanische Agitation befindet sich in einem Übergangsstadium. Einige Agitatoren sind gelegentlich der nationalen politischen Szenerie recht nahegekommen. Ausgehend von der Voraussetzung, daß Amerika auf eine schwere Krise zugeht, haben sie versucht, eine Massenbewegung zu schaffen, wobei sie in den Jahren des New Deal und kurz vor Amerikas Kriegsbeitritt bemerkenswerten Erfolg hatten.

Viel zahlreicher sind jene weniger sichtbaren Agitatoren, die in lokalen Kreisen wirken und eher den Vergleich mit einem Kurpfuscher als mit einem verehrten Nationalhelden nahelegen. Ihre Tätigkeit ist durch psychologische Manipulation gekennzeichnet: Sie spielen mit den vagen Ängsten und Erwartungen radikaler Veränderungen. Einige dieser Agitatoren scheinen ihre eigenen Ideen selbst nicht ernst zu nehmen, und sie wollen durch die Veröffentlichung einer Flugschrift oder durch Abhalten von Versammlungen nur Geld machen.[3]  Die Eintritt zahlenden Zuhörer erleben eher eine Art Schauspiel, eine Art Zwischending von tragischem Monolog und Clownspantomime, als eine politische Rede. Die Diskussion politischer Probleme wird vom Agitator ausnahmslos zum Anlaß genommen, sich in vagen und leidenschaftlichen Schimpfkanonaden und oft irrelevant erscheinenden persönlichen Beleidigungen zu ergehen. Die Grenze zwischen ehrgeizigem Politiker und kleinkariertem Stammtischbruder ist schwer zu ziehen, da es viele Zwischentypen gibt. Wichtig jedoch ist, daß die amerikanische Agitation sich in einem Vorstadium befindet, in dem politische Massenbewegung und bloßer Rummel ineinander übergehen.

Welcher Art die Unterschiede zwischen amerikanischen Agitatoren auch sein mögen, sie gehören alle der gleichen Sorte an. Selbst dem unvorbereiteten Zuhörer oder Leser fällt sofort die unmißverständliche Ähnlichkeit zwischen Ton und Inhalt bei ihnen allen auf. Eine sorgfältige Untersuchung von Agitationsreden und -schriften zeigt, daß diese Ähnlichkeit nicht zufällig ist, sondern auf einem gemeinsamen Muster beruht, auf bestimmten sich wiederholenden Motiven. Die Hauptaufgabe der vorliegenden Untersuchung ist die Bestimmung der gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte der Agitation mit den Mitteln der Isolation und die Beschreibung ihrer fundamentalen Themen. Im Unterschied zu propagandistischen Slogans reflektieren Agitationsthemen unmittelbar die Prädisposition der Zuhörerschaft. Der Agitator geht seine Zuhörer nicht von außen her an; vielmehr gibt er sich wie jemand aus ihrer Mitte, der ihre innersten Gedanken formuliert. Er rührt das auf und drückt das in Worten aus, was in ihnen schlummert.

Die Themen werden von ihm mit einer gewissen Frivolität präsentiert. Die Behauptungen und Aussagen des Agitators sind oft mehrdeutig und unernst. Es ist schwer, ihn auf irgend etwas festzunageln, und er vermittelt den Eindruck, daß er absichtlich schauspielert. Er scheint sich selbst einen Spielraum für Unbestimmtheit zu lassen, die Möglichkeit des Rückzugs für den Fall, daß irgendeine seiner Improvisationen schiefgehen sollte. Er legt sich nicht fest, denn er ist – zumindest vorübergehend – entschlossen, mit seinen Ideen zu jonglieren und seine Kräfte auszuprobieren. Im Zwielicht zwischen Respektabilität und Verbotenem ist er bereit, sich jedes Mittels zu bedienen. Diese scheinbare Unernsthaftigkeit befaßt sich jedoch mit sehr ernsthaften Fragen. Im Verhältnis zu seinen Zuhörern bemüht sich der Agitator um ein vorläufiges Einverständnis, das schließlich in der Verführung endet. Es besteht eine Art unbewußter Komplizität oder Kollaboration zwischen ihm und seinem Publikum; wie in den Fällen individueller Verführung bleibt keiner der beiden Partner gänzlich passiv, und es ist nicht immer deutlich, wer die Verführung initiiert hat. Im Akt der Verführung sind nicht nur irrige Vorstellungen oder falsche Situationsbeurteilungen am Werke, sondern vorwiegend psychologische Faktoren, die das tiefgehende bewußte und unbewußte Engagement beider Teile reflektieren. Diese Dynamik ist in allen Agitationsthemen gegenwärtig.

Als die Schlange Eva das Kosten der verbotenen Frucht nahelegte, wußte Eva sehr wohl, daß sie damit Gottes Gebot verletzen würde. Die von der Schlange unterbreitete Idee ist Eva keineswegs völlig fremd; die Schlange spielt vielmehr mit dem latenten Wunsch nach dem Verbotenen, der seinerseits auf der inneren Rebellion der Frau gegen das Gebot beruht.

Bearbeitung des Publikums

Agitation kann als eine spezifische Art öffentlicher Tätigkeit gesehen werden und der Agitator als bestimmter Typ eines ›Anwalts gesellschaftlicher Veränderung‹ – ein Rahmenbegriff für unsere Analyse. Der unmittelbare Anlaß für die Tätigkeit eines ›Anwalts gesellschaftlicher Veränderung‹ ist eine gesellschaftliche Situation, die von einem Teil der Bevölkerung als ungerecht und frustrierend empfunden wird. Diese Unzufriedenheit artikuliert er durch Hinweise auf ihre angeblichen Ursachen. Er programmiert die Niederlage der sozialen Gruppen, die für den Fortbestand der unerträglichen gesellschaftlichen Situation verantwortlich gemacht werden. Er befürwortet eine Bewegung, die dieses Ziel erreichen kann, und schlägt sich selbst als ihren Führer vor.

Die vier Hauptkategorien, in die die Tätigkeit eines jeden ›Anwalts gesellschaftlicher Veränderung‹ eingeteilt wird, sind: Unzufriedenheit, der Gegner, die Bewegung, der ›Führer‹. Wesentliche Variationen innerhalb dieser Kategorien können für die Aufstellung von Unterkategorien dienen; eine besonders nützliche Einteilung ist die Unterteilung des Begriffs des ›Anwalts für gesellschaftliche Veränderung‹ in die Typen des ›Reformers‹, oder ›Revolutionärs‹, je nachdem, ob die Unzufriedenheit als nur auf einen bestimmten Gesellschaftsaspekt bezogen definiert wird oder auf die gesamte Gesellschaftsstruktur.

Im Gegensatz zum durchschnittlichen Fürsprecher gesellschaftlicher Veränderung versucht der Agitator nicht, das Wesen der besagten Unzufriedenheit rational zu definieren. Vielmehr versucht er jede bei seinem Publikum existierende Desorientierung zu bestärken, indem er alle rationalen Demarkationen verwischt und statt dessen spontane Aktionen vorschlägt. Der von ihm ausgesonderte Feind hat keine rational definierbaren Züge. Des Agitators politische Rhetorik bleibt diffus und vage, und er richtet seine Attacken nicht auf bestimmte, klar definierte soziale Gruppen. Er beansprucht seine Führerstellung nicht, weil er die Situation besser als andere erfaßt, sondern weil er mehr als andere unter ihr gelitten hat. Der bewußte oder unbewußte Zweck seiner Aktivitäten ist die Verhaltensmodifizierung seiner Zuhörer, so daß sie zu widerstandslosen Aufnahmeorganen für seinen persönlichen Einfluß werden.

Es ist deutlich, daß der Agitator nicht in die Kategorie des Typus ›Reformer‹ fällt; seine Kritik ist nicht klar umrissen und gezielt, sondern richtet sich auf jeden Aspekt gesellschaftlichen Lebens. Er richtet sich auch nicht, wie der Reformer, an eine bestimmte Sozialgruppe; mit Ausnahme der kleinen Minderheit, die er zu Feinden abstempelt, ist jeder Amerikaner sein potentieller Anhänger.

Dennoch paßt er auch nicht in die Kategorie des ›Revolutionärs‹. Obwohl die von ihm artikulierte Unzufriedenheit alle sozialen Bereiche einbezieht, deutet er niemals an, daß in seiner Sicht die Ursachen für diese Unzufriedenheit grundsätzlich in der herrschenden Sozialstruktur verankert bleiben. Er bezieht sich vage auf die Unzulänglichkeiten und Ungleichheiten in der bestehenden Gesellschaftsordnung, ohne sie jedoch, wie der Revolutionär, für die gesellschaftlichen Mißstände verantwortlich zu machen. Ständig betont er die Notwendigkeit der Eliminierung von Personen anstatt der Veränderung der politischen Struktur. Jede mit dem Eliminierungsprozeß des Feindes verbundene politische Veränderung wird von ihm als Mittel und nicht als Zweck gesehen. Der von ihm präsentierte Feind nimmt gewissermaßen unmittelbaren Einfluß auf seine Opfer, ohne sich gesellschaftlicher Mechanismen – wie etwa des in der Sozialismustheorie definierten Kapitalismus – als Vermittlung zu bedienen. Man kann z. ‌B. in der Agitationsliteratur, die zwar wiederholt auf das Phänomen der Arbeitslosigkeit hinweist, keine Diskussion ihrer wirtschaftlichen Ursachen finden. Der Agitator lastet die Verantwortung dafür einer sich nicht verändernden Feindclique an, deren übler Charakter oder schiere Boshaftigkeit die Ursache aller sozialen Mißstände ist.

»Sometimes, these internationalists [a few international financiers] are not even interested in price or profit. They use their monopoly control to determine the living standards of peoples. They would rather see unemployment, closed factories and mines, and widespread poverty, if they might see the fulfillment of their own secret plans.«

Im Gegensatz zum Reformer oder Revolutionär macht der Agitator keine Anstrengungen, die Spuren sozialer Unzufriedenheit bis auf deutlich definierbare Ursachen zurückzuverfolgen. In der Tat tritt der Gedanke einer objektiven Ursache gänzlich in den Hintergrund; was übrig bleibt, ist einerseits das subjektive Unbehagen und andererseits der persönlich dafür verantwortliche Feind. In der Folge erscheint sein Hinweis auf eine objektive Situation weniger als Grundlage für seine Kritik, sondern vielmehr als Vehikel für eine auf anderen, völlig unsichtbaren Ursachen basierende Anklage.

Die Geschicklichkeit, mit der der Agitator Fragenkomplexe aus gegenwärtigen politischen Diskussionen herausgreift und sie für seine Zwecke umfunktioniert, bestätigt diesen Eindruck. Trotz außergewöhnlicher Veränderungen im amerikanischen öffentlichen Leben hat der Agitator im Verlauf der vergangenen sechzehn Jahre [seit 1932] den gleichen Grundton in seinen Anschuldigungen und Verleumdungen beibehalten. Politische Parteien haben ihre Programme variiert, er aber hat es sich geleistet, an seiner Grundlinie festzuhalten. Als Arbeitslosigkeit das zentrale Thema war, hat er darüber geschimpft; als die amerikanische Bundesregierung mittels öffentlicher Arbeiten eine Lösung anstrebte, schlug er sich auf die Seite derer, die darin Zeit- und Energieverschwendung witterten und anprangerten. Er benutzt jede sensationelle Nachricht als Gelegenheit zur Brandmarkung des üblen Charakters des allgegenwärtigen Feindes:

»The death of General George S. Patton Jr., remains a mystery. He was a careful driver. He admonished all who drove for him to drive carefully. He was known to be wise and cautious in traffic. He was killed by a truck that charged into him from a side road.

He opposed the Morgenthau Plan. He was against the liquidation of the German race merely because they were Germans. He refused to be dominated and bulldozed by revengeful Jews. He had promised to blow off the lid if he ever returned to the United States. Some people doubt if his death was an accident.«

Seine Fantasie macht keinen Halt vor offensichtlichen Widersprüchlichkeiten:

»Suppose – that the Third International had issued secret formulae and technical instructions to a handpicked personnel of the Communist Party in all countries … Do you remember a couple of years ago that a mysterious gas cloud of drifting death fell upon northern France and Belgium and floated across the channel and up the Thames even to London itself? …

Do you know that even in Free America at the present moment, stark and violent Death waits upon the footsteps of men who know such facts and give them effectively to the public?«

Durch das Vorangehende wird hinreichend demonstriert, daß der Agitator weder ein Revolutionär noch ein Reformer ist. Seine Anklagen beziehen sich zwar auf eine soziale Wirklichkeit, aber nicht in der Form rationaler Begriffe. In der Formulierung ihrer grundsätzlichen Anklage ersetzen der Reformer sowie der Revolutionär emotionale Argumente durch intellektuelle. Im Agitationsbereich ist jedoch die Beziehung zwischen Anklage und Erfahrung eher indirekt und unausgesprochen.

Der Reformer und der Revolutionär verallgemeinern das begrifflose Unbehagen des Publikums zu einem gesteigerten Bewußtsein seiner faktischen Notlage. Diffuse Klagen werden sozusagen sublimiert. Richtung und psychologische Wirkung der Agitatoren-Aktivität sind davon radikal verschieden. Während sowohl der Reformer als auch der Revolutionär ihre Energien darauf verwenden, Gedanken und Emotionen ihrer Zuhörer auf eine höhere Bewußtseinsebene zu transponieren, trachtet der Agitator danach, die irrationalen Elemente der ursprünglichen Anklage zu übertreiben und zu intensivieren.

Der folgende Vorfall soll zur Illustration des Unterschieds zwischen den beiden Ansätzen dienen:

In einem überfüllten New Yorker Omnibus beschwert sich eine Frau lautstark über die schlechte Luft, an der sie ersticke, und über die Mitpassagiere, die sie schubsen und drängeln, und sie fügt hinzu, daß »man etwas dagegen tun müsse«. (Eine typisch unartikulierte Beschwerde.) Ein anderer Passagier entgegnet: »Sie haben ganz recht, das ist auch unerhört. Die Busgesellschaft sollte mehr Busse für diese Route bereitstellen. Wenn wir was unternehmen würden, würde sich schon was ändern.« (Die Lösung eines Reformers oder Revolutionärs. Die unspezifisch formulierte Beschwerde ist somit übersetzt in ein objektives Problem – in diesem Fall die schlechte Organisation öffentlicher Transportmittel, die durch geeignete Maßnahmen verbessert werden kann.) Ein dritter Passagier erklärt jedoch ärgerlich: »Das hat nichts mit der Busgesellschaft zu tun. Das hängt mit all den Ausländern zusammen, die nicht einmal anständig Englisch sprechen können. Man sollte sie dorthin schicken, wo sie herkommen.« (Die Lösung des Agitators, der die ursprüngliche Beschwerde nicht in ein durch spezifische Maßnahmen lösbares Problem übersetzt, sondern in das propagandistische Thema der »bösartigen Ausländer«.)

Im Gegensatz zu allen anderen Programmen gesellschaftlichen Wandels ist der explizite Gehalt von Agitationsmaterial letztlich willkürlich und zufällig – ähnlich dem manifesten Inhalt von Träumen. Die Primärfunktion all dessen, was der Agitator äußert, ist die Auflösung von Bestätigungs- oder Frustrationsreaktionen, so daß seine Zuhörer sich willig seiner Führung überlassen.

Gewiß präsentiert der Agitator gelegentlich Überlegungen, die nicht Teil der ursprünglichen Publikumsbeschwerden waren. Aber diese Begriffe sind nicht das Resultat objektiver Analyse. Wenn der Agitator Regierungsbürokraten wegen der Entbehrungen beschimpft, die durch die Kriegszeitrationierungen bedingt waren, so tut er das nicht, weil er irgendeine Kausalbeziehung zwischen den beiden entdeckt hat, sondern vielmehr weil er weiß, daß unter seinem Publikum ein potentielles Ressentiment gegen Bürokraten schlechthin besteht, was jedoch nichts mit der Notwendigkeit von Rationierungen zu tun hat. Der Anschein einer intellektuellen Distanz zwischen Agitator und Publikum täuscht: Anstatt sich dem ›natürlichen‹ Strom zu widersetzen, läßt sich der Agitator von ihm treiben. Er unterläßt es, zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen zu unterscheiden; keine Beschwerde, kein Ressentiment ist zu gering, um von ihm nicht wahrgenommen zu werden. Was er verallgemeinert, ist nicht eine intellektuelle Wahrnehmung, sondern eine übertriebene Emotion. Der Agitator bemüht sich gar nicht, objektiv auf die Unzufriedenheit und das Mißbehagen seiner Zuhörer einzugehen, vielmehr präsentiert er deren Beschwerden in einem verzerrenden, fantastischen Prisma. Die von ihm angebotenen Lösungen mögen unangemessen und moralisch schockierend sein, aber sie sind stets einfach und endgültig. Anstelle der gezielten intellektuellen Anstrengung, wie sie vom Reformer und vom Revolutionär gefordert wird, gibt der Agitator seinen Anhängern die Erlaubnis zur Hingabe an Fantasien und Tagträume, in denen sie ihre leidenschaftliche Wut gegen angebliche Feinde ausleben können.

Gelegentlich nimmt diese Art der Feindseligkeit paranoide Züge an. Die neueingeführte Koordination von Verkehrsampeln in New York kann zu folgenden Bemerkungen führen:

»What a shock it must be to the descendants of the STAR OF DAVID to see all traffic signal lights in the Five Boroughs of Greater New York being changed, for the duration, from the full red, and green circular light, about 6 inches in diameter, now to show a RED OR GREEN CROSS, for or against traffic. This change is made in the DIMOUT idea, but the use of the CROSS is the work of our Engineering Department of the New York Police, so the Jews can be reminded that this is a Christian Nation.«

Der Reformer oder der Revolutionär konzentrieren sich auf eine Analyse der bestehenden Situation unter Vernachlässigung irrationaler oder unbewußter Faktoren. Der Agitator hingegen appelliert vornehmlich an ebendiese irrationalen oder unbewußten Faktoren auf Kosten rationaler und analytischer Überlegungen.

Kapitel IIGesellschaftliche Malaise

Die erste Aufgabe, die sich bei der Untersuchung jedweder sozialen Bewegung stellt, ist es, die spezifische, gesellschaftlich bedingte Unzufriedenheit aufzudecken, an welche das politische Programm appelliert. In den meisten Fällen ist dies nicht schwierig – in der Tat verwendet der Wortführer gesellschaftlichen Wandels selbst ja beachtliche Energien auf die Formulierung dieser Ursache. Daß der Agitator bestehendes Unbehagen für seine Zwecke ausbeutet, ist auch klar: Er scheint sich stets an Leute zu wenden, die unter groben Ungerechtigkeiten leiden und deren Geduld erschöpft ist. Wer immer jedoch die Agitationstexte untersucht und aufgrund von Erfahrungen mit anderen sozialen Bewegungen die Ursache für das bestehende Mißbehagen herauszufinden sucht, ist stets enttäuscht.

Die Schwierigkeit liegt nicht darin, daß die Agitation dem Sozialforscher keine Antworten liefert, sondern in der Tatsache, daß Fragen beantwortet werden, die er nicht gestellt hat: Wann immer er nach ›etwas‹ fragt, bezieht sich die Antwort auf ein ›wer‹. Er findet zahllose verleumdende und bösartige Hinweise auf Feinde, aber nirgends kann er eine deutlich definierte soziale Ursache entdecken, unter der das Publikum des Agitators offensichtlich leidet. Bestenfalls versieht das Agitationsmaterial den Untersuchenden mit widersprüchlichen Hinweisen auf derartige angebliche Ursachen. Wenn wir nicht akzeptieren, daß der Agitator lediglich ein Verrückter ist, müssen wir annehmen, daß er – obwohl eine gewisse Unzufriedenheit besteht –, im Gegensatz zu anderen Wortführern sozialen Wandels, entweder unfähig oder nicht willens ist, dieselbe deutlich zu umreißen. Daher sieht sich eine Untersuchung des Agitationsphänomens mit der Aufgabe konfrontiert, diesen Zustand der Unzufriedenheit, auf den der Agitator sich bezieht, selbst zu explizieren.

Katalog der Beschwerden

Bereits ein flüchtiger Blick auf das Agitationsmaterial macht deutlich, daß jeder Versuch einer Analyse mittels Methoden, die bei der Untersuchung der Motive eines Revolutionärs oder eines Reformers hilfreich sind, hier nur in eine Sackgasse führt. Bei dem Versuch, die vom Agitator formulierten Beschwerden in Kategorien einzuordnen, ergibt sich etwa dieses Bild:

1. Wirtschaftliche Beschwerden. Der Agitator durchstreift alle Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Er kann überall anfangen. Ausländische Nationen erhalten zu große finanzielle Unterstützung.

»If we have any money to offer for nothing, or to loan, or to give away, we had better give it to our own first. Of course, that is old-fashioned.«

Nicht nur nehmen die Ausländer unser Geld, sie bedrohen uns auch auf dem Arbeitsmarkt.

»People born in America have to commit suicide because they have nothing to eat while refugees get their jobs.«

Hinter solchen Ungerechtigkeiten stehen »the International Bankers who devised and control our money system, [and] are guilty of giving us unsound money«.

Derartige Zustände bedeuten eine Gefahr für die amerikanische Lebensweise, denn

»what is more likely to follow many years of Nudeal[4]  communistic confiscatory taxation, wool-less, metal-less, auto-less regimentation and planned scarcities than our finally becoming stripped by necessity to Nudism?«

2. Politische Beschwerden. Internationale Verträge der amerikanischen Bundesregierung bedeuten ein Risiko für politische Freiheiten. »Wie Rußland leiden auch die Vereinigten Staaten unter der Geißel des Internationalismus.« Die amerikanische Bevölkerung wird gewarnt: »Laßt euch nicht von den Internationalisten unter uns beschwindeln.«

Natürlich ist es nur vernünftig, daß

»treaties and agreements … shall be reached with other nations, but … we want no world court and no world congress made up of a few Orientals and a few Russians and a few Europeans and a few British … to make laws for us to obey …«