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Das Buch lässt den Leser alle Arten von Feuerwehreinsätzen unter einem völlig neuen Blickwinkel betrachten. Bisher Selbstverständliches wird in Frage gestellt. Anhand von zahlreichen Beispielen wird aufgezeigt, wie die Qualität der Arbeit der Feuerwehr erheblich gesteigert werden kann. Das Buch versteht sich nicht als Fachbuch, sondern eher als provozierende Lektüre, die dem Leser schonungslos und eindringlich Defizite in der Einsatzentwicklung offenbart. Die konkreten Beispiele und Lösungsansätze sind leicht verständlich und lassen sich so im Einsatz anwenden.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2024
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[4]Wichtiger Hinweis
Der Verfasser hat größte Mühe darauf verwendet, dass die Angaben und Anweisungen dem jeweiligen Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entsprechen. Weil sich jedoch die technische Entwicklung sowie Normen und Vorschriften ständig im Fluss befinden, sind Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher übernehmen der Autor und der Verlag für die im Buch enthaltenen Angaben und Anweisungen keine Gewähr.
Die Abbildungen stammen – soweit nicht anders angegeben – von der Branddirektion Karlsruhe oder vom Autor.
10. Auflage 2024
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Umschlagsbild: Branddirektion Karlsruhe
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-044472-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-044474-4
epub: ISBN 978-3-17-044475-1
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1
Einführung in das Thema
1.1
Einleitung
1.2
Umdenken – ein Thema nur für Führungskräfte?
1.3
Denkanstöße
1.3.1
Zwei Thesen zur Einstimmung:
1.3.2
Zwei Beispiele zur Verdeutlichung:
1.4
Die Frage nach unseren Zielen
2
Beurteilung von Schäden
2.1
Schäden bei Brandeinsätzen
2.1.1
Sanierungs- und Entsorgungskosten
2.1.2
Ausfallzeiten
2.2
Bilanzierung an der Brandstelle
2.3
Business Continuity Management
2.4
Schutz von ideellen Werten und Kulturgütern
2.5
Stress und Zeitdruck sind häufig vermeidbar
2.5.1
Was ist bereits vernichtet?
2.5.2
Was gibt es noch zu retten?
2.5.3
Was ändert sich pro Zeiteinheit?
2.5.4
Die Lage stabilisieren
2.5.5
Disziplinlosigkeit als Stressfaktor
3
Taktische Grundlagen
3.1
Was ist Gefahr?
3.1.1
Anmerkungen zur Gefahrenmatrix
3.1.2
Mit Gefahren umgehen – vier grundsätzliche Möglichkeiten
3.1.3
Das Tabuthema »Aufgeben«
3.1.4
So neu ist das eigentlich nicht …
3.2
Einsatztaktik unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten
3.3
Unsere Vorgehensweise – eine kritische Analyse
3.3.1
Was tun wir?
3.3.2
Was tun wir selten oder nie?
3.4
Dem Druck der Öffentlichkeit standhalten
3.5
Das Öffnen einer Tür – eine entscheidende taktische Maßnahme
3.5.1
Was passiert, wenn wir diese Tür öffnen?
3.5.2
Müssen wir diese Tür öffnen?
3.5.3
Müssen wir diese Tür
jetzt
öffnen?
3.5.4
Können wir noch etwas tun, um die Auswirkungen zu reduzieren?
3.6
Wir haben eine Tür geöffnet – was sind die Konsequenzen?
4
Lösungsansätze
4.1
Der alternative Angriffsweg
4.2
Gute Einsatzpraxis – diverse Lösungsansätze
4.2.1
Ausgangslage
4.2.2
Klassische Vorgehensweise
4.2.3
Gute Einsatzpraxis – Variante 1: Türen schließen
4.2.4
Gute Einsatzpraxis – Variante 2: qualifizierter Außenangriff
4.2.5
Gute Einsatzpraxis – Variante 3: Türen umgehen
4.2.6
Gute Einsatzpraxis – Variante 4: Lüftereinsatz im Druckbetrieb
4.2.7
Gute Einsatzpraxis – Variante 5: mobiler Rauchverschluss
4.2.8
Gute Einsatzpraxis – Variante 6: Angriff mit FogNail oder Löschsystem Cobra
4.2.9
Gute Einsatzpraxis – Variante 7: Lüftereinsatz im Saugbetrieb
4.3
Mit Sondersignal zum Kaffeetrinken
4.3.1
Den Angriff in Ruhe vorbereiten
4.3.2
Unvorbereitet angreifen – mögliche Folgen
4.4
Richtiges Lüften will gelernt sein
4.5
Die qualifizierte Übergabe der Wohnung
4.6
Wie erklären wir es unserer Mannschaft?
4.7
Änderung unserer technischen Ausstattung
4.8
Der Vorbeugende bauliche Brandschutz
4.9
Neue Ideen nur für vollbesetzte Löschzüge?
4.10
Umdenken – auch im Interesse der eigenen Sicherheit
4.11
Hinweise zur Sanierung
5
Ergänzende Beispiele
5.1
Das brennende Kinderzimmer – wo sind die Kinder?
5.1.1
Die Ausgangslage
5.2
Angebrannte Speisen – und die Feuerwehr schaut zu
5.3
Natrium auf der Fahrbahn
5.4
Bergwerksunglück
6
Zusammenfassung
Literaturhinweise
Tag für Tag rücken Feuerwehrangehörige aus, um Menschen und Tieren in Not zu helfen, die Umwelt zu schützen und Sachwerte zu erhalten. Trotz allen beruflichen oder ehrenamtlichen Engagements können sie nicht verhindern, dass Menschen sterben oder schwere Verletzungen erleiden und Sachwerte in Milliardenhöhe vernichtet werden. Viele dieser Schäden sind unvermeidbar, sind häufig bereits eingetreten, bevor die Feuerwehr eingreifen kann. Einige nicht unerhebliche Verluste könnten jedoch vermieden werden. Sie sind auf grundlegende Fehler in unseren taktischen Überlegungen zurückzuführen. Es ist an der Zeit umzudenken.
Taktik (ursprünglich: »Kunst der Anordnung und Aufstellung«) ist geplantes, berechnendes Denken und Handeln im Rahmen eines Gesamtplanes, um ein Ziel zu erreichen. Taktik ist damit vorrangig ein Thema für Führungskräfte, deren Aufgabe es ist, Gefahrenschwerpunkte zu erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen zu finden und zu veranlassen. Taktik ist aber auch ein Thema für Truppführer, die in bestimmten Bereichen auf sich alleine gestellt sind und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen müssen. Auch von deren Sachverstand und taktischem Verständnis kann der Einsatzerfolg entscheidend abhängen.
Die taktischen Überlegungen, die an allen Einsatzstellen anzustellen sind, müssen zielorientiert ausgerichtet sein. Nur wenn die Ziele richtig erkannt sind und sich die taktischen Überlegungen an diesen Zielen orientieren, kann erfolgreich im Sinne des Kunden gearbeitet werden. Ist dies nicht der Fall, werden Lagen fehlerhaft bewertet und falsche Schwerpunkte gesetzt. Dies führt fast zwangsläufig zu schlechteren Ergebnissen (Bilder 1a–c). Leider ist dies häufig der Fall. Und was noch schlimmer ist, es wird uns oftmals nicht einmal bewusst.
»Manch scheinbar ›erfolgreicher‹ Einsatz ging mir nochmals kritisch beleuchtet durch den Kopf.« Ein Stadtbrandmeister, nachdem er erstmals den Vortrag zu diesem Thema gehört hatte.
[11]Ausgelöst wurden die in diesem Buch dargestellten Überlegungen im Zuge der Begehung der brandgeschädigten Fachhochschule in Karlsruhe. Angesichts der ungeheuren Rauchschäden in Höhe von einigen Millionen reifte der Gedanke: »Irgendwas machen wir falsch«. Einmal geboren wurde dieser Gedanke in langen Diskussionen und Gesprächen mit Kollegen weiter vertieft. Die anfänglich sehr kritisch und kontrovers geführten Diskussionen stießen im Laufe der Zeit auf eine immer breitere Zustimmung. Immer neue Beispiele und Lösungsansätze entstanden.
Dieses Buch versucht, anhand von Beispielen die Problematik zu veranschaulichen und zeigt Lösungsansätze auf, die naheliegend und trivial sind und dennoch nicht dem üblichen Standard unserer Vorgehensweise entsprechen. Dem Leser wird Bekanntes aus einer ungewohnten Blickrichtung vermittelt. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden unter Umständen überraschen. Die Grundüberlegungen sind auf alle Einsatzarten übertragbar, auch wenn die meisten Beispiele aus dem Bereich Brandbekämpfung stammen. Einmal erkannt, sind die Überlegungen leicht nachvollziehbar und können wesentlich dazu beitragen, Schäden zu vermeiden. Sie tragen zudem zu einem erhöhten Sicherheitsstandard für die eingesetzten Einsatzkräfte bei.
[12]Mit den kritischen Anmerkungen soll keinesfalls alles Bisherige in Frage gestellt werden. Es soll lediglich versucht werden, Sie zum Nachdenken anzuregen und zu animieren, in einzelnen Fällen neue Wege zu gehen!
»Führung ist die Einflussnahme auf die Entscheidungen und das Verhalten anderer Menschen mit dem Zweck, mittels steuerndem und richtungsweisendem Einwirken vorgegebene und aufgabenbezogene Ziele zu verwirklichen. Das bedeutet, andere zu veranlassen, das zu tun, was zur Erreichung des gesetzten Zieles erforderlich ist.« FwDV 100
Es gibt grundsätzlich zwei Führungsstile, den kooperativen und den autoritären Führungsstil. Die FwDV 100 spricht sich dafür aus, im Allgemeinen den kooperativen Führungsstil anzuwenden. Der kooperative Führungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass Mitarbeiter und Fachleute zur Beratung herangezogen werden und dadurch die Einsatzabwicklung nicht nur auf dem Fachwissen des Einsatzleiters basiert. Verantwortung wird delegiert, Mitarbeiter haben Freiräume, in denen sie sich eigenverantwortlich entfalten können. Hierdurch wird der Einsatzleiter entlastet. Er muss sich nicht um Details kümmern, die vor Ort von den Mitarbeitern bearbeitet werden. Diese sollen sich selbst mit ihren Fähigkeiten einbringen. Allerdings sollen sie dies im Sinne des Einsatzleiters tun. Diese Art der Führung setzt deswegen voraus, dass die Mitarbeiter über das notwendige Fachwissen verfügen und zudem über die Lage und die Absichten des Einsatzleiters in ausreichendem Umfang informiert sind.
Übertragen auf den Bereich der Einsatztaktik wird zwischen Auftragstaktik und Befehlstaktik unterschieden. Die Befehlstaktik entspricht eher dem autoritären Führungsstil. Die Befehle des Einsatzleiters sind detailliert verfasst und lassen keinen oder einen nur sehr begrenzten Ermessensspielraum zu. Bei Anwendung der Auftragstaktik beschränkt sich die Führungskraft darauf, grobe Handlungsanweisungen zu geben und überlässt es den ausführenden Kräften, diese zielorientiert und lageabhängig umzusetzen. Je nach Lage entscheidet der Einsatzleiter, welche Taktik er bevorzugt. Analog zum kooperativen Führungsstil erfordert die erfolgreiche Anwendung der Auftragstaktik zwingend einen hinreichenden Informationsaustausch an der Einsatzstelle und klare Zielvereinbarungen.
Der Zeitdruck an der Einsatzstelle erlaubt es meistens nicht, ausgiebige Lagebesprechungen durchzuführen. Bestimmte Handlungsabläufe müssen standardisiert sein und auf Zuruf ausgeführt werden können. Die grundsätzliche Denkweise der Führungskräfte muss der Mannschaft schon im Vorfeld vermittelt worden sein. Will man, wie in diesem Buch angeregt, zum Beispiel in bestimmten Lagen künftig mit einer modifizierten Taktik arbeiten und ungewohnte Wege beschreiten, so muss die Mannschaft durch Vorträge, Diskussionen und praktische Übungen darauf vorbereitet sein, um an der Einsatzstelle Diskussionen und Fehlinterpretationen zu vermeiden.
Umdenken – ein Thema für uns alle!
These 1:
Der Einsatz der Feuerwehr, sei es zur Menschenrettung, Brandbekämpfung oder sonstigen Hilfeleistung hat unmittelbar Einfluss auf das Einsatzgeschehen.
Außer den gewünschten, positiven Effekten kommt es häufig zu einer unerwünschten Schadenausweitung in Teilbereichen als Folge unserer Maßnahmen.
These 2:
Viele dieser, durch den Einsatz der Feuerwehr verursachten Schäden sind vermeidbar
durch eine verstärkte Sensibilisierung der Einsatzkräfte,
durch eine geänderte Taktik,
durch eine Ergänzung unserer technischen Ausstattung.
Die erste These ist eine nüchterne Darstellung der Realität. Selbstverständlich haben unsere Maßnahmen Einfluss auf das Geschehen. Wäre dies nicht der Fall, wäre unser Einsatz wirkungslos. Ebenso selbstverständlich ist, dass sich Schäden im Zuge unserer Maßnahmen nicht immer vermeiden lassen. So wird ein Blumenbeet, in dem eine Steckleiter zur Menschenrettung in Stellung gebracht wird, sicherlich Schaden nehmen. Diese erste These beinhaltet im Gegensatz zur zweiten These keinen Vorwurf, keine Kritik.
Gewiss verursachen wir nicht bei allen Einsätzen vermeidbare Schäden. Bei selbstkritischer Betrachtung unserer Tätigkeit wird jedoch jeder genügend Beispiele finden, die auch die zweite These stützen.
Beispiele für derartige, vermeidbare Schäden gibt es genügend. Da sind die Abdrücke der kontaminierten Einsatzstiefel im nicht vom Brand betroffenen Bereich und die Blumentöpfe, die beim überhasteten Öffnen der Fenster zu Boden fielen, weil sich niemand die Zeit nahm, sie zur Seite zu räumen. Da sind aber auch Millionen- und sogar Personenschäden, die vermeidbar gewesen wären.
Es wird uns nie gelingen, fehlerfrei zu arbeiten, perfekt zu werden. Wir müssen jedoch unsere Fehler erkennen und sie uns bewusst machen. Wir müssen nach den Ursachen der Fehler suchen und konsequent an der künftigen Vermeidung dieser Fehler arbeiten (Qualitätsmanagement). Die häufig gebrauchten Argumente wie »das haben wir immer schon so gemacht« beziehungsweise »das haben wir noch nie so gemacht« helfen uns dabei nicht weiter.
Während die oben genannten Beispiele durch Übereifer, Hektik, Stress usw. noch »begründbar« sind, gibt es leider gelegentlich auch Schäden, die sich so jedoch nicht mehr erklären lassen. So wurden dem Autor von Sachverständigen mehrere Fälle vorgetragen, in denen Feuerwehrangehörige mehrere Zimmertüren in Wohnungen bzw. Häusern eingetreten hatten, die gar nicht abgeschlossen waren. Derartige Schäden lassen sich in keinem Fall entschuldigen und können nach Auffassung des Autors auch nicht mehr als fahrlässig eingestuft werden. Bei derartigen Fällen handelt es sich um vorsätzliche Sachbeschädigung. Die Feuerwehren sind gut beraten, sich rechtzeitig von solchen Mitgliedern zu trennen. Sie schaden unserem Ansehen und sind vermutlich auch nicht mit dem in diesem Buch formulierten Appell zum [16]Umdenken zu erreichen. Es ist der Bevölkerung nicht zuzumuten, wenn Menschen mit einer solchen Einstellung gegenüber fremden Eigentums sich – »gewissermaßen als Feuerwehrangehörige getarnt« – an Einsatzstellen abreagieren.
Beispiel 1: Aus dem gewerblichen Bereich
Vor Jahren wurde ein Gebäude errichtet. Auf Empfehlung der Feuerwehr wurde der Einbau einer Rauchschutztür gefordert. Der Betrieb setzte die Forderung um. Nachdem bei Brandverhütungsschauen mehrmals bemängelt wurde, dass diese Tür mit Keilen unbrauchbar gemacht worden war, nahm sich der Brandschutzbeauftragte des Betriebes der Sache an. Tatsächlich gelang es ihm, die Unsitte mit den Holzkeilen abzustellen. Nachdem die Tür jahrelang korrekt und völlig nutzlos ihren Dienst versehen hat, bricht eines Nachts ein Feuer aus. Endlich kann die Tür ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis stellen …
… bis zum Eintreffen der Feuerwehr.
Immer wieder öffnen Feuerwehrangehörige, im Bemühen zum Brandherd zu gelangen, Türen. Sie machen dabei auch nicht vor Rauchschutztüren halt. Um ein ungehindertes Vorgehen auch mit der Angriffsleitung zu ermöglichen, keilen die Feuerwehrangehörigen diese Türen häufig auf.
Während wir im Normalzustand (kein Brand im Gebäude) eines Hauses – wenn die Türen eigentlich nicht gebraucht werden – diese Keile entfernen, scheuen wir nicht davor zurück, gerade solche Keile auch bei Rauchschutztüren einzusetzen, um im Ausnahmezustand Brandfall – wenn die Türen gebraucht werden – diese wichtigen Einrichtungen des Vorbeugenden baulichen Brandschutzes außer Betrieb zu nehmen.
Es gibt immer wieder Türen, die geöffnet und offengehalten werden müssen. Für diesen Zweck führen einige Feuerwehrangehörige Keile an ihren Helmen mit (Bild 4). Diese Keile haben sich bereits vielfach bewährt und werden es auch künftig tun. Allerdings muss man von den vorgehenden Feuerwehrangehörigen verlangen können, dass sie sich sehr gut überlegen, wann welche Tür aufgekeilt werden kann und wann der Einsatz dieser Keile als völlig absurd und kontraproduktiv einzustufen ist.
Beispiel 2: Aus dem privaten Bereich
Im Keller eines Wohnhauses ist ein Feuer ausgebrochen. Die feuerhemmende Kellerabschlusstür ist geschlossen, der Treppenraum rauchfrei (Bild 5). Die Erkundung des Einsatzleiters ergibt, dass sich keine Personen im Keller aufhalten. Auch sonst ist niemand in Gefahr.
Als der Angriffstrupp die Tür zum Kellerabgang öffnet, dringt dichter schwarzer Rauch in den Treppenraum. Einer Mutter, die sich mit ihren Kindern über die Treppe in Sicherheit bringen wollte, gelingt gerade noch die Flucht.
Der Rauch zieht unter anderem durch eine Wohnung ab, deren Bewohner auf der Flucht die Wohnungsabschlusstür nicht geschlossen hatten.
Die Situation eskaliert. Personen, die sich soeben noch sicher fühlten, machen sich angesichts des stark verrauchten Treppenraumes lautstark an den Fenstern bemerkbar …
»Wer nicht weiß, wohin er will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt.«
Mark Twain
Wir leben in einer zielorientierten Gesellschaft. Eine effektive Arbeit setzt eine klare Zielsetzung zwingend voraus. Einzig an den gesteckten Zielen müssen sich alle Maßnahmen orientieren, einzig an diesen Zielen kann der Erfolg gemessen werden. Sind wir uns unserer Ziele überhaupt bewusst? Was wollen wir eigentlich erreichen, wenn wir alarmiert werden? Warum rücken wir überhaupt aus?
Ist unser Ziel bei Brandeinsätzen
die Rettung von Menschen und Tieren und die Brandbekämpfung?
oder ist es
die Vermeidung beziehungsweise Minimierung von Schäden jeglicher Art?
[19]Unsere Aufgaben und damit unsere Ziele sind im jeweiligen Feuerwehrgesetz definiert. So findet sich zum Beispiel im Feuerwehrgesetz für Baden-Württemberg in Paragraf 2 Absatz 1 folgende Formulierung:
»Die Feuerwehr hat bei Schadenfeuer (Bränden) und öffentlichen Notständen Hilfe zu leisten und den Einzelnen und das Gemeinwesen vor hierbei drohenden Gefahren zu schützen […]«
Im Kommentar von Surwald1 zum Feuerwehrgesetz wird der Begriff »Gefahr« wie folgt interpretiert:
»Unter Gefahr ist eine Sachlage zu verstehen, die nach allgemeiner Erfahrung die Wahrscheinlichkeit eines Schadeneintritts in sich birgt.«
Im Zusammenhang betrachtet bedeutet dies, dass jede Sachlage bei Bränden oder sonstigen Feuerwehreinsätzen, die nach unserer Erfahrung mit einer vernünftigen Wahrscheinlichkeit zu einem Schaden führen kann, eine Gefahr darstellt, vor der der Einzelne und das Gemeinwesen zu schützen sind.
Weiter heißt es im Kommentar:
»Das Gesetz sagt nicht ausdrücklich, welche Hilfe und welchen Schutz die Feuerwehr leisten beziehungsweise gewähren muss.«
Unser Ziel ist somit die Minimierung beziehungsweise Vermeidung von Schäden jeglicher Art (hierzu kann u.a. die Rettung von Menschen und Tieren und die Brandbekämpfung gehören).
Konkret bedeutet dieses vom Gesetzgeber formulierte Ziel, dass
die Tatsache, dass alle Menschen und Tiere gerettet werden konnten und das Feuer gelöscht wurde, noch lange nicht bedeutet, dass wir unseren gesetzlichen Auftrag in vollem Umfang erfüllt und effektiv gearbeitet haben. Demzufolge kann auch die Aussage »Wir haben bisher jedes Feuer aus bekommen!« kein Qualitätsmerkmal für die moderne Feuerwehr sein (das Feuer wäre ohnehin irgendwann ausgegangen).
[20]es keinesfalls unsere Pflicht ist, einen Brand zu löschen. Wir sind unter bestimmten Voraussetzungen berechtigt und sogar verpflichtet, ein Schadenfeuer brennen zu lassen, wenn dadurch Schäden vermieden werden können.2
Nebenbei bemerkt stellt sich die Frage, ob unsere Befehlsgebung nicht irreführend, vielleicht sogar falsch ist. Wir reden von der Rettung von Menschen, Tieren und Sachwerten. Wir befehlen aber die Menschen- oder Tierrettung und die Brandbekämpfung. Konsequent und auch stärker an der gesetzlichen Vorgabe orientiert wäre es, den Befehl zum Sachschutz oder zur Rettung von Sachwerten zu geben, anstatt mit dem Begriff »Brandbekämpfung« eine konkrete Maßnahme scheinbar vorzugeben. Damit würde für den Befehlsempfänger deutlicher, dass es nicht darum geht, den Brand zu bekämpfen, sondern vielmehr der Schutz der Werte im Zentrum der Überlegung stehen muss, und dass es uns im Einzelfall überlassen bleibt, die beste Möglichkeit der Gefahrenabwehr auszuwählen.
Ist die Einsatztaktik, die Vorgehensweise nicht an den gesetzlich formulierten Zielen orientiert, sind vermeidbare Schäden vorprogrammiert. Unter Umständen kann es hierdurch zu Haftungsansprüchen kommen. Diese richten sich nach Artikel 34 GG grundsätzlich gegen den Dienstherrn:
»Verletzt jemand in Ausübung eines ihm anvertrauten öffentlichen Amtes die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft die Verantwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst er steht.«
Tatsächlich ist jedoch auch Rückgriff auf den verantwortlichen Feuerwehrangehörigen selbst möglich. Diese Möglichkeit des Rückgriffs findet sich ebenfalls in Artikel 34 GG:
»Bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit bleibt der Rückgriff vorbehalten.«
Auch wenn die Möglichkeit des Rückgriffs grundsätzlich bei jedem Feuerwehrangehörigen möglich ist, so kommen bei Beamten und ehrenamtlichen Angehörigen doch unterschiedliche Rechtsgrundlagen zur Anwendung.
[21]Für Beamte gilt dabei Paragraf 839 BGB, in Verbindung mit dem jeweiligen Landesbeamtengesetz (zum Beispiel Paragraf 84 in Nordrhein-Westfalen beziehungsweise Paragraf 96 in Baden-Württemberg).
Paragraf 839 BGB – Haftung bei Amtspflichtverletzung:
»Verletzt ein Beamter vorsätzlich oder fahrlässig die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so hat er dem Dritten den daraus entstandenen Schaden zu ersetzen.«
Paragraf 84 Landesbeamtengesetz Nordrhein-Westfalen – Haftung:
»Verletzt ein Beamter vorsätzlich oder grob fahrlässig die ihm obliegenden Pflichten, so hat er dem Dienstherrn, dessen Aufgabe er wahrgenommen hat, den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen.«
Dass auch die ehrenamtliche Tätigkeit in der Feuerwehr kein Freibrief für eine unnötige, im Extremfall sogar vorsätzliche Sachbeschädigung sein kann, geht zum Beispiel für Nordrhein-Westfalen aus Paragraf 12 (Ehrenamtliche Angehörige der Feuerwehr) Absatz 8 des Feuerschutz- und Hilfeleistungsgesetzes Nordrhein-Westfalen hervor:
»Verletzen ehrenamtliche Angehörige der Feuerwehr in Ausübung ihres Dienstes in der Feuerwehr vorsätzlich oder grob fahrlässig ihre Pflichten, so können die Gemeinden Ersatz für den dadurch verursachten Schaden verlangen.«
Natürlich wird man bei allen Feuerwehrangehörigen bei der Beurteilung der Sachlage zugrunde legen müssen, wie sich die Einsatzsituation im Moment der Entscheidungsfindung für den Einsatzleiter darstellte (post-ante-Betrachtung). Wenn er die Sachlage nicht richtig einschätzen konnte, kann ihm daraus kein Vorwurf gemacht werden.
Beispiel:
In jüngster Vergangenheit mehren sich Fälle, bei denen die Sinnhaftigkeit bei der Verwendung von Schaum als Löschmittel hinterfragt und von den Kommunen Kostenersatz für entstandene Umweltschäden verlangt wird. Gerade beim Einsatz von fluortensidhaltigen Schaummitteln können sich dabei erhebliche Beträge [22]ergeben, wenn die Notwendigkeit der Verwendung derartiger Löschmittel nicht hinreichend begründet werden kann.
Unabhängig von Paragrafen in diversen Gesetzen gilt bei allen unseren Tätigkeiten der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.
Alle Maßnahmen, die unverhältnismäßig sind, haben zu unterbleiben. Es ist nicht fair gegenüber den Betroffenen und auch mit unseren Zielen absolut nicht in Einklang zu bringen, wenn wir billigend in Kauf nehmen, dass Dinge sinnlos zerstört werden, die nicht zerstört werden mussten. Dies muss bei allen unseren Tätigkeiten selbstverständlich sein.
Diskussion am Rande eines Vortrages zum Thema dieses Buches:
Ein Zuhörer erklärt, dass er die Überlegung grundsätzlich interessant findet. Ergänzend gibt er jedoch an, dass er schon häufiger im Zuge von Lüftungsmaßnahmen Fenster ohne Rücksicht auf Blumentöpfe und sonstige Gegenstände auf der Fens[23]terbank geöffnet hat (Seite 14
