Familie 4.0 - Claudia Albrecht - E-Book

Familie 4.0 E-Book

Claudia Albrecht

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Beschreibung

Das Wirtschaften wird meistens im Kontext von Märkten, Gütern und gewinnorientiertem Verhalten von Unternehmen gesehen. Doch ökonomisches Handeln mit dem Bemühen, knappe Ressourcen möglichst effizient zu nutzen, ist eine grundlegende Motivation menschlichen Verhaltens. Auch Familien orientieren sich daran und streben wie Unternehmen danach, ihre Ziele - hier die bestmögliche Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder - unter diesen Knappheitsgesichtspunkten zu erreichen. Diese Art der Betrachtung der familiären Aufgaben und Entscheidungen lenkt den Blick auf bislang wenig beachtete Zusammenhänge: Bestimmte Fähigkeiten und angeeignetes Wissen der Eltern beeinflussen ihr Handeln und damit letztendlich, wie sie es schaffen, diese Aufgaben mit einer solchen Zielsetzung zu erfüllen. Bei dieser Darstellung spielen ein weiter gefasstes Verständnis der Bedürfnisse in Familien sowie die nötigen Kompetenzen, um die veränderten Aufgaben aufgrund gewachsener Anforderungen und Komplexität effizient bewältigen zu können, eine zentrale Rolle. Anerkennung und Selbstverwirklichung gehören neben finanzieller Sicherheit ebenfalls zu wichtigen Bedürfnissen - auch zu denen von Eltern. Sie verhalten sich in dieser Hinsicht nicht anders als Paare ohne Kinder, sehen sich aber durch ihre Verantwortung gegenüber ihren Kindern mit wesentlich größerem Organisationsaufwand konfrontiert. Trotz der Bedeutung der Familien für die Gesellschaft bleibt die Würdigung ihrer Leistungen aus. Die weitaus höhere Anerkennung von Erwerbstätigkeit im Vergleich zur Familienarbeit scheint eine vernünftige Integration dieser verschiedenen Bereiche in die Gesellschaft zu erschweren. Das Buch zeigt die Bedeutung und die Einflussfaktoren der Familienarbeit aus verschiedenen Blickwinkeln, den Wert der daraus entstehenden Qualifikationen bei ihrer Bewältigung und die Möglichkeiten ihrer Einbindung in eine Erwerbstätigkeit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Dr. Claudia Albrecht ist Volkswirtin und interessiert sich die Bedeutung wissenschaftlicher Theorien und Studien in alltägl chen Zusammenhängen. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Sö nen, arbeitet freiberuflich im Bildungsbereich und lebt in Ha burg. ressiert für alltäglierwachsenen Söhund Ham

"Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen."

Georg Bernhard Shaw

CLAUDIA ALBRECHT

FAMILIE 4.0

IN ZUKUNFTMEHR CHANCEN

© 2016 Dr. Claudia Albrecht, Hamburg

Lektorat: Heike WilhelmiVerlag: tredition GmbH, Hamburg

978-3-7345-5193-2 (Paperback)978-3-7345-5194-9 (Hardcover)978-3-7345-5195-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einführung

Was machen Familien?

Welche Fragen stehen im Mittelpunkt?

Kapitel 1: Grundsätzliches

Meine Durchschnittsfamilie

Zwei Beispiel-Familien

Sema, Stefan und Sven aus der Stadt

Linda, Lorenz, Lea und Leo vom Land

Begriffe aus der Ökonomik

Kapitel 2: Was Familien machen

Warum werden Familien gegründet?

Funktionen der Familie

Aufgaben in einem Familienhaushalt

Lebensumstände und andere Einflussfaktoren

Kapitel 3: Familienökonomik für Anfänger

Einer für alle – alle für einen

Kosten in der Familie

Finanzierung, Beschaffung, Produktion und Absatz

Investitionen und Opportunitätskosten

Bildung von Humanvermögen

Kapitel 4: Was Kinder brauchen

Wie kann kindliches Wohlbefinden gemessen werden?

Indikatoren für das Wohlbefinden

Subjektives Wohlbefinden

Unterstützung der Eltern

Kapitel 5: Eltern – Manager im Dauereinsatz

Verwandte Berufe

Voraussetzungen und Eignung

Lernfelder und Kompetenzen

Bedürfnisse und Wohlbefinden der Eltern

Kapitel 6: Verschiedene Rahmenbedingungen und ihre Kosten

Stadt oder Land und weitere Unterschiede

Teil- und vollerwerbstätige Mütter

Ein Kind, zwei Kinder, viele Kinder

Kapitel 7: Familienmanagement

Zeitmanagement und Koordination

Standortwahl und Finanzierung

Arbeitsteilung und Outsourcing

Kommunikation

Erziehungsinhalte umsetzen

Umgang mit kleinen und großen Krisen

Kapitel 8: Perspektiven, Präferenzen und Potentiale

Familienarbeit und Erwerbstätigkeit

Integration von Familienarbeit in die Gesellschaft

Anhang

Glossar

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Allgemein:

Kapitelbezogen:

Vorwort

Familien sind Gegenstand vieler Diskussionen. Diskussionen, die sich mit veränderten familialen Lebensformen befassen, sich mit den Folgen des demographischen Wandels auf unsere sozialen Sicherungssysteme auseinandersetzen und mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigen.

So unterschiedlich diese Sichtweisen sind, so verbindet alle eine Frage: Warum bekommen Familien seit den 1970er Jahren in Deutschland1 - ähnlich wie in anderen europäischen Ländern - weniger Kinder oder bleiben sogar kinderlos?

Seit Jahren werden die Gründe für sinkende Kinderzahlen oder von Kinderlosigkeit erforscht. Soziologische, ökonomische oder zunehmend interdisziplinär geprägte Ansätze2 beleuchten Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung, Bildungsgeschichte, Partnerschaftsentwicklung, verändertes Familienleitbild, finanzielle oder zeitliche Ressourcen. Die Untersuchungen decken eine große Bandbreite ab und verfolgen auch das Ziel, der Politik bessere Grundlagen für ihre Entscheidungen zu bieten.

Zu den bisherigen politischen Maßnahmen gehören der Ausbau des Betreuungssystems, Ganztagsschulen und finanzielle Unterstützung in Form des Elterngeldes.

Bis jetzt jedoch bleibt eine Trendwende aus: Es werden nicht mehr Kinder geboren.

Gary Beckers Ansatz zur ökonomischen Analyse der Familie3 hatte bereits in den 1980er Jahren die Sicht auf Entscheidungsprozesse in Ehe und Familien verändert und in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht, dass Ökonomik nicht nur Märkte beschreibt, sondern für eine Methode steht – den effizienten Umgang mit knappen Ressourcen.

Alle Menschen wirtschaften, auch wenn sie es nicht immer bewusst tun. Unterschiedliche, unter Umständen konkurrierende Bedürfnisse stehen begrenzten Mitteln wie Geld, Arbeitskraft und Zeit gegenüber.

Eltern und ihre Kinder haben ähnliche, aber auch verschiedene Bedürfnisse. Das Spektrum dieser Bedürfnisse ist größer als es die aktuelle Diskussion vermuten lässt.

Bedürfnisse stellen den Ausgangspunkt für das Handeln der Verantwortlichen in Familien dar. Um sie geht es, wenn auf der anderen Seite überlegt wird, ob und wie sie befriedigt werden können. Gelingt das vollständig, stellt sich Wohlbefinden ein. Das ist Ziel der Familien und motiviert sie bei ihrem Handeln.

Wie Eltern es gelingt, so zu handeln, dass sich dieses Wohlbefinden erreichen lässt, steht bis heute nicht im Vordergrund. Wichtiger sind die Ergebnisse dieses Prozesses – Bestand und Sicherung der Gesellschaft.

Die vielfältigen Funktionen, die Familien wahrnehmen, stehen außer Frage. Doch wie sie die komplexer gewordenen Aufgaben in ihren Haushalten bewältigen, wird kaum untersucht.

Der viel zitierte Ausspruch „Zeit ist Geld“ ist längst auch in den Köpfen der Eltern angekommen. Zeit ist knapp und deshalb wertvoll und soll möglichst effektiv genutzt werden.

Erwerbstätigkeit sichert auf der einen Seite Existenz und Lebensstandard und bedeutet auf der anderen Seite Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Anerkennung. Gleichzeitig müssen die Aufgaben Zuhause bewältigt werden.

Dieses Buch setzt sich mit den Aufgaben, Abläufen und Ressourcen in Familien auseinander, die nötig sind, um parallel zu beruflichen Erfordernissen Kinder zu versorgen und ihr Aufwachsen zu begleiten.

Bei der Bewältigung der vielseitigen Anforderungen spielen verschiedene Rahmenbedingungen und Knappheit der erforderlichen Mittel eine wichtige Rolle wie an Beispielen zum Handeln der Eltern gezeigt werden kann.

Angesichts dieses komplexen und längerfristigen Optimierungsprozesses verwundert es, dass dabei entstehende persönliche Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen der Eltern in ihrer beruflichen Biographie keine Bedeutung haben. Diese Anerkennung würde aber der Familienarbeit einen neuen Stellenwert verschaffen und so in unserer erwerbsorientierten Gesellschaft die Bedingungen für Familien verbessern.

Einführung

Was machen Familien?

Familien und die dazugehörigen Haushalte sind Gemeinschaften, die ihre Mitglieder dabei unterstützen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen sie überlegen, wie sie sich verhalten und welche Entscheidungen sie treffen.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich Familien unterschiedlich organisiert. In vorindustriellen Zeiten produzierten Familienhaushalte Güter, die die Eigenversorgung sicherten. Die Wirtschaft war eine Familienwirtschaft und unterschied sich sehr stark von unserer heutigen hoch spezialisierten Ökonomie.

Produktion und Familienleben waren damals eine Einheit, deren Funktionieren eng an die Art und Weise gebunden war wie die Dinge, die zum Leben gebraucht wurden, erzeugt wurden. In der Antike und im Mittelalter entsprach der Begriff Ökonomik im Verständnis dem „ganzen Haus“ 4(oikos, griechisch: Haus): Eine Vielzahl gesellschaftlich notwendiger Aufgaben wie Alters- und Gesundheitsfürsorge, Betreuung, aber auch die Ausbildung der Arbeitskräfte war Aufgabe dieser Haushalte.

Die moderne Kleinfamilie als familialer Normaltypus entstand als Ergebnis eines Strukturwandels von der Agrar- zur Industrieund Dienstleistungsgesellschaft. Bei diesem Wandel wurden Funktionen wie Güterproduktion, Ausbildung und Altersversorgung ausgelagert.5 Die Familie heute sieht deshalb anders aus – und nicht nur das: Sie erfüllt andere Aufgaben, hat sich in vielerlei Hinsicht umorganisiert und bleibt trotzdem als Rahmen für die Versorgung und die Erziehung des Nachwuchses ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Gesellschaft.

Welche Fragen stehen im Mittelpunkt?

Welche Prinzipien oder Überlegungen beeinflussen das Handeln der Familien und was bestimmt ihre Motivation?

Diese Art der Betrachtung der familiären Aufgaben und Entscheidungen soll nicht nur den Blick auf die Zusammenhänge in unserer Gesellschaft und Wirtschaft lenken.

Eltern begleiten und unterstützen den Prozess der (Aus-) Bildung ihrer Kinder maßgeblich. Wenn sie sich als Hauptverantwortliche in Familien mit diesen Aufgaben auseinandersetzen und sie bewältigen, werden außerdem auch ihre Kompetenzen in vielen Bereichen wachsen.

Ich betrachte die Familie nicht nur in ihrer Versorgungs- und Betreuungsfunktion, sondern vielmehr als Grundlage für die Entstehung der wichtigsten Ressource in unserer Volkswirtschaft: Es geht um das Wissen und die (Aus-) Bildung einer Gesellschaft. Damit verbunden sind die Erfahrungen und Fähigkeiten jedes Einzelnen, sich Wissen anzueignen und es dafür einzusetzen, eine Gemeinschaft zu sichern und weiterzuentwickeln. Der Fachbegriff hierfür lautet Humanvermögen.

Keinesfalls verwende ich diesen Begriff, um menschliche soziale Werte zu verfremden oder herabzuwürdigen. Es geht darum, mit Hilfe dieser Bezeichnung den Wert der geleisteten Arbeit zu konkretisieren.

Ich orientiere mich an Gary Beckers ökonomischer Analyse der Familie6 und zeige, dass der Mensch als Teil der Familie unter wirtschaftlichen Aspekten agiert – und eher unbewusst Kosten und Nutzen abwägt. Das Ergebnis ist verblüffend stringent: Familienhaushalte setzen knappe Mittel meist so ein, dass ein bestmögliches Ergebnis erreicht wird.

Zu den knappen Mitteln zählen neben Geld auch Zeit, Beziehungen (Kinder, Ehemann, Ehefrau, Lebensgefährte, Eltern, Großeltern,…), Netzwerke (zum Beispiel Elterninitiativen zur gegenseitigen Unterstützung), Wohnmöglichkeiten, Institutionen wie Kindergärten, Schulen und Betreuungseinrichtungen. Politische, soziale und wirtschaftliche Systeme sind in diesem Umfeld ebenfalls als Ressource mit einzubeziehen, da sie in ihrer Ausgestaltung unterstützende, aber auch hemmende Faktoren für die Familien sind.

Ein solcher Haushalt als kleinste Wirtschaftseinheit in der Gesellschaft „produziert“ nicht nur Nachwuchs, sondern allgemein Arbeitskraft oder leistet – wie angedeutet – einen Beitrag zum Humanvermögen. Der Kompetenzzuwachs der Familiengestalter trägt ebenfalls dazu bei.

Dieses Endprodukt werde ich in seiner Bedeutung und Entstehung für die Gesellschaft als Ganzes und im Hinblick auf die Akteure in den Familien betrachten.

Das Unternehmen Familie zeigt alle Aspekte, die in einem normalen Wirtschaftsbetrieb zum Erfolg beitragen: Die Mitglieder von Familien prüfen die Möglichkeiten, organisieren und setzen die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizient ein.

Kapitel 1: Grundsätzliches

In diesem Buch geht es um Familien.

Die Bundesstatistik definiert Familien als Eltern-Kind-Gemeinschaften jeglicher Art. Dazu zählen sämtliche Varianten wie etwa Ehepaare mit ledigen Kindern, nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) Paare mit ledigen Kindern, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie allein erziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern. Neben leiblichen Kindern gehören Stief-, Pflege- und Adoptivkinder dazu. Gemäß diesem Verständnis umfasst eine Familie zwei Generationen.

Meine Durchschnittsfamilie

Um eine repräsentative und aussagekräftige Basis zu schaffen, beschäftige ich mich mit einer Durchschnittsfamilie, die folgende Merkmale aufweist7: Die Eltern sind verheiratet und heterosexuell. Sie haben zwei leibliche Kinder, sind monogam und bleiben ein Leben lang verheiratet.

Diese Konstellation ist aus statistischer Sicht der am häufigsten vorfindbare Familientypus in Deutschland im Zeitraum von 1972 bis 2000. Nach dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, der Daten bis zum Jahr 2010 umfasst, lebt jedoch in den meisten dieser Haushalte nur noch ein Kind.

Um dieser aktuellen Entwicklung Rechnung zu tragen, werde ich eine Familie mit einem und eine mit zwei Kindern betrachten. Außerdem unterscheide ich nicht nach unterschiedlichen Altersgruppen der Kinder oder Eltern, sondern verwende Durchschnittswerte.

Die Aussagen statistischer Angaben müssen mit den getroffenen Annahmen und dem zugrunde gelegten Zahlenmaterial im Zusammenhang gesehen werden.

Amtliche Statistiken wie die des Statistischen Bundesamtes liefern eine zuverlässige und nachprüfbare Grundlage. Sie werden genutzt und aufbereitet, um bestimmte Aussagen zu unterstützen. Statistik kann trotzdem täuschen.

Hierzu ein Beispiel, um die Voraussetzungen repräsentativer Statistik zu beleuchten: Verdient Familie A monatlich 10.000 Euro und Familie B 2.000 Euro, verdienen sie durchschnittlich 6.000 Euro8. Nehme ich Familie C dazu, die ein Einkommen von 3.000 Euro erzielt, beträgt das Durchschnittseinkommen aller drei Familien 5.000 Euro9. Familie B und C staunen angesichts dieser Zahlen, denn eine Stichprobe von zwei oder drei Familien ist nicht aussagekräftig bezüglich des Durchschnittseinkommens dieser Gruppe.

Zwei Beispiel-Familien

Um die möglichen Auswirkungen unterschiedlicher Lebensbedingungen untersuchen zu können, stelle ich mir exemplarisch eine Stadt-Familie und eine Land-Familie vor. Um mehr über die Verhältnisse, in denen diese Familien leben, zu erfahren, werde ich im Kapitel 7 einige Zahlen miteinander vergleichen.

Ein wichtiger Punkt sei schon an dieser Stelle erwähnt: In meinen beiden Familien ist jeweils der Mann der Hauptverdiener; er ist in beiden Fällen für den größten Teil des Familieneinkommens verantwortlich. Die Ehefrauen sind zwar erwerbstätig, arbeiten aber nur in Teilzeit und tragen deshalb im Vergleich zu ihren Ehemännern einen kleineren Teil zum Familieneinkommen bei. Das ist ebenfalls statistischer Durchschnitt in Deutschland.

In meiner Stadt-Familie leben Sema und Stefan mit Sven, in meiner Land-Familie Linda und Lorenz mit ihren Kindern Lea und Leo. Zum Kennenlernen folgt ein kleiner biographischer Überblick.

Sema, Stefan und Sven aus der Stadt

Sema und Stefan leben zusammen mit ihrem Sohn Sven in einer 85 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Hamburg Eimsbüttel. Die Wohnung ist nicht so teuer wie in diesem Stadtteil üblich. Trotzdem macht die Miete einen großen Teil ihrer monatlichen Ausgaben aus.

Sema und Stefan träumen schon lang von einem Haus mit mehr Platz und Garten. Außerhalb der Stadt ist es aber schwierig für sie ein Haus zu finden, das ihren Bedürfnissen und finanziellen Möglichkeiten entspricht.

Sie haben sich an das vielfältige Infrastrukturangebot in ihrem Stadtteil gewöhnt: Selbst die weiterführende Schule kann ihr Sohn Sven ohne Probleme zu Fuß erreichen. Nicht weit von ihrer Wohnung gibt es eine kleine Einkaufsstraße, in der neben Lebensmitteln auch Kleidung, Bücher und weitere Dinge des täglichen Gebrauchs erhältlich sind. Die Gegend bietet viele nette Restaurants. Sema geht gern ins Theater und spielt in einer Laien-Theatergruppe. Eine gute Freundin von ihr ist Kostümbildnerin an einem großen Theater und ermöglicht ihr regelmäßig den Besuch der Generalproben.

Sema liebt das Theater, obwohl sie beruflich einen völlig anderen Weg eingeschlagen hat: Sie ist Diätassistentin und arbeitet 12 Stunden in der Woche in einer Reha-Klinik. Leider kann sie ihre Tätigkeit dort nicht ausweiten, deshalb plant sie zusätzlich Altenheime und Kindergärten zu beraten.

Semas Eltern sind aus der Türkei emigriert und betreiben in der Stadt einen Gemüse- und Spezialitätenladen. Für ihren Vater war es anfangs schwer, sich eine Ausbildung für seine Tochter vorzustellen. Eine Schauspielausbildung hätte große Auseinandersetzungen bedeutet, denen sich Sema nicht gewachsen fühlte. Diätassistentin schien ihrem Vater vernünftiger, auch weil er sich positive Effekte für sein Geschäft daraus erhoffte: Seine Tochter könnte mit ernährungsphysiologischen Fachwissen den Gemüseverkauf ankurbeln.

Als Sema einen deutschen Mann heiraten wollte, waren ihre Eltern erst nicht begeistert. Schon rein äußerlich war Stefan das völlige Gegenteil zu Sema: Seine 1,90 Meter Länge, seine blonden Haaren und blauen Augen kontrastierten mit der eher kleinen Statur von Sema, ihren dunklen Haaren und braunen Augen. Dann lernten sie Stefan näher kennen und schlossen ihn ins Herz: Da Stefan jeden Sommerurlaub mit seinen Eltern in der Türkei verbracht hatte, kannte er das Land gut und setzte seine Erkundungen während seines Studiums fort. Das führte sogar dazu, dass er ein Praktikum bei einer großen türkischen Firma in Istanbul machte.

Stefan arbeitet in Hamburg mittlerweile bei der dritten Firma als Vertriebsingenieur. Nach dem Studium hatte er als Trainee begonnen. Nach massivem Stellenabbau – verursacht durch die Sanierung des von Insolvenz bedrohten Unternehmens – hatte Stefan seinen Arbeitsplatz verloren. Da zu diesem Zeitpunkt Sema schon mit Sven schwanger war, zögerte er nicht lange und nahm das erstbeste Jobangebot an. Medizinische Geräte waren nicht wirklich seine Welt und den Umgang mit Ärzten und Krankenpflegern fand er ausgesprochen anstrengend. Es dauerte nicht lange und er lernte seinen jetzigen Arbeitgeber kennen. Die Produkte dieses Unternehmens - Windräder - haben Zukunft und Stefan findet die Arbeit interessanter: Die Windräder werden in dem Unternehmen nicht nur produziert, sondern auch installiert und gewartet. Er arbeitet in einem kreativen, jungen Team, was ihm viel Spaß macht. Trotzdem gibt es Phasen, die sehr anstrengend und zeitintensiv sind: Wenn ein großer Auftrag winkt oder eine Windradanlage außerhalb Deutschlands installiert werden soll, muss Stefan viel reisen. Seine Aufgabe ist es, den zukünftigen Kunden von der Leistung und technischen Kompetenz seines Unternehmens zu überzeugen.

In seiner Freizeit trifft Stefan sich einmal in der Woche mit Freunden aus Schulzeiten und spielt mit ihnen in seinem alten Verein Hockey.

Sport ist ein wichtiger Teil in Stefans Leben. In der Wohnung steht ein Ergometer, auf das Stefan jeden Morgen steigt. Zusätzlich trainiert er regelmäßig in einem Fitnessstudio. Obwohl er nicht mehr jung ist, wirkt er mit seiner athletischen Figur noch sehr jugendlich.

Sein Sohn Sven ist im Gegensatz zu ihm im Moment eher ein Sportmuffel. Gerade im letzten Jahr ist er sehr gewachsen und scheint nicht so recht zu wissen, wie er die lang gewordenen Beine und Arme bewegen soll. In jüngeren Jahren mochte Sven das Hockeyspielen, jetzt setzt er sich lieber an den Computer und ist mittlerweile ein echter Experte im Verwalten und Organisieren von Beständen. An seiner Schule wird viel Wert darauf gelegt, dieses Medium als Lern- und Präsentationshilfe zu nutzen. Für die Kantine seiner Schule hat Sven im Rahmen eines Projektes ein Bestandskontrollsystem entwickelt.

Seinen Großeltern hat er für ihren Laden ebenfalls ein solches System eingerichtet. Damit ermöglicht er ihnen eine Art Bestellmanagement und hilft die Lagerhaltungskosten zu minimieren. Sven liebt es in den Ferien bei seinen Großeltern im Laden auszuhelfen.

Im Sommer besucht die Familie die weitläufige türkische Verwandtschaft in Ankara. Sven spricht fließend türkisch und fühlt sich nicht nur in Hamburg, sondern auch in Ankara zu Hause. Seit seinem Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium hat er die Blockflöte gegen die Trompete eingetauscht und spielt seit einem Jahr in der beliebten Schulband.

Linda, Lorenz, Lea und Leo vom Land

Linda und Lorenz haben sich bei einer Karnevalssitzung in Köln kennengelernt. Linda machte dort eine Ausbildung zur Krankenpflegerin; Lorenz war Bäckerlehrling bei seinem Onkel in der Nähe von Itzehoe, wo er herkommt. Bis zum Ende ihrer Ausbildungen pendelten die beiden zwischen Rheinland und Norddeutschland. Seit mehreren Jahren leben sie in einem Einfamilienhaus in dem Heimatdorf von Lorenz – zusammen mit ihren beiden kleinen Kindern Lea und Leo. Das große Eigenheim mit dem Garten bietet eine Menge Platz. Allerdings nimmt die Pflege von Haus und Garten viel Zeit in Anspruch. Da Linda halbtags in einem Krankenhaus in Itzehoe arbeitet und sie sich keine Putzfrau und keinen Gärtner leisten können, bleibt die Arbeit zu Hause oft liegen. Die Familie von Lorenz wohnt glücklicherweise in der Nähe und Lorenz Vater unterstützt sie bei der Gartenarbeit.