Familie, Seefahrt und ich - Uwe Knut Freiwald - E-Book

Familie, Seefahrt und ich E-Book

Uwe Knut Freiwald

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Beschreibung

Volle Kraft voraus! Schon als Kind träumte er davon, einmal ein Kapitän zu sein. Nach seiner Lehre und dem Studium an der Seefahrtschule erfüllt er alle Voraussetzungen, ein Schiff zu führen. Beharrlich verfolgt Knut Freiwald sein Ziel, er erlebt schwere Stürme auf hoher See, hält Taifunen und dickem Eis stand, meistert Havarien und Unfälle. Doch trotz hervorragender Leistungen und riesigem Erfahrungsschatz, die Beförderung zum Kapitän bleibt aus. Jedenfalls bis zur Wende ... Der Autor nimmt seine Leser mit auf abenteuerliche Reisen, die ihn über die Meere der Welt führen. Er schildert das Seemannsleben auf hoher See und an Land, mit einer »echten Seemansfrau« und ihren Kindern – das ganz normale Familienleben in der DDR, mit allen Vor- und Nachteilen des real existierenden Sozialismus.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Uwe Knut Freiwald wurde 1950 in Schlieben geboren, einer kleinen Stadt in der Lausitz im heutigen Bundesland Brandenburg. Er fuhr fast vierzig Jahre zur See und beendete seine Laufbahn schließlich als Kapitän, so wie er es sich gewünscht hat.

Heute lebt er in Mecklenburg, und wenn er nicht gerade ein Buch schreibt, genießt er seinen wohlverdienten Ruhestand.

Uwe Knut Freiwald

Familie,Seefahrtund ich

Unter deutscher Flagge in zwei verschiedenen Staaten

Engelsdorfer VerlagLeipzig2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Fotografien © Uwe Knut Freiwald

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Vorwort

Familiengeschichte – wen interessiert das schon? Nun, das Besondere an meiner Geschichte ist, dass ich sie in zwei verschiedenen Staaten erlebte.

In diesem Buch kommen meine Eltern zu Wort und auch meine Schwiegereltern und meine eigene Familie. Deshalb habe ich lange gezögert, ob ich Privates so öffentlich mache. Schließlich entstand dieser Aufsatz, den ich vor allem für meine Kinder und Enkelkinder geschrieben habe. Vielleicht gibt es auch den ein oder anderen interessierten Leser, der sich fragt, wie das denn damals eigentlich war.

Die Nachkriegsgeneration hatte es schwer, sowohl in der DDR als auch in der BRD, die sich beide sehr unterschiedlich entwickelten. Für eine Karriere in unserem Staat war es nötig, sich anzupassen. Dann konnte man sich einen gewissen Wohlstand erarbeiten, ohne jedoch permanent unter dem Druck zu stehen, seinen Beruf zu behalten und die Familie versorgen zu können. Uns saß nicht die Angst im Nacken. Und obwohl ich nur einen Trabant und später Wartburg gefahren bin, oft ewig in der Schlange vor Gemüse-, Bäcker- oder Fleischerladen stand, war ich doch in der DDR zufriedener mit meinem Leben als jetzt in der BRD. Vielleicht deshalb, weil die Grundbedürfnisse für alle Menschen gewährleistet waren: das Recht auf Arbeit und Bildung für alle, gleich welcher Herkunft, medizinische Versorgung für alle, ausreichend zu essen für alle und ein Dach über dem Kopf, wenn auch manchmal auf recht einfachem Niveau.

Ich schildere hier das Leben einer ganz normalen DDR-Familie bis zur Wende. Einer Familie wie meine, in der keiner Bürgerrechtler war oder sich gegen Staat und Regierung stellte. Wie meine Familie die Wende erlebte und wir danach über Nacht Bürger der Bundesrepublik waren. Jeder hat diese Zeit mit seiner Familie anders erlebt, dies ist meine Geschichte. Zum Glück können wir heute frei unsere Meinung sagen, eine nicht unwesentliche Errungenschaft der friedlichen Revolution.

Uwe Knut Freiwald

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Erstes Buch: Meine Familie und ich

Meine Eltern

Ein verwegenes Leben und sein jähes Ende

Leben und feiern auf dem Dorf

Schlieben, meine liebste Heimat

Meine Kindheit auf dem Dorf

Glückliche Schulzeit

Jugendzeit, schöne Zeit

Verliebt und verlobt

Adeltrauts Eltern

Wir gründen eine Familie

Mutters Neuanfang

Die Familie zerbricht

Wohnen und Leben in Lichtenhagen

Am Anfang steht die Arbeit

Die Zeiten ändern sich

Eigenheim – Glück allein?

Wie das Leben so spielt

Zweites Buch: Meine zweite große Liebe

„Was willst du einmal werden?“

Die Krönung meiner Seefahrt

Wie alles begann – Matrosenlehre

Vom Vollmatrosen zum Offizier

Unterwegs als Nautischer Offizier

Karriereknick

Mein langsamer Aufstieg

Mein Versuch als Landratte

Wieder an Bord

Die Wende – das Ende der DDR

Die See ruft

Ein Kindheitstraum wird wahr

An Land – für immer

Resümee und Dank

Erstes Buch: Meine Familie und ich

Meine Eltern

Meine Mutter Irmgard war Jahrgang 1928. Sie kam aus einer Bauernfamilie in Polzen, einem Ort in der Lausitz. Polzen war damals ein kleines Dorf, in dem sich die Bauerhäuser entlang der Hauptstraße aneinanderreihten, eben typisch Lausitz. Mittelpunkt des Dorfes war die Gastwirtschaft „Lindenhof“ mit Tanzsaal.

Der Vater meiner Mutter war kein Großbauer, lebte aber immerhin auf eigener Scholle, welche seine Familie ernährte. Großvater, genannt Peppi, kam aus dem 1. Weltkrieg als Schwerverwundeter zurück. Ein Granatsplitter kostete ihn einen Teil der Nase, an ihrer Stelle befand sich nur noch ein kleiner Stumpf. Meine Großmutter Memmi hielt trotzdem zu ihm und verließ ihn nicht. Sie war eine herzensgute Frau, die leider schon früh verstarb. Ich habe immer besonders ihr selbstgebackenes Brot geliebt, das sie in der eigenen Backstube herstellte, die es früher auf jedem Bauernhof gab. Köstlich, wenn es frisch aus dem Backofen kam, groß und rund wie ein Wagenrad, und dann angeschnitten wurde. Dazu gab es selbstgemachte Leberwurst oder Blutwurst.

Wir Kinder liebten Peppi, wenn er zu Besuch kam, setzte er sich in seinen Sessel, entzündete eine Zigarre und erzählte Geschichten. Später brachte er meinem Bruder und mir das Skatspiel bei und wir klopften bei seinen Besuchen zusammen Skat. Dabei konnte er sich fürchterlich aufregen, wenn einer von uns mal nicht aufpasste, die Trümpfe nicht mitgezählt hatte oder vergessen, dass das Kreuz As noch nicht ausgespielt war. Trotzdem sind mir die Spielnachmittage in guter Erinnerung geblieben, denn es machte einen Heidenspaß mit Peppi.

Am liebsten aber lauschte ich Peppis Geschichten, die meine Cousins schon nicht mehr hören wollten. – Genau wie heute meine Kinder und Enkelkinder, die mit den Augen rollen, wenn Vadders beziehungsweise Opa anfängt, seine Geschichten und ollen Kamellen zu erzählen. – Der Einzige, der Peppi immer zuhörte, war ich. Ich fand es unheimlich spannend, wenn er von seinen Kriegserlebnissen berichtete, wie er als junger Gebirgsjäger dem damaligen sogenannten Erbfeind Frankreich während des 1. Weltkrieges zu Leibe rückte. Peppi erzählte die Geschehnisse engagiert und leidenschaftlich, ganz im Gegensatz zu meinem Vater und später meinem Schwiegervater, die nie erzählten, was sie im Krieg erlebt hatten.

Von ihm und meiner Mutter weiß ich auch, was passierte, als die Russen 1945 im Dorf einrückten und sich als Sieger die ersten ein, zwei Tage so richtig austobten. Sie plünderten, vergewaltigten und drangsalierten. Schließlich wurde es ihnen verboten, wer sich nicht daran hielt, wurde vor Gericht gestellt, im schlimmsten Fall sogar erschossen. – Übrigens verhielten sich nicht nur die Russen so, auch in den amerikanisch, britisch und französisch besetzten Gebieten kam es zu solchen Vorfällen.

Mein Großvater sorgte sich um seine Kinder und versteckte meine Mutter und ihre Schwester vor den Russen unter dem Misthaufen. Dazu hatte er extra einen Verschlag angefertigt, der mit einer Lüftung ausgestattet war. Die Russen sahen nur meine Großmutter und ließen sie in Ruhe. Trotzdem befürchteten Memmi und Peppi, dass die Soldaten ihre Mädels finden würden. Doch das geschah zum Glück nicht.

Großen Kummer hingegen bereitete Peppi, dass sie seine beiden Pferde beschlagnahmten. Sein einziger Trost: Sie ließen dafür eine schlecht genährte, heruntergekommene Fuchsstute zurück. Das erwies sich allerdings später als Glücksfall, nachdem er sie wieder aufgepäppelt hatte. Sie war reinrassig und er konnte ab und an ein Pferdefohlen verkaufen. Außerdem baute er mit ihr sein Gespann wieder auf. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mit Peppi in den Ferien mit seinem Pferdegespann das Futter für die Tiere holte. Wer damals ein solches Gespann besaß, der galt schon was. Viele spannten noch Kühe und Ochsen als Zugtiere an. –

Die Zeiten waren in vielerlei Hinsicht nicht leicht. So durften etwa Bauern, die Schweine hatten, diese wegen „Gefährdung der allgemeinen Bedarfsdeckung“1 nicht selbst verwerten, sondern mussten sie abliefern. Trotzdem schlachteten die meisten zu Beginn des Winters heimlich ein Schwein, immer mit der Angst im Nacken, dass ein Nachbar sie verriet.

Peppi schärfte mir damals ausdrücklich ein, dass das Denunzieren das Schlimmste sei, was einer machen könne. „Wer denunziert“, sagte er immer wieder, „ist ein Schwein“, was sich tief in mein Gedächtnis einprägte. Später erinnerte ich mich im Literaturunterricht daran, als ich das Zitat von Hoffmann von Fallersleben hörte: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ – Wie wahr, wie schon Peppi sagte.

* * *

Nach der Gründung der DDR wurde das sogenannte Junkerland an Neubauern verteilt. Diese verfügten aber oft über keinerlei Kenntnisse oder Erfahrungen, um als Bauern zu wirtschaften. So wurden 1952 die ersten LPGs2 gegründet, mit dem Ziel, die Landwirtschaft zu vergesellschaften. Das enttäuschte die Neubauern, die aufgrund der Bodenreform ja gerade erst in den Besitz von Land gekommen waren, bitter. Jetzt sollten sie auf einmal ihr Land wieder abgeben und in die LPG einbringen, á la Kolchose der Sowjetunion? – Aber nicht nur sie sperrten sich gegen den Beitritt, als die Werbekolonnen der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, durch die Dörfer zogen, auch die Altbauern und vor allem die ehemaligen Großbauern lehnten es ab, ihren Grund und Boden in die Genossenschaft einzubringen. Doch letztlich blieb ihnen keine Chance, früher oder später musste jeder zähneknirschend in die LPG Typ I eintreten. Viele der einstigen Großbauern, die ihr Land, was zum Teil über 100 Hektar groß war, abgeben mussten, verließen verbittert die DDR. Sie wurden im Westen für den Verlust entschädigt, was heute gern vergessen wird. Dies konnte aber natürlich in keiner Weise den Verlust der Heimat aufwiegen.

In die LPG Typ I brachten die Bauern zunächst nur ihr Ackerland ein. Beim Typ II kam ihr gesamter Maschinenpark hinzu, zum Schluss wurde mit dem Vieh und den Gebäuden der gesamte landwirtschaftliche Betrieb in die LPG Typ III eingebracht. Die Maschinen wurden anfangs gemeinschaftlich genutzt, erst gab es die MAS, Maschinen-Ausleihstationen, später die MTS, Maschinen-Traktoren-Stationen nach sowjetischem Vorbild.

Vorsitzender der LPG wurde in den meisten Fällen ein Altbauer oder auch ein ehemaliger Großbauer, da man auf ihren Sachverstand nicht verzichten konnte. So wurde auch mein Onkel Paul, der Bruder meiner Mutter, später zum LPG-Vorsitzenden. Er hatte von seinem Vater den Hof übernommen. Peppi zog sich auf den Altenteil des Bauernhauses zurück. Er konnte nicht verwinden, dass er seinen Hof in die LPG hatte einbringen müssen. Schließlich starb er hochbetagt.

* * *

Im Gegensatz zu meiner Mutter kam mein Vater Hermann, Jahrgang 1925, nicht aus der Landwirtschaft. Seine Familie wohnte in Schlieben. Sein Vater war Ofensetzer-Meister. Erinnerungen an ihn habe ich keine, da er schon starb, als ich noch sehr klein war.

Die Mutter meines Vaters diente in jungen Jahren, wie es damals üblich war, in Herrschaftshäusern. Durch Nähen verdiente sie sich sogar später als Rentnerin noch etwas dazu. Mein Vater war das jüngste Kind, er hatte einen Bruder, Helmut, und Schwester Hildegard. Zwei weitere Geschwister waren jung verstorben, Helmut fiel leider schon zu Beginn des II. Weltkrieges in Polen.

Meine Tante Hildegard sagte über meinen Vater, dass er, obwohl er doch eigentlich hochintelligent gewesen sei, nichts daraus gemacht habe. – Vielleicht war er als Jüngster, wie das oft geschieht, zu sehr verhätschelt und verzogen worden? Den größten Einfluss soll die Kriegszeit auf ihn gemacht haben, an deren Ende er in der Kriegsmarine diente. Da war die Devise vieler Soldaten: „Genieße das Leben heute in vollen Zügen, wer weiß, was morgen ist, ob wir den Tag überleben.“

Vater als Soldat bei der Kriegsmarine

Gedenkturm zu Ehren der gefallenen Soldaten des I. und II. Weltkriegs; Vaters Bruder Helmut steht auch drauf

Seeleuten wird oft nachgesagt, sie liebten Wein, Weib und Gesang. Diesbezüglich wäre mein Vater wohl ein großartiger Seemann geworden, denn einem Umtrunk war er nie abgeneigt. Auch das hat ihn sehr geprägt. Als junger Mann sah er gut aus und konnte sehr gut tanzen, was ihm einen riesigen Pluspunkt bei den jungen Mädels einbrachte. – Ich habe mir oft gewünscht, dass ich wenigstens ein bisschen von ihm geerbt hätte. Zum Beispiel das Tanzen, das kann ich bis heute nicht. Auf der anderen Seite, ihr Mädels und Frauen, besteht doch das ganze Leben nicht nur aus Tanzen.

Jedoch war mein Vater nicht nur ein ziemlicher Weiberheld, sondern auch leichtsinnig und nicht sehr willensstark. Selbst seine Schwiegermutter wickelte er geschickt um den Finger, wenn sie zu Besuch war, und schwänzelte um sie herum: Memmi hier, Memmi da …

Für Mutter war das Leben an seiner Seite nicht einfach. Sie erzählte mir einmal, dass er, wenn Memmi mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, kaum dass sie seinen Blicken am Horizont entschwunden war, sich seinerseits aufs Rad schwang und ab in Richtung Kneipe fuhr. – Es tut mir wirklich leid, dies über dich, mein lieber Vater, zu erzählen, aber es war eben so. Mutter erkannte dies allerdings erst spät, am Anfang war sie einfach nur verliebt, und 1947, als sich mein Bruder Hermann anmeldete, heirateten die beiden.

* * *

Mein Vater arbeitete bei der Sparkasse in Schlieben. Direkt über der Sparkasse wohnte unsere Familie, die sich 1950 mit meiner Geburt noch vergrößerte. Wir Kinder waren alle Hausgeburten und kamen mithilfe einer Hebamme auf die Welt, auch meine Schwester Dagmar, die 1952 das Licht der Welt erblickte. – Damals wurde nur bei Komplikationen ein Arzt geholt. Meine Mutter war noch jung, als sie uns Kinder in kurzen Abständen entband, und hatte nun also gut zu tun als Hausfrau.

Da sich mein Vater nicht besonders gut mit dem Leiter der Sparkasse verstand, hielt er Ausschau nach einer anderen Arbeitsstelle. Zur damaligen Zeit hatte der Ehemann alle Rechte, während seine Frau ohne seine Genehmigung nicht einmal arbeiten gehen oder ein eigenes Konto eröffnen durfte. – Das wurde in den 60er-Jahren in der DDR im Zuge der Gleichberechtigung von Frau und Mann abgeschafft. In der BRD erst viele Jahre später.

Eines Tages befand mein Vater und sagte es auch zu meiner Mutter, dass wir nach Buchhain umziehen würden. Sie fühlte sich völlig überrumpelt und fragte: „Was wollen wir denn da?“

„In Buchhain ist die Stelle des Leiters der BHG3 zu besetzten, ich habe mich beworben und bin angenommen worden“, erklärte er meiner staunenden Mutter lapidar. – In der BHG konnten Bauern einkaufen und bargeldlos bezahlen: von Saatgut über Gerätschaften und Dünger bis hin zu Kohle für den Winter.

Natürlich hatte mein Vater nicht mit meiner Mutter vorher darüber gesprochen, schon gar nicht gefragt, ob ihr das recht wäre oder sie womöglich andere Vorstellungen habe. Der Mann war eben das Oberhaupt und plante und lenkte die Geschicke der Familie. Seine Entscheidung war gefallen. Also zogen wir um nach Buchhain.

Wir bekamen eine Wohnung, vermutlich eine Dienstwohnung, in einem Einfamilienhaus zugewiesen. Hier wohnte noch eine alleinstehende alte Dame, die wir Kinder und sogar Mutter nur Mama nannten. Sie war meiner Mutter eine große Hilfe und kümmerte sich auch um uns Kinder. Und doch, sagte meine Mutter später oft, dieser Wechsel nach Buchhain habe keinen Segen gebracht.

* * *

Mein Vater hatte nun vor allem wegen der Mangelwirtschaft eine Schlüsselposition inne, in einer BGH war schließlich alles zu haben. Er fand die falschen Freunde, die immer alle nur etwas von ihm wollten. Und der gute Hermann organisierte und arrangierte und besorgte alles, ob legal oder rechtswidrig. So kam es bald zu erheblichen finanziellen Unregelmäßigkeiten, die schließlich in ein Gerichtsverfahren mündeten. Vater wurde verurteilt und kam für ein bis zwei Jahre ins Gefängnis. Mutter hielt weiter zu ihm, doch bis zu seiner Entlassung stand sie ganz allein mit uns drei Kindern da und musste zusehen, wie sie über die Runden kam.

Wir durften die Wohnung nicht behalten und bekamen eine kleine Zwei-Raum-Wohnung in Buchhain zugewiesen. Das Haus gehörte einem Maurermeister, dessen Sohn Peter im gleichen Alter wie ich war. Wir gingen auch zusammen in der örtlichen Grundschule in eine Klasse, so hatte ich wenigstens einen Freund und Schulkameraden gleich in meiner Nähe.

Unsere Familie, der kleine Blondschopf bin ich

1 § 1 Abs. 1 KWVO (Kriegswirtschaftsverordnung) von 1942: „Wer Rohstoffe oder Erzeugnisse, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung gehören, vernichtet, beiseiteschafft oder zurückhält […] wird mit Zuchthaus oder Gefängnis bestraft. In besonders schweren Fällen kann auf Todesstrafe erkannt werden.“

2 LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft): Zusammenschluss von Bauern und Beschäftigten zur gemeinschaftlichen Agrarproduktion.

3 BHG (Bäuerliche Handelsgesellschaft) war für die Versorgung der Landbevölkerung zuständig.

Ein verwegenes Leben und sein jähes Ende

Nach Verbüßen seiner Gefängnisstrafe arbeitete mein Vater zunächst in der Brikettfabrik in Tröbitz. Unsere Familie wohnte weiterhin in der nun doch sehr beengten Wohnung beim Maurermeister in Buchhain. Zwischen Buchhain und Nexdorf befand sich am Waldrand eine Molkerei, zu der die Milch der umliegenden Dörfer gebracht wurde. Der Leiter dieser Molkerei, ein Bekannter meines Vaters aus Schlieben, stellte ihn nun ausgerechnet als Buchhalter ein, obwohl er niemals wieder in einer solchen Funktion hätte arbeiten dürfen, labil, wie er war. Doch für uns war es ein Glücksfall, denn da er weiter in Schlieben wohnen blieb, konnten wir seine eigentlich für ihn vorgesehene Dienstwohnung in der Molkerei beziehen.

Die Wohnung befand sich über den Betriebsräumen und war sehr geräumig. Sie bestand aus Küche, Bad mit Innentoilette, Stube, zwei Schlafzimmer und einer kleinen Kammer. Dazu gehörte auf jeder Seite ein Garten. Hier hatten wir alle zusammen ordentlich Platz. Zudem erhielt Vater monatlich ein Deputat an Butter, weshalb wir viel Butter aßen, während andere sich mit Margarine begnügen mussten. Dies erweckte bei einigen Dorfbewohnern Neid, und wenn sie morgens mit den gefüllten Alu-Milchkannen aus den Dörfern kamen, klapperten sie nur recht laut, um uns aus den Betten zu scheuchen.

Milch wurde gleich nach dem Melken in Aluminiumkannen abgefüllt und vor den Gehöften abgestellt. Fuhrwerke holten sie ab und brachten sie in die Molkerei. Hier wurden die Kannen geleert und anschließend aus einem Tank mit Molke gefüllt, die ins Schweinefutter kam.

Für uns Kinder, Hermann, Dagmar und ich, bot der nahe Wald einen vorzüglichen Spielplatz und wir verlebten hier glückliche Zeiten.

Mein Vater nahm indes seine alten Gewohnheiten auf und pendelte zwischen den Kneipen in Buchain oder Nexdorf, je nachdem, wo er noch anschreiben lassen konnte. Dass wir mal als Familie mit dem Vater zusammen etwas unternommen haben, daran kann ich mich nicht erinnern.

Unsere Mutter arbeitete seit einigen Jahren im örtlichen Kindergarten, dessen Leiterin sie später sogar wurde. Da Vater für seine Kneipengänge sogar ihr verdientes Geld mit ausgab, entschloss sie sich, ein eigenes Konto anzulegen, damit wenigsten bis zum Monatsende genug Geld für die Familie da war. Das ärgerte nun wieder Vater maßlos, er sorgte sich um seinen „guten Ruf“, darüber, was man über ihn sagte und wie er nach außen dastünde. Es gab großen Streit deswegen, aber Mutter setzte sich durch.

Dann kam, was kommen musste, 1962 kam es erneut zu Unstimmigkeiten bei den Finanzen, die Verrechnung der abgelieferten Milch stimmte nicht. Wieder drohte ein Gerichtsverfahren. – Was auch immer in seinem Kopf vor sich ging, anstatt sich dem zu stellen, nahm sich Vater, wohl weil er keinen anderen Ausweg sah, das Leben.

„Morgens hat er noch Tschüss gesagt“, erzählte meine Mutter, „das hat er sonst nie getan.“ Später fand man ihn im nahegelegenen Wald.

Für uns Kinder war es unfassbar, wir verstanden es nicht, es war ein Schock für uns und ein schwerer Schlag für meine Mutter. Sie musste nun allein mit uns dreien zurechtkommen.

Auch seine eigene Mutter war bitterlich enttäuscht von ihrem Sohn Herrmann. Sie verzieh ihm nicht, dass er „feige seine Frau mit drei Kinder hinterlassen hat“. Meine Mutter erzählte mir, dass sie deshalb nie das Grab meines Vaters auf dem Friedhof in Buchhain besucht habe. Eine sehr unversöhnliche Entscheidung, wie ich finde. Schließlich war es doch ihr Sohn, ihr Nesthäkchen. Aber sie konnte und wollte sein Verhalten nicht entschuldigen und vergessen. Sicher wird sie auch für den Rest ihres Lebens die Frage beschäftigt haben, was sie bei seiner Erziehung bloß falsch gemacht hatte. – Er muss ja doch sehr verzweifelt gewesen sein, dass er sich zu solch einem Schritt gezwungen sah. Auch meine Mutter war völlig ahnungslos, da er nie über seine Probleme mit ihr gesprochen hatte.

Nach Vaters Tod verbrachte ich viel Zeit in Schlieben. Regelmäßig fuhr ich mit dem Fahrrad an den Wochenenden zu seiner Mutter, meine Oma Minna, Tante Hilde und Onkel Kurt. Auch meine Schulferien verbrachte ich oft dort.

Nach Beendigung der Oberschule, als ich meine Lehre bei der Deutschen Seereederei Rostock begann, wurden die Besuche in meiner Heimat seltener. In dieser Zeit, als mein Bruder und ich unser eigenes Leben begannen und in die Lehre gingen, wurde die Wohnung zu groß für meine Mutter und Dagmar. Sie mussten ausziehen. Sie bekamen eine Wohnung im Haus der Grundschule in Nexdorf zugewiesen. Meine Mutter hatte die Arbeit im Kindergarten Buchhain aufgegeben, sie war eben keine gelernte Kindergärtnerin und fühlte sich der zunehmenden Verantwortung bald nicht mehr gewachsen. Sie bewarb sich in der Brikettfabrik in Tröbitz Wildgrube und wurde eingestellt. Hier lernte sie 1975 ihren späteren Mann kennen. Konrad war ein feiner Kerl und wurde für uns Kinder zum Vaterersatz.

Die Molkerei wurde später geschlossen und steht heute auf der Liste der Baudenkmale in Doberlug-Kirchhain.

Die ehemalige Molkerei ist heute ein Wohnhaus

Leben und feiern auf dem Dorf

Am Anfang aber war das Leben auf dem Dorf noch sehr einfach, aber auch anstrengend. Ich erinnere mich beispielsweise gut daran, dass wir Schulkinder in den Ferien Ende September bis Anfang Oktober, auch Kartoffelferien genannt, wiederholt bei der Ernte helfen mussten. Dann sammelten wir die Kartoffel ein, die übersehen worden oder von den damals neuen Kartoffelvollerntemaschinen aufgrund ihrer geringen Größe durchs Sieb gefallen waren. Die wurden später an die Schweine verfüttert. Es war ziemlich hart, bei Kälte, Wind oder Nieselregen mit einem Sack über der Schulter über den Acker zu laufen, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Ja, aber dabei lernten wir auch, wie viel Mühe es macht, sich das tägliche Brot zu erarbeiten. – Als ich schon etwas größer und kräftiger war, trug ich die vollen Kartoffelkörbe zum Anhänger zurück und mir blieb das mühselige Aufsammeln der Erdäpfel erspart.

Lohn der oft bis zum späten Nachmittag währenden Anstrengung war die Brotvesper. Sie wurde auf einem der größeren Bauernhöfe vorbereitet, meist auf dem Bauernhof, auf dessen Feldern wir gearbeitet hatten. Dann gab es selbstgebackenes Landbrot mit Leberwurst, Blutwurst, manchmal auch Schinkenscheiben oder frischem Gehackten, dazu eingelegte Gurken. Als Getränk erhielten wir Muckefuck, ein Ersatzkaffee, oder Brause.

* * *

Eine der schönsten Zeiten auf dem Dorfe war die Fastnachtszeit, in der Lausitz auch Zempern genannt. Es gab Kinder-, Jugend-, Männer- und Weiberfastnacht, sodass das ganze Dorf mehr als eine Woche feierte. Begonnen wurde vormittags mit einem Umzug, der jedes Haus im Dorf ansteuerte. Vorne weg marschierte die Kapelle, dahinter die jeweilige Gruppe in Faschingskostümen. Bei den Höfen wurde um eine Spende gebeten, das konnten Naturalien wie Eier, Speck und Würste sein, oder auch Geld. Alle Gaben wurden eingesammelt und für einen Festschmaus und kleinere Feiern ausgegeben, welche an den nächsten Wochenenden stattfanden.

Während des Umzugs gab es an jeder Tür meist gleich einen Begrüßungsschluck, sodass alle – zumindest die Erwachsenen – am Ende mehr oder weniger angetrunken waren. So kam die anschließende Pause gerade recht. Abends trafen sich dann alle in der Dorfgaststätte – damals hatte jedes Dorf seinen Dorfkrug. Im Gasthof „Zur Linde“ wurde zum Tanz aufgespielt. Wir Kinder drückten uns an den Saalfenstern die Nase platt, wenn die Großen feierten. Ab und an kam es zu einer handfesten Schlägerei, meist aus Eifersucht, wenn einer der Liebsten eines anderen zu nahe kam. Auch das war gang und gäbe. Nach dem Scharmützel waren alle wieder eins, der Streit war beigelegt und manchmal gaben sich die Kampfhähne sogar die Hand.

Die „Linde“ war jedes Mal proppenvoll, Gaststube und Theke zum Saal für alle geöffnet. Vor dem Saal standen zwei, drei Reihen Bänke, meist Turnbänke, denn der Saal diente auch der Schule als Sporthalle und zudem als Kinosaal. Auf diesen Bänken hatten die älteren Damen des Dorfes ihren Platz. Die Herren der Schöpfung standen selbstverständlich an der Theke oder waren in der Gaststube. Bei solchen Anlässen wurde stets kräftig zugelangt. Auf der Saalbühne spielte die Kapelle, meist eine Drei- bis Fünf-Mann-Combo mit Saxophon, Trompete, Ziehharmonika, Schlagzeug und Klavier. Einer oder eine sang dazu. Schon zu Beginn, wenn die Musik einsetzte, war die Saalfläche voll.

An solchen Tanzabenden bahnte sich schon mal eine neue Beziehung an, eine andere ging dafür in die Brüche. Was auch geschah, alles wurde von den Damen auf den Bänken aufmerksam registriert und am nächsten Tag ausgewertet: Wer mit wem? Wo und wann? Wie und wohin?

Die Mütter hingegen versuchten, ihre Töchter und Söhne auf dem Heiratsmarkt zu platzieren und sie in die ihnen genehme Richtung zu dirigieren. „Nun tanz doch mal mit dem oder der“, hörte man es an den Tischen bisweilen hilfreich raunen oder gar ungeduldig zischeln. – Als ich als Jugendlicher meinen Urlaub in der Fastnachtszeit hier verlebte, wäre ich so beinahe auch bei einer Bauerntochter gelandet.

Meine Mutter erzählte mir, dass meine Großmutter auch immer mit dabei war, wenn sie zum Tanz ging, und genau aufpasste, mit wem sie sich abgab. Als sie dann mit meinen Vater zusammenkam, rügte ihre Mutter sie streng: „Entweder du tanzt jetzt mit Hermann oder wir gehen gleich nach Hause.“

Mutter hatte, wie sie mir mal anvertraute, auch eine Jugendliebe. Er war Eisenbahner und arbeitete auf der Bahnstation im Nachbardorf Kolochau. Memmi war er jedoch nicht gut genug, ihre Tochter sollte eine bessere Partie machen. – Sie hat nicht mehr erleben müssen, wie sehr ihr auserwählter Schwiegersohn ihre Tochter später enttäuschte. – Mutter musste ihren Eisenbahner bald schon fahrenlassen, da sie von Herrmann schwanger wurde. Doch er blieb ihr treu und half ihr immer aus dem Zug, wenn Mutter mit dem Kinderwagen aus Schlieben nach Polzen kam. Später wanderte er nach Kanada aus, als die Grenze zu West-Berlin noch offen war. Er hat aber nie geheiratet und kam als alter Mann in seine Heimat zurück.

* * *

Ebenfalls ein Großereignis auf dem Dorf war die Hochzeit, besonders wenn Sohn oder Tochter eines Altbauern oder ehemaligen Großbauern heiratete. Dann ließen sich die Brauteltern nicht lumpen und veranstalteten eine große Feier. Natürlich wurde kirchlich geheiratet. Für uns Kinder war vor allem der Weg, den das Brautpaar mit seinen Gästen nach der Trauung zum festlich geschmückten Elternhaus zurücklegte, wichtig. Denn es war der Brauch, dass die Taschen der Hosen und Jacke des Bräutigams mit Kleingeld gefüllt waren, welches er händevoll in den begleitenden Zug zu den wartendenden Kindern warf. Da gab es immer einen Riesentumult, jeder wollte eine Münze erhaschen. Zu jener Zeit gab es für einige Pfennige, für Fünfer oder Groschen oder gar ein Fünfzig-Pfennig-Stück, noch etwas zu kaufen. Für ein Eis aus dem Konsum reichte es allemal.

Den Bauern ging es im Gegensatz zu vielen LPGs finanziell recht gut. Hielt doch jeder noch privat sein Vieh auf dem Hof und mästete Schweine, Bullen, Hühner, Gänse oder züchtete Enten. Sowohl zum Selbstverbrauch als auch zum freien Verkauf, sodass Bauern trotz Kollektivierung als wohlhabend galten. Ein Spruch ist mir noch geläufig: „Wenn der normale Bürger sein Bad fliest, hört er bei etwa ein Meter zwanzig auf, während bei den Bauern die Fliesen bis an die Decke reichen.“

Der Verkauf von Vieh lohnte sich, da der Staat die Aufkaufpreise stützte. Für einen gut gemästeten Bullen, der sogar für den Export, meist in die BRD, geeignet war, bekam der Bauer schon mal 7000 DDR-Mark. – Ein Trabant kostete fast genau so viel.

Schlieben, meine liebste Heimat

Meine Oma Minna sagte immer, ich gehe mit dem halben Jahrhundert, weil ich 1950 geboren wurde. Ich bin auch getauft worden und wuchs in Buchhain und Nexdorf auf, kleine Dörfer in der Lausitz.

Oma Minna, Vaters Mutter, wohnte in einem Haus in der Martinsstraße zur Miete, welches einem Tischlermeister gehörte. Trotz ihrer Einfachheit war sie sehr gebildet. Ich sehe sie noch heute vor mir mit ihrem grauen Dutt, immer sauber akkurat gekleidet, die Wohnung blitzblank. Tante Hilde und Onkel Kurt hatten ihre Wohnung auf dem gleichen Flur wie sie, die beiden hatten keine Kinder. Später zog Oma Minna um in ein Altersheim in Luckau. Doch sie verstarb als über 90-Jährige bald nach dem Umzug, sie vermisste ihr Schlieben wohl zu sehr. Bei einem unserer letzten Besuche mit meiner Frau, konnten wir ihr noch erzählen, dass Adeltraut erneut schwanger war. Nils lernte sie leider nicht mehr kennen.

Ich liebte Schlieben und verbrachte auch später meine Schulferien hier bei Oma, Tante und Onkel. So verwundert es nicht, dass die drei neben meiner Mutter einen maßgeblichen Einfluss auf meine Entwicklung und Erziehung hatten. Mein Gästebett befand sich in ihrer Vorratskammer, die zwar nicht beheizbar war, aber im Herbst und Winter herrlich duftete von den dort eingelagerten Äpfeln und Birnen. Durch die Wand hörte ich aus Omas Stube ihr Chronometer leise die Stunden schlagen.

Kinderspaß in Schlieben

Hier bei ihr lernte ich gutes Benehmen und das Erfüllen kleiner Pflichten, etwa das stetige Hochtragen von Kohlen, Holz und Wasser. Die Wohnung hatte nämlich keinen Wasseranschluss, die Toilette befand sich auf dem Hof.

In ihrem großen Garten, den sie zusammen mit Tante Hilde und Onkel Kurt bewirtschaftete, gab es immer etwas zu tun für mich – was allerdings später zu meiner Abneigung gegen Gartenarbeit führte. Der Gerechtigkeit halber muss ich aber hinzufügen, dass die Liebe zum Gärtnern mich mit zunehmendem Alter doch noch erreichte. Heute beschäftige ich mich gerne in unserem Garten.

Oma war streng und vertrat die Meinung: „Wer etwas essen will, muss auch etwas dafür tun. Gebratene Tauben fallen nicht vom Himmel.“

In den Sommerferien war auch der Gang zum Friedhof Pflicht. Oma pflegte das Grab meines Opas und hatte weitere fünf oder sechs Gräber in Pflege, um ihre kleine Rente aufzubessern. Meine Aufgabe war es, ihr das Wasser zum Gießen heranzutragen. So lernte ich von ihr, das Andenken der Verstorbenen zu ehren.

* * *

Meine Tante und mein Onkel bezogen bald eine schöne neue Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Sie hatten dafür viele AWG-Stunden gearbeitet. Ich nahm prompt das Kinderzimmer bei ihnen in Beschlag, zumal sie bereits ein Fernsehgerät besaßen, ein Schwarzweißgerät natürlich.

Schlieben, Nähe des Marktplatzes

Da beide tagsüber arbeiteten, nahm mich in der Zeit Oma unter die Fittiche. Abends um halb sieben musste ich mich bei Tante Hilde und Onkel Kurt einfinden. Dann wurde warm zu Abend gegessen. Die Aufgaben danach waren gerecht aufgeteilt: Einer machte den Abwasch, ein anderer trocknete ab und der dritte stellte das Geschirr weg. Stand die große Wäsche an, hatten mein Onkel und ich den Auftrag, die Wohnung zu säubern, also staubsaugen, wischen, putzen und die üblichen Hausarbeiten, während meine Tante in der Waschküche stand. Waschmaschinen gab es damals noch nicht und waren später auch nicht für alle erschwinglich. Wir beide, mein Onkel und ich, setzten unseren ganzen Ehrgeiz daran, alles perfekt zu reinigen, um nicht den Unmut der Tante zu erregen. – Dieser Fimmel für Hausarbeiten verfolgt mich bis zum heutigen Tag, kam mir aber später auf dem Lehrschiff als Matrosenlehrling sehr zugute.

Die Abende verbrachten wir zusammen. Fernsehen durfte ich nur bestimmte Sendungen wie die allseits beliebte „Willi Schwabes Rumpelkammer“, in der alte Filmausschnitte gezeigt wurden. Dann kam sogar meine Oma extra rüber. Auch die ARD-Eurovision-Sendungen im Westfernsehen sahen wir gemeinsam an und natürlich die Sportsendungen. Doch wir spielten auch viel miteinander, Ratespiele zum Beispiel, und ich lernte Kartenspiele wie Doppelkopf und Rommé, aber auch Brettspiele, zum Beispiel Mühle und Dame und Halma kennen. Das waren vergnügliche Abende.

* * *

Meine Oma war eine fantastische Köchin alter Schule, sie hatte noch für Herrschaften in Berlin gekocht. Meine Tante stand ihr diesbezüglich in nichts nach und ich hatte jeden Sonntag die Wahl, wo ich zu Mittag essen wollte. Ich war ein guter Esser und Feinschmecker, nur was vom Schaf kam, mochte ich absolut nicht. Eines Sonntags hatte ich Wahl zwischen Schnitzel mit Blumenkohl bei Tante Hilde oder Omas Rehbraten. Da Wild etwas Besonderes war, zog ich guten Mutes zur Oma, um dort den Braten zu genießen. Es war wie immer sehr lecker und ich langte mächtig zu. Nach dem Essen fragte Oma scheinheilig:

„Na, mein Junge, hat es dir geschmeckt?“

„Ja, danke“, erwiderte ich begeistert.

„Was meinst du denn, was du gegessen hast?“, fragte sie lächelnd.

„Natürlich Rehbraten.“

„Ach was“, lachte sie, „das war eine Lammkeule!“

Au Backe, ich hatte es nicht bemerkt! Dank ihrer vorzüglichen Kochkunst …

Oma Minna mit ihrem Bruder

Meine Kindheit auf dem Dorf

Meine Klassenkameraden kamen fast alle aus Bauernfamilien. Ich war gern mit ihnen unterwegs, wir spielten Fußball oder schlichen uns auf die Höfe von Bauern und tobten auf den Heuställen herum. Später, als wir uns schon in der pubertären Phase befanden, kamen ein paar Mädels dazu und wir erforschten andere Dinge, die nun unsere Neugier und Aufmerksamkeit erweckten.

Mit dem Fahrrad bei Oma Minna und Onkel Kurt

Gegen Nachmittag hatten Bauernkinder die Aufgabe, die abendliche Fütterung der Tiere vorzubereiten. Sie mussten Heu oder Stroh vom Heuboden holen und es zusammen mit Rüben häckseln. Ich half gerne bei diesen Arbeiten mit. Ich weiß noch, dass ich einmal dabei vom Strohboden fiel. Der bestand aus losen Brettern, doch hatte ich nicht beachtet, dass sich zwischen allen Brettern ein Leerraum befand. Es geschah, was geschehen musste, ich trat daneben und stürzte wohl so zweieinhalb Meter in die Tiefe auf den Scheunenboden. Alle schauten entsetzt auf mich, aber, oh Wunder, mir war nichts passiert. Ich stand auf und guckte ganz verdattert in die Gegend. Da war wohl ein großer Schutzengel am Werke, dass mir nichts widerfahren ist. Alle waren jedenfalls froh, als ich zwar etwas bedeppert schaute, aber gesund und munter nach Hause laufen konnte.

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Als ich etwas älter war, ereignete sich folgende Geschichte: Unsere Jungenbande hatte sich im Wald Verstecke, die wir Bunker nannten, gebaut und dafür Bretter, Balken und sonstiges Baumaterial von zu Hause mitgebracht. Die Bunkerplätze mussten sorgfältig ausgewählt werden, denn es gab auch eine Jungenbande in Nexdorf. Die Cliquen suchten gegenseitig die Schlupfwinkel der anderen und zerstörten sie, sobald sie sie entdeckten.

Nun hatte ich von Peppi, als er bei uns zu Besuch war, eine Zigarre gemaust. Diese wollten wir im Bunker rauchen. Reihum nahm jeder einen Zug, doch nach und nach rannten alle raus. Oh man, war uns schlecht! –

Nicht destotrotz wollten wir es noch einmal probieren und besorgten uns diesmal Zigaretten. Wir wollten auch ein anderes Versteck nehmen, das noch sicherer war. Einer von uns, Harald, war Messdiener und läutete die Glocken zum Gottesdienst. Deshalb besaß er einen Schlüssel für den Glockenturm der Kirche, die sich mitten im Dorf befand. Die Turmspitze, in der die Glocken angebracht waren, empfanden wir als den idealen Treffpunkt zum Rauchen und waren fest davon überzeugt, dass uns hier keiner sah und fand.

Allerdings hatten wir nicht bedacht, dass wir alle zusammen eine Menge Qualm produzierten, der nun aus den Turmluken quoll. Ein aufmerksamer Dorfbewohner hingegen bemerkte es und dachte, dass der Kirchturm brennt. – Oh, gab das ein fürchterliches Donnerwetter, nicht nur von unseren Eltern, die natürlich prompt informiert wurden. Auch der Pastor und der Kirchenrat nahmen uns das übel, Harald wurde streng ermahnt.

Also suchten wir uns das nächste Mal die Scheune auf dem Hof unseres Kumpels Lothar dafür aus. – Im Nachhinein staune ich schon, wie wir nur so gedankenlos sein konnten und ausgerechnet in einer Scheune das Rauchen einer Tabakspfeife probieren mussten.