Familiensafari - Rike Drust - E-Book

Familiensafari E-Book

Rike Drust

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Beschreibung

Familien sind das Abbild der großen Welt in klein: jeder gegen jeden, es gibt Geheimnisse und natürlich den Wunsch nach Harmonie, doch bis dahin ist es ein weiter Weg.
Die Mitglieder der Familie heißen in diesem Roman Jutta, Alexander, Anna und Lars. Anna will unbedingt ins Fernsehen, obwohl sie nicht aussieht wie ein Topmodel, aber sie will ja auch nur moderieren. Ihr Bruder Lars ist Überflieger und Sport-Ass, nur ist er leider megaschüchtern. Alexander, der Vater, ist ein typischer Vertreter seiner Generation: Er steckt im Jugendwahn, seine Frau Jutta dagegen ist bewusst konservativ, besser gesagt spießig. Dies ist eine Reaktion auf Rose, ihre Hippie-Mutter, die Jutta nicht einmal gesagt hat, wer überhaupt ihr Vater ist.
Auslöser für ihre turbulente Reise ist, dass Jutta in einen Banküberfall gerät. Dabei hätte sie getötet werden können. Das macht ihr klar, dass sie endlich etwas wagen sollte, und deshalb stürzt sie sich in ein Abenteuer: Eine unvergessliche Familiensafari beginnt.

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Seitenzahl: 335

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1. Auflage

Copyright © 2014 by carl’s books, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12366-6www.carlsbooks.de

23. Februar bis 2. MärzReisevorbereitungen

Krimineller Startschuss für eine zu 80 Prozent unfreiwillige Reise

Was Costas?

Um halb acht ist Treffpunkt vor Costas’ Tür. Jutta wartet wie immer draußen, weil sie so gern als komplette Familie ins Restaurant geht. Als ihre Kinder um die Ecke kommen, strahlt sie übers ganze Gesicht. Allerdings nur, bis sie sieht, dass Anna sich gerade den Rest eines Franzbrötchens in den Mund stopft.

»Anna! Das muss doch nicht sein! Wir essen doch gleich.«

Anna findet eher, dass dieses besorgte Herumkommentieren nicht sein muss, sie hat schließlich keinen Marder in den Ranzen eines Grundschülers pinkeln lassen, sondern nur ein Franzbrötchen gegessen. Außerdem ist sie neunzehn.

»Mom, ich bin volljährig! Ich kann viel ausgeflipptere Sachen machen, als vor dem Essen was zu essen.«

»Ich mein ja nur.« Jutta meint eigentlich, dass Anna ein bisschen auf ihre Figur achten sollte, weil sie sonst vielleicht gemobbt und in eine Essstörung getrieben wird, ist aber viel zu besorgt, dass ein solcher Kommentar Anna in eine Essstörung treiben würde. Keiner sagt mehr was.

Zum Glück macht Lars aus Langeweile ein paar Tricks auf seinem Skateboard. Alter, denkt Anna. Ihr Bruder sieht wirklich immer perfekt aus. Seine Haare haben nicht mal eine Frisur, sie sind einfach nur mittelblond und mittellang, aber selbst das wirkt wie das Werk eines New Yorker Haarstylisten. In seinem Gesicht ist alles symmetrisch, aber nicht so langweilig symmetrisch, dass man vergessen hat, wie er aussieht, sobald man wegguckt, sondern so, dass man verzückt ist von seiner geraden Nase, seinem schön geschwungenen Mund und von seinen grünen Augen, aus denen er immer ein bisschen verwirrt guckt. Damit und mit seinem durchtrainierten Körper würde er perfekt in eines dieser Musikvideos passen, in denen eklig schöne Menschen im Gegenlicht der untergehenden Sonne eine lässige und trotzdem ausgeflippte Party feiern. Lars würde erst neben dem Pool ein paar Tricks auf seinem Skateboard machen und dann mit der schönsten Arschbombe der Welt in den Pool springen. Mann, selbst wenn er einen epileptischen Anfall hätte, würden noch alle denken, es wäre ein cooler, neuer Streetart-Tanz.

Anna fällt das Casting ein, das mal wieder in die Hose gegangen war. Mit seinem Aussehen hätte ich den Job bestimmt bekommen, denkt sie und starrt ihren Bruder an. Obwohl, mit seinem Stock im Arsch auch wieder nicht. Lars ist schüchtern, wobei schüchtern die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Sobald er mit Fremden sprechen soll, kann er allerhöchstens noch ein paar unverständliche Silben stammeln und nimmt eine Gesichtsfarbe an, die nicht mehr rot ist, sondern schon ins Bläuliche geht. Dazu fängt er an zu schwitzen. Auf seiner Oberlippe bilden sich sofort dicke Perlen, und unter den Armen läuft der Schweiß in solchen Strömen, dass man darunter Kleintiere duschen könnte. Schuld an diesem Komplex ist die Stimme, die er als Kind hatte. Er hörte sich an wie Tweety, der eine Opernsängerin nachäfft. Oder wie Bart Simpson, der mit Heliumüberdosis aus einer Blechdose um Hilfe ruft. Oder so. Auf jeden Fall klang seine Stimme so sonderbar, dass alle, die ihn das erste Mal hörten, in brüllendes Gelächter ausbrachen. Für Jutta, Alexander und Anna wurde sie irgendwann normal, aber selbst Rose, die ihn oft sah, hat nie geschafft, ernst zu bleiben. Sie nannte ihn immer Quietschboy, und wenn die anderen ihr gesagt haben, sie soll damit aufhören, ihn zu verarschen, meinte sie, sie könne damit nicht aufhören, weil Lars für sie so etwas sei wie ein akustischer Verkehrsunfall.

Jutta und Alexander haben alles versucht, damit Lars seine schlimme Stimme und seine Schüchternheit loswurde. Sie sind mit ihm zur Sprachtherapie gegangen, aber selbst der Therapeut konnte sich kaum das Lachen verkneifen, ganz abgesehen davon, dass die Übungen nichts brachten. Und die Psychologin, die Tipps geben sollte, wie sie Lars’ Selbstbewusstsein aus dem Keller holen konnten, war auch nicht erfolgreich. Lars blieb vor Fremden stumm und kriegte sofort Panik, wenn er doch mal etwas sagen musste. Anna weiß nicht, wie oft sie auf dem Schulhof die Kinder, die sich über ihren kleinen Bruder lustig gemacht haben, geschubst oder geboxt hat. Seit Lars’ Stimmbruch hört er sich ganz normal an, aber leider hat das an seiner Schüchternheit nichts geändert. Er konnte sie nie loswerden. Noch immer hat er kaum Freunde, und noch immer läuft er blau an, wenn ihn ein Fremder nach dem Weg fragt.

Jutta, die wie ihre Tochter nicht die Augen von Lars lassen kann, denkt so ziemlich das Gleiche. Er sieht zwar schon aus wie ein Mann, einer, der sogar die Fantasien ihrer Freundinnen auf nicht immer jugendfreie Weise anregt, aber durch seine Schüchternheit und die Tatsache, dass er ja auch gerade erst siebzehn ist, sieht sie in ihm immer etwas Scheues, Verletzliches. Einen kleinen Vogel vielleicht. Oder einen Babywaschbären.

»Achtung, Chef kommt!«, brüllt Alexander seine Frau und seine Kinder aus der Szene. Er kommt mit betont wippendem Gang um die Ecke und küsst Jutta demonstrativ so lange auf den Mund, dass Lars und Anna sich angewiderte Blicke zuwerfen. Dann umarmt er Anna und hält Lars die Faust hin. »Hey, Buddy.«

Lars erwidert nach kurzem Zögern die Begrüßung. Alexander hakt Jutta unter und sagt, was er immer sagt an einem Donnerstag um acht: »So, Team Wischer ist startklar für die Mission Mampfi.«

Früher haben Lars und Anna »Mission Mampfi« laut mitgebrüllt, inzwischen ist es ihnen fast so peinlich wie Alexander selbst. Aber er bringt es nicht übers Herz, den Spruch wegzulassen, weil Jutta sich immer so darüber freut. Sie erinnert sich jedes Mal selig daran, wie ihre Kinder sich darüber kaputtgelacht haben.

Zu Costas gehen sie zuallererst, weil Jutta so gern alles gleich macht. Seit fünfzehn Jahren haben sie an einem Donnerstag nicht mehr woanders gegessen als in diesem griechischen Restaurant. Anna und Lars hatten sich gleich nach den ersten Besuchen in den Wirt verliebt. Egal, wie voll das Restaurant war, Costas fand immer die Zeit, Annas Spielzeugmüllauto mit lautem Brumm und Tuuuut durch das Restaurant zu schieben oder Lars so hoch in die Luft zu werfen, dass er mit den Händen die Decke berühren konnte. In diesen Momenten blitzte bei Jutta hin und wieder der Gedanke auf, sich ein neues Stammlokal zu suchen, aber da sie nicht so gern nach Neuem sucht und das Essen gut und Costas nett ist, hat sie einfach schnell in eine andere Richtung geguckt, wenn Costas Lars in die Luft geschleudert hat.

Direkt unter Costas’ riesigem, ständig laufendem Flachbildschirm steht die Schale mit Lollys. Daraus haben Anna und Lars früher immer einen bekommen. Als Lollys zu babymäßig waren, gab es für die beiden sehr lange Zeit eine Fanta im Schnapsglas, und inzwischen kriegt Lars gar nichts mehr, weil er für Kinderschnaps zu groß und für echten nicht volljährig genug ist. Da ist Costas streng. Anna stellte er am Donnerstag nach ihrem achtzehnten Geburtstag zum ersten Mal einen Ouzo hin. Inzwischen ist sie neunzehn, und er macht es immer noch auf die gleiche Weise: Er bringt den Ouzo, sagt »Aaaahh, so große Kleine!« und strubbelt ihr über den Kopf. Anna hasst das, sie hat schließlich eine Frisur und findet, wer einen Schnaps bekommt, ist automatisch zu alt zum Bestrubbeltwerden. Aber weil sie Costas mag, spielt sie das Spiel mit und macht das gleiche gequält lächelnde Gesicht wie alle, die sich von Verwandten oder Freunden der Eltern unter nervigen Betätschelungen anhören müssen, dass aus ihnen »eine kleine Dame« oder »ein richtiger Mann« geworden ist.

Die Familie macht sich durch das Restaurant auf den Weg zu ihrer Sitzecke. Diese kleine Ecke ist gemütlich wie eine Kajüte, nur auf Griechisch getrimmt; die drei Wände sind roh verputzt, und an einer Wand hängt ein Teppich, auf dem die Akropolis von antiken Ornamenten eingerahmt ist.

Als sie ihre Jacken ausziehen, starren alle Alexander an. Er trägt eine Weste, die aussieht, als hätte man die typische Lederweste eines übergewichtigen Busfahrers mit einem Raumfahreranzug aus den späten Achtzigern gekreuzt. Das bordeauxrote Leder im Knitterlook ist schon eine echte Herausforderung für die Augen, aber am Kragen und an den Ärmeln ist die Weste so dick gepolstert wie Schwimmringe.

»Neue Weste, Pops?«, fragt Anna.

»Ich finde, sie sieht ganz, äh, interessant aus.« Jutta gibt sich wie immer diplomatisch.

Lars nickt zustimmend, schüttelt aber innerlich den Kopf. Er findet es extrem peinlich, wenn sein Vater auf jugendlich macht.

Nur Anna sagt, was sie denkt.

»Sieht scheiße aus!«

»Aber es ist hip«, antwortet Alexander.

»Du würdest auch einen Haarkranz aus Hasenködeln tragen, wenn dir jemand sagt, dass es hip ist.«

»Anna!« Jutta sorgt sich um den Familienfrieden.

»Was? Stimmt doch! Das ist echt so peinlich, wie Pops in seinem Alter jedem noch so beknackten Trend hinterherrennt.«

Alexander versucht es mit Überheblichkeit. Es war ihm ziemlich klar, dass seine Familie seine Begeisterung für die Hooded Sleeveless Leather Vest mit Astronautenkragen von Bloody Racoon nicht teilen würde. Die sind eben keine Early Adapters wie er. Er hatte sich trotz seiner dreiundvierzig Jahre sein Lebensgefühl bewahrt. Trends entdecken, als Erster umsetzen. Bloß nicht alt werden oder gemütlich. Er ist immer noch gierig nach Leben, nach Styles. Damit ist er bis jetzt auch immer gut gefahren. Oder was soll es sonst bedeuten, dass sein Sohn regelmäßig Klamotten aus dem Schrank klaut? Eben. Die machen nach, was er vormacht.

»In drei Monaten hast du selbst so was an. Du verstehst das jetzt nur noch nicht«, wirft er Anna vor die Füße.

»Bevor ich Geld für so eine Netzhautpeitsche ausgebe, nehme ich lieber den Wandteppich hier, schneid ein Loch rein und trag ihn als Poncho«, kontert Anna.

»Das kann ich nicht erlauben.« Costas steht lachend am Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.

Jutta rutscht auf ihrem Sitz hin und her. Erstens wegen der Diskussion und zweitens, weil gleich wieder Costas’ Telepathie-Showeinlage kommt. Er tut nämlich jedes Mal so, als könnte er Juttas Bestellung direkt aus ihren Gedanken lesen. Kann er natürlich nicht, Jutta bestellt einfach nur seit Jahren das Gleiche. Ihr ist seine Vorstellung immer ein wenig peinlich, weil Costas so laut ist. Costas selbst hält das für Unterhaltung. Seitdem er einmal bei einem Krimidinner war, versucht er sich regelmäßig in spontaner Erlebnisgastronomie. Manchmal zwingt er alle zum Sirtaki-Tanzen, mal versucht er sich mit Zaubereinlagen an den Tischen der Gäste, und mal baut er eine Karaoke-Anlage auf, allerdings hat noch nie jemand außer ihm gesungen. Einmal hat er den Nachtisch traumschiff-like mit Wunderkerzen serviert, aber das hat ihn einige Kunden gekostet, weil er im stockfinsteren Lokal auf den Hund eines Gastes getreten ist und ihm dabei die Vorderpfoten gebrochen hat.

Als Costas Juttas Bestellung fertig durch den Laden gebrüllt hat und sich auf den Weg zur Küche macht, atmet sie erleichtert aus, faltet die Hände auf dem Tisch und fragt erwartungsvoll in die Runde: »Ihr Lieben, wie war euer Tag?«

Alle gucken sich an, und keiner hat Lust zu antworten. Weil ihr das zu lange dauert, fängt sie selbst an.

»Also, ich hatte heute ein richtig spannendes Seminar. Überfallprävention. Es ging darum, wie wir uns in der Bank bei einem Überfall verhalten sollen. Es war sogar einer der Aufsichtsratsvorsitzenden da, Ferdinand von Kraisinger, so ein hohes Tier, der hat eine echt tolle Rede gehalten. So menschlich. Er schien wirklich besorgt.«

»Klar macht der sich Sorgen. Ums Geld«, wirft Anna ein, die gerade aus Bierdeckeln die dritte Etage eines Hauses baut. »Was anderes interessiert diese Bonzen doch nicht.«

»Der ist kein Banker, der macht eigentlich irgendwas mit Immobilien.«

»Was ja jetzt auch nicht so die Branche ist, die für Nächstenliebe bekannt ist.« Alexander piekst Jutta grinsend in die Seite.

»Jetzt mal ernsthaft!« Jutta versucht es noch mal. »Von dem reden alle. Das ist so ein uriger Bayer mit dem Herz am rechten Fleck, er hat ein paar wirklich tolle soziale Projekte in der Bank angeregt. Und seine Rede war so, hm, mitfühlend. Er hat sich wirklich Gedanken um uns gemacht.«

»Dann heirate ihn doch«, lacht Alexander.

»Natürlich nicht. Aber ich werde doch noch sagen dürfen, dass er der Veranstaltung durch seine empathische Moderation eine erfrischend menschliche Note gegeben hat.«

Jutta stöhnt innerlich auf. Immer wenn sie emotional etwas überfordert ist, hört sie sich an wie eine Mischung aus einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Tathergangsbeschreibung eines Polizeihauptmeisters. Da hätte sie auch gleich sagen können, dass sie sich in Gegenwart dieses Ferdinand von Kraisinger erstaunlich wohlgefühlt hat. Dabei hat sie es eigentlich gar nicht so mit Fremden.

»Mom, der ist doch bestimmt mindestens hundert Jahre alt. Das ist voll eklig.« Anna schüttelt sich.

Lars rettet seine Mutter aus der Situation. Er hält seine Cola hoch und sagt: »Jamas!« Die anderen nehmen ihren Ouzo, stoßen an, kippen ihn hinunter und schütteln sich.

Anna mag eigentlich keinen Ouzo, aber sie liebt es, wie er den Hals runterbrennt und den Magen schon mal vorheizt für die Grillplatte, die gleich kommt.

»Und was hast du nach der Schule gemacht?«, wechselt Jutta das Thema und wendet sich an Lars.

»Ich war im Skatepark.«

»Übst du für diesen Wettbewerb?«

Lars zuckt die Schultern. Er spielt seit einiger Zeit mit dem Gedanken, bei einem Contest mitzufahren, dem Rad Cup in Dresden. Aber immer, wenn er sich online anmelden will, kriegt er so eine Panik, dass er schwitzend den Laptop zuklappt und das Bedürfnis verspürt, in eine Tüte zu atmen.

»Kämen diese … Freunde von dir dann eigentlich auch mit?« Jutta spricht Freunde aus wie Hämorrhoiden, und sie würde auf der Stelle lebenslänglich Hämorrhoiden auf sich nehmen, wenn sie damit erreichen könnte, dass ihr Sohn sich andere Freunde sucht als diese Kriminellen.

»Ja.« Lars sitzt da und starrt verbissen vor sich hin. Nicht schon wieder, denkt er.

»Ist das wirklich der richtige Umgang für dich?«, druckst Jutta herum. Keine Beamtensprache, ermahnt sie sich innerlich.

»Wieso?« Lars Wortkargheit ist manchmal nicht nur für ihn eine Quälerei, durch seine Gegenfrage windet sich jetzt auch Jutta in ihrer Erklärungsnot. Wie soll sie ihrem Sohn sagen, dass er lieber nicht mit diesen Jugendlichen herumhängen sollte, die die Schule schwänzen, Drogen nehmen und alle möglichen Vorstrafen haben – ohne dass er sauer wird?

»Na ja, also, äh, die kommen ja jetzt nicht aus den besten Familie. Also, nicht dass sie etwas dafür können, aber ihre Herkunft hat ja schon einen gewissen Einfluss auf ihr Verhalten. Sie haben eine sehr geringe Hemmschwelle, was Drogen, Kriminalität und so weiter betrifft. Diese Menschen haben kein Interesse an einer soliden Zukunft.«

»Ob die irgendwas interessiert, interessiert keinen, Mom.« Anna fällt ihr ins Wort. »Das sind die Billos, Mom.«

»Die was?«

»Die Billos. Man könnte auch einfach sagen, das sind die Asis aus Billstedt. Die gehen der Welt am Arsch vorbei. Denen schmieren die Eltern kein Schulbrot, und zwar nicht, weil sie eh immer schwänzen, sondern weil sie einen Scheiß auf ihre Kinder geben. Denen hat keiner beigebracht, wie man sich sozialkompatibel verhält. Und wenn du sie weiter aus deiner heilen Heititeiti-Welt ausblendest, werden sie es auch nicht lernen.«

»So meinte ich das gar nicht«, versucht Jutta die Situation zu retten.

»Natürlich hast du das so gemeint. Du willst doch überhaupt nicht, dass die Billos die gleichen Chancen kriegen wie wir, sondern nur, dass sie deinen kleinen hochbegabten Lars in Ruhe lassen, damit er ganz ungestört das werden kann, was du dir für ihn vorstellst.«

»Aber …«

»Nichts aber! Hast du dir schon mal überlegt, wie cool es ist, dass sie Skateboard fahren, statt Leute zusammenzuschlagen oder Drogen zu verticken? Und dass du sowieso keinen Grund hast, dich zu beschweren, weil Lars Jahrgangsbester und oberstes Superhirn ist, obwohl er mit diesen ›Gangstern‹ rumhängt?«

»Das sind meine Freunde«, beendet Lars die Diskussion. Leider, seufzt er in Gedanken hinterher, als er an Steamy denkt. Für sie, das schönste, furchtloseste und zugleich angsteinflößendste Mädchen der Welt wäre er gern mehr als nur ein Freund. Aber bevor er sich das ausmalen kann, holt ihn seine Mutter aus den Gedanken zurück.

»Ich mein ja auch nur«, meint sie wieder nur. Diesmal wechselt Alexander das Thema.

»Anna, hattest du nicht ein Casting?«, fragt er.

Anna nickt.

»Und?«

Anna schüttelt den Kopf.

»Ich weiß eh nicht, warum du da hingegangen bist. Willst du wirklich so eine Pannenshow moderieren? Gerade zu Beginn einer Karriere musst du doch genau gucken, was du machst, sonst bist du verbrannt, bevor es überhaupt losgegangen ist«, weiß Alexander.

»Witzig, Pops, ich hab aber nichts zum Aussuchen. Ich bin ein superkleines Licht. Bei den paar Jobs, die ich gemacht habe, hat ja jeder Kabelträger mehr Erfahrung als ich. Mir bleibt überhaupt nichts anderes übrig, als zu nehmen, was ich kriegen kann.«

»Verstehe. Und warum hat es diesmal nicht geklappt?«

Anna holt Luft. »Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen von den Moderationstexten.«

»Das hast du dort nicht so freundlich formuliert, oder?«, schaltet Lars sich skeptisch ein.

Anna schüttelt den Kopf.

»Du konntest wieder deine Klappe nicht halten, oder?«

Anna nickt.

»Haben sie dich rausgeworfen?«

»Ich bin gegangen.«

»Warum?«

»Weil sie mich sonst rausgeschmissen hätten.«

Die Familie sitzt da und blickt Anna an. Alexander findet die Unangepasstheit seiner Tochter cool, Lars bewundert sie für ihre große Klappe, und Jutta kann ihr Verhalten überhaupt nicht nachvollziehen. Alle wollen hören, was genau passiert ist.

»Also, der Regisseur hielt sich wirklich für Scorsese oder so. Der hat die ganze Zeit an mir rumkritisiert, sich über mich lustig gemacht und die Lichtleute und alle anderen übelst angeschnauzt, weil die Aufnahmen nie wurden, wie er sich das vorgestellt hat. Da habe ich angemerkt, dass das Problem vielleicht auch die Moderationstexte sein könnten, und gefragt, ob ich vielleicht mal ein bisschen improvisieren kann.«

Lars guckt Anna prüfend an.

»Ich schwör, ich habe zuerst wirklich so freundlich gefragt. Aber als er mir daraufhin gesagt hat, dass ich gefälligst die Klappe halten soll, weil ich jawohl die Letzte bin, die weiß, wie gutes Fernsehen geht, bin ich ein bisschen wütend geworden.« Wie jetzt auch. »Mann, da weißt du doch wirklich nicht mehr, was überhaupt die Panne ist: das vierhundertsiebenunddreißigste Video von einem hässlichen Baby, das in seine Geburtstagstorte niest, oder diese scheißlangweiligen Zwischenmoderationen. Ich hab richtig gebettelt, mal freestyle ein bisschen was versuchen zu dürfen, aber die Aufnahmeleiterin, auch so eine arrogante Ziege mit verschrecktem Botoxgesicht, meinte auch nur: ›Mach, wie es im Skript steht.‹ Ich versteh das nicht, da haben die Leute die Möglichkeit, eine Sendung zu machen, mal was anderes auszuprobieren, und dann machen die stumpfen Dienst nach Vorschrift und halten sich trotzdem für die Geilors.«

Eigentlich will Anna nämlich gar nicht Hoppala, die Missgeschicke-Show moderieren. Eigentlich will sie was Cooles machen, ein bisschen reportagiger, vielleicht ein bisschen politisch, auf jeden Fall mit Spaß und eigener Meinung; aber dieser ewige Kreislauf aus Casting, letzter Runde und dann doch Absage hat sie so frustriert, dass sie inzwischen bereit ist, Kompromisse zu machen. Hauptsache, sie kriegt erst mal einen Fuß in die Tür. Letzten Monat war sie sogar kurz davor, bei Zwei bei Kallwass eine bulimiekranke Flugbegleiterin zu spielen, die ihrem Chef gestehen muss, dass sie seit Jahren ganzen Sitzreihen das Essen wegfrisst, nur um es dann in die Bordtoilette zu kotzen. Aber genau genommen ist das nicht ihr Ding, und sie kann so was auch gar nicht – gut aussehen und Texte aufsagen. Erstens, weil sie nicht gut genug aussieht, also so klassisch gut. Wenn Anna sich schön findet, sieht sie für andere nämlich immer ein bisschen zu prollig aus. Sie trägt ihre langen braunen Haare am liebsten zum Zopf, und ihr Pony hängt ihr, wenn sie ihn nicht gerade mit der Nagelschere ihres Vaters geschnitten hat, bis über die Augenbrauen. Sie liebt Sonnenbänke, viel Wimperntusche, große Ohrringe, weite bunte Pullover mit Leggins und Air Max 1. Eigentlich sieht sie so aus wie eine unvorteilhaft fotografierte Lily Allen. Sie, also Anna, wiegt fünf Kilo zu viel und weigert sich abzunehmen, obwohl diese fünf Kilo im Fernsehen aussehen wie fünfzehn und sie deshalb bei Castings sofort aussortiert wird. Zweitens kann sie keinen Gutausseh-Aufsagejob machen, weil sie eine zu laute eigene Meinung hat. Wenn sich jemand arrogant, dumm oder ungerecht verhält, dann kann sie nicht danebenstehen und dämlich grinsen. Dann muss raus, was sie denkt. Wie beim Casting für die Pannenshow.

»Und dann?«, fragt Alexander.

»Der Regisseur hat dann noch mal auf dicke Hose gemacht, mich immer absichtlich ›Äh‹ oder ›Du da‹ genannt, obwohl er den Zettel mit meinem Namen in der Hand hatte, und dann hat er mir unter die Nase gerieben, dass sich Tausende darum reißen würden, den Job so zu machen, wie er das will.«

Stimmt ja auch, verkneift sich Jutta.

»Und du so?«, fragt Lars.

»Na ja, ich hab ihm gesagt, dass es lächerlich ist, wie er mit seinem Schal, seiner Geekbrille und seinem Gelaber auf Künstler macht, weil sein einziges Kunststück ist, dass er sich diese Scheißsendung schönredet.«

»Anna«, platzt Jutta entrüstet heraus.

»Ja-haa. Aber ganz ehrlich? Die haben mich nur zum Casting eingeladen, weil ich dick bin.«

»Du bist nicht dick«, antwortet Jutta wie aus der Pistole geschossen. Anna widerspricht.

»Im Fernsehen BIN ich dick. Jede Moderatorin erzählt, dass im Supermarkt oder auf der Straße Leute auf sie zukommen und ganz erstaunt sagen: ›Ach, sie sind ja gar nicht so dick wie im Fernsehen.‹ Da siehst du einfach dicker aus. Und jede Pannenshow hatte bis jetzt dicke Moderatoren. Solche wollen die. So Fleisch gewordene Unfälle. Übergewichtig, lispelnd und allzeit bereit, eine Arschbombe in den nächsten Fettnapf zu machen.«

Jutta lässt nicht locker: »Ich finde dich nicht dick.«

»Danke, Mom. Ich bin ja auch nicht wirklich dick. Nur fernsehdick.«

»Vielleicht tust du dir einen Gefallen damit, wenn du dich sonst ein bisschen mehr anpasst«, gibt Jutta, ganz besorgte Mutter, zu bedenken.

»Das kann sie doch eh nicht«, sagt Alexander.

Weil Anna keine Lust auf eine Moralpredigt von ihrer Mutter hat, bringt sie erst das Kartenhaus zum Einsturz und fragt dann: »Habt ihr schon gehört, dass CTV für Tat & Wahrheit einen neuen Moderator sucht? Die machen eine Riesen-Castingshow daraus.«

Alexander ist überrascht. Schon als Kind hat er diese Show geguckt. Eine Talkshow, in der die prominenten Gäste dazu gebracht werden, persönliche Geheimnisse zu verraten und Geld für einen guten Zweck zu spenden.

Die Sendung wird seit Jahren nur noch Promi-Beichtstuhl genannt. PR-geile Promis, die sich für die BILD zu schade sind, kommen in die Sendung, enthüllen uneheliche Kinder, Drogenexzesse, kriminelles Potenzial und vieles mehr und kaufen sich danach durch eine hohe Spende für irgendetwas Soziales frei. Die Geständnisse sind immer so brisant und die Prominenten so prominent, dass die Sendung seit über zehn Jahren erfolgreich läuft. Außerdem performen dort zwischendurch immer echte Superstars. Prince. Rihanna. Motörhead. Immer aus dem obersten Regal. Eigentlich ein gutes Konzept, abgesehen vom selbstverliebten Moderator.

»Pierre Rohwedder will echt aufhören? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Weißt du, warum?«, fragt er. Anna beginnt aufzuzählen: »Er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er muss das Land verlassen, weil nächstes Jahr ein Buch erscheint, das ihn als Gewalttäter outet. Er war die ganze Zeit nur ein Hologramm. Er hat sich einen Bauernhof in der Sächsischen Schweiz gekauft und will dort gepunktete Schweine züchten. Es gibt vier Millionen Gerüchte, warum er aufhört. Ist mir aber eigentlich egal. Weil er ein arroganter Sack ist und weil das eine Chance für mich ist.«

»Meinst du echt, du hast Chancen?« Jutta kann sich nicht vorstellen, dass CTV so eine große Sendung einer Anfängerin überlassen würde, und sorgt sich gleich wieder, dass ihre Tochter eine mögliche Enttäuschung nicht verkraftet. Bei Anna kommt allerdings als Botschaft nur an, dass ihre Mutter nicht an sie glaubt, und nach dem Reinfall beim Casting eben reagiert sie empfindlicher als normal.

»Mom, ich weiß, dass du lieber willst, dass ich … keine Ahnung, BWL studiere, Versicherungen verkaufe, ein Hotel manage oder so, aber das ist nichts für mich. Ich bin eben gerade das vierte Mal in einem Casting erst in der letzten Runde rausgeflogen. In der LETZTEN Runde, das heißt, ich bin besser als viele andere.«

»Das ist auch wirklich super, mein Schatz.« Jutta findet die Idee mit dem Hotel gar nicht so schlecht. Aber ihre Tochter hat andere Pläne.

»Ich schaff das. Ich schwör euch, irgendwann schaltet ihr den Fernseher ein, und ich moderiere das geilste Ding überhaupt.«

»Wie kommst du denn überhaupt zu diesem Casting?« Jutta bemüht sich, interessiert zu wirken – und fragt sich beunruhigt: Will sie etwa per Anhalter fahren? Und bei der Mitfahrzentrale ist ja auch nicht garantiert, dass die Fahrer sich alle an die Straßenverkehrsordnung halten. Anna versteht es wieder ganz anders.

»Keine Angst, ihr müsst das nicht bezahlen. Rose macht das. Sie kommt vielleicht sogar mit«, knurrt sie genervt.

»Rose. Das war ja klar.« Alexander seufzt und drückt Juttas Hand.

In diesem Moment kommt zum Glück Costas um die Ecke, und Jutta freut sich so demonstrativ über ihre gegrillten Kalamares, dass jeder am Tisch weiß, eigentlich ist sie dankbar, dass sie nicht über ihre Hippiemutter reden muss.

»Kali Orexi!«, ruft Costas, und Anna und Alexander antworten im Chor. Jutta und Alexander geben sich einen schnellen Kuss und wünschen sich und den Kindern, die sich schon die ersten Pommes in den Mund schieben, einen guten Appetit.

Wir können einfach nicht miteinander reden, denkt Anna.

Immer muss Rose sich einmischen, denkt Jutta.

Steamy!, denkt Lars.

Yummi, denkt Alexander.

Ba-Ba-Banküberfall

Genau eine Woche später sitzt Familie Wischer am Küchentisch. Als es Sturm klingelt, schreckt Jutta kurz hoch und fällt sofort wieder in sich zusammen. Sie ist ein Häufchen Elend und sieht aus wie ein kleiner Vogel, der gerade ungebremst gegen eine Fensterscheibe geflogen ist. Alexander hat den Arm um sie gelegt und streichelt ihr übers Haar. Lars sitzt einfach da und schaut sie besorgt an. Anna geht zur Haustür, weil da anscheinend etwas ziemlich dringend ist. Vor der Tür steht Rose. Sie hat ihren Wagen quer über die Auffahrt geparkt, stürmt in den großen Flur des Hauses und flucht: »Warum seid ihr nicht bei Costas? Heute ist Donnerstag. Ihr seid donnerstags IMMER bei Costas. Ich bin extra da hingefahren. Ich muss mir was …« Kurz bevor Rose die Küchentür aufreißen kann, hält Anna sie am Arm zurück.

»Keine gute Idee. Mom ist ziemlich durch den Wind und hat jetzt bestimmt keinen Kopf für deine Geschichten.«

Anna zieht Rose vom Flur ins Gästezimmer, in dem ein riesiger Ständer mit heller Wäsche steht.

»Wieso, was ist passiert? Hat sie nicht genug Buntwäsche zusammen, um die Trommel vollzumachen?«

»Das ist nicht witzig. Oder doch. Na ja.« Auf jeden Fall wird Mom Rose in dieser Situation weder sehen noch hören wollen. Anna erklärt, was passiert ist.

»Heute wurde die Bank überfallen.«

»Haben sie den Räuber erwischt? Konnte er mit einem Riesenhaufen Geld entkommen?«

»Er hat sich quasi selbst gestellt. Aber ich muss das von Anfang an erzählen, das ist echt so geil. Also, der Typ stürmt in die Bank, hat aber seine Strumpfmaske falsch rum auf, sieht deshalb nichts und stolpert über die Stufe im Eingangsbereich. Er fängt sich gerade noch, rennt dann aber gegen einen Ständer mit lauter Informationsblättern über Foto-Kreditkarten und Traumhausfinanzierungen, reißt ihn um und geht mit ihm zu Boden.«

»Anfängerfehler! Immer genug Zeit nehmen, die Maske richtig aufzusetzen.« Rose kennt sich aus. Sie arbeitet ehrenamtlich mit Straftätern und vermutet: »Und dann hat er aufgegeben.«

»Aufgegeben? Am Arsch! Er wühlt seine Maske zurecht, springt auf und will am Schalter ganz lässig seine Pistole aus der Jackentasche ziehen. Aber sie steckt fest. Er reißt an der Tasche rum und wird immer hektischer. Alle starren ihn an. Das musst du dir mal vorstellen, da fiebern die fast mit einem Bankräuber mit. Dann, ganz plötzlich, kriegt er die Pistole doch raus, blitzschnell, und es löst sich ein Schuss. Der Trottel erschreckt sich so, dass er, kein Witz, ohnmächtig wird und beim Fallen so blöd auf die Tresenkante knallt, dass er sich selbst ausknockt, bis die Polizei kommt.«

»Armer Kerl. Und für so einen Quatsch wird er dann tatsächlich verurteilt.« Rose fängt an, sich aufzuregen. »Unser Rechtssystem ist reaktionär und starr und unmenschlich. Für solche Leute müsste es doch Sonderregeln geben, der macht das doch nie wieder, der ist total traumatisiert.«

»Da kannst du von ausgehen! Während er da bewusstlos rumlag, haben sich die Azubis und ein paar der Kunden mit ihm fotografiert und die Bilder bei Facebook hochgeladen.«

Anna zieht ihr Handy aus der Tasche und zeigt ihr eines der Fotos. Wie ein Großwildjäger stellt ein pickliger Auszubildender in einem schlecht sitzenden Anzug sein Bein auf den bewusstlosen Bankräuber und grinst. Rose findet das traurig.

»Der arme Kerl.«

»Inzwischen gibt’s sogar schon Videos bei YouTube, und ich wette mit dir, damit schafft er es ins Fernsehen.«

»Dann hat er dir was voraus, mein Sternchen.«

»Witzig.« Anna ist ein bisschen gekränkt und hat das Bedürfnis, Rose für irgendwas zu kritisieren. Sie nimmt das Erste, was ihr einfällt.

»Du hast noch nicht einmal gefragt, wie es Mom geht. Ich mein, sie ist immerhin deine Tochter.« Rose versteht das nicht.

»Wenn ihr was passiert wäre, hättest du mir das doch erzählt?!«

»Aber sie ist echt total fertig. Der Schuss ging wirklich nur ganz knapp an ihr vorbei. Es war zwar nur eine Gotchapistole, aber mit einer roten Farbpatrone. Mom hat den Fleck an der Wand gesehen und dachte, es wäre ihr Blut; sie hat ewig gebraucht, bis sie geschnallt hat, dass das nicht stimmt und dass sie weder schwer verletzt noch tot ist.«

»Na, da ist ihre kleine Tupperdosenwelt ja ziemlich durcheinandergeraten.« Mitgefühl gehört wirklich nicht zu Roses Stärken. »Und jetzt?«

»Keine Ahnung. Wir bleiben heute erst mal alle zu Hause. Sie ist ganz klammerig.«

»Das ist nichts für mich. Da hau ich lieber wieder ab, mein Sternchen.«

»Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie ausgerechnet bei dir auf den Arm will. Aber sag mal, was wolltest du eigentlich?«

»Ich wollte mir eure Nähmaschine ausleihen.«

»Wofür das denn?«

»Mein Nachbar nervt. Mal hab ich angeblich seine Einfahrt eingeparkt, mal ist meine Musik zu laut, mal kommt Grillgeruch rüber, wegen jeder Kleinigkeit steht der bei mir auf der Matte und führt sich auf wie der Polizeipräsident.«

»Und wofür dann die Nähmaschine?«

»Ich hab seine Hemden von der Wäscheleine geklaut und will die hier draufnähen.« Rose zieht grinsend eine Handvoll Sheriffsternaufnäher aus der Tasche.

Anna muss lachen. »Warte mal.« Sie holt die Nähmaschine aus dem Schrank und gibt sie Rose, die gleich Richtung Haustür eilt und nur noch ein paar Küsschen in die Luft küsst.

»Danke, mein Sternchen, ich muss mich beeilen, nicht dass er seine Wäsche vermisst. Wir hören.«

Die Tür klappt zu, und Anna bleibt noch ein bisschen im Flur stehen. Zwischen ihrer Mutter und ihrer Oma. Ihr fällt es schwer zu glauben, dass die beiden wirklich verwandt sind. Mit viel Fantasie sehen sie sich vielleicht ein bisschen ähnlich, aber sonst? Rose, die sich von niemandem etwas gefallen lässt, ohne Plan quer durch die Welt reist und die verrücktesten Aktionen durchzieht, ist das genaue Gegenteil von Jutta, die bis jetzt keinen einzigen Elternabend verpasst, sich bei irgendwas verrechnet oder verschlafen hat und, abgesehen von Triathlon und ihrer Abteilung für Kreditvergabe, einzig und allein für ihre Familie lebt. Ich würde so gern wissen, wer Moms Vater ist, denkt Anna. Sie muss eine Menge von ihm geerbt haben, von Rose hat sie nämlich so gar nichts.

Anna geht zurück in die Küche. Wenn man von den Urlaubstagen absieht, ist das seit über zehn Jahren der erste Donnerstag, an dem die Familie Wischer unentschuldigt bei Costas fehlt.

Jutta sitzt am Küchentisch und hat sich, außer beim Klingelschreck, seit Stunden nicht bewegt. Der Überfall hat sie in eine Schockstarre versetzt. Sie fühlt sich ganz klein und möchte am liebsten zusammengerollt auf Alexanders Schoß liegen und von ihren Kindern getätschelt werden. Es soll ihr einfach nur jemand sagen, dass alles wieder gut wird. Aber stattdessen sagen alle nur, dass ja alles gut ist, schließlich ist ja gar nichts passiert. Schwachsinn! Nur der Zufall hat entschieden, dass ihre Familie jetzt nicht hier sitzt und ihren Tod beweint. Okay, es war nur eine Gotchapistole, und selbst wenn der Bankräuber getroffen hätte, hätte sie statt einer tödlichen Wunde nur einen großen blauen Fleck gehabt, aber ein bisschen theoretischer hätte sie wirklich tot sein können. Und was sollten Alexander und die Kinder nur ohne sie machen? Bei der Vorstellung, wie traurig ihre Familie sein würde, schießen ihr die Tränen in die Augen. Mit hängenden Schultern würde Alexander am Grab stehen, und Lars und Anna würden weinen, weil sie noch so viel Mutterliebe gebraucht hätten. So viel Unterstützung, auch irgendwann später für ihre eigenen Kinder. Die hätten ja dann gar keine Oma. Oh, dieser Schmerz, den die drei aushalten müssten. Damit will sie ihre Familie nicht allein lassen. Nein, da sollen die drei lieber vor ihr von dieser Welt gehen, dann könnte sie die Trauer auf sich nehmen. Aber dann müssten sie ja alle auf einmal sterben. Wie wahrscheinlich ist das? Wie geht das? Ein Autounfall vielleicht? Was denkt sie hier überhaupt? Oh, dieser Überfall hat sie völlig durcheinandergebracht, und sie will nie wieder ohne Alexander und die Kinder sein.

»Kann mich mal jemand richtig in den Arm nehmen?«, bittet sie mit zittriger Stimme.

Alexander schließt sie sofort in die Arme und streicht ihr wieder über die Haare.

»Meine arme, arme Frau. Da hast du echt was mitgemacht.«

»Ihr dürft mich nicht allein lassen.«

»Das machen wir nicht«, versichert Alexander ihr und fragt sich ein bisschen besorgt, ob das auch noch für das Wochenende gilt.

Vielleicht zufällig, vielleicht, weil die beiden sich so gut kennen, fällt Jutta genau in diesem Moment ein, dass Alexander ja am Wochenende etwas vorhat.

»Aber du fährst doch Samstag zum Abitreffen.« Sie darf jetzt nicht weinen, sie muss sich zusammenreißen, schließlich will sie ihrem Mann den Spaß nicht verderben; auch wenn die Vorstellung, von ihm getrennt zu sein, gerade ganz schlimm ist.

»Das sag ich natürlich ab.« Alexander steht hinter Jutta. Sie kann nicht sehen, wie enttäuscht er guckt.

»Das kommt überhaupt nicht infrage, Alexander. Natürlich fährst du. Ich schaff das schon. Ich hab doch noch die Kinder, oder?«

Alexander bettelt Anna und Lars mit Blicken an. Beide nicken.

»Klar, Mom!«, murmelt Lars.

Plötzlich hat Jutta eine Idee. Arbeiten muss sie die nächsten Tage nicht. Die Kinder auch nicht, Anna macht ja gerade eh nichts, und Lars hat Frühlingsferien. Ein Tapetenwechsel wäre jetzt genau das Richtige. Jutta hat die perfekte Lösung. Sie strahlt Alexander an.

»Weißt du was? Ich komme einfach mit. Und die Kinder auch. Und während du auf dem Abitreffen bist, machen wir es uns richtig nett. Anna, wir gehen essen, und Lars, wir zwei können um diesen See da laufen. Das wäre doch toll. Lasst uns mal spontan sein!«

»Au ja!«, sagen Anna und Lars im Chor, aber der Chor singt nicht die »Ode an die Freude«. Um Alexander steht es noch schlimmer.

»Das ist ja eine tolle Idee!«, sagt er matt, obwohl er NeinNeinNeinNeinNein! denkt und versucht, Jutta unter dem Deckmantel der Besorgnis umzustimmen: »Meinst du denn, das ist das Richtige nach so einem Schreck? Solltest du dich nicht lieber zu Hause gemütlich einmuckeln?«

»Au ja«, sagen Anna und Lars wieder, diesmal deutlich begeisterter. Wenn sie zu Hause blieben, könnten sie sich zumindest zeitweise der Familienkralle entziehen. Aber Jutta scheint sich entschieden zu haben. »Hier komme ich doch nur ins Grübeln. Ein Tapetenwechsel ist genau das Richtige. Stellt euch mal vor, wir sind alle zusammen und können uns auf der Fahrt richtig schön unterhalten.«

Lars und Anna können sich viele schöne Dinge ausmalen, aber weder Alexanders Abitreffen noch das, was jetzt kommt, steht auf ihrer Liste.

»Sag mal, Lars, du hast doch eh Ferien. Du wolltest doch zu diesem Skaterwettbewerb. Und Anna, du willst doch auf ein Casting, oder?«

Motiviert klatscht Jutta in die Hände. Gleich melde ich sie als Statistin bei Florian Silbereisen an, denkt Anna, während Jutta die nächste große Idee kommt.

»Ich hab’s! Wir machen alle alles zusammen.«

»Hä?« Anna versteht nicht. Na ja, genau genommen hat sie eine Ahnung, aber sie will so lange wie möglich nicht verstehen.

»Wir fahren mit Papa Samstag zum Abitreffen, danach weiter zu Lars’ Wettbewerb und dann zu deinem Casting. Papa und ich könnten uns mal angucken, was ihr so macht. Ihr sagt ja selber, dass wir das gar nicht wissen. Kinder, lasst uns losfahren, und ihr zeigt es uns.«

Jutta ist ganz aufgeregt. So spontan war sie noch nie verreist. Doch, einmal, als sie Anna von der Klassenfahrt in London abholen musste, weil ihr ein betrunkener Engländer die Nase gebrochen hatte. Er hatte Annas Freundin angetatscht, und Anna hat ihn danach so rundgemacht, dass der sich nur noch mit einem Faustschlag zu wehren wusste. Nach dieser Nachricht hat Jutta keine sechs Stunden gebraucht, um bei ihrer Tochter zu sein.

Alexander und die Kinder sind erstaunt, wie viel Leben plötzlich wieder in Jutta steckt. Keiner der drei ist wirklich begeistert von der Idee, und als Erstes traut sich Alexander nicht, es zu sagen.

»Eine gute Idee. Das machen wir.«

Anna mag ihre Eltern, aber so viel Zeit am Stück? Puh! Sie bäumt sich ein letztes Mal auf. »Aber zwischen dem Rad Cup und dem Casting liegen immer ein paar Tage. Das ist doch voll umständlich, wenn wir durch die Gegend fahren und zwischendrin so viel Wartezeit haben.«

»Aber das ist doch keine Wartezeit, Anna. Das ist Qualityzeit oder wie das heißt. Wir machen alle zusammen etwas Schönes.«

»Was denn?«

»Weiß ich jetzt auch nicht.« Keiner sagt was. Jutta überlegt ziemlich lange.

»Mir fällt gar nichts ein«, sagt sie traurig. »Mir fällt gar nichts ein. Freie Tage mit meiner Familie, und ich habe keine Idee, was wir tun könnten. Das gibt’s doch nicht.«

Jetzt ist Lars’ und Alexanders Mitleid nicht mehr höflich. Es ist echt. Und auch Anna findet Juttas Erkenntnis viel schlimmer als den Banküberfall. Dass ein Vollhorst mit einer Gotchapistole auf einen schießt, ist eine Geschichte, mit der man auf einer Party gut Eindruck machen kann. Aber mit Mitte vierzig zu merken, dass man vor lauter Familie vergessen hat, sich für andere Dinge zu interessieren, das muss echt hart sein. Außer Laufen hat sie kein einziges Hobby. Freunde hat sie auch keine, höchstens ein paar gute Bekannte. Sie interessiert sich für nichts außer für uns, stellt Anna fest und fragt sich, was ihre Mutter machen wird, wenn Lars und sie ausziehen und kein Essen und keine saubere Wäsche mehr brauchen werden.

Alexander küsst Juttas Stirn, und auch Lars will sie trösten.

»Ach, Mom, dann überlegen wir eben jetzt zusammen, was wir machen. Also, Samstag ist das Abitreffen, richtig?«

Alexander nickt. Beim Gedanken daran schießt sein Blutdruck nach oben.

»Gut, der Rad Cup ist am siebten, der Contest ist aber schon morgens, deshalb will ich einen Tag vorher da sein.«

Eigentlich will er eher da sein, weil Steamy auch schon am Abend vorher kommen wird. Aber das braucht ja keiner zu wissen.

»Dann brauchen wir was für Sonntag bis Dienstag. Wie wär’s mit, äh, Wellness?«, schlägt er vor.

Anna steigt ein. »Nee, da liegt sie ja nur rum und kommt wieder ins Grübeln. Mom braucht jetzt Action.«

Während Jutta und Lars angestrengt nachdenken und Alexander zumindest so tut, klappt Anna ihren Laptop auf und hat schon die Lösung. »Was ist denn mit ’nem Freizeitpark?«, fragt sie, während sie schon Parks zwischen Münster und Dresden googelt. »Hier, das liegt genau auf dem Weg: FamilyFunPark. Na, da steht doch unser Name drauf.«

»Aber mir wird doch in diesen Karussells immer schlecht«, jammert Jutta, und Anna ist genervt, dass sie gleich wieder mit Ängsten um die Ecke kommt.

»Dann mach doch einen besseren Vorschlag, Mom.« Das ist zwar ein bisschen gemein, aber es hat gesessen. Jutta sagt nichts mehr. »Wenn es jetzt keine Gegenstimmen gibt, steht das Ziel fest, und ich buche später ein Hotel in der Nähe?«

Keiner sagt was.

»Gut. Und wegen der Zeit vom Rad Cup bis zum Casting würde ich vorschlagen, wir gucken spontan, wonach uns ist. Dann kannst du gleich zwei Sachen üben, Mom: Über Kopf Karussell fahren und nicht wissen, was als Nächstes kommt.«

Alle sind froh, dass Anna die Planung an sich gerissen hat. In diesem Moment der Stille klingelt das Telefon. Anna, immer noch im Chefmodus, schnappt es sich.

»Wischer?«

»Aaah, große Kleine. Costas hier. Wo seid ihr denn? Ich mach mir Sorgen.«

»Das ist ja lieb. Moms Bank wurde überfallen, und sie ist ein bisschen durcheinander.«

»Was? Geht’s ihr gut?«

»Ja, das Ganze hat ihr nur einen Riesenschrecken eingejagt. Wir fahren jetzt erst mal weg. Ach ja, nächsten Donnerstag kommen wir dann auch nicht.«