Fang den Hasen - Lana Bastašić - E-Book

Fang den Hasen E-Book

Lana Bastašić

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Beschreibung

»Eine europäische Literatur, [die] vollbringt, was hervorragende Literatur vollbringen sollte – uns hoffen lassen, dass sich Wunder erfüllen. Lana Bastašićs Geschichten müssen erzählt werden.« Saša Stanišić Als junge Mädchen waren sie unzertrennlich, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Lejla, die Schamlose, Unbändige. Sara, die besonnene Tochter des Polizeichefs. Eine zwiespältige Nähe aus Befremden und Anziehung. Eine außergewöhnliche Freundschaft, die plötzlich zerfiel wie das Land, in dem sie aufwuchsen. 12 Jahre ist es her, als Sara Bosnien verließ, um an einem besseren Ort ein neues Leben zu beginnen. 12 Jahre absoluter Funkstille, als ein Anruf sie in die verlorene Heimat zurückbringt. Die Rückkehr wird kein harmloses Wiedersehen zweier Kindheitsfreundinnen. Mit einer fesselnden Sprache zwischen rebellischem Trotz und beißender Komik erzählt Bosniens aufregender Literatur-Shootingstar Lana Bastašić in »Fang den Hasen« von einer außergewöhnlichen Freundschaft in den Wirren der jugoslawischen Geschichte – ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2020.

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EPUB
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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lana Bastašić

Fang den Hasen

Roman

 

Aus dem Bosnischen von Rebekka Zeinzinger

 

Über dieses Buch

 

 

»Bosnien. Das war kein zweiwöchiger Urlaub, aus dem man wieder nach Hause kam. Das war wie mit Heroin wieder anfangen.«

 

Ein unerwarteter Anruf, der zwei Jugendfreundinnen nach Jahren wieder zusammenführt. Ein bittersüßes Wiedersehen in einem vom Krieg zerrüttenden Land, das von Europa vergessen wurde. Ein verrückter Roadtrip immer tiefer hinein in die Abgründe der eigenen Geschichte. Eine verzweifelte Suche nach dem verschollenen Bruder und etwas, das Hoffnung verdammt nahekommt. »Fang den Hasen« ist nicht nur das mitreißende Portrait einer außergewöhnlichen Frauenfreundschaft, sondern das einer verlorenen Generation, die man um ihre Heimat und Identität betrogen hat. Mit einer fesselnden Sprache zwischen rebellischem Trotz und beißender Komik nimmt uns Lana Bastašić mit auf eine rasante Reise in Europas ›Herz der Finsternis‹.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Lana Bastašić, 1986 in Zagreb, Kroatien, als Kind serbischer Eltern geboren, wuchs nach dem Zerfall Jugoslawiens in Bosnien auf, wanderte nach dem Krieg nach Irland aus und lebte zuletzt viele Jahre in Barcelona. Sie hat bisher zwei Erzählbände und einen Lyrikband veröffentlicht, für die sie mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. Bastašić ist Herausgeberin des spanischen Literaturmagazins »Carn de cap« und Mitbegründerin von »3+3 sisters«, einem Projekt, das Autorinnen aus dem Balkan fördert. »Fang den Hasen« (Uhvati zeca), mit dem sie es auf die Shortlist des NIN-Award, Serbiens renommiertesten Literaturpreis, schaffte. 2020 erhielt sie den Literaturpreis der Europäischen Union für Bosnien & Herzegowina. Bastašić lebt zurzeit in Zagreb.

 

Rebekka Zeinzinger, geboren 1992, studierte in Wien Germanistik, Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie lehrt an der Universität Sarajevo deutsche Sprache und Literatur und übersetzt aus dem Bosnischen, Kroatischen und Serbischen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Deutsche Erstausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel ›Uhvati zeca‹ bei Kontrast, Belgrad und Buybook, Sarajevo.

© 2018 Lana Bastašić

© 2020 Edicions del Periscopi SL

All rights reserved by and controlled through Edicions del Periscopi, Barcelona.

This edition by arrangement with SalmaiaLit.

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Das Gedicht von Álvaro de Campos auf Seite 20–21 stammt aus: Fernando Pessoa / Álvaro de Campos: Poesie und Prosa. Übersetzt von Inés Koebel. S. Fischer, 2014.

Covergestaltung: Simone Andjelković

Coverabbildung: AKG Images

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491256-1

 

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Inhalt

[Motto]

1. Kapitel

[Sie wollte nie [...]

2. Kapitel

[Du bist siebzehn [...]

3. Kapitel

[Der Tod kommt [...]

4. Kapitel

[Ich weiß nicht, [...]

5. Kapitel

[»Du hast dich [...]

6. Kapitel

[Ich glaube, wir [...]

7. Kapitel

[Du kanntest dich [...]

8. Kapitel

[Im Bus ist [...]

9. Kapitel

[Auch diese Geschichte [...]

10. Kapitel

[»Das seid ihr«, [...]

11. Kapitel

[Meine Hände sind [...]

12. Kapitel

Die Morgensonne berührte [...]

Glossar

[Förderhinweis]

»Ich könnte euch erzählen, was ich seit heute morgen erlebt habe«, sagte Alice etwas zaghaft; »aber weiter zurückzugehen hätte keinen Sinn, weil ich da noch jemand anderer war.«

»Erkläre das alles erst einmal«, sagte die Falsche Suppenschildkröte.

»Nein! Zuerst die Erlebnisse«, sagte der Greif ungeduldig; »Erklärungen brauchen immer so furchtbar lange.«

Lewis Carroll, Alice im Wunderland

1

von vorne anfangen. Du hast jemanden, und dann hast du ihn nicht mehr. Und das ist ungefähr die ganze Geschichte. Nur dass du gesagt hättest, dass man eine andere Person nicht haben kann. Oder sollte ich sie sagen? Vielleicht ist es so besser, das würde dir gefallen. Eine sie zu sein in einem Buch. Gut.

Sie hätte gesagt, dass man jemanden nicht haben kann. Aber sie hätte unrecht. Man kann Menschen für erbärmlich wenig besitzen. Nur dass sie sich selbst gern als unabdingbare Norm für das Funktionieren des gesamten Kosmos betrachtete. Und die Wahrheit ist, dass man jemanden haben kann, nur nicht sie. Man kann Lejla nicht haben. Außer man schneidet sie aus, rahmt sie schön ein und hängt sie an die Wand. Obwohl, sind das überhaupt immer noch wir, wenn wir für ein Foto zum Stillstand kommen? Eines weiß ich sicher: Stillhalten und Lejla haben nie zueinander gepasst. Deshalb ist sie auf jedem einzelnen Foto verschwommen. Sie konnte nie stillhalten.

Selbst jetzt, innerhalb dieses Textes, spüre ich, wie sie herumzappelt. Wenn sie könnte, würde sie sich mir zwischen zwei Sätzen entziehen wie eine Motte zwischen den Lamellen einer Jalousie und meine Geschichte von innen zu Ende erzählen. Sie würde sich selbst glitzernde Fetzen anziehen, wie sie ihr schon immer gefallen haben, sich die Beine verlängern, die Brüste vergrößern, sich noch ein paar Wellen ins Haar machen. Und mich würde sie entstellen, mir nur eine Haarsträhne über meinen viereckigen Kopf hängen lassen, mir einen Sprachfehler geben, ein hinkendes linkes Bein, sich eine angeborene Missbildung ausdenken, so dass mir der Stift für immer aus der Hand fiele. Vielleicht würde sie noch einen Schritt weitergehen, auch zu so einer Gemeinheit wäre sie fähig – vielleicht würde sie mich überhaupt gar nicht erwähnen. Sie würde aus mir eine unvollständige Skizze machen. Das würdest du machen, oder nicht? Verzeihung, sie. Das würde sie machen, wenn sie hier wäre. Aber ich bin die, die diese Geschichte erzählt. Ich kann aus ihr machen, was immer ich will. Sie kann mir nichts tun. Sie sind drei Anschläge auf der Tastatur. Ich könnte meinen Laptop noch heute Abend in die stumme Donau werfen, dann würde auch sie verschwinden, die brüchigen Pixel würden aus ihr herausrinnen ins eisige Wasser, und alles, was sie jemals war, würde sich ins ferne Schwarze Meer entleeren. Zuvor würde sie an Bosnien vorbeirauschen wie eine Gräfin an einem Bettler auf dem Weg in die Oper. Ich könnte sie fertigmachen mit diesem Satz, so dass es sie nicht mehr gibt, so dass sie verschwindet, sich in ein blasses Gesicht auf dem Maturafoto verwandelt, vergessen in der legendären Geschichte der Mittelschulzeit, so dass man sie nur noch in dem kleinen Haufen Erde vermutet, den wir dort hinter ihrem Haus neben dem Kirschbaum hinterlassen haben. Ich könnte sie mit einem Punkt töten.

Ich entscheide mich dafür weiterzumachen, einfach weil ich es kann. Hier bin ich zumindest sicher, fern von ihrer subtilen Gewalt. Nach einem ganzen Jahrzehnt kehre ich zu meiner Sprache zurück, ihrer Sprache und allen anderen Sprachen, die ich freiwillig zurückgelassen habe, so wie man einen gewalttätigen Mann zurücklassen würde, eines Nachmittags in Dublin. Nach so vielen Jahren bin ich nicht sicher, welche Sprache das genau ist. Und das alles, weswegen? Wegen einer ziemlich gewöhnlichen Lejla Begić, in abgetragenen Turnschuhen mit Klettverschluss und Jeans mit, auch das noch, Steinchen am Hintern. Was ist überhaupt zwischen uns passiert? Ist das denn wichtig? Gute Geschichten erzählen ohnehin nicht davon, was passiert. Sie hinterlassen nur Bilder, wie Zeichnungen auf dem Gehsteig, auf die die Jahre fallen wie der Regen. Vielleicht sollte ich ein Bilderbuch aus uns machen. Etwas, das niemand außer uns beiden begreift. Aber auch Bilderbücher müssen irgendwo beginnen. Und unser Anfang ist nicht einfach ein stiller Diener der Chronologie. Unser Anfang ging ein paarmal an mir vorüber, er zog mich am Arm wie ein hungriges Hündchen. Komm schon. Komm, fangen wir noch mal an. Wir haben unaufhörlich begonnen und geendet, wie ein Virus schlich sie sich in die Membran meines Alltags hinein. Lejla tritt auf, Lejla geht ab. Ich kann irgendwo beginnen. Zum Beispiel im St. Stephen’s Green Park in Dublin. Das Handy vibriert in meiner Manteltasche. Unbekannte Nummer. Dann drücke ich diese verfluchte Taste und sage Ja? in einer Sprache, die nicht meine ist.

»Hallo, du.«

Nach zwölf Jahren absoluter Stille höre ich wieder ihre Stimme. Sie spricht schnell, als wären wir erst gestern auseinandergegangen, ohne irgendeine Notwendigkeit, die Lücken zu überbrücken, im Wissen, in der Freundschaft, in der Chronologie. Ich kann nur ein einziges Wort sagen: »Lejla.« Wie immer kann sie nicht aufhören zu reden. Sie erwähnt ein Restaurant, eine Arbeit in dem Restaurant, einen Typen, dessen Namen ich zum ersten Mal höre. Sie erwähnt Wien. Und ich, weiterhin, nur: »Lejla.« Ihr Name war dem Aussehen nach harmlos – ein winziger Stängel inmitten von totem Land. Ich riss ihn aus meinen Lungen heraus, als wäre es nichts. Lej-la. Aber mit diesem kurzen Zweig tauchte aus dem Sumpf die längste und dickste Wurzel auf, ein ganzer Wald an Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Eine ganze Sprache, tief in mir begraben, die geduldig auf dieses kleine Wort gewartet hatte, um ihre verknöcherten Extremitäten auszustrecken und aufzustehen, so als hätte sie nie geschlafen. Lejla.

 

»Woher hast du diese Nummer?«, frage ich sie. Ich stehe inmitten des Parks, bin genau vor einer Eiche stehen geblieben und rühre mich nicht, als würde ich vom Baum erwarten, zur Seite zu treten und mich vorbeizulassen.

»Was spielt das für eine Rolle?«, antwortet sie und setzt ihren Monolog fort: »Hör zu, du musst mich abholen kommen … Hörst du mich? Die Verbindung ist schlecht.«

»Dich abholen? Ich verstehe nicht. Was …«

»Ja, mich abholen. Ich bin immer noch in Mostar.«

Immer noch. In all den Jahren unserer Freundschaft hatte sie nicht ein einziges Mal Mostar erwähnt, noch waren wir jemals dorthin gereist, und jetzt auf einmal sollte es eine unbestrittene, allgemein bekannte Tatsache sein.

»In Mostar? Was machst du in Mostar?«, frage ich sie. Ich starre weiter auf den Baum und zähle im Kopf die Jahre. Achtundvierzig Jahreszeiten ohne ihre Stimme. Ich weiß, dass ich irgendwohin gehen wollte, mein Weg hatte mit Michael zu tun und Vorhängen und der Apotheke … Aber Lejla hat Schnitt gesagt, und alles ist stehen geblieben. Die Bäume, die Straßenbahn, die Leute. Wie müde Schauspieler.

»Hör zu, das ist eine lange Geschichte, Mostar … Du fährst doch noch Auto, oder?«

»Das tue ich, aber ich verstehe nicht, was … Weißt du, dass ich in Dublin bin?«

Die Worte fallen mir aus dem Mund und bleiben an meinem Mantel kleben wie ein Haufen Kletten. Wann habe ich zum letzten Mal diese Sprache gesprochen?

»Ja, du bist sehr wichtig«, sagt Lejla, schon bereit, alles zu entwerten, was ich während ihrer Abwesenheit erlebt haben konnte. »Du lebst auf einer Insel«, sagt sie, »und wahrscheinlich liest du den ganzen Tag dieses langweilige dicke Buch und gehst mit deinen klugen Freunden zum Brunch, oder? Toll. Und jetzt hör zu … Du musst mich so bald wie möglich abholen. Ich muss nach Wien, und diese Affen hier haben mir den Führerschein abgenommen, und keiner versteht, dass ich …«

»Lejla«, versuche ich, sie zu unterbrechen. Auch nach all diesen Jahren ist mir völlig klar, was passiert. Das ist genau ihre Logik, nach der die Schwerkraft schuld ist, wenn dich jemand die Treppe runterwirft, nach der Bäume gepflanzt werden, damit sie hinter sie hinpinkeln kann, und alle Wege, so gewunden und fern sie auch seien, einen einzigen gemeinsamen Punkt haben, den gleichen Knoten – sie. Rom ist ein Witz dagegen.

»Hör mir zu, ich hab nicht viel Zeit. Ich hab wirklich niemand anderen, den ich fragen könnte, alle reden was von wegen, sie sind beschäftigt, die Wahrheit ist, ich hab nicht wirklich viele Freunde hier, und Dino kann nicht fahren wegen seinem Knie …«

»Wer ist Dino?«

»… also hab ich gedacht, wenn du noch dieses Wochenende nach Zagreb fliegst und dich in den Bus setzt … wobei Dubrovnik noch besser wäre.«

»Lejla, ich bin in Dublin. Ich kann nicht einfach nach Mostar kommen und dich nach Wien fahren. Geht’s dir noch gut?«

Sie schweigt eine Weile, die Luft fährt durch ihre Nasenlöcher und ins Telefon. Sie klingt wie eine geduldige Mutter, die mit aller Gewalt dagegen ankämpft, ihrem Kind eine Ohrfeige zu geben. Nachdem sie einige Augenblicke lang nur schwer geatmet hat, während ich auf die trotzige Eiche starre, sagt sie zwei Wörter: »Du musst.«

Es liegt darin nichts Drohendes. Es klingt eher, wie wenn einem der Arzt sagt, dass man mit dem Rauchen aufhören muss. Und es ärgert mich weder dieses »Du musst« noch die Art, wie sie mich nach zwölf Jahren ohne jegliches »Wie geht’s dir?« angerufen hat, noch dass sie sich über mein ganzes Leben lustig macht, das ich mir für diese Zeit ausgedacht hatte. Das ist, übrigens, klassisch Lejla. Aber die Tatsache, dass sich irgendwo in ihrer rauen Stimme die absolute Überzeugung versteckt, dass ich zusagen werde, dass ich keine andere Wahl habe, dass mein Schicksal schon entschieden war, noch bevor ich mich an diesem verfluchten Telefon gemeldet habe – das erniedrigt mich.

Ich lege auf und stecke das Handy in die Tasche. Sogar Götter, so primitiv und sinnlos sie sein mögen, geben einem das Recht auf einen freien Willen. Ich schaue auf den Baum und atme langsam, ich traue dieser Luft nicht mehr. Ich habe sie mit meiner Sprache beschmutzt. Ich erzähle mir selbst die ganze Szene nach, so wie ich sie Michael überbringen würde, wenn ich nach Hause komme. Stell dir vor, bitte, würde ich sagen, diese eine Freundin aus Bosnien hat mich heute angerufen und gefragt … Ich plane meine Worte in der fremden Sprache, verflechte sie und ziehe sie fest, so dass kein einziger Lichtstrahl durch das dichte Gefüge sickern kann. Und genau als ich zu wissen glaube, wie ich sie erzählen werde, wie ich ihr jede Bedeutung nehme, als ich glaube, in der Ferne ein paar Autos dahindonnern zu hören, sich die Menschen in meinem Augenwinkel wieder bewegen, der Wind in die Krone der Eiche zurückgekehrt ist – ruft sie mich wieder an.

»Sara, hör mir zu. Bitte«, sagt sie leise. Saro. Mein Name, deformiert durch den Vokativ, den ich vergessen habe, klingt wie das Echo in einem verlassenen Brunnen. Ich kenne sie. Jetzt ist sie wieder dieser harmlose Zweig, jemand, dessen Arme so zart sind, dass du ihnen dein eigenes Gehirn zum Aufpassen übergeben würdest.

»Lejla, ich bin in Dublin. Ich lebe mit jemandem zusammen. Ich habe Verpflichtungen. Ich kann nicht nach Mostar kommen. Okay?«

»Aber du musst.«

»Seit über zehn Jahren bist du verschwunden. Du antwortest nicht auf Mails. Du meldest dich nicht. So viel mir bekannt ist, könntest du irgendwo am Arsch der Welt begraben sein. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, hast du mir gesagt, ich soll dich am Arsch lecken.«

»Ich hab dir nicht gesagt, dass du …«

»Okay, toll. Was auch immer. Und dann rufst du mich an und erwartest, dass ich …«

»Sara, Armin ist in Wien.«

In der Baumkrone über mir haben sich alle Vögel in Stein verwandelt. Die Erde unter meinen Füßen schwankt, ich könnte vor der Eiche Wurzeln schlagen, und sie könnte einfach so von mir davonlaufen. Ich fühle den Blick zweier Krähen von der neben mir stehenden Birke aus. Fast hoffe ich, dass sie auf meinen Kopf herabstürzen und mir Augen und Ohren und Zunge auspicken. Aber sie können nicht – sie sind versteinert.

»Was hast du gesagt?«, frage ich sie. Leiser dieses Mal. Ich habe Angst, dass ihre Stimme verschwindet, einen Schreck bekommt und vor mir flieht wie eine Kakerlake.

»Armin ist in Wien«, sagt sie noch einmal. »Du musst mich abholen kommen.«

 

Ich gehe in den ersten Starbucks und kaufe übers Internet ein Ticket nach Zagreb, Umstieg in München, für 586 Euro.

[Sie wollte nie über ihren Bruder sprechen. Aber an diesem Abend war etwas anders, etwas in ihr war eingeknickt wie ein dürrer Zaun aus Reisig. Es war am ersten Montag, nachdem wir unseren Abschluss gemacht hatten, eine dieser Wochen, in denen das Leben eigentlich anfangen sollte, oder zumindest eine neue Phase des Lebens. Das ganze Wochenende wartete ich darauf, mich anders zu fühlen. Nichts geschah. Als hätte mir jemand schlechtes Gras verkauft.

Wir saßen auf dem Sofa in ihrem Zimmer. Das schmerzvolle Geschrei der Straßenkatzen drang zu uns herein.

»Zwanzig Mark«, sagte sie, mit der Hand über den braunen Plüsch fahrend, der sich widerspenstig zwischen uns spannte. »Ein Typ war hier und hat’s überzogen.«

»Welche Farbe hatte es denn vorher?«, fragte ich. Ich saß zum hundert und wer weiß wievielten Mal in ihrem Zimmer, aber an dieses Sofa konnte ich mich nur in Braun erinnern.

»Na, Beige«, antwortete sie. »Erinnerst du dich denn nicht?«

Für mich war das unvorstellbar: sie und Beige. Sie war nie ein Mensch für Beige. Solche Leute sind still und gewöhnlich. Ich traute mich nicht, sie nach den anderen Farben zu fragen, die, da war ich sicher, während der paar Jahre, in denen ich sie nicht besucht hatte, ihre Spuren auf dem zu hellen Sofa hinterlassen hatten. Die meiste Zeit schwieg ich. Ich war nervös. Nach diesem Tag auf der Insel hatte sie aufgehört, mit mir zu reden. Drei Jahre Uni ohne ein einziges Wort. Und jetzt saß ich plötzlich auf ihrem Sofa, beim ersten Anruf zu ihr hingeeilt.

Ich glaube, wir tranken Wein, obwohl mir nicht nach Alkohol war. Lejla schenkte mir ein volles Glas ein und sagte entschieden, aber dennoch sanft: »Trink.« Und ich trank. Wein oder etwas anderes, ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur noch, dass ihr schwarzer Kopf überraschend schwer auf meiner Schulter lag. Ich sage »schwarz«, weil sie für mich immer noch der zerzauste Rabe aus der Mittelschule war, ungeachtet des ganzen Wasserstoffs, den sie in diesen Jahren verbrauchte, um sich zu tarnen. Ich erinnere mich, dass in ihren Augen der Widerschein des kleinen Fensters flackerte, hinter dem sich dichte Finsternis ergoss. Ich erinnere mich auch, dass uns ihr schöner Bruder von dem einzigen Foto in diesem Zimmer aus anschaute. Die Zeit hatte sein Gesicht, den Himmel und die Badeshorts ausgebleicht. Und was noch? Wie sah der Teppich aus? Hatte sie überhaupt einen Teppich? Hing diese grauenhafte Lampe mit den falschen schwarzen Perlen von der Decke, die sie in Dalmatien gekauft hatte? Oder war sie die schon vorher losgeworden? Woher soll ich das wissen. Ich kann mir Lejla nicht erklären, indem ich ihr Zimmer beschreibe. Das wäre wie einen Apfel mit Hilfe mathematischer Formeln zu beschreiben. Ich erinnere mich nur an ihren Kopf und dass ihr lackierter großer Zehennagel durch ein Loch in ihren Nylonstrümpfen hervorlugte. Ich erinnere mich an ihren Bruder. Ohne sein Foto wäre kein Leben in diesem Zimmer gewesen.

Ihre Mutter lärmte mit dem Geschirr in der Küche nebenan. Ich glaube, dass ich etwas Dummes sagte, etwas, das mir in diesem Augenblick geistreich vorkam, »Bist du denn nicht zu alt dafür, um eine Mutter in der Küche zu haben?«, oder etwas Ähnliches, und dass Lejla wohlwollend lachte – auch ich hatte übrigens eine. So war damals, scheint es, diese Stadt: voll großer Kinder und grauhaariger, rastloser Mütter.

Warum war ich an diesem Abend überhaupt gekommen? Ich wollte sie ignorieren, nicht wie auf Kommando springen. Aber an diesem Morgen hatte sie ihren weißen Hasen tot auf den kalten Fliesen im Badezimmer gefunden. Ich sage kalten – jemand wird das eines Tages korrigieren. Er wird sagen, dass ich nicht dort gewesen sei, um die Fliesen zu berühren, woher wolle ich dann wissen, dass sie kalt waren? Aber ich weiß etwas über ihren Hasen und das Badezimmer und ihre Finger, immer an der Schwelle zu achtunddreißig Grad Celsius. Ich weiß, dass sie wahrscheinlich ihre bauschigen aprikosenfarbenen Pantoffeln trug und dass sie in die Hocke ging, um den Leichnam zu berühren. Ich weiß auch, dass sie Leichnam dachte. Nicht Leiche. Ich sehe die Flecken auf ihren zerbeulten Knien.

Er hatte nie einen offiziellen Namen. Er hieß Hase, Hasi oder Häschen, abhängig von Lejlas Laune. Ich erinnere mich, dass wir ihn im Garten hinter ihrem Haus unter dem alten Kirschbaum, von dessen Radioaktivität sie überzeugt war, beerdigten. Es war das erste Mal, dass ich ein Tier begrub.

»Das stimmt nicht. Was ist mit deinen Schildkröten?«, fragte sie fast bestürzt. Ich erinnere mich, dass ihre Arme voll beladen waren mit ihrem toten Hasen und wie sie ihn hielt, wie eine wertvolle Mitgift, in einem blauen Müllsack.

»Schildkröten zählen nicht«, sagte ich. »Du weißt, wie groß die waren, fünf, sechs Zentimeter Durchmesser, wie Uštipci. Dafür muss man kein Totengräber sein.«

»Also, was machen wir jetzt?«

 

Der Nachbar gab uns eine Schaufel, weil er dachte, wir wollten Erdbeeren pflanzen. Es war kein großes Werkzeug, eher ein Spielzeug für Erwachsene. Ich brauchte eine Ewigkeit, um ein ausreichend großes Loch auszuheben. Am liebsten hätte ich ihr wegen der Größe des Toten Vorwürfe gemacht, aber an diesem Tag schluckte ich meine Belehrungen hinunter. Sie kam mir so klein und verängstigt vor, wie zu früh aus dem Nest gefallen.

Wir legten den Sack mit Häschen in die kleine Gruft. Feines Wurzelwerk drang aus der Erde, umschlang die Leiche mit seinen schlanken Fingern und zog sie hinein in seine kalten Eingeweide. Als alles fertig war, legte ich zwei weiße Steine auf die Erde, um das Grab zu kennzeichnen, worauf sie, wie zu erwarten, die Augen verdrehte.

»Los, sag was«, meinte sie.

»Was soll ich sagen?«

»Irgendwas. Du hast ihm ein Denkmal gebaut, jetzt musst du auch ein paar Worte sagen.«

»Warum ich?«

»Du bist die Dichterin.«

Was für eine Gemeinheit, dachte ich. Ein einziger mickriger Gedichtband, und jetzt sollte ich eine Grabrede für einen vergifteten Hasen halten. Aber angesichts ihres verlorenen Blicks und der weißen, ohne ihr Häschen traurig leeren Arme räusperte ich mich und holte, dumpf auf die zwei stummen Steine starrend, irgendwo aus einem vergangenen Leben ein paar geeignete Verse hervor:

»Sprecht wenig, sacht.

Nichts hören will ich, vor allem mit dem Denken.

Was ich gewollt habe? Ich liege da mit leeren Händen,

Kläglich verkrampft auf der Bettdecke ferner Tage.

Was ich gedacht habe? Ich habe einen trockenen Mund, abstrakt.

Was ich erlebt habe? Schlafen, das wäre schön!«

Da begann sie zu weinen, scheint mir, oder war ich es, ich bin nicht sicher. Es war dunkel, vielleicht wurden ihre Augen nur glasig unter dem Straßenlicht. Wenn sie das liest, wird sie wütend werden, mir sagen, dass ich eine sentimentale Kuh bin, dass sie niemals weint. Wie dem auch sei, die Verse haben das Ihre getan und ein bestimmtes Kapitel beendet – besser als ein schnöder Uniabschluss.

Mich drückte das Gewissen, weil ich die Verse als meine eigenen ausgab. Aber in diesem Augenblick, mit dem toten Hasen unter der Erde und Lejla über ihr, schien mir Autorschaft in jeglicher Hinsicht unsinnig. Die Verse waren wie entlaufene Jugendliche, frei von Álvaro de Campos – der übrigens nie existiert hat, genau wie unsere Erdbeeren –, frei von Lejla und mir, von dem Hügel kalter Erde mit den zwei steinernen Augen, frei, um zu sein und im nächsten Augenblick nicht mehr.

Ich kann mich nicht erinnern, ob wir dem Nachbarn die Schaufel zurückbrachten, ob wir noch etwas zueinander sagten oder nicht. Ich weiß nur, dass ihr Kopf später an jenem Abend schwer auf meiner Schulter lag, dass ich innerlich diese Schulter und den braunen Plüsch verfluchte, der zwischen uns hart wie Asphalt geworden war. Wir blickten auf ihren blassen Bruder zwischen den vier papierenen Kanten, während ihre Mutter in der Küche laut herumhantierte.

Lejla sagte: »Sie hat noch immer Titos Foto. In der Speisekammer hängt es, hinter den Einmachgläsern mit Turšija. Wenn du genau hinsiehst, erkennst du ein Auge zwischen zwei Paprika.«

Ich lachte, obwohl mir nicht nach Lachen zumute war. Immer schon hatte ich mich mit diesen stillen Nostalgikern schwergetan und der zähen Blase, in der sie ihre besseren, glücklicheren Versionen lebten, in einem Land, in dem immerzu Erdbeeren wachsen und Hasen nicht sterben. Ein Land, das sie als vollkommen beschreiben konnten, weil sie uns die Möglichkeit genommen hatten, diese Behauptung zu überprüfen. Ihre Mutter habe ich in meinem Leben öfter gehört als gesehen. So war es auch an diesem Abend. Nach einiger Zeit wurden die Töpfe still wie abgestellte Posaunen.

Lejla sah sich die Bücher an, die auf dem Regal neben dem Foto ihres Bruders lagen, schloss daraufhin die geschminkten Lider und sagte leise: »Ich sah ihm beim Sterben zu.«

Verwirrt blickte ich sie an. Sie machte die Augen auf, bemerkte meinen verlorenen Gesichtsausdruck, lachte und sagte: »Ein Punkt für mich.« Als sie sah, dass ich noch immer nicht verstand, was passierte, verdrehte sie die Augen und fügte kalt hinzu: »Jetzt ist es aufgedunsen wie eine Leiche.« Jetzt erst begriff ich. Es war unser persönliches Spiel: Eine von uns warf ein vergessenes Zitat aus einem Buch in den Raum, das sich in diesem Moment in unserem Blickfeld befand, und die andere musste den Titel erraten. Dennoch war mir nicht klar, warum ihr gerade jetzt unser fast vergessenes Ritual einfiel. Wir hatten zu Beginn des Studiums gern mit Zitaten gespielt, als wir dachten, es sei ausreichend, große Worte auszusprechen, um Leute davon zu überzeugen, dass wir sie verstanden. Aber wir waren nicht mehr dieselben. Die Uni war nicht mehr Teil unseres Lebens – für mich wie ein Liebhaber, den ich vier Jahre lang überschätzt hatte, für sie wie eine schmerzhafte Impfung, deren Unumgänglichkeit ihr andere eingeredet hatten. Jetzt ist es aufgedunsen wie eine Leiche war nicht mehr derselbe Satz, so wie wir nicht mehr dieselben kleinen Mädchen waren. »Wörter sind sowieso leer«, sagte sie einmal vor der Morphologie-Prüfung zu mir. Aber an diesem Abend brauchte sie die Wörter, zumindest als Placebo, weshalb ich die Regeln des Spiels stillschweigend akzeptierte.

»Nein, es ist nicht geschrumpft«, flüsterte ich, »kalt und leer sieht es viel größer aus als zuvor.«

»Dunkel«, sagte Lejla.

»Was?«

»Dunkel und leer.«

»Ja … Dunkel und leer. Die Reiseberichte von Crnjanski.«

Nachdem ich eine zufriedenstellende Antwort gegeben und sie bestätigend mit dem Kopf genickt hatte, schloss ich die Augen und hielt ihre warme Hand fest, um sie vor dem braunen Plüsch und seiner unredlichen, beigen Vergangenheit zu retten. Die Tatsache beruhigte mich, dass sie auch weiterhin fähig war, zu spielen, Zitate aus Büchern auferstehen zu lassen, die sie vorgab, nicht zu mögen, und sie mit mir zu teilen, als ob sie mich nicht drei Jahre lang ignoriert hätte. Ich war ihr nicht böse. Ich freute mich, dass sie immer noch an die Schönheit glaubte, auch nachdem sie Zeugin des auf den Fliesen im Bad ausgebreiteten Todes geworden war.

Da fragte sie mich zum ersten Mal diese gemeine Frage.

»Wann wirst du ein Gedicht über mich schreiben?«

Ich öffnete die Augen und richtete mich auf dem Sofa auf. Ich kannte sie länger, als ich meine Regel bekam, und war trotzdem überrascht.

»Ich bin sicher, dass du es immer noch tust. Nach diesem einen morbiden Buch. Oder? Gib’s zu«, sagte sie, als wäre Gedichte zu schreiben dasselbe wie eine Flasche Schnaps in einer Papiertüte zu verstecken und in irgendeinem Hauseingang zu übernachten.

»Ja, ich schreibe«, antwortete ich. Es war nach zehn Uhr. Das Geschepper aus der Küche hatte aufgehört. Ich wusste, ich hätte gleich nach der Beerdigung nach Hause gehen sollen. Nichts Gutes kann mehr geschehen, nachdem man ein Haustier begraben hat.

»Warum schreibst du dann kein Gedicht über mich? Was ist falsch an mir?«

»Wer bin ich«, fragte ich sie, »ein verdammter Đorđe Balašević?«

Später fühlte ich mich schuldig deswegen. Ich hätte »ja klar« sagen sollen. Sie hätte sowieso nach ein paar Tagen vergessen, dass sie mich das überhaupt gefragt hatte, oder über ihre dumme Bitte gelacht und hinzugefügt, dass sie lieber verrecke als irgendjemandes Muse zu spielen. Dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen. Nicht dass meine Gedichte so gut gewesen wären, aber Lejlas Abwesenheit in dieser Phase meines Lebens – genauer gesagt, ihr völliges Ignorieren dieses ganzen Unternehmens, einschließlich Buchpräsentationen, Kritiken und Preisen – schmerzte irgendwo innerlich wie eine gefährliche Ablagerung. Selbst wenn sie an diesem Tag ihre Mutter begraben hätte, wäre ich von ihren Worten verletzt gewesen. Ein Bettler auf der Straße könnte mich dasselbe fragen, und ich wäre von der Unschuld seiner Bitte überzeugt. Sie nicht. Das Leben war für Lejla ein wütender Fuchs, der nachts kommt, um einem das Geflügel zu stehlen. Über das Leben zu schreiben hieß für sie, am nächsten Tag das verstümmelte Huhn anzustarren ohne irgendeine Möglichkeit, das Mistvieh jemals auf frischer Tat zu ertappen. Vor allem aber war ihr, wie mir scheint, niemals klar, warum sich jemand mit gesundem Verstand hinsetzte, um Gedichte zu schreiben. Noch weniger, warum ich da, wo wir waren, in der Zeit, in der wir uns befanden, überhaupt so etwas wollte. Und jetzt, nach all dem, nach der langjährigen Geringschätzung des einzig nennenswert erfolgreichen Unternehmens in meinem überaus unspektakulären Leben, saß sie da, auf ihrem unecht braunen Sofa, mit ihren unecht blonden Haaren, und beleidigte mich. Nicht mit mir.

»Verdammt, Sara«, sagte sie und stand auf. »War nur ein Witz.«

Sie war nicht verärgert, nur müde. Wenn man Lejla fragte, war Poesie nicht mal einen Streit wert. Sie ging zum Regal, nahm das Bild ihres Bruders und wischte mit dem Ärmel über den gläsernen Rahmen.

»Er wollte mich auch nicht zeichnen«, sagte sie und stellte das Foto an seinen Platz zurück. Dann sah sie mich mit weit aufgerissenen Augen an, als ob sie sich an etwas erinnerte.

»Habe ich dir je erzählt, wie er Dürer berührt hat?«

Ich schwieg weiterhin, saß auf einmal völlig bedeutungslos auf ihrem Sofa wie ein einzelner Pantoffel, der ganz und gar seinen Zweck verliert, sobald er kein Paar mehr mit einem anderen bildet. Sie brauchte offensichtlich gar keinen Gesprächspartner, einfach irgendein Ohr, um alles loszuwerden, wie ein Tier vor dem Präpariertwerden. Sie sagte »er«. Zum ersten Mal nach diesem schrecklichen Tag auf der Insel.

»Ich erinnere mich nicht dran«, setzte sie fort, »ich war zu klein. Aber Mama hat mir diese Geschichte tausendmal erzählt. Wir waren in irgendeinem Museum, Armin war sieben oder acht Jahre alt, glaube ich. Ich weiß nicht. Jedenfalls stellte er sich auf die Zehenspitzen und berührte das Bild. Aber so richtig … mit dem Finger über das Bild, verstehst du? Und auf einmal gab’s ein Riesentheater – der Alarm ging los, Wächter liefen herbei, alte Leute erschraken zu Tode …«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was hätte man ihr in diesem Moment schon sagen können? Der Fuchs war bereits aus dem Hof entwischt, ich hatte es nicht geschafft, ihn zu fassen. Die Worte kamen mir mit einem Mal falsch vor, verdorben, wie verkrustete Schminke auf dem zerfurchten Gesicht einer alten Frau.

»Hauptsache, Hasi hat seinen Epilog bekommen«, sagte sie schulterzuckend und besiegelte damit diese ganze Geschichte über Tod, Poesie und Museumsbilder. Wieder war sie ein einfaches Mädchen – sie, die sich bei der Prüfung mit einer durchschnittlichen Note zufriedengab, die am liebsten einfach ihr Bier trank und nicht vorgab, klüger zu sein, als sie war. Ein blondes Mädchen in Plastikpantoffeln, das sich über ihren toten Hasen lustig machen konnte, den sie, ich erinnere mich genau, mehr geliebt hat als die Menschen. Ein Mädchen, das nicht weiß, dass Wien aufgedunsen wie eine Leiche ist, das nicht über ihren Bruder spricht. Jemandes schwächliche, dumme Muse. Ich konnte sie nicht mehr ertragen.

Ich sagte, dass es schon spät sei und Zeit, nach Hause zu gehen. Bestimmt war auch ihre Mutter schon ins Bett gegangen. Eine Zeitlang schaute sie mich an – ihre Augen wanderten über mein Gesicht, als ob ich es mir, wenn sie mich nur lang genug betrachtete, anders überlegen würde. Ich würde bleiben, ihren Wein trinken, ihr ein Gedicht schreiben – sie müsste nur ein wenig fester an den Zügeln ziehen. Als sie begriff, dass ich ernsthaft beschlossen hatte, nach Hause zu gehen, fiel ihr Blick von meinem Gesicht ab wie das Laken von einer Statue. Sie ging zur Tür, öffnete sie weit und sagte, so scheint es mir, ich bin fast sicher, obwohl sie später darauf beharrte, es sei nicht ganz so gewesen: »Ach, hau doch ab und leck mich am Arsch.«

Ich trank meinen Wein aus und verließ Lejlas Zimmer. Viel zu schnell kam ich zu Hause an, daher ging ich weiter die Straße entlang, als ob ich die eigene Haustür nicht wiedererkannt hätte. Ich ging lange und hörte den Grillen zu und fragte mich, wo sich diese Nacht die Maulwürfe versteckt hielten und ob es stimmte, was man über die großen Giftschlangen am Fluss erzählte. Ich ging so lange, bis alle Kirchen zur fünften Stunde geläutet hatten und, wie mir scheint, noch viel länger. Ich ging, bis ich zwölf Jahre später im St. Stephen’s Green Park in Dublin ankam, das Handy aus der Manteltasche zog und ihren Namen sagte. Ja, ich meine deinen Namen. Dann blieb ich stehen.]

2

Ich betrat die Wohnung mit leeren Händen. Ich hätte neue Vorhänge kaufen sollen. Und noch irgendetwas, das ich vergessen hatte. An der Eingangstür erwarteten mich seine grauen Pantoffeln. Einer davon hatte eine durchgetretene Sohle. Mit jedem Schritt klappte sie auf und zu, als läge ihr etwas auf der Zunge und sie könnte sich unmöglich daran erinnern. Das war Michaels fünfunddreißigster Geburtstag, diese Pantoffeln. Ich hatte ihm auch irgendeine Platte geschenkt in diesem Jahr, ich weiß nicht mehr welche. Wir hatten eine Red-Velvet-Torte gekauft und darüber gescherzt, wie sie uns auf dem Weg zur Wohnung aus den Händen fallen würde. Wir blieben vor der Apotheke stehen, die nur deshalb berühmt war, weil eine literarische Figur vor über hundert Jahren dort Seife gekauft hatte.

»Und was ist, wenn wir heiraten?«, fragte mich Michael.

»Mach keine Witze«, antwortete ich. Ich öffnete die Schachtel und schob meine Finger in den kalten, schwammigen Leib der roten Torte. Sie war köstlich.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte ich zu ihm. Und es blieb dabei, die Idee einer Ehe wurde vor jener Apotheke wie eine wirkungslose Tablette weggeworfen. Mama hörte nach ein paar Jahren auf nachzufragen. Nur einmal besuchte sie uns. Sie schlief mit mir im großen Bett, während Michael sich auf dem Sofa einrollte. Sie wachte um sieben Uhr morgens auf und stand auf, um in der Küche herumzulärmen. Ich wusste, was sie dachte: Dass ich sie dort draußen in der weiten Welt blamierte. Ganz Irland würde erfahren, dass meine Mutter mir nie beigebracht hatte, wie man richtig putzt. Und ich wusste auch, was Michael dachte: Er sah ihren übermäßigen Körper an und fragte sich, ob das etwa in den Genen lag. Sie war immer füllig gewesen, aber nach Papas Tod hatte sie es geschafft, völlig aus der Form zu gehen. Ich dachte an ihre blonden Haare und wie sie mir über das Gesicht fielen, wenn sie mich am Abend ins Bett brachte. Jetzt waren sie nur noch ein paar dünne Strähnen um die dicken Wangen, die mit dem Hals verschmolzen. Ich weiß noch, was Michael gesagt hatte: »Deine Mama hat wirklich schöne Augen.« Nur noch das schien ihm als lobenswert übrig zu bleiben. Und ich hasste ihn dafür. Ich wollte meine große Mutter umarmen und sie vor seinem Blick beschützen.

Ich war erleichtert, als sie wieder nach Hause flog. Sie hatte sich einen riesigen Bierkrug mit aufgemaltem Kleeblatt gekauft, obwohl sie nie Bier trank, und einen Aschenbecher mit der irischen Fahne, obwohl sie nie Raucherin gewesen war. Sie setzte sich ins Flugzeug und kehrte nach Bosnien zurück. Nach einiger Zeit hörte sie auf anzurufen. Michael und ich kehrten wieder in die Normalität zurück. Er, um Codes zu schreiben, ich, um zu übersetzen. Niemand erwähnte mehr weder die Heirat noch meine Mutter.

 

Unser erster Sex dauerte circa fünf Minuten. Er war betrunken, ich war müde, und sein Hund winselte im Flur. Draußen grölten ausgelassene Dubliner. Michael schlief sofort ein, nachdem er das Kondom weggeworfen hatte. Ich ging ins Badezimmer, um mich zu waschen. Es war mein erstes Mal in seiner Wohnung. Später würde es unsere Wohnung werden, dann auch meine Wohnung, obwohl sie eigentlich nie das eine noch das andere war: Sie gehörte einer etwa sechzigjährigen untersetzten Irin, die mit Michael flirtete und mich ignorierte. Aber in dieser Nacht, nach fünf Minuten Sex, war es immer noch seine Wohnung. Ich kannte die Ecken und Kanten nicht, stieß mir die Zehen an. Im Badezimmer öffnete ich das Schränkchen hinter dem Spiegel und fand genügend Analgetika, um ein Pferd einzuschläfern. Michaels Migräne. Später würde ich sie kennenlernen. Der Arzt würde ihm zu weniger Bildschirmzeit raten. Wir würden laut loslachen. Aber an diesem Abend waren es nur Berge unbekannter Tabletten im Badezimmer eines Typen, den ich in der Nacht zuvor kennengelernt hatte. Ich habe mit einem Drogensüchtigen geschlafen, dachte ich. Das würde ich ihm später gestehen, irgendwann nach dem vierten oder fünften Date. Er würde das für die witzigste Sache der Welt halten.

Wie lang saß ich in diesem Badezimmer? Auf einer der Fliesen war eine Ente aus Silikon aufgeklebt. Der Abfluss war voll roter Haare. Es tat mir weh zwischen den Beinen. Ich nahm zwei von seinen Tabletten und borgte mir sein Handtuch aus. Ich hatte gedacht, die Nacht würde besser werden, alles hatte darauf hingedeutet. Ein kluger Typ. Belesen. Geistreich. Ein wenig verrückt. Er mochte Cohen. Und dann dauerte alles fünf Minuten. Ich saß in einem fremden Badezimmer, nicht ahnend, dass es eines Tages meines sein würde, und dachte an alle Dubliner, mit denen ich seit meinem Umzug hierher geschlafen hatte. All die Kondome gingen mir durch den Kopf. Kleine Schwimmbecken vergeudeten irischen Genmaterials. Wie hatte ich mit ihnen Schluss gemacht? So wird es auch dieses Mal laufen, dachte ich. Ich werde das Badezimmer verlassen und ein Taxi rufen. Ich hatte ihm meine Telefonnummer nicht gegeben, er würde mir nicht weiter zur Last fallen.

Auf der Waschmaschine türmte sich seine schmutzige Wäsche. Aus dem Kleiderberg zog ich ein T-Shirt mit Darth-Vader-Motiv heraus und hielt es an meinen Körper. Es war riesig und stank nach Haschisch. Ich legte es zurück auf den unordentlichen Haufen und verließ das Badezimmer, entschlossen, mich anzuziehen und ein Taxi zu rufen. Ich fand nur meine Jeans und eine Socke. Sein Hund folgte mir auf jedem Schritt, als wäre ich nicht die Erste, die auf der Suche nach dem Ausgang durch diese Wohnung irrte. Mein Hemd suchte ich im Wohnzimmer, in dem noch ein anderer Tisch stand, nicht der, den wir ein paar Jahre später gemeinsam zusammenbauen würden. In diesem Augenblick wollte ich einfach nur mein Hemd finden, diesen Ort verlassen und so tun, als ob nichts geschehen wäre. Er schnarchte bereits im anderen Zimmer, er würde nicht mal bemerken, dass ich gegangen war. Die andere Socke konnte er als Souvenir behalten.

Ich fand das Hemd neben dem Fernseher und zog es über meinen Kopf, während ich darüber nachdachte, welches Taxi ich anrufen sollte. Ich ärgerte mich, schon wieder Geld für ein fremdes Auto auszugeben. Und dann schaute ich nach oben zu den Regalen und hielt inne. Zwischen einer ganzen Reihe informatischer Handbücher schaute ein schwarzes Büchlein hervor. Sein Rücken war mit silbernen Lettern verziert. Ich las: Die Schatzinsel – R.L. Stevenson. Ich stand da und sah zu, wie die Wörter unter dem Straßenlicht aufblitzten, das über den Balkon ins Wohnzimmer drang. Ich fuhr mit den Fingern über die Buchstaben, sie waren nach außen hin gewölbt, wie eine zugewachsene Wunde. Es tat mir nichts mehr weh – das Analgetikum hatte schnell Wirkung gezeigt. Der Hund leckte über meinen nackten Fuß. Ich schaute das Buch an und dachte an Jim Hawkins, dem gesagt worden war, er solle alles aufschreiben, genau wie es passiert war, und dürfe nichts auslassen. Nach einiger Zeit zog ich mich wieder aus und ging zurück ins Bett zu Michael.

 

Wie viele Jahre sind seitdem vergangen? Von unserem ersten Sex bis zu Lejlas Anruf? Jeden Tag sind Menschen gestorben. Wie viele von ihnen haben aufgehört zu existieren, seitdem wir Hase begraben hatten? Ganze Leben sind zu Ende gegangen, während wir beide nichts voneinander hörten. Während ich Michael kennenlernte, mit Michael schlief, mit Michael Torte aß, mich mit Michael stritt, wo war sie da? Warum hatte sie mich nicht am Tag vor dem ersten Date angerufen, oder später vor der Apotheke, oder am nächsten, oder egal an welchem anderen Tag außer an diesem? Warum hatte sie mich nicht angerufen, bevor ich dieses Buch in Michaels Regal sah? Als ob sie alles über mein Leben gewusst hätte, alles, was mir passieren würde, noch bevor ich es selbst wusste.

Meine Ohren waren immer noch voll mit ihrer heiseren Stimme. Sie war älter, gröber geworden, hatte aber immer noch die gleiche lebhafte, raue Stimme. Ich atmete tief ein und schloss langsam die Tür auf, fast als wünschte ich mir, Michael bei irgendeiner unverzeihlichen Tat zu erwischen. Dann wäre es leichter.

Ich zog mir die Schuhe nicht aus. Er saß im Wohnzimmer und schrieb Codes, die ich nie verstanden hatte. Ich stand an der Tür hinter seinem Rücken und beobachtete die geordneten Sätze, gewebt aus Zahlen, Buchstaben und Zeichen, wie sie sich einer nach dem anderen aufreihten, weiß auf dem schwarzen Monitor. Michael sprach immer davon, dass die ganze Welt codiert sei. Dass ich mir nicht bewusst war, dass hinter meiner Übersetzungssoftware, meinen Lieblingszeitschriften, meinen Playlists mit Musik aus einer Zeit, in der seine Arbeit noch gar nicht existierte, eine ganze mir unzugängliche Sprache steckte. Ich stand da, blickte auf diese Masse an Symbolen und fragte mich, wem er an diesem Tag eine Welt erschuf. Half er unbewusst jemandem, seine Doktorarbeit abzuschließen, oder tötete er irgendein Monster in einem Videospiel, oder verfasste er vielleicht eine selbstmörderische Nachricht mit Hilfe einer neuen Schreibsoftware? Dieser gebeugte Mann im zu weiten Pullover mit Rhombenmuster – wessen Gott war er?