4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €
Farus - Eine Verbindung, die dich vereinnahmt, dich fesselt und für ewig aneinander bindet. Xerks sind blutrünstige Bestien, geistlose Gestaltwandler bar jeder Vernunft, die sich als Menschen tarnen, nur um selbige zu vernichten. Sain ist Jäger, das Töten von Xerks liegt ihm im Blut. Als er eines Tages auf den schwer verletzten Deejen trifft, werden seine Überzeugungen allerdings bis in die Grundfesten erschüttert. Er hilft Deejen, nicht ahnend, welche weitreichenden Folgen dies für ihn und den Xerk haben wird ... Trigger-Warnung: Die Farus-Chroniken thematisieren und beschreiben unter anderem sexuelle Gewalt. Die Darstellungen könnten auf Leser traumatisch und/oder verstörend wirken.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Lucien Moutier
Schwarzrot
Die Autorin
Motiviert durch einen Song begann Lucien Moutier vor Jahren das erste Buch zu verfassen, aus dem letztlich eine ganze Trilogie werden sollte. Sie schreibt leidenschaftlich gerne (Dark) Gay Fantasy Romane, um eigene, erdachte Lebewesen und Welten zum Leben zu erwecken. In einige ihrer Texte lässt Lucien auch Bereiche des BDSM einfließen, dessen Intensität, Harmonie und Facettenreichtum sie als ungemein inspirierend empfindet. Wenn Lucien nicht schreibt, vertieft sich die Leseratte selbst in ein Buch, wandert durchs Grüne oder plant die nächste Reise.
Mehr über die Autorin:
www.facebook.com/lucienmoutierautor
www.instagram.com/lucien_moutier
Lucien Moutier im Kuneli Verlag
Farus-Chroniken I-III:
Schwarzrot
Smaragdgrün
Eisblau
Sammelband (2024)
Lucien Moutier
Schwarzrot
Farus-Chroniken
Band I
Dunkelromantische Gay Fantasy
Kuneli Verlag
Originalausgabe März 2023
Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main
Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Alle Rechte vorbehalten.
2. (überarbeitete) Auflage (April 2024)
Redaktion: Sonja Becker
Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main
Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com
ISBN 978-3-948194-14-7
www.kuneli-verlag.de
Kapitel 1
Während ich zusammen mit ein paar Kundschaftern die erste, wenn auch verspätete Mahlzeit des Tages esse, kehrt der Jagdtrupp zurück. Sie wirken ziemlich ausgelassen und ihrer blutigen, beschädigten Kleidung nach konnten sie mit Sicherheit irgendeine Bestie erledigen. Für mich eine willkommene Ablenkung in den bis dahin ruhigen Hallen. Sofort hebt sich meine gelangweilte Stimmung ein wenig. Gespannt verfolge ich ihr Gespräch. Ihren Worten zu lauschen ist bei ihrer Lautstärke allerdings keine besondere Leistung. Vor allem Kaitohs Stimme sticht wie immer aus allen anderen hervor.
»… und dein Treffer mit dem Speer war wirklich meisterhaft …«
»Kampfkunst in Perfektion. Du könntest noch einiges von mir lernen«, erwidert Eranin mit scherzhafter Herausforderung.
Jenes deutliche, kurze Zucken um Kaitohs Mundwinkel, bevor er seine Erwiderung ausspricht, beweist, dass sich zwei gute Freunde gegenseitig aufziehen. »Vielen Dank, aber in aller mir gebotenen Zurückhaltung gebe ich dennoch meiner Axt den Vorzug. Wenn ich den Xerks den Kopf abschlage, bin ich mir wenigstens sicher, dass diese tatsächlich nicht mehr aufstehen.«
»Ich weiß die Stärke deiner Fertigkeit durchaus zu schätzen. Obwohl du an den Kopf erst einmal herankommen musst und dahingehend bist du bisweilen wohl auf die bescheidenen Künste von mir und den anderen Speerträgern angewiesen.«
Gelächter breitet sich aus. Mir selbst entlockt das Wortgefecht zwischen Kaitoh und Eranin ein leichtes Schmunzeln. Ich ziehe ebenfalls die tödliche Reichweite des Speeres vor. Darüber werden wir uns bestimmt nie einig. Schon in der Ausbildung haben wir drei uns damit gegenseitig aufgezogen.
»Ich gebe zu, hin und wieder, seid ihr von geringfügigem Nutzen. In einigen ausgewählten Momenten.«
Erneut hallt Lachen durch die Halle. Amüsiert grinse ich. Uns allen ist natürlich bewusst, wie wenig nützlich wir ohne die jeweils anderen wären.
»Allerdings war dein Talent im vorigen Kampf für mich wohl nicht besonders hilfreich. Denn der Kopf der Bestie befand sich eindeutig noch auf seinem Hals, nicht wahr?« Plötzlich schlägt Kaitohs vormalige Stichelei in Argwohn um. »Wirklich ausgesprochen befremdlich, wie der Bestie zuletzt noch die Flucht gelang. Dies widerspricht all meinen Erfahrungen.«
Eranin zuckt leicht mit den Schultern. »Du hast recht, aber das Untier wird mit diesen Verletzungen nicht mehr sehr weit geflohen sein …«
Insgeheim verfluche ich gerade die Tatsache, dass ich heute einige Landstriche auskundschaften soll, statt mich den Freuden der Jagd zu widmen. Mit Vergnügen hätte ich selbst einer dieser Bestien einen Speer in den Körper getrieben! Beim nächsten Sonnenaufgang werde ich zwar endlich wieder mit den anderen Jägern losziehen, aber auf einen weiteren Erfolg darf ich wohl kaum hoffen. Die letzten Tageslichter wurden nur wenige Xerks gesichtet, auf eine eigene Feindbegegnung werde ich deshalb wohl verzichten müssen.
Sehr bedauerlich! Warum bin ich ausgerechnet immer dann den Kundschaftern zugewiesen, wenn uns ein Xerk in die Fänge geht?
Ehrlicherweise sieht meine Situation nicht ganz so düster aus, trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Ich hasse Xerks aus vollem Herzen. Sie sind angriffslustig, gnadenlos und töten alles und jeden, der ihren Weg kreuzt. Ständig betrauern wir gute Kämpfer, die sie umgebracht haben. Es wäre ein entsetzlicher Gedanke, wie viele von uns sie in Stücke reißen könnten, wenn wir jemals unbewaffnet den Wald betreten würden!
Mittlerweile hat Kaitoh mich entdeckt und um seine Mundwinkel breitet sich ein scheinheiliges Lächeln aus. »Sain, dir ist wirklich etwas Außergewöhnliches entgangen!« Seine Stimme kann seine Aufregung kaum verbergen. »Dieser Bestie hättest du selbst gegenüberstehen müssen! Selten bin ich einer derart wilden Kreatur begegnet!«
Leicht gezwungen lächle ich zurück, ein wenig verstimmt, weil ich dem Anschein nach einen außergewöhnlichen Kampf versäumt habe. Bevor ich irgendeine ironische Antwort an ihn richten kann, höre ich die Stimme des Koordinators, der die Kundschafter in den Ausrüstungsraum beordert. Frustriert seufze ich. Mein angekratztes Gemüt fällt in ungeahnte Tiefen und die spöttischen Bemerkungen der Jäger verstärken die Empfindung noch.
»Sei unbesorgt, Sain, für dich sind bestimmt noch eine Handvoll Wakaris übrig, die wir dir großzügig überlassen haben.«
»Ja, genau, wir wollten schließlich höflich sein. Womöglich kannst du sie ein wenig mit dem Speer ärgern, bestimmt wehren die sich nicht besonders.«
»Notfalls kannst du auch einfach das Weite suchen.«
Lautes Lachen begleitet jede Stichelei. Nicht einmal der Gedanke, dass Kaitoh beim nächsten Sonnenaufgang wiederum unseren ganzen Spott zu spüren bekommen wird – welcher Narr wird schon freiwillig Kundschafter? – motiviert mich in irgendeiner Weise. Für gewöhnlich würde ich niemals als Späher den Wald durchstreifen, aber da die ausgebildeten Kundschafter erst kürzlich einige Verluste durch die Bestien erlitten haben, muss momentan täglich ein Jäger ein Gebiet überprüfen. Auch wenn dem gesamten Jagdtrupp, einschließlich mir, diese Aufgabe mehr als missfällt.
Ich ziehe lieber in der Gemeinschaft los und töte alles, was wir zufällig aufstöbern, als einsam im Wald umherzuirren, ständig achtsam, um nicht entdeckt zu werden. Das Durchschleichen der Gegend, das gezielte Aufspüren von Xerks, ohne sie zum Kampf herauszufordern, gefällt mir einfach nicht. Ich finde es furchtbar ermüdend und wenig abwechslungsreich. Schon mein Ausbilder schärfte uns stetig ein: »Einzig, wer zu feige für den Kampf ist, wird Späher! Und?! Seid ihr etwa feige?!« Nein, niemals! Ich bin Jäger! Wenn ich etwas finde, dann töte ich es!
Selbstverständlich machen wir auf Anweisung bisweilen auch Gefangene – wofür auch immer dies sinnvoll sein soll – aber für mich ist es gleichgültig, ob diese grausamen Bestien sofort durch meine Hand oder eben später unter Folter sterben.
Im Ausrüstungsraum teilt der Koordinator jedem Späher seinen Aufklärungsbereich zu. Das mir übertragene Gebiet dürfte keine Überraschungen bereithalten, insbesondere weil die Jäger bereits bei Sonnenaufgang in dessen Nähe patrouilliert haben.
Ich greife mir meinen Speer. Beim Verlassen der Waffenkammer fällt mein letzter Blick beiläufig auf ein altes, glänzendes Schild, in dem sich wie üblich mein Gesicht spiegelt. Niemand benutzt mehr Schilde, da diese viel zu schwer und zu unhandlich sind. Mein kurzes, blondes Haar ist wie üblich vollkommen zerzaust. Mit den Fingern kämme ich es flüchtig durch, womit ich das Chaos aber lediglich noch verstärke. Dennoch wende ich mich ab. Meine grünen Augen fesseln die Aufmerksamkeit ohnehin viel schneller, ebenso mein trainierter Körper, der in unserer Zufluchtsstätte aber ohnehin den meisten Männern und auch dem Großteil der Frauen zu eigen ist. Äußerlichkeiten haben im Wald für keinen eine Bedeutung … ein Untrainierter hätte in den Wäldern von vornherein keine Überlebenschance.
Einzeln, mit einigem zeitlichen Abstand, verlassen wir die Zuflucht und schlagen uns in verschiedenen Richtungen ins Gehölz. Allein aufzubrechen ist gewagt, aber zum einen können so größere Gebiete mit wenigen Spähern abgesucht werden und zum anderen ist der Verlust eines Einzelnen eher zu verschmerzen.
Das beteuert zumindest der Koordinator. Sehr bezeichnend für die Aufgabe der Kundschafter: Äußerstes Wagnis, aber bloß keinen Kampf herausfordern … Für mich noch ein weiterer Grund, diese Verpflichtung zu verabscheuen. Mag sein, dass es für die Menschen in der Zuflucht Warnung genug ist, wenn ein Kundschafter nicht mehr zurückkehrt, lebendiger wird derjenige davon aber auch nicht mehr.
Lediglich sechzig Manneslängen grasbedeckte Fläche liegen zwischen mir und den ersten Baumgruppen. Ungeachtet der bereits hoch am Himmel stehenden Sonne glitzert der Wald noch feucht vom morgendlichen Nebel. Der Duft von nassem Laub liegt in der Luft. Ich spüre die feuchte Erde unter meinen nackten Füssen. Es ist für mich ungewohnt, barfuß umherzugehen, aber auf diese Weise kann ich mich beinahe lautlos fortbewegen. Außer Vogelgezwitscher und gelegentlichem Blätterrascheln herrscht friedliche Stille.
Von der angenehmen Ruhe gefangen, geht mein Geist auf Wanderschaft. Allein im Wald nach den Bestien zu suchen, bietet nicht unbedingt viel Abwechslung. Irgendeine Form von Feindkontakt ist ohnehin nicht zu erwarten, insbesondere weil ich mich noch nicht sehr weit von der Zuflucht entfernt habe. So weit dringen die Xerks gewöhnlich nicht vor.
Selbst ein zufälliges Zusammentreffen mit anderen Menschen ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Waldbereiche zwischen den bis zu sieben Tagesmärschen auseinanderliegenden Zufluchtsstätten sind sorgfältig abgegrenzt und verschiedenen Gruppen zugewiesen. Fächerförmig verteilen sie sich um den von den Xerks besetzten Landstrich, dessen Grenze wiederum bis zu drei Tagesmärsche entfernt liegt. Im Land des Feindes erfolgt keine Aufklärung. Aus dem besetzten Gebiet ist noch kein Späher lebend zurückgekehrt.
Zwischen den menschlichen Unterkünften herrschen deswegen nur die allernötigsten Handelsbeziehungen. Die Karawanen werden von einem riesigen Tross Jäger bewacht. Benötigte Waren stellt jede Zufluchtsstätte deshalb möglichst selbst her. Die Gefahr des Transports ist einfach zu groß.
Dennoch erfolgt zwischen den Zufluchtsstätten eine regelmäßige Kommunikation durch Boten. Sie sind allerdings grundsätzlich allein unterwegs. Wer wäre für diese Aufgabe besser geeignet als die Kundschafter? Aber auch die Begegnung mit einem Boten wäre für mich sehr ungewöhnlich. Ihr Talent, sich unauffällig fortzubewegen, finde ich schon äußerst bemerkenswert. Mir gelingt dies jedenfalls nicht derart ausgeprägt.
Die Atmosphäre hält mich nicht lange in ihrem Bann. Erneut überkommt mich Unmut, der Ärger über diese verhasste Aufgabe. Sie ist für die Sicherheit aller von großer Bedeutung, aber ich will sie dennoch nicht selbst ausführen müssen. Leise fluche ich vor mich hin und kicke missmutig nach einem Erdklumpen, bevor ich mich innerlich ermahne, besser lautlos zu bleiben. Wie viel aufregender wäre es jetzt weiterhin den mitreißenden Details der anderen Jäger über den überstandenen Kampf zuzuhören. Einen Kampf, den ich selbst durchlebt hätte, wäre ich nicht mit der leidigen Aufgabe eines Spähers betraut …
Plötzlich steigt mir ein merkwürdiger Geruch in die Nase und fordert meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der dunkle Erdenduft führt noch einen Hauch von etwas anderem mit sich … etwas Metallischem. Metallisch wie … wie Blut! Die Nässe, in die ich soeben meinen Fuß setze, stellt sich nach kurzer Musterung tatsächlich als Blut heraus. Obendrein handelt es sich um viel Blut. Mein Herz macht einen nervösen Sprung. Tod und Seuche, wie konnte ich bloß so achtlos sein?!
Während ich mich sorgsam nach allen Seiten umsehe, versuche ich eine Spur zu entdecken und gleichzeitig meinen Puls zu beruhigen. Zwar weist die Blutmenge für mich auf etwas inzwischen Totes hin, etwas ziemlich großes Totes … Die Vermutung allein reicht leider nicht aus. Möglicherweise ein Wakarihirsch, Dakanbär, oder … oder tatsächlich ein Xerk?
Bei Letzteren machen wir erschreckenderweise viel zu oft die Erfahrung, dass sie sich mit scheinbar tödlichen Wunden von neuem erheben und weiterkämpfen. Hirsche, Bären und insbesondere Menschen wären schon bei geringeren Verletzungen verstorben. Aber diese Bestien halten sich nicht an die natürlich gegebene Ordnung. Unwillkürlich muss ich an das besonders zähe Exemplar denken, gegen das Kaitoh und die anderen gekämpft haben …
Meine Ausbilder sind der Auffassung, dass Xerks eine unnatürliche Spielart von Tieren sind, die ihre Gestalt in Menschen verwandeln können. Eine Art Imitation, um uns besser zu täuschen. All diese Annahmen sind für mich normalerweise bedeutungslos, solange mein Speer schneller trifft als ihre Zähne und Klauen. Sich allein gegen einen Xerk zu stellen – selbst in dessen menschlicher Gestalt – ist ein aussichtsloser Kampf. Und ich bin im Augenblick allein … Ruhig, Sain, du weißt doch noch gar nicht, was es ist.
Die einzige Perspektive für einen Einzelkämpfer gegen einen Xerk wäre der Versuch, sich anzuschleichen und unerwartet anzugreifen, um dem Gegner das Turangift verabreichen zu können. Allerdings keine besonders Erfolgversprechende. Bei solch einer Begegnung könnte ich mir den Speer auch direkt selbst zwischen die Rippen stoßen …
Selbst für eine Gemeinschaft aus Jägern ist es absolut notwendig, den Xerk zu verwunden, bevor er sich in seine tierische Gestalt verwandelt. Nach einem ersten erfolgreichen Stich oder Hieb verhindert das Toxin, eine Mischung aus verschiedenen Pflanzen- und Tiergiften, die Verwandlung. Schafft es ein Xerk hingegen, erneut zum Tier zu werden, sind Flucht oder Tod die einzigen Optionen.
Endlich mache ich eine Blutspur ausfindig, die auf ein dichtes Gebüsch zuführt. Sofort steht jede Faser meines Körpers unter Spannung. Obwohl ich mich ohne Unterstützung unwohl fühle, atme ich ein paar Mal tief durch und folge der Spur. Einen Teil von mir treibt vermutlich die reine Pflicht voran. Aber eigentlich höre ich in meinem Kopf hauptsächlich die spöttischen Sprüche der anderen Jäger über ein wenig Blut, von dem ich mich doch nicht etwa abschrecken ließe. Zudem bin ich weiterhin der Ansicht, dass jedes erdenkliche Wesen bei diesem Blutverlust bereits tot sein muss.
Ein Unwissender hätte die Kreatur hinter den Büschen durchaus für einen Menschen halten können. Aber wir werden schon recht früh in unserem Leben eines Besseren belehrt.
Das zwar schwache, aber dennoch sichtbare Heben und Senken des Brustkorbs offenbart mir schon ausreichend viel von der Wahrheit. Darüber hinaus erkenne ich an einigen Stellen noch die eigentümliche, schwarze Zeichnung auf der Haut. Verschlungene Ornamente, die sich bei den Xerks über Rücken und Arme, oder wie bei diesem hier, zusätzlich über den Brustkorb und die Beine ziehen.
Unsere Gelehrten vermuten, dass sie entstehen, weil die Verwandlung zwischen Mensch und Tier nicht einwandfrei verläuft. Diese Besonderheit ist eines der augenfälligsten Merkmale eines Xerks in Menschengestalt. Im Grunde ist es nicht von Bedeutung, weshalb die Zeichnung erscheint. Wer diese Male trägt ist kein Mensch …
Die Jäger haben bei diesem Untier wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Kein mir bekanntes Tier besitzt die Kraft, einem Xerk solche Verletzungen zuzufügen. Überhaupt gibt es meines Wissens kein Tier, das sie verwunden kann. Äußerst merkwürdig finde ich allerdings, dass der Bestie mit diesen Verletzungen noch die Flucht gelingen konnte. An dutzenden Stellen ist das Fleisch bis auf die Knochen aufgerissen und in seinem Bauch klafft eine riesige Wunde. Umso eingehender ich die Kreatur betrachte, umso mehr tiefe Stich- und Hiebverletzungen ich erkenne, desto unglaublicher erscheint es mir, dass diese Bestie noch am Leben ist.
Zwar bewundere ich bisweilen die Unverwüstlichkeit der Xerks, bin ehrlichweise insgeheim sogar neidisch darauf, aber selbst für eine dieser Bestien hätten diese Wunden tödlich sein müssen. Ein ausgesprochen zähes Exemplar seiner Art! Ob es möglicherweise Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Xerks gibt? Dieser hier ist jedenfalls zweifellos männlich …
»Warum … zögerst du … so lange?«
Mein Herz setzt für einen Schlag aus und bestürzt stolpere ich rückwärts, als mich die Bestie mit gebrochener Stimme anspricht.
»Wäre wahrlich … ein günstiger … Augenblick …« Der Xerk atmet rasselnd und beschwerlich ein.
Beim Versuch der Kreatur, sich mit einer Hand abzustützen und aufzurichten, muss ich an mich halten, um kein weiteres Mal zurückzuweichen. Mit schreckgeweiteten Augen beobachte ich seine Bemühungen. Meinem Empfinden nach bin ich der Bestie schon viel zu nahe, wenn sie sich noch bewegen … und obendrein mit mir sprechen kann.
Kein Xerk hat jemals zuvor gesprochen! Ich hatte bisher angenommen, dass sie überhaupt nicht fähig dazu sind. Unaufhörlich werden wir über ihren mangelnden Verstand belehrt. Ohne Verstand keine Sprache … Diese Kreatur hier kann sich aber eindeutig mitteilen, in verständlichen, wenn auch brüchigen Sätzen. Möglicherweise eine weitere Wandlung, eine Imitation? Warum sollte ein Wesen, das der Sprache mächtig ist, diese nie verwenden?
Während meine Gedanken im Takt mit meinem Puls rasen, beäuge ich angespannt den Xerk, dessen Hand offenbar keinen Halt auf dem Boden findet. Soll ich besser flüchten?Wenn ich schnell genug renne, holt er mich wahrscheinlich nicht ein. Wobei ich keine Ahnung habe, wozu die Bestie im Augenblick noch in der Lage ist. Immerhin lebt er unbegreiflicherweise noch. Ich sollte es wenigstens versuchen, oder?
Trotz meiner Überlegungen wollen mir meine Beine nicht gehorchen und verweilen wie festgefroren an Ort und Stelle.
Nach zwei weiteren Bemühungen und einem Zittern, das seinen ganzen Körper erfasst, gibt der Xerk sein Unterfangen auf. »Oder … siehst du mir gerne … beim Sterben zu? Womöglich ist es …«, er nimmt mehrere, mühevolle Atemzüge, bevor er seinen Satz weiterführt, »auch bloß … eine neue Art von Folter, … ihr foltert … mit wahrhaftiger Leidenschaft …«
Unruhig umklammere ich den Speer. Mit Sicherheit ist er nicht wesentlich ungefährlicher, nur weil er offensichtlich im Sterben liegt. Es wäre leichtsinnig, das zu glauben. Viel zu leichtsinnig. Dennoch fühle ich mich nach seinen missglückten Aufrichtungsversuchen weniger gefährdet. Erst einige Augenblicke später dringen seine Worte zu mir durch. Woher stammt die Gewissheit dieser Kreatur, dass wir foltern? Ich selbst gehöre nicht zu denjenigen, die die Bestien quälen … Die Folter gehört nicht zu meinen Aufgaben und unabhängig davon halte ich sie für überflüssig. Ich bevorzuge es, den Feind unmittelbar zu töten. »Folter ergibt nur Sinn, wenn man denjenigen nicht direkt vernichtet.«
»Folter ergibt … nie Sinn. Sie ist … unehrenhaft.«
Mir entweicht ein ungläubiges Zischen. Welche Anmaßung erlaubt er sich?! Unehrenhaft?! Bei dieser Behauptung würde ich am liebsten in lautes Gelächter ausbrechen, schüttle aber lediglich unwirsch mit dem Kopf. Welches Verständnis hat diese Bestie denn schon von Ehre? Nicht die Geringste! Xerks sind gewissenlose, meuchelnde Raubtiere. Nichts anderes.
Erlaube dir bloß keine geistige Verwirrung, Sain! Ruf dir ins Bewusstsein: Kein Zögern! Keine Gnade!
Ich bewege mich nicht.
Verflucht! Warum zögerst du?!
Weil … die Kreatur spricht … und weil du allein bist, Sain …
Feigling! Die Bestie ist halbtot! Worauf wartest du?!
Ich hebe den Speer.
»Wir …«
Als habe mich der Xerk bei einer Sünde ertappt, erstarre ich in der Bewegung.
Der Xerk atmet schmerzgeplagt. »Wir töten unmittelbar …« Ein erneutes schweres Ein- und Ausatmen. »Folter ist … grausam.«
Ausgerechnet eine solche Kreatur wagt es, mich über grausames Verhalten zu belehren! Als nächstes will er mir wahrscheinlich noch erklären, was Recht oder Unrecht ist! Beinahe unwillig schüttele ich erneut den Kopf, aber diese Erwiderung kann die Kreatur ohnehin nicht wahrnehmen. Seine Augen sind geschlossen.
Trotz meines Missfallens senke ich den Speer und entgegne ihm bissig:»Folter eignet sich ausgezeichnet, um feindliche Kenntnisse zu erlangen.«
Ein Geräusch, das sich wie ein flüchtiges, verbittertes Auflachen anhört, entringt sich der Kehle des Xerks. »Wir sterben eher, … als … Verrat zu üben.«
»Unter Folter gibt jeder irgendwann seine Geheimnisse preis.« Diese Erklärung ist selbstverständlich eine Lüge. Die Folter dient keineswegs dazu, Einblicke in die Kenntnisse oder das Wissen der Xerks zu erhalten. Was sollten Wesen, die des Sprechens nicht fähig sind, uns schon verraten? Die Foltermeister üben ihre Tätigkeit zum reinen Vergnügen aus, dies werde ich dem Xerk aber bestimmt nicht offenbaren. Am Ende wirft er mir erneut Unehrenhaftigkeit vor … Mit einem sonderbaren kurzen Aufflackern von Scham muss ich mir allerdings eingestehen, dass er mit dieser Ansicht womöglich nicht ganz unrecht hätte. Warum töten wir die Xerks nicht grundsätzlich unmittelbar im Kampf? Wozu Gefangene machen? Wozu diese – wahrhaftig unnötige – Folter? Aus Freude an der Grausamkeit … Sain, lass nicht zu, dass er dich verunsichert! Die Mentoren werden sicher ihre Gründe dafür haben …
Der Xerk stößt ein Schnauben aus. »Welchen Einblick hast du schon … in uns … oder gar in unsere Ehre …«
Beim letzten Satz meine ich unterdrückten Zorn aus seiner Stimme herauszuhören.
»Beendest du es nun … oder bereitet es dir mehr Vergnügen … einfach zuzusehen?« In diesen angestrengt hervorgepressten Worten nehme ich seine Wut nun sehr deutlich wahr. Den gemurmelten Nachsatz kann ich hingegen kaum erfassen, weil er scheinbar nicht für mein Gehör bestimmt ist. »Ohnehin … würden sie wahrscheinlich nicht mehr … rechtzeitig hierher gelangen.«
»Wer kommt nicht mehr rechtzeitig?«
Der Xerk zuckt zusammen. Ertappt öffnet er die Augen, sieht mich erschöpft an, nur um sie gleich darauf aufs Neue zu schließen. Ich vermute, dass er über einige Individuen seiner Gemeinschaft spricht. Xerks bewegen sich häufig in einer Gruppierung, die von einer der Kreaturen angeführt wird.
Wozu benötigt er momentan noch anderer Bestien? Er wird auf jeden Fall sterben. Wahrscheinlich fressen sie ihn anschließend einfach auf … »Die anderen Xerks könnten wohl lediglich noch seelischen Beistand leisten«, bringe ich zynisch hervor und selbst das kann ich mir kaum vorstellen.
Nach mehreren Augenblicken des Schweigens folgt nur eine schwache, missbilligende Äußerung.»Wenn du ehrenhaft wärest, … würdest du mich … töten.«
Ungewöhnlich, dass er auf meine Provokation nun nicht mehr reagiert. Misstrauisch begutachte ich ihn. Ist er inzwischen einfach zu schwach, um meine Worte aufzugreifen, oder gibt es andere Gründe? Will er mich vom Gedanken an seine Gemeinschaft abbringen? Aber warum? Es kursieren unter den Jägern Gerüchte über scheinbar tödlich verwundete Xerks, die nicht nur flüchten konnten, sondern von Neuem aufgetaucht sind. Gesund, gänzlich geheilt und ohne sichtbare Narben. Könnten diese Mythen etwa einen Funken Wahrheit enthalten?
Nervös kratze ich mich am Hals. Das ist Aberglaube. Solche Phänomene existieren nicht. Aber warum sonst sollte der Xerk das Eintreffen der anderen erhoffen? Ganz sicher nicht, um Abschied zu nehmen …Ich schnaube amüsiert über meinen eigenen skurrilen Gedanken.
Die andere Möglichkeit scheint kaum weniger verrückt zu klingen. Ohne die Gerüchte würde ich sie niemals in Erwägung ziehen, allerdings … was kann es schaden, es nachzuprüfen? Danach weiß ich immerhin sicher, dass alles nur ein Mythos ist. »Willst du andeuten, dass sie diese Verletzungenheilen könnten?!«
Der Xerk zischt missbilligend, schweigt allerdings erneut beharrlich und bestätigt damit meine bizarre Vermutung. Das … das kann einfach nicht stimmen.
Bestürzt und weiterhin ungläubig starre ich den Xerk an.
Keinesfalls sind sie dazu imstande! Niemals! Dies ist gänzlich unmöglich! Niemand kann solche Wunden heilen! Niemand!
Ich mustere den Xerk eingehend. Bei den Flammen der Unterwelt! Und wenn es der Wahrheit entspricht?! Nein … Nein. Mir erschließt sich zwar nicht, was der Xerk mit dieser verlogenen Andeutung bezweckt, aber dass diese Bestien irgendwelche Wunder bewirken können, sprengt meine Vorstellungskraft.
Allerdings: Gleicht es nicht schon einem Wunder, dass er überhaupt noch am Leben ist? Ungeachtet der natürlichen Ordnung atmet der Xerk noch, auch wenn er dem Tode näher als dem Leben scheint. Möglicherweise verdankt er diesen Umstand aber auch nur einer glücklichen Fügung?!
Unfug! Verflucht, Sain! Die Art und Schwere der Verletzungen … dieser Xerk müsste schon längst tot sein! Aufgewühlt atme ich ein paar Mal tief durch.
»Sie könnten dich wirklich retten?«Ich bin selbst erstaunt, diese Frage überhaupt zu stellen, aber ich brauche unbedingt Antworten. Irgendwie muss ich herausfinden, ob er lügt.
Seine Reaktion lässt ein wenig auf sich warten.»Ja.«
Undenkbar! Warum fühlt es sich aber trotzdem an, als ob er die Wahrheit sagt? Sein Tonfall? Sein Zögern, als wenn er es mir lieber verschweigen wollte? Ich muss mich vergewissern …
Verleiht möglicherweise ein geheimnisvolles Heilmittel den Xerks ihre außerordentliche Stärke? Ein Mittel, das selbst tödliche Wunden heilen kann? Wenn es uns gelänge, ihnen dieses Mittel zu nehmen, würden wir im Kampf und womöglich auch im Krieg obsiegen. Ob dieses Heilmittel für uns selbst nutzbar wäre? Wenn wir solche Verletzungen heilen könnten … Das würde zahllose Leben retten …
Eine überwältigende Vorstellung! »Wie? Auf welche Weise tun sie es?«
»Welch einen … Nutzen … gäbe dir … dieses Wissen?« Er röchelt kurz. »So nah … und doch so fern …« Erneut ein gemurmelter Nachsatz, der kaum an mein Ohr dringt, und dessen Bedeutung sich mir nicht erschließt.
»Meine Beweggründe dürften offensichtlich sein.« Ich knirsche frustriert mit den Zähnen. Der Xerk hat natürlich kein Interesse daran, mir sein Wissen preiszugeben. Es hat den Anschein, als wären einige faszinierende Kenntnisse in greifbarer Nähe, aber die Kreatur würde vermutlich nicht einmal den Mund aufmachen, wenn ich versuchen würde, seine Weisheiten aus ihm heraus zu prügeln. Wahrscheinlich würde ich ihm bei diesem Versuch nur endgültig den Tod bringen. Asche und Feuerbrunst! Wie bringe ich ihn bloß zum Reden?!
»Ihr könnt euch … nicht … selbst heilen«, unterbricht der Xerk meine Gedanken, die er scheinbar mühelos erraten hat. Seine Stimme ist von Schwäche gekennzeichnet.
»Welch hinterlistige Beteuerung! Warum nicht?! Wirken eure Mittel ausschließlich bei Xerks? Weshalb sollte ich dir glauben?!«
»Das … So funktioniert das … nicht …«
Offenbart er mir nun sein Wissen? Anscheinend ist er in seinem geschwächten Zustand doch einfältig genug, mir seine Geheimnisse preiszugeben. Starker Blutverlust und unsägliche Schmerzen sind schlussendlich wohl selbst für einen Xerk zu viel. Ob er überhaupt noch erfasst, dass er mit mir, einem Menschen, spricht? Wobei mir erneut auffällt, dass zumindest dieses Individuum außerordentlich sprachbegabt zu sein scheint. Darüber hinaus kann ich keinen Mangel an Verstand feststellen …»Auf welche Art sonst wirkt ihr diese Magie?«
»Es bedarf … keines Xerks, … im Grunde … wärest du … in gleicher Weise dazu in der Lage.«
»Ich? Folglich können Menschen dies bewirken?«
Er schweigt. Ist ihm nun doch noch zu Bewusstsein gekommen, dass er dieses bedeutsame Geheimnis einem Menschen enthüllt? Nun berichte mir endlich, auf welche Weise ihr dieses Wunder erreicht! Muss ich mit dem Speer nachhelfen, damit du schneller sprichst? Lass ihn bloß nicht ausgerechnet jetzt sterben!
»Aber nicht … um … euchselbst … zu heilen.«
»Oh, das ist wahrhaftig eine Offenbarung …« Mir offenbart sich nicht das Geringste. Nur die soeben ersehnten Hoffnungen sind geradewegs zu Staub zerfallen. Scheinbar könnte ein Mensch einen Xerk heilen, aber keinen Angehörigen seiner eigenen Art. Eine ungeheuerliche Behauptung!»Mit welchem Mittel? Wie sollte ich befähigt sein, dich zu retten?«
Wieso stelle ich ihm diese Frage? Meine Person rettet einen Xerk? Mit irgendeiner zweifelhaften Substanz?! Wir besitzen nicht einmal ausreichend Heilmittel, um uns selbst zu helfen! Welches Wunder könnte ich dahingehend schon bei einem Xerk vollbringen?
Neugier, reine Neugier, beruhige ich mich. Ungeachtet dessen hilft mir diese neue Erkenntnis möglicherweise doch für uns Menschen weiter … irgendwie …
Unruhig bohre ich meine Zehen in die Erde. Sein Schweigen zieht sich diesmal ewig. Ohne das Heben und Senken seines Brustkorbes würde ich annehmen, dass die Bestie letztlich doch verendet ist.
Endlich bewegen sich seine Lippen.
»Blut … Ich … benötige … Blut.«
Täuschen mich meine Sinne? Sagte er Blut? Mein Blut?!
Entrüstet starre ich ihn an. »Mich geradewegs erdolchen und ein Bad im schwindenden Fluss des Lebens nehmen, etwas in dieser Art?!«So viel zum Heilmittel … In welcher Einfalt wähnt er meinen Geist?! Ich lasse mich sicher nicht zum gerechten Ausgleich mit in den Tod reißen! Hält er mich für derart beschränkt?!
»Trinken … nicht … baden.«
Seine Antwort macht mich ratlos. Ob er den Hohn in meinen Worten nicht bemerkt hat oder ihn schlichtweg missachtet? Diese Enthüllung finde ich nicht weniger schauderhaft. »Gleichgültig auf welche Weise. Blutleer lebt es sich ausgesprochen ungut, wie du wissen solltest.« Selbstverständlich werde ich dem Xerk nicht erlauben, mich erbarmungslos auszusaugen! Vermutlich würde er mir direkt die Kehle zerreißen!
»So viel … brauche ich nicht … Ein wenig am Handgelenk … genügt …«
»Schmerzt es?« Warum möchte ich das überhaupt wissen? Ich werde ihm unter keinen Umständen mein Blut geben! Als ob ich ihn damit heilen könnte … Mein Blut kann keine Magie wirken, oder doch? Selbst wenn es so wäre, auf keinen Fall lasse ich das zu … Meine Neugierde droht augenscheinlich, mit mir durchzugehen.
»Flüchtig.«
Nein! Niemals! Selbst wenn es gelingen würde! Was für einen Nutzen hätte dies für mich?»Welche Gegenleistung bietest du mir an?« Habe ich diese Frage soeben wirklich gestellt?! Ganz sicher will ich nicht mit dieser Kreatur verhandeln! Um meinBlut? Aber … führe ich diese Verhandlung nicht bereits?
»Welche … forderst du?«
Diese Frage habe ich nicht erwartet. Allein darüber nachzudenken, was für eine Gegenleistung ich für mein Blut – seine Rettung – verlangen könnte, erscheint mir wie Verrat – und dennoch verlockend. Grübelnd massiere ich mir den Nacken, starre auf den Speer, meine Finger und den Boden, bevor mein Blick wieder zu ihm wandert. Welchen Ausgleich sollte ich von einer Kreatur verlangen, die mir vollkommen ausgeliefert ist? Wieso sollte ich ihn überhaupt retten? Nur um zu sehen, ob es tatsächlich funktioniert? Das wäre Irrsinn.
Auf so eine Art von Verhandlung bin ich nicht vorbereitet! Der Grundsatz lautet: Töten oder gefangen nehmen … und anschließend foltern. Ja, letzteres ist unehrenhaft, ich entsinne mich … Tod und Seuche, welche Absonderlichkeiten manifestieren sich derzeit in meinem Kopf? Konzentriere dich, Sain!
Der Xerk unterbricht meine wirren Gedanken.
»Ich kann dir … versprechen, … dein Leben … für alle Zeiten … zu verschonen …« Jedes Wort bereitet ihm mittlerweile große Mühen. »Und jede Gemeinschaft … in der ich dich jemals antreffen sollte … Du kannst … jeden Angriff von mir mit einem Befehl … unterbinden. Ich werde … gehorchen.« Letzteres verspricht er mir äußerst widerwillig. »Solange … deine Leute … mich nicht im selben Augenblick angreifen.«
Die Abmachung hört sich recht reizvoll an. Von einer winzigen Unstimmigkeit einmal abgesehen. »Was gibt mir die Sicherheit, dass du mich nicht tötest, sobald ich dir geholfen habe?«
»Ich nehme an, … du wirst mir … nicht glauben, … wenn ich dir … versichere, dass … solch ein Handeln … äußerst … unehrenhaft wäre?«
»Wohl kaum.« Letztlich spricht es schon genug für meine geistige Umnachtung, dass ich wirklich in Erwägung ziehe, ihm zu helfen. Vermutlich treibt mich meine Neugierde wesentlich stärker an als sein Angebot. Darüber hinaus besteht meinerseits sicher kein Bedarf, auch noch naiv und leichtgläubig zu werden.
Allerdings muss ich mir eingestehen, dass mich sowohl die Sprachbegabung als auch die Aussagen des Xerks nachdenklich gestimmt haben. Die Art seiner Argumentation und die angedeuteten Wertevorstellungen bringen meine Überzeugungen tatsächlich ins Wanken.
Erneut durchzucken Krämpfe den Körper des Xerks, anschließend läuft ihm Blut aus Mund und Nase. »Bitte …«
Die Verzweiflung in seiner Stimme trifft mich tief, wühlt mein Innerstes auf und schmerzt fast schon körperlich. Empfinde ich tatsächlich Mitgefühl? Seit wann ist mir denn so viel Sensibilität zu eigen? Er ist ein Xerk! Ich hätte ihm längst die Kehle durchschneiden sollen! Jeder Mensch hätte dies bereits getan, auch ich selbst, schließlich bin ich mein ganzes Leben lang dafür ausgebildet worden. Warum kann ich dies nicht, wie hunderte Male zuvor, einfach ausführen?
Ich habe ihm das Reden erlaubt, ihn angehört … Ich habe mit ihmgesprochen. Er ist kein wildes, einfältiges Tier … Er hat mich um etwas gebeten. Darauf hat mich die Ausbildung nicht vorbereitet … Noch nie habe ich einen Xerk auf diese Art und Weise wahrgenommen …
Ich könnte mich abwenden und davongehen … Diese Begegnung einfach vergessen … Ihn kurzerhand an Ort und Stelle elendig verenden lassen … Der feige und leichte Weg.
