Farus-Croniken II - Smaragdgrün - Lucien Moutier - E-Book
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Farus-Croniken II - Smaragdgrün E-Book

Lucien Moutier

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Beschreibung

Kenjarg hätte nie damit gerechnet, dass das Blut ihn in einer Farus-Symbiose an einen Gefährten binden könnte. Mit Mirotan entdeckt er erstmals seine Leidenschaft für Schmerz und Unterwerfung. Nichts scheint ihre vom Schicksal für die Ewigkeit bestimmte Bindung erschüttern zu können. Bis ihr Locan einen Menschen in die Höhlen bringt, eine Entscheidung, die nicht nur die Gemeinschaft der Xerks auseinanderzureißen droht. Der Xerk Kenjarg lässt den Leser an seiner intensiven Beziehung mit Mirotan teilhaben, eingebettet in die Ereignisse, die "Schwarzrot" vorangehen, und schreibt diese fort. Trigger-Warnung: Die Farus-Chroniken thematisieren und beschreiben unter anderem SM-Praktiken und sexuelle Gewalt. Die Darstellungen könnten auf Leser traumatisch und/oder verstörend wirken.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Lucien Moutier

Smaragdgrün

Die Autorin

Motiviert durch einen Song begann Lucien Moutier vor Jahren das erste Buch zu verfassen, aus dem letztlich eine ganze Trilogie werden sollte. Sie schreibt leidenschaftlich gerne (Dark) Gay Fantasy Romane, um eigene, erdachte Lebewesen und Welten zum Leben zu erwecken. In einige ihrer Texte lässt Lucien auch Bereiche des BDSM einfließen, dessen Intensität, Harmonie und Facettenreichtum sie als ungemein inspirierend empfindet. Wenn Lucien nicht schreibt, vertieft sich die Leseratte selbst in ein Buch, wandert durchs Grüne oder plant die nächste Reise.

Mehr über die Autorin:

www.facebook.com/lucienmoutierautor

www.instagram.com/lucien_moutier

Lucien Moutier im Kuneli Verlag

Farus-Chroniken I-III:

Schwarzrot

Smaragdgrün

Eisblau

Sammelband (2024)

Lucien Moutier

Smaragdgrün

Farus-Chroniken

Band II

Dunkelromantische Gay Fantasy

Kuneli Verlag

Originalausgabe August 2023

Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main

Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Alle Rechte vorbehalten.

2. (überarbeitete) Auflage (April 2024)

Redaktion: Sonja Becker

Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main

Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com

ISBN 978-3-948194-15-4

www.kuneli-verlag.de

Kapitel 1

Der ConLocan hatte mich rufen lassen. Derjenige, dem ich meine Loyalität, mein Vertrauen, die Macht über mein Leben schenken wollte. Es war nicht ungewöhnlich, dass er mich zu sich rief, immerhin begutachtete er regelmäßig die Xerks, die darum warben, in sein Coral aufgenommen zu werden. Außergewöhnlich war aber der Blick aus seinen dunkelblauen Augen, mit dem er mich musterte, wie er mich in Augenschein nahm, umkreiste, und letztlich in meinem Rücken stehen blieb.

Meine Sinne waren zum Zerreißen gespannt. Ich mutmaßte gar, er könne seine Hand ausstrecken und mich berühren. Beinahe wünschte ich mir, er würde es tun. Welch verbotener Gedanke … Erotische Berührungen zwischen Locan und Coral waren strikt untersagt. Dennoch weckte seine Nähe tief in mir dieses Sehnen …

Nichts dergleichen geschah. Lediglich körperlich befand er sich vergleichsweise eng bei mir.

»Ich vertraue dir.«Diese leisen geflüsterten Worte an meinem Ohr bedeuteten alles für mich.

Zufrieden und erleichtert schloss ich die Augen. Wie lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet?

***

Mit der sechzehnten Lebenszeit setzte bei mir, wie bei den meisten, der Hunger ein. Das Verlangen nach einer Symbiose, nach einer Verbindung zu einem Locan. Erst war es nur ein leises Ziehen tief im Inneren, ein dezentes Gefühl, etwas zu brauchen. Mit jedem Tageslicht wurde dieses Gefühl lauter, vehementer, dringlicher. Anfangs war es nur unangenehm, nach und nach entwickelte es sich aber zu körperlichem und seelischem Schmerz. Mit jedem Atemzug floss dieses schmerzhafte Sehnen durch meinen Körper, über jede Pore meiner Haut und grub sich tiefer in mein Seelenleben.

Es gab viele Locan zwischen denen ich hätte wählen können. Junge Locan in meinem Alter, die gerade erst einen Vertrautenkreis um sich zu scharen begannen und deswegen erst den Rang eines Zash hatten. Über ihnen standen die ConLocan, deren Corals bereits eine beachtliche Größe erreicht hatten, und natürlich die SicLocan.

SicLocan, der höchste Rang … Manche SicLocan vereinten mehrere hundert Xerks in der Symbiose.

Jemand, der derart viele Xerks bereits an sich gebunden hatte, musste sicher vertrauenswürdig sein. Vertrauen war entscheidend. Dennoch interessierte mich keiner der Sic.

Für mich gab es nur einen Locan, den ich wirklich wollte. Sein souveränes Auftreten, diese charmante Art, seine gesamte Präsenz zog mich sofort in seinen Bann. Bei der Versammlung, an der ich mit Einsetzen des Hungers das erste Mal teilnehmen durfte, hatte ich ihn sofort entdeckt. Wie ein stummes Rufen spürte ich seine Anwesenheit, ein intensives Vibrieren im Inneren, ein Kribbeln auf der Haut, die Sehnsucht nach einer Verbindung zu ihm. Welch unglaubliche Aura! Er hatte erst kürzlich den Rang eines Con erlangt und war höchstens zwei oder drei Lebenszeiten älter als ich. Alle anderen Locan verblassten für mich in diesem Moment zur Bedeutungslosigkeit. Trotz der vielen hundert Xerks in dieser riesigen Höhle nahm ich auch aus großer Entfernung den intensiven Duft seiner Haut und seines Blutes war. Ein betörender Duft, der mich ebenso eindringlich und machtvoll rief, wie seine reine Präsenz. Ich wusste mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele, dass dies mein Locan sein sollte.

Ich war allerdings nicht der Einzige, der um die Aufmerksamkeit dieses Locan buhlte. Wir Coralanwärter rissen uns förmlich darum, irgendetwas für ihn tun oder wenigstens mit ihm sprechen zu dürfen. Auch wenn es lediglich Belanglosigkeiten waren. Teilweise fragte er aber auch gezielt nach Vorlieben und Abneigungen oder wie wir unsere Stärken und Schwächen einschätzten. Es ging ihm vermutlich gar nicht so sehr um die Antworten an sich, sondern um die Art und Weise, wie wir sie vortrugen. Ich war mir sicher, dass er die Anwärter auch jenseits der Versammlungen beobachtete, Erkundigungen über sie einholte und diese mit seinen eigenen Eindrücken verglich.

Erst beunruhigte mich dieser Gedanke. Wie wirkte ich auf andere Xerks? Hatte ich mich stets höflich und respektvoll verhalten? Wurde dies überhaupt von mir erwartet? Gab es vielleicht Verstöße, die meinen Locan abschrecken könnten? Im Kopf suchte ich immer wieder in meiner Vergangenheit nach irgendwelchen Abgründen. Zum Glück erinnerte ich mich an nichts dergleichen.

Dennoch dauerte es viele Tageslichter bis er diesen einen erlösenden Satz zu mir sagte: »Ich vertraue dir.« Die Botschaft füllte mein Inneres, flutete meine Seele geradezu mit Wärme und Erleichterung. Er hatte mich erwählt.

Anschließend geleitete er mich in seine Höhle. Gleich würde es so weit sein. Gleich. Ich erschauerte aufgeregt. Allein betraten wir seinen Bereich und blieben in der Mitte stehen. Er stellte sich vor mich und legte seine Stirn an meine. Seine Hände ruhten dabei auf meinen Hüften. Jetzt konnte ich die Aura meines zukünftigen Locan intensiver als jemals zuvor spüren. Sie umhüllte mich, durchdrang mich. Mein Puls beschleunigte sich, als seine Wange an meiner entlang strich und ich seinen warmen Atem auf meiner Haut fühlte. Ich legte zustimmend den Kopf zur Seite.

Seine Lippen berührten meine Halsbeuge und ich zitterte vor Verlangen nach seinem Biss. Ich musste ein Stöhnen unterdrücken, als er seine Zähne in meine Haut trieb. Im Geiste nannten wir zuerst unsere Namen.

»Ich bin Deejen.«

»Ich bin Kenjarg.«

Ein letzter Vertrauensbeweis, der mit dem Biss einherging. Ich würde seinen Namen niemals in seiner Gegenwart aussprechen. Es wäre eine Einladung zu Intimitäten, die ich mit ihm niemals teilen konnte oder durfte.

Die Erfahrung des Blutteilens war überwältigend. So berauschend, so innig, so unglaublich nah … Ich hatte nicht erwartet, dass sich ein Biss derart intim anfühlen würde.

Selbstverständlich war mir die Bedeutung der Symbiose bewusst, der Hunger selbst hatte mich diese gelehrt, aber das Erleben einer solchen Verbindung berührte mich tiefer, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Es fühlte sich an, als ob der Locan, meinLocan, in meine Seele eindrang und mein Innerstes in Besitz nahm: Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Geheimnisse, ich öffnete mich ihm vollständig, ohne Einfluss darauf nehmen zu können …

Aber es störte mich nicht. Ich wollte sein werden, wollte, dass die Symbiose uns vereinte, mit mir als einer seiner Untergebenen. Während des Bisses stellte ich dennoch fest, dass ich meine Gedanken und Erinnerungen kontrollieren konnte. Es war sogar möglich, meinem Locan Teile meines Geistes vorzuenthalten, wenn ich denn wollte, was ich allerdings in diesem Augenblick kaum tat. Ich konnte auch die auf mich einströmenden Bilder verlangsamen, selektieren und blockieren. Genauso wie meine eigenen. Einen kurzen Moment durfte ich noch diese enge Verbindung genießen, bevor Deejen sich von mir löste. Obwohl er nun nicht mehr von mir trank, spürte ich ihn weiterhin als Teil von mir. Fortan war er stets bei mir, gleichgültig, wo auf der Welt ich mich aufhielt.

Wie es üblich war, kniete ich nun vor meinen Locan nieder und senkte den Kopf. Er sprach die rituellen Worte: »Ich werde dich leiten und führen, nach bestem Wissen und Gewissen, und stets die Verantwortung für dich tragen, solange du lebst.«

Aus tiefster Seele erwiderte ich seinen Schwur, der meine innigen Empfindungen noch verstärkte. »Ich werde stets auf Euer Urteil vertrauen, Eure Entscheidungen respektieren und Euch dienen bis zu meinem Tod. Ich werde Euch jederzeit schützen und sei es mit meinem eigenen Leben.«

Diese Worte waren mein Versprechen an Deejen. Es war nicht nur ein Ritus, sondern ein ernstgemeinter Eid. Wir wählten unseren Locan sorgsam aus, weil wir ihm unser volles, bedingungsloses Vertrauen schenkten, uns ihm öffneten, auslieferten und jederzeit unser Leben für ihn geben würden. Keine Verbindung band uns so stark an jemanden wie die Symbiose mit unserem Locan. Keine war von derartiger Intensität.

Die einzige Ausnahme war die Farus-Symbiose, aber es war äußerst selten, dass sich zwischen Gefährten eine solch intensive und mit keiner anderen Symbiose vergleichbare Bindung bildete. Die Farus galt deshalb als heilig.

Das Blut irrt nie.

***

Unter der Obhut meines Locan ging ich mit der Zeit mehrere enge Kontakte zu Coralmitgliedern ein und teilte bei Vertrauen gleichsam Blut mit ihnen. Endlich konnte ich mich in Gedanken mit anderen Xerks austauschen, sofern ich mit ihnen verbunden war. Erinnerungen teilen, Bilder, Empfindungen. Ich fühlte sie. Fühlte jede dieser Verbindungen. Dies wob ein dichtes Geflecht der Zugehörigkeit, der Gemeinschaft, das sich mit jeder weiteren symbiotischen Verbindung verstärkte. Wir waren eins. Ein wunderbares Gefühl. Wenn ich nicht direkt mit jemandem aus meinem Coral verbunden war, sie aber zu meinem Coral gehörten, kommunizierte ich mit ihnen über Deejen. Er war das Zentrum, das alle verband.

Hin und wieder gingen solche Verbindungen über das Blutteilen hinaus. Wurden inniger. Mit einigen von ihnen schlief ich sogar. Aber bis ich Efelis kennenlernte, war niemand dabei, den ich länger an meiner Seite wollte. Kein für mich geeigneter Gefährte.

Es gab eine Handvoll Xerks, mit denen ich gerne im Wald jagen ging und eines Tageslichts gesellte sich Efelis dazu. Er schien eher schüchtern, aber in seiner Raubkatzengestalt war er ein fantastischer Jäger. Als Puma kletterte er gekonnt auf Bäume und sprang anschließend der Beute in den Weg oder gleich direkt ins Genick. Meist trieb ich in meiner Gepardengestalt das ausgewählte Tier auf ihn zu, hetzte es in eine bestimmte Richtung. Sobald unsere Beute wegen Efelis abzudrehen versuchte und langsamer wurde, stieß ich mich aus vollem Lauf mit den Hinterbeinen ab, warf unser Opfer von den Beinen und versetzte ihm den Todesstoß mit einem Biss in die Kehle.

Ziemlich schnell stellten wir uns aufeinander ein, obwohl wir noch kein Blut geteilt hatten und uns nicht im Geiste verständigen konnten.

Wenn wir anschließend, nachdem wir das Fleisch verspeist hatten, wieder in menschlicher Gestalt zwischen den Bäumen standen, war von dem kraftvollen Puma nicht mehr viel zu sehen. Efelis war wieder ruhig, zurückhaltend und leise. Ich bedauerte das ein wenig, denn eigentlich gefiel er mir. Der schlanke Körper, die goldfarbenen Augen mit hellblauen Sprenkeln, seine dunkelblonden Haare, aber ich suchte charakterlich normalerweise mehr Feuer, Temperament. Deshalb schlich er sich eher langsam in mein Herz.

Selbst als wir bereits Blut geteilt hatten, war ich noch nicht so weit, auch seinen Charakter zu schätzen. Ich sah ihn nicht als möglichen Gefährten, auch wenn ich mich immer mehr über seine Begleitung freute. Allerdings signalisierten mir seine Blicke, sein dezentes Lächeln und die Art, wie er manchmal in Tiergestalt meine Schulter streifte, dass er an mir interessiert war.

Normalerweise jagten wir zu dritt oder zu viert, seltener auch zu sechst. Nur allein war ich mit Efelis im Grunde nie. Wir sahen uns zwar auch bisweilen in den Höhlen, aber auch da trafen wir niemals allein aufeinander. Meistens streifte ich mit Freunden umher.

Wahrscheinlich wären wir ewig umeinander hergeschlichen, wenn unsere Jagdgefährten nicht überraschend zur Patrouille gerufen worden wären, kurz bevor wir aufbrechen wollten. Blieben nur Efelis und ich.

Ich seufzte leise. Mein Magen knurrte und ich wollte nicht auf die Rückkehr der anderen warten. Bedauernd zogen wir los. Also ich bedauerte, weil ich die beiden anderen wirklich mochte, Efelis war rückwirkend betrachtet wohl glücklich darüber.

Nach der Jagd lagen wir gesättigt auf dem Waldboden. Ich starrte durch die Baumwipfel in den Himmel, als ich eine vorsichtige Bewegung neben mir wahrnahm. Efelis rückte ein wenig näher an mich heran. Ich schmunzelte in mich hinein, ahnte ich doch, was er vorhatte. Irgendwann berührte er meinen Arm, bevor er kurz verharrte und sich mir letztlich zuwandte. Ich spürte seinen Blick auf mir und überraschenderweise auch meinen aufgeregten Herzschlag. Offenbar hatte er mein Herz still und heimlich erobert, ohne dass ich es wirklich wahrgenommen hatte. Bis jetzt.

Sein unerwarteter mutiger Vorstoß gefiel mir. Sehr sogar. Ich wünschte mir plötzlich, dass er sich mir näherte. Ich hätte ihm überhaupt nicht zugetraut, die Initiative zu ergreifen. Mein Herz schlug noch schneller. Ich breitete den linken Arm aus und er verstand meine Einladung. Sein Kopf ruhte eine ganze Weile auf meiner Schulter und ich zog ihn enger an mich heran, streichelte ihm über die Haare, die Schläfe und die Schulter. Es war wunderschön. Wir beide, dort, auf dem Waldboden. Efelis in meinem Arm, warm und vertraut, als gehöre er dort schon immer hin. Seine weiche Haut an der meinen. Als ich mich ihm meinerseits zuwandte, legte er den Kopf ein wenig in den Nacken und ich versank in seinem Blick. Mit den Fingern meiner rechten Hand streichelte ich über seine Wange und näherte mich seinen Lippen. Dann küsste ich ihn sanft.

Irgendwie gewann er mich mit seiner leisen Art. Efelis war mein Ruhepunkt, ein Ort der Erholung und Beruhigung, wenn ich aufgewühlt oder wütend war: Wegen eines Kampfs mit den Menschen, wegen einer unerfreulichen Begegnung oder wenn neue Aufgaben mich nervös machten. Efelis war stets an meiner Seite und seine Anwesenheit beruhigte mich.

Er stellte selten Fragen oder drang tiefer in mein Inneres vor, aber er war immer an meiner Seite, wenn ich ihn brauchte. Wenn ich ihm erzählen wollte, was mich aufregte, tat ich es, wenn ich nicht mitteilsam war, akzeptierte er mein Schweigen. Mittlerweile wusste ich sein Wesen zu schätzen und liebte ihn dafür mehr, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Verbindung auf eine harte Probe gestellt werden könnte.

Kapitel 2

Die Höhle füllte sich zusehends. Von allen Seiten drangen Wortfetzen der bereits in Unterhaltungen vertieften, stehenden, sitzenden oder liegenden Xerks an mein Ohr. Die Versammlung fing soeben erst an und würde bestimmt bis weit nach Sonnenuntergang dauern.

Diese regelmäßigen Treffen aller erwachsenen Xerks der Palkan-Höhlen fanden für meinen Geschmack zu oft und zu ausgeprägt statt. Vor meiner sechzehnten Lebenszeit sehnte ich sie herbei, inzwischen wäre ich froh gewesen, wenn ich wenigstens hin und wieder nicht hätte teilnehmen müssen.

Die Locan besprachen meistens irgendwelche ungemein wichtigen Dinge oder verkündeten Neuerungen, wie die Rangaufstiege der Locan. Die Corals versuchten sich zwischenzeitlich untereinander auszutauschen. Wenn kein Locan etwas mittzuteilen hatte und dies kam oft vor, ging es normalerweise laut und wuselig zu, denn vor allem dienten diese Zusammenkünfte der Stärkung des Zusammenhalts. Wir sollten uns wie eine Einheit fühlen. Tatsächliche Neuerungen erfuhren wir über unseren eigenen Locan.

Es wurde bei den Versammlungen nur sehr selten über einen Xerk Recht gesprochen, wobei die Corals dabei häufig ohnehin nicht anwesend sein durften. Gerade dann, wenn es spannend wurde … Normalerweise war es lediglich den Locan gestattet, dabei zugegen zu sein. Die SicLocan sprachen das Urteil und entschieden das weitere Vorgehen. Sie waren die wahre Macht in den Höhlen. Derzeit gab es drei Sic: Zwei männliche und eine weibliche. Bisher hatte ich mit ihnen allerdings noch keinen Kontakt.

Manchmal konnte es auf diesen Versammlungen auch recht amüsant werden, wenn Geschichten und Anekdoten ausgetauscht wurden, die alle zum Lachen brachten. Auch fanden regelmäßig Übungs- oder Vergnügungskämpfe statt, sofern niemand etwas verkünden wollte. Aber an jenem Tageslicht war mir einfach nicht danach.

Ich hatte mit zwei anderen Xerks die undankbare Aufgabe bekommen, Wache in der Tiefebene zu halten. Dort unten wurden unter anderem Waffen und das Turangift gelagert, welches nicht nur die Menschen herstellten. Natürlich sollte sich niemand daran vergreifen, aber … Ich seufzte. Als wenn dort jemals ein Mensch auftauchen würde …Entsprechend missmutig fühlte ich mich.

Um nicht in Gespräche verwickelt zu werden, schlenderte ich ziellos zwischen den Gruppen umher und vermied es, interessiert zu wirken. Hoffentlich dauerte diese Versammlung nicht mehr allzu lange, aber ich wusste es natürlich besser. Am liebsten hätte ich mich davongestohlen, aber diesen Regelverstoß hätte ich niemals gewagt.

Gelangweilt wollte ich mich gerade außerhalb der Massen an eine Höhlenwand lehnen, als ich ihn sah. Einen mir unbekannten Xerk, der soeben ungeniert eine ganze Schar anderer Xerks mit Lästereien über die Locan unterhielt. Ich dachte, meine Begegnung mit Deejen wäre bereits ein magischer Moment gewesen, aber diese Erfahrung übertraf ihn um ein Vielfaches. Mein Inneres stand förmlich in Flammen. Jeder Herzschlag, jeder Atemzug brannte, lechzte nach ihm.

Sein Lachen, seine Ausstrahlung, dieser leichte Spott in seinem Lächeln und seine Augen … Diese unglaublichen Augen. Sie leuchteten hellgrün, wie von der Sonne beschienenes Gras. Meine eigenen smaragdgrünen Augen kamen mir im Vergleich richtig unscheinbar vor … Seine kurzen, nach allen Seiten abstehenden, tiefschwarzen Haare bildeten zu diesem Strahlen einen starken Kontrast. Ich starrte ihn an, verschlang ihn mit meinen Blicken. Jede seiner Bewegungen, jeden Wimpernschlag, jede noch so kleine Änderung in seiner Mimik verfolgte ich begierig. Wie konnte irgendetwas, irgendjemand so schön, so perfekt, so makellos aussehen und dabei gleichzeitig derart charmant sein?

Die hellgrünen Augen begegneten während seiner Rede zufällig meinen und er schenkte mir einen tiefen Blick, gepaart mit einem fast schon unanständigen Lächeln. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, aber er schürte das Feuer in mir noch stärker. Vehement und fordernd zog es in meinem Inneren, zog mich zu ihm hin. Ich wusste von dem Moment an, dass ich ihn wollte. Alles in mir wollte ihn. Meine Seele, mein Körper, selbst mein Blut schien sich nach ihm zu sehnen.

»Kennst du ihn?«

Ich konnte ein ertapptes Zusammenzucken nicht unterdrücken, glaubte sogar, dass mein Herz kurz aussetzte, als mich Efelis unverhofft im Geiste ansprach. Hastig wandte ich den Blick ab. Diesen Aspekt meiner Gedanken hatte ich vollkommen verdrängt. Diese merkwürdige Begierde … Ich sollte nicht … durfte nicht … Wie konnte ich bloß an so etwas denken! Ich hatte immerhin einen Gefährten, den ich liebte.

»Nein, ich habe ihn für jemand anderen gehalten …«Als wenn ich dieses faszinierende Wesen, diese Augen, jemals verwechseln könnte … Schon wieder diese seltsamen Gedanken … »Zu welchem Coral gehört er?« Warum hatte ich diese Frage ausgesprochen? In meinen Ohren klang sie verdächtig und ungewohnt neugierig, aber ich konnte sie mir nicht entsagen. Sie war meinem Mund entsprungen, bevor ich sie aufhalten konnte.

Desinteressiert zuckte Efelis mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, aber ich habe ihn schon in der Nähe von Deejen gesehen.«

»Unser Coral? Bist du sicher?« Klang ich unbefangen genug?

»Womöglich fungierte er als Bote.«Womit er zu einem anderen Coral gehören würde. Bei der beachtlichen Größe von Deejens Vertrautenkreis war es allerdings unmöglich, alle Xerks sofort zuzuordnen oder gar zu kennen.

Dabei wollte ich es nicht belassen. Ich schalt mich innerlich für mein Verhalten, aber ich musste es wissen. Ab diesem Moment nahm ich rege an den Gesprächen und Unterhaltungen teil. Vorsichtig lenkte ich den Austausch auf einzelne Xerks und Coralmitglieder, bekam allerdings vor allem einen gehörigen Schwall an Lästereien zu hören. Innerlich seufzend versuchte ich immer wieder dezent herauszufinden, welche der Anwesenden zu unserem Coral gehörten. Einige wussten offenbar genauso viel wie ich oder sogar weniger, andere nutzten sofort die Gelegenheit zum Lästern. Aber ich gab nicht auf. Letztlich fand ich heraus, dass Mirotan tatsächlich zu unserem Coral gehörte. Auch wenn ich seinen Namen damals noch nicht kannte. Noch lange nicht. Nicht, solange ich kein Blut mit ihm geteilt hatte.

Unauffällig, aber beinahe zwanghaft, versuchte ich näher an Mirotan heranzurücken, ohne Efelis mein gesteigertes Interesse zu offenbaren. Was sich als äußerst schwierig herausstellte. Meinem Gefährten musste auffallen, dass etwas nicht mit mir stimmte. Ich benahm mich seltsam. Verdächtig. Er warf mir deshalb schon eigenartige Seitenblicke zu, weshalb ich enttäuscht meine Versuche bremste.

Warum benahm ich mich bloß derart unkontrolliert? Warum konnte ich dieser Verlockung nicht widerstehen?

Die nächsten Tageslichter fühlte ich mich unruhig und nervös. Ständig waren meine Gedanken bei dem Unbekannten. Der Reiz ließ nicht nach. Im Gegenteil, das Verlangen nach ihm wurde immer größer. Ich wollte ihn unbedingt wiedersehen, ihm näher kommen … Ständig sah ich sein hübsches Gesicht mit diesem atemberaubenden Lächeln vor mir und diesen Blick, diesen intensiven Blick …

In Tagträumen versunken wandelte ich durch die Gänge zu meinem Wachposten. Derzeit war mir die langweilige Aufgabe komplett gleichgültig, immerhin konnte ich währenddessen weiter meinen Gedanken nachhängen.

Kurz merkte ich auf. Die Wände gaben den Klang von Schritten hinter mir wieder. Unwichtig. Ohne mich umzudrehen, versank ich augenblicklich wieder in den Bildern in meinem Geist.

Plötzlich trat jemand dicht hinter mich, mit seinem Mund fast an meinem Ohr, und raunte mir zu: »Du hast mich bei der Versammlung beobachtet.« Seine Lippen berührten mein Ohr. »Hat dir gefallen, was du gesehen hast?«

Ich wusste sofort, wer der Fremde war. Allein seine Stimme ließ Hitze in mir aufsteigen. Ich wollte mich zu Mirotan umdrehen, aber er hielt mich an den Schultern fest. Angesichts der unerwarteten Berührung erschauerte ich, schloss sogar kurz die Augen. Warme Hände auf dünnem Stoff …

Ich spürte seine Nase in meinem Nacken, wie er einatmete und meinen Duft aufnahm. Wenn seine Lippen jetzt meine Haut berühren würden … Mirotan stöhnte leise auf, dann ließ er mich ruckartig los und verschwand kommentarlos, ehe ich auch nur die Möglichkeit hatte, mich umzudrehen.

Ich war viel zu perplex, um ihm zu folgen. War ich verärgert oder hatte mich seine Art erregt? Bisher hatte es jedenfalls noch nie jemand gewagt, mich derart dominant anzugehen. Aber vor allem war ich von meinem Wunsch irritiert, seine Finger und seine Lippen auf mir zu spüren.

***

Seit dieser Begegnung ließ Mirotan mich überhaupt nicht mehr los. Ich wollte, dass wir uns ein weiteres Mal berührten, wollte meinerseits seine Haut erkunden und schämte mich gleichzeitig für dieses Begehren. Ich schämte mich, weil allein schon der Gedanke Verrat an meinem Gefährten zu sein schien. Dennoch verfolgte ich weiter diesen Weg. Es dauerte eine Weile, aber schließlich brachte ich in Erfahrung, in welchem Höhlenbereich Mirotan hauste. Zu meinem Bedauern erfuhr ich, dass er ebenfalls einen Gefährten hatte, mit dem er zusammenlebte. Was mich nicht daran hinderte, besonders häufig in den Gängen in der Nähe seiner Höhle herumzustreifen. Und Mirotan fand ich auch verdächtig oft in der Nähe meiner Stätte vor. Offenbar waren wir beide nicht in der Lage, unsere Begierde zu unterdrücken. Es zog uns immer wieder zueinander.

Wenn wir aufeinandertrafen, und allein waren, spielte sich immer dasselbe Ritual ab. Wir umkreisten uns wie zwei Tiere vor dem Kampf und warfen uns dabei tiefe, eindeutige Blicke zu. Zwar berührten wir uns kaum –  ein zufälliges Streicheln über die Schulter oder den Arm –  aber selbst diese Annäherungen fühlten sich derart intim an, dass sie mir unter die Haut gingen. Jeder noch so kleine Kontakt hinterließ ein heißes Gefühl auf meiner Haut, in meinem Körper, brannte sich förmlich in meine Seele.

Ständig erinnerte ich mich an seine dezenten Berührungen, die leidenschaftlichen Blicke und an seinen unwiderstehlichen Duft. Wie gerne hätte ich ihn an mich gezogen und mit meinen Lippen seinen Nacken erkundet. Die Gemüter erhitzten sich noch durch unsere ständigen Neckereien, die gleichermaßen immer eindeutiger wurden. Nur noch der letzte Rest Ehrgefühl gegenüber unseren Gefährten hielt uns wohl zurück.

Mirotan überschritt schlussendlich die so lange eingehaltenen Grenzen. Erst stellte er sich direkt vor mich und beugte sich vor, sein Gesicht direkt neben meinem. Endlose Momente vergingen, bevor er mich behutsam auf die linke Wange küsste und seine Lippen bis zu meinem Ohr wandern ließ. Dort verharrte er mehrere Augenblicke, angespannt meine Reaktion abwartend. Keine Frage, ich wollte ihn. Ich konnte nicht beschreiben, wie sehr ich ihn wollte. Aber Efelis … Es war einfach nicht richtig, was ich gerade tat. Ich liebte ihn doch, da konnte ich doch nicht …

Hin und hergerissen zwischen Verlangen und schlechtem Gewissen reagierte ich nicht. Meine schweren Atemzüge verrieten vermutlich genug.

Die Nasenspitze an meiner Wange entlang streichend zog er sich zurück, um mir erneut in die Augen zu sehen. Die Flammen in meinem Inneren loderten auf und mein Puls schoss in die Höhe. Sein Blick war dermaßen intensiv, dass ich alle Bedenken aufgab.

Als sich unsere Lippen endlich fanden, vergaß ich auch alles andere. Erst küssten wir uns sanft, fast zaghaft und stupsten uns dabei immer wieder vorsichtig mit der Nase an. Sein Mund und seine Zungenspitze glitten teilweise lediglich hauchzart über meine Lippen, strichen darüber, neckten mich, entzogen sich mir flüchtig, nur um mich erneut zu necken.

Ich leckte über seinen wundervoll weichen Mund, bat mit der Spitze um Einlass und er kam mir entgegen. Unsere Zungen führten einen gemeinsamen Tanz auf, spielten miteinander. Sein süß-salziger Geschmack füllte meinen Mund und meine Sinne, während unsere Lippen weiterhin ihre Berührung fortsetzen. Immer wieder sog ich gierig seinen Duft ein, fuhr mit meinen Fingern über seinen Rücken und vibrierte gleichzeitig unter seinen Händen. Bis wir uns letztlich stürmisch umarmten und ich mich regelrecht in dem Kuss verlor. Ich wollte mehr von ihm, so viel mehr.

Wahrscheinlich hätten wir gänzlich die Beherrschung verloren, wäre nicht plötzlich am Rande meiner Wahrnehmung ein fassungsloses Schnauben zu hören gewesen. Widerwillig löste ich mich von Mirotan, um den Störenfried zurechtzuweisen. Zu meinem Entsetzen entdeckte ich Efelis, der sich uns lautlos genähert haben musste. Tränen glitzerten in seinen Augen. Der Anblick ließ mein Herz zerspringen.

Mirotan reagierte nicht weniger entsetzt. Hinter Efelis stand Saros, Mirotans Gefährte, nicht minder betroffen, allerdings überwog bei ihm offensichtlich die Verärgerung und Enttäuschung.

Beschämt nahmen wir Abstand voneinander, eher Mirotan von mir. Während er, meinen Blick meidend, auf Saros zusteuerte, stand ich weiterhin vollkommen erstarrt.

Wie konnte ich nur?! Warum hatte ich etwas Derartiges zugelassen, geradezu angebahnt …? Ich verstand nicht, warum ich so unkontrolliert agierte. Obwohl es meinen Gefährten zutiefst verletzte und ich nicht einmal behaupten konnte, dies nicht zuvor gewusst zu haben.

Um eine Entschuldigung ringend traf mich Mirotans Blick, den er mir über die Schulter hinweg zuwarf. Heißes, sehnsüchtiges Verlangen lag in seinen Augen. Ich schmeckte ihn noch immer auf meiner Zunge. Wo wir uns berührt hatten, brannte meine Haut … Diese Augen … Meine Seele rief nach ihm, schrie förmlich nach seiner Nähe. Es fühlte sich wie Selbstgeißelung an, ihn gehen zu lassen.

Meine Entscheidung fiel in diesem Moment.

Ich wollte Mirotan. Ich brauchte ihn.

Kein Versprechen der Welt hätte mich von ihm ferngehalten.

***

Nicht Vorwürfe, sondern Efelis’ todtraurige Blicke hinderten mich auf leidvolle Weise, meinen gefassten Beschluss durchzuziehen. Ich würde gehen. Ich musste gehen, konnte überhaupt nicht anders …

»Warum?«

Stets aufs Neue dieselbe, verzweifelte Frage und stets von Neuem meine hilflose Antwort. »Ich weiß es nicht … Ich komme nicht dagegen an …«

Meine Gefühle für Efelis ließen mich zögern, denn ich liebte ihn nach wie vor. Fühlte mich zerrissen zwischen dieser Liebe und den immer stärker werdenden Gefühlen für Mirotan. Aber ich wollte meinen Gefährten nicht noch mehr verletzten und wollte ihn genau deshalb verlassen. Insbesondere, weil mich die Begierde nach Mirotan fast um den Verstand brachte. Sehnsucht konnte so grausam sein. Erneut fasste ich den Entschluss, endlich Klarheit zu schaffen, aber seine flehentliche Bitte brachte meine felsenfeste Entscheidung ins Wanken.

»Bitte, Kenjarg. Denk wenigstens darüber nach. Lediglich ein paar Tageslichter. Bitte.«

Auch wenn Efelis mein Zustand kaum entgangen sein dürfte, überhäufte er mich seit dem Kuss mit Zärtlichkeiten, die ich nicht abwehrte, obwohl es vermutlich klüger gewesen wäre. Auf die Art machte ich ihm unnötig Hoffnung. Aber ihn abzuweisen, brachte ich erst recht nicht über mich. Seelische Grausamkeit lag mir nicht … Von meinen Gefühlen ihm gegenüber ganz abgesehen … diese stille Verbundenheit, die mein Herz mit Wärme füllte.

Ich hätte Zeit zum Nachdenken finden sollen … Über mich, über Efelis, über unsere Verbindung … Meine Gedanken drehten sich aber beinahe ausschließlich um Mirotan. Alles, in der Tat gänzlich alles hätte ich dafür gegeben, ihm noch einmal alleine zu begegnen, aber immer befanden sich Efelis oder Saros in unserer Nähe. Wie abgesprochen …

Unsere Blicke bei diesen kurzen Begegnungen nahmen sie sicher dennoch wahr, auch wenn Efelis vorgab, sie zu ignorieren. Jeder dieser Blicke fachte das Sehnen in mir noch mehr an, verstärkte die Zuneigung, verschärfte aber gleichzeitig meine innere Zerrissenheit.

Meine mangelnde Entschlusskraft frustrierte mich mehr und mehr. Ich ärgerte mich, dass ich keinen Abschluss zustande brachte. Warum ging ich nicht endlich? Warum? Es wäre so viel leichter gewesen, wenn mir Efelis gleichgültig gewesen wäre, aber das war er nicht.

Jedes einzelne Tageslicht schien ewig zu dauern. Obwohl meine Gedanken auch weiterhin nur ein Thema kannten, scheute ich mich, die Konsequenzen zu ziehen. Ich fokussierte mich darauf, einen Weg zu finden, Mirotan allein zu treffen. Ohne über die Folgen nachzudenken, nachdenken zu wollen. Es war weiterhin wie ein Sog, ein schmerzhaftes Verlangen, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Die Besonnenheit, die mir gewöhnlich zu eigen war, verabschiedete sich beinahe vollständig. Immer unruhiger und fahriger versuchte ich meinen Gefährten abzuschütteln, meist erfolglos. Womöglich behielt er mich tatsächlich im Auge oder ich empfand es lediglich auf diese Weise. Es ärgerte mich, störte mich, frustrierte mich, aber ich änderte nichts daran. Weiterhin banden mich meine Gefühle an Efelis, wie Ketten. Nein, dieser Gedanke war ungerecht und auch unzutreffend. Aber … Warum begehrte ich einen anderen dennoch so sehr? Trotz meiner Gefühle für Efelis?

Gleichgültig … Ich musste Mirotan sehen. Ich musste einfach.

Erst nach einer endlos erscheinenden Zeitspanne kam es zu dem lang ersehnten Zusammentreffen. Während Efelis ein kühles Bad in den unteren Höhlen nahm, schlich ich mich zwischen den ganzen badenden und am Ufer ruhenden Xerks davon. Insgeheim hoffend, wenigstens dieses eine Mal Mirotan allein zu begegnen.

War es Glück oder Schicksal, dass er mir tatsächlich in einem Gang ohne seinen Gefährten im Schlepptau entgegenkam? Mein Herz schlug sofort schneller, zersprang fast in meiner Brust. Das Strahlen in Mirotans Gesicht, in seinen Augen …

Wir lächelten uns verständig an. Uns beiden war bewusst, dass wir nicht hier sein sollten. Dieses Treffen war bereits Betrug und es war verlogen. Efelis hatte eine Entscheidung verdient, aber sein trauriger Blick trieb mich stets aufs Neue in die Defensive.

Wir versanken ziemlich schnell in einem innigen, leidenschaftlichen Kuss, der dem Ersten um nichts nachstand. Mirotans Lippen berührten meine Schläfe, seine Hand wanderte unter meinen Hosenbund und legte sich um meine Erektion.

»Wir sollten nicht …«

Mit einem Stöhnen unterbrach ich meinen zurückhaltenden Satz, als Mirotans Griff um mein Glied fester wurde.

»Lass es zu«, flüsterte er mir ins Ohr.

Meine Stirn lehnte an seiner Schulter, während ich meine Hand in seine Hose schob. Mit den Lippen wanderte ich über seinen Hals, zurück zu seinem Mund. Dort berührten sich unsere Zungen erneut.

Langsam rieben wir uns unter fortwährendem Küssen gegenseitig. Als seine Hand schneller wurde, legte ich kurz stöhnend meinen Kopf in den Nacken. Wieder suchte ich seine Lippen, seine Zunge, wollte ihn spüren und schmecken. Ihn nicht mehr loslassen. Niemals. Alles in mir fühlte ihn, fühlte seine Nähe, roch seine Haut, sein Blut. Gierig küsste ich Mirotan noch inniger, intensiver. Rieb ihn ebenfalls schneller. Zeitgleich erreichten wir beide den Gipfel unserer Lust. Schwer atmend drückten wir uns enger aneinander. Niemand sagte ein Wort. Auch nicht, als wir uns einige Augenblicke später mühsam voneinander lösten.

Welch seltsame Macht Mirotan auch auf mich ausübte, ich war nicht fähig, mich ihr zu entziehen. Er brach mühelos jegliche Barrieren meiner gewohnten Beherrschung, auf die ich sonst so viel Wert legte. Und dennoch verlangte es mich lediglich noch mehr nach ihm, nach seiner Stimme, nach seinen Berührungen, seinem brennend heißen Blick.

Es war Zeit, meine Verbindung mit Efelis zu klären. Ich durfte ihn nicht länger hinhalten.

Gequält kniff Efelis die Augen zusammen, als ich unsere Höhle betrat. Der eindeutige Geruch verriet ihm nur allzu deutlich meine soeben genossene Lüsternheit.

»Du konntest nicht widerstehen«, eröffnete er resigniert.

»Verzeih mir. Ich bedaure, dass es derart weit gekommen ist.« Meine Zerknirschung war echt und meine Scham ebenfalls. Warum hatte ich unsere Beziehung nicht längst beendet? Ich hatte ihn dermaßen lange hingehalten … Seine Hände legten sich auf meinen Schultern. Er sah verzweifelt aus. »Bitte verlass mich nicht. Bitte!«

»Efelis, du hast gesehen, dass es sich nicht wie erhofft entwickelt. Ich würde dich stets von Neuem mit ihm betrügen. Das kannst du nicht wirklich wollen.« Ich hoffte, meine nüchternen Ausführungen würden ihn zur Einsicht bewegen, auch wenn ich einen schmerzhaften Stich dabei spürte. Es war auch für mich nicht leicht, sonst wäre ich diesen Schritt längst gegangen.

»Nein, selbstverständlich nicht.«Er schüttelte den Kopf und sah mir geradewegs in die Augen.»Aber ich würde akzeptieren, wenn du ihn ebenfalls als Gefährten hättest.«Efelis’ Blick und seine Gesichtszüge zeugten von seiner Entschlossenheit.»Verlass mich nur nicht!«

Seine Worte musste ich erst einmal begreifen. Das Angebot war zugleich verlockend wie irrsinnig. »Wir können nicht zu dritt …«

»Zu viert«,korrigierte er mich mit unerwarteter Schlichtheit.

Verwirrt starrte ich ihn an. »Zu viert?«

Efelis nickte langsam.

Meine Verwirrung schlug in grenzenlose Überraschung um. »Du hast mit seinem Gefährten gesprochen?«

»Ja. Oder er mit mir.«

Das war eine merkwürdige Entwicklung, mit der ich in keiner Weise gerechnet hatte. »Er ist einverstanden?«

»Ja. Welche Wahl bliebe uns denn sonst …«

Diese Auskunft brachte mich ins Grübeln. Sollte ich tatsächlich auf diesen Handel eingehen? Konnte diese Konstellation überhaupt reibungslos funktionieren? Wie würde Mirotan auf diesen Vorschlag reagieren?

Mit den Fingern fuhr ich mir durch die Haare. »Lass mich darüber nachdenken.«

Mirotan hatte weit weniger Bedenken bezüglich dieser Übereinkunft, als mir dazu in den Sinn gekommen waren. Im Grunde hatte er gar keine, was mich damals noch erstaunte, da ich ihn noch nicht näher kannte. Ich selbst fürchtete vor allem die Eifersucht der anderen beiden. Ob ich selbst welche verspüren würde, würde sich zeigen.

»Ich denke, wir könnten es versuchen«, stimmte ich Efelis schließlich zu.

***

Mirotan und ich brauchten aufgrund der Übereinkunft mit unseren Gefährten nicht mehr ständig auf ein unbemerktes Zusammentreffen hoffen. Jedes Mal beobachtete ich Efelis und seine Reaktionen, bevor ich zu Mirotan ging und wenn ich von diesem zurückkehrte. So sehr ich dem Frieden auch misstraute und nach Anzeichen von Missbilligung oder Eifersucht in seiner Mimik suchte, zu meiner Erleichterung entdeckte ich keine. Bei mir hatte sich ebenfalls noch kein Gefühl dieser Art geregt. Tatsächlich schien es die richtige Entscheidung für alle zu sein.

Die Begegnungen mit Mirotan hingegen glichen weiterhin einer Zusammenkunft von Sturm und Feuer. Er war der Untergang meiner Selbstbeherrschung und gleichzeitig erhob ich mich mit ihm in Höhen, von denen ich niemals angenommen hätte, dass es sie gab. Dabei hatten wir noch nicht einmal miteinander geschlafen.

Vor dem ersten Biss tat dies kaum jemand. Die Nähe und die Emotionen waren nach dem Blutteilen intensiver und überwältigender: Körperlich, seelisch und mental vereint. Der Biss war der entscheidende Vertrauensbeweis, auf den ich ungern verzichtet hätte.

Ich wollte Mirotan ganz und gar. Nicht nur seinen Körper.

Kapitel 3

Unsere Gefährten waren offenkundig gespannt darauf, wer von uns die Führung übernehmen würde. Für mich war es niemals zuvor fraglich gewesen, wer den ersten Biss ausführen würde. Keiner meiner bisherigen Blutbindungen hatte mir diesen Biss verweigert. Er klärte symbolisch die Rangfolge zwischen Coralmitgliedern.

Anschließend spielte diese Hierarchie keine Rolle mehr, zumindest nicht aus Sicht des Locan. Dennoch hatte sie für alle Coralmitglieder eine gewichtige Bedeutung. Dieser erste Moment, wenn der andere sich hingab, vertrauensvoll den Hals freilegte und sich fallen ließ.

Hingabe und Unterwerfung. Beinahe wie wir es bei unserem Locan taten.

Mirotan lag hingegen nichts ferner, als sich mir zu unterwerfen.

Mehrfach hatte ich schon eine entsprechende Geste an ihn gerichtet. Meine Zahnspitzen berührten dann bereits Mirotans Haut am Hals und ich hielt inne, um auf seine Zustimmung zu warten. Diese kam aber nicht.

Jedes Mal schüttelte er energisch den Kopf oder entzog sich mir.

»Vertraust du mir nicht?«, fragte ich bisweilen verstimmt.

Worauf er immer wieder entgegnete: »Selbstverständlich vertraue ich dir. Aber ich überlasse dir auf keinen Fall den ersten Biss!«

Ohne Zustimmung durfte ich seine Haut mit meinen Zähnen nicht einmal anritzen, geschweige denn zubeißen.

---ENDE DER LESEPROBE---