Farus-Chroniken III - Eisblau - Lucien Moutier - E-Book
SONDERANGEBOT

Farus-Chroniken III - Eisblau E-Book

Lucien Moutier

0,0
8,99 €
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Relios gerät den Xerks in die Fänge und findet sich als Sklave eines berüchtigten SicLocan wieder. Mit seinem schmerzvollen Tod rechnend gibt ihm das Verhalten des Xerks allerdings Rätsel auf und auch seine eigene Gefühlswelt gerät immer mehr ins Wanken. Scourean, sein Meister, wehrt sich verbissen gegen die unaufhaltsame Entwicklung, den Ruf des Blutes, ein Kampf, den beide Männer zu verlieren drohen ... und dann hält auch noch der eisige Tod Einzug ... Viele Lebenszeiten sind vergangen, in denen Candras unerbittlichen Krieg gegen die Menschen geführt hat. In den Hügeln trifft er auf eine Lebensweise, die ihm seinem tief verwurzelten Hass zum Trotz vollkommen fremd und zuwider ist: Sklaverei und Folter. Aber auch auf einen Geist aus seiner Vergangenheit ... Eine Begegnung, die all seine bisherigen Überzeugungen in den Grundfesten erschüttert und ihn vor eine Entscheidung stellt, die auch das Schicksal von Relios und Scourean besiegeln wird. Dich erwartet: Dunkelromantische Gay Fantasy ohne Kitsch Queere Figuren (Gay) Gestaltwandler Mehrere Erzähl-Perspektiven

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lucien Moutier

Eisblau

Die Autorin

Motiviert durch einen Song begann Lucien Moutier vor Jahren das erste Buch zu verfassen, aus dem letztlich eine ganze Trilogie werden sollte. Sie schreibt leidenschaftlich gerne (Dark) Gay Fantasy Romane, um eigene, erdachte Lebewesen und Welten zum Leben zu erwecken. In einige ihrer Texte lässt Lucien auch Bereiche des BDSM einfließen, dessen Intensität, Harmonie und Facettenreichtum sie als ungemein inspirierend empfindet. Wenn Lucien nicht schreibt, vertieft sich die Leseratte selbst in ein Buch, wandert durchs Grüne oder plant die nächste Reise.

Mehr über die Autorin:

www.facebook.com/lucienmoutierautor

www.instagram.com/lucien_moutier

Lucien Moutier im Kuneli Verlag

Farus-Chroniken I-III:

Schwarzrot

Smaragdgrün

Eisblau

Sammelband (2024)

Lucien Moutier

Eisblau

Farus-Chroniken

Band III

Dunkelromantische Gay Fantasy

Kuneli Verlag

Originalausgabe April 2024

Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main

Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Alle Rechte vorbehalten.

1. Auflage (April 2024)

Redaktion: Sonja Becker

Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main

Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com

ISBN 978-3-948194-16-1

www.kuneli-verlag.de

Kapitel 1

Südliches Hügelland

Relios

Sie kamen von allen Seiten. Zusammen mit meiner Gemeinschaft versuchte ich mich hinter den übriggebliebenen Mauern der Ruine zu verschanzen, aber wir würden die Stellung nicht lange halten können, sollten sie zu uns durchdringen. Ich wusste nicht genau, was uns erwartete, wenn die Xerks uns erwischten. Niemand von uns wusste das. Der Tod schien am Wahrscheinlichsten. Das Risiko schwebte jedes Tageslicht über unseren Köpfen, aber jetzt, wo es vermutlich gleich so weit sein würde, stand uns allen die Angst ins Gesicht geschrieben. In meiner Furcht hoffte ich dennoch, dass vielleicht noch irgendein Wunder geschehen oder es wenigstens schnell gehen würde.

Panisch waren wir in die entlegeneren Räumlichkeiten geflohen, als wir sie von Weitem hatten herannahen sehen. Kaum einer wagte, auch nur zu laut zu atmen, trotzdem hörte ich, wie sie in das Gemäuer eindrangen und es durchsuchten.

Wir verkrochen uns in den letzten, noch halbwegs intakten Raum dieses heruntergekommenen Gebäudes. Weit entfernt von dem anderen, kleinen Unterschlupf, wo die Schwächsten von uns sich versteckt hielten. Mit einem herumliegenden, bereits modrigen Balken versperrten wir den Eingang, der die Xerks bestimmt nicht lange aufhalten würde. Keiner von uns hatte eine Waffe, mit der er sich würde verteidigen können. Lediglich mit ein paar angespitzten Stöcke, kleinen Holzäxten und einer Handvoll Messer bezogen wir einige Manneslängen von der Tür entfernt Aufstellung. Mit meinem Stock kam ich mir armselig und schutzlos vor. Aber ich hatte keine andere Wahl, es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr. Wir mussten entweder kämpfen oder aufgeben. Letzteres kam nicht in Frage. Wenn ich schon sterben sollte, dann aufrecht und keinesfalls ohne Gegenwehr.

In Angst und mit dem Mut der Verzweiflung scharten sich die letzten sechzehn Menschen meiner Gruppe um unseren Anführer. Die Türen der Halle knarrten verdächtig unter den fortwährenden Angriffen der Xerks, erste Risse bildeten sich, bis endlich mit einem Krachen sowohl der Balken als auch die Türen einbrachen.

Zitternd starrte ich den hereinströmenden Xerks entgegen. Wendige, kräftige Tiere, die sicher kurzen Prozess mit uns machen würden.

Trotz unserer aussichtslosen Lage versuchten wir, uns zu verteidigen. Verzweifelt stürzte ich mich ihnen entgegen. Erfolglos. Keine unserer provisorischen Waffen übte auch nur die geringste Wirkung auf die Bestien aus. Mein Herz raste. Um mich herum nahm ich nur Grollen und Knurren wahr. Kurzweilig empfand ich lähmende Angst, die in Hoffnungslosigkeit umschlug. Dennoch stach ich auf die Tiere ein. Krallen, Zähne, Fell, alles um mich herum verschwamm zu einer einzigen, kämpfenden Masse. Ein Grizzly schlug mir plötzlich mit einem einzigen Hieb meinen Stock aus der Hand. Mit vor Panik geweiteten Augen stand ich ihm direkt gegenüber. Ich war mir absolut sicher, dass nun der finale Schlag folgen würde.

Der befürchtete Tod kam allerdings nicht. Für niemanden von uns. Nur wenig später saßen oder lagen wir alle am Boden, zu eingeschüchtert, um weitere Gegenwehr zu riskieren. Bis auf ein paar wenige Kratzer waren wir alle unverletzt.

Warum haben sie uns verschont? Wozu? Was haben sie mit uns vor? Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und starrte die Tiere lediglich wie versteinert an.

Was als nächstes folgte … Ich konnte die Xerks nur mit Erstaunen und Faszination beobachten. Die Pfoten samt Klauen, Ohren und Schnauzen verkleinerten sich, das Fell wurde kürzer, zog sich immer mehr zurück und wich letztendlich glatter Haut. Gesichtszüge und Körperbau veränderten sich, gingen ins Menschliche über, bis sich die Xerks als Menschen aufrichteten. Sie sahen aus wie wir. Nackt zwar, aber sie wirkten wie Menschen. Ich konnte es kaum glauben. Wie eine lebendig gewordene Legende, wenn auch eine Albträume verursachende Legende. Einzig ihre Augenfarben und die merkwürdige, schwarze Zeichnung auf ihrer nackten Haut, unterschied sie äußerlich von uns.

Von diesem Schauspiel gefangen bemerkte ich erst sehr spät, dass einer der Xerks, ein Schwarzhaariger mit stechenden, silbernen Augen, direkt auf mich zusteuerte. Er zeigte mit dem Finger auf mich. »Name?!«

Sie sprechen! Sie können tatsächlich sprechen!

Ich konnte ihn lediglich fassungslos anstarren. Bis zu diesem Augenblick hatte ich diesem Mythos nicht den geringsten Glauben geschenkt.

Der Xerk packte mich angesichts meines Schweigens im Genick und drückte schmerzhaft zu. »Beantworte meine Frage!«

Seine Hand in meinem Nacken fühlte sich ebenfalls menschlich an. Normale Haut. Keine Schuppen oder Fell.

Vor Fassungslosigkeit dachte ich gar nicht daran, ihm zu antworten. Sein Griff verstärkte sich so sehr, dass ich vor Schmerz laut aufstöhnte. Angst kroch erneut in meine Adern.

Ob er mich nun doch töten wird? Weil ich ihn wütend gemacht habe?

Er beugte sich zu mir herunter. Mit zorniger Härte in der Stimme raunte der Xerk mir ins Ohr: »Du bist wohl einer von der widerspenstigen Sorte! Muss ich dir erst Schmerzen zufügen, damit du redest?!«

Mein Geist war so von seiner Drohung vereinnahmt, dass es mir die Kehle zuschnürte. Ich versuchte, mich wieder zu fangen, um ihm endlich die gewünschte Auskunft zu geben.

Es verging nur ein Augenblick, doch der Xerk wurde bereits ungeduldig. »Beantworte meine Frage!« Die Schärfe in seiner Stimme klang beinahe wie ein Fauchen. Seine Krallen bohrten sich schmerzhaft in die Haut und das Fleisch in meinen Nacken. Als wenn dies nicht schon genug Pein verursachen würde, spürte ich wenige Augenblicke später das zweite paar Krallen im Rücken, rechts und links von meiner Wirbelsäule. Immer tiefer fühlte ich die Spitzen in mein Fleisch eindringen, unkontrolliert jagte der intensive Schmerz durch meinen Körper. »Wirst du nun gehorchen, Sklave?! Oder muss ich dir erst wahrhaftig wehtun?!« Er zog die Krallen zurück.

Wahrhaftig?! Wenn diese Behandlung nur ein Vorgeschmack war, mochte ich die Steigerung sicher nicht kennenlernen … »Relios«, kam mir mühsam über die Lippen.

»Relios … Wer ist euer Anführer?«

Was würde mit Hekatis geschehen, wenn ich die Wahrheit sagte? Er war wie ein Vater für unsere zusammengewürfelte Gruppe. Obwohl er lediglich ein paar Lebenszeiten älter als ich selbst war. Gerade einmal die dreißig hatte er überschritten. Ich konnte ihn nicht einfach ausliefern. Mein Schweigen war allerdings auch keine Lösung.

»Deine Widerborstigkeit werde ich dir schon austreiben«, zischte der Xerk und versenkte seine Krallen erneut in meinem Fleisch. Diesmal ließ er mich mehrere Augenblicke lang vor Schmerzen schreien, bevor er die Klauen zurückzog.

Als ich endlich wieder Luft holen konnte, schloss ich verzweifelt die Augen und zeigte mit dem Finger auf Hekatis.

Das schien den Xerk erst einmal zufriedenzustellen. Er ließ mich los und schritt auf unseren Anführer zu. Auch Hekatis entlockte er seinen Namen, der ihn allerdings klugerweise zügig preisgab. Seine nächste Frage löste allerdings Nervosität in mir aus.

»Seid ihr die letzten eurer Gruppe?«

Wie wir alle wussten, waren wir es nicht. Sieben von uns versteckten sich noch. In den Gesichtern der anderen las ich die erhöhte Anspannung, die vermutlich meiner glich.

Ohne zu zögern bestätigte Hekatis dennoch mit einem Nicken die Frage.

Knurrend hielt der Xerk seine bekrallte Hand vor das Gesicht unseres Anführers. »Selbst jetzt lügst du noch!« Seine Stimme senkte sich bedrohlich. »Aber das wird dir auch nichts mehr nutzen, denn dem anderen Problem haben wir uns bereits angenommen.«

Unsicher richtete Hekatis das Wort an den Xerk:»Was meint Ihr?«

Ein leichtes Zucken spielte um seine Mundwinkel. »Jene Handvoll Alte und Kinder, die ihr in diesem kleinen, verborgenen Unterschlupf versteckt hattet.«

Entsetzt riss ich die Augen auf. Der Rest meiner kleinen Ersatzfamilie, waren sie etwa …? Auch die anderen Gefangenen keuchten bestürzt auf. »Wo sind sie? Was habt ihr mit ihnen gemacht?!«, kreischten einige.

Ein bösartiger Blick begleitete seine Antwort: »Sie waren nutzlos.«

Vermehrtes Aufschluchzen aus unterschiedlichen Richtungen antwortete ihm. Ich musste angesichts dieser gnadenlosen Vorgehensweise hart schlucken. So lange waren wir eine kleine Gemeinschaft gewesen und nun waren wir auseinandergerissen worden. Auf die denkbar schrecklichste Weise.

»Bestien!«, entfuhr es leise den Lippen unseres Anführers.

Als Antwort gruben sich die Krallen des Xerks in seinen Rücken.

Ich spürte Hekatis’ Schreie im ganzen Körper.

Mit vor Zorn bebender Stimme zischte der Xerk: »Jetzt, wo es eure Gefolgschaft trifft, messt ihr dem Morden Bedeutung zu! Jetzt! Aber Hunderte Lebenszeiten lang waren es unsere Nachkommen, unsere Gefährten! Hat unser Leid euch etwa berührt?! Hat es euch von irgendetwas abgehalten?!«

Ich schluckte erneut, doch mein Mund war ausgetrocknet. Mir fiel kein Argument ein, mit dem ich seine Worte hätte entkräften können, und unserem Anführer offenbar ebenso wenig.

Der Xerk strich ihm mit den Krallenspitzen über die soeben malträtierte Stelle. »Nein, hat es nicht …«, gab er sich selbst die ernüchternde Antwort.

Hekatis kniff die Augen zusammen, als er die Berührung auf der Haut spürte. Angespannt erwartete er anscheinend, dass der Xerk ihm erneut wehtun würde.

»Bevor ich es vergesse: Solltest du jemals von Neuem einen von uns mit diesem Ausdruck betiteln, werde ich höchstpersönlich dafür sorgen, dass du es bereust!« Blitzschnell versanken seine Krallen erneut in Hekatis’ Rücken. Seine Schreie fuhren mir bis ins Mark und sie schienen kein Ende mehr zu nehmen. Als der Xerk endlich von ihm abließ, lag Hekatis gekrümmt und vor Schmerzen zitternd am Boden. »Hast du das verstanden?!«

Zu mehr als einem Nicken war unser Anführer nicht mehr in der Lage.

»Genug mit deinen Wehklagen!« Erneut fixierte der Xerk den am Boden Liegenden. »Kennst du die Namen aller hier anwesenden Menschen?«

»Ja.« Obwohl er lediglich noch ein gehauchtes Flüstern von sich gab, konnte ihn der Xerk ohne Probleme verstehen. Ich selbst las seine Antwort lediglich von seinen Lippen ab.

»Benenne jeden Einzelnen. Ein Sklave hat nicht das Recht, seinen Namen im Verborgenen zu halten. Ein Sklave hat keinerlei Rechte. Gewöhnt euch besser schnell daran!«

Sklaverei? War dies sein Ernst? Niemals hatte eine Erzählung erwähnt, dass Xerks Gefangene machten oder Menschen versklavten. Auslöschung schien ihr einziges Ziel …

Was bedeutete das genau für uns?

Ich war mir nicht sicher, ob ein schneller Tod nicht die bessere Alternative wäre …

***

Die Xerks hatten uns mit Seilen aneinandergebunden, jeweils das rechte Bein mit mindestens einer anderen Person verknüpft. Ein Fluchtversuch wäre zwar ohnehin ein schwieriges Unterfangen geworden, aber nun war er schlichtweg unmöglich. Immerhin waren die Seile lang genug, um einen halbwegs schnellen Schritt zu gewährleisten. Die Xerks trieben uns erbarmungslos an. Ich dachte flüchtig an die Alten und Kinder, die diesen Gewaltmarsch sicher nicht durchgestanden hätten. Ein schmerzhafter Gedanke, den ich jedes Mals schnell wieder verdrängte.

Wie haben die Xerks uns bloß aufgespürt? Wir sind so vorsichtig gewesen!

Ständig hatten wir die Unterkunft gewechselt, waren weitergezogen, immer weiter. Meist hausten wir in den Ruinen, die von den früheren Zufluchten der Menschen geblieben waren, nachdem diese die Xerks überrannt hatten. Manchmal wohnten wir in selbsterrichteten Laubhütten, wenn man einige aufgerichtete Stämme und Äste bedeckt mit Blättern als Hütte bezeichnen konnte. Für feste Behausungen hatten wir keine Zeit. Jedes Lager durfte immer nur kurzweilig sein. Nie mehr als ein paar Tageslichter. Und nun hatten sie uns dennoch aufgespürt und gefangen genommen.

Frustriert starrte ich auf den Boden und den Rücken von Hekatis, der direkt vor mir lief. Mit jedem weiteren Schritt wuchs meine Angst. Die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor den Xerks. Angst, weil ich keine Vorstellung davon hatte, was sie unter Sklaverei verstanden.

Viel wusste ich nicht über die Bestien und das, was ich diversen Erzählungen oder Gerüchten entnommen hatte, trug nicht zu meiner Beruhigung bei. Sie wurden als grausam und gnadenlos beschrieben. Einige von ihnen hatten vor vielen Lebenszeiten den Krieg begonnen, der uns Menschen in unsere prekäre Lage versetzt hatte. Der Legende nach war ihr Anführer ein Eisbär mit Augen wie Schnee, durch die hellblaue Kälte hindurchschien.

Warum sie über uns Menschen hergefallen waren, war nicht überliefert. Es soll schon vor dem Krieg kleinere Kämpfe bei Zufallsbegegnungen gegeben haben, Auseinandersetzungen, die kaum der Rede wert waren. Nichts, das den Krieg und die anschließende Jagd auf uns mit dem Ziel der totalen Vernichtung gerechtfertigt hätte.

Schauermärchen berichteten, dass der Eisbär noch immer mit seiner Armee durch die Lande zog, und Tod und Vernichtung in entfernte, besiedelte Gebiete brachte. Dieser Xerk müsste weit über hundert oder gar zweihundert Lebenszeiten gesehen haben, wenn nicht sogar mehr.

Dass er noch lebte, erschien mir unwahrscheinlich, dennoch musste ich jetzt mit wachsender Angst an diese Möglichkeit denken. Um ihn und seine Grausamkeit rankten sich Geschichten …

Ruhig, ganz ruhig! Durchatmen … langsam ein und aus. Nicht die Nerven verlieren. Nicht schon jetzt!

Ich stolperte unkonzentriert über meine eigenen Füße, wurde hochgerissen und grob weitergeschubst.

Kapitel 2

Nördliche Flussregion

Kenjarg

Ein Pfeilhagel prasselte auf die Xerks nieder. Erfolglos versuchten sie, die Mauern der Burg zu erklimmen. Ein paar Hartgesottene klammerten sich, obwohl von Treffern verwundet, immer noch eisern an den Stein. Das Gift schwächte sie zusehends. Von oben stachen die Menschen mit Schwertern und Speeren nach den Wenigen, die es in ihre Reichweite geschafft hatten.

Eine weitere Gruppe Xerks stürmte in Richtung Burgmauer. In ihrer tierischen Gestalt übersprangen sie den tiefen, breiten Graben, der mit vergifteten Stacheln gespickt war. Die Bogenschützen verharrten, lauerten auf den Moment der Verwandlung. Die Xerks hatten keine Wahl: Wenn sie die Mauer überwinden wollten, mussten sie es in menschlicher Gestalt tun.

Gekonnt wichen einige den Pfeilen aus, andere waren weniger glücklich und bekamen augenblicklich die Wirkung des Turangifts zu spüren. Wenn sie es ganz nach oben schaffen würden, ohne getroffen zu werden, wenigstens eine Handvoll von ihnen, wären die Menschen chancenlos. Aber bisher war kein Xerk auch nur in die Nähe der Zinnen gekommen, geschweige denn darüber hinaus.

Der nächste Schwall Xerks krallte sich in die Steinblöcke. Sie kletterten unter stetigem Pfeilbeschuss hinauf. Die Getroffenen zuckten zusammen, ließen aber nicht los, doch unter der schnellen Wirkung des Giftes kamen sie nur noch langsam voran. Die Xerks waren noch nicht zur Aufgabe bereit. Unerbittlich griffen sie weiter an.

Unerwartet zogen sich die Schützen zurück und hinterließen eine Lücke. Skeptisch beobachtete Kenjarg von seiner Position aus das seltsame Geschehen. War dies die erhoffte Gelegenheit? Doch schon näherten sich andere Personen in Paarungen den freigewordenen Positionen und hievten mühsam große Bottiche auf die Zinnen. Mit einem kräftigen Stoß ergoss sich aus den Behältern eine Flüssigkeit auf die Angreifenden, die die Mauer zu erklimmen versuchten. Einige fielen sofort schreiend herunter. Ihre Haut war von Verletzungen übersät, die das offenbar kochende Gift ihnen zugefügt hatte. Viele von ihnen krümmten sich leidend am Boden. Wenn sie nicht torkelnd und vom Gift geblendet im Graben landeten und elendig verendeten, nachdem sie von den Stacheln aufgespießt wurden.

Betroffen drehte Kenjarg den Kopf weg.

Endlich rief ihr SicLocan zum Rückzug und die anderen Locan folgten seinem Befehl. Die Verletzten waren nicht in der Lage, sich zurückzuziehen oder zu fliehen. Der Pfeilhagel setzte von Neuem ein. Mirotan atmete erleichtert neben ihm aus, als einige Xerks in Tiergestalt zu den Verwundeten vorpreschten und die Verletzten mit ihren Körpern abschirmten. Ihren Tieren konnten die Menschen kein Leid zufügen.

Mit starrem Blick beobachtete Mirotan die leidvolle Szenerie. Sanft legte Kenjarg seine Hand auf dessen Schulter. »Es ist nicht deine Schuld«, sprach er ruhig in seinem Geist.

Geradezu tonlos gab sein Gefährte zurück: »Doch, ist es.«

Wenn die Xerks mit derartigen Schwierigkeiten und erfolgreichem Widerstand konfrontiert wurde, und sie Verletzte oder Tote zu beklagen hatten, verfiel Mirotan in düstere Stimmung und quälte sich mit Schuldgefühlen. Zwar schickte er die Xerks nicht selbst in die Schlacht, aber er sorgte mit seiner Gabe dafür, dass ihre Motivation und Moral erhalten und sie Candras treu ergeben blieben. Ihre Gedanken und Gefühle zu beeinflussen war seine Aufgabe. Eine unglaublich anstrengende, kräftezerrende Aufgabe, die ihn erschöpfte und auslaugte, körperlich wie seelisch.

Sieht Candras dies nicht oder ist es ihm gleichgültig? Diese Frage stellte sich Kenjarg nicht zum ersten Mal. Noch vertraute er allerdings der weisen Führung seines SicLocan.

An den Kämpfen durfte Mirotan selbstverständlich nicht teilnehmen, dafür war sein Gefährte ihrem SicLocan zu wertvoll. Womöglich hätte Candras ohne Mirotan überhaupt keinen Krieg mehr führen können. Der Unmut des Corals wäre irgendwann zu stark geworden und somit auch der Unmut der anderen Locan und Xerks, die sich ihm und seinem Krieg angeschlossen hatten. Dessen war sich Kenjarg recht sicher. Mirotan war unentbehrlich für Candras geworden, dennoch nahm dieser keinerlei Rücksicht auf dessen körperliche und seelische Unversehrtheit. Kenjarg wollte nicht in Zweifel verfallen, doch Mirotans Befinden bereitete ihm Sorgen. Sehr sogar.

Schon vor vielen Lebenszeiten hatte seine Gabe Mirotan in den engsten Vertrautenkreis befördert. Diese Ehre bedeutete aber auch noch mehr Aufgaben und Verpflichtungen, noch mehr Last auf den Schultern seines Gefährten.

Kenjarg hatte später ebenfalls den Weg in diesen Kreis geschafft. Lange Zeit war er lediglich Teil einer Aufklärungsgruppe gewesen. Mittlerweile führte er diese an. Sie erkundeten neue Gebiete, die Art und Weise, wie die Menschen dort lebten und die möglichen Schwachstellen ihrer Unterkünfte und Stellungen. Natürlich standen sie dabei unter dem Kommando ihres SicLocan, aber Candras wusste Kenjargs Ratschläge zu Angriffsstrategien zu schätzen. Offenbar hatte er ein Talent dafür, die Ausgangslage und ihre mögliche Taktik richtig einzuschätzen.

Bei dieser Burg war Kenjarg allerdings ratlos. Die Xerks hatten gelernt Bauwerke dieser Art zu hassen. Wie leicht waren die Zufluchten in den Wäldern zu erobern gewesen. Bisweilen waren sie sogar auf Orte gestoßen, die noch weniger befestigt waren als die Zufluchten. Schnelle, kurze Angriffe ohne nennenswerte Verletzungen oder Verluste. Schließlich waren sie aber immer wieder auf diese riesigen Festungsanlagen gestoßen und damit hatten die Probleme begonnen. Seitdem war ihr Siegeszug ins Stocken geraten. Kenjarg hätte es gleichgültig sein können, immerhin durfte er sich aus naheliegenden Gründen ebenfalls nicht an den Kämpfen beteiligen. Er musste sich zurückhalten, abwarten und ausharren. Sein möglicher Tod hätte sonst auch Mirotans Schicksal besiegelt. Die Farus-Symbiose hätte seinen Gefährten zum Selbstmord verdammt, und das wollte ihr SicLocan keinesfalls riskieren. Dass Candras Mirotan derart intensiv beanspruchte, war dennoch ein Problem.

Kenjarg seufzte. Wieder einmal würde Mirotan das Coral bei Laune halten müssen. Zumindest jene Xerks, die mit ihm in einer Blutverbindung standen. Aber das waren schon mehr als genug.

Candras und sein Krieg gegen die Menschen … So viele Xerks hatten sich ihnen während dieser langen Zeit angeschlossen. So viele … Und solange zumindest die Moral von Candras’ Coral nicht sank, würden ihm offenbar auch alle anderen weiterhin folgen.

Kenjarg selbst hasste Menschen, bis auf diese eine Ausnahme, damals, aber das war schon Ewigkeiten her. Der Gedanke erinnerte ihn unangenehm an seinen ersten SicLocan. Trotz der vielen, vergangenen Lebenszeiten und seiner mittlerweile starken Loyalität zu Candras versetzte ihm diese Erinnerung immer noch einen Stich ins Herz. Deejen war einfach anders gewesen. Sein Locan, sein wahrer, selbst gewählter Locan.

Wobei auch Deejen Mirotans Fähigkeit für sich genutzt hatte. Auch bei Deejen hatte sie ihn schnell in den engsten Kreis gebracht. Bei Candras hatte es nur ein wenig länger gedauert.

Was hat sich das Blut nur dabei gedacht, Mirotan mit dieser Gabe zu verfluchen? Als wenn sein Aussehen nicht schon genug Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Nein, dann muss es auch noch eine besondere Gabe sein.

Kenjarg wäre fast versucht, bisweilen an der Weisheit des Blutes zu zweifeln. Wenn er dann wieder an seinen Gefährten und die Farus-Symbiose dachte … Der Gedanke ließ ihn unwillkürlich lächeln. Diese Entscheidung war von Weisheit geprägt. Keine Verbindung könnte passender sein. Sie beide und ihre Leidenschaft nicht nur füreinander, sondern auch für diese speziellen Spiele. Mirotans Schmerz und Unterwerfung. Obwohl er alles andere als unterwürfig ist.Aber er genießt es, wenn ich ihn in die Knie zwinge und ihn an seine Grenzen treibe. Oder darüber hinaus. Aber das musste leider warten. Wie so oft in den vergangenen Lebenszeiten.

Erneut entrang sich ihm ein Seufzen. Es war unglaublich anstrengend eine derart große Anzahl Xerks in so kurzer Zeit zu beeinflussen. Danach fiel Mirotan meistens entkräftet in seine Arme.

Er hielt ihn dann einfach nur wortlos fest, sie verharrten eng aneinander geschmiegt, den Körper und die Haut des anderen spürend. Einfach nur eins mit seinem Gefährten. Mirotans Wange an seiner eigenen, der warme Atem an seinem Hals und Nacken. Halt und Ruhe. Selbst wenn es ein halbes Tageslicht dauerte, bis sein Gefährte sich wieder erholte. Manchmal streichelte Kenjarg ihn ganz sanft dabei, aber meistens lag Mirotan einfach nur in seiner Umarmung bis der Schwindel und die Erschöpfung nachließen. Lediglich diese Berührung konnte Mirotan in diesen Momenten ertragen. Jedes Wort, jeder Laut, jede noch so kleine Störung wäre zu viel gewesen.

***

Als er Schritte vernahm, löste sich Kenjarg langsam von Mirotans Körper und stand auf. Vor ihrem provisorischen Unterschlupf tauchte Candras auf, der erst einen Blick auf ihn und dann auf seinen Gefährten warf.

»Er schläft.« Eigentlich eine überflüssige Information, immerhin war Candras nicht blind, aber Kenjarg hatte sie dennoch gedanklich übermittelt. Er wollte verhindern, dass sein SicLocan darauf bestand Mirotan zu wecken.

Er trat näher an Candras heran. »Gebt ihm ein wenig Zeit. Er ist wirklich sehr ausgelaugt. Ich weiß, er würde Euch nie darum bitten, deshalb bitte ich Euch um ein wenig Erholung für ihn.« Kenjarg senkte den Kopf. Es lag ihm fern, forsch oder gar herausfordernd zu wirken. Nach einer derartigen Niederlage war sein SicLocan besonders leicht reizbar.

Candras’ Blick ruhte auf ihm. Vermutlich wegen seiner eigenen Anspannung kam ihm der Augenblick sehr lange vor. Endlich nahm Kenjarg ein kurzes Nicken wahr. »Er soll sich ausruhen. In ein paar Tageslichtern sehen wir weiter.«

»Danke, mein SicLocan.«

Vorsichtig legte Kenjarg sich wieder neben seinen Gefährten und schob sanft seinen Arm unter Mirotans Hals. Mit dem anderen umschlang er seinen Oberkörper. Mirotans Lider zuckten, aber er wachte nicht auf. Jetzt würde sie vermutlich niemand mehr in dieser kleinen Felsnische stören, die einer Höhle ähnelte, aber auch nur beinahe.

Früher wäre Saros vielleicht irgendwann erschienen. Warum muss ich jetzt an Saros denken? Das war Vergangenheit. Sie waren immer noch Vertraute, teilten Blut miteinander, allerdings waren sie keine Gefährten mehr. Saros hatte sich vor vielen Lebenszeiten von ihnen losgesagt.

Die Farus-Verbindung zwischen Kenjarg und Mirotan war, wie nicht anders zu erwarten, immer enger geworden. Die Gefühle tiefer. Sie gehörten zusammen. Sie waren eins. Für immer. Kein anderer Xerk konnte jemals diese Bedeutung erlangen. Saros hatte sich zwischen ihnen nicht mehr wohlgefühlt, war sich wie ein lästiges Anhängsel vorgekommen. Obwohl sie versucht hatten, ihn nicht auszuschließen.

Womöglich spielte auch eine Rolle, dass Efelis sie nicht mehr ergänzte. Sein Tod hatte eine klaffende Lücke in ihrer ehemals wunderbar funktionierenden Viererverbindung hinterlassen. Durch ihre gemeinsame Zeit in den Bergen waren Saros und er recht eng zusammengerückt. Sein Entschluss schmerzte Kenjarg ebenso sehr wie Mirotan. Allerdings fiel auch Saros die Entscheidung nicht leicht. Er liebte sie beide immer noch und sie ihn. Bis heute hatte sich dies nicht geändert. Gefühle ließen sich nicht einfach abstellen. Das machte es umso schwerer für alle.

Aber Saros hatte sich nicht mehr von seinem Entschluss abbringen lassen und war gegangen. Eine ganze Weile hatte er sie sogar gemieden. Es waren zu viele Erinnerungen, zu viele gemeinsame Erlebnisse und definitiv noch zu viele Gefühle im Spiel. Mittlerweile konnten sie sich zum Glück wieder annähern, ohne dass es allzu sehr schmerzte. Sie gingen achtsam miteinander um, auch beim Blutteilen, um keine alten Wunden aufzureißen.

Die Trennung schmerzte dennoch noch immer.

***

Irritiert fragte sich Mirotan bereits, warum Candras ihn nicht erneut beauftragte, obwohl sie immer noch nicht in die Burg eingedrungen waren. Das war sehr ungewöhnlich und wich von seiner üblichen Routine ab. Eher beiläufig erwähnte Kenjarg deshalb die kurzweilige Erholungspause.

Eigentlich wollte er vermeiden, dass Mirotan von seiner Intervention erfuhr, aber sein Gefährte verdächtigte ihn sofort. »Gib es zu, du hast ihn dazu gebracht.«

»Vielleicht habe ich ein wenig nachgeholfen«, gestand er zögerlich.

»Glaubst du etwa, ich brauche Ruhe?« Er klang ungehalten. Verlegen sah Kenjarg zur Seite, was Mirotan amüsiert lächeln ließ. »Wohlmöglich musst du deine Ansicht deutlicher zum Ausdruck bringen. Es könnten schlagende Argumente vonnöten sein.«

Er unterdrückte jede sichtbare Reaktion auf Mirotans Anspielung, ebenso gewaltsam wie seine aufkeimende Lust. Kenjarg hätte leidenschaftlich gerne sein Verlangen gestillt, ihn geschlagen oder irgendeine andere Form von Schmerz zugefügt. Bekümmert verbot er sich, weiter darüber nachzudenken. Sein Gewissen ließ es nicht zu. Dafür liebte er Mirotan viel zu sehr, als dass er sein Verlangen über dessen Unversehrtheit gestellt hätte. Diese war ohnehin bereits zu Genüge angekratzt.

»Also sind wir uns einig«, erwiderte Kenjarg lediglich beherrscht.

Als er sich abwandte, packte Mirotan ihn am Arm. »Was ist mit dir los? Du weichst mir seit Ewigkeiten aus. Ich sehe doch, dass du eigentlich willst.«

Kenjarg hatte gehofft, seine Lust verbergen zu können, aber natürlich hatte sein Gefährte ihn durchschaut. Seufzend blickte er Mirotan an. Wie blass er derzeit war. So blass und in seinen hellgrünen Augen fehlte der freudige Glanz. Es tat seiner Schönheit keinen Abbruch. Nichts würde das jemals erreichen, für ihn selbst schon gar nicht. Für ihn war Mirotan ausnahmslos immer atemberaubend schön. Innerlich wie äußerlich. Dennoch sah Kenjarg ihm die Anstrengungen der letzten Zeit an. »Und ich sehe, dass es dir schlecht geht.«

Mirotan erwiderte verständig seinen Blick und lockerte gleichzeitig seinen Griff. Letztlich ließ er los und strich gefühlvoll mit den Fingerspitzen über Kenjargs Schläfen, setzte den Weg fort durch seine Haare und endete in seinem Nacken. »Ich brauche das. Ich brauche dich. Mehr als du dir jemals vorstellen kannst. Bitte stoß mich nicht ständig von dir.«

Ein warmes, inniges Gefühl breitete sich in ihm aus, flutete seinen gesamten Körper. Selten sprach Mirotan derart direkt von seinen Wünschen oder Gefühlen. Meistens hüllte er vieles in Ironie, Sarkasmus oder Sticheleien. Bisweilen, wenn er Kenjarg verführte, teilte er ihm zwar auch indirekt über geistige Bilder und Fantasien mit, wonach es ihn verlangte. Aber offen aussprechen … Umso mehr überwältigten ihn seine Worte.

Mit den Lippen berührte Kenjarg seine Stirn, küsste den Haaransatz entlang, bevor er leise in Mirotans Ohr flüsterte: »Das war nicht meine Absicht. Ich will dir bloß nicht … schaden.«

Es widerstrebte ihm, Mirotan in dessen Zustand auch noch Schmerzen zuzufügen. Obwohl Kenjarg oft sehnsüchtig daran dachte, davon träumte, sich förmlich danach verzehrte. Er wollte Mirotan so sehr, dass es wehtat, aber nicht, wenn sein Gefährte einen zu hohen Preis dafür bezahlte. Beschwichtigend fügte er hinzu: »Mir fehlt unser Spiel doch auch, aber …«

»Mach dir nicht so viele Gedanken«, unterbrach Mirotan ihn, während er sein Gesicht an Kenjargs Wange rieb und ihm letztlich vorsichtig ins Ohrläppchen biss.

Die Berührung ließ Kenjarg nicht kalt, sein Atem wurde bereits schwerer. Dennoch zweifelte er, ob es klug wäre, nachzugeben. Sein Gefährte ging nur allzu gerne über Grenzen hinaus. Auch über seine eigenen. Gerade deshalb war Kenjarg besorgt.

»Tue es einfach. Bitte«, hauchte ihm Mirotan ins Ohr und jagte damit heiße Schauer über seinen Rücken.

Lust und Zweifel fochten einen kurzen, ungleichen Kampf, als Mirotans Lippen seinen Hals entlangwanderten. Dann schob Kenjarg die Vernunft endgültig beiseite.

Kapitel 3

Südliches Hügelland

Relios

Von Xerks eingekreist und von den Fesseln befreit standen wir in einer riesigen Höhle. Bei uns befanden sich dreißig andere, uns fremde Menschen, denen das Schicksal der Gefangenschaft wohl ebenfalls nicht erspart geblieben war.

In ihrer Menschengestalt begutachteten uns die Xerks mit seltsamen Blicken. Mancher kam näher heran und musterte uns eindringlich, wie ein Stück Fleisch, dessen Frische es zu beurteilen galt. Die Prozedur war mir äußerst unangenehm und ich lenkte meine Konzentration auf unsere Umgebung.

Seltsame hellblaue und grüne Steine in den Felswänden sonderten gerade genügend Helligkeit ab, um schemenhaft drei Eingänge im schalen Licht zu erkennen. Die Xerks hatten uns durch unzählbar viele Höhlen, Steinpfade und Felsgänge hierhergetrieben. Offenbar lebten sie in ausschweifenden Höhlensystemen. Dunkle, kalte und enge Stellen hatten sich mit gigantischen Höhlungen abgewechselt. Wir befanden uns tief in einem Labyrinth aus Höhlen. Steine, überall nur Gestein und Fels.

Die Erkenntnis war allerdings weniger beklemmend als unsere gegenwärtige Situation.

Die Xerks wurden stetig zudringlicher, fassten einige von uns sogar an. Schließlich deuteten sie vereinzelt Menschen heraus, um ihn oder sie anschließend mitzunehmen. Sie verschwanden mit ihnen durch einen der drei Zugänge.

Wozu? Wo wurden sie hingebracht? Meine Angst vor dem Unbekannten wuchs.

Ich will nur fort von hier, egal wohin, bloß weg.

Ein mir fremder Mann rannte plötzlich los. Er schlüpfte durch eine Lücke zwischen den Xerks und versuchte, durch einen der Eingänge zu entkommen.

Er hatte keine Chance. Ihm kamen gemächlich zwei Löwen aus dem Gang entgegen. Einer hob lediglich warnend die Lefze. Der Fremde drehte ab und schaute sich hastig um, steuerte auf den nächsten Gang zu, wo ihm aber erneut zwei Tiere den Weg versperrten.

Der Fluchtversuch des Mannes schien die Xerks in keiner Weise zu beunruhigen oder auch nur im Geringsten nervös zu machen. Seelenruhig und ohne Hast warteten sie, bis er auch am dritten Zugang gescheitert war. Sie kreisten ihn ein, ignorierten seine letzten, verzweifelten Versuche zur Gegenwehr, und sammelten ihn wieder ein.

Sie ließen seinen Fluchtversuch allerdings nicht unkommentiert. Sie führten ihn an die Wand, die in unserem Blickfeld lag, und rissen ihm die Kleider vom Leib. Ein Xerk hielt seine Handgelenke über seinem Kopf fest und stellte seinen Fuß auf den des Mannes, als dieser sich aus seinem Griff zu winden versuchte. Von der anderen Seite gesellte sich noch ein weiterer Xerk dazu und fixierte seinen zweiten Fuß. Derart festgesetzt nahmen sie ihm jede Möglichkeit, der folgenden Bestrafung auszuweichen.

Mit einer mehrsträngigen Peitsche schlug ein Dritter dem Fremden den Rücken blutig und ließ erst von ihm ab, als dessen Schreie verstummten und er bewusstlos zusammensackte. Während die anwesenden Xerks das Geschehen vollkommen emotionslos hinnahmen, machte sich unter uns Menschen Entsetzen breit. Die gnadenlose Gewalt schockierte uns, aber auch sickerte die Erkenntnis in unser Bewusstsein, wie ausweglos unsere Lage tatsächlich war.

Nachdem die Xerks dieses Zwischenspiel offenbar zu ihrer Zufriedenheit geregelt hatten, setzten sie ihre Begutachtung fort. Vor mir tauchte nun ebenfalls ein Xerk auf und mein Atem stockte kurzweilig. Die silbernen Augen erkannte ich sofort wieder.

Er fixierte mich herausfordernd, als wenn er hoffte, dass ich auch einen Fluchtversuch wagen würde. Den hätte ich gerne unternommen, aber das Erlebnis des Fremden ließ mich diesen Impuls unterdrücken. Der Xerk trat näher an mich heran. Ich starrte an ihm vorbei ins Leere, schluckte nervös und hoffte, dass er weitergehen würde. Doch er blieb bei mir. Gleichgültig, wie sehr ich wünschte, dass der Felsboden ihn oder mich verschlucken möge. Mit den Fingern fuhr er über meine linke Wange und ich drehte hastig den Kopf weg, als hätte er mich geschlagen. Ich verabscheute, dass er mich auf diese Weise berührte.

Seine Hand wanderte meinen Hals entlang und der Xerk raunte mir ins Ohr: »Du wirst deine Aufsässigkeit schon noch aufgeben.« Dann zerriss er mir das Hemd mit seinen Krallen. Zwischen den Fetzen kam mein nackter Oberkörper zum Vorschein. Meine Angst übermannte mich beinahe. Ich atmete hektisch, während er mir nicht besonders sanft über Brust und Bauch fuhr. Mir gefiel die Art nicht, wie er mich dabei ansah. Irgendwie bösartig, gierig und besitzergreifend zugleich. Obwohl ich noch meine Hose trug, fühlte ich mich völlig entblößt. Nackt und entblößt vor einem Xerk. Einer Bestie.

Er packte meinen Arm und zog an mir.

Nein, nicht, verschwinde!Lass mich in Ruhe!

Ich wollte schreien und brachte doch keinen Ton heraus. Ohne darüber nachzudenken, versuchte ich ihm meinen Arm zu entreißen. Es half nicht. Die Panik ergriff immer stärker Besitz von mir. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, was er mir antun wollte. Das durfte nicht passieren.

Bitte nicht …Lass mich los! Bitte … Bitte, hilf mir doch jemand! Mein lautloses Flehen verhallte ungehört. Ich wusste nicht einmal, an wen genau ich meine Bitten richtete. Das Schicksal oder eine höhere Macht. Irgendetwas musste einschreiten!

Ein weiterer, kräftiger Zug an meinem Arm und ich stolperte bereits die ersten Schritte hinter ihm her. Meine Wahrnehmung verschwamm, ich nahm nur noch das Rauschen in meinen Ohren und meine abgehakten Atemzüge wahr. Nichts und niemand würde ihn davon abhalten …

Ein tiefes Knurren ertönte dicht neben uns. Augenblicklich stoppte der Xerk und gab mich im nächsten Moment zögerlich frei. Unterwürfig senkte er den Kopf.

Der Neuankömmling fixierte den anderen weiterhin wortlos. Ich konnte dessen Mimik, die ich nur aus dem Augenwinkel sehen konnte, nicht richtig deuten. Sie wirkte beinahe ausdruckslos. Für den Xerk, der mich auserwählt hatte, schien sie allerdings eindeutig zu sein. Er nickte bestätigend und zog sich zurück, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen.

Pure Erleichterung durchströmte mich, um sofort erneut von Angst abgelöst zu werden. Was erwartete mich nun?

Vorsichtig begutachtete ich den anderen Xerk. Hellbraune Haare und … Ich stockte kurz. Weiße Augen. Fast weiß. Ein extrem helles Blau schimmerte in ihnen. Wie es dem legendären Eisbären nachgesagt wurde! Aber er konnte es unmöglich sein, dafür sah er viel zu jung aus. Er musste ungefähr in meinem Alter sein, schätzte ich.

Waren seine Augen für einen Xerk überhaupt etwas Besonderes? Bisher hatte ich in dieser Höhle noch keine weiteren Xerks mit dieser Augenfarbe bemerkt. Aber das mochte nicht wirklich etwas bedeuten, schließlich entsprangen die Geschichten menschlichen Mythen. Dennoch fragte ich mich, ob er vielleicht ein Nachkomme des Eisbären sein konnte. Auch wenn mir Zufall noch am wahrscheinlichsten erschien …

Der Blick von Weißerbe, wie ich ihn nun trotzdem im Stillen nannte, glitt über die Menge. Immer noch ausdruckslos trafen seine Augen irgendwann auf meine, als wenn er mich jetzt erst wahrnehmen würde. Kühle Distanziertheit gepaart mit einer dominanten Aura umgab ihm. Flüchtig verzog er missbilligend die Mundwinkel. Er schien von mir nicht besonders angetan zu sein, eher im Gegenteil. Aber warum war er dann eingeschritten?

Er gab zwei Wächtern ein Signal, worauf sie mich in ihre Mitte nahmen. Damit war wohl besiegelt, wer mich in seiner Gewalt hatte, wem ich zukünftig gehörte. Sein Gebaren und das Verhalten der anderen Xerks sprach dafür, dass er einen höheren Rang innehaben musste. Ich war mir nur nicht sicher, ob dies für mich in irgendeiner Art und Weise etwas änderte. Hat er ähnliches mit mir vor wie der Xerk mit den Silberaugen? Weder seine Mimik noch seine Gestik deuteten etwas in diese Richtung an. Vielleicht hatte er sich aber auch lediglich gut unter Kontrolle.

Weißerbe drehte sich um und verschwand ruhig in einem der Gänge. Die Wächter schoben mich voran und folgten ihm mit einigem Abstand. Sie führten mich durch zum Teil von Fackeln beleuchtete, zum Teil allerdings auch vollkommen düstere Gänge. Schließlich betraten wir eine Höhle von der weitere Gänge abzweigten, in einem davon war Weißerbe bereits verschwunden. Die Felswände waren hier wieder von seltsamen, leuchtenden Steinen überzogen, die ich bereits in der riesigen Höhle wahrgenommen hatte. Einer der Wachen schubste mich vorwärts. Ich taumelte, fing mich aber noch ab und drehte mich zu ihnen um. Beide fixierten mich. Der Größere von ihnen zischte: »Ausziehen!«

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als meine Hoffnung auf körperliche Unversehrtheit zerbarst.

Ihre Blicke durchbohrten mich förmlich. Als ich nicht sofort Anstalten machte, ihrem Befehl nachzukommen, fragte derselbe Wächter herausfordernd: »Soll ich nachhelfen?!«

Ich senkte den Kopf. Zögernd entledigte ich mich den Resten meines Hemdes und meiner Hose, und warf sie vor mir zu Boden.

»Aufheben!«, fuhr mich der zweite Xerk barsch an.

Flüchtig schloss ich die Augen, weil mir die Demütigung nun umso bewusster wurde und beugte mich nach unten. Widerwillig drückte ich ihm die Kleidungsstücke in die geöffnete Hand.

Nun fühlte ich mich endgültig entblößt und angreifbar. Ich wich ihrem Blick aus und Resignation keimte in mir auf. Los, macht schon, lasst es uns hinter uns bringen.

Unerwartet tauchte ein dritter Xerk in meinem Blickfeld auf. Er überreichte der größeren Wache einen zusammengeknäulten Packen. Ich zuckte zusammen, als er mir die Gegenstände vor die Füße warf. Kleidung!

»Worauf wartest du?!«, herrschte mich der Xerk an. Eiligst hob ich das Bündel auf und schlüpfte in eine weißlich-graue Hose und eine Tunika. Der Stoff war hauchdünn und weich, schmiegte sich eng an meinen Körper, schützte aber vor Blicken. Ich beruhigte mich ein wenig. Im Augenblick blieb mir der befürchtete Übergriff wohl erspart.

Meine Beruhigung hielt allerdings nur einige Wimpernschläge an, denn als ich den Kopf hob, erkannte ich den Xerk mit den silbernen Augen. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sich der Xerk, der die Kleidung gebracht hatte, entfernt und er die Höhle betreten hatte.

Silberauge, wie ich ihn nun in Gedanken nannte, und die beiden Wachen traten auf mich zu. Meine Angst flammte erneut auf. Silberauge packte meine Haare und bog meinen Kopf in den Nacken. Ich spürte kaltes Metall an meinem Hals. Ein etwa vier Finger breiter Reif berührte meine Kehle und wurde im Genick verschlossen. Mühsam versuchte ich mich an den leichten Druck zu gewöhnen. Das Metall lag so eng, dass es die Atmung ein wenig erschwerte.

Weitere Metallreifen schlossen sich um meine Hand- und Fußgelenke, an denen vier kleinere, hängende Ringe befestigt waren. Als sie ihr Werk vollendet hatten, ließen sie mich los, standen allerdings noch immer sehr dicht um mich herum.

---ENDE DER LESEPROBE---