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Überarbeitet und durch neue Aussagen von Zeitzeugen ergänzt, ist der Titel endlich wieder greifbar. Von ungebrochener Aktualität sind die Fragen, die das Buch am Beispiel der beiden Schweizer Grenzdörfer Riehen und Bettingen aufwirft: Wie erlebte die Bevölkerung die Jahre des Nationalsozialismus? Wie ging sie mit der Bedrohung und den zahlreichen Flüchtlingen um, die versuchten, die rettende Grenze zu überqueren? Die schweizerische Flüchtlingspolitik wird direkt aus der Perspektive betroffener Menschen dargestellt. Die Erinnerungen der Zeitzeugen sind ein bewegendes Zeitdokument. Einleitende Kapitel liefern historische Hintergründe zur restriktiven Flüchtlingspolitik der Schweiz in jenen Jahren.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Karte Die Umgebung von Riehen und Bettingen.
Riehen und Bettingen – zwei Grenzdörfer 1933–1948
Lukrezia Seiler, Jean-Claude Wacker
Diese Publikation wurde ermöglicht durch Beiträge der Stiftung z’Rieche, der Gemeinden Riehen und Bettingen sowie des Swisslos-Fonds des Kantons Basel-Stadt.
4., überarbeitete und erweiterte Auflage
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
eISBN 978-3-85616-587-1
Auch als gedrucktes Buch erhältlich: ISBN 978-3-85616-580-2
© 2013 Christoph Merian Verlag
Alle Rechte vorbehalten; kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Jörg Bertsch, Basel
Gestaltung und Satz: Atelier Mühlberg, Basel
Lithos: LAC AG, Basel
Datenkonvertierung: Bookwire GmbH, Frankfurt
www.merianverlag.ch
Editorial
Vorwort
1933–1938: Die ersten Flüchtlinge kommen
Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten
Die ersten Abwehrmassnahmen der Schweiz
Schatten des Dritten Reiches auch über Riehen
Heiri Strub: Geheimadresse Paradiesstrasse
1938/39: Die grosse Flüchtlingswelle
Gejagt, gedemütigt und ermordet
Schweizerische Flüchtlingspolitik in den Jahren 1938 und 1939
Humanere Praxis in Basel
Achtzehn Kilometer Grüne Grenze: Jüdische Flüchtlinge in Riehen
Doris Bekbissinger: Gerettet!
Marie Schiegg: Nächtliche Rückschaffung
Myrthe Dreyfuss-Kahn: Ein Rettungsanker für viele
Susann Müller-Steffen: Flucht über den Riehener Bahnhof
Denunziation – ein Dokument
1939–1945: Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg
Die Nationalsozialisten beschliessen die Ermordung der europäischen Juden
Die eidgenössische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg
Haben die Schweizer Behörden gewusst, was mit den Juden geschah?
Die Basler Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg
Der Versuch eines Fazits: Abweisungen und Aufnahmen
Flüchtlinge aus fast allen europäischen Ländern in Riehen und Bettingen
Ulrich Götz: «Es war ein verdammt harter Beruf!»
Rosa Schäublin-Grunkin: Verweigerte Aufnahme
Die Kriegsjahre an den einzelnen Grenzwachtposten
Grenzwachtposten Riehen an der Lörracherstrasse: Offizielle Kontakte
Robert Tettamanti: Direkt an der Grenze
Peter Weil: Schulkind in Riehen, Flüchtling in Italien
B. B.: Harter Dienst
«Er kann es nicht vergessen»
Emil Fischer: Ein tragischer Irrtum
Gertrud Herbster: Fluchthilfe auf der anderen Seite der Grenze
Oskar Reck: Fluchthelfer im Nebenamt
Hans Brogle: Der Spiegel
Grenzwachtposten Bettingen: «Ein Grenzverlauf von kaum zu übertreffender Unregelmässigkeit»
Alfred Schmocker: Fluchtziel Chrischonakirchlein
Paula Senn-Krebs: Signal mit der Schweizerflagge
Robert Keiser-Stewart: Im Zollhaus
Hans-Ulrich Schäfer: Fremde Menschen
Anne B.: Flucht über den Lenzen
Der grosse Stacheldrahtverhau und seine Lücke in der Eisernen Hand
Albert Schudel: Nie wieder!
Marie Schmutz-Rüegsegger: Leben in der Sperrzone
C. C.: Flucht über die Eiserne Hand
Ernst Kauer: Im Maienbühl
Protokoll einer Flucht
Walter Prack: Der Reisighaufen
Walter Schmid: Kontakt verboten
Die Entscheidung des Grenzwächters
Grenzwachtposten Weilstrasse: Isoliert im Schlipf
Frieda Rinklin-Thommen: Der Schlüssel zum Stacheldrahtverhau
Kurt Behret: Mitleid durfte man nicht haben
Verena Giese-Klauser: Jaroslaw
Grenzwachtposten Inzlingerstrasse: Im Niemandsland
Georges Blessing: Abgeschnitten!
Magdalena Hürlimann-Sturm: Flüchtlinge in unserem Haus
Grenzwachtposten Grenzacherstrasse: Der Flüchtlingszustrom wächst
Nilla Six, Lili Ritz-Six: Fluchthilfe beim Hörnli
Grenze zwischen Leben und Tod
Das Dorf und die Flüchtlinge
Michael Raith: Geprägt durch die Grenze
Paul Bertschmann: Unheimlicher Druck auf der Bevölkerung
Willy Brunner: «Riehen ist eine Insel, abgetrennt von der Schweiz»
Hans Rückel: Spontane Hilfe
Susy Wassmer-Schweizer: Das schwere Los der Zwangsarbeiter
Fluchtweg Eisenbahn
Erna Flückiger: Der holländische Kriegsgefangene
Martin Bier: Sprung aus dem fahrenden Zug
Emil Würmli: Flucht im Kohlenwagen
Kinder als heimliche Grenzgänger
D. D.: «Händ-er Hunger?»
Inge Förster-Büche: «Dört hän si kei Krieg!»
Niklaus und Johannes Wenk: Ein seltsamer Osterspaziergang
1945–1948: Der Krieg ist zu Ende, doch die Grenze bleibt geschlossen
Schwierige Nachkriegszeit: Kontakte trotz geschlossener Grenzen
Adrian Stückelberger: Erstes Wiedersehen
Frieda Rinklin-Thommen: Heimkehr des Kriegsgefangenen
Lucy Mathilde Businger: Gefahrvolle Rückkehr
Anhang
Quellen- und Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Autoren
Riehen und Bettingen, die beiden Landgemeinden des Kantons Basel-Stadt, liegen exponiert und weit vorgeschoben auf rechtsrheinischem Gebiet. Wie erlebte die Bevölkerung der beiden Dörfer während des Zweiten Weltkrieges ihre Lage direkt an der deutschen Grenze? Wie ging sie mit dem Bewusstsein der nahen Gefahr und Bedrohung um? Und wie weit beschäftigte sie sich mit dem Schicksal jener Menschen, die versuchten, die Grenzen ihrer Gemeinden zu überschreiten und in die Schweiz zu flüchten?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Buches. In vielen Gesprächen mit Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als junge Frauen und Männer oder als Kinder erlebt haben, entstand ein Bild jener Zeit. Die Bewohner der beiden Dörfer wussten, dass Riehen und Bettingen bei einem deutschen Angriff sofort kampflos aufgegeben worden wären. Dieses Bewusstsein prägte das Lebensgefühl der Kriegsjahre. Wenn auch der Alltag diese Sorgen überdeckte, so lasteten doch Angst und Ungewissheit auf den Menschen. Neben diesen Problemen trat die Frage nach dem Schicksal der Flüchtlinge, denen man gelegentlich im Dorfe begegnete, in den Hintergrund.
Ganz anders war die Situation für die Bevölkerung in unmittelbarer Grenznähe. Bewohnerinnen und Bewohner der Sperrzonen und des Dorfes Bettingen wurden viel häufiger mit Flüchtlingen konfrontiert. Sie sahen, wie Grenzwächter Flüchtlinge abführten. Sie begegneten gehetzten Menschen, die in ihren Häusern Hilfe suchten. Und sie mussten mit ansehen, wie viele dieser Flüchtlinge wieder über die Grenze zurückgestellt wurden. Zeitzeugen erzählen von Begegnungen mit Menschen, die vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenzen von Riehen und Bettingen überschritten haben: Flüchtlinge aus allen Ländern Europas, aber auch hungernde Kinder aus den badischen Nachbargemeinden und Menschen, die nach dem Krieg versuchten, über die noch immer rigoros verschlossene Grenze in ihre Heimat zurückzukehren.
Anhand dieser Erinnerungen untersuchte ich die Riehener und Bettinger Geschichte der Jahre 1933 bis 1948, besonders die Beziehungen zum Grenzgeschehen. Neununddreissig Zeitzeugen haben mir in längeren oder kürzeren Gesprächen von jenen Jahren erzählt: Dorfbewohner, Grenzwächter, Fluchthelfer, Flüchtlinge und Angehörige verfolgter jüdischer Menschen. Für manche war es das erste Mal seit dem Krieg, dass sie über ihre oft sehr schmerzlichen Erlebnisse sprachen. Die aus den Gesprächs- oder Tonbandprotokollen zusammengestellten Texte, welche den Zeitzeugen nochmals vorgelegt und von diesen sorgfältig überprüft wurden, zeichnen ein vielfältiges Bild der beiden Dörfer in jenen Jahren.
Eine wichtige, hier erstmals erschlossene Quelle für die Geschehnisse an der Riehener und Bettinger Grenze stellen die Chroniken der einzelnen Grenzwachtposten dar. Sie wurden während des Zweiten Weltkrieges verfasst und enthalten Angaben über Flüchtlinge, über Rückstellungen an der Grenze und über die Reaktionen der Bevölkerung.
Jean-Claude Wacker zeichnet in seinen Eingangskapiteln den geschichtlichen Hintergrund zu den Erlebnissen der Zeitzeugen. Er zeigt die Entwicklung des Antisemitismus und der Judenverfolgung im Dritten Reich bis hin zu deren schrecklichster Konsequenz im Holocaust. Parallel dazu beschreibt er die schweizerische Flüchtlingspolitik von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, jene äusserst restriktive Asylpolitik, deren Hauptziel es war, so wenige Flüchtlinge wie möglich in unser Land aufzunehmen. Er zeigt aber auch auf, dass die Basler Behörden oft versuchten, die unmenschlichen Bestimmungen aus Bern zu umgehen und Flüchtlinge entgegen dem Willen der eidgenössischen Fremdenpolizei in Basel aufzunehmen.
An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die das Erscheinen dieses Buches unterstützten: Professor Ernst Ludwig Ehrlich, Zentralsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz, für sein anregendes Vorwort; Guido Koller, Beauftragter des Bundesarchivs Bern, für seine Auskünfte über die zurzeit laufenden Untersuchungen der schweizerischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg; den Gemeinden Riehen und Bettingen sowie den weitem Sponsoren für ihre Beiträge, die den Druck der Arbeit ermöglichten; vor allem aber den Frauen und Männern, die mir ihre Erinnerungen an jene Jahre anvertraut und mir erlaubt haben, sie hier einem grösseren Publikum vorzustellen.
Editorial der ersten Auflage, November 1996, Lukrezia Seiler
Als 1996 die erste Auflage dieses Buches im Verlag z’Rieche, Riehen, erschien, wurde die Frage, wie die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges mit Flüchtlingen umgegangen war, intensiv diskutiert. Bundespräsident Kaspar Villiger hatte sich bei einer Gedenkfeier zum 50.Jahrestag des Kriegsendes offiziell für die Rückweisung und Auslieferung vieler Flüchtlinge während des Krieges entschuldigt, und im Dezember 1996 erteilte der Bundesrat der ‹Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg› (meist «Bergier-Kommission» genannt) den Auftrag, die schweizerische Flüchtlingspolitik während des Krieges aufzuarbeiten. Das Interesse an unserem Buch war deshalb sehr gross; eine erste und zweite Auflage waren bald verkauft und eine dritte gedruckt, die seit einiger Zeit ebenfalls vergriffen ist.
Das Interesse an der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist ungebrochen. In vielen Gesprächen, besonders bei Führungen durch das Gebiet der Eisernen Hand, das wie ein mahnender Finger zwei Kilometer tief in Deutsches Gebiet hineinragt, und rund um Sankt Chrischona, werden Erinnerungen wachgerufen, tauchen immer wieder Fragen auf. Viele Zeitzeugen hatten sich bereits nach dem ersten Erscheinen des Buches gemeldet, die mit ihren Geschichten den Inhalt bestätigten und ergänzten. Ich freue mich, dass ich nun in der vierten Auflage auch diese Zeitzeugen zu Wort kommen lassen kann.
Ergänzt habe ich den Text durch Berichte, die ich aus den Akten der im Bundesarchiv Bern lagernden Flüchtlingsdossiers zusammenstellte, ferner wurden verschiedene Beiträge durch neue Erkenntnisse aktualisiert. Jean-Claude Wacker hat die historischen Einführungskapitel überarbeitet und erweitert und mit den Resultaten der neuesten Forschung ergänzt.
Gemeinsam danken wir dem Christoph Merian Verlag, dass er sich entschlossen hat, eine neue, überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches herauszugeben. Unser Dank geht auch an die Stiftung z’Rieche, welche die Rechte für das Buch freigegeben und die Neuauflage finanziell unterstützt hat, ebenso an die Gemeinden Riehen und Bettingen und an den Swisslos-Fonds des Kantons Basel-Stadt für ihre Beiträge an die Neuauflage. Bedanken möchten wir uns aber auch bei Jörg Bertsch, der als Lektor unsere Arbeit fachkundig unterstützt hat, bei Kevin Heiniger, der neues und interessantes Bildmaterial hinzufügen konnte, sowie bei Nicholas Mühlberg für seine sorgfältige Buchgestaltung.
Mai 2013, Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker
Das vorliegende Buch von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker gehört zu jenen ungemein wichtigen Büchern, in denen die Verfasser sich mit wissenschaftlicher Sorgfalt bemühen, die Flüchtlingspolitik der Schweiz von 1933 bis 1945 zu analysieren. Dies geschieht hier im Falle der beiden Dörfer Riehen und Bettingen, was insofern sinnvoll erscheint, als an eng umrissenen, realen Beispielen das politische und menschliche Scheitern der damals Herrschenden ganz konkret zum Ausdruck kommt.
Konnte anfangs noch angenommen werden, bei den Massnahmen der Nationalsozialisten handle es sich nicht um eine Frage von Leben und Tod, so war spätestens im Jahre 1942 dem Bundesrat absolut klar, dass alle im deutschen Bereich befindlichen Juden zur Ermordung bestimmt waren. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Flüchtlingspolitik des Bundesrates eine antisemitische Gesinnung zugrunde lag. Schon sehr früh wandte man sich «gegen eine Festsetzung wesensfremder Elemente», und vollends wird diese Haltung deutlich, wenn man den Anteil des Bundesrates am berüchtigten «J-Stempel» in den deutschen Pässen von Juden in Rechnung stellt. Dabei hatte zu jener Zeit die Schweiz nicht mehr als insgesamt 5000 Flüchtlinge. Die eindeutige Haltung des Bundesrates wurde durch die gesamte Terminologie deutlich, wenn man sich etwa «gegen die Verjudung der Schweiz» wandte.
Es ist erfreulich, dass sich die Situation in Basel nicht gar so schlecht darstellt. Regierungsrat Brechbühl weigerte sich nicht selten, Ausweisungsbefehle von Bern durchzuführen. Auch die Haltung der Riehener und Bettinger Bevölkerung war nicht eindeutig; es gab einzelne wahre Judenretter darunter. Gleichwohl wurden diese manchmal von andern boykottiert oder an die Behörden verraten.
Bei Kriegsbeginn gab es 7100 Flüchtlinge in der Schweiz. Die Massnahmen wurden dann verschärft. Juden galten nicht als politische Flüchtlinge, von denen es während des ganzen Krieges im übrigen nur 200 gab, denn Juden wurden als «Flüchtlinge nur aus Rassegründen» definiert und sollten daher zurückgewiesen werden. Diese Massnahmen wurden erst ausser Kraft gesetzt, als am 12.Juli 1944 der Sieg der Alliierten endgültig feststand. Auch osteuropäische Flüchtlinge, vor allem Zwangsarbeiter, wurden an der Schweizer Grenze zurückgewiesen; für diese wurden die Einreisebedingungen später gelockert.
Erfreulicherweise hat sich auch während des Krieges der Kanton Basel-Stadt nach Möglichkeit gegen die eidgenössische Fremdenpolizei gestellt und 1158 jüdischen Flüchtlingen ein Refugium geboten. Freilich wird man nicht umhinkönnen festzuhalten, dass auch im Kanton Basel-Stadt während der ganzen Kriegszeit Flüchtlinge abgewiesen wurden; die Zahl der an den Riehener und Bettinger Grenzen abgewiesenen Flüchtlinge lässt sich nicht mehr feststellen.
Das Wertvolle des vorliegenden Buches besteht vor allem darin, dass es zum ersten Mal Interviews mit Grenzwächtern oder sonst mit Menschen enthält, die in der einen oder andern Weise mit Flüchtlingen zu tun hatten. Von einem Grenzwächter heisst es: «Manchmal konnte man helfen … Aber sehr viele Menschen mussten wir zurückweisen, Männer, Frauen, auch Kinder. Es war ein verdammt harter Beruf!» Oft interessierten sich die Grenzwächter nicht für das weitere Schicksal der Flüchtlinge und lieferten sie bei der Polizei ab. Einer von ihnen schreibt: «Es gab schon auch Grenzwächter, die die Vorschriften in diesen Sachen nicht genau befolgten, aber die sind weggesiebt worden; solche Leute konnten wir nicht brauchen.» Natürlich gab es auch eine schweizerische Widerstandsbewegung, die sich auch als Fluchthelfer betätigte. Sie nannte sich «Aktion nationaler Widerstand», die treibende Kraft dieser Gruppe war Ernst von Schenck. Leider sind die Aktivitäten dieser Gruppe im Gebiet Riehen/Bettingen wenig bekannt.
An einigen Beispielen von Riehen und Bettingen lässt sich zeigen, dass die Bevölkerung mit der Rückweisung von Flüchtlingen durch das Grenzwachtkorps nicht einverstanden war und für die Flüchtlinge Partei ergriff. Die Grenzwächter sahen sich in einer doppelt schwierigen Situation, indem sie den unmenschlichen Anweisungen ihrer Vorgesetzten folgen mussten, gleichzeitig aber auch bemerkten, dass sie manchen Landsleuten nicht mehr trauen konnten, weil diese sich als Nazi-Freunde betätigten. Diese Klagen finden wir in zahlreichen Berichten.
Neben den Denunzianten, den Fluchthelfern und den ‹Pflichterfüllern› gab es auch Bürger, die Flüchtlinge der Polizei meldeten, weil es so vorgeschrieben war. Eine Frau sagt: «Ich hätte nie geglaubt, damals, dass die Schweizer Behörden so handeln und Menschen bewusst in den Tod schicken könnten; man hatte ein so grosses Vertrauen in den Bundesrat.»
Die Chronisten der verschiedenen Grenzwachtposten pflegten die Aktivitäten an den Grenzstellen zu verharmlosen. Gerade die Ausnahmen von dieser Praxis beweisen, dass die Angaben im allgemeinen das wirkliche Ausmass des Flüchtlingselends an der Riehener und Bettinger Grenze verschweigen und die gnadenlose Rückweisungspraxis verschleiern. Das vorliegende Buch zeichnet sich dadurch aus, dass die dort niedergelegten Berichte von Zeitzeugen nicht eine Schwarz-Weiss-Schilderung darstellen. Man atmet direkt auf, wenn es in einem Bericht einer Schweizer Familie heisst: «So haben wir sicher zwanzig Leute, vielleicht auch mehr, hinübergelotst.»
Lässt man dieses Buch in seinem wissenschaftlich historischen Teil und mit den auf Tonband aufgenommenen Interviews auf sich wirken, so erhält man einen Querschnitt durch menschliches Verhalten am Beispiel von Bürgern und Bürgerinnen aus einem relativ eng umrissenen Grenzgebiet. Die Ausgangslage ist klar: Ein unmenschliches Verhalten des Bundesrates, der Versuch des Basler Regierungsrates Brechbühl, die eidgenössischen Massnahmen zu mildern, und Menschen der verschiedensten Gesinnungen und charakterlichen Eigenschaften. Ohne Zweifel gab es Menschen, deren Hilfsbereitschaft vorbildlich war, deren Menschlichkeit uns auch heute noch beispielhaft ist. Dass es freilich auch andere gab, die unmenschliche Befehle ausführten, Menschen, die nicht nachdachten, Menschen, die gefühllos funktionierten, ist eine Mahnung dieses Buches. Es geht nicht darum, sich nachträglich zu entschuldigen, dass man von den Verbrechen der Nazis nichts gewusst habe. Das Buch hat nicht nur die Aufgabe, Geschichte in einem begrenzten Raum darzustellen, sondern für die Zukunft die Sensibilität der Bürgerinnen und Bürger zu schärfen. Es ruft dazu auf, nein zu sagen, wenn es darum geht, Verbrechen zu tolerieren, selbst wenn sie staatlich verordnet sind. Wir können Schuld nicht auslöschen, wohl aber können wir für unser eigenes Leben Lehren aus diesem Geschehen ziehen, denn wir wissen ja nicht, ob nicht jeder von uns einmal in eine ähnliche Situation kommen kann. Gerade an diesem Buch zeigt sich einmal mehr, dass der Terminus «Vergangenheitsbewältigung» völlig unzureichend ist. Wir können allein bei der Lektüre dieses Buches einen Lernprozess erfahren, der uns vor zukünftigem Unrecht bewahrt und uns ein wenig zu der uns aufgegebenen Menschlichkeit führt. Dass diese leider in jenen dunklen Jahren, wovon das Buch berichtet, allzu oft fehlte, sollte für uns der Anlass sein, unsere eigene Haltung neu zu überprüfen, und uns dazu bringen, Vorurteile gegen andere Menschen in uns selbst zu bekämpfen.
Das wichtige Buch von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker geht uns direkt an, weil es durch die Untaten in der Vergangenheit geradezu aufruft, die, die anders sind als wir, in ihrem Anderssein zu akzeptieren und nicht noch einmal in Kategorien zu denken wie jene, die von «wesensfremden Elementen» sprachen. Wir zeigen nicht schulmeisterlich mit dem Finger auf andere, sondern möchten, dass dieses Buch dazu beiträgt, das Anderssein zu respektieren. Damit leisten wir nicht nur ihnen einen Dienst, sondern wir kommen ein wenig dem Ziele näher, das der, der einst den Menschen geschaffen hat, von jedem von uns fordert.
Riehen, Oktober 1996
Professor Dr. Ernst Ludwig Ehrlich
Kaum waren die Nationalsozialisten an der Macht, begann der Ausbau der Diktatur, die Entrechtung, Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender. Schon am 1.Februar 1933 schaltete Hitler mit Unterstützung des greisen Reichspräsidenten von Hindenburg den Reichstag aus und beschränkte die Presse- und Meinungsfreiheit. Göring wies die Polizeibehörden an, «dem Treiben staatsfeindlicher Organisationen mit den schärfsten Mitteln entgegenzutreten» und «wenn nötig, rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen».
Die erste Phase des Ausbaus der Diktatur gipfelte in den Ereignissen um den Brand des Reichstagsgebäudes in der Nacht vom 27. zum 28.Februar 1933. Aufgrund der «Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat» vom 28.Februar 1933, auch als Reichstagsbrandverordnung bezeichnet, wurden die wesentlichsten Grundrechte ausser Kraft gesetzt. Die Verhaftungswelle traf zunächst kommunistische Funktionäre und bekannte Mitglieder der intellektuellen und literarischen Linken. Mitte März waren allein in Preussen 10 000 Menschen inhaftiert; doch der Kreis wurde bald ausgedehnt. Die Folge dieses offiziellen Terrors war eine Massenflucht der politischen Opposition (siehe den Bericht von Heiri Strub). Viele von ihnen waren schon wegen ihrer jüdischen Herkunft gefährdet, den Ausschlag für ihre Emigration gab jedoch zunächst die aktive politische Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Wie begründet ihre Flucht war, zeigte sich schon in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft. 500 bis 600 politische Gegner wurden in dieser kurzen Zeit ermordet, Tausende auf grausamste Art und Weise gefoltert.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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