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Unheimliche, glutäugige Monster, schwarze Dämonen, Schattenwesen aus einer anderen Dimension. Sie betreten unsere Welt nur, um in das Schicksal einzugreifen. Bestimmt von den Obersten, müssen sie dem Gesetzt des alten Cubus gehorchen. Nicki und David lehnen sich gegen die Mächtigsten auf. Sie wollen die Gegenwart verändern, die Zukunft neu schreiben. Welchen Preis müssen sie am Ende dafür zahlen? Wie wird ihr eigenes Schicksal aussehen? Sie sind die Fatalis – die Schicksalbestimmer unserer Welt.
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nadja Christin
Fatalis
Die Schicksalbestimmer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vor einigen Jahren
Das Monster
Ein Samstag im Juni
In seinen Träumen
Die Realität
In seinen Träumen II
Die Realität II
Am Abend
Auf der Straße
Nachts
In seinen Träumen III
Der oberste Dämon
In den Wäldern
Im Schneckenhaus
In seinen Träumen IV
Ein Eindringling
In den Wäldern II
Ein Ärgernis
Kaffeekunst
Die Lösung
Schlechtes Karma
In seinen Träumen - Das Ende
Fatalis - Das Ende
Der Monsterjäger
Später Besuch
Ein Wiedersehen
Unverschämte Forderungen
Beim Essen
Versprechungen
Das dunkle Buch des Feuers
Enthüllungen
Die Exlex
Der neue König
Aurelios Kammer
Vorbereitungen
Offensio
Ohne Zaudern
Offensio II
Rettung naht
Peter
Draco
Magnus
David
Peter II
Draco II
Magnus II
David II
Sander
Die Kammer der Seelen
Die Zukunft wird neu geschrieben
Ein gutes Ende
Impressum neobooks
Es ist Nacht und es ist furchtbar kalt. Für Ende Oktober liegt bereits ungewöhnlich viel Schnee. Er überzuckerte Häuser, Bäume und Wiesen, liegt in einer dicken Schicht auf den Straßen und Wegen.
Das Schneetreiben hat eben erst aufgehört, nun ist es still, dunkel und entsetzlich kalt.
Ihre kleinen Füße hinterlassen Spuren in der jungfräulichen Schneedecke. Mit den Fersen wirbelt sie kleine Flöckchen auf, als sie durch das weiße Pulver läuft.
Ihre Füße sind nackt, von der Kälte rot. Sie trägt nur ein dünnes Nachthemd, der eisige Wind brennt auf ihrer bloßgelegten Haut.
Trotzdem läuft die Kleine weiter, vor ihrem Mund entstehen kleine Wolken. Ihr Atem kommt stoßweise aus ihrem zarten Körper. Immer wieder dreht sie ängstlich ihren Kopf, blickt über ihre Schulter nach hinten. Der Verfolger ist noch hinter ihr, das spornt sie an, sie versucht immer schneller zu laufen. Ihre kleinen Füße versinken bis weit über die Knöcheln in dem tiefen Schnee, die Beine schmerzen, ihre Lungen schreien nach Luft und das Herz will ihr fast aus dem Brustkorb springen vor Angst.
Aber sie rennt weiter, denn sie weiß genau, wenn sie aufgibt, wenn sie hinfällt, wenn der Verfolger sie zu fassen bekommt, dann ist es aus mit ihr, dann wird sie sterben.
Sie hat noch keine genaue Vorstellung vom Tod, oder vom Sterben überhaupt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie noch keinen Gedanken daran verschwendet, bis jetzt hatte sie es auch noch nicht nötig. Schließlich ist sie ein Kind und erst zehn Jahre alt. Da macht man sich noch keine Gedanken über das Sterben oder den Tod.
Wenn man nicht gerade sein Lieblingshaustier beerdigen oder einen nahen Verwandten zu Grabe tragen muss. All dies hat Ellen in ihrem jungen Leben noch nicht mitgemacht, trotzdem weiß sie genau: Wenn das Monster hinter ihr, sie zu fassen bekommt, dann wird sie sterben. Was immer das auch bedeuten mag.
In diesem Moment stolpert Ellen über einen Baumstamm. Er war in dem dicken Schneeteppich nicht zu erkennen. Sie strauchelt, stützt sich mit einer Hand am Boden ab, versucht sich wieder zu fangen um weiter zu laufen. Aber ihre Hand versinkt tief in dem Schnee, Ellen verliert das Gleichgewicht und stürzt kopfüber in die weiche, kalte Masse.
Sie stößt einen kleinen Schrei aus, ihr Herz vollführt einen verzweifelten Sprung, um danach in doppelter Geschwindigkeit gegen ihre Rippen zu hämmern. Jetzt wird es mich doch erwischen, denkt das kleine Mädchen verzweifelt. Sie rollt sich auf den Rücken und blickt in den wolkenverhangenen Himmel. Es ist nichts zu sehen. Schnell hebt sie den Kopf an, sie blickt sich um.
Nichts, nur Schnee und ihre Fußspuren. Kein Monster mit rotglühenden Augen und scharfen Krallen. Keine spitzen Zähne, von denen geifernd der Speichel tropft, kein Knurren, Grollen, oder Fauchen mehr. Nur diese unheimliche Stille und ihr eigener, viel zu schneller Atem. Ellen stützt sich auf ihre Hände und betrachtet die Umgebung. Sie ist versucht nach dem Monster zu rufen, nur um zu prüfen, ob es vielleicht doch noch ganz in der Nähe ist. Ein kindisches Verhalten, aber sie ist auch noch ein Kind.
»H-Hallo?«, fragt sie ängstlich in die Dunkelheit hinein.
»Ist da jemand?«, gehetzt blicken ihre Augen hin und her, sie kann niemanden entdecken.
Langsam rappelt sie sich hoch, schüttelt den nassen Schnee aus ihrem Nachthemd. Jetzt erst spürt sie die Schmerzen an den Füßen, sie sind halb erfroren, schon ganz blau von der Kälte.
Ellen klappert mit den Zähnen und schlingt ihre Arme um den Körper, um sich warm zu halten. Es nützt nichts, die Kälte ist nicht nur außen, um sie herum, sie hat sie auch von innen gepackt. Jetzt, da Ellen wieder alleine ist, jetzt da die Angst sie vorsichtig verlässt, kriecht die Kälte in sie hinein. Langsam dreht sie sich um und stapft durch den tiefen Schnee in Richtung ihrem Zuhause, zurück in ihr Bett.
Ob Mama und Papa schon gemerkt haben, dass ich weg bin, fragt sie sich. Ob sie sich Sorgen um mich machen? Warum bin ich nur weggelaufen, wieso hab ich nicht einfach meine Decke über den Kopf gezogen, wie es uns in der Schule erklärt wurde. Decke über den Kopf, du siehst das Monster nicht und es dich auch nicht mehr. Dann bist du sicher. Aber sobald man Augenkontakt mit dem Monster hat, ist man geliefert. Dann jagt es einen, bis zum bitteren Ende.
Ellen wollte sich ja so gerne die Decke über die Augen ziehen, aber das ging einfach nicht, die Decke hatte sich irgendwo verklemmt, oder hat das Monster sie etwa festgehalten? Hat das Biest nach ihrer hübschen Decke gegrabscht und sie ihr weggezogen, damit sie ein Opfer wird?
Ich muss unbedingt morgen in der Schule mit Anne darüber sprechen, überlegt Ellen weiter, was die wohl von der ganzen Sachen hält?
Grimmig verzieht sie ihre Lippen, und erst Marie, diese eingebildete Schnepfe, die wird ihren blöden Mund nicht mehr zumachen können vor Neid, wenn ich ihr diese Geschichte erzähle. Vielleicht kann ich auch bei den Jungs ein bisschen punkten, bisher hat mich von denen keiner beachtet. Vor allem Tommy, der nette Junge aus ihrer Klasse, blickt immer nur demonstrativ an ihr vorbei.
Ein Lächeln überzieht ihr Jungmädchengesicht, sie sieht Tommy in Gedanken schon ihr bewundernde Blicke zuwerfen. Bestimmt spricht er dann auch mal mit mir, fragt mich, wie ich es nur geschafft habe, dem Monster zu entkommen. Vielleicht stricke ich ja eine nette Geschichte darum herum, lüge ein bisschen dazu. Nur ein wenig, ich will es ja nicht übertreiben.
Sie strafft ihren Körper und ist schon wieder ganz munter, fast fröhlich.
Vor ihren Augen sieht sie sich mit Tommy sprechen, sieht Marie vor Neid schier platzen und alle Kinder ihrer Klasse bilden einen Kreis um sie, alle wollen es wissen.
Alle wollen erfahren, wie sie es geschafft hat, wie sie dem Monster entkommen ist.
Plötzlich stockt Ellen:
Ja, wie hat sie es denn nun eigentlich geschafft, fragt sie sich verwundert. Sie ist gestolpert und dann war das Biest hinter ihr plötzlich weg. Sie hat schon geglaubt ihr letztes Stündlein habe geschlagen, das Biest packt sie jetzt und frisst sie auf, aber nichts davon ist geschehen, gar nichts. Leicht schüttelt Ellen mit dem Kopf, na ja, wie auch immer, ich bin entkommen, das ist die Hauptsache.
Vor sich sieht sie schon ihr Elternhaus, alle Fenster sind noch dunkel.
Gut, so brauche ich meinen Eltern keine Erklärung abzugeben. Ellen geht schneller, sie freut sich schon auf ihr warmes, kuscheliges Bett.
Nur noch der kurze Feldweg entlang, dann ist sie zu Hause.
Plötzlich ein leises Geräusch, ein Knacken. Ellen runzelt ihre Stirn und dreht vorsichtig den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kommt.
Sie sieht erst nur die Bäume, deren schwarze Stämme verschwimmen zu einer dunklen Masse. Da leuchtet etwas auf, zwei rotglühende Punkte. Ein leises Grollen ist zu hören, so als wenn sich weit entfernt ein Gewitter zusammenbraut.
Das Grollen schwillt an, wird lauter. Das alles geschieht in einer rasenden Geschwindigkeit. Ellen hat nur den Fuß angehoben, um einen weiteren Schritt auf ihr sicheres Bett zuzugehen. Sie hebt den anderen Fuß, für einen erneuten Schritt, da prescht etwas durch die Bäume auf sie zu.
Es springt einfach aus der schützenden Dunkelheit heraus. Ellen reißt erschrocken ihre Augen auf, sie ist unfähig sich zu bewegen, ihr Fuß scheint in seiner Bewegung eingefroren zu sein.
Das Monster schlingt seinen langen Cauda, seinen Schwanz, um Ellens Mitte, zieht ihn unbarmherzig enger zu.
Sie öffnet den Mund, will schreien, ihre Angst, die Panik einfach hinaus kreischen.
Aber das Monster hat ihr schon den Brustkorb zerquetscht, ihr bereits die Luft abgeschnürt. Kein Laut dringt aus dem jungen Mädchen, nur ihre Augen quellen, vor Furcht, nahezu über.
Dieses elendige Ding hat hier auf mich gewartet, denkt sie noch, dann erklingt selbst in ihren Gedanken nur noch ein lauter Schrei.
Das Monster reißt das Maul auf, Ellen könnte jetzt die unzähligen, spitzen Zähne sehen, wenn das Mädchen noch in dieser Welt weilen würde.
Die Zehnjährige ist aber mit einem Blick in diese unwirklichen, glühenden Augen und auf den klobig wirkenden Monsterkörper, schlagartig in das Reich des Wahnsinns hinab getaucht.
Sie wird niemals wieder an die Oberfläche gelangen, weder in dieser Welt, noch in der Nächsten.
Kein Laut kommt über ihre Lippen, keine Regung ist zu sehen, als das unheimliche Ding seine Zähne in ihre Schulter schlägt. Das helle Blut spritzt nach allen Seiten davon, übersät den jungfräulichen Schnee mit roten Tupfen.
Es knirscht und knackt, es kracht und kaut. Zermalmt ihre Knochen zwischen den starken Kiefern.
Das Monster scheint sein nächtliches Mahl zu genießen.
Erst als das kleine Mädchen gänzlich aufgefressen ist, kehrt wieder Ruhe ein.
Das merkwürdige Wesen wendet sich ab und verlässt den gruseligen Schauplatz.
*
Der Vollmond erscheint plötzlich hinter der milchigen Wolkenwand, bescheint unschuldig die blutige Szenerie.
Der bläuliche Feenring, um ihn herum, deutet einen neuen Schneefall an, und es soll noch kälter werden.
Kälter als die Augen des Monsters blicken können, eisiger, als sein Atem je sein wird.
Die Temperatur aber, wird niemals so drastisch fallen, dass sie sich mit der inneren Kälte messen könnte, die ein anderes kleines Mädchen in diesem Augenblick in sich fühlt.
Es presst eine Hand auf den winzigen Mund, die Augen darüber quellen ihr fast aus den Höhlen. Sie hat alles mit angesehen, hat erlebt, wie ihre große Schwester Ellen gerade von einem Monster verschlungen wurde.
Vivien ist vor zwei Tagen sechs Jahre alt geworden. Sie konnte heute Nacht schlecht schlafen, da die Aufregung über ihre Geschenke noch nicht abgeebbt ist.
So hat sie das hektische Wegrennen ihrer Schwester bemerkt und ist ihr gefolgt.
Wenn sie vorher gewusst hätte, was sie hier draußen im Schnee erwartet, sie hätte sich ihre Decke über den Kopf gezogen und den Morgen abgewartet.
Erst als sich Vivien ganz sicher ist, das dieses Scheusal nicht wiederkehrt, traut sie sich, die Hand von ihrem Mund zu nehmen.
Es vergeht nur ein Wimpernschlag, dann kreischt sie los.
Den Blick fest auf den zertrampelten Boden und die wenigen Blutspritzer gerichtet, schreit sie ihre Angst einfach hinaus.
Ein paar Meter weiter, in Ellens und Viviens Elternhaus, gehen im obersten Stockwerk die Lichter an.
Leichtfüßig geht es über das zugeschneite Feld, es berührt den Boden kaum, hinterlässt keine deutlichen Fußabdrücke.
Seinen langen, dünnen Cauda hat es sich locker um die Hüften gelegt, er müsste ihn sonst hinter sich her schleifen. Die pelzige Spitze wippt bei jedem seiner Schritte im Takt.
Aus einiger Entfernung könnte man meinen, es stapfe ein Mensch durch den Schnee.
Wenn sein Kopf nicht wäre, dieser stierartige Schädel mit langen Hörnern, die aus der breiten Stirn ragen. Die Nüstern blähen sich immer wieder, aber es entstehen keine Atemwolken vor dem Maul des Halbstieres. Die Luft aus den Lungen ist zu kalt, es ist nichts an ihr, das kondensieren könnte.
Sein breiter, muskulöser Oberkörper ist nackt, jeder Muskel, jede Sehne ist durch die rotbraune Haut sichtbar. Am Ende der starken Arme haben sich lange Krallen gebildet, mit ihnen kann das Monster seine Beute packen und festhalten.
Die schlangengleichen Augen glühen bernsteinfarben, nur wenn es bereit zum Angriff ist, dann leuchten sie glutrot. Jetzt wirken sie völlig normal, ja fast schon menschlich. Die Beine stecken in Jeans und an den Füßen trägt es Converse Chucks.
Von der Gürtellinie abwärts sieht es ganz so aus, wie ein Mensch, ein Mann.
Aber es ist ein Semibos, ein Halbstier, ein Monster, ein Biest und Menschenfresser.
Mit dem Kopf eines Stieres, dem Oberkörper eines muskulösen Mannes. Ein langer, peitschenartiger Schwanz, der Cauda. Der Rest von ihm ist menschlich.
Der Semibos bewegt sich ein wenig schneller, er beginnt zu laufen. Während er die Arme hochnimmt und pumpend die Luft aus seinem Körper stößt, verwandelt er sich zurück. Er nimmt eine Körperform an, die es ihm erlaubt, sich frei zu bewegen.
Damit er nicht so auffällt, in dieser Welt…
Aber seine wahre Gestalt ist noch vorhanden, sie ist nur verborgen. Würden wir den Semibos anblicken, sähen wir einen jungen Mann, mit kurzen, braunen Haaren und einem freundlichen Gesicht.
Nur die bernsteinfarbenen Augen wirken vielleicht zu starr, sein Körper, etwas zu perfekt.
Der Stierkopf, die Muskeln und der Cauda sind nur trübe, wie ein schwacher, dunstiger Schleier umgeben sie immer noch seinen Körper.
Sie sind nur sichtbar, für denjenigen, der es sehen will.
Aber, … wer will das schon.
Stille herrscht in der Siedlung, eine fast schon unheimliche Stille.
Immerhin ist es Samstagnachmittag, sollte die Luft nicht vor Kindergeschrei erzittern? Sollten die männlichen Nachbarn nicht ihre neuen Autos waschen, sie polieren und damit angeben? Die Frauen hier, müssten sie nicht draußen die Rosen oder andere Büsche schneiden, mit der Nachbarin tratschen oder auf ihren schicken Terrassen Kaffee aus teuren Tassen trinken?
So sollte es eigentlich sein, in einer Vorstadtsiedlung.
Wie gesagt, in einer normalen Siedlung, aber nicht hier. An diesem Ort ist alles anders, hier herrscht Samstagnachmittags eine unheimliche Stille.
Ganz plötzlich erklingt ein leises Geräusch, ein Kratzen und Schaben. Ein kehrender Besen.
Das letzte Haus in der kleinen Straße, wo der Feldweg gleich daneben anschließt, dort wagt es jemand die Stille zu durchbrechen.
Irgendwer kehrt seine Einfahrt. Gleichmäßig und monoton erklingt das schabende Kratzen.
Plötzlich kommt ein zweites hinzu, eine Haustür wird geöffnet, gleich nachdem jemand hindurchgetreten ist, schließt sie sich mit einem lauten Rums. Dann ist wieder nur das schabende Geräusch des Besens zu hören.
Noch an ihre Tür gelehnt, beobachtet Luisa die kehrende Person von gegenüber.
Luisa ist in ihren mittleren Jahren, die Kinder sind schon groß und aus dem Haus. Ihr Mann zieht seine Kumpels mittlerweile vor, und das nach all den gemeinsamen Jahren mit ihr. Diese Tatsache interessiert sie allerdings nur am Rande, sie sitzt mit ihm nur noch die restliche Zeit ab, wie sie es gesagt hat damals, bis das der Tod euch scheidet.
Dass ihre Kinder aus dem gemeinsamen Haus auszogen, hat sie allerdings wirklich verletzt. Plötzlich stand Luisa vor dem Nichts, sie hatte nichts mehr, um das sie sich kümmern, dass sie mit ihrer Liebe erdrücken konnte.
Gut das damals, etwa zur gleichen Zeit, das Haus gegenüber verkauft wurde. Ein seltsames Mädchen zog dort ein, das hat die Gemüter der ganzen Siedlung erregt.
Nur mit Luisa hat dieses Mädchen gesprochen, außer Hallo und Guten Tag sogar in ganzen Sätzen. Luisa hat sich mit ihrer ganzen Körperfülle einfach dem Mädchen aufgedrängt, es hatte gar keine Chance, dem schnellen und munteren Geplapper einer erst kürzlich verlassenen Mutter, zu entgehen.
An ihre Haustür gelehnt beobachtet Luisa das Besenschwingende Mädchen. Es hält den Kopf gesenkt, ihre langen, schwarzen Haare sind locker im Nacken zu einem Zopf zusammen gebunden. Sie ist klein und sehr schlank, fast schon dürr. Das schwarze, ärmellose T-Shirt liegt eng an ihrem Körper und unterstreicht ihre Figur nur noch, genau wie die enggeschnittene, ebenfalls schwarze Hose.
Die Haut ist sehr hell, ihr Gesicht schon fast weiß, den linken Arm ziert eine Tätowierung. Ein Tribal, es beginnt an ihrer Schulter und zieht sich über den gesamten Arm, bis fast zum Handgelenk hin. Die dicken, schwarzen Linien und Bögen stehen in einem starken Kontrast zu der hellen Haut, so fällt das Tattoo nur noch mehr ins Auge.
Luisa überlegt, ob es nicht gerade diese Tätowierung war, die damals die gesamte Siedlung gegen das Mädchen aufbrachte, oder war es eher die Tatsache, dass sie ganz alleine in ein großes Haus zog? Dass sie so merkwürdig war, so geheimnisvoll und niemand genaueres über sie wusste.
Luisa zuckt mit den Schultern und setzt ihre Körpermassen in Bewegung. Langsam geht sie über die kleine Straße auf das schöne Einfamilienhaus zu. Die Einfahrt ist nicht lang, trotzdem kehrt die junge Frau schon mindestens zehn Minuten auf ihr herum. Sie lässt sich Zeit dabei.
Vielleicht will sie ein Schwätzchen mit mir halten, überlegt sich Luisa, aber daraus wird nichts werden, heute habe ich dir etwas Interessantes zu erzählen. Heute will ich keine Neuigkeiten über deine Bücher, über deine Arbeit oder über dich wissen, heute habe ich dir etwas zu berichten.
Luisa lehnt sich auf den Zaun aus Gusseisen und blickt zu dem kehrenden Mädchen.
»Hallo, Vivien«, sagt sie lächelnd, »warum kehrst du heute selbst? Deine Putze macht das doch sonst?«
Vivien fegt unbeirrt weiter, sie murmelt nur:
»Die hat heute frei. Weiß auch nicht genau warum. Aber ich schätze, ich werde auch mal selbst sauber machen können.« Sie hebt den Blick und dunkle Augen sehen amüsiert in Luisas feistes Gesicht.
»Oder meinst du, es erregt die Gemüter der Nachbarschaft, wenn ich meine eigene Einfahrt kehre?«
Luisa legt den Kopf in den Nacken und lacht kurz gackernd wie ein Huhn.
»Alles was du tust, erregt die Gemüter unserer ach so feinen Nachbarn. Selbst wenn du ausatmest, wird darüber geredet.« Vivien lächelt schief und widmet sich erneut dem Schmutz ihrer Einfahrt.
Luisa kann es kaum erwarten, ihr die Neuigkeit zu erzählen, so fängt sie auch ohne Einleitung einfach an zu plappern.
»Hör mal, hast du schon den neuen Mieter aus dem Orangen gesehen?«, mit erwartungsvoll geweiteten Augen sieht sie Vivien gespannt an.
Das sogenannte orange Haus ist das einzige Mehrfamilienhaus in der Siedlung. Es hat vier Stockwerke und fünf Wohnungen. Es ist ganz in orange gestrichen und wird von allen nur als das Orange bezeichnet. Es steht nicht weit von ihren Häusern entfernt, gut sichtbar, an der Kreuzung.
Einige Zeit hat die oberste Wohnung leer gestanden, nun ist sie scheinbar wieder vermietet worden.
Vivien stellt das Kehren ein und sieht ihre Nachbarin an, sie runzelt leicht ihre Stirn.
»Nein, sollte ich das?«, fragt sie mit einem spöttischen Lächeln.
»Aber unbedingt, Mädchen. Er hat sich bei allen hier schon vorgestellt. Er war auch bei dir, ich habe es gesehen, er hat geklingelt. Du hast aber nicht aufgemacht.« Luisa schämt sich kein bisschen dafür, dass sie ihre Neugier so unumwunden zugibt.
Wiederum lächelt das schwarzhaarige Mädchen, arbeitet jedoch weiter.
»Ich hab’s gehört, hatte aber zu tun. Was wollte er denn?«
Verschwörerisch lehnt sich Luisa noch weiter über den Gartenzaun und flüstert:
»Er hat uns alle zu seiner Einweihungsparty eingeladen. Samstag in zwei Wochen, im Garten vom Orangen Das ist aber total unerheblich.« Luisa winkt ärgerlich ab.
»Ihn musst du dir ansehen. Ein Traum von einem Kerl, so was hab ich noch nicht gesehen. Wie für dich geschaffen, Mädchen.«
Vivien stützt sich auf ihrem Besen und schiebt düster die schön geschwungenen Brauen zusammen.
Sie hat zwar schon vor einiger Zeit aufgegeben sich über Luisa zu ärgern, aber über ihre Kupplungsversuche kann sie sich doch jedes Mal fürchterlich aufregen. Zumal Luisa genau über ihre Vergangenheit Bescheid weiß, über ihre Kindheit, was geschehen ist damals.
»Luisa«, sagt sie langsam, »lass das bitte sein. Du weißt genau, dass ich das nicht mag.«
Genervt verdreht Luisa ihre Augen nach oben.
»Ja, ja, ich weiß. Aber hier zählt das nicht. Der Typ ist so toll, so klasse, so … so … «
Sprachlos hält Luisa kurz inne, mit der Beschreibung eines gutaussehenden Mannes ist sie wirklich überfordert.
»Du weißt schon, wie ich das meine«, fährt sie fort.
»Adonis ist wahrscheinlich ein Dreckklumpen gegen ihn.« Vivien, noch auf ihren Besen gestützt, lacht kurz auf. Den Vergleich findet sie wirklich komisch.
Von ihrem Lachen angespornt, spricht Luisa rasch weiter.
»Er ist ungefähr in deinem Alter, schätze ich. Und du glaubst gar nicht, wie er aussieht, und so charmant. Mit einem Lächeln hat er die alte Bentke für sich eingenommen. Sogar die redet nur in den höchsten Tönen über ihn. Und du weißt, was das heißt, die zerreißt sich sogar über die Spatzen hier ihr Maul.«
Luisa holt kurz Luft, dabei wirkt sie, wie ein Vulkan, der jeden Moment ausbricht, alles an ihr bebt.
»Du musst ihn einfach kennen lernen. Er ist so ein unglaublicher Kerl, selbst ich würde ihn nicht von der Bettkante schubsen.« Vivien hebt amüsiert eine Augenbraue und Luisa holt lächelnd nochmals Luft.
»Wobei sich die Frage selbstverständlich nicht stellen würde, da er mich natürlich nicht in seinem Bett haben will, so nett und charmant er auch zu mir war«, schließt sie, nun breit grinsend.
Vivien schüttelt mit dem Kopf und beginnt erneut, die Einfahrt mit dem Besen zu bearbeiten.
Erstaunt reißt Luisa ihre Augen auf, sie kann Vivien nicht verstehen, warum interessiert sie sich überhaupt nicht für Männer, egal wie sie aussehen. Wobei der Typ die Krönung von allen ist, von allen Kerlen, die sie selbst in ihrem langen Leben schon zu Gesicht bekommen hat.
»Ach übrigens«, ergreift Luisa erneut das Wort, »er heißt Micki, kannst du dir das vorstellen, so ein klasse Kerl heißt wie eine Zeichentrickmaus«, abermals lacht Luisa gackernd.
Das Mädchen lächelt vor sich hin, sie verspürt keine Neugier auf diesen angeblich so tollen Typ. Auch weiß sie jetzt schon, dass sie nicht auf diese Einweihungsparty gehen wird. Sie nimmt grundsätzlich keine Einladungen an, eine Lebensmaxime von ihr.
Frustriert stöhnt Luisa laut auf.
»Oh, Vivien, interessiert dich der Typ denn kein bisschen? Bist du gar nicht neugierig, willst du nicht mehr wissen? Was er gesagt hat, oder was ich ihm erzählt habe? Gar nichts?«
Kurz hebt Vivien den Kopf.
»Nö«, meint sie knapp und schwingt unbeirrt weiter den Besen.
Luisa schlägt mit der flachen Hand auf den Gartenzaun, sie kann solch ein Desinteresse einfach nicht fassen, und weiß im Moment nicht, wie sie darauf reagieren soll. Vivien hat ihr sozusagen den Wind aus den Segeln genommen. Luisa hätte zu gerne vor ihr damit geprahlt, wie lange sie sich mit dem wunderbaren Kerl unterhielt, vor allem, wie lange sie über ihre schöne, schwarzhaarige Nachbarin mit ihm redete. Aber vielleicht ist die Idee nicht so gut, überlegt sich Luisa, vielleicht wird Vivien doch noch ärgerlich, wenn sie das erfährt.
Unschlüssig, was sie jetzt tun oder sagen soll, bleibt Luisa einfach am Gartenzaun stehen und sieht der kehrenden Schönheit zu.
*
Auch etliche Meter weiter blickt jemand auf das schwarzhaarige Mädchen und ihre dicke Nachbarin, die fast den Zaun mit ihrem massigen Körper niederdrückt.
Im obersten Stockwerk, des sogenannten Orangen, steht jemand und beobachtet die Szenerie durch das geschlossene Fenster. Eine weiße, dichte Gardine schützt ihn, vor allzu neugierigen Blicken.
Wie eine Statue steht er hinter dem Fenster, kein Muskel an ihm rührt sich, kein Atemzug bewegt seinen Brustkorb. Wie aus Stein gehauen steht er dort, nur seine scharfen Augen zucken leicht, als er jede Bewegungen der beiden Nachbarinnen beobachtet.
Es ist finster in dem kleinen Zimmer. Hinter ihm sitzt jemand in einem Sessel und liest ein Buch. Trotz der Dunkelheit, die in dem Zimmer herrscht, huschen seine bernsteinfarbenen Augen über die Seiten, er braucht scheinbar kein Licht.
Micki, der am Fenster steht, runzelt plötzlich seine Stirn, wendet etwas den Kopf und sagt, ohne die beiden Frauen aus den Augen zu lassen.
»Sie ist wirklich hübsch, die Kleine. David, komm mal her und sieh sie dir an.«
David legt aufseufzend sein Buch auf die Armlehne des Sessels, stemmt er sich mit übertriebener Langsamkeit hoch und geht gemächlich zum Fenster. Er ist groß und schlank, geschmeidig in seinen Bewegungen, jeder Muskel sitzt an der richtigen Stelle, kein Gramm Fett. Ein feingeschnittenes Gesicht, kurze, braune Haare, perfekt gepflegt. Ein Typ, nach dem sich jede Frau umdrehen würde, ein Mann, der auf das Titelblatt eines Lifestyle Magazins gehört, möglichst nur in Unterwäsche fotografiert.
David legt Micki freundschaftlich den Arm locker um die Schultern und blickt ebenso aus dem Fenster.
Micki ist nur ein Stück kleiner als er, ansonsten könnten sie Brüder sein. Auch Micki ist der Traumtyp schlechthin, ein Kerl, einem Adonis gleich.
Selbst wenn man die Unverschämtheit besäße, danach zu suchen, man würde keinen Makel an ihm oder David finden. Beide sind einfach nur … perfekt.
David grinst frech und entblößt eine Reihe ebenmäßiger, strahlendweißer Zähne.
»Welche ist es denn von den beiden? Die Dicke?«
Micki wirft ihm einen raschen, ärgerlichen Seitenblick zu.
»Nein, die kleine Schwarzhaarige.«
David wiegt seinen Kopf hin und her.
»Hm, du hast aber auch immer ein Glück. Die sieht köstlich aus, zum anknabbern lecker.«
»Ja, finde ich auch«, meint Micki munter.
»Ich gehe jetzt runter und werde mich ihr vorstellen. Und du, mein Freund, wirst mitkommen.«
»Ich? Warum in aller Welt?«, fragt er, »sie ist dein Auftrag, nicht meiner.«
»Ja, das schon, aber es soll zufällig aussehen. Komm, wir tun so, als drehen wir unsere Nachmittägliche Joggingrunde. Wir sehen wie zwei Sportler aus, im Moment, da fällt das nicht weiter auf.« Micki steht schon mitten in dem dunklen Zimmer und winkt David zu sich.
»Los komm schon. Bevor sie wieder reingeht.«
Ein gequälter Ausdruck erscheint in Davids schönem Gesicht. Bewegen, das ist so gar nicht nach seinem Geschmack, lieber würde er wieder im Sessel sitzen und in seinem Buch lesen.
Aber Micki ist sein Freund, schon viele Jahre, und er hat recht, sie sehen wirklich wie zwei Sportler aus.
Enge T-Shirts, Jogginghosen und Turnschuhe, einfach perfekt. Ungeduldig wartet Micki auf ihn an seiner Wohnungstüre. So eilig hat er es aber auch selten, überlegt David, na ja, sie ist es wohl wert. Lächelnd geht er hinter Micki her.
*
Luisas Gedanken kreisen immer noch um den tollen Mann in dem Orangen und wie sie ihn Vivien schmackhaft machen kann. Da bemerkt sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung, ihr Kopf ruckt herum. Die Augen werden groß, der Mund bleibt ihr offen stehen, ein strahlendes Grinsen überzieht ihr Gesicht. Da kommt sie ja, die Chance auf die sie gewartet hat.
Micki und scheinbar ein Freund, der ihm in punkto Aussehen in nichts nachsteht, joggen langsam die Straße hinunter.
Luisa dreht sich rasch wieder zu Vivien um.
»Da kommt er, mit noch einem. Jetzt schau ihn dir bloß mal an«, zischt sie über den Gartenzaun hinweg, dem verträumt vor sich hin kehrenden Mädchen zu.
Vivien hebt erschrocken ihren Kopf, sie war ganz in Gedanken versunken und hatte ihre Nachbarin schon fast vergessen. Ein schneller Blick über die Schulter zeigt ihr, dass sie keine Möglichkeit zu einer Flucht hat.
Verdammt, denkt sie, jetzt treffe ich doch mit diesem Kerl zusammen. In Gedanken wünscht sie Luisa die Pest an den Hals. Sie stützt sich wieder auf ihren Besen und überlegt:
Ich muss das hier nur hinter mich bringen, dann hab ich in Zukunft wohl auch Ruhe vor ihren Verkupplungsversuchen.
Nun schon viel gelassener erwartet sie die Dinge, die auf sie zukommen werden.
Luisa wendet sich unterdessen den zwei Joggern zu, die nur noch wenige Meter von ihnen entfernt sind und flüstert zwischen den zusammengebissenen Zähnen in Viviens Richtung:
»Der mit dem weißen T-Shirt ist es.«
Dann grinst sie über das ganze Gesicht, hebt die Hand und ruft laut:
»Hallo Herr Nachbar, schöner Tag für einen Lauf.«
Micki und David halten vor ihr an und atmen einmal schnaufend aus. Micki streckt Luisa seine Hand entgegen, die sie sofort freudig ergreift.
Dann erklingt seine samtige und ruhige Stimme.
»Guten Tag, Luisa. Sie sehen, wie bereits heute Morgen, einfach bezaubernd aus.«
Obwohl es erst ein paar Stunden her ist, das sie die letzten Worte mit ihm gewechselt hat, kann sie sich ein wohliges Aufseufzen nur mit Mühe verkneifen. Seine Stimme trifft sie in ihrem Innersten, bringt ihr Blut in Wallung, befördert verschollen geglaubte Gefühle an die Oberfläche. Wann hat jemand sie das letzte Mal als »bezaubernd« bezeichnet, fragt Luisa sich. Das ist mindestens schon dreißig Jahre her. Sie muss sich zusammenreißen, um nicht, wie ein kleines Mädchen, in hysterisches Kichern zu verfallen.
Micki hält noch ihre Hand fest, sie wünscht sich, er möge sie nie wieder loslassen.
Dieser warme und feste Griff, wie mag er sich nur woanders auf ihrem Körper anfühlen, fragt sie sich kurz, da lässt er ihre Hand los und das seltsame, lüsterne Gefühl ist vorbei.
»Das ist mein Freund, David«, Micki legt ihm kurz die Hand auf die Schulter.
»Wir wollten gerade ein bisschen laufen gehen. David, das ist Luisa, mit Abstand die netteste und hilfsbereiteste Person hier in der Siedlung.« Er lächelt leicht.
David lehnt sich ein wenig nach vorne und reicht ihr die Hand.
»Freut mich, Luisa«, auch seiner Stimme fehlt es nicht an Wärme, obwohl sie eine Spur rauer ist als Mickis. Das macht sie nicht schlechter, ganz im Gegenteil.
»Hallo David«, murmelt Luisa und versinkt fast in den bernsteinfarbenen Augen, sie muss sich mit Gewalt von seinem Gesicht losreißen. Sie zwinkert, räuspert sich und plötzlich fällt ihr ein, dass sie nicht alleine mit diesen zwei unglaublichen Kerlen hier am Gartenzaun steht.
»Entschuldigung«, murmelt sie und räuspert sich erneut.
»Dies ist meine Nachbarin und gute Freundin Vivien. Sie hatten sie, vermute ich, heute Morgen nicht angetroffen, Micki.« Es ist mehr eine Feststellung, als eine Frage. Luisa weiß es nämlich ganz genau, da sie am Morgen jede seiner Bewegungen durch ihr Küchenfenster beobachtet hatte, nachdem er sich bei ihr vorgestellt und gegangen war.
Die beiden Männer drehen sich in Viviens Richtung um, die steht noch auf ihren Besen aufgestützt da, einer Statue gleich und beobachtet, mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen, die ganze Szenerie, nur ihre Augen wandern unruhig umher.
Sie ist etwa drei Meter von ihnen entfernt und es hat nicht den Anschein, als wollte sie auch nur einem der Jungs die Hand reichen, oder sich überhaupt irgendwie in Bewegung setzen.
»Einen schönen guten Tag wünsche ich, Vivien«, meint Micki freundlich und verbeugt sich leicht in ihre Richtung.
Vivien hebt nur ganz kurz eine Hand vom Besenstiel an und antwortet knapp:
»Hi«, schon zucken ihre dunklen Augen erneut zwischen den drei Personen hin und her.
Micki ist sich nicht ganz sicher, ist sie schüchtern oder einfach nur fürchterlich unfreundlich. Er setzt sein charmantestes Lächeln auf, atmet ein bisschen Luft ein, damit sein Brustkorb nach »noch mehr« aussieht. Dann stützt er seine Hände am Gartenzaun ab und streckt die Arme durch.
Er weiß genau, dass dadurch seine Armmuskeln noch stärker hervortreten.
David neben ihm grinst in sich hinein und denkt: jetzt fehlt nur noch ein perfekter Schlafzimmerblick und die dicke Luisa fällt neben ihm in Ohnmacht. Die kleine Schwarzhaarige scheint das allerdings alles kalt zu lassen. Ihr ist keinerlei Veränderung anzumerken. Wo er sich doch solche Mühe gibt und sich aufplustert wie ein feiner Gockel. David presst die Lippen zusammen um nicht laut loszulachen.
»Es ist schön, das ich Sie treffe«, Mickis Stimme ist ruhig und anziehen
»So kann ich Sie jetzt zu meiner Party einladen. Ich möchte meinen Einzug in die Siedlung feiern, bis heute haben alle zugesagt.«
Micki senkt etwas den Kopf und sieht Vivien von unten her an, sein Blick kann schon als verführerisch bezeichnet werden.
Neben ihm atmet Luisa hörbar ein, obwohl sein ganzes Gehabe nicht ihr gilt, verfehlt es seine Wirkung nicht.
Sie wünscht sich im Moment nichts sehnlicher, als noch mal fünfundzwanzig zu sein und auf der anderen Seite des Zaunes zu stehen, an Viviens Stelle. Sie würde Micki sofort um den Hals fallen und nichts anderes rufen als nur: Ja, ja, ich komme zu deiner Party, nichts lieber als das, und jetzt küss mich endlich.
Aber Vivien scheint gegen alle Verführungskunst immun zu sein. Sie lächelt weiterhin unverbindlich, auf ihren Besen gestützt, scheint sie seine betörenden Gesten nicht zu bemerken Sie schiebt ein wenig ihre Augenbrauen zusammen, dabei entsteht eine kleine senkrechte Falte dazwischen.
»Dann werde ich wohl die Einzige sein, die Ihnen absagt.« sagt sie leise, »ich nehme grundsätzlich keine Einladungen an.«
»Oh«, antwortet Micki und ist für eine Sekunde irritiert. Ein Nein hatte er nicht erwartet. Ein gehauchtes Ja, flatternde Augenlider, schneller Atem, fliegender Herzschlag, vielleicht sogar eine kurze Ohnmacht, aber ganz bestimmt kein so klares Nein. Sie ist die erste, die sich seinem bezaubernden Charme, seiner Ausstrahlung widersetzt, die sich widersetzen kann.
Dann hat er sich wieder gefangen und lächelt Vivien an. »Aber vielleicht werden Sie es sich noch überlegen. Es gibt genug zu Essen und Trinken. Die Kinder werden beschäftigt sein, auch für Musik ist gesorgt. Alle werden kommen, das wird ein richtiges Siedlungsfest.« Nochmals verschießt Micki seinen ganzen Charme, senkt den Kopf und blickt sie verführerisch an.
»Bitte, dabei dürfen Sie doch nicht fehlen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie kommen würden, Vivien.« Seine Stimme ist fast nur ein Hauch.
Es ist kurz still um die kleine Gruppe, dann seufzt Vivien leicht, packt ihren Besen und murmelt eigensinnig:
»Wie ich schon sagte, ich nehme grundsätzlich keine Einladungen an, egal, von wem sie kommen.«
Mickis Lächeln wird noch eine Spur breiter.
»Darf ich mir denn erlauben, Sie erneut zu besuchen und einen weiteren Versuch wagen? Um Sie vielleicht doch noch … umzustimmen?«, fragend zieht er eine seiner perfekt geschwungenen Augenbrauen in die Höhe.
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, knurrt Vivien und dreht sich einfach um.
Sie will nur weg hier, weg von diesem affektiertem Gehabe, diese gekünstelte Nettigkeit regt sie fürchterlich auf. Nichts an dem Typen scheint echt zu sein, alles nur Schein. Fast erwartet sie, dass er jeden Moment, in einer rosa Wolke einfach verpufft.
Aber Micki will natürlich sein Gesicht wahren, somit deutet er nochmals eine kleine Verbeugung in Viviens Richtung an, bedankt sich artig und verabschiedet sich formvollendet von der überaus erstaunten Luisa.
*
Im lockeren Trab joggt er neben David, den Feldweg hinter Viviens Haus, hinunter. Micki starrt düster vor sich hin und kann das eben erst Erlebte kaum glauben.
Plötzlich fängt David an zu kichern, erst nur leise und vereinzelt, dann wird es immer mehr, immer lauter. Zum Schluss muss er anhalten, da er vor Lachen nicht mehr gerade stehen kann.
Micki betrachtet grimmig seinen Freund, der sich den Bauch vor Lachen hält. Er stemmt seine Hände in die Hüften und knurrt David an:
»Bist du jetzt bald fertig?«
Kichernd und prustend wendet sich David ihm zu.
»Das … das ich das noch erleben darf«, erneut wird er von einem Lachanfall geschüttelt.
»Deine Verführungskünste versagen einmal, daran hätte ich niemals geglaubt.«
Er kichert nur noch leise vor sich hin. Micki gibt ihm keine Antwort, er knurrt nur wütend und joggt einfach weiter den Feldweg entlang, an kleinen Baumgruppen vorbei.
David holt ihn mit Leichtigkeit ein. Eine kurze Strecke laufen sie nebeneinander her, dann bricht David das Schweigen:
»Es tut mir leid, Kumpel.«
Erneut knurrt Micki nur.
»Was glaubst du, woran das liegt?«, fragt David nachdenklich.
Sein Freund läuft schweigend neben ihm her, er gibt keine Antwort.
»He, rede gefälligst mit mir«, meint David grimmig nach einiger Zeit der Stille.
»Was glaubst du, woran das liegt?«
Statt ihm die erwartete Antwort zu geben, hält Micki abrupt an, damit hat David nicht gerechnet, er läuft noch ein paar Schritte weiter, dann stoppt auch er, dreht sich um und blickt Micki wachsam an.
»Was ist los?«
»David«, beginnt Micki langsam und runzelt dabei seine makellose Stirn.
»Es ist noch nie vorgekommen, dass eine Frau mir nicht verfallen ist, stimmt das?«
David zuckt mit den Schultern, überlegt kurz.
»Ja, soweit ich weiß.«
Micki streicht sich nachdenklich mit den Fingern über das Kinn.
»Ich kapier das alles nicht«, murmelt er vor sich hin. »Irgendwas stimmt hier nicht, mit ihr stimmt etwas nicht, David.«
»Was soll mit ihr nicht stimmen? Außer natürlich das Übliche, aber … was genau meinst du?«
Micki kaut nachdenklich an seiner Unterlippe herum, nach ein paar Sekunden murmelt er leise.
»Es war irgendwie anders als sonst. Ich… ich kann es nicht genau erklären … «, frustriert hält er inne.
»Versuchs einfach«, meint David dazwischen.
»Es war so, als schieße ich meine Blicke auf einen Spiegel ab, als kämen meine Verführungen, meine Künste wieder zu mir zurück. Als prallen sie einfach von ihr ab, ohne sie zu treffen. Es war total merkwürdig, so was habe ich noch nie mitgemacht.«
Er lacht kurz und trocken auf.
»Luisa neben mir, ist fast über mich hergefallen, aber von ihr … Nichts. Rein gar nichts.«
Micki sieht seinen langjährigen Freund fragend an.
»Was war das nur?«, fragt Micki nachdenklich, »hast du sowas schon mal erlebt?«
»Nein, zum Glück«, antwortet David, »versuche es einfach morgen noch mal, bestimmt klappt es dann besser. Vielleicht war sie heute nur schlecht aufgelegt.« Micki wirft ihm einen zweifelnden Blick zu und läuft wieder los.
Nach einiger Zeit knurrt er David zu:
»So ein Quatsch. Du weißt genau, das stimmt nicht. Es ist egal, wie die Weiber aufgelegt sind, unsere Künste treffen immer ihr Ziel. Jedenfalls normalerweise.«
Abermals runzelt er angestrengt die Stirn.
»Soll ich deinen Auftrag für dich übernehmen?«, fragt David grinsend.
»Soll ich mein Glück mit ihr versuchen? Vielleicht fährt sie ja eher auf mich ab.«
Micki wirft ihm einen wütenden Seitenblick zu.
»Untersteh dich. Es ist mein verdammter Auftrag und den werde ich auch ausführen. Sie wird mir noch verfallen, du wirst schon sehen«, schließt er grimmig und presst die Lippen aufeinander.
Das könnte dir so passen, denkt Micki wütend, dass du meinen Auftrag übernimmst, das kommt überhaupt nicht in Frage. Vivien gehört mir, sonst keinem.
Wie kann ich sie nur rumkriegen, überlegt er weiter, ich hab mich doch wirklich angestrengt, an mir kann es nicht liegen.
Ganz in Gedanken versunken muss er grinsen. Wie sie einfach Nein zu meiner Einladung gesagt hat, das war schon hart. Einen Moment wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte.
Ah, wenn sie doch nicht so klasse aussehen, und so gut riechen würde, dann wäre vieles einfacher. Und erst diese Tätowierung, diese Provokation an ihre Umwelt, das imponiert mir einfach. Sie ist schon ein echt schnuckeliges, kleines Ding.
Vor seinen Augen sieht er Viviens Gesicht und wie diese kleine senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen entsteht.
Eigentlich ist sie genau mein Typ, wenn ich sie in einer Disco treffen würde, wäre ich der erste der sie anquatscht, überlegt er und grinst nur noch mehr.
Ich krieg dich schon noch, meine süße kleine Seele, spätestens in meinen Träumen.
Schweigend joggen die beiden Männer nebeneinander her, zurück in Richtung des Orangen.
*
»Wie kannst du nur«, schimpft Luisa unterdessen mit Vivien, die gerade den Besen in die Garage stellt und das kleine Häufchen Dreck zusammenkehren will.
»Wie kannst du nur so unfreundlich sein. Auch wenn du nichts von ihm willst, immerhin gehört er hier in die Siedlung, er ist dein Nachbar. Du hättest wirklich etwas freundlicher sein können, ihm wenigstens die Hand geben können, oder seinem Freund.« Luisa sieht aus, als schmollt sie, wie ein kleines Kind.
Vivien steht mitten in ihrer Einfahrt, die Kehrschaufel in der Hand und blickt zu Luisa.
Plötzlich wirft sie die Schaufel, mit einer wütenden Geste, auf den Boden, kommt auf ihre Nachbarin zu und zischt ärgerlich:
»Luisa, lass mich ein für alle Mal in Ruhe mit diesem Mist. Ich will weder einen Kerl an meiner Seite, noch in meinem Bett haben. Außerdem sollte es dir aufgefallen sein, das ich niemals irgendjemanden die Hand gebe, noch nicht einmal dir. Ich berühre keine Menschen, Niemals. Sie sind mir egal.«
Viviens dunkle Augen funkeln böse, Luisa tritt einen Schritt zurück, für einen kurzen Augenblick macht ihr Vivien Angst, mit ihrem Gefühlsausbruch. Luisa sieht auf ihre breiten Hände und murmelt:
»Ja, schon gut. Entschuldige bitte, ich dachte nur …«
»Lass mich einfach in Ruhe.« Vivien dreht sich brüsk um, nimmt ihre Schaufel wieder auf und beginnt das kleine Dreckhäufchen zusammen zukehren.
Unschlüssig bleibt Luisa noch kurz am Zaun stehen, dann dreht sie sich um und geht langsam zu ihrem eigenen Haus zurück.
Micki zwinkert ein paar Mal, er blickt sich um. Wo zum Teufel bin ich denn jetzt gelandet, überlegt er angestrengt.
Er hockt neben einem kleinen aufgehäuften Steinwall, es ist dunkel, die Luft ist kalt, das macht ihm nicht viel aus, es sind andere Dinge, die ihm Sorgen bereiten.
Wo bin ich und wie komme ich hier hin und, vielleicht noch viel wichtiger, wie komme ich hier wieder weg. Das sind die Fragen, die durch seinen Kopf schießen.
Ganz in seiner Nähe vernimmt er plötzlich leise, knirschende Geräusche, er lauscht angestrengt. Dann ist alles wieder still. Micki lehnt sich gegen den Steinwall und erstarrt.
Etwas hockt vor ihm, etwas riesiges, es ist ganz nahe bei ihm. Das Ding sieht aus wie ein Tier, wie ein Hund. Allerdings ist es von feuerroter Farbe und hat kein Fell. Es wirkt wie gehäutet, die Muskeln und Sehnen liegen bloß. Durch die dicken Adern kann Micki das Blut pulsieren sehen.
Die Schnauze der Kreatur ist ganz nahe an seinem Gesicht, es hat keinen Nasenschwamm, wie ein Hund, die Nasenlöcher sind riesengroß und bestehen nur aus Knochen. Die Schnauze selbst ist langgezogen, Micki kann die spitzen Zähne sehen, von ihnen tropft Speichel. Die kleinen, gelben Augen fixieren ihn, es liegt ein grausamer Ausdruck in ihnen. Das Ding scheint zu überlegen, ob es diesen Fleischberg vor sich einfach verschlingen soll, oder nicht.
Dann bewegt das Tier die Schnauze ein bisschen, es zieht Mickis Geruch in die knöchernen Naselöcher ein, es riecht ihn ab.
Micki schluckt einmal kurz, die Kreatur entspannt ihren Blick ein wenig.
Micki atmet erleichtert auf, er ist sich sicher, es wird ihn nicht töten.
Sie sind beide aus dem gleichen Höllenfeuer entstanden, aus dem gleichen Chaos geboren worden. Sie sind sich ebenbürtig, wenn sie auch nicht für die gleiche Sache kämpfen, so sind sie doch so etwas wie Brüder.
Das Höllengeschöpf schnaubt leise und verächtlich, dann ruckt sein mächtiger Kopf hoch, es spitzt die kleinen Ohren. Ein kurzer Blick aus den gelben Augen trifft ihn nochmals, das riesige Tier dreht sich um und rennt in die Dunkelheit.
Micki sieht ihm hinterher, plötzlich ein leises Surren, ein hohes Kreischen und die Kreatur zerplatzt förmlich in einem hellen blauen Blitz.
Micki kann sich ein erschrecktes Keuchen nicht verkneifen, was war das nur, fragt er sich, und warum ist es jetzt so plötzlich verschwunden? Angestrengt blickt er in die Nacht vor sich, er sucht die Gegend ab.
Geduckt schleicht eine junge Frau an dem kleinen aufgehäuften Steinwall vorbei, es ist dunkel, wie immer, wenn sie auf die Jagd geht.
Dunkel und kalt, der Atem wird vor ihrem Mund sichtbar, als kleine Dampfwolke.
Wo sind sie nur, denkt sie und ihre Augen suchen angestrengt in der Dunkelheit umher, wo zum Teufel sind sie nur. Sie müssen ganz in der Nähe sein, ich kann sie doch schon praktisch riechen. Ihr Blick geht unruhig hin und her, suchend.
Sie muss sie finden, bevor die anderen sie finden, sonst ist es aus mit ihr.
Ihre hohen Stiefel verursachen knirschende Geräusche auf dem steinigen Boden, sie hockt sich hin und hält den Atem an.
Jetzt ist alles still, kein Laut ist mehr zu hören. Es ist schon verzwickt, denkt das Mädchen, das ich ausgerechnet Dämonen jagen muss. Sie atmen nicht, sie haben keinen Herzschlag und sie verursachen scheinbar keinerlei Geräusche.
Sie blickt nach oben, in den Sternenhimmel und versucht die genaue Zeit abzulesen. Wie viel Stunden ihr noch verbleiben, zur Jagd. Bevor sie sich in ihr sicheres Versteck zurückziehen muss, bevor die alles verglühende Scheibe wieder aufersteht.
Gut, denkt sie grimmig, genug Zeit, einen will ich heute noch erledigen, Mindestens.
Sie packt ihren kleinen, leichten Bogen etwas fester, der Pfeil liegt schon schussbereit in der Sehne. Ihr Zeigefinger umkrampft den dünnen Pfeil, dessen Spitze aus reinem, geweihtem Silber besteht und zusätzlich in das Blut eines Sonnenalbs getaucht wurde. Es ist die einzig wirksame Waffe gegen die verfluchten Dämonen. Schlechtes kann man nur mit Gutem bekämpfen.
Die Pfeile in ihrem Lederköcher klappern leise aneinander, bald muss ich wieder zu Snirk, denkt sie kurz, damit er mir neue Pfeile und Spitzen herstellt.
Silber gibt es genug, überall befinden sich Silberminen, der einzig sichere Ort in Nexanima.
In den Minen ist man wenigstens sicher vor den Dämonen.
Einen Sonnenalb zu finden, ist hingegen schon viel schwieriger, ihn für den guten Zweck zu töten fast unmöglich. Nur Snirk kennt noch ihre geheimen Verstecke, nur er ist in der Lage einen Sonnenalb zu finden, zu töten und ihm sein Blut zu nehmen.
Da ist plötzlich eine Bewegung, weiter rechts von ihr. Sie linst um den Steinwall herum. Tatsächlich, da läuft etwas, es ist einer der verfluchten Seelensammler.
Er rennt auf vier Beinen, es sieht aus, als laufe ein riesiges Tier vor ihr davon. Seine hellrote Farbe leuchtet ein wenig in der Dunkelheit, er wirkt, als käme er geradewegs aus dem Höllenfeuer.
Das Mädchen spannt schnell ihren Bogen, zieht den Pfeil auf der Sehne bis an ihre zarte Wange, dann lässt sie ihn losschnellen. Der dünne Pfeil fliegt in einer atemberaubenden Geschwindigkeit durch die Nacht.
Sie hält gespannt die Luft in ihren Lungen, mit einem zufriedenen Lächeln lässt sie den Atem ausströmen, als sie das hohe Kreischen der getroffenen Kreatur hört.
Hab ich dich doch erwischt, denkt sie beruhigt. In einem blauen Lichtblitz zerfällt das Geschöpf der Dunkelheit in seine Einzelteile, dann ist es wieder finster um sie.
Sie zieht die Augenbrauen zusammen, eine feine Linie entsteht dazwischen, sie hat etwas gehört, ein Geräusch. Ihre Augen wandern schnell hin und her, wo kam bloß dieser Laut her, fragt sie sich. Es hat sich angehört, wie ein erschrecktes Keuchen, wie ein angstvolles, schnelles Einatmen. Es war ganz in ihrer Nähe, nur ein paar Meter weiter rechts von ihr.
Immer noch in der Hocke, dreht sie sich leise um und schleicht den Weg zurück, wieder am Steinwall entlang, bis zu seinem Ende, dann linst sie um die Ecke und erstarrt in ihrer Bewegung.
Dort sitzt jemand, ebenso geduckt. Er scheint angestrengt in die trübe Nacht zu blicken.
Es ist ein Kerl, von ihrer Position aus, erscheint er ganz normal, aber man kann ja nie wissen.
