Samuel, der Tod 2 - Nadja Christin - E-Book

Samuel, der Tod 2 E-Book

Nadja Christin

0,0

Beschreibung

Ein Jahr ist vergangen.. Alice schließt ihr Wunderland und will in Urlaub fahren.Eine Entscheidung, die beinahe ihr Leben beendet. Eine Werwolf fressende Bestie treibt ihr Unwesen und jagt plötzlich hinter Alice her. Nur ihre Freunde können ihr jetzt noch helfen, doch die sind tief verstrickt in Lügen und Verrat. Wird Samuel die grausame Bedrohung im letzten Moment abwenden können? Oder entscheidet er sich für ... den Tod?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nadja Christin

Samuel, der Tod 2

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Impressum neobooks

Kapitel Eins

Es ist eine ungewöhnlich, warme Novembernacht, in Valle Leventina, ein Tal im Kanton Tessin, in der Schweiz.

Alle erwarten den ersten Schnee, der dieses Jahr auf sich warten lässt. Die Einwohner der kleinen Stadt Airolo werfen jeden Morgen besorgte Blicke gen Himmel, als könnten sie, alleine durch ihre Gedanken, den baldigen Schnee erzwingen. Sonst ist der Kanton bereits ab Ende Oktober überzuckert mit der weißen Pracht, aber in diesem Jahr – Nichts.

Das lässt die gläubigen Schweizer hinter vorgehaltener Hand miteinander tuscheln und Mutmaßungen anstellen. Als auch der November außerordentlich mild begann, wurden die Befürchtungen lauter. Die Einwohner schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Jeder wurde verdächtigt, an der Misere Schuld zu haben. Außenseiter, Säufer, Frauen, die alleine lebten, alle wurden angeklagt. Obwohl sie im 21. Jahrhundert leben, und weiß Gott, aufgeklärt sein müssten, begannen die Schweizer sich zusammenzurotten und Methoden laut werden zu lassen, die stark an die Hexenverbrennungen im fünfzehnten Jahrhundert erinnerten.

Dennoch war kein Schnee in Sicht.

Pfarrer Borelli, der hiesige Geistliche, sprach mit den ältesten Einwohnern der Gemeinde. Sie waren sich schnell einig, dass niemand anderes, als der Fleischer Schwery dafür zur Verantwortung gezogen werden muss. Er ist ihnen schon lange ein Dorn im Auge, nur er kann Schuld haben, an den Wetterkapriolen und den damit verbundenen Auswirkungen für sie alle.

Auch wenn jeder Außenstehende den Kopf über so viel Ignoranz schütteln würde, so wären doch alle sehr erstaunt, wie nahe die Einwohner der kleinen Stadt Airolo der Wahrheit kamen.

Selbstverständlich ist der Metzger nicht für das milde Wetter verantwortlich, Eugenio Schwery kann nur für die kontinuierlich schwindende Zahl an Rehen, Wildschweinen und Hasen verantwortlich gemacht werden. Nicht, dass der Fleischer ein Wilderer ist und das Bret in seiner Metzgerei zum Verkauf anbietet. Er jagt für den Eigenbedarf, für sich selbst, zum Verzehr. Aber nicht, als Sonntagsbraten, mit Preiselbeersauce und Kartoffeln. Auch jagt er nur einmal im Monat – zu Vollmond.

Denn Eugenio Schwery ist ein Werwolf.

Es ist der 9. November, der Vollmond wirft sein mattes Licht auf das Tal Leventina. Eugenio läuft in seiner Werwolfgestalt durch die Wälder. Er denkt nicht über das Wetter nach, oder über die Einwohner, allen voran Pfarrer Borelli, die hinter ihm her sind und in diesem Moment die Privaträume der Gemeindekirche verlassen, um sich, bewaffnet mit Gewehren und Baseballschlägern, Schwerys Haus zu nähern. Eigentlich denkt der Werwolf an gar nichts mehr, er handelt nur noch nach seinen Instinkten. Er wird verfolgt, doch sein Jäger hat nichts Menschliches an sich. Der Metzger rennt um sein Leben, läuft wie ein gehetztes Wild über offene Wiesen, durch Tannenwälder, tief hinein in die dichte Vegetation des Valles Leventina.

Schon am Morgen, dieses unsäglichen Tages, hatte Eugenio Schwery so ein merkwürdiges Gefühl. Er stand bereits mit einer Vorahnung auf, dass der heutige Vollmond einige Überraschungen für ihn bereithielt. Allerdings hat der Metzger an den Gemeindepfarrer und seine gläubigen Anhänger gedacht, genauso, wie er überlegte, dass es an der Zeit sei, dieser Gemeinde den Rücken zuzukehren um woanders sein Glück zu versuchen.

Bereits seit Jahrhunderten macht Eugenio es so, wenn ihm der Boden zu heiß unter den Wolfspfoten wird, dann flüchtet er in eine andere Stadt, in ein anderes Land, oder wechselt gleich den Kontinent.

Doch jetzt kamen seine Überlegungen zu spät, dieses Vieh ist hinter ihm her und sollte es ihn erwischen, dann ist es aus mit dem Werwolf Schwery, getarnt als Metzger der Gemeinde Airolo.

Eugenio spürt, wie seine Kräfte schwinden. Er ist ein großer, starker Kerl und auch als Werwolf keine kleine Ausgabe, doch so langsam verlässt ihn der Mut und die Hoffnung, diese Nacht zu überleben. Denn was da hinter ihm her ist, das darf es eigentlich nicht geben – oder vielmehr nicht mehr.

Der Metzger lebt bereits seit vielen Jahrhunderten, hat das Mittelalter erlebt und kennt die verschiedenen Anderswesen, die es damals gab. Doch die Sensenmänner der Superior haben viele der Wesen ausgerottet.

Sie gehörten ebenso dazu. Dennoch ist ihm in dieser Novembernacht einer dieser - angeblich von der Erde getilgten Rasse - auf den Fersen.

Eugenio war noch ein kleiner Wolf, als ihm seine Mutter von den Drachenwesen erzählte, die sich von Werwölfen ernähren. Doch bereits damals war seine Rasse vom Aussterben bedroht und auch Drachen gab es nicht mehr viele.

Es war eine klare und bitterkalte Nacht, als zwei der Drachen, ihr kleines Dorf überfielen. Der kleine Eugenio konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Aus seinem Versteck heraus musste er mit ansehen, wie diese Biester über seine Mutter, seinen Vater, und seinen kleinen Bruder herfielen und sie genüsslich auffraßen. Zwei Sensenmänner töteten schließlich die Drachen, aber der kleine Eugenio war der einzige Werwolf, der das Massaker überlebte. Damals glaubte er fest daran, dass mit dem qualvollen Tod der beiden Drachen, auch die Rasse gestorben wäre, aber jetzt, sechs Jahrhunderte später, wurde er eines Besseren belehrt.

Der Werwolf bleibt auf einer kleinen Anhöhe stehen, er kann nicht mehr weiter, ist viel zu erschöpft. Bereits seit Stunden flieht er vor dem Drachen.

Er überlegt, ob er einfach aufgeben soll. Er, der schon so vieles erlebt hat, denkt ernsthaft darüber nach, ob es nicht besser sei, wenn er sich einfach seinem drohenden Schicksal ergibt. Reste seiner Instinkte, schreien tief in ihm auf, protestieren dagegen. Ich muss überleben, schießt es ihm durch den Kopf, und sei es nur, um andere vor dem Drachen zu warnen. Niemand seiner Artgenossen hielt es für möglich, dass in dieser Welt noch Drachenwesen existieren.

Während Eugenio noch darüber nachsinnt, und keuchend, mit heraushängender Zunge, auf der kleinen Anhöhe steht, hört er hinter sich ein leises Rascheln. Der Werwolf dreht rasch seinen massigen Schädel, aber es ist bereits zu spät. Er wird mit einer unglaublichen Kraft von den Pfoten geholt, fliegt etliche Meter durch die Luft, um mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden zu landen. Jegliche Atemluft wird Eugenio aus dem Körper gepresst, keuchend bleibt er auf der Seite liegen. Seine Pfoten zucken hilflos, er versucht sich krampfhaft zu erheben, aber seine Muskeln und Sehnen gehorchen ihm nicht. Die Kollision brach dem Werwolf das Rückgrat. Auch wenn er eine solch schlimme Verletzung überleben kann, so ist er doch jetzt seinem Jäger hilflos ausgeliefert.

Schwerys Augen wandern umher, er versucht seinen Feind auszumachen, ihn zu entdecken, bevor dieser sich auf ihn stürzt.

In diesem Moment treten zwei massige Beine in sein Blickfeld. Schwery erkennt lange Krallen an den Füßen, alles ist von Schuppen bedeckt, die den massigen Körper wie eine Panzerung umgeben. Die Hornplatten überlappen sich, haben raue Kanten und irisieren im fahlen Mondlicht in verschiedenen Farben. Langsam wandert Eugenios Blick die Beine seines Gegners hoch. Vor ihm steht tatsächlich ein Drache. Aufrecht, wie ein Mensch, Arme, die seitlich herabhängen und ebenfalls in messerscharfen Krallen enden, die fürs zerreißen wie geschaffen scheinen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich rasch, das Ungeheuer ist ebenso außer Atem. Schwery kann seinen Kopf nicht drehen, er möchte zu gerne einen Blick in das Gesicht des Drachen werfen. In diesem Moment hockt das Untier sich hin, er geht in die Knie und die Schuppen geben ein unheimliches, knirschendes Geräusch von sich, das einen entsetzten Schauer durch Eugenios Körper fließen lässt. Seine Pfoten zucken wild, der Werwolf will fliehen, so schnell es geht raus, aus dieser tödlichen Situation, doch seine Gliedmaßen gehorchen ihm nicht.

Er brüllt auf, knurrt und geifert, aber der Drache scheint ihn nur anzugrinsen. Auch der Blick, der Schwery aus den gelben, schlangenähnlichen Augen trifft, ist mehr als spöttisch. Der Kopf des Drachenwesens ist langgezogen, ebenso von Schuppen bedeckt. Auf dem Schädel hat er kleine, nach hinten gebogene Hörner. Aus den Nasenlöchern quillt, mit jedem Atemzug, den er ausstößt, eine kleine Wolke schwarzen Qualms hervor, der sich in der milden Novembernacht rasch verflüchtigt.

Der Drache streckt seinen Arm aus, berührt Schwerys Brustkorb mit einer der spitzen Krallen. Eugenio atmet keuchend ein, jault ängstlich. Er kann die tödliche Kralle nicht spüren, doch tief in seinem Innersten weiß er genau, was jetzt folgt.

Das Drachenwesen blickt fest in seine Augen, während es die Kralle genüsslich durch den Brustkorb des Werwolfes zerrt. Blut spritzt hervor, es knirscht leise, als Schwerys Rippen aufbrechen. Der Werwolf fühlt keinen Schmerz, doch er spürt, wie die Organe aus seinem Körper quellen und sich auf dem grasbedeckten Boden ausbreiten. Eugenio öffnet das Maul und stößt ein gequältes Heulen aus, das sich wie Nebel über das Tal legt und selbst noch in der kleinen Stadt Airolo zu hören ist. Pfarrer Borelli und seine Anhänger sehen sich ängstlich an. Eilig schlagen sie ein Kreuzzeichen, lassen ihre Waffen fallen und suchen das Weite.

Noch bevor der klagende Laut verstummt, stürzt sich der Drache auf den Werwolf und beginnt ihn, bei lebendigem Leib, aufzufressen.

Kapitel Zwei

Fünfundzwanzig Tage später, außerhalb von London – es ist tiefste Nacht und stockdunkel. Leichter Nebel zieht durch den dichten Wald. Ein Fuchs huscht zwischen Büschen und Bäumen umher, seine Pfoten lassen das alte Laub rascheln. Er hält kurz inne, hebt die Schnauze und schnüffelt in die Luft. Seine Ohren zucken unruhig. Er duckt sich und verschwindet mit weiten Sprüngen zwischen der dichten Vegetation.

In einiger Entfernung sind Geräusche zu hören, Metall, das heftig aufeinander prallt, knirschende Schritte, ein Keuchen und fluchende Stimmen.

Mitten im tiefsten Wald, unter einem beinahe runden Mond, kämpfen zwei Männer mit Schwertern.

Die großen, dunkelhaarigen Kerle sind in moderne Kleidung gehüllt: Jeans und T-Shirt, sie kämpfen jedoch mit altmodischen Waffen. Die zweischneidigen Langschwerter stammen aus dem 16. Jahrhundert, sind gut erhalten und gepflegt.

Der größere von ihnen, ein hagerer Kerl, mit Dreitagebart, führt gerade einen mächtigen Stoß gegen seinen Gegner. Dieser kann in letzter Sekunde parieren und dem tödlichen Schlag ausweichen. Der baumlange Mann flucht leise zwischen zusammengebissenen Zähnen, als er sieht, dass sein Hieb ins Leere geht.

Sein Rivale lacht. »Da musst du schon was Besseres bieten, Parker.«

»Ich erwische dich noch, Junge«, zischt er zurück.

»Sicher«, meint sein Gegner arrogant und geht zwei Schritte zurück. Er hält das reichverzierte Schwert mit beiden Händen fest, hebt es über seinen Kopf.

»Komm nur«, lockt er zynisch. »Der Stahl wartet sehnsüchtig auf dein heißes Blut.«

Parker lacht laut auf. »Der Stahl, oder eher du?«

Sein Gegenüber zuckt mit den Schultern. »Völlig egal. Mach schon.«

Parker lässt die Klinge sinken, bis sie den Boden berührt. Nachdenklich sieht er seinen Gegner an. Wie er da steht, mit hocherhobener Waffe, die Knie leicht gebeugt, seine Augen blitzen, die Lippen sind wie bei einem knurrenden Tier zurückgezogen und entblößen ein starkes Gebiss.

»Greif mich endlich an«, zischt er in diesem Moment.

Parker bohrt die Spitze der Waffe in den weichen Waldboden, stützt sich lässig auf sein Schwert.

Sein Blick wird noch nachdenklicher, düster zieht er die Brauen zusammen.

»Ich hoffe, dir ist klar, das hier ist nur ein Spaß. Ich bin es nicht, der deinen Hass verdient, Sam. Wir üben nur ein wenig. Du scheinst den Blick für das richtige Leben verloren zu haben. Ich …«

»Willst du mich jetzt zu Tode quatschen?«, fragt Sam wütend dazwischen und lässt sein Schwert sinken. »Du scheinst hier den Blick für die Realität verloren zu haben. Ich will mich nur ein bisschen austoben, aber du fängst an und schwingst dämliche Reden. Erkläre mir mal, was das…«

Noch während sein Gegner redet, reißt Parker das Schwert aus dem Boden und lässt es durch die Luft sausen. Sam schreit heiser auf. Sein Shirt ist quer über dem Bauch zerteilt, augenblicklich strömt Blut aus der langen Schnittwunde, durchnässt den Stoff und fließt über seine Hose. Sam lässt das Schwert fallen und sinkt auf die Knie. Keuchend presst er die Hände auf die Verletzung, krümmt sich vor Schmerzen. Schon spürt er den kalten Stahl, seines Gegners, an der Halsseite.

»Jetzt bist du erledigt«, sagt Parker.

Sam hebt den Kopf und blickt den riesigen Kerl wütend an.

»Mach schon«, meint er leise. »Beende es und töte mich. Ich bin auf deinen miesen Trick hereingefallen … Ich habe es nicht besser verdient.«

»Du sagst es.« Parker holt zu einem letzten, tödlichen Hieb aus.

Das Schwert zischt durch die Luft, auf Samuels Nacken zu.

Fröhlich vor sich hin pfeifend packt Alice ihre Koffer. Sie hat sich endlich dazu durchgerungen, ihr Geschäft, den Kuriositäten Laden, mit dem bezeichnenden Namen: Alices Wunderland, für zwei Wochen zu schließen, um einen ausgedehnten Urlaub zu machen. Sie möchte andere Leute treffen, sich amüsieren, Städte und Landschaften erkunden, in denen sie noch nie zuvor war. Sie wird zwar nur einige Hundert Kilometer fahren, dennoch ist alles außerhalb Paris für sie neu und aufregend. Außerdem freut sie sich auf den 8. Dezember, dann findet das alljährliche Lichterfest in Lyon statt, und die kleine Schwarzhaarige wird dabei sein. Dass der Termin ausgerechnet an Vollmond ist, stört sie nicht. Selbst in ihrer Werwolfgestalt wird sie das Spektakel genießen können. Die Hauptsache ist, dass sie endlich aus ihrem gewohnten Trott herauskommt und nicht mehr ständig über Samuel nachdenken muss. Dieser verdammte Kerl, hat es noch nicht einmal nötig, sich im letzten Jahr bei ihr zu melden. Zu gerne hätte sie gewusst, wie es ihm ergangen ist. Schließlich ist er der Tod. Auch wenn er nicht mehr auf der Jagd nach menschlichen Seelen sein muss und als Sensenmann in der Gegend herum geistert.

Mehr als einmal war Alice versucht, ihn anzurufen. Auch wenn Sam selbst kein Handy besitzt, so kennt sie doch die Telefonnummer seines Freundes, bei dem er wohnt: Nathan d’Cavenaugh, der Antiquitätenhändler aus der Cursitor Street im Herzen Londons, hätte ihr bestimmt gerne Auskunft gegeben. Doch letzten Endes traute sich die Werwölfin einfach nicht. Wer weiß schon, welche Informationen sie bekam. Vielleicht wollte sie einige Geschichten gar nicht hören. Im vergangenen Jahr hat sie lediglich zweimal mit ihrem, einst besten Freund Liam, telefoniert. Nach wie vor ist er mit Charlie, ebenso ein Vampir wie er, im Norden der verregneten Insel unterwegs. Zwar versprach er, sie demnächst zu treffen, jedoch blieb er ihr einen Besuch bis heute schuldig. So hielt sie es auch nicht für nötig, irgendjemandem Bescheid zu geben, dass sie Paris verlässt, um im südlichen Frankreich ein paar schöne Tage zu verbringen. Lediglich einige ihrer Kunden wussten Genaueres.

Alice wirft einen Blick auf ihren Kalender. Es ist der fünfte Dezember, morgen, sobald die Sonne aufgeht, will sie aufbrechen. Zuerst möchte sie in aller Ruhe in Richtung Genève in der Schweiz fahren, bevor sie über Lausanne und Montreux den kleinen Ort Airolo besuchen wird. Dort lebt einer ihrer Artgenossen, den sie bereits aus früheren Zeiten kennt. Sie hofft, den guten, alten Eugenio Schwery, dazu überreden zu können, sie auf das Lichterfest zu begleiten. Die Werwölfin hat zwar keinerlei Furcht, sich allein in das Getümmel zu werfen, jedoch weiß sie, dass es zu zweit mehr Spaß macht. Wenn sie schon nicht von ihrem geliebten Sensenmann Samuel begleitet werden kann, so will sie doch wenigstens ein einigermaßen vertrautes Gesicht neben sich haben.

Es wird das erste Mal, seit sehr langer Zeit sein, dass sie an einem Vollmond nicht eingesperrt ist. Alice freut sich auf die kommenden Tage. Jedoch verspürt sie ebenso eine unerklärliche Furcht, die sich ganz langsam ihre Eingeweide hochfrisst.

Sie hält kurz inne, ein schwarzes Top in den Händen. Alice lauscht in sich, versucht zu ergründen, wovor und warum sie solche Angst verspürt. Sind es Instinkte, oder doch nur die Furcht vor etwas Neuem, vor dem Unbekannten. Das schwarze Nichts, das sich Top schimpft, fliegt in den Koffer. »So ein Schwachsinn«, murmelt Alice vor sich hin und greift nach dem nächsten Kleidungsstück in ihrem Schrank um auch das einzupacken. Sie breitet es auf ihrem Bett aus. Erst jetzt erkennt sie es. Es ist das hauchdünne Kleidchen, das sie vor einem Jahr kaufte, um sich am gleichen Abend in eine Schlacht mit dem Ortsansässigen Drogenboss Alfons Martinez zu stürzen. Natürlich lief alles völlig aus dem Ruder, jedoch hatte es ein Gutes: Sie traf auf Samuel, den Tod. Dass sie sich ausgerechnet in den Sensenmann verlieben musste, war ihr weder recht, noch so geplant. Aber die Werwölfin konnte für ihre Gefühle nichts. Sam liebte sie nicht, er konnte es nicht, wie er ihr mehrmals sagte. Alice wusste nicht, ob sie ihm das glauben sollte oder nicht, da er sich jedoch im vergangenen Jahr nicht einmal rührte, nahm sie an, dass alles, was er sagte, die Wahrheit war.

Erneut sieht sie auf den schwarzen Fetzen, der einst ein Designerkleid darstellte. Sie weiß nicht mehr, wie es in ihren Schrank kommt, sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie es dort hineingelegt hat. Vorsichtig, als wäre es hochexplosiv, nimmt Alice es, mit spitzen Fingern, vom Bett hoch. Dann, einem Impuls folgend, hält sie es sich unter die Nase und atmet tief ein. Ein berauschender Duftmix flutet in die kleine Schwarzhaarige ein. Parfum, Zigarettenrauch, Whisky, sogar das Schwarzpulver von der Schießerei, in die sie geriet, kann sie noch riechen. Und unter all diesem vorherrschenden Geruch, fast unmerklich, strömt ihr ein vertrauter Duft in die Nase.

Samuel.

Es ist eindeutig. Sofort sieht Alice ihn vor sich. Die kurzen, dunklen Haare, das markante Gesicht, das oft viel zu traurig aussah und dann noch seine Augen. Dieses Blau, wie ein Gebirgsbach so klar, dunkel, wie ein sternenübersäter Himmel. Die schönsten Augen, die sie je sah. Sofort beginnt ihr Herz wie wild zu klopfen, sie presst sich das Kleid gegen das Gesicht und atmet tief ein. Die viel zu kurze Zeit, die sie zusammen verbrachten, rauscht in Bildern, wie ein Güterzug, an ihr vorbei. Erst bei ihrem Abschied stoppt die wilde Fahrt abrupt – Ausgerechnet da.

Überdeutlich sieht sie Samuel vor sich, wie er lässig gegen einen Laternenpfahl lehnt, die Hände in den Taschen vergraben und ihr zuzwinkert.

Es kostete sie damals eine ungeheure Überwindung, einfach so zu fahren, ihn zurückzulassen. Jedoch nahm sie zu jener Zeit noch an, dass allerhöchstens ein bis zwei Monate vergehen würden, bis sie Sam wiedersah. Niemals, noch nicht mal in ihren verrücktesten Träumen, hätte sie sich vorstellen können, dass er sich einfach nicht mehr bei ihr blicken lässt. Er hatte es doch versprochen, beinahe schon geschworen.

»Die Kerle sind alle gleich«, zischt Alice und wirft das schwarze Kleid zurück in den Schrank. Sie würde sich einfach etwas anderes zum Anziehen suchen müssen, um schick Essen zu gehen. Sie beabsichtigt nicht, während sie Muschelsuppe schlürft, Samuels Geruch um sich haben. Das wäre das Letzte, was sie will.

Sie wirft einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf den zusammengeknüllten Fetzen von Kleid, der sie immerhin einst 650 Euro kostete. Doch dann knallt sie entschlossen die Schranktüre zu, ganz so, als sperre sie ihre Vergangenheit hinter den Sperrholzplatten ein.

Samuels Blick bohrt sich in Parkers Augen. Er sieht, wie die tödliche Waffe auf ihn niedersaust, dennoch hat er die Zeit, um ein hämisches Lächeln anzudeuten.

Parker sieht es und weiß im selben Augenblick, was jetzt geschehen wird.

Sams Arm schießt vor und packt Parkers Knöchel. Ein scharfer Ruck und der baumlange Kerl fällt nach hinten. Er stößt einen heiseren Schrei aus, lässt das Schwert fallen und rudert mit den Armen. Aber all das nützt ihm wenig, mit einem dumpfen Geräusch landet er auf dem weichen Waldboden. Der Aufprall presst ihm jegliche Atemluft aus den Lungen. Kaum schlägt Parker auf, schon ist Sam über ihm, drückt ihn mit seinem Gewicht noch tiefer in den Boden, nagelt ihn fest.

Er presst seinen Unterarm gegen Parkers Kehle. »Hör auf, Sam. Du hast ja gewonnen.«

»Gewonnen?«, stößt Sam verächtlich hervor. »Ich habe erst gesiegt, wenn du blutend vor mir liegst.«

Aus seinen Fingerspitzen schießen lange Krallen hervor, der Kopf wird breiter und zugleich länger, eine Schnauze bildet sich, mit messerscharfen Reißzähnen. Sams gesamter Körper verändert sich, lange, schwarze Haare sprießen aus den Poren, die Schultern wandern höher, Arme und Beine werden noch kräftiger. Unter lautem Knacken und Krachen verwandelt er sich in einem Werwolf. Die Umformung dauert nur Sekunden. Als Parker bemerkt, was vor seinen Augen geschieht, ist es beinahe zu spät. Der riesige Kerl schließ die Augen, konzentriert sich und nur einen Wimpernschlag später beginnt auch er sich in einen Werwolf zu verwandeln. Sie lassen sich gegenseitig los und springen einen mächtigen Satz zurück.

Die beiden Tiere umrunden sich knurrend und drohend.

Fetzen ihrer Kleidung hängt noch von ihren Körpern herab, dazwischen lugt braunes, struppiges Fell hervor. Parkers Augen sind leuchtend gelb, Sams dagegen blutrot. Im Rhythmus seines keuchenden Atmens, erklingt ein bösartiges Knurren. Sie können in ihrer Verwandlung nicht mehr sprechen, jedoch sagen ihre Körpersprache und die gefährlichen Geräusche mehr aus, als sie mit Worten hätten formulieren können.

Immer wieder wagt Sam einen kleinen Vorstoß, einen Scheinangriff, der augenblicklich von dem riesigen Werwolf pariert wird. Aus Erfahrung wissen sie, dass sie in etwa gleich stark sind, immerhin ist dies nicht ihr erstes Gefecht. Parker ist um einiges größer, dafür ist Sam geschmeidiger und brutaler. Ein Kampf der zwei Wölfe würde sich über Stunden, wenn nicht sogar, Tage hinziehen, niemand von ihnen würde je aufgeben.

Plötzlich stolpert Parker über die Fetzen seiner Jeans. Die Vorderpfote knickt ein und er muss den Blick von Sam abwenden, um nicht der Länge nach hinzuknallen. Sein Gegner wittert seine Chance und greift sofort an. Unter lautem Knurren, Brüllen und Kreischen, rollen die Werwölfe über den Waldboden. Ihre Kiefer schnappen ins Leere, mit den Pranken schlagen sie auf den Gegner ein. Die nächtliche Luft ist erfüllt mit unmenschlichen Geräuschen.

In einiger Entfernung fährt ein Mercedes auf den Parkplatz und hält an, die Seitenscheibe wird mit einem leisen Surren heruntergelassen. Eine junge Frau streckt den Kopf raus und lauscht in die Nacht hinein.

»Dachte ich es mir doch«, flüstert die Schönheit mit dem haselnussbraunen Haar und steigt aus. Sie bahnt sich einen Weg, quer durch den dichten Wald, genau auf die heulenden und kämpfenden Wölfe zu.

Als sie den Platz erreicht, der inzwischen aufgewühlt und voller Blut ist, lehnt sie sich lässig gegen einen der Bäume, verschränkt die Arme vor dem üppigen Busen und sieht den kämpfenden Werwölfen schmunzelnd zu.

Mittlerweile hat sich das Knäul aus zuschnappenden Reißzähnen und spitzen Krallen aufgelöst und die Tiere umrunden sich erneut, geifernd und aus verschiedenen Wunden blutend.

Die junge Frau räuspert sich leise, doch die Wölfe nehmen sie nicht wahr. Als beim dritten Versuch immer noch keine Reaktion erfolgt, klatscht sie lautstark in die Hände und ruft: »So, Jungs. Schluss für heute, genug gespielt.«

Erschrocken fahren die Werwölfe herum, ducken sich, zum Angriff bereit. Erst als sie sehen, wer da ihren Kampf so unverschämt stört, entspannen sie sich wieder. In Sekundenschnelle verwandeln sich die Wölfe zurück in Menschen.

»Hazel«, sagt Parker vorwurfsvoll. »Was tust du denn hier?«

Erneut verschränkt die junge Frau ihre Arme vor dem Köper. »Mich köstlich über zwei Idioten amüsieren, die halbnackt im Wald herumstehen.«

Die beiden Männer blicken an sich herab. Die Hosen hängen in Streifen an ihnen runter, auch die T-Shirts sehen nicht besser aus. Sams Oberteil ist nur noch an einem Stofffetzen um den Hals zu erkennen. Parker zeigt auf Sam. »Er hat angefangen«, meint er, wie ein kleiner Junge.

Samuel verdreht die Augen.

»Hallo Hazel«, flüstert er heiser. »Ich hoffe, du bist mit dem Wagen da.« Er geht dicht an Parker vorbei und stößt ihn mit der Schulter zur Seite. »Hey!«, ruft der aufgebracht, doch Sam stampft unbeirrt weiter, durch das raschelnde Laub, hinter Hazel her, die sich bereits in Richtung Parkplatz aufgemacht hat.

Parker hebt die nackten Arme an. »He!«, brüllt er ihnen hinterher. »Wollt ihr mich hier zurücklassen?«

»Klar doch«, ruft Sam, ohne sich umzudrehen. »Wer will dich schon dabei haben.«

Hazel kichert leise, bevor sie stehenbleibt und meint. »Komm schon, Bruderherz. Du willst doch wohl nicht in der Aufmachung nach London zurück laufen?«

»Nein«, murmelt Parker. »Natürlich nicht.« Er hebt die Schwerter auf und setzt sich in Bewegung. »Aber ich sitze vorne!«

Samuel lacht kurz und humorlos auf. »Keine Chance, Junge.«

*

Nathan d’Cavenaugh steht hinter dem Verkaufstresen in seinem Antiquitätengeschäft und nagt nervös an der Unterlippe. Immer wieder wandert sein Blick zwischen einer antiken Wanduhr und einem alten Buch, das aufgeschlagen vor ihm liegt, hin und her. Zähflüssig, wie Honig, scheint der Minutenzeiger vorzurücken. Vielleicht hat die Uhr auch den Geist aufgegeben, denkt Nathan und klopft vorsichtig gegen das Uhrenglas. Aber ein rascher Blick auf einen kleinen digitalen Wecker verrät ihm die Wahrheit. Die Zeit verrinnt einfach nur so langsam. Ungeduldig erwartet er seine Freundin Hazel mit Parker und Samuel zurück. Er hat ihnen etwas sehr wichtiges mitzuteilen, etwas Lebenswichtiges. Vor gut einer Stunde hat er Hazel geschickt, ihren Bruder und den einstigen Tod einzusammeln und schnellst möglichst in die Cursitor Street zu verfrachten. Nate weiß genau, dass Haz mindestens eine Stunde braucht, um die zwei Verrückten zu finden, dann noch eine gute Stunde für den Rückweg. Also braucht er eigentlich nicht permanent auf die Uhr zu sehen. Doch dank seiner Nervosität tut er es dennoch.

Als sein altmodisches Telefon klingelt, zuckt Nathan vor Schreck zusammen. Er atmet einmal durch, bevor er abnimmt.

»d’Cavenaugs Antiquitäten. Was kann ich für Sie tun?«, krächzt er in den Hörer.

Eine fröhliche Stimme antwortet ihm: »Hey, altes Schlachtross. Wie geht’s denn so?«

Nathan stutzt, bevor er vorsichtig fragt: »Liam? Bist du das?«

»Ja, sicher. Du hattest mir auf die Mailbox gesprochen, ich habs erst jetzt abgehört. Was gibt’s denn?«

»Ist Charlie bei dir?«

»J-Ja«, antwortet Liam zögernd. »Warum?«

»Ihr müsst beide sofort herkommen«, blafft Nate in das Telefon. »Es ist wichtig. Es … es geht um Leben und Tod.«

Liam lacht laut auf. »Um den Tod?«

»Was? … Nein. Kommt einfach so schnell es geht zu mir in den Laden. Alles andere erkläre ich euch dann.«

»Hm. Das ist im Moment aber gar nicht günstig, Nate«, Liam senkt seine Stimme zu einem Flüstern. »Wir haben da zwei süße Hasen an der Angel und die möchte ich ungern entwischen la …«

»Bewegt eure verdammten Ärsche hier hin«, unterbricht Nathan lautstark den Vampir. »Und zwar sofort!«

»Ja, ja. Ist ja schon gut.«

Nathan seufzt leise. »In Ordnung. Kommt so schnell es geht.«

»Nate. Was ist los?«

Nathan überlegt einen Moment, ob er Liam einen kleinen Teil der miesen Geschichte am Telefon erzählen soll, doch da fragt der Vampir auch schon:

»Geht es um Alice?«, in Liams Stimme schwingt eine leichte Furcht mit.

»Ja«, antwortet Nathan. »Um sie auch. Kommt einfach her.« Um weiteren Diskussionen aus dem Wege zu gehen, legt Nathan den Hörer zurück auf die Gabel. Er fühlt sich beinahe ebenso hilflos, wie vor einem Jahr als er Samuel anrief und zu sich beorderte. Nur das es damals lediglich um das Leben des Sensenmannes ging und nicht um das aller Werwölfe. Aber wer weiß schon, überlegt Nate weiter, wenn der Drache mit den Wölfen fertig ist, dass er es dann nicht auf andere Anderswesen abgesehen hat. Wer kann schon genau sagen, dass dann nicht alle anderen dran sind.

Niemand.

*

Nachdenklich drückt Liam die Hörertaste, klopft sich mit dem Handy gegen das Kinn. Was ist denn da nur los?, überlegt der Vampir und lehnt sich gegen die holzvertäfelte Wand. Er und sein Freund Charlie befinden sich in einem Pub, in einem kleinen Ort namens Killin, nahe dem Loch Tay, im Herzen Schottlands. Sie wurden von der Familie McFern eingeladen, ein paar Tage mit ihnen zu verbringen. Angesichts der überaus entzückenden Zwillingsschwestern, sagten die zwei Vampire nur zu gerne zu.

Im vergangenen Jahr haben die Jungs schon einige solcher Einladungen angenommen, vor allem, wenn hübsche junge Mädchen sie lockten. Bisher handelte es sich dabei durchweg um Anderswesenfamilien, meistens Vampire, aber auch Ghoule, Nixen und Schrate zählten zu ihnen. Die McFerns sind die ersten Menschen, bei denen Liam und Charlie übernachten werden. Ob und wie die schottische Familie den nächsten Tag erleben wird, ist den Jungs bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Und ausgerechnet jetzt müssen wir weg, denkt Liam ärgerlich. Er wirft einen Blick auf sein Handy, blättert durch seine Kontaktliste und wählt Alices Nummer. Nate meinte, dass es auch um sie ginge, mal sehen, was sie mir dazu sagen kann.

Er hält sich das Telefon ans Ohr und wartet auf das Freizeichen.

In 1200 Kilometern Entfernung, mitten in Paris, in der Rue Denfert Rochereau, im ersten Stock, auf einem schwarzen Nachtschränkchen, klingelt und brummt Alices Handy. Sie selbst ist schon seit Stunden mit dem Auto unterwegs in Richtung Süden. Ob mit oder ohne Absicht, sie hat ihr Handy liegengelassen.

»Verflucht«, zischt Liam leise als das monotone Freizeichen in ein hektisches Piepen übergeht und legt auf.

Charlie gesellt sich zu ihm, lehnt sich ebenso an die Wand und meint halblaut: »Was ist mit dir? Ich hab die Kleine schon überzeugt. Die andere gehört dir«, er sieht seinen Freund spitzbübisch an. »Oder willst du sie nicht?«

Liam fährt sich mit beiden Händen durch die schwarzen Haare. »Nathan hat mich angerufen«, er wirft Charlie einen verzweifelten Blick zu. Weiß er doch genau, dass sich bei den McFerns eine einmalige Chance bietet, die so schnell nicht wiederkommt.

»Ja, und?«, fragt Charlie knurrend. »Du sagst mir jetzt nicht, dass wir hier unsere Zelte abschlagen sollen, oder?«

Krampfhaft nickt Liam. »Doch, Junge. Das müssen wir.«

»Aber warum, zum Teufel?«, ruft sein Freund lauter als gewollt. Die ersten Köpfe drehen sich nach ihnen um.

»Es war Nates blutiger Ernst. Wir sollen sofort nach London fahren. Genaueres konnte oder wollte er mir am Telefon nicht verraten. Es geht wohl um Alice, aber nicht nur um sie.« Hilflos zuckt Liam mit den schmalen Schultern. Er ist sich bewusst, dass er seinen Freund nicht dazu zwingen kann, mit ihm zurück zu fahren. Jedoch weiß er genau, dass er selbst, so rasch es geht nach London reisen wird, alleine schon wegen Alice. Mit Charlie, oder ohne ihn.

Stumm bohrt Charlie seinen Blick in die Augen seines Freundes. Er ist wütend, böse darüber, dass sie hier ihre einmalige Chance verpassen. Er könnte Liam alleine ziehen lassen, immerhin würden dann beide Mädchen ihm gehören. Aber was wäre danach? Er bliebe hier, einsam in Schottland und sein Kumpel wäre in London. Das wäre nur noch der halbe Spaß.

Charlie atmet einmal kräftig durch, dann lässt er seine Faust auf Liams Schulter krachen.

»Alles klar, Junge. Ich komme mit. Aber wehe, es war nichts Wichtiges und der alte Knacker wollte nur mal mit uns einen Trinken.«

»Das glaube ich nicht, Charlie. Er klang … hm … ängstlich.«

»Oh.«

Zur Bekräftigung nickt Liam ein paar Mal mit dem Kopf. »Ja, genau. Oh. Das habe ich mir auch gedacht.« Er zupft an Charlies Hemd. »Komm mit, wir müssen uns von den McFerns noch verabschieden.«

Seufzend trottet Charlie hinter seinem Freund her. Er hofft inständig, dass sich ihnen in naher Zukunft noch einmal solch eine gute Gelegenheit, wie die schottische Familie, bieten wird.

Kaum haben die zwei das Pub verlassen, eilen sie zum Bahnhof. Sie hoffen, noch einen der Nachtzüge zu erwischen, der sie in ein paar Stunden nach London bringt.

Nachdem er seine Endtäuschung verdaut hat, freut sich Charlie auf ein Wiedersehen mit seinem alten Freund Sam. Wie mag es ihm als arbeitsloser Sensenmann im letzten Jahr ergangen sein?

*

Als Alice bemerkt, dass sie ihr Handy zu Hause vergessen hat, ist es bereits zu spät. Sie befindet sich nur noch einige Kilometer von Genève entfernt.

Na ja, so kann ich meinen Urlaub besser genießen, denkt sich die kleine Schwarzhaarige, nachdem sie den ersten Groll über ihr Missgeschick herunter geschluckt hat. Dass sie sich jetzt allerdings bei Eugenio Schwery nicht vorher anmelden kann, ärgert sie aber doch. So muss sie auf gut Glück zu ihm fahren, in der Hoffnung, dass sie ihn auch antrifft.

Den restlichen Tag will sie aber erst mal in Genève verbringen und sich von der langen Autofahrt etwas erholen. Morgen kann sie sich immer noch aufmachen, in Richtung Airolo, und vielleicht bekommt sie ja auch seine Telefonnummer heraus und kann sich doch noch anmelden.

Zwei Stunden später lässt sich Alice auf das herrlich weiche Bett im Swissôtel Métropole fallen. Der Preis für eine Übernachtung hat ihr zwar beinahe den Schweiß übers Gesicht laufen lassen, dennoch ist sie guter Dinge und will über so etwas nebensächliches, wie Geld, jetzt nicht nachdenken. Als sie am Fenster steht und die herrliche Aussicht auf den Park und den dahinter liegenden Genfer See genießt, entschädigt sie das für den horrenden Preis.

*

Drei Stockwerke über Alice, in einer der luxuriösen Suiten, sitzt jemand auf einem hellen Ledersofa und blättert durch die aktuelle Tageszeitung. Die langen Beine sind lässig übereinander geschlagen, der schmale, hochgewachsene Körper steckt in einem hellen, maßgeschneiderten Anzug, selbst die Krawatte ist farblich perfekt abgestimmt.

Sein Gesicht jedoch, das etwas zu breit und grob erscheint, und die hellgrauen Augen, stören die edle Gesamterscheinung.

Er wirkt wie ein Banker, oder jemand, der sein Geld an der Börse verdient. Mit seiner selbstsicheren Art, die an Arroganz grenzt, nimmt man ihm die Rolle des reichen Geschäftsmannes sofort ab, ohne weitere Fragen zu stellen. Das ist Drakes vorrangiges Ziel: dass ihm keine neugierigen Fragen gestellt werden, denn er will vor allem nicht auffallen. Genauso gut hätte er sich eines der kleineren Zimmer mieten können, jedoch benötigt er mehr Platz, besonders für seine Gäste, die er erwartet. Auch wenn sie nicht zu der gehobenen Klasse zählen, ja, eigentlich eher der Abschaum der Gesellschaft sind, so ist ihm ihre Anwesenheit doch sehr wichtig.

Sorgfältig legt er die Zeitung zusammen und nimmt einen Schluck Tee. Nach einem Blick auf eine ausgesprochen schön restaurierte Wanduhr, deren Uhrzeit er mit seiner Junghans, am rechten Handgelenk, vergleicht, seufzt er ein weiteres Mal. Sie sind nicht pünktlich, denkt Drake, aber das habe ich auch nicht erwartet.

Gerade, als er einen weiteren Schluck Tee nimmt, klingelt das interne Hoteltelefon. Drake nimmt ab.

»Ja?«

»Bonjour, Monsieur LaFont«, erklingt es aus dem Hörer. »Hier ist die Rezeption.«

»Ja, bitte?«, fragt Drake und es klingt bereits etwas ungeduldig.

»Hier sind drei … eh … Herren, die zu Ihnen möchten.«

Über Drakes Gesicht huscht ein Lächeln. Ihm ist die Kunstpause des Hotelangestellten nicht entgangen. Also scheinen seine Gäste gut angekommen zu sein.

»Schicken Sie sie hoch«, antwortet er und legt, ohne ein weiteres Wort, auf.

Drake erhebt sich, wirft einen Blick durch die Suite. Alles an seinem Platz, alles sehr ordentlich und vor allem sauber. Ob das auch noch so sein wird, wenn ihn sein Besuch wieder verlässt, will Drake zwar hoffen, glaubt aber nicht daran. Er kennt die ewig sabbernden Viecher nun schon seit Jahrhunderten. Für einen kurzen Augenblick können sich Hyänenhunde zusammenreißen, jedoch ist das nie von Dauer, vor allem nicht, wenn Alkohol ins Spiel kommt, und Drake schätzt, dass heute Abend noch sehr viel Hochprozentiges fließen wird.

Er wirft einen Blick in den mit Gold verzierten Spiegel, rückt seine Krawatte zurecht und streicht sich über das dunkle Haar. An den Schläfen wird es schon leicht grau, nicht viel, aber es fällt bereits auf. Nun ja, wenn man so alt ist, wie ich, denkt er, darf man sich über die paar grauen Strähnen nicht aufregen. Immerhin sieht man mir kaum an, dass ich über zweitausend Jahre alt bin.

Er grinst seinem Spiegelbild zu.

In diesem Moment klopft es leise an die Türe. Drake öffnet und bittet seinen Besuch höflich einzutreten.

Kaum haben die drei jungen Kerle die Schwelle übertreten, fällt die aufgesetzte Förmlichkeit von ihnen ab und sie gebärden sich wie unerzogene Kinder.

Einer von ihnen springt über die Lehne des Sofas und lässt sich auf das weiche Polstermöbel fallen »Ah, das ist klasse«, ruft er und legt die Füße mitsamt seinen schmutzigen Turnschuhen, auf das helle Leder. Ein anderer reißt die Gardinen beiseite, öffnet die Glastür, die auf einen kleinen Balkon herausführt, und beugt sich über das Geländer. Drake verdreht die Augen, als er hört, wie der junge Mann kräftig die Nase hochzieht und hinunter spuckt. Er wendet sich an den Hyänenhund, der noch neben ihm steht: »Garry, unterbinde das. Und zwar sofort.«

Unmerklich nickt Garry, herrisch ruft er: »Dave, hör auf, die Menschen anzurotzen, und Bennet, Füße runter, oder es knallt.«

Die Hyänen gehorchen, wenn auch unter leisem Protest. »Sch-sch-schade. H-h-h-abe best-st-stim-m-mt einen ge-ge-getroff-ff-ffen«, stottert Dave, schließt die Balkontür und zieht den Vorhang wieder zu.

Er setzt sich neben Bennet, der seine Füße nur widerwillig von der Lehne nimmt, auf der jetzt ein deutlicher Schmutzstreifen zu sehen ist.

Drake versucht es zu ignorieren, auch wenn er all seine Willensstärke zusammen nehmen muss, um den unverschämten Hyänen nicht hier und jetzt ihren verdammten Kopf abzureißen.

Er deutet Garry an, Platz zu nehmen und setzt sich selbst in einen der zwei Sessel, die dem Sofa gegenüberstehen. Kaum hat der junge Hyänenhund sich fallengelassen, zieht er auch schon ein Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke. Mit einem breiten Grinsen reicht er das Blatt an Drake weiter.

»Was ist das?«, fragt der neugierig, kneift die Augen zusammen, um die schräge Handschrift besser entziffern zu können.

»Das ist eine Liste«, antwortet Garry, mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. »Darauf stehen alle Werwölfe, die noch in Europa existieren … Sire.«

Ein Lächeln huscht über Drakes grobes Gesicht. Die Anrede Sire hat er schon geraume Zeit nicht mehr gehört, es schmeichelt ihm, wie ein König angesprochen zu werden.

»So, so«, murmelt Drake und geht die Namen der Liste durch.

Garry rückt mit seinem Sessel näher an den großen Mann heran. »Wie Ihr seht«, meint er und tippt auf das Blatt. »Sind die Schweiz, Österreich und Ungarn bereits gesäubert …«

»Ja«, unterbricht ihn Drake knurrend. »Dafür scheint England noch voll von ihnen zu sein.«

»Eh … ja«, Garry grinst hilflos und kratzt sich hinter dem Ohr.

»Jedoch werdet Ihr bemerken, dass es in allen anderen Ländern kaum noch welche von den Viechern gibt.«

»Ja, ich sehe es. Sie leben weit auseinander.« Drake vertieft sich erneut in die Liste von Namen und Adressen.

Bennet streckt die Beine von sich und verschränkt die Arme vor dem schmalen Körper.

»Wir sollten sie alle nach England locken und dann die Insel sprengen.«

Drake sieht ihn über das Blatt hinweg durchdringend an. Dave lacht glucksend wie ein Huhn. Als der große Kerl ihm einen Blick zuwirft, verstummt er jedoch augenblicklich, als bliebe ihm das Kichern im Hals stecken.

Drakes Augen wandern erneut zu Bennet, der nach wie vor lässig auf dem Sofa sitzt, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. Doch innerlich kocht und brodelt es in der jungen Hyäne. Bennet spürt, wie ihm der Schweiß aus den Poren rinnt und sich im Nacken, in den kurzen, blonden Haaren verfängt. Nur keine Schwäche anmerken lassen, denkt er, wenn ich mir jetzt über die Stirn wische, bin ich in der nächsten Sekunde tot. So grinst er Drake nur noch unverschämter an, breitet die Arme aus und meint:

»Hey, das war nur ein Joke. Ich will doch nicht wirklich das gute alte England in die Luft jagen.«

»Du solltest deine beschissenen Witze lassen«, knurrt Garry. »Ich will nicht bereuen müssen, dich mitgenommen zu haben.« Scheinbar leichthin zuckt Bennet mit einer Schulter und winkt ab.

Drake jedoch, stiert die Hyäne weiterhin aus seinen hellgrauen Augen an.

»Bennet«, knurrt er irgendwann, als die Spannung bereits greifbar zu sein scheint. »Ist das dein Name?«

Der blonde Hyänenhund nickt stumm.

»Wusstest du, dass er der Gesegnete bedeutet?«

Bennet kann im letzten Moment verhindern, erneut zu nicken. Selbstverständlich weiß er, welche Bedeutung sein Vorname hat, aber das würde er vor Drake niemals zugeben.

»Keine Ahnung«, brummt er stattdessen. »Meine Eltern hatten einen Dachschaden. Kein Wunder, bei zehn Kindern, ich denke, sie haben einfach das Los entscheiden lassen.« Er grinst schief. Es wäre ihm lieber, wenn der seltsame Kerl nicht mehr von seinem Vornamen reden würde. Drake wendet sich an Garry, der, als ihn der Blick aus den eisgrauen Augen trifft, erschrocken einatmet.

»Wo hast du ihn her?«, fragt Drake und zeigt mit seinen schlanken Fingern auf Bennet. Garry, von dem Themenwechsel völlig irritiert, zuckt mit den Schultern.

»I-Ich weiß nicht mehr …«, stottert er hilflos.

Bennet räuspert sich leise. »Harry war mein Bruder«, sagt er. »Du erinnerst dich doch noch an ihn?«

Hektisch wackelt Garry mit dem Kopf. Aufgeregt erzählt er Drake die tragische Geschichte, wie Demjan, ebensolch ein Hyänenhund wie er, seinen besten Freund Harry vor seinen Augen tötete. Nur weil dieser, seiner Ansicht nach, ein Zweifler war. Das stimmte zwar, erklärt Garry, was jedoch kein Grund war, ihn einfach umzubringen. Aber Demjan hat später seine gerechte Strafe dafür erhalten. Auch wenn Garry es selbstverständlich nicht gutheißen kann, so war er doch innerlich froh, als er hörte, dass der Hyänenhund von einem Werwolf in tausend Stücke zerrissen wurde. Als er und Dave damals Alice bei den Superior ablieferten, war der Job für sie erledigt. So zogen die zwei Anderswesen durch England und gaben ihr Geld für lauter sinnloses Zeug aus. Erst vor drei Monaten, kurz bevor Drake sie anheuerte, trafen sie auf Bennet. Er sagte, dass er sie bereits einige Zeit suchte. Er will sich für den Tod seines Bruders rächen. Auch wenn einer von ihrer eigenen Art ihn umbrachte, so sind doch die Werwölfe dafür verantwortlich. Sie waren schließlich der Grund, wieso Demjan erst auf der Bildfläche erschien. Auch wenn das Ganze jeglicher Logik entbehrt, einer muss schließlich für Harrys Tod büßen, und da Bennet nicht seine eigene Rasse angreifen kann, soll ein anderer als Sündenbock herhalten – da kommen ihm die Werwölfe gerade recht.

Als Garry seine Geschichte beendet, nickt Drake, scheinbar wieder besänftigt.

»Halte dich in Zukunft mit deinen Äußerungen zurück«, sagt er zu Bennet. »Ich kann nur konstruktive Ideen gebrauchen.«

Der blonde Hyänenhund nickt und atmet erleichtert auf. In Zukunft wird er noch vorsichtiger sein. Nicht nur mit Worten, auch mit seinen Taten.

Drake und Garry vertiefen sich erneut in die Todesliste. Bennet wirft einen raschen Blick nach rechts, aber Dave achtet weder auf ihn, noch auf seinen Boss, er bohrt sich in der Nase und betrachtet hinterher aufmerksam seinen Fund. So unauffällig wie möglich fasst sich Bennet in die Innentasche seiner olivgrünen Jacke, tastet nach seinem Handy. Er drückt blind ein paar Tasten und stellt es auf lautlos.

Es wäre sein Todesurteil, wenn das Telefon ausgerechnet jetzt klingelt. Bennet ahnt, dass Drake nicht lange fackelt, die junge Hyäne würde einen raschen Tod sterben. Er ist noch nicht lange genug dabei, um einen Vertrauensbonus zu haben, weder bei den Hyänen, noch bei dem unheimlichen Kerl vor ihm.

Bennet versucht seine Angst hinunterzuschlucken, und Garrys und Drakes Gespräch aufmerksam zu verfolgen.

Er muss genau wissen, was als nächstes geschieht, denn davon hängen viele Leben ab. Inklusive seinem eigenen.