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Paris, die Stadt der Liebe … … und der Gewalt, in der Anderswesen ihren tödlichen Geschäften nachgehen. Samuel, ein gottesfürchtiger Sensenmann, beginnt die Menschheit zu verschonen, dafür wird von höchster Stelle ein Killer auf ihn angesetzt. Die schöne Alice, was soll sie darstellen? Und warum wird auch sie gejagt? Welches Geheimnis verbirgt sie? Wird es der nächste Vollmond offenbaren? Samuel sieht sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Er muss sich den obersten Sensenmännern, jedoch vor allem Gerome, seinem Killer, stellen. Aber, wie zum Teufel, tötet man den Tod?
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nadja Christin
Samuel, der Tod
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Impressum neobooks
An einem grauen Novembermorgen eilt Maurice DuMont zu seiner Arbeitsstelle, völlig in Gedanken versunken und nicht ahnend, dass er sein Ziel niemals erreichen wird.
Monsieur DuMont ist ein stattlicher Mittvierziger, dessen bisheriges Leben wie ein schlechter Traum an ihm vorüber zog. Seine Frau, eine ewig nörgelnde, falsche Blondine, die mit den Jahren immer griesgrämiger wurde, sitzt zuhause ihren breiten Hintern auf geerbten Esszimmerstühlen platt. Nur Maurices Kinder sind sein ganzer Lebensinhalt. Die Zwillingsmädchen Anne und Marie geben ihm einen Grund, wieso er sich jeden Morgen aus dem Bett schält und zur Arbeit geht.
Die großen Hallen des ElektronikkonzernsNEC Corporationsind nur einige Gehminuten von seinem schmucken Häuschen entfernt, somit brauchen die DuMonts nur ein Auto, was wiederum dem Haushaltsbudget zugutekommt. Nicht, dass Maurice wenig Geld verdienen würde, immerhin ist er im Vorstand vonNEC, wenn auch auf einer der untersten Stufen. Aber Florence, seine Frau, kann nicht genug Euros zwischen ihren gierigen Wurstfingern spüren, auch, wenn sie es sofort wieder für irgendeinen Schnickschnack ausgibt.
In Gedanken ganz mit seinen kleinen Mädchen beschäftigt, blickt Maurice nicht links noch rechts, eilt nur den feuchten Gehweg entlang, die heiligen Hallen derNECin einiger Entfernung vor sich.
Plötzlich hinter ihm ein Rascheln, Maurice hebt den Kopf, ohne seinen schnellen Schritt zu verlangsamen, sieht er sich um. Doch er kann nichts entdecken.
»Maurice DuMont?«, erklingt es mit einem Mal laut hinter ihm.
Erschrocken dreht er sich um, gerät beinahe ins Straucheln, hält an. Aber vor ihm liegt nur die graue Straße, ein wenig Dunstschleier, sonst ist nichts zu sehen.
»Ich hätte schwören können …«, murmelt er und sieht genauer hin.
Der dunstige Nebel scheint sich zu verdichten, beginnt Formen anzunehmen. Zuerst ist es nicht ganz klar, was sich daraus ergeben könnte, aber mit der Zeit ist sich Maurice sicher, dass es eine menschliche Gestalt darstellen könnte.
»H-Hallo? Wer ist da? «, fragt er leise in den milchigen Schleier hinein.
Der Nebel verschwindet genauso rasch, wie er gekommen ist. Einen Moment stiert Monsieur DuMont nach vorne, dann schnauft er entrüstet. Ich bin wohl noch nicht ganz wach, denkt er und will sich gerade umdrehen, als jemand in sein Ohr flüstert:
»Ich bin der Tod, Maurice. Deine Zeit neigt sich dem Ende zu.«
Entsetzt wirbelt DuMont herum. Dicht vor ihm steht jemand. Ein schwarzer Umhang verhüllt die gesamte Gestalt, sodass Maurice nicht einmal genau bestimmen könnte, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Eine große Kapuze verhüllt den Kopf und das Gesicht liegt im Schatten. Nur zwei rote, glühende Punkte leuchten ihn aus dem Dunklen heraus an. Wie hypnotisiert starrt er auf diese feurigen Kohlenstücke.
»W-Wer sind Sie?«, fragt Monsieur DuMont, er verspürt kaum Furcht, nur eine eigenartige Mischung aus Faszination und Schrecken.
»Ich sagte es bereits.« Die Stimme des Fremden klingt dunkel und scheint in Maurices Kopf einen seltsamen Nachhall zu erzeugen.
»Ich bin der Tod und deine Zeit ist abgelaufen, Maurice DuMont.«
»Nein …«, haucht er und alles an ihm scheint zu zittern.
Auch wenn Maurice bisher mit beiden Beinen fest im Leben stand, und weder an Gott noch an die andere Seite glaubte, so weiß er doch mit einem Mal, dass der leibhaftige Sensenmann vor ihm steht und seine Seele will. Er erkennt es mit der gleichen Klarheit, wie er auch weiß, dass ihm graue Haare aus den Ohren wachsen, oder er drei Muttermale an der rechten Schulter hat, die zusammen ein beinahe perfektes Dreieck bilden.
Die Erkenntnis schießt auf ihn zu, wie ein tosender Hurrikan: Ich muss jetzt sterben.
Er kann nicht ausweichen, oder Schutz suchen, die Worte treffen ihn wie ein Schlag mit dem Hammer. Immer wieder schwirrt der Satz durch seinen Kopf, so lange, bis sich die einzelnen Worte vereinen und nur noch einen völligen Blödsinn ergeben.
»Nein!«, ruft er erneut, nun schon lauter. Er versucht nach hinten auszuweichen, aber kaum hat dieser Plan in seinem Kopf Gestalt angenommen, schon schießt ein Arm unter dem dunklen Umhang hervor und packt ihn am Handgelenk. Mit weit aufgerissenen Augen starrt Maurice auf die Hand des Fremden.
Er sieht seine eigene, rot und rau vor Kälte, seine Manschettenknöpfe und die Ärmel seines grauen Anzuges. Aber all das ist es nicht, das ihm einen solchen Schrecken versetzt.
Es ist die Hand des Fremden. Keine Haut umspannt sie, kein Fleisch, keine Muskeln sind zu sehen. Nur die blanken Knochen und weiße Sehnen, die den skelettierten Arm zusammen halten. Ein grausamer Schauer läuft über Maurices Rücken, alle Nackenhaare stellen sich auf. Er will flüchten, am liebsten so weit weg, wie es nur geht. Aber auch diesmal ist der Tod schneller.
Der seltsame Fremde packt Maurices zweiten Arm und zieht ihn unbarmherzig zu sich heran.
»Du wirst jetzt einen Blick in meine Augen werfen«, sagt der Tod. »Hab keine Furcht, es ist schnell vorbei.«
Monsieur DuMont hebt vom Boden ab, der Fremde zieht ihn zu sich hoch, sodass sie auf Augenhöhe sind. Seine Füße baumeln beinahe einen halben Meter über dem Asphalt. Maurice startet einen letzten, verzweifelten Versuch, sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien.
»Bitte … Bitte. Ich will noch nicht sterben … Ich bin verheiratet, habe zwei süße kleine Kinder … die … die brauchen mich doch … BITTE …«
In seiner Verzweiflung fängt der dicke Monsieur zu weinen an. Er heult so sehr, dass ihm ein wahrer Wasserfall die Wangen hinunter rinnt.
»Bitte … nicht …«
Er schluchzt und zieht die Nase hoch.
»Ich soll dich verschonen, weil du … kleine Kinder hast?«, ertönt es spöttisch aus der Kapuze heraus.
Hektisch nickt Maurice mit dem Kopf, Tränen und Rotz fliegen um ihn herum.
»Ja, ja. Genau … bitte … ich bin noch zu jung zum sterben. Meine Mädchen sind erst zehn Jahre, sie brauchen mich doch noch.«
Hart stellt der Tod den Menschen auf den Gehweg zurück. Beinahe wäre Maurice hingefallen, da seine Beine einfach nachgeben wollten, mit letzter Kraft hält er sich aufrecht.
»Zehn Jahre«, sagt der Tod düster und beugt sich näher zu Maurice. »Zehn lausige Jahre gebe ich dir. Mach das Beste daraus. Sonst …«
Monsieur DuMont faltet die Hände, als wollte er beten, in seinem Kopf erklingt nur der eine Satz: zehn Jahre. Er hat einen Aufschub bekommen. Innerlich jubelt er bereits.
Da zieht der Fremde seine Kapuze zurück. Was zum Vorschein kommt, lässt Maurices Herz beinahe stillstehen. Den Mund zu einem stummen ›O‹ geformt, starrt er sein Gegenüber an.
Der blanke Knochenschädel glänzt hell im trüben Morgenlicht. Aus den Augenhöhlen starren unerbittlich zwei glühenden Kohlestücke auf ihn herab. Als der Totenschädel spricht, hat Maurice das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Der knochige Kiefer bewegt sich nur ein wenig, im Inneren ist keine Zunge zu sehen. Also, überlegt Maurice flüchtig, womit spricht dieser Kerl denn eigentlich.
»Ich hole dich vor deiner endgültigen Stunde, wenn ich sehe, dass du deine Zeit nicht sinnvoll nutzt.«
»Ja … ja … ja«, erneut wackelt DuMont hektisch mit dem Kopf, als wollte er ihn sich selbst von den Schultern schleudern.
Ohne ein weiteres Wort dreht der Tod sich um und geht den Weg, den Maurice gekommen ist.
Monsieur DuMont lässt langsam die Atemluft entweichen, er ist sich nicht sicher, ob er das gerade alles nur geträumt hat, oder ist er wirklich soeben dem Tod von der Schippe gesprungen. Er sieht an sich herab, alles wirkt normal. Nur an seinem Handgelenk ist die Haut ein wenig rot. Probehalber bewegt Maurice das Gelenk, so als wollte er jemandem winken, alles gut, scheint nichts gebrochen oder verstaucht zu sein, nichts, was ihn heute von der Arbeit abhalten könnte.
Schon strafft er die Schultern, hebt den Fuß an, um sich endlich in Richtung Arbeit aufzumachen.
Vor sich sieht er, durch den leichten Dunst hindurch, den Rücken einer bekannten Gestalt. Sein Arbeitskollege, Henri Sabatier. Vielleicht nicht gerade sein Lieblingskollege, aber jetzt wäre ihm sogar seine Schwiegermutter recht – Hauptsache ein Mensch.
Maurice hebt einen Arm, vollendet seinen letzten Schritt und öffnet bereits den Mund, um Henri lautstark zu begrüßen.
Da schießt etwas von links auf ihn zu, stößt ihn weiter hinter die Büsche. So unerbittlich und schnell, dass Maurice es noch nicht einmal richtig mitbekommt. Er ist nicht mehr in der Lage einen Schrei hinaus zubrüllen.
Bei dem Zusammenstoß bricht mit einem leisen Knacken sein Genick. Das erleichterte Lächeln, über Henris Auftauchen, noch auf den Lippen, die Luft noch in seinen Lungen, stirbt Monsieur Maurice DuMont einen raschen Tod. Ohne zu erfahren, wer oder was ihn tötete.
Henri Sabatier dreht sich flüchtig um, runzelt die Stirn. Ihm ist so, als habe er irgendetwas gehört.
Aber hinter ihm ist nur die leere und dunstige Straße. So zuckt er mit den Schultern, schimpft sich selbst einen ängstlichen Idioten und schwört sich, zum wiederholten Mal, ab morgen mit dem Trinken aufzuhören.
*
Das Ding unterdessen, zieht und zerrt den toten Maurice tiefer in die dicht bewachsene Vegetation hinein. Langsam und genussvoll beginnt es den Menschen aufzufressen.
Niemandem, der an diesem trüben Novembermorgen den gleichen Weg wie der arme Monsieur DuMont nimmt, fallen die seltsamen Geräusche auf, die das fellüberzogene Monster verursacht, als es Maurices Kopf wie eine Walnuss knackt.
Erst als helles Blut über den Gehsteig rinnt und sich mit der Nässe vereint, lässt das Tier von seiner Beute ab.
Satt und zufrieden legt es den massigen Kopf in den Nacken und lässt ein schauriges Heulen erklingen. Dann verschwindet es im dunstigen Frühnebel, so als hätte es nie existiert.
DuMonts Blut fließt über den Weg, in den Rinnstein und von dort in einen Abwasserkanal.
Die Dunkelheit legt sich bereits wie eine undurchdringliche Decke über das Land, als sich ein Paar Scheinwerfer durch die engen Straßen der kleinen Gemeinde schneiden.
Cisai-Saint-Aubinbietet einem Reisenden nicht viel, weder im Sommer, noch jetzt, im kalten und tristen November. Das kleine Dorf hat eine überschaubare Anzahl von Einwohnern, ein Geschäft und eine Schankstube, eine Handvoll Sehenswürdigkeiten und das war es bereits. Nichts, das einen Touristen lange aufhält. Saint Aubin liegt abseits der Bundesstraßen, auf halber Strecke von Paris nach Caen, nur für jene zu finden, die es auch finden wollen.
Zielsicher biegt der Fahrer von derLe Bourgin eine kleine Seitenstraße ein, parkt nahe der Mauer und stellt den Motor ab.
Einen Moment verharrt er im Wagen, legt die Hände auf das Lenkrad und starrt durch die Frontscheibe.
Wie schnell doch ein Jahr vergeht, denkt er und verzieht den Mund zu einem flüchtigen Lächeln.
Ein Blick auf seine Armbanduhr verrät ihm, dass es bis 20.00 Uhr noch drei Minuten sind. Er wird pünktlich sein, wie die vergangenen vierzig Jahre auch.
Jedes Jahr im November wiederholt sich die Szene. Er bleibt die letzten drei Minuten wartend in seinem Wagen sitzen, begutachtet seine Finger, prüft, ob die Krawatte richtig gebunden ist und das kein Fleck die Hose verunstaltet. Beinahe so, als besuche er seine Mutter, die ihm mit einem angefeuchteten Taschentuch einen unsichtbaren Fleck aus dem Mundwinkel wischt. Dabei trifft er nur einen Freund, wenn auch einen langjährigen und sehr guten Freund.
Ein rascher Seitenblick auf die Uhr, noch eine Minute.
Er begutachtet sich selbst im Rückspiegel, streicht sich über die kurzen dunklen Haare und holt eine Sonnenbrille aus der Halterung.
Trotz der Dunkelheit, die draußen herrscht, muss er seine Augen verbergen. Zu schrecklich wäre die Reaktion der Menschen, wenn sie einen Blick auf diese feurigen, roten Augen werfen könnten. Auch dass es bereits schon spät ist, schützt ihn keineswegs, die Vergangenheit hat ihm gezeigt, dass man sich auf vieles verlassen kann, nur nicht auf das Verhalten eines fleischigen Lebewesens.
Entschlossen steigt er aus, schließt leise die wuchtige Autotür und drückt den Schlüssel. Ein kurzes Piepen, die Lichter blinken für eine Sekunde, dann ist alles wieder still.
»Auf ein Neues«, murmelt er vor sich hin.
Er geht die kurze Treppe hoch, an der Zypressengruppe vorbei und biegt rechts ab. Wie immer steht er viel zu schnell vor dem großen Gotteshaus. Die schwere Doppeltür ragt vor ihm in die Höhe, er streckt die Hand aus, legt sie auf die eiserne Klinke. Ein letztes Mal atmet er tief durch, dann betritt er die kleine Kirche vonSaint Aubin.
*
Pfarrer Francesco sieht verstohlen auf seine Armbanduhr. Gleich ist es bereits acht Uhr, überlegt er, ich muss mich sputen, er wird wie immer pünktlich sein. Der Pfarrer streicht sich über den Kopf und die spärlichen Haare, die ihm noch geblieben sind. Man darf mit Gott nicht zürnen, wenn man mit großen Schritten auf die siebzig zugeht, selbst der Heilige Vater kann einem in dem Alter keine volle Haarpracht mehr versprechen.
Mit zittrigen Fingern wischt er sich über die Soutane, zupft einen unsichtbaren Fussel weg und zieht sie anschließend glatt.
Auch wenn Francesco nahe der siebzig ist, so wirkt er doch, als sei er höchstens fünfzig, mit einem sportlichen Körperbau, geschmeidigen Bewegungen und einer sanften Stimme, die jeden in seinen Bann zieht.
Francesco wirft einen Blick durch seine kleine Kirche, obwohl sie eigentlich bereits geschlossen ist, so halten sich hier doch noch drei Gläubige auf.
Eine ältere, vertrocknete Dame, die bei den Trauerkerzen betet, ein junger Mann, der in den Bankreihen scheinbar etwas verloren geglaubtes am Boden sucht, und eine Hausfrau, die die Statue der Jungfrau Maria anbetet.
Der Pfarrer hofft inständig, dass die drei bald diese Kirche verlassen werden, denn er erwartet heute hohen Besuch. Sein Gast kommt jedes Jahr zur gleichen Zeit und nur zu einem Zweck: um zu beichten.
Seit nun schon vierzig Jahren nimmt Pfarrer Francesco seinem alten Freund die Beichte ab. Jedes Jahr ist er aufs Neue entsetzt von den Dingen, die er ihm berichtet und doch werden dem Büßer jedes Mal die schrecklichsten Sünden vergeben.
Der Geistliche blickt auf seine Uhr, Punkt acht Uhr.
Mit einem heiseren Quietschen schwingt die Doppeltüre auf, kalte Novemberluft strömt in die Kirche, lässt die drei Gläubigen erschauern. Als packe sie etwas im Genick, drehen sie ihre Köpfe gleichzeitig in Richtung Tür, wer mag zu so später Stunde noch die Kirche heimsuchen?
Auch Francesco sieht seinem späten Besucher entgegen, sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Er hat sich wahrlich kein bisschen verändert, denkt der Pfarrer, er sieht noch genauso aus, wie vor vierzig Jahren:
Die schlanke Gestalt, das schmale Gesicht, braune Haare, alles noch wie damals, er ist kein bisschen gealtert. Nur die Sonnenbrille, stellt Francesco schmunzelnd fest, ist diesmal eine andere. Er passt sie der jeweiligen Mode an und die besagt in diesem Jahr, dass sie schmal und länglich zu sein hat.
Selbst an seiner Kleidung hat der späte Besucher nichts verändert. Der lange Wollmantel verbirgt die schmale Gestalt, darunter, kaum noch sichtbar, ein maßgeschneiderter, grauer Anzug, mit unauffälliger Krawatte und schwarzen Schuhen.
Kaum hat die alte Dame, nahe den Trauerkerzen, einen Blick auf den späten Gläubigen geworfen, schlägt sie ein Kreuzzeichen, erhebt sich und verlässt eiligst die Kirche, dabei versucht sie möglichst zu verhindern, dass sich ihr Weg und der des Neuankömmlings kreuzen.
Ebenso die dicke Hausfrau, die beim Blick auf den Fremden ein leises Keuchen erklingen lässt, schlägt das Kreuz vor der Jungfrau und strebt eiligst dem Ausgang zu.
Nur der junge Mann, in den Bänken, scheint immer noch etwas Wichtiges am Boden zu suchen.
Erleichtet, da sein Gotteshaus nun fast leer ist, geht Francesco auf seinen Besucher zu, streckt die Hände aus, um ihn zu begrüßen.
»Mein Sohn«, sagt er und ergreift die kalten Hände seines Gegenübers.
»Sei mir gegrüßt. Es ist lange her, seit du das letzte Mal den Weg zu mir fandest.«
»Francesco«, es klingt so, als könnte seine Stimme Glas zerschneiden. »Es freut mich, dich wohlbehalten anzutreffen.«
Jetzt endlich scheint auch der junge Mann in den Sitzreihen aufmerksam geworden zu sein. Erst zieht er den Kopf zwischen die Schultern, als wehe erneut ein eisiger Wind durch die Kirche, dann dreht er sich mit einem entsetzten Gesichtsausdruck um. Seine Augen zucken zwischen dem Pfarrer und dem Fremden hin und her. Der leibhaftige Teufel ist in diese Kirche eingedrungen, stellt der Mann voller Panik fest. Wieso unternimmt Pfarrer Francesco nichts dagegen?
Rasch erhebt er sich, strauchelt und fällt beinahe zwischen die Bänke.
»P-Pfarrer«, stottert er und kann sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.
»Pfarrer, seid auf der Hut. Er … er ist der Leibhaftige.« Der junge Mann stolpert aus den Bankreihen, fällt auf den Mittelgang. Auf allen Vieren bewegt er sich rückwärts von Francesco und seinem Gast weg. Immer wieder zeigt er auf den Fremden und stottert:
»Er ist es … der Leibhaftige … der Tod … er wird uns alle holen.«
»Was redest du denn heute für wirres Zeug, Anton?«, sagt Francesco mit milder Stimme, »das ist ein guter Freund von mir.«
Mit einem Ruck hilft er dem jungen Mann auf die Beine.
»Es ist besser, du gehst nun nach Hause, Anton. Deine Mutter wird bereits auf dich warten und sich sorgen.«
Anton nickt wie ein Besessener, seine Augen immer noch zwischen dem Pfarrer und dem Fremden hin und her werfend.
»Ja, ja … nach Hause … nur weg hier.«
Er reißt sich von Pfarrer Francesco los und rennt stolpernd und strauchelnd zum Ausgang.
Mit einem lauten Knall, der in der gesamten Kirche wiederhallt, schließt sich hinter ihm die große Flügeltür.
Der Besucher hebt fragend eine Augenbraue.
»Das war Anton«, meint der Pfarrer, auf die ungestellte Frage hin. »Er ist ein bisschen … nun ja, anders, drücken wir es mal so aus. Geistig nicht ganz auf der Höhe, aber sonst ein gütiges Mitglied dieser Gemeinde, immer hilfsbereit und …«
Der Fremde hebt eine Hand, was den Redefluss des Pfarrers sofort stoppt.
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Francesco. Ich bin es, der dich um Verzeihung bitten sollte. Immerhin räume ich deine Kirche, alleine mit meinem Auftauchen.«
Gnädig winkt der Pfarrer ab. »Sie werden alle wiederkommen, so wie es auch die Lämmer zur Schlachtbank zieht. Sie sind nichtsahnend und … und dumm. Sorge dich nicht um mich und meine Kirche, mein Sohn.«
»Ich sorge mich nicht, Francesco. Höchstens, dass es zu spät für meine Beichte wird.« Damit streckt er seine schlanken Finger aus und zeigt auf den reichverzierten Beichtstuhl, der an der linken Seite unschuldig auf seine Büßer wartet.
»Pater Francesco, nehmt mir die Beichte ab, auf dass mir die Sünden der Vergangenheit vergeben werden.«
Der Pfarrer schmunzelt erneut.
»Mein Sohn«, meint er. »Dazu bist du doch hier.«
Gemeinsam begeben sie sich zu dem großen Beichtstuhl, der wie ein riesiger Schrank wirkt, das Eichenholz auf Hochglanz poliert, die reichen Verzierungen glänzen matt im spärlichen Licht der Kirche. Der Pfarrer nimmt auf der linken Seite Platz, schließt die Türe und schiebt das Gitter zur Seite. Sein Besuch muss sich auf seiner Seite auf die Knie begeben. Vor dem vergitterten Trennfenster faltet er die Hände, schließt die Augen und atmet einmal tief durch.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Meine letzte Beichte ist genau ein Jahr her, Francesco. Auch heute möchte ich den Heiligen Vater erneut um Vergebung meiner Sünden bitten.«
»Dies sei dir gewährt, Samuel«, murmelt der Pfarrer. »Doch bitte ich dich zuvor, dass du in diesem Heiligen Stuhl deine Brille abnimmst. Ich möchte dir gerne in die Augen blicken, während du bereust.«
»Francesco, du weißt genau …«
»Bitte«, unterbricht der Pfarrer ihn. »Sei nicht albern. Jedes Jahr das Gleiche? Das ist doch nicht dein ernst.«
Nur zögernd nimmt Samuel seine Sonnenbrille ab, verstaut sie in der Manteltasche. Den Blick gesenkt, auf seine gefalteten Hände, beginnt er seine Beichte:
»Ich bereue, dass ich Böses getan und Gutes unterlassen habe. Erbarme dich meiner, Herr.«
Francesco seufzt leise.
»Wie oft im letzten Jahr hast du gesündigt, mein Sohn?«
»Einhundert zwanzig Mal«, antwortet Samuel.
»Oh«, meint der Pfarrer erstaunt. »Das ist viel weniger als sonst.«
Samuel hebt langsam den Kopf, sieht durch das vergitterte Fenster direkt in Francescos blaue Augen.
Auch wenn sie schon lange befreundet sind, so scheint es dem alten Mann doch, als bohre sich der Blick in ihn hinein. Als wühle sich eine gewaltige Kraft durch seine Eingeweide, auf der Suche nach seinem Herzen, um es unbarmherzig zu zerquetschen.
Francesco schnappt ein paar Mal nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er kann seine Augen einfach nicht aus Samuels Blick lösen, so gerne er das auch möchte. Ein lautes Keuchen entschlüpft ihm und er sinkt auf seinem harten Stuhl in sich zusammen.
»Verzeih«, murmelt Samuel und sieht erneut auf die gefalteten Hände. »Ich vergesse immerzu, dass du nur ein Mensch bist.«
»Schon gut«, Francesco räuspert sich verhalten. »Ich … ich habe selbst schuld.«
Ein leichtes Lächeln überzieht das Gesicht seines Freundes. »Da gebe ich dir recht.«
»Also, wo waren wir?«, der Pfarrer streicht sich über das spärliche Haar, versucht sich zu sammeln.
»Du wolltest wissen, warum es im letzten Jahr so wenig Sündenfälle waren«, erinnert ihn Samuel.
»Ach ja«, Francesco hat das merkwürdige Gefühl, völlig neben sich zu stehen. »Also? Wieso so wenige?«
»Ich begann die größte Sünde, in dem ich gegen meinen eigenen Kodex verstieß«, antwortet Samuel leise. »Ich ließ sehr viele Anwärter einfach ziehen. Kinder, ganze Familien, junge Männer, auf die zu Hause eine kleine Kinderschar wartete … nun ja«, Samuel zuckt flüchtig mit den schmalen Schultern. »Eben solche Menschen.«
»Du … du hast sie verschont?« Francesco ist völlig erstaunt.
»Ja«, sagt sein Freund schlicht.
»Verzeih mir die Frage, mein Sohn. Aber … wieso hast du das getan?«
Ein weiteres Mal zuckt Samuel mit den Schultern.
»Einen genauen Grund kann ich nicht angeben.
Es …«, er seufzt kurz. »Ich habe mich einfach besser dabei gefühlt.«
»Besser gefühlt?«, wiederholt Francesco leise den Satz. Dann schüttelt er ungläubig den Kopf.
»Ich verstehe nicht«, sagt er nach einigen Sekunden. »Du lässt sie einfach … gehen? Meinst du das so?«
»Ich gebe ihnen einen Aufschub«, antwortet Samuel. »Zehn Jahre. Sie sollen ihre zusätzliche Zeit weise nutzen.«
Völlig fasziniert schüttelt der Geistliche erneut seinen fast kahlen Schädel.
»Pater Francesco«, sagt sein Freund in seine angestrengten Überlegungen hinein. »Sprecht mich bitte von meinen Sünden los.«
»Nennt mich nicht immer Pater, Samuel. Ich bin nur Pfarrer, aber das habe ich dir bereits hundertmal gesagt.«
Ein leichtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
»Weißt du noch, wie oft du einen der Anwärter laufen ließt?«
Der Büßer hebt den Kopf, rasch blickt Francesco auf seine Hände, die gefaltet in seinem Schoß ruhen. Nicht noch einmal will er in diese roten Augen sehen, dieses Glühen, das anscheinend direkt aus der Hölle entsprungen zu sein scheint, diesmal wird es ihn umbringen.
»Es hält sich ungefähr die Waage, mein Freund«, sagt Samuel.
Also darum ist in diesem Jahr die Zahl so niedrig, denkt Francesco. Er erinnert sich an all die Jahre davor, da belief sich die Zahl von Samuels Opfer auf mindestens drei-oder vierhundert.
Dem Pfarrer fällt noch etwas anderes auf, sein Freund ist noch wortkarger, als sonst. Samuel hat noch nie viel gesprochen, aber heute muss er ihm jeden Satz förmlich aus der Kehle zerren.
»Samuel, was ist los mit dir? Bedrückt dich etwas? Sprich mit mir, du weißt, dass du mir alles anvertrauen kannst.«
»Es ist … nichts. Ich bin nur müde«, erwidert er.
Der Geistliche lässt ein heiseres Kichern vernehmen.
»Müde? Du?«, er schlägt sich eine Hand vor den Mund, um einen Lachanfall dahinter zu ersticken. Es ist aber auch zu komisch, da sitzt der Tod persönlich in seinem Beichtstuhl und behauptet müde zu sein. Ein Dämon, der bereits seit Anbeginn der Zeit existiert. Rasch denkt Francesco an etwas anderes, er kennt seinen Freund, ausgelacht zu werden gehört nicht gerade zu den Dingen, die er gut ertragen kann.
Der Pfarrer stellt sich Jesus vor, wie er in den Himmel auffährt und von Engelsposaunen dort begrüßt wird. Langsam lässt der Drang zu Lachen nach. Niemand ist darüber erfreuter, als er.
»Verzeih«, flüstert Francesco und räuspert sich unauffällig.
»Es freut mich, dass ich dich erheitern konnte, Pater«, meint Samuel und lächelt schief. »Aber können wir jetzt bitte fortfahren?«
»Sicher«, verstohlen hüstelt der Geistliche in seine Faust.
»Bereust du deine Sünden, mein Sohn?«
»Natürlich«, antwortet der Tod. »Jede einzelne davon. Aus tiefstem Herzen.«
»Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.
Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Der Pfarrer vollzieht das Kreuzzeichen, ohne Samuel anzublicken. Er hat Angst, sich in den Höllenaugen zu verlieren und selbst in die ewige Verdammnis hinab gezogen zu werden.
Mit rauer Stimme antwortet Samuel:
»Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.«
Auch er bekreuzigt sich.
»Danket dem Herrn, denn er ist gütig«, Francesco schiebt eine Kunstpause ein, aber der Tod nickt nur.
»Der Herr hat dir deine Sünden vergeben. Geh hin in Frieden.«
»Amen«, meint Samuel und erhebt sich rasch.
»Bis zum nächsten Jahr, Francesco.« Samuel schließt die Beichtstuhltüre hinter sich und will so schnell es geht, diese Kirche verlassen. Er fühlt sich heute hier nicht wohl, hat ein merkwürdiges Gefühl, ganz so, als geschieht in absehbarer Zeit etwas Grausames, etwas Schlimmes und das genau vor seinen Augen.
»Warte, mein Sohn.«
Der Pfarrer beeilt sich aus dem Beichtstuhl heraus zu kommen, läuft hinter Samuel her und packt ihn am Arm. Er sieht, dass sich Muskeln und Fleisch unter seiner Hand befinden, dennoch hat er das seltsame Gefühl, als spürte er unter dem Mantel nur einen dürren Knochen. So als umgebe den Tod lediglich eine, für Menschen sichtbare Hülle, bestehend aus Haut, Muskeln und Fleisch.
Irritiert zieht Francesco seine Hand zurück, sieht auf Samuels Arm und kann es kaum fassen was er gerade fühlte.
»Was wolltest du noch, Pater?« Der Tod ignoriert Francescos verunsicherten Blick.
»Ich … ich weiß es nicht mehr«, murmelt der Pfarrer. Er hat wirklich vergessen, warum er seinen alten Freund aufgehalten hat. Mit dem Griff an seinen Arm scheinen alle Erinnerungen, Wünsche und Hoffnungen, aus Francesco gewichen zu sein.
»Wie gesagt«, sagt Samuel und wendet sich um. »Bis zum nächsten Jahr, Pater Francesco.«
»Hm«, murmelt der Pfarrer vor sich hin und stiert weiter auf seine eigene Hand, fährt mit dem Daumen über die Finger.
Er kann es immer noch nicht glauben, was gerade geschah.
Erst, als sich mit einem lauten Geräusch die Kirchentüre schließt, erwacht der Geistliche aus seiner Starre.
Mit einem leisen Aufschrei sieht er sich um, er ist völlig alleine.
Ein Seufzer der Erleichterung erklingt aus seinem Mund. Er strafft seine Schultern und begibt sich in sein eigenes, heiliges Zimmer, um sich an einer guten Flasche Scotch zu vergreifen.
Erst als die Flasche bereits zur Hälfte geleert ist, gestattet sich Francesco, erneut darüber nachzudenken, dass der Tod scheinbar anfängt, die Totgeweihten zu verschonen.
Tief in seinem Sessel vergraben, das spärliche Haar wirr um seinen Schädel, und ein Glas mit köstlicher, bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt, wirft er den Kopf in den Nacken und lacht laut und herzhaft.
Nachdem das Tier seine Mahlzeit beendet hat, schlägt es sich tiefer in die Büsche. Dort hat es seine Anziehsachen versteckt. Es versucht sich zu konzentrieren, aber es will nicht recht gelingen. Sein Magen ist voll und der Geist viel zu überladen mit Eindrücken und Empfindungen, sodass es ihm schwerfällt, sich in seine menschliche Gestalt zurück zu verwandeln.
Nach einigen Anstrengungen gelingt es dem Tier dann doch. Sein gesamter Körper verändert sich. Wird kürzer. Die Schultern wandern an ihre ursprüngliche Stelle, die krallenbewehrten Pranken, mit denen es eben noch Maurices kalten Körper festhielt, verschwinden und formen sich zu ganz normalen Händen. Das riesige Maul, mit den messerscharfen Zähnen, scheint zu schrumpfen und verformt sich zu einem normalen Kopf. Zuletzt verschwindet das braune, zerrupfte Fell und zum Vorschein kommt die helle und reine Haut eines Mädchens.
Rasch schlüpft sie in ihre bereitliegenden Sachen, bindet sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und geht leise pfeifend durch das Gebüsch in Richtung Straße.
Kurz vor dem Haus der DuMonts tritt sie aus dem Buschwerk und schlendert wie ein ganz normaler Passant auf dem Gehweg entlang.
Das Mädchen sieht so völlig normal und uninteressant aus, dass weder Madame DuMont, noch der Postbote, der gerade heftig mit Madame flirtet, sie beachten.
Du wirst gleich eine schreckliche Nachricht erhalten, denkt das Mädchen gehässig.
Denn ihrem aufmerksamen Gehör, ist nicht der leise Schrei entgangen, der die Auffindung von DuMonts angefressenem Leichnam begleitete. Gleich ist es aus, mit dem Flirten.
Schon sind die hektischen Schritte auf dem Asphalt zu hören, die Madame die grausige Nachricht überbringen werden. Aber bis Florence DuMont aufseufzend in die dargebotenen Arme des Postboten sinken darf, vergehen noch ein paar Minuten und bis dahin wird Alice bereits über alle Berge sein.
Es ist zehn Uhr vormittags, als das Mädchen die Tür zu ihrem Laden aufdrückt. Die nostalgische Klingel über dem Eingang gibt ein heiseres Gebimmel vom sich.
Ein junger Kerl, der gerade in einer großen Kiste mit Büchern wühlt, hebt den Kopf.
»Na endlich, das wurde auch mal Zeit«, begrüßt er sie rüde und erhebt sich.
Lässig geht er auf sie zu, drückt ihr einen Kuss auf die Wange.
»Hey, lass das, Liam«, sagt Alice und drückt ihn an den Schultern zurück. »Ich mag das nicht, wie oft soll ich dir das noch sagen?«
Der junge Mann feixt und meint:
»Noch fünfhunderttausend Mal, Alice. Ich kann es nicht oft genug hören.«
»Du bist ja völlig bescheuert«, murmelt sie und geht zu der Bücherkiste, die der Junge bei ihrem Eintreten so aufmerksam durchwühlte.
»Klar«, erwidert Liam. »Würde ich sonst hier arbeiten? Hier muss man ja auch total durch geknallt sein.«
Alice ignoriert seine Antwort und sieht stattdessen die einzelnen Buchtitel durch.
»Ist was Interessantes dabei?«, fragt sie ihn und kniet sich vor die gigantische Holzkiste.
»Nicht wirklich.«
Liam geht hinter die lange Theke, die den kleinen Laden beinahe in zwei Hälften teilt. Er öffnet einen winzigen, unter dem Tresen verborgenen, Kühlschrank und nimmt sich nach einigem Herumwühlen einen der darin befindlichen Blutbeutel. Mit der Schere schneidet er eine Ecke des Kunststoffbeutels ab und gießt den Inhalt in ein großes Glas. Mit einem Plastiklöffel rührt er um und gibt das Ganze in eine Mikrowelle. Begierig starrt er auf den sich drehenden Teller, wartet geduldig die fünfzehn Sekunden ab, die das Blut braucht, um sich auf Körpertemperatur zu erwärmen. Das leisePlingist kaum verklungen, als er bereits die Türe öffnet und das Getränk heraus nimmt. Sachte schwenkt er das Glas, die rote Flüssigkeit hinterlässt an den Rändern einen öligen Film.
»Das ist doch das Beste auf der Welt«, flüstert Liam vor sich hin. Er setzt das Glas an seine Lippen und stürzt in einem gewaltigen Schluck das Blut hinunter. Lautstark stellt er den Trinkbecher auf die Theke zurück, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und schließt für einen Moment die Augen.
Auch wenn es lediglich ein Erythrozyten-Konzentrat war, welches nur aus den roten Blutkörperchen des Spenders besteht, so weiß Liam doch sofort, dass es von einer Frau stammt, die allerhöchstens zwanzig Jahre alt ist, bereits ein Kind geboren hat und gelegentlich einen Joint raucht, aber sonst kaum einem Laster frönt. Er ahnt, dass sie blondes Haar hat und wahrscheinlich groß ist, ausgestattet mit langen Beinen. Zu gerne würde er ihr jetzt auf der Stelle begegnen, aber das ist leider nicht möglich, da die Konserven allesamt aus England stammen, auch ist das Blut schon ein paar Monate alt.
Wenn der Zufall nicht gerade seine schmierigen Finger nach Liam ausstreckt, dann wird ihr und sein Weg sich niemals kreuzen. Und das ist auch gut so, der Blutsauger würde kurzen Prozess mit ihr machen und seine scharfen Zähne in die junge Frau schlagen, nur um ihr das gesamte Blut aus dem schönen Körper zu saugen.
»Hey, Liam«, Alice reißt den Vampir aus seinen schönen Vorstellungen. »Wach wieder auf und steck das Zeug gefälligst weg.«
Er reißt mit einem Ruck die Augen auf und blickt sich um.
Tatsächlich, er steht immer noch in dem schäbigen Bücherladen, namensAlices Wunderland, in derRue Denfert Rochereau, in Boulogne-Billancourt, einer kleinen Gemeinde, unweit von Paris.
Vor ihm steht die schöne Alice, mit einem Stapel Bücher in der Hand und blickt ihn wütend an.
»Stell dir vor, es kommt jemand rein. Wie zum Teufel soll ich das denn erklären?« Sie zeigt auf die Dinge, die verstreut auf der Theke, inmitten einiger Blutflecke liegen.
»Ja, ja«, knurrt Liam. Er ärgert sich, dass sie ihn so abrupt aus seinen Tagträumen gerissen hat.
»Ich mach das schon.«
Er wischt die Flecken weg, spült die Schere unter fließendem Wasser ab, wirft den Beutel in den Müll und stellt das Glas in die Spülmaschine.
Ein flüchtiger Rundumblick, er hebt die Arme an.
»Bist du nun zufrieden?«
»Nein!«, antwortet Alice. »Zufrieden bin ich erst, wenn ich wieder zurück in England wäre.«
Nicht schon wieder das, denkt sich Liam und wendet sich demonstrativ den Büchern in ihrem Arm zu.
»Hast du da was Interessantes gefunden?« Er greift blindlings nach einem der Wälzer, die Alice auf die, nun wieder saubere Theke, legt.
Die Bücher sind allesamt gebraucht, aber noch in einem guten Zustand. Sie werden hier abgegeben, meist geschenkt, oder für einen solch lächerlich geringen Preis von Alice gekauft, dass Liam sich manchmal für diese fiese Geschäftspraktik schämt. Immerhin verkauft das Mädchen sie zu einem recht ordentlichen Preis wieder weiter. Ihre Gewinnspanne beträgt gut und gerne bis zu dreihundert Prozent. Das muss der Vampir dem Mädchen lassen, geschäftstüchtig ist sie. InAlices Wunderlandgibt es schließlich nicht nur Bücher zu kaufen, sie bestreitet ihren Lebensunterhalt mit allerlei Kuriositäten: Kleinkram, besonders zu Halloween, Geschenkartikel, vom Nippes bis zur Schwarzwälder Kuckucksuhr, esoterisches Zeug, vor allem Heilsteine und Tarot. Auch alte Waffen, Heilkräuter und eben auch jede Menge antike Bücher, finden in dem kleinen Laden ihren Platz.
Liam kennt die kleine Alice bereits seit über zwanzig Jahren, da war ihr Geschäft noch nicht so vollgestopft, sie hielt sich beinahe ausschließlich an den Verkauf von Büchern. Er war damals auf der Suche nach einem ganz speziellen Wälzer und suchte es ausgerechnet in ihrem Laden.
Der Vampir fand das Buch und verlor gleichzeitig sein Herz an die kleine Schwarzhaarige mit dem frechen Mundwerk. Leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit, aber Liam blieb dennoch in ihrer Nähe. Sie freundeten sich an, und als die Zeit reif war und Alice einen Partner für ihr Geschäft brauchte, sagte der Junge sofort zu.
Obwohl sie nun täglich aufeinander hockten, bemerkte der Vampir erst nach ein paar Jahren, was Alice in Wirklichkeit war. Bis dahin hatte er sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, sie einfach nur so akzeptiert, wie sie war. Dass in dem zarten Mädchen ein waschechter Werwolf stecken soll, konnte Liam zuerst gar nicht glauben. Bis ihn eines Nachts die Wahrheit beinahe zerfleischte.
Seit dem hält er etwas Abstand zu ihr und geht lieber wieder seine eigenen Wege. Immerhin ist auch er, trotz seiner einhundert zwanzig Jahre, ein verdammt gutaussehender Blutsauger. Groß gewachsen, schlank, mit kurzen schwarzen Haaren und solch dunklen Augen, dass sich bisweilen der Mond darin spiegelt.
Die Tatsache, dass Alice einige Dinge auchunterdem Ladentisch verkauft, hat Liam fast mehr geschockt, als die Werwolfsache. Das Mädchen verteilt doch wirklich scharfe Waffen, und Drogen an diverse Dämonen. Auch der Vampir war in seinem vergangenen Dasein alles andere als nett, aber die Menschen mit einer Ingram 10, MP-5 oder gar einer Glock Kaliber 40 Smith & Wesson umzubringen, davon hält er herzlich wenig. Liam ist immer noch für die altmodische Methode: Ein beherzter Biss in den Hals und alles wird gut – Jedenfalls für ihn selbst.
Als er mitbekam, dass sie an Dämonen Drogen verkauft, war er kurz davor alles hinzuschmeißen, und Alice und dem Laden Lebewohl zu sagen.
Aber das Mädchen bat ihn doch zu bleiben und so konnte er nur über seinen Schatten springen und weiter mitmachen.
Das Teufelszeug, dass sie verkauft heißt:Sanguinem Medicamento, es bedeutet so viel wie ›BlutDroge‹, auch kurzSamento. Allerdings nennen es die Süchtigen nurDas höllische S.
Es besteht aus drei Blutsorten und ruft eine starke halluzinogene Veränderung, einen extremen Rauschzustand und das Gefühl zu fliegen, hervor. Das ist im Prinzip nichts Neues, viele Drogen wecken solche Empfindungen. Aber da es nur an Dämonen verkauft wird, wirkt es bei ihnen gänzlich anders, als bei einem Menschen. Ihre Kunden sind Untote, Vampire, Gestaltwandler und einige mehr.
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis sie sich in dieser Welt einen Namen machte, aber heute zählt sie zu dem einzigen Vertreiber vonSamento.
Alice kam eigentlich nur durch Zufall darauf, dass sie drei Sorten von Blut zusammen mischen muss um diese Wirkung zu erhalten.
Man nimmt zu gleichen Teilen den Lebenssaft von einem Vampir, einem Gestaltwandler und einem Werwolf. Es wird getrocknet, zu Pulver verarbeitet und in kleine Flakons gefüllt. Man kann es entweder durch die Nase ziehen oder mit reinem Wasser vermischen und sich spritzen.Smacht schon nach dem ersten Versuch süchtig. Allerdings ist es nicht ein Verlangen, welches man durch eine kurze Abstinenz wieder los wird. Es ist eine Sucht, als hinge das eigene Leben davon ab, die Junkies können gar nicht anders, als sich die nächste Portion zu verschaffen, weil sie einfach die grausame Empfindung haben, ansonsten qualvoll zu sterben.
Liam erkundigte sich vor ein paar Jahren einmal danach, wie Alice das alles mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, immerhin verseucht sie ihre eigene Spezies. Doch Alice antwortete nur spöttisch: »Was sind sie schon? Dämonen, die Menschen töten. Warum soll ich nicht ein wenig nachhelfen, dass die Bevölkerung weiterhin in Ruhe leben kann? Ein süchtiger Vampir hat kaum noch die Zeit, sich an einem Menschen zu vergreifen, er ist immer auf der Jagd nach dem nächsten TropfenS.Ein Gestaltwandler kann sich nicht mehr in ein Raubtier verwandeln, weil er ständig auf Wolke sieben schwebt und auch die Ghoule interessieren sich nicht mehr sonderlich für menschliche Wesen, sondern nur noch für die Drogen.« Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Also, was soll‘s.«
Über solche Kaltblütigkeit konnte Liam nur den Kopf schütteln. Er schwor sich, dass er niemals auch nur ein Körnchen von diesem Teufelszeug probiert, er wollte seine Eigenständigkeit und seinen Willen gerne behalten. Auch Alice verfiel nie dem höllischenS.
Alices Wunderlandist beinahe rund um die Uhr geöffnet, was Tagsüber ein schäbiger Kuriositätenladen ist, verwandelt sich des Nachts in eine kleine Schenke. Kurz nach Dunkelwerden kommen die ersten Dämonen und trinken hier etwas, oder kaufen heimlich ihrhöllisches S.
Der größte Wunsch der Werwölfin ist, dass sie genug Geld zusammenspart, um sich in England ein Haus zu kaufen und dort, ohne zu arbeiten, gut lebt. Jede noch so kleine Einnahme, die sie nicht an Liam oder einen ihrer zahlreichen Lieferanten auszahlen muss, trägt die kleine Wölfin auf ihr Sparbuch. Sie hat schon eine beträchtliche Summe zusammen, aber für den Lebensabend, der ihr vorschwebt, reicht es noch lange nicht. Der Vampir hofft, dass Alice ihm dann ihr Geschäft überschreibt, er würde sich in Paris gerne niederlassen, er will nie wieder nach England zurückkehren. Hier fühlt er sich wohler, seine Freunde wohnen in Frankreich und die Menschen sind einfach netter und schmecken besser.
Alice hält ihm ein dickes Buch unter die Nase.
»Das stellen wir ins Fenster, das wird sofort weg sein.«
Liam wirft nur einen Blick auf das Cover und den Namen des Autors. Er ist derselben Meinung wie die Werwölfin,Stephen Kingverkauft sich immer gut und sein Bestseller ›ES‹ wird wahrscheinlich noch heute einen Abnehmer finden.
»Ist von King noch was dabei?«, fragt der Vampir, weiß aber im gleichen Augenblick, dass das nicht der Fall ist. Hat er doch selbst bereits die Kiste durchwühlt.
»Nein«, erwidert Alice auch einige Sekunden später. »Sonst keins mehr. Aber hier sind noch ein paar DVDs von Hitchcock, die kannst du auch in die Auslage legen. Alles für je einen Fünfer, dann sind wir sie schnell los.«
»Okay«, Liam nimmt ihr das Buch und die drei CD-Hüllen aus der Hand und geht zum Fenster. Nach einigen Überlegungen räumt er die Bücher, die sich dort bereits wundliegen weg und ersetzt sie durch den Roman und die DVDs. Auf kleinen Zetteln schreibt erFünf Euround legt sie jeweils vor die Artikel.
Er geht durch die Eingangstür und prüft von außen, ob alles so liegen bleiben kann.
In diesem Moment fährt jemand aus der Garage heraus, die ihrem Geschäft gegenüberliegt.
Liam hat den Kerl in seinem Mercedes bereits ein paar Mal gesehen, und er musste sich eingestehen, dass ihm jedes Mal ein Schauer den Rücken herunter läuft. Der Wagen ist das neuste Modell, aber daran liegt es nicht, dass der Vampir sich bei seinem Auftauchen so unwohl fühlt. Es ist eher der Fahrer, der angsteinflößend ist. Obwohl er ganz normal aussieht, schlank mit dunklen Haaren, so löst er doch bei dem Vampir einen sofortigen Fluchtreflex aus. Liam muss sich zusammen nehmen, um nicht laut zu knurren. Dabei würdigt der Fahrer ihn noch nicht einmal eines Blickes. Rasch zieht er sich wieder zurück in den Laden, schließt hastig die Türe hinter sich, als wäre der Teufel persönlich scharf auf ihn. Die Türklingel stößt nur ein heiseres Krächzen aus, zu mehr ist sie nicht fähig.
»Was ist denn mit dir?«, fragt Alice amüsiert. »Hast du ein Gespenst gesehen?«
»So etwas Ähnliches«, Liam atmet laut und keuchend. »Unser Nachbar scheint wegzufahren und das ausgerechnet, wenn ich mal draußen bin.«
»Was hast du denn gegen ihn?«
»Nichts«, meint der Vampir. »Er ist nur …«, hilflos zuckt er mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Er ist mir einfach unheimlich.«
Alice lacht hinter vorgehaltener Hand.
»Dir? Das ist ja zu komisch.«
Liam gibt ein abfälliges Schnaufen von sich und beginnt die Bücher aus der riesigen Holzkiste in die Regale einzuräumen.
Alice kichert noch ein wenig vor sich hin, dann meint sie langsam:
»Ich kenne den Typen, der mit ihm zusammenwohnt. Der war schon mal hier.«
Liam hebt interessiert den Kopf.
»Ach ja? Und?«
Die kleine Werwölfin zuckt mit den Schultern.
»Nichts und … er ist ein Mensch. Ich glaube, er heißt Charles, oder so ähnlich. Ich weiß auch nicht, was er macht, aber, er scheint nett zu sein.«
Der Vampir überlegt einen Moment.
»Woher weißt du eigentlich, dass der Blutsack bei dem unheimlichen Kerl wohnt?«
Auf Alices Gesicht erscheint ein breites Grinsen.
»Madame Geraldine«, sagt sie lachend.
Liam stimmt in ihr Lachen ein.
Madame Luisa Geraldine ist eine alte Frau, die zwei Häuser weiter wohnt. Sie hat für ihre Mitmenschen nichts als Spott übrig und ist die größte Klatschtante, der gesamten Rue Denfert Rochereau. Sie weiß alles von jedem und wenn sie etwas nicht weiß, dann erfindet sie es einfach.
Sie war es auch, die Alice erzählte, dass die beiden Männer sich eine Wohnung teilen. Sie berichtete es in einem verschwörerischen Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand, so als wolle sie Alice das bestgehütete Geheimnis der Welt anvertrauen. Die Kleine zuckte auf diese Offenbarung hin, nur die Schultern. Eine Reaktion, mit der Madame Geraldine nicht gerechnet hatte. Aber da sie wollte, dass Alice genauso entsetzt darüber war, wie sie, legte Madame noch einen drauf.
»Aber«, krächzte sie heiser und rückte noch näher an Alice heran. »Stellen Sie sich vor … sie haben sogareinSchlafzimmer …zusammen.«
Triumphierend sah die Alte Alice an. Ganz so, als wollte sie noch hinzufügen:Na, was sagst du jetzt, Mädchen.
»Waren Sie schon einmal bei den jungen Männern in der Wohnung?«, fragte Alice und sah Madame neugierig an.
»Nein. Nein, natürlich nicht«, rief sie entsetzt und beugte sich nach hinten. Die Hände auf ihren mächtigen Busen gedrückt, die Augen aufgerissen sah sie die Jüngere furchtsam an.
Es machte schon länger die Runde in der Straße, dass Madame Geraldine sich das ein oder andere Mal gewaltsam Zutritt zu einer Wohnung verschafft hatte, nur um ihre persönliche Neugierde zu stillen. Ob an dem Gerücht etwas Wahres dran war, wusste Alice nicht genau, aber vorstellen konnte sie es sich durchaus.
Um das Gespräch zu beenden, zuckte die Werwölfin ein weiteres Mal mit den schmalen Schultern und sagte abweisend:
»Und wenn schon, dann schlafen sie eben zusammen … ich denke nicht, dass uns das was angeht. Die können machen, was sie wollen.«
Verärgert runzelte Madame ihre Stirn und wechselte rasch das Thema.
»Ich denke nicht, dass sie ein Paar sind«, sagt Alice und schüttelt wie zur Bekräftigung den Kopf.
»Egal, was das Klatschmaul Geraldine sagt. Der Typ kam mir viel zu männlich vor und außerdem hat er ein bisschen mit mir geflirtet.«
Liam wendet sich wieder seinen Büchern zu. Er will nicht, dass Alice sieht, wie sehr ihn ihr letzter Satz getroffen hat.
»Das denke ich auch nicht.« Mit Schaudern erinnert er sich an den Kerl in seinem neuen Mercedes. Nein, überlegt er den Satz weiter, der steht mit Sicherheit auf Mädchen … das, und auf Blut und Fleisch und … auf die Hölle.
Es ist tiefste Nacht, als Samuel seinen Mercedes in die Garage lenkt.
Er fuhr nicht sofort von der kleinen Kirche aus nach Hause, unterwegs hielt er noch an einem Rastplatz an. In der hintersten Ecke parkte er seinen Wagen, stellte den Motor ab und dachte nach. Sein Nacken ruhte auf der Kopfstütze und die Augen hielt er geschlossen, kein Atmen hob seinen Brustkorb, kein Muskel regte sich an ihm. Wenn ein nächtlicher Besucher des Rastplatzes ihn entdeckt hätte, so wäre dieser schreiend davon gelaufen, nur um möglichst rasch die nächste Polizeistreife anzuhalten, und ihnen stotternd mitzuteilen, dass ein Toter in einem nagelneuen Mercedes liegt.
Aber zum Glück störte Samuels Gedanken kein noch so aufmerksamer Passant. Erst drei Stunden später wachte er aus seiner Lethargie auf und trat den Heimweg an.
Als er über die A13 in Richtung Paris fuhr, umspielte seine Lippen bereits ein leises Lächeln. Er lenkte den Wagen weiter auf der Rue de Normandie, schenkte den hellen Lichtern, wofür diese Stadt so berühmt ist, keinerlei Aufmerksamkeit.
Erst als er endlich in die Rue Denfert Rochereau einbog, war seine Laune wieder hergestellt.
Selbst die Garageneinfahrt, die sich so anfühlt, als führe sie senkrecht in die Hölle, kann ihn heute nicht verärgern.
Er freut sich auf einen schönen alten Whisky, der so wunderbar nach Holz und Rauch schmeckt und einem knisternden Feuer im Kamin.
Als er seine Wohnung im zweiten Stock aufschließt, schlägt ihm grausam laute Rockmusik, aber auch ein herrlicher Geruch nach Schweinebraten, Kartoffeln und einem süßen Dessert, entgegen.
»Ah, hier bin ich richtig«, sagt er leise und grinst nur noch breiter. So mies der Tag auch angefangen hat, umso besser scheint er zu enden.
»Charlie?«, ruft Samuel laut durch die große helle Wohnung.
»Hey, Alter«, erklingt es munter zurück. »Bin in der Küche.«
Samuel hängt seinen Mantel in die Garderobe, zieht die Schuhe aus und streckt sich kurz.
Bin ich froh, wenn ich aus den Klamotten rauskomme, denkt er und geht mit einem Lächeln in das große Esszimmer.
Überall sind Lichter eingeschaltet. Deckenfluter, Strahler, und Lichtbänder, die knapp unter der Decke verlaufen und ein diffuses, blassblaues Licht aussenden. In jeder Ecke scheint eine Lampe zu stehen, es gibt kaum einen Platz, der nicht grell erleuchtet wird.
Vor die riesige Fensterfront wurden gelbe Vorhänge geschoben. In einem schlichten, aber überbreiten Kamin, der in die Wand eingebaut wurde, knistert ein herrliches Feuer.
Der Fernseher läuft und gibt dröhnende Musikfetzen zum Besten.
Ein großer, sechseckiger Esstisch ist mit alten Tellern gedeckt, er wirkt wie eine altmodische Insel, in dieser hochmodernen Wohnung.
»Setz dich, Junge. Essen ist gleich fertig.«
Samuel dreht sich um und sieht in die Durchreiche, die den Blick auf eine lindgrüne Küche freigibt.
In ihr hantiert ein junger Kerl mit Töpfen und Pfannen und grinst ihn frech an.
»Wie lange habe ich noch, Charlie?«
»Hm«, der Junge öffnet den Backofen, wirft einen raschen Blick hinein und meint dann:
»Umziehen, Whisky einschütten, Kippe anmachen … Essen fertig.«
Samuel lacht laut auf. »Okay, dann weiß ich Bescheid.«
Er geht in sein eigenes Schlafzimmer, zieht sich den Anzug, die Krawatte und das Hemd aus, hängt alles sorgfältig zurück in den Schrank. Er schnappt sich ein altes T-Shirt und eine Jeans, darin fühlt er sich wohler, als in der steifen Garderobe.
Jetzt fehlt nur noch die Zigarette und der Schnaps, genau wie Charlie sagte.
Als Samuel zurück ins Wohnzimmer kommt, steht bereits ein gefülltes Glas auf dem kleinen Wohnzimmertisch, neben einer frischen Packung Gauloises Blau.
»Danke, Charlie«, ruft Samuel in Richtung Küche.
Umständlich holt er sich eine Zigarette aus der Packung, steckt sie sich zwischen die Lippen und zündet sie mit einem Zippo an. Er wirft einen Blick auf das Feuerzeug, das ihm unbekannt vorkommt. Es stellt den Ghostrider dar, der auf seiner Harley scheinbar aus dem Zippo heraus, auf einen zufährt.
»So ein Blödsinn«, murmelt er vor sich hin und wirft das Feuerzeug zurück auf den Tisch.
Mit Genuss inhaliert er den Rauch tief und lässt ihn stoßweise wieder entweichen, dabei produziert er fast perfekte Rauchkringel, die sich nur zögernd auflösen.
Samuel greift nach dem Glas, lässt die Eiswürfel gegeneinander klicken und beobachtet den bernsteinfarbenen Whisky, wie er sachte hin und her schwingt. Erst nach einem weiteren, gewaltigen Zug an der Zigarette nimmt er einen großen Schluck Whisky. Ölig läuft der Alkohol ihm über die Zunge, löst einen kleinen Waldbrand in seiner Kehle aus.
»Ah …« Samuel streckt die langen Beine von sich.
Mit einem Mal steht Charlie neben ihm und nimmt sich ebenfalls eine Gauloises. Allerdings inhaliert er nicht so tief wie Samuel, die Erfahrung hat er einmal gemacht, auf eine Wiederholung ist er nicht scharf.
Kein Mensch sollte versuchen einen Sensenmann nachzuahmen, das kann nur schlecht enden.
Eigentlich sollte überhaupt kein Mensch dem leibhaftigen Tod zu nahe kommen, doch Charlie ist froh, dass er Samuel vor etlichen Jahren traf.
Er war von London nach Paris gekommen, der Liebe wegen.
Auf einem Ausflug lernte er ein junges Ding kennen, die bei einer Londoner Familie das Au-Pair-Mädchen spielte. Sie verliebten sich in einander und als die Kleine zurück sollte, zog Charlie einfach mit. Das Ganze ging nur ein paar Monate gut und das Mädchen setzte ihn wegen eines Anderen vor die Tür.
Da stand der Junge nun, ohne Wohnung, ohne Geld und ohne einen Funken Hoffnung. In England hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen, er konnte nicht zurück. In Paris hatte er noch nicht richtig Fuß fassen können. Zuerst zog er von Unterkunft zu Unterkunft, besorgte sich Hilfsarbeiterjobs und mogelte sich irgendwie durch. Dann endlich hatte er genug Geld zusammen, dass er die Kaution für eine Wohnung und die erste Miete aufbringen konnte.
Auf dem Weg zu seinem Vermieter, um den Vertrag zu unterzeichnen, wurde er überfallen. Die Kerle schlugen ihn Krankenhausreif und stahlen ihm seine gesamte Barschaft.
Nun sah Charlie wirklich keine Lösung und keine Hoffnung mehr. Beladen mit Krankenhausschulden, ohne Job und Dach über dem Kopf, gab es für ihn nur noch einen Ausweg: Er besuchte seine alte Flamme ein letztes Mal, doch sie warf ihn gleich aus der Wohnung.
Wie ein Sünder schlich er des Nachts zum Eiffelturm und stürzte sich von dem berühmten Bauwerk.
Sein Flug schien eine Ewigkeit zu dauern, er dachte in seinen letzten Sekunden nur darüber nach, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn er auf dem unerbittlichen und harten Asphalt aufschlägt. Wird sein Körper aufplatzen, wie eine übervolle Tüte? Werden seine Gedärme umher spritzen und die Straße besudeln? Wird es sehr schmerzhaft sein? Er machte sich innerlich für den Aufprall bereit.
Was er aber dann spürte, verwunderte Charlie so sehr, dass er einen hohen Schrei ausstieß.
Er landete in den Armen von Samuel, anderthalb Meter über dem harten Boden, über den er schon sein Blut fließen sah. Der Tod stellte ihn wieder auf seine Beine, die ihn gar nicht tragen wollten, so zitterig und weich waren sie. In kurzen Worten erzählte Samuel, wer er ist und dass Selbstmord keine Lösung, aber vor allem eine Todsünde sei. Sie redeten die ganze Nacht und als der Morgen graute, war Charlie wieder so weit hergestellt, dass er zumindest einwilligte, bei Samuel mindestens eine Woche zu bleiben. Dann würden sie weitersehen.
Aus der Woche sind inzwischen zehn Jahre geworden. Charlie hat einen guten Job als Koch in einer Kantine. Zuerst blieb er bei Samuel wohnen, aber nach zwei Jahren zog er mit seiner neuen Freundin zusammen. In der Zeit blieb er dennoch immer mit dem Tod in Kontakt, sie wurden gute Freunde. Erst als nach fünf Jahren auch diese Beziehung in die Brüche ging, zog er wieder bei seinem alten Freund ein.
Es ist schwierig, in Paris ein gutes und bezahlbares Zuhause zu bekommen und Sam ist nicht abgeneigt, von seinen Aufträgen in eine aufgeräumte Wohnung zurückzukehren und wenn es noch ein gutes Essen gibt, ist er mehr als erfreut.
Charlie nimmt die Fernbedienung und drehtAlice Coopermitten im Satz den Saft ab. Nun rockt der alte Musiker nur noch stumm über die Mattscheibe.
Fasziniert starrt Samuel auf den Fernseher, obwohl er nichts mehr vomCoophört, so wäre er doch in der Lage, jede Textzeile vonFeed my Frankensteinmitzusingen, wenn ihm danach zu Mute ist.
»Hey, der Song war gut.«
Charlie zeigt mit dem Daumen hinter sich.
»Essen ist fertig, Sam. Kommst du, oder soll ich es … an Frankenstein verfüttern?« Er grinst breit.
»Okay.«
Ächzend erhebt sich Samuel und gemeinsam setzen sie sich an den gedeckten Tisch.
Sein Geruchssinn hat ihn nicht getäuscht, Charlie hat Schweinebraten, Kartoffeln und dazu einen Salat angerichtet, nur das süße Dessert fehlt noch auf dem Tisch.
Mit Heißhunger fällt der Tod über das köstliche Nachtmahl her, er hatte ganz vergessen, dass er so einen großen Hunger hatte.
»Schmeckt köstlich, Charlie«, meint er irgendwann zwischen zwei Bissen.
Der Junge beobachtet ihn genau, er kennt Samuel nun schon eine geraume Zeit, aber mit so einem Appetit hat er ihn selten essen sehen.
»Ist es heute nicht so gut gelaufen?«, erkundigt er sich, als er schon lange satt ist und Samuel sich seine dritte Portion aufdeckt.
Mit vollem Mund schüttelt er nur den Kopf, spült mit einem Mineralwasser den Rest hinunter.
»Nein, Charlie, nicht wirklich. Selbst bei Francesco hatte ich das Gefühl, als läuft irgendwas furchtbar schief.«
Der Junge zündet sich eine Zigarette an.
»Was hat der alte Pfaffe denn gesagt?«
Ein strafender Blick aus Samuels feurigen Augen trifft ihn. Aber auch wenn der Tod es wollte, so könnten seine höllischen Augen dem Jungen nichts anhaben – Der ist längst für die Hölle bestimmt, nur den Zeitpunkt kennt niemand, noch nicht einmal der Tod selbst.
Um einer gottesfürchtigen Diskussion aus dem Weg zu gehen, fragt Charlie rasch:
»Lust auf einen Nachtisch, Sam?«
»Was hast du denn anzubieten?«
Grinsend steht Charlie auf, nimmt die Teller mit und werkelt in der Küche herum.
»Lass dir Zeit«, meint Samuel. »Ich rauche erst noch eine.«
Gerade als er die Zigarette wieder ausdrückt, kommt Charlie zurück und serviert einen riesigen französischen Eierflan.
Die Lampe, die knapp über dem Esstisch hängt, spiegelt sich in der glänzenden, karamellisierten, Schicht des Flans. Die Vanillecreme biegt sich unter der dicken Karamelldecke.
»Wow«, sagt Samuel. »Wie kommst du denn darauf?«
Charlie zuckt mit den Schultern.
»Hab ich im Internet gelesen, ich wollte es mal ausprobieren.«
Mit einem scharfen Messer schneidet er ein großes Stück für seinen Freund ab und legt es auf einen Teller.
Sein eigenes Stück ist um ein vielfaches kleiner.
»Willst du mich mästen?«, fragt Samuel empört und schlägt sich selbst auf den flachen Bauch.
»Quatsch nicht. Los! Probieren!«
Samuel schiebt sich unter Charlies aufmerksamen Augen den ersten Löffel Eierflan in den Mund. Die Karamellmasse kracht und knackt, er hört es sogar in seinen Ohren, die Vanillemilch läuft cremig über seine Zunge. Zusammen ergibt das eine herrliche Komposition.
Dennoch meint Samuel nach dem ersten Löffel:
»Mach demnächst wieder was Englisches … das kannst du besser.«
»Echt? Ist er so mies?« Hastig stopft er sich den ersten Bissen in den Mund.
Samuel grinst über das ganze Gesicht.
»Das nennt man wohl eine Verarschung.«
»Arfoch …«
Charlie versucht zu lachen, aber mit vollem Mund geht das genau so wenig, wie sprechen.
*
Kurz nach Sonnenuntergang treffen die ersten Kunden ein, das Wunderland
