Faul - Hans-Albert Wulf - E-Book

Faul E-Book

Hans-Albert Wulf

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Beschreibung

Warum sind wir immer so fleißig? Weshalb ist die Faulheit bei uns so verpönt? Wer in unserer emsigen und hektischen Arbeitsgesellschaft nicht arbeitet, gilt schnell als asozialer, charakterloser und verachtungswürdiger Faulpelz. Ein Urteil, das heutzutage auch gerne auf die Langzeitarbeitslosen gemünzt wird. Und dies hat eine lange Tradition. „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Dieses geflügelte Wort zieht sich seit den Anfängen des Christentums bis in unsere Gegenwart wie ein roter Faden durch die gesamte abendländische Geschichte. In meinem Buch nehme ich Sie mit auf einen Streifzug durch fast 2000 Jahre Faulheitsgeschichte und berichte davon 1. wie die Faulheit in den verschiedenen Epochen als Sünde oder gar Verbrechen verfolgt wurde, 2. wie der Kampf gegen Faulheit und Müßiggang als Wegbereiter für unsere heutige Arbeitsgesellschaft diente, 3. und wie damit schließlich die Weichen gestellt wurden für die Entstehung eines neuen Menschentyps, den heutigen disziplinierten und angepassten Arbeitnehmer.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Faulheit und Müßiggang kommen in der Suchmaschine Google insgesamt fast 800 000 mal vor. Dabei sollten sie doch nach den herrschenden Moralvorstellungen überhaupt nicht vorkommen. Denn wer in unserer emsigen und hektischen Arbeitsgesellschaft nicht arbeitet, gilt schnell als asozialer, charakterloser und verachtungswürdiger Faulpelz. Ein Urteil, das heutzutage auch gerne auf die Langzeitarbeitslosen gemünzt wird. Und dies hat eine lange Tradition. „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Dieses geflügelte Wort zieht sich seit den Anfängen des Christentums bis in unsere Gegenwart wie ein roter Faden durch die gesamte abendländische Geschichte.

In meinem Buch beleuchte ich die geschichtlichen Wurzeln und Traditionen der verschiedenen Faulheitsverbote, um so zur gegenwärtigen Diskussion über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft beizutragen.

Dr. Hans-Albert Wulf, Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie. Wissenschaftliche Tätigkeit am „Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen“ (SOFI). Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der TU Berlin (1980-2005). Dissertation zum Thema „Maschinenstürmer sind wir keine. Technischer Fortschritt und sozialdemokratische Arbeiterbewegung“ Seit 2010 Forschungen zum Themenkomplex „Arbeitsethos, Kirche und Kapitalismus“.

INHALT

Kapitel 1: Freunde und Feinde der Faulheit

Die Faulheit im Visier des Staates und der Medien

Der Zwang zum Selbstzwang

Was ist Faulheit?

Workaholics und die Kosten des Fleißes

„Das Recht auf Faulheit“

Faulheit als Kampfbegriff

Kapitel 2: Faule und fleißige Mönche

Zu faul zum Beten

Die Töchter und Enkel der Trägheit

„Heuchelei im Mönchsgewand“

„Der Müßiggang ist der Feind der Seele“

Kapitel 3 „Pfui Teufel! Pfui Faulenzer!“

Prolog

Faulteufel

Der Träge im Schleppnetz des Teufels

Die Tücken des Trägheitsteufels

Faule Narren

Epilog

Kapitel 4: Propheten des fleißigen und ordentlichen Lebens

„Der Müßiggänger ist ein unnützer Klotz“ (Alberti)

.

„Gott mag keine Müßiggänger“ (Martin Luther)

.

Johannes Calvins Genfer Gottesstaat

„Zeit ist Geld“ (Benjamin Franklin)

„Trägheit ist Selbstmord“ (Lord Chesterfield)

„Der Müßiggänger ist ein Ungeheuer“ (Carlyle)

Kapitel 5: Strafsache Faulheit

Auf der Straße

Die Torturen der Zucht- und Arbeitshäuser

Kapitel 6: „Der Müßiggang ist die Schwindsucht des Lebens“ Moralpredigten 1. Teil

Prolog

Rebellion gegen Gott

Faule Hunde und fleißige Ameisen

Die Krankheit des Müßiggangs

Faule Verelendung

Kapitel 7: Das Panoptikum der Faulpelze und Müßiggänger Moralpredigten 2. Teil

Träges Gesinde

Faule und bequeme Reiche

Gelehrte Müßiggänger

Faule Eltern - Faule Kinder

Wollüstige Müßiggänger

Fromme Singvögel

Müßige Schlafmützen

Geschäftige Müßiggänger

Kapitel 8: „Schluss mit der Drückebergerei!“ Die Enteignung der Faulheit im Kapitalismus

(Taylor, Ford)

Kapitel 9: Jenseits der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft

(10 Thesen)

Literaturverzeichnis

Kapitel 1: Freunde und Feinde der Faulheit

Die Faulheit im Visier des Staates und der Medien

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als er im Sterben lag, rief er sie zu sich und sprach: „Wer von euch der Faulste ist, soll mein Nachfolger werden.“ Da sprach der Älteste: „So gehört das Königsreich mir. Denn wenn ich schlafen will und es fällt mir ein Tropfen ins Auge, so bin ich zu faul, das Auge zu schließen.“ „Da bin ich doch noch viel fauler“, entgegnete der Zweite. „Wenn ich am Ofen sitze und verbrenne mir dabei die Füße, so bin ich zu faul, sie zurückzuziehen.“ Darauf der Dritte: „Das ist doch noch gar nichts. Wenn ich aufgehängt werden sollte und hätte den Strick schon um den Hals und man gäbe mir ein Messer, um den Strick zu zerschneiden, so wäre ich dazu zu faul und würde mich lieber aufhängen lassen.“ Als der König dies hörte, sprach er: „Du bist der Faulste und sollst König werden.“ Und auch in dem berühmten Märchen vom Schlaraffenland tragen die Faulpelze den Sieg davon. „Jede Stunde Schlafen bringt dort ein Silberstück ein und jedes Mal Gähnen ein Goldstück. Wer gern arbeitet, der wird aus dem Schlaraffenland vertrieben. Aber wer nichts kann, nur schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Und der Faulste wird König im Schlaraffenland.“

Dass die Faulen belohnt werden, gibt es freilich nur im Märchen und in der verkehrten Welt des Schlaraffenlandes. In unserer arbeitsamen Gesellschaft steht Faulheit nicht eben hoch im Kurs. „Wer arbeiten will, der findet immer Arbeit. Und wer keine Arbeit hat, ist selbst dran schuld und nur zu faul.“ Generell wird unterstellt, dass Arbeitslose keine Lust zum Arbeiten haben und deshalb wird ein ganzes Arsenal an Maßnahmen aufgefahren, um Druck auszuüben. Das reicht von Kürzungen des Arbeitslosengeldes, wenn man z.B. eine Vorladung zum Jobcenter versäumt hat, bis hin zum Zwang, irgendwelche oftmals völlig sinnlosen Arbeiten zu verrichten. Und immer wieder bricht über die „HartzIV-Faulpelze“ ein Mediengewitter unter der Anführung der Bild-Zeitung herein. Von einer „HartzIV-Sauerei“ ist die Rede. „Stoppt die Drückeberger!“ „Noch nie wurde so viel geschummelt!“ So die seitenfüllenden Schlagzeilen der Bild-Zeitung. (11.04.2012) Und wenn die Arbeitslosen erst einmal als Müßiggänger abgestempelt worden sind, so ist es nicht mehr weit, sie als „Müßiggängster“ zu diffamieren. „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“ verkündete der frühere Bundeskanzler Schröder 2001 in einem Interview mit der Bild-Zeitung. (05.04.2001) Dass es sich lediglich um eine verschwindende Zahl von Arbeitslosen handelt, die sich nicht korrekt verhalten, wird dabei unter den Teppich gekehrt. Und auch bei diesen handelte es sich meist nur um Terminversäumnisse bei Vorladungen zu den Jobcentern. Die Debatten über faule Arbeitslose und die Verschärfung der Sanktionen folgen bestimmten politischen Konjunkturen. Das hat jedenfalls eine Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin herausgefunden. „Immer wenn Regierungen ein bis zwei Jahre vor der Wahl stehen und die Konjunktur lahmt, wird die Alarmglocke 'Faulheitsverdacht!' geläutet, auch wenn es keine objektiven Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Arbeitslosen fauler geworden sind.“ (Oschmiansky u.a. 2001)

All diese Vorschriften und Zwangsmittel haben eine lange Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert wurde die staatliche Unterstützung von Arbeitslosen mit abschreckenden Repressalien verbunden. „Die Notdürftigen, die der Staat unterhält, müssen ein schlechteres und beschwerlicheres Leben führen als der große tagelöhnerische Haufen, der nicht dürftig ist; denn sonst würde sich niemand scheuen, bald oder spät dem Staat zur Last zu fallen. Überdies muss die Zucht der vom Staat unterhaltenen Armen, insonderheit für Faulheit und Verschwendung sehr strenge und also ihre Freiheit fast militärisch eingeschränkt sein, damit der die Freiheit und das Wohlleben liebende Mensch einen Abscheu vor der Notwendigkeit der Staatshilfe behalte.“ (Basedow 1772, S.34f.)

Gegen das gesellschaftliche Arbeitsdiktat sind in den letzten Jahren immer wieder Bücher und Aufsätze erschienen, die das „Lob der Faulheit“ anstimmen oder die „Kunst des Müßiggangs“ verkünden. Meist geht es dabei um die Frage, wie man der Alltagshektik, dieser allgegenwärtigen Sisyphos-Falle, entrinnen und wie man die Faulheit und den Müßiggang von ihrem schlechten Ruf befreien kann. Mit meinem Buch knüpfe ich an diese Diskussion an, allerdings aus einer anderen, bisher eher vernachlässigten Perspektive: Mir geht es um das Problem, wie dieser epidemische Arbeits- und Geschwindigkeitswahn, der in unserer Gesellschaft mittlerweile fast alle Lebensbereiche durchdrungen hat, in die Welt gekommen ist und wie er sich ausgebreitet hat.

Ich werde die Wurzeln und Traditionen der verschiedenen Faulheitsverbote in unserer Kultur beleuchten und darstellen, mit welchen Druckmitteln und Strafen der Faulheit und dem Müßiggang in den verschiedenen Epochen unserer abendländischen Gesellschaft zu Leibe gerückt wurde. Zumal seit der frühen Neuzeit werden Faulheit und Müßiggang zu universellen Kampfbegriffen. Sie entwickeln sich zu Chiffren einer negativen Didaktik, die den Teufel an die Wand malt, um ihn besser bekämpfen zu können. (Kap. 3)

Es geht mir darum, zu dokumentieren, wie der Kampf gegen Trägheit, Faulheit und Müßiggang als wichtiges Instrument eingesetzt wurde (und wird), um den heutigen disziplinierten und angepassten Menschen zu modellieren. Bei alldem soll der Streifzug durch die Vorgeschichte und Geschichte der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft mit all ihren Faulheitsverboten dazu verhelfen, den Blick für ihre Überwindung zu schärfen.

Der Zwang zum Selbstzwang

In seinem Werk über den „Prozess der Zivilisation“ hat der Soziologe Norbert Elias diesen gesellschaftlichen Wandel eindrucksvoll dargestellt. Er beschreibt „die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge, in eine automatische, zur selbstverständlichen Gewohnheit gewordene Triebregulierung und Affektzurückhaltung.“ (Elias, S. 343) Dies ist ein Prozess, der mit viel Zwang, Widerständen und großen Schmerzen über die welthistorische Bühne gegangen ist.

Eine wichtige Bedeutung spielte hierbei die Verinnerlichung der Zeitdisziplin. Denn die Differenzierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit der Neuzeit konnte nur funktionieren, wenn die einzelnen Handlungsketten zeitlich exakt aufeinander abgestimmt wurden. Dies bedeutete, dass die innere Uhr des Menschen auf ökonomische Erfordernisse umgestellt werden musste. Waren bislang die Arbeitsabläufe von der Natur bestimmt, so tritt nun mit der Ausbreitung der kapitalistischen Ökonomie ein neues Zeitreglement an ihre Stelle. Der äußere Zwang der Fabriksirene wird Schritt für Schritt durch Elemente des Selbstzwangs ergänzt und schließlich auch ersetzt. Begünstigt und forciert wurde dieser Wandel durch die Uhrenentwicklung. An die Stelle der Fabriksirene tritt der häusliche Wecker, der gleichsam als Prothese des Selbstzwangs dient.

Bei den Selbstzwängen unterscheidet Elias zwei Varianten: 1. Die bewusste Selbstkontrolle; hierzu gehört auch das Gewissen, welches gleichsam als Buchhalter der Seele fortwährend Ist- und Sollwert des eigenen Verhaltens abgleicht und gegebenenfalls Korrekturen anmahnt. 2. Eine unbewusst arbeitende „Selbstkontrollapparatur“, bei der die gesellschaftlichen Regeln und Verhaltensweisen in Fleisch und Blut übergegangen sind und sich so unwillkürlich wie ein Wimpernschlag zu automatisch funktionierenden Gewohnheiten herausbilden.

Im Laufe der Geschichte haben sich diese „Selbstkontrollapparaturen“ immer mehr verfeinert und perfektioniert. In einem 1930 erschienenen Buch mit dem Titel „Sich selbst rationalisieren“ wird dem Selbstzwang mit dramatischen Worten eine geradezu existentielle Bedeutung beigemessen: „Sich selbst nicht gehorchen, das ist eine Schande, das ist ein schleichendes Gift, das zermürbt Charakter und Willen sowie Energie, Ausdauer und Selbstachtung wie eine versteckte, unerkannte, schleichende, tückische Krankheit, die den Körper langsam zerstört.“ (Grossmann, S. 159) Und in einem kürzlich (11. April 2015) erschienenen Artikel der „Wirtschaftswoche“ nehmen die Gymnastikübungen des Selbstzwangs geradezu groteske Züge an: „Auch die intelligente Führung der eigenen Person macht die gute Führungskraft aus. Heißt konkret: Sie handelt im Optimalfall stets bewusst, formt die Persönlichkeit und zahlt so auf die ‚Marke Ich‘ ein.“

Was ist Faulheit?

Ob jemand ein Müßiggänger ist, das lasse sich wie bei einer Uhr ablesen: „Die Hände verhalten sich zur Seele, wie der Zeiger einer Uhr zum inwendigen Uhrwerke; dieser deutet auswendig an, wie viel es inwendig geschlagen hat. Steht der Zeiger still, so steht auch das Uhrwerk still. Auf gleiche Weise verraten müßige Hände eine verdorbene, tote Seele.“ (Wiser Bd.13 1885, S.391) Der radikale Faule hat demnach nur ein einziges Motto: „Wer Arbeit kennt, und danach rennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt.“

Das absolute Nichtstun erfährt noch eine Steigerung in den sog. Faulheitswettbewerben, die in der neuzeitlichen Literatur immer wieder auftauchen. Am Beginn dieses Kapitels habe ich ein solches Kuriosum vorgestellt. Wer der Faulste ist, wird zum König ernannt. In seinem „Lob des Müßiggangs“ zitiert Bertrand Russell eine weitere Variante: Es lagen einst zwölf Bettler müßig in der Sonne und dösten vor sich hin. Da kam ein Reisender vorbei und sprach sie an: „Wer von euch der Faulste ist, dem schenke ich einen Gulden.“ Sofort sprangen elf der Bettler auf und streckten dem spendablen Passanten die Hand entgegen. Nur einer blieb reglos in der Sonne liegen und - wie konnte es anders sein - er bekam den Gulden geschenkt.

Faulheit, Müßiggang, Trägheit, Nachlässigkeit, Nichtstun, Schläfrigkeit. Diese Begriffe werden in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht trennscharf verwendet. Im Mittelalter war das Wort Trägheit verbreitet und entstammt dem Kampf der Mönche gegen die Todsünde der Acedia. (vgl. Kap. 2) Faulheit ist das Schimpfwort, das den Diskurs im 16. und 17. Jahrhundert beherrscht. Es ist unmittelbar auf Arbeit bezogen; wer nicht arbeitet, ist faul. Demgegenüber ist das Wort Müßiggang sehr viel weiter gefasst und wird geradezu inflationär für alle nur denkbaren Abweichungen vom „normalen“ Verhalten gebraucht.

„Der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit ist Faulheit.“ konstatiert der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) (Kant, Werke Bd. VII, Berlin 1917, S.276). Dies ist freilich nur eine dürre und karge Definition. Kants Kollege, der Philosoph Christian Thomasius (1655-1728) hatte bereits 100 Jahre zuvor eine differenziertere Sichtweise. Er unterscheidet zwischen grobem und subtilem Müßiggang. Der grobe Müßiggang bedarf keiner weiteren Erklärung; es ist das offenkundige faule Nichtstun, die Vernachlässigung der verordneten Pflichten. Hier ein Beispiel: Helbling steht im Büro an seinem Schreibpult und die Arbeit ödet ihn wieder einmal unsäglich an. Die Zeit will einfach nicht vergehen. „Er bemüht sich, zu versuchen, ob es ihm möglich sei, den Gedanken zu fassen, dass er jetzt arbeiten müsse.“ (Robert Walser 1972, S. 219) Um Zeit zu schinden, verschwindet er auf der Toilette, wo er volle zwölf Minuten zubringt. Währenddessen stürzen die Kollegen an sein Pult, um zu sehen, was er denn nun in der letzten Stunde geschafft hat. Und mit Verblüffung stellen sie fest, dass da nicht mehr als drei Zahlen stehen - sowie eine Vierte im Ansatz! Komplizierter verhält es sich mit dem subtilen Müßiggang, der sich vordergründig fleißig gibt und äußerlich vom Arbeitseifer nicht zu unterscheiden ist. Thomasius gibt ein Beispiel: Ein Bauernknecht drischt fleißig auf der Tenne zusammen mit einer Magd Korn. Das tut er aber nur mit dem Hintergedanken, nach vollbrachter Arbeit die Magd im Heu zu verführen.

Mit solchen Definitionsklaubereien und Feinheiten gibt sich der Volksmund erst gar nicht ab, sondern geht drastisch zu Werke: Der Müßiggänger ist lebendig tot. Er ist ein Leimsieder, Trödelphilipp, Murmeltier, Bärenhäuter, Drückeberger, Pflastertreter, Asphaltspucker, Schlafhaube, Tagedieb. Der Müßiggang ist der Amboss, auf dem alle Sünden geschmiedet werden. Er ist eine Angel des Teufels, womit er die Seele des Menschen fängt. Er ist ein Kopfkissen und Polster des höllischen Geistes. Er ist ein lebendiges Grab des Menschen. Er ist ein Dieb und Räuber des himmlischen Groschens. Der Müßiggang ist ein Verführer der Jugend, ein Verschwender der Zeit, ein schädlicher Schlaf der Wachenden, ein Gift allen menschlichen Seelen, der angenehmste Gast der Hölle, ein weiches Kissen des Teufels, eine sanfte Lagerstätte von allem Übel. Er ist ein Urheber der Diebstähle und Morde, ein Zündstoff der Unzucht, ein Lockvogel der fleischlichen Begierden, ein Lehrer aller Leichtfertigkeiten, eine Schwindgrube aller bösen Gedanken und ungeziemenden Gelüste. Er ist der Tugend Stiefvater, des Teufels Faulbett, der Rost eines ehrlichen Gemüts, das Unkraut eines unbesäten Ackers, die Hauptstadt des Unheils, ein Lehrmeister alles Bösen und der Höllen Pfandschilling.

Kehren wir zur Wissenschaft zurück. Der Philosoph Peter Sloterdijk definiert Faulheit und Müßiggang als „Passivitätskompetenz“. Aber auch dieser launige Begriff hilft nicht weiter; denn Müßiggang resp. Faulheit müssen ja nicht notwendig durch Passivität geprägt sein. Passiv ist, wer das, was er tun soll, unterlässt. Das faule Kind, das nicht lernen will, Dienstboten, die keine Lust zum Arbeiten haben, oder Menschen, die schlicht ihre Zeit vertrödeln. Müßiggang kann sich aber auch ausgesprochen aktiv geben. Extrem ist dies beim geschäftigen Müßiggang, beim frommen Müßiggang mit seinen übertriebenen Betorgien oder dem allseits umtriebigen wollüstigen Müßiggänger der Fall.

Mit der Frage, was genau Faulheit ist und welche Ursachen sie hat, haben sich auch die Psychologie und Pädagogik intensiv befasst. Dabei geht es meist um die Ursachen und Formen von Trägheit und Faulheit bei Schulkindern. Ein Dauerbrenner durch die Jahrhunderte. Ein kleines Taschenbuch aus den 1980er Jahren trägt den Titel „Faulheit ist heilbar“ und suggeriert damit, dass es sich um eine Krankheit handele. Wenn ein Kind vom Lehrer öffentlich als faul bezeichnet wird, so kann dies sein berufliches Fortkommen nachhaltig beeinträchtigen. Vor einigen Jahren war in einer Berliner Boulevardzeitung als riesige Balkenüberschrift zu lesen: „Faul! Hartherziges Lehrer-Wort auf dem Zeugnis belastet berufliche Zukunft.“

Dass ein Fauler bestraft wird, ist in einer Arbeitsgesellschaft nicht verwunderlich. Gibt es aber auch den umgekehrten Fall, dass ein arbeitsamer Mensch mit dem Gesetz in Konflikt geraten kann? Dies ist der Fall, wenn z.B. ein Gelehrter am Sonntag bei offenem Fenster forscht. Die Juristen sind hier sofort zur Stelle und verweisen auf die einschlägigen Paragraphen des Feiertagsrechts. Danach macht sich strafbar, wer öffentlich sichtbar am Sonntag arbeitet. So ist es jedenfalls in einem Buch über das Feiertagsrecht von 1929 zu lesen. (Nass 1929, S.40) Dabei ist es nicht einfach - das geben die Juristen auch zu -, einem Gelehrten am Fenster den Gesetzesbruch nachzuweisen. Welches sind die Indizien? Vielleicht Schweiß auf der Stirn? Wie soll man aber folgenden Fall beurteilen? Es steht einer mit seiner Geige auf der Straße und hat einen Hut für Spenden vor sich hingestellt. Soweit so gut. Er leistet mit seinem Violinspiel eine öffentliche Dienstleistung, die er sich mit Spenden belohnen lässt. Was aber, wenn er gar nicht richtig spielen kann? Wenn er sich fortwährend verspielt? Dann handelt es sich, - so haben es die Juristen geregelt - um keine Dienstleistung, sondern schlicht um Faulheit und Bettelei. (vgl. S. 149).

Müßiggang ist mithin kein absoluter Begriff. Was als Müßiggang oder Faulheit kritisiert wird, hängt von den jeweils vorherrschenden Formen der Arbeit ab. So wurde z.B. in einer Gesellschaft, die von körperlicher Arbeit geprägt war, der Büromensch schnell zum Faulenzer, da sein Arbeiten ja nicht unmittelbar sichtbar ist. (S.186) Wer ist ein Müßiggänger? Der Angler, der bequem auf seinem Anglerstuhl sitzt? Die Katze, die vor einem Mauseloch lauert und auf ihre Beute wartet? Wie steht es überhaupt mit dem Warten? Ist es Müßiggang, wenn jemand in einer Einkaufsschlange steht oder im Wartezimmer eines Arztes sitzt? Gibt es jemanden, der gar nichts tut?

Worin besteht der Unterschied zwischen der Muße und dem Müßiggang. Vor einiger Zeit (2011) brachte der „Spiegel“ hierzu eine Titelgeschichte und warf beide Begriffe heillos durcheinander. In der Tat, beide können sich äußerlich aufs Haar gleichen. Der Augenschein kann keinen Unterschied zwischen beiden, Muße und Müßiggang, erkennen. Und doch sind es grundverschiedene Welten. Der Müßiggänger verrichtet nicht das, was er tun soll. Er flieht seine Pflichten, um sich anderweitig die Zeit zu vertreiben, oder faul in der Ecke zu sitzen. Dagegen steht derjenige, der sich der Muße hingibt, unter keinerlei Zwang. Er tut, wozu er Lust und Laune hat. Für ihn gibt es keine äußere Instanz, die mahnend an irgendwelche Arbeitspflichten erinnert. In seiner historischklassischen Form verweist der Begriff Muße insofern auf ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis. Auf die Existenz einer privilegierten Klasse, die jenseits des lästigen Alltagskrams und frei von entfremdeter Arbeit tun und lassen kann, was sie will, ohne dabei zu verhungern oder bestraft zu werden. Heute wird das „altmodische Wort Muße“ (Habermas) meist etwas unscharf und ungenau durch den Begriff Freizeit ersetzt; ungenau deshalb, weil Freizeit zwar Inseln der Muße ermöglicht, sie aber nicht automatisch zur Folge hat. Der seit etwa 150 Jahren wachsende Bereich der Freizeit hat die fremdbestimmte Arbeit zwar nicht beseitigt, schafft aber immerhin Voraussetzungen für Phasen selbstbestimmten Lebens.

4. Workaholics und die Kosten des Fleißes

Immer häufiger schlagen heute Geschäftigkeit und Fleißorgien ins Gegenteil, in Ineffizienz, um. Es steht einer immerzu unter Speed. Und wenn er nicht an seinem Schreibtisch sitzt, so ist er doch jederzeit und überall erreichbar. Das Smartphone und der Internetanschluss machen es möglich. Multitasking ist das Gebot der Stunde. Bei alldem verzettelt er sich, weil er immer alles zugleich machen will, und so bringt er letztlich gar nichts zustande. Im Faulheitsdiskurs der Neuzeit wird eine derartige Umtriebigkeit mit dem Begriff des geschäftigen Müßiggangs oder der Tätelei belegt. Der zeitgemäße Begriff hierfür lautet bekanntlich Workaholic, zu Deutsch Arbeitssucht. Einer der ersten, der sich in Deutschland theoretisch und therapeutisch mit diesem Phänomen beschäftigt hat, war der frühere Chefarzt der Hardtwaldklinik Gerhard Mentzel. In einem Artikel aus dem Jahre 1979 vergleicht er die Arbeitssucht unmittelbar und direkt mit der Alkoholsucht. Allerdings genieße die Arbeitssucht im Unterschied zum Trinken einen hohen Grad an gesellschaftlicher Anerkennung. Als Einstieg für die therapeutische Behandlung dieser Sucht hatte Mentzel einen Fragebogen entwickelt, den er seinen Patienten vorlegte. Gleich mit der ersten Frage zielt er ins Zentrum der Sucht: „Arbeiten Sie heimlich (z.B. in der Freizeit, im Urlaub)?" Und: Frage Nr. 7: „Neigen Sie dazu, sich einen Vorrat an Arbeit zu sichern?“ (Mentzel, S. 116f.)

In Anlehnung an die anonymen Alkoholiker hat sich in Deutschland der Verband der anonymen Workaholics gegründet. Das Ziel besteht darin, Strategien zu entwickeln, um nicht mehr zwanghaft arbeiten zu müssen und diese Fähigkeit an andere Betroffene weiterzugeben. Heutzutage ist der Begriff Workaholic längst in die Alltagssprache eingegangen und hat sich als gesellschaftliches Massenphänomen ausgebreitet.

Der französische Philosoph und Mathematiker Pascal (16231662) hatte eine Vorahnung von den heutigen absurden Formen des Arbeitseifers, als er schrieb, „dass das ganze Unglück des Menschen daher kommt, dass er sich nicht ruhig in seinem Zimmer aufzuhalten weiß.“ (Pascal, Gedanken, o. J. S.73) Das militante Leistungsprinzip schlägt heute oftmals in sein Gegenteil um. Insbesondere der zunehmende Psychostress verursacht rasant zunehmende Kosten. Schätzungsweise 6,3 Milliarden Euro entstanden 2011 durch psychische Störungen, die auf Probleme am Arbeitsplatz zurückzuführen sind. Deshalb propagieren die Krankenkassen neuerdings das Nichtstun. „Geist und Seele brauchen schöpferische Pausen.“ Auszeiten, Momente des Nichtstuns und Müßiggang seien geradezu förderlich. Sie stärkten das Gedächtnis und förderten Einfallsreichtum und die Kreativität. (Tkaktuell Nr.2 2012) Diese Erkenntnis ist nicht neu und wurde bereits von dem Philosophen Bertrand Russell (1872-1970) pointiert und zugespitzt vertreten. Für ihn sind fast alle kulturellen Errungenschaften von der Klasse der (privilegierten) Müßiggänger hervorgebracht worden. „Ohne die Klasse der Müßiggänger wären die Menschen heute noch Barbaren.“ (Russell, Zürich 1950 S.86) Müßiggang ist hier allerdings im Sinne von produktiver Muße zu verstehen. Langsam scheint man zu begreifen, dass bis zum Anschlag zu arbeiten, kontraproduktiv sein kann. Faulheit „rechnet sich“ neuerdings; immerhin sind dies erste Schritte heraus aus der Ideologie des kapitalistischen Hamsterrades. Über die Reduktion des Menschen auf einen homo oeconomicus, der nur noch auf Effizienz und Schnelligkeit getrimmt wird, hatte sich bereits der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) lustig gemacht. „Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissenbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand. Die eigentliche Tugend ist es jetzt, etwas in weniger Zeit zu tun als ein anderer.“ (Nietzsche 1955, S.190f.).

„Das Recht auf Faulheit“

Der französische Sozialist Paul Lafargue (1842-1911) ist zweifellos der prominenteste Vorkämpfer für Faulheit und Müßiggang. Sein Traktat „Das Recht auf Faulheit“ (1883; dt. 1887) hat in der europäischen Arbeiterbewegung für viel Furore gesorgt und wird heute immer wieder neu verlegt. Die Schrift endet mit einer Hymne an die Faulheit: „O Faulheit erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“ (Lafargue, S.48) Indes: Auch hier wird die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Lafargue war kein Anarchist, auch wenn er heute gerne von anarchistischen Gruppen als Herold gegen das herrschende kapitalistische Arbeitsethos ins Feld geführt wird. Er war ein prominenter Vertreter der französischen sozialistischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und obendrein Schwiegersohn von Karl Marx. Seine beißende Polemik zielt in zwei Richtungen: Zum einen gegen die unmenschliche kapitalistische Ausbeutung, die Erwachsene und auch Kinder in 14 bis 16 stündigen Arbeitstagen ruinierte. Und dies trotz enormer Steigerung der Produktivität durch Maschinen! Zum anderen setzt Lafargue pointiert das Recht auf Faulheit gegen die Forderung des Rechts auf Arbeit, wie es in der 1848er Revolution propagiert wurde. Wenn Lafargue prononciert das Recht auf Faulheit einfordert, so ist dies mithin auch eine Reaktion auf die hymnischen Arbeitsgesänge der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Vehement kritisiert er, dass die Überhöhung der Arbeit den Arbeitern in Fleisch und Blut übergegangen sei und sich bei ihnen geradezu zu einer Arbeitssucht entwickelt habe. Einer der blumigsten Vertreter dieses Arbeitswahns war der deutsche Sozialist Josef Dietzgen, der über das in der Arbeiterbewegung propagierte „Recht auf Arbeit“ noch hinausging und die „Pflicht zur Arbeit“ forderte. (Sozialdemokratische Philosophie, S.354) In seiner „Religion der Sozialdemokratie“ verklärt er die Arbeit allen Ernstes zum „Heiland“ und „Erlöser des Menschengeschlechts.“ (Religion der Sozialdemokratie, S.195) Lafargue hält dagegen: „Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die famosen Menschenrechte zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das Recht auf Arbeit zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten.“ (S. 48)

Die Arbeiterbewegung befand sich in einem Dilemma: Auf der einen Seite machte sie Front gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen mit ihren langen Arbeitszeiten in der frühkapitalistischen Produktion. Auf der anderen Seite pochte sie darauf, dass sie mit ihrer Arbeit die Grundlagen für den gesellschaftlichen Fortschritt legte. Mit Faulheit, Bummelei und Drückebergerei hatten die Sozialisten nichts im Sinn. Auch wenn ihnen dies von den Unternehmern bei jedem Streik in polemischer Absicht unterstellt wurde. Gegen solche Vorwürfe wehrte sich die Arbeiterbewegung vehement und drehte den Spieß kurzerhand um. Die Sozialisten, so heißt es, hätten die Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben, der Müßiggang sei dagegen typisch für das Bürgertum und die Aristokraten. Und diese sind gemeint, wenn es in dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, der „Internationalen“, heißt „Die Müßiggänger schiebt beiseite!“ Lafargue dürfte klar gewesen sein, dass er mit seiner Forderung nach dem „Recht auf Faulheit“ die kapitalistische Gesellschaft nicht zum Einsturz bringen würde. Sein „Recht auf Faulheit“ ist denn auch in erster Linie ein propagandistischer Traktat und keine unmittelbare Anleitung zum politischen Handeln. Er belässt es bei seiner Forderung nach dem Drei-Stunden-Tag, verzichtet allerdings auf konkrete Strategien gegen den kapitalistischen Arbeitsirrsinn. Über Aktionsformen wie z.B. die kollektive Leistungsverweigerung (Streik) oder Leistungszurückhaltung (Dienst nach Vorschrift, Sabotage, oder auch das Krankfeiern) lässt er sich nicht aus. Dennoch war Lafargues „Recht auf Faulheit“ von herausragender Bedeutung für die Arbeiterbewegung, weil er offen propagierte und aussprach, was sonst nicht einmal gedacht werden durfte.

Faulheit als Kampfbegriff

Faulheit und Müßiggang kommen in der Suchmaschine Google insgesamt fast 800 000 Mal vor. Dabei sollten sie doch nach den herrschenden Moralvorstellungen gar nicht vorkommen. Denn in unserer emsigen Arbeitsgesellschaft gilt der Faule gemeinhin als asoziales, charakterloses und verachtungswürdiges Subjekt. Ein Urteil, das heutzutage auch gerne auf die Langzeitarbeitslosen gemünzt wird. Und dies hat eine lange Tradition. „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Dieses geflügelte Wort zieht sich seit der Bibel bis in unsere Gegenwart durch die gesamte abendländische Geschichte.

Der historische Kampf gegen Faulheit und Müßiggang war Teil eines Prozesses, in dessen Verlauf den Menschen die Tugenden der Neuzeit antrainiert wurden. Insbesondere für die Entstehung der industriekapitalistischen Gesellschaftsordnung war die Durchsetzung neuzeitlicher Arbeitstugenden, von elementarer Bedeutung. Es genügte nicht, Dampfmaschinen, Webstühle und Spinnmaschinen zu erfinden. Es war ebenso notwendig, Menschen zu „erfinden“, deren Psychostruktur der neuen Produktionsweise kompatibel war. Dass auf diesem langen Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft zigtausende Arbeiter auf der Strecke blieben, galt damals als unvermeidlicher Kollateralschaden des Fortschritts. Dieser epochale Dressurakt hatte allerdings bereits lange vor der Entstehung des Kapitalismus begonnen und war zunächst weniger von ökonomischen als vielmehr von religiösen Motiven bestimmt. Bei alledem ging es um die Kontrolle über die innere Natur des Menschen. Hierfür hat die christliche Kirche wesentliche Voraussetzungen geschaffen. Der Kampf gegen Trägheit, Faulheit und Müßiggang und die Verklärung der Arbeit zieht sich durch alle Strömungen des Christentums, ob sie nun katholisch, lutherisch oder reformiert waren.

Historisch beginnt dieser Prozess bereits im frühen Mittelalter mit dem Kampf gegen die Acedia, die Todsünde der Trägheit bei den christlichen Einsiedlern und Mönchen.(Kapitel 2) Seit dem Spätmittelalter steigt die Todsünde der Faulheit und des Müßiggangs in die Niederungen des Alltagsmenschen hinab und entwickelt sich zu einem Laster für jedermann. Ich habe in diesem Zusammenhang ca. 300 katholische und protestantische Predigten vor allem aus dem 18. bis 19. Jahrhundert ausgewertet. Dabei kam es mir darauf an, die Pfarrer und Pastoren möglichst mit Originalzitaten selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Predigten dokumentieren eindringlich, wie bereits damals Faulheit und Müßiggang zu universellen Kampfbegriffen gegen gesellschaftliche Randgruppen und alle nur denkbaren Formen abweichenden Verhaltens gedient haben. Dreh- und Angelpunkt eines christlich-tugendsamen Lebens ist die Arbeit. Von Beginn an ist sie göttlicher Auftrag und hatte im Christentum weniger eine ökonomische als eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Galt sie traditionell als Fluch und lebenslange Qual im irdischen Jammertal, so erhielt sie in der Neuzeit eine positive Bedeutung. Arbeit wurde zum Medium, über welches die gläubigen Christen den Eintritt ins Himmelreich erlangen konnten. Und dies galt in der protestantischen und katholischen Kirche gleichermaßen.

Bei einer solchen Verklärung der Arbeit ist es plausibel, dass der Gegenpart der Arbeit, der Müßiggang, als sündiges Verhalten gebrandmarkt wurde. Da er ja bekanntlich als aller Laster Anfang galt, musste er mit allen Mitteln bekämpft und verhindert werden. Und dies gelingt am ehesten, so die Pfarrer und Pastoren, wenn man sein Leben plant und ordnet. Dazu gehört nicht allein die fromme Einhaltung der christlichen Gebote, sondern ebenso eine ordentliche und disziplinierte Lebensführung. Dass man morgens nicht zu lange in den Federn liegen solle. Sieben Stunden Schlaf seien völlig ausreichend. Dass man seinen gesamten Tagesablauf nach einem festen Plan gestalten, also nach einer rigiden Zeitdisziplin vorgehen solle. Der Tagesplan verhindere, dass Zeit sinnlos verplempert und dem Müßiggang zum Fraß vorgeworfen werde. Dass die strikte Reihenfolge der Arbeiten wichtig sei. Dass man immer das Schwierigste zuerst erledigen solle. Und dass man bei der Arbeit konzentriert und systematisch und nach vorgeschriebenen Regeln vorgehen solle. All diese Alltagsvorschriften - und noch einige mehr - bildeten das Korsett, das dem gläubigen Christen Halt und Stabilität in der sündigen irdischen Welt geben sollte. Und da es pädagogisch immer wirkungsvoller ist, den Teufel - die Sünde - an die Wand zu malen, als die Tugend auszupinseln, hat die Kirche damals für jedes Abweichen vom tugendhaften Pfad eine spezielle Variante des Müßiggangs erfunden. Es ist jetzt nicht mehr pauschal von dem Müßiggang die Rede, sondern die unterschiedlichsten Typen betreten die Bühne: Der geschäftige und gelehrte Müßiggang, Schlafmützen und faule Kinder, wollüstiger Müßiggang, die Trägheit der Dienstboten und der Müßiggang der reichen Leute. (Kapitel 7)

Neben der moralischen Keule der Kirche hat seit dem 16. Jahrhundert der Kampf gegen Faulheit und Müßiggang zudem massiv handgreifliche Formen angenommen. Bettler und anderes „arbeitsscheue Gesindel“ wurden massenhaft verfolgt, vertrieben oder in Zucht- und Arbeitshäuser gesperrt. Dort wurde ihnen dann die neuzeitliche Arbeitsmoral mit Nachdruck eingebläut. (Kapitel 5)

Seit dem 19. Jahrhundert betritt die kapitalistische Ökonomie als neuer Zuchtmeister die welthistorische Bühne und treibt den Menschen wirkungsvoll die Faulheit im Maschinentakt aus. (Kapitel 8) Bei allen Gemeinsamkeiten zwischen dem Tugendkatalog der Kirche und der bürgerlichen Weltanschauung traten jedoch von Anfang an Risse in dieser Liaison auf. Den Vorkämpfern der kapitalistischen Ökonomie schmeckte es überhaupt nicht, wenn die Kirche auf den zeitraubenden christlichen Ritualen, insbesondere dem arbeitsfreien Sonntag und den vielen kirchlichen Feiertagen, beharrte. Ein weiterer grundlegender Dissens lag in der inhaltlichen Bewertung der Arbeit. Die christliche Verklärung der Arbeit und ihre religiöse Überhöhung sollten die Menschen an die Kirche binden und ihrer Kontrolle unterwerfen. Dagegen war das aufkommende kapitalistische Bürgertum schlicht an der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Gewinnmaximierung interessiert.

Gegenwärtig haben wir es mit zwei gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Auf der einen Seite gibt es trotz der boomenden Konjunktur nach wie vor mehrere Millionen Arbeitslose (2015 3,5 Mill. incl. stille Reserve) Auf der anderen Seite wird in unserer Gesellschaft der Arbeit nach wie vor der allerhöchste Wert beigemessen. Die Arbeit bestimmt den gesellschaftlichen Status eines Menschen und wer keine Arbeit hat, der ist nichts wert. Insofern werden die Arbeitslosen doppelt bestraft.

Neuerdings gibt es Gegenbewegungen zum kapitalistischen Arbeitswahn. Die zunehmende Leistungsverdichtung und Arbeitshektik werden nicht mehr vorbehaltlos hingenommen. Bei alldem geht es letztlich um die Frage, wie man ein sinnvolles und glückliches Leben führen kann, in dem fremdbestimmte Erwerbsarbeit nicht mehr den Ton angibt. Und wenn Arbeit in ihrer heutigen Form nicht mehr die universelle Bedeutung für das Leben der Menschen haben wird, dann wird auch die Geschichte der Faulheit zu ihrem Ende kommen.

Kapitel 2: Faule und fleißige Mönche

Zu faul zum Beten

Es ist zwölf Uhr mittags. Der Einsiedler Antonius sitzt in seiner Zelle und betet. Das Leben, das er führt, ist denkbar eintönig und karg. Er hat sich von jedem menschlichen Kontakt abgeschnitten, er isst und trinkt nur so viel, wie es gerade für sein Überleben nötig ist. Und was ihm besonders zu schaffen macht, ist nicht allein die Einsamkeit und sein ärmliches Leben, sondern vor allem auch die sengende Mittagshitze der Wüste. So ist es nicht verwunderlich, dass ihm sein Leben gelegentlich schier unerträglich wird und er in eine „verdrießliche Stimmung“ gerät. Da hilft ihm auch sein Glaube nicht; es droht ihm die Decke auf den Kopf zu fallen und er möchte am liebsten sein ganzes Einsiedlerdasein hinwerfen und auf- und davonlaufen.

Die Krise, in die Antonius geraten war, durchlitten viele Anachoreten. Es war gleichsam die Berufskrankheit der Wüstenmönche. Die „verdrießliche Stimmung“, von der Antonius ergriffen wurde, das ist die Acedia. Sie benennt den geschilderten psychischen Zustand des Trübsinns und der Depression, dem die Anachoreten in der Wüste häufig ausgeliefert waren. Die Acedia macht den Anachoreten unfähig zur Ausübung seines Berufs, der Gebetsarbeit. „Das Auge des Überdrüssigen starrt dauernd die Fenster an und wartet auf Besucher. „Die Tür knarrt, und jener springt auf. Er hört eine Stimme und späht aus dem Fenster“ (alle, auch die folgenden Zitate bei Bunge, 1995) „Liest der Überdrüssige, dann gähnt er viel, und leicht versinkt er in Schlaf. Er reibt sich die Augen und streckt die Hände aus, und indem er die Augen vom Buch abwendet, starrt er die Wand an.“ (S. 61) Und weiter heißt es: „Ein überdrüssiger Mönch ist saumselig zum Gebet, und bisweilen spricht er die Worte des Gebetes überhaupt nicht. Denn wie ein Kranker eine schwere Last trägt, so spricht auch der Überdrüssige nie je das Wort Gottes mit Sorgfalt. Der eine nämlich hat die Kraft des Lebens eingebüßt, bei dem anderen hingegen sind die Spannkräfte der Seele erschlafft.“ (S.63)

Welches sind die Ursachen für derartige Zerfallserscheinungen in der Spiritualität der Anachoreten? Es sind die Dämonen, die hinter diesen Angriffen stecken. Die Dämonen waren ursprünglich Engel, die sich zusammen mit Ihrem Anführer, dem Erzengel Luzifer aus Stolz gegen Gott aufgelehnt hatten. Sie waren deshalb aus den himmlischen Gefilden verstoßen worden und irren seitdem auf der Erde herum. Aus Rache versuchen sie seitdem, die Menschen zum Bösen zu verleiten. Vor allem auf die Anachoreten sind sie eifersüchtig und trachten danach, mit allen Mitteln deren Projekt eines engelsgleichen Lebens, der Vita Angelica, zu hintertreiben.

Eindrucksvoll sind diese Kämpfe in der Lebensgeschichte des heiligen Antonius beschrieben. Bereits auf seinem Weg in die Wüste setzten die Dämonen Antonius zu, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. So legten sie ihm eine Silberscheibe und dann Goldstücke auf den Weg, um seine Habgier zu wecken. Antonius durchschaute diese Manöver, ließ sich davon nicht aus seiner Ruhe zu bringen und setzte unbeirrt seinen Weg in die Wüste fort.

Einer der ersten, der sich mit dieser Dämonologie systematisch und schriftlich auseinandergesetzt hat, war Evagrius Ponticus (345-399), der wohl bedeutendste Theoretiker des östlichen Mönchtums in der damaligen Zeit. Evagrius hatte selbst mehrere Jahre als Einsiedler in der Wüste zugebracht und kannte insofern die Anfechtungen der Anachoreten durch die Dämonen aus nächster Nähe. Die Dämonen, das sind die Personifikationen der Sünden der Anachoreten. Bei Evagrius Ponticus gibt es folgende acht Hauptsünden: 1. die Völlerei bzw. Fresssucht (gastrimagia), 2. die Unzucht bzw. Wollust (luxuria), 3. die Habgier (avaritia), 4. den Zorn (ira), 5. den Hochmut (superbia), 6. die Eitelkeit bzw. Ruhmsucht (cenodoxia), 7. die Traurigkeit (tristitia), und schließlich 8. die Trägheit (acedia). Später verringert sich die Zahl auf sieben und es hat sich im Laufe der Zeit eingebürgert, von den sieben Todsünden zu sprechen.

Immer dann, wenn der Mensch in Sünde verfällt, öffnet sich damit ein Einfallstor für die Dämonen. Sie setzen an den schwachen Seiten eines Menschen an, um diese zu verstärken. (Grün, S. 24) Ob die Dämonen ihr Werk verrichten und „ihre brennenden Geschosse“ losschicken können, hängt von der spirituellen Verfassung des Einsiedlers ab. „Wenn du dich um das Gebet mühst, dann wappne dich gegen die Angriffe der Dämonen. Halte ihre Schläge standhaft aus. Sie stürzen sich wie wilde Tiere auf dich und deinen Körper.“ (Evagrius, Briefe aus der Wüste, 1986, S. 282f.) Der Schlimmste von allen ist der Mittagsdämon. Er ist ein Ungeheuer, dessen Körper aus Schuppen und Haaren besteht. Er hat nur ein Auge, und das befindet sich an der Stelle des Herzens. Er erscheint in der Mittagshitze und wälzt sich vorwärts wie eine Kugel und wer ihm ins Auge schaut, der ist des Todes. Sein Angriff auf die Wüstenmönche setzt gegen zehn Uhr morgens ein und zieht sich bis zum Nachmittag hin. Dem Wüstenmönch kommt es dann vor, als stünde die Zeit still, als habe der Tag 50 Stunden. Dauernd sieht er aus dem Fenster und tritt vor die Tür, um zu sehen, ob sich die Sonne vorwärtsbewegt hat. Verbitterung steigt in ihm auf; er beginnt seine Zelle zu hassen; sein gegenwärtiges Leben wird ihm widerwärtig und er sehnt sich zurück nach früheren Zeiten im Kreise von Freunden und Verwandten. Der Mittagsdämon, von dem bereits im Alten Testament die Rede ist, ist der personifizierte Ausdruck der Acedia.

Die Acedia, das ist die Trägheit des Eremiten, die allerdings mit unserer herkömmlichen Vorstellung von Trägheit und Faulheit noch nicht allzu viel zu tun hat. Sie manifestiert sich als Trübsinn und Depression einerseits, und als religiöse Unlust andererseits. Sie tritt auf, wenn sich der Mönch in seiner Gebetsarbeit nachlässig und säumig verhält. Wenn er zu träge wird, sich dem Störfeuer der Dämonen entgegenzustemmen. Der Anachoret gerät dann in einen Teufelskreis. Wenn er sein Gebetsprojekt vernachlässigt, also zu faul zum Beten ist, entzieht er sich selbst seinen spirituellen Boden und gerät in einen depressiven Zustand. Und wenn er einmal in solch eine trübsinnige Stimmung geraten ist, fällt es ihm schwer, seinen spirituellen Weg wiederzufinden.

Die Bemühungen des Anachoreten, die Vita Angelica zu verwirklichen, gingen in zwei Richtungen:

Die Loslösung von allem, was ihn an das Irdische binden konnte. Konkret bedeutet dies die Überwindung der verschiedenen Dämonen.

Die Hinwendung zum Göttlichen durch Gebet und Kontemplation.

Ein wichtiges Mittel, um die Angriffe der Dämonen zurückzuschlagen, waren die verschiedenen Askeseübungen. Asketisches Leben bedeutet, auf Lebensformen und -inhalte freiwillig zu verzichten, die für den „normal Sterblichen“ völlig selbstverständlich und legitim sind, wie z.B. Essen, Schlafen, Sexualität, Besitz oder Kommunikation.

Im Unterschied etwa zur Sexualaskese, die ja immer den vollkommenen Verzicht verlangt, kann die Nahrungsaskese naturgemäß immer nur partiell verwirklicht werden. Denn irgendetwas muss der Mensch schließlich essen, sonst verhungert er. Auf dem Weg hin zum engelsgleichen Dasein war der Körper mit all seinen Bedürfnissen und Trieben für die Anachoreten ein schweres Hindernis und musste im Zaum gehalten werden. Insofern ist es einleuchtend, dass sie ihren Körper wie einen Feind behandelten und mit allen nur denkbaren Askeseübungen traktierten. Über den heiligen Antonius ist zu lesen: „Sooft er vorhatte, zu essen, zu schlafen und anderen körperlichen Bedürfnissen nachzugehen, schämte er sich.“ (Athanasius, Vita, Kap. 45) Grundsätzlich galt die Devise: „Je mehr der Leib geschwächt wird, desto mehr blüht die Seele.“ (Ap Nr. 186) Der Sinn der Askese im Leben des Anachoreten bestand also darin, die Hauptsünden zu überwinden. Denn sie sind es, die sich dem Anachoreten immer wieder auf seiner Wanderschaft in den Himmel wie Klötze in den Weg legen.

Als Antonius wieder einmal von der Acedia ergriffen wurde und sich die große Depression über ihn legte, verließ er seine Zelle. Draußen sah er jemanden auf einem Holzschemel sitzen, der genauso aussah wie er. Der aufstand und betete, sich dann wieder hinsetzte und eine Arbeit verrichtete, sich darauf erneut erhob, sich wiederum hinsetzte, um weiter an seinem Seil zu flechten. Es war ein Engel, den Gott geschickt hatte und der Antonius zurief, es ebenso zu machen, zu beten und zu arbeiten. Gebet, Askese und Arbeit müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Ansonsten droht das spirituelle Projekt des Anachoreten jäh in sich zusammenzubrechen. Übertreibungen in der einen oder anderen Richtung sind von Übel.

Zu viel beten kann zu Problemen bei der Nahrungsbeschaffung des Anachoreten führen.

Wird zu viel und zu intensiv gearbeitet, gerät die Spiritualität unter die Räder der Ökonomie.

Ausufernde und extreme Askeseübungen dagegen führen möglicherweise zu bewundernswerten Höchstleistungen. So z.B. bei dem heiligen Simeon, der sich auf immer höhere Säulen stellte. (vgl. S. 203) Sie können sich aber leicht verselbständigen und ihren spirituellen Sinn aus den Augen verlieren.

Neben den kümmerlichen Formen des Broterwerbs spielte Arbeit im Leben der Anachoreten zunächst vor allem eine disziplinierende und therapeutische Rolle; Arbeit gab die Struktur, die für die Gebetsarbeit aber auch für die Askese nötig war. Die Arbeit bei den Anachoreten nimmt ein Stück weit die Regelhaftigkeit der späteren Klöster vorweg. Aber auch in den seit dem 4. Jahrhundert entstehenden Klöstern erhalten Arbeit und Arbeitsamkeit noch nicht die dramatische Zuspitzung wie z.B. im neuzeitlichen Protestantismus eines Luther oder Calvin.

Dass Arbeiten überhaupt zum Leben der Anachoreten gehörte, war keineswegs selbstverständlich. So hatte z.B. eine radikale Sekte in der damaligen Zeit, die Euchiten, die Pflicht zum immerwährenden Beten wortwörtlich genommen und jede Form von Arbeit radikal abgelehnt. Um das Essen und Trinken machten sich die Euchiten keine Sorgen, sondern vertraten einen fatalistischen Standpunkt und vertrauten ganz und gar auf Gott. „Wenn mich Gott am Leben erhalten will, dann wird er wissen, wie er es mit mir machen will. Wenn er es aber nicht will, was nützt es mir dann zu leben?“ (Ap Nr. 930)

Einen Kompromiss fand der Abbas Megethios: Er verschärfte sein Fasten und benötigte so weniger Brot. Und da er weniger zum Essen brauchte, musste er auch weniger arbeiten und hatte so mehr Zeit zum Beten. Fasten gehörte zur asketischen Grundausstattung der Anachoreten und zwar deshalb, weil das Essen bei ihnen als ein sinnlicher Genuss galt, den man meiden musste.

Körperliche Arbeit stand längst noch nicht gleichberechtigt neben dem Beten. Sie war der Gebetsarbeit untergeordnet und eine Konzession an solche Mönche, die das einsame Zellendasein nicht ohne Arbeit ertragen konnten. Doch auch dann solle man nur nebenher und ohne Betriebsamkeit gleichsam wie ein Hilfsarbeiter die Arbeit erledigen. Denn: „Die Arbeit ist für die noch geistlich Schwachen.“ (Isaac von Ninive, zit. nach F. Dodel, S. 98) Radikal kommt dieser Vorrang des Betens vor der Arbeit in folgender kleinen Geschichte zum Ausdruck: Ein Einsiedler hatte sich vollständig dem Gebet hingegeben und wurde täglich von Gott mit Brot versorgt. Als er sich einmal von einem Besucher zur Arbeit hatte verleiten lassen, stellte Gott seine täglichen Brotlieferungen ein. (zit. Dodel S.100) Die größte Heldentat des Anachoreten ist das Beten; denn „das Beten verlangt Kampf bis zum letzten Atemzug“. (Ap Nr. 91) Diese Unterordnung der Arbeit hat sich im Laufe der Zeit gemildert. Jedenfalls klagt darüber der Abbas Johannes: „Als wir in der Sketis (Wüste) waren, bildeten die Werke der Seele unsere Hauptarbeit, und die Handarbeit betrachteten wir als Nebenbeschäftigung. Nun ist das Werk der Seele zur Nebenbeschäftigung verkümmert, und die Arbeit ist zur Hauptsache geworden.“ (Ap Nr. 277)