Fegoria - In den Wäldern des Faunus - Annika Kastner - E-Book

Fegoria - In den Wäldern des Faunus E-Book

Annika Kastner

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Beschreibung

HIER ENDET UNSERE GESCHICHTE NICHT, SIE BEGINNT ERST.  »Es gibt nichts, was ich mehr begehre als meine Seelengefährtin.«  Der letzte Kampf steht bevor. Crispin braucht eins mehr als alles andere: Verbündete. Er hat Fegoria bewiesen, dass ein Bündnis mit den Alben möglich ist.  Nun liegt es an Elil, Crispins Befehl auszuführen und ihm seine Loyalität zu beweisen. Die Götter haben hingegen andere Pläne und spinnen die Fäden im Hintergrund geschickt zu ihren Gunsten. Was für eine Hexerei hält ihn auf der Insel, auf der er gestrandet ist, gefangen?  Licia ist die letzte ihrer Art - die letzte Tochter des ewigen Waldes. Der Faunus hat von ihrer Welt Besitz ergriffen. Als ist ein Monster nicht genug, strandet auch noch ein Alb auf ihrer Insel. Sie ist sich sicher, dieser Krieger führt nichts Gutes im Schilde: Wer tötet sie zuerst? 

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Fegoria

In den Wäldern des Faunus

Roman

Annika Kastner

Erstausgabe im Juni 2022

Alle Rechte liegen beim Verlag

Copyright © Juni 2022

Booklounge Verlag

August-Bebel-Str. 57

23923 Schönberg

Inhalt

Willkommen

Zitat

Fegoria - In den Wäldern des Faunus

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

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Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Elil

Licia

Playlist

Willkommen

Hal­lo, mei­ne lie­ben Le­ser. Schön, dass ihr wie­der den Weg nach Fe­go­ria ge­fun­den habt.

Dies­mal ste­hen nicht Ali­ce & Cri­spin im Vor­der­grund und doch ist die­se Ge­schich­te ein wich­ti­ger Schritt, den un­se­re Freun­de ge­hen müs­sen, da­mit Cri­spin sein Schi­cksal er­fül­len kann. Ich ha­be beim Schrei­ben nie er­war­tet, dass Elil sich so in un­ser Herz schlei­chen wird, aber er tat es. Da­her ha­be ich be­schlos­sen, ihm sei­ne eige­ne Ge­schich­te zu ge­ben. Es wird uns vor al­lem die Al­be nä­her­brin­gen. Wie sagt man so schön? Nichts ist ein­fach nur schwarz und weiß, nein, es gibt auch Grau­tö­ne. Und un­se­re Grup­pe muss ler­nen, ein­an­der zu ver­trauen, zu­sam­men zu ar­bei­ten und da­rauf hof­fen, dass die Göt­ter ih­re Plä­ne ha­ben.

Ich wid­me die­ses Buch je­dem, der Bü­cher und Fan­ta­sy so liebt wie ich.

Ich wid­me es dir, mein lie­ber Le­ser, denn oh­ne dich gä­be es die­se Welt nicht.

Mei­nem Mann Phi­lipp und mei­nem wun­der­vol­len Sohn dan­ke ich von Her­zen. Jungs, ich lie­be euch so sehr!

Und mei­nen Freun­den und mei­ner Fa­mi­lie. Dan­ke, dass es euch gibt.

Vor al­lem auch mei­nem Vater, ich wünsch­te, du könn­test noch ein­mal in die Welt von Fe­go­ria ein­tau­chen, und die Rei­se mit uns er­le­ben.

Und auch ein Dank an Sa­bri­na, für all die Jah­re, die wir nun zu­sam­men­ar­bei­ten. (Anm. v. Ver­lag – Sa­bri­na dankt dir eben­so und hat dich vol­lends ins Herz ge­schlos­sen.)

Eu­re An­ni­ka

Zitat

Dem Schi­cksal kann man nicht aus dem Weg ge­hen, wenn zwei Seelen sich tref­fen.

Zi­tat – Ver­fas­ser un­be­kannt

Fegoria - In den Wäldern des Faunus

Vielen Dank an Diana Gus!

Elil

Wie ein Dieb schlei­che ich mich im Mor­gen­grau­en da­von, noch be­vor die er­sten Vögel zum Mor­gen­lied an­set­zen oder die er­sten Wüs­ten­mäu­se ih­re Na­sen aus dem Sand schie­ben. Un­be­merkt ver­schmel­ze ich mit dem Zwie­licht, ehe die Son­ne wirk­lich auf­geht und dem Mond sei­ne Schran­ken weist, um die Schat­ten der Nacht zu ver­trei­ben. Es ist die Zeit, die ich am meis­ten mag. Die Stil­le. Die Dun­kel­heit. Die Ru­he, die sie für mei­ne auf­ge­wühl­ten Ge­dan­ken bringt. Das Wis­sen, dass hell und dun­kel ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren kön­nen. Mei­ne Schrit­te sind lei­se, kaum zu ver­neh­men, denn ich ver­ste­he mich in dem, was ich ma­che.

Es liegt mir im Blut, mich wie ein Schat­ten zu be­we­gen, ein Trug­bild in der Fins­ter­nis, und wenn ich nicht ge­se­hen wer­den möch­te, so blei­be ich un­be­merkt. Ei­ner der Grün­de, wie­so Cas­tiell stets auf mich ge­setzt hat und ich jah­re­lang sei­ne Trup­pen an­füh­ren durf­te, ehe Grimm sich be­quem­te, mei­nen Platz ein­zu­neh­men. Un­ver­dient wohl­ge­merkt, wo­für ich sei­nen Kopf noch immer in den Boden ram­men könn­te. Wäh­rend ich mir mei­nen Ruf hart er­kämp­fen muss­te und ihn mit Blut und Schweiß be­zahlt ha­be, so be­kam er mei­nen Rang vor die Fü­ße ge­legt, nur, weil er als Sohn des Königs ge­bo­ren wor­den war. All das Leid, die An­stren­gun­gen und die Schmer­zen, die ich er­dul­det ha­be, nur um mir ei­nen Na­men zu ma­chen. Und all das ha­be ich auf­ge­ge­ben, für das hier. Die­sen Ort, den ich jetzt Heimat nen­ne und der so an­ders ist als alles, was ich ken­ne – in jeg­li­cher Hin­sicht.

Ein kur­zes Ge­fühl des Be­dau­erns durch­zuckt mich, oh­ne es ver­hin­dern zu kön­nen. Ein Le­ben löscht man nicht von heu­te auf Mor­gen aus. Nein, ich bin noch nicht vol­lends an­ge­kom­men, hier, in mei­ner neu­en Heimat, mei­nem neu­en Platz und der Ver­ant­wor­tung, die er mit sich bringt. Eben­so dem Ver­trauen, wel­ches Cri­spin und Ali­ce mir zol­len. Es ist ein neu­es, ein an­de­res Le­ben. Eins, das mir noch nicht so ganz passt, aber immer mehr zu mei­nem wird. Es ge­fällt mir, wie son­der­bar es hier ist und wie an­ders ich sein kann. Ei­ne ganz an­de­re Ver­sion von mir als je­ne, die ich all die Jahr­hun­der­te ver­körpern ha­be müs­sen.

Spion, Mör­der, Krie­ger – im Lau­fe der Jahr­hun­der­te, die ich nun in Fe­go­ria ver­wei­le, hat es viele Be­zeich­nun­gen für mich ge­ge­ben. Ich hö­re sie flüs­tern, die an­de­ren We­sen, spü­re ih­re Angst und das Miss­trauen, wel­ches sie mir ent­ge­gen­brin­gen. Ich wer­de an­ders an­ge­se­hen als die El­ben, da­bei sind sie uns im Kern ähn­li­cher, als man denkt. Aller­dings ist mir gleich, was sie über mich re­den oder gar den­ken. Ich ha­be mir nie viel aus der Mei­nung der an­de­ren ge­macht. Eh­re für den Na­men der Fa­mi­lie. Loya­li­tät, An­er­ken­nung, Ruhm. Alles Din­ge, nach de­nen wir stets stre­ben, nach de­nen ich bis vor Kur­zem ge­strebt ha­be, weil ich der Mei­nung ge­we­sen bin, dass es für mich nur ei­nen Weg gibt. Gna­den­los, töd­lich, oh­ne Ge­wis­sen, so sagt man es mei­nem Volk nach und so ha­be ich mich ver­hal­ten. Wenn sie über uns re­den und die­se Wor­te wäh­len, ha­ben sie kein Un­recht. Aber ist es nicht die Welt selbst, die uns ge­nau da­zu macht? Er­fül­le ich nicht die Rol­le, die mir an­ge­dacht ist? Ha­be ich ei­ne Wahl – bis jetzt? Nein. Ich bin in die­ses Le­ben und die­se Welt hin­ein­ge­bo­ren wor­den, ha­be un­ter der Herr­schaft von Cas­tiell je­nes ge­tan, um zu über­le­ben und das Über­le­ben mei­ner Schwes­ter zu si­chern. Es ist nun mal die Art und Wei­se, wie wir le­ben.

Nie­mand hat je ge­fragt, ob wir uns nicht auch nach mehr seh­nen. Nach ei­nem Zu­hau­se, wo die Son­nen­strah­len mich durch das Fens­ter we­cken, statt auf den kal­ten Stein zu star­ren. Nicht, dass ich es zu­ge­ben wür­de, aber ich ge­nie­ße es, den war­men Wüs­ten­sand un­ter mei­nen Fü­ßen zu spü­ren und jetzt im Wüs­ten­hain die Son­ne auf­ge­hen zu se­hen. Ich mag die Hit­ze und woh­li­ge Wär­me. Und es geht nicht nur mir so. Ich se­he es mei­nem Volk an, all den Al­ben, die mir hier­her ge­folgt sind. Es wirkt so, als wür­den sie das er­ste Mal frei at­men kön­nen, denn Cas­tiells Augen wachen nicht län­ger über sie. Je­ne, die alles ris­kie­ren, weil sie mir ver­trauen und hier­her ge­folgt sind, zu ih­rem ein­sti­gen Feind. Nur mein Wort da­rauf, dass wir Will­kom­men sein wer­den. Ja, selbst ich ha­be ler­nen müs­sen, zu ver­trauen, in Ali­ce und Cri­spin, auch wenn es mir an­fangs schwer­ge­fal­len ist und ich nur mei­ne Schwes­ter vor Är­ger be­wah­ren ha­be wol­len, kann ich heu­te ei­nen El­ben mei­nen Freund schimp­fen.

Freund. El­ben­freund. Es geht mir noch nicht lo­cker von der Zun­ge. Manch­mal ir­ri­tiert es mich, aber es ist die Wahr­heit. Der Kö­nig der El­ben und Ge­mahl mei­ner Cou­si­ne ist mein Freund. Mein Ver­bün­de­ter. Cri­spin, je­ner, der seit Jahr­hun­der­ten mein Feind ge­we­sen ist. Ein ge­nau­so gro­ßer Krie­ger wie ich, auch wenn ich ihm das nie sa­gen wür­de. Wä­ren wir je ge­gen­ein­an­der an­ge­tre­ten, weiß ich nicht, wer von uns ge­siegt hät­te. So un­gern ich es mir ein­ge­ste­he, sind wir uns ähn­li­cher, als man mei­nen mag. Mein Le­ben hat sich wirk­lich von Grund auf ge­wan­delt.

Die Aben­teu­er, die ich nun er­le­be, sind an­ders als alles Vor­he­ri­ge. Cri­spins Auf­ga­ben an mich sind nicht ver­gleich­bar mit de­nen Cas­tiells. Er er­war­tet nicht, dass ich Angst und Schre­cken ver­brei­te oder Ge­walt an­wen­de, um Furcht zu schü­ren. Ich kann frei ent­schei­den, mich ein­brin­gen und da­zu bei­tra­gen, die­se neue Ord­nung auf­zu­bauen, oh­ne mit ei­ner Be­stra­fung rech­nen zu müs­sen, wenn ich an­de­rer An­sicht bin als mein Kö­nig. Ich bin nicht nur ein Zu­schau­er, son­dern kann für mein Volk das be­ste er­wir­ken. Die­ses Wis­sen ver­ur­sacht ei­ne tie­fe Be­frie­di­gung in mir und be­weist, dass es wert ist, al­tes hin­ter sich zu las­sen. Ich füh­le mich als wert­vol­ler Teil von et­was Gro­ßem und glau­be fest an Cri­spin als Kö­nig. Sei­ne Ideale sind edel­mü­tig und groß. Mit Ali­ce an sei­ner Sei­te wird er uns Frie­den brin­gen, da bin ich si­cher.

Cri­spin ist ein an­de­rer Kö­nig als Cas­tiell oder Elon. Er ist zwar meist kühl und re­ser­viert zu an­de­ren, aber nicht grau­sam. Er ver­sucht, et­was zu be­we­gen, mit allen Mittel und We­gen, auf sei­ne Art. Sein Volk ver­ehrt ihn für sei­ne Tap­fer­keit, den Mut und die Hin­ga­be, die er an den Tag legt. Den, der ei­ne Al­bin zu der sei­nen ge­macht hat, ein Zeichen ge­setzt hat, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz. Er hat je­de Re­gel Fe­go­ri­as ge­bro­chen. Für sie, ei­ne Al­bin. Er hat Blut und Schweiß ge­las­sen, das gan­ze Land durch­quert, nur um sie zurück­zu­ho­len und sein Le­ben an­schlie­ßend in die Hän­de ei­nes Al­ben ge­legt – in mei­ne Hän­de wohl­ge­merkt. Sein Wil­le ist un­er­müd­lich, eben­so sei­ne Lie­be zu ihr. Da­ran zwei­felt nie­mand mehr, nicht hier. Ich am Aller­we­nigs­ten.

Wo wir ge­ra­de bei ihr sind: Ali­ce – sie stellt ganz Fe­go­ria auf den Kopf, aber auf ei­ne gu­te Art und Wei­se, auch wenn sie immer wie­der an­eckt. Sie schenkt uns Hoff­nung, wo es kei­ne gibt, auch wenn ich mir we­nig Chan­cen auf ei­ne Seelen­ge­fähr­tin aus­ma­le, gön­ne ich es mei­nem Volk. Je­dem, dem die­ses Pri­vi­leg zu­ge­teilt sein wird. Viel zu lan­ge ha­ben sie un­ter Cas­tiells Trit­ten und Ty­ran­nei lei­den müs­sen. Dass wir ver­hasst und ge­fürch­tet sind, kann ich Fe­go­ria nicht ver­übeln. Wir sind nicht un­schul­dig an die­ser Angst. Und doch ha­ben wir stets das ge­tan, was un­ser Ober­haupt be­foh­len hat, denn ei­ne Wahl gibt es für kei­nen von uns. Nein, ich kor­ri­gie­re mich – hat es einst ge­ge­ben. Jetzt ha­ben wir sie!

Ich neh­me die ängst­li­chen Bli­cke der an­de­ren We­sen durch­aus wahr, aber sie wer­den sich an uns ge­wöh­nen und mer­ken, wie sehr wir uns be­mü­hen. Ei­nes Tages. Wir ge­ben un­ser Be­stes, na ja, wir ver­su­chen es we­nigs­tens. Man kann schließ­lich nicht über Nacht ein an­de­rer wer­den. Wir sind, wie wir sind. Aber wer de­fi­niert Gut und Bö­se? Wenn ich ehr­lich bin, wer­de ich gern ge­fürch­tet. Ich ge­nie­ße den Re­spekt, der mir ent­ge­gen­ge­bracht wird. Angst sorgt für Vor­sicht, was wie­der­um für Si­cher­heit und Kon­trol­le sorgt. Nur so ha­be ich mei­ne Fa­mi­lie all die Jah­re schüt­zen kön­nen, oder das, was noch da­von üb­rig ge­blie­ben ist.

Füh­le ich Be­dau­ern für all die To­ten, die auf den Schlacht­fel­dern durch mei­ne Hand ge­stor­ben sind? Nein. Wür­de ich es tun, wür­de es mich zer­fres­sen. Sie oder ich. Ich ha­be ge­tan, was nö­tig ge­we­sen ist, um zu über­le­ben, und mei­ne Schwes­ter zu schüt­zen. Mit die­sem Wis­sen kann ich nachts ru­hig schla­fen. Wür­de ich es wie­der so ma­chen? Auf je­den Fall, wenn ich die, die mir am Her­zen lie­gen, so schüt­zen kann.

Ich mus­te­re die Wachen im Vor­beige­hen und knei­fe ver­är­gert die Augen zu­sam­men. Ver­fluch­te Zwer­ge, ein­ge­schla­fen mit dem Trink­schlauch in der Hand. Man soll­te sie zur Stra­fe aus­peit­schen, an den Pran­ger stel­len. Sie sol­len Wa­che hal­ten, sich nicht bis zu Be­sin­nungs­lo­sig­keit be­trin­ken. Halt, schal­le ich mich selbst. Das wird hier an­ders ge­re­gelt. Trotz­dem möch­te ich ihm mei­ne Faust in den Ma­gen ram­men und auf­we­cken, weil er nicht nur sich ge­fähr­det, son­dern alle, die sich auf ihn ver­las­sen. Ge­ra­de jetzt ist es um­so wich­ti­ger, acht­sam zu sein. Cas­tiell und Grimm wer­den nicht lan­ge die Fü­ße still­hal­ten – nein, ich ken­ne bei­de bes­ser, als mir lieb ist. Sie wer­den Ra­che neh­men und Plä­ne schmie­den. Schre­ckli­che Plä­ne, in de­nen kei­ner von uns über­le­ben wird. Cas­tiells Ver­gel­tungs­schlag ist uns si­cher. Da­für, dass Cri­spin Ali­ce zurück­be­kom­men hat und vor al­lem auch Ra­che an uns, je­nen, die ihm den Rü­cken ge­kehrt ha­ben. Cas­tiell ver­zeiht nicht, es gibt kei­ne zwei­ten Chan­cen. Auch uns er­war­tet dort nur noch der Tod. Wir sind Ver­rä­ter. Die­ses Wort schmeckt bit­ter. Bin ich ein Ver­rä­ter, wenn ich mir nur das Be­ste für mein Volk er­hof­fe?

Ich ge­be ein Zeichen mit mei­ner Hand und aus dem Schat­ten löst sich ein Alb, den ich dort in wei­ser Vor­aus­sicht po­si­tio­niert ha­be. Er nickt mir zu, ver­schmilzt dann wie­der mit der Dun­kel­heit – für un­wis­sen­de Augen un­sicht­bar. Vor­sicht ist gut, Kon­trol­le ist bes­ser. Ich ha­be mei­ne ei­ge­nen Wachen auf­ge­stellt, die un­ser Zu­hau­se im Au­ge be­hal­ten. Ich leis­te still mei­nen Bei­trag zum Woh­le aller, oh­ne, dass Ali­ce und Cri­spin es er­fah­ren müs­sen. Ich er­war­te kei­nen Dank oder Lob­prei­sun­gen, mei­ne Krie­ger eben­falls nicht. Sie ver­trauen auf mei­ne Füh­rung und sind stolz auf je­nes, was sie leis­ten. Nein, wir ma­chen das, was ge­tan wer­den muss. Dies ha­be ich stets so ge­hand­habt. Ihr Volk ist nun auch mein Volk. Die­ser Ort ist un­ser Zu­hau­se, wo alle le­ben, die mir et­was be­deu­ten. Die­sen Ort gilt es, zu schüt­zen, und zwar mit allen Mitteln, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen.

Ali­ce und Cri­spin ha­ben ge­nug er­lebt, sie müs­sen Kraft sam­meln für je­nes, was vor ih­nen, ach was, vor uns liegt. Da­rum ist es jetzt an mir, die mir auf­ge­tra­ge­ne Auf­ga­be zu er­le­di­gen. Egal, ob es mir ge­fällt oder nicht, sie zu ver­las­sen. Wie wird das En­de aus­se­hen? Ich weiß es nicht. Bei den Göt­tern, wer­de ich es er­le­ben? Nun aber, hand­le ich im Auf­trag von Cri­spin, un­se­rem Kö­nig.

Ich wer­de zu der In­sel der Wolfs­men­schen rei­sen und schau­en, ob Cas­tiell be­reits dort ge­we­sen ist oder ob wir dort mehr Ver­bün­de­te fin­den wer­den, nach­dem der letz­te Pos­ten auf dem Fest­land von ihm ver­nich­tet wor­den ist. Wir sind viel zu we­ni­ge, um zu sie­gen. Cas­tiell sam­melt eben­so An­hän­ger wie wir. Alle Stäm­me der Wolfs­men­schen auf dem Fest­land sind aus­ge­löscht. All mei­ne Dra­chen­reiter ha­ben nur noch Schutt und Asche vor­ge­fun­den. Es gibt kei­ne Über­le­ben­den, aber wenn es noch wel­che ge­ben soll­te, dann wer­de ich sie dort fin­den. Die Zeit ar­bei­tet ge­gen uns und ich weiß, wie schwer Cri­spin die­se Bit­te an mich ge­fal­len ist und doch hat er da­rum ge­be­ten – sei­nen einst größ­ten Feind. Dies ist mehr Ver­trauen, als ich je­mals er­war­tet ha­be. Es er­füllt mich mit Stolz. Er weiß um mei­ne Qua­li­tä­ten. Auf Bar­arod, mei­nem Dra­chen, wer­de ich schnell sein, viel schnel­ler als je­des Pferd oder Boot. Ich hö­re sein Schnau­ben schon von Wei­tem, er wit­tert mich, als ich mich den Höh­len nä­he­re.

Mei­ne Mund­win­kel ver­zie­hen sich zu ei­nem ehr­li­chen Lä­cheln, als ich die dunk­le Fels­spal­te be­tre­te, in der er mit den an­de­ren Dra­chen ruht, ge­schützt vor der bren­nen­den Son­ne. Im Ge­gen­satz zu mir mag er es dun­kel und feucht, die Hit­ze setzt ihm eher zu. Ich blei­be im Ein­gang ste­hen, kurz da­rauf er­scheint er aus der pech­schwar­zen Dun­kel­heit. In sei­nen Augen spiegeln sich das Mond­licht und die Ster­ne, die über mir am Fir­ma­ment fun­keln, wi­der. Ma­jes­tä­tisch ragt er über mir empor. Aus ei­nem Im­puls her­aus le­ge ich mei­ne Stirn an sei­ne, nach­dem er den Kopf senkt. Sei­ne Haut ist fest wie Leder und warm. Er ist nicht nur ein Reit­tier, nein, er ist durch­aus mehr.

»Hal­lo, mein Freund, bist du be­reit für ein neu­es Aben­teu­er«, be­grü­ße ich ihn, mein Schutz­tier. So viele Jah­re sind wir schon an­ein­an­der­ge­bun­den. So viele Kämp­fe ha­ben wir aus­ge­tra­gen und Nar­ben da­von­ge­tra­gen – in­ner­lich und äu­ßer­lich. Er ist mehr als ei­ne Krea­tur an mei­ner Sei­te. Er ist ein treu­er Freund und Ge­fähr­te.

Das er­ste, was Cas­tiell ei­nem aus­treibt, sind Ge­füh­le. Da­bei ha­be ich immer mehr ge­fühlt als an­de­re Al­be, es nur bes­ser zu ver­ste­cken ge­wusst. Voll­kom­men an­ders als mei­ne Schwes­ter, die all ih­re Emp­fin­dun­gen of­fen dar­legt. Als Cas­tiell ge­merkt hat, wie ziel­stre­big und wert­voll ich für ihn bin, hat er mein Trai­ning per­sön­lich über­nom­men. Mei­ne Fa­mi­lie trägt den Na­men gro­ßer Kämp­fer. Allen vo­ran Ko­ta, Ali­ce‘ Vater. Ich stam­me aus ei­ner an­ge­se­he­nen Fa­mi­lie, mein Rang und das Pres­ti­ge brin­gen ei­ne ge­wis­se Ver­ant­wor­tung, ei­nen Ruf, dem ich ge­recht wer­den will. Es hat da ei­ne Al­bin in mei­ner Jugend ge­ge­ben, sie ist … zu sanft, viel zu sanft ge­we­sen, wenn ich heu­te an sie den­ke. Aber wir sind Freun­de ge­we­sen, wenn man es so nen­nen kann, ich ha­be sie mit durch das Trai­ning brin­gen wol­len, doch Cas­tiell hat es als Schwäche ge­deu­tet, dass ich mich für sie ein­ge­setzt ha­be. Mit­ge­fühl macht schwach. Nichts ver­ach­tet er mehr. Nein, er will sei­ne Krie­ger ge­fühl­los, kalt. Es darf uns nicht küm­mern, was mit den an­de­ren ge­schieht.

Ei­nes Mor­gens ha­be ich sie ent­haup­tet vor mei­ner Tür auf­ge­le­sen. Ich ha­be die Bot­schaft ver­stan­den. Sie ist in sei­nen Augen ent­behr­lich ge­we­sen, nichts wert. Im Reich der Al­be darf man nicht lie­ben. Man darf nichts füh­len, oder man wird von Cas­tiell ver­nich­tet. Ich bin froh, dass es an je­nem Tag nicht All­ia­ri­as Kopf ge­we­sen ist. Je­der kann ihm von Nut­zen sein oder den Platz frei­ma­chen. Un­ter sei­ner Herr­schaft gibt es täg­lich Aus­peit­schun­gen und Hin­rich­tun­gen. Auch wenn mei­ne Nar­ben ge­heilt sind, spü­re ich sie, die Peit­schen­hie­be für Un­ge­hor­sam, für Feh­ler. Ver­sa­gen darf man nicht. Er hat mich zu dem ge­macht, der ich heu­te bin. Ich ma­che kei­ne Feh­ler mehr und bin stär­ker denn je. Ich zei­ge kei­ne Ge­füh­le, bin zu dem Krie­ger ge­wor­den, den er für mich an­ge­dacht hat, nur, dass ich jetzt für die an­de­re Sei­te mein Le­ben ein­set­ze, mit Freu­den. Dies hat nie­mand vor­her­se­hen kön­nen, ich am we­nigs­ten. Ich kämp­fe nicht nur mit. Nein, ich kämp­fe für ei­nen El­ben.

Mei­ne Schwes­ter All­ia­ria ist wie Ali­ce. Ei­ne Träu­me­rin. Es ist so schwer ge­we­sen, sie all die Jah­re zu schüt­zen und zu ver­tu­schen, dass sie Kran­ke ge­pflegt oder Es­sen an je­ne, die nicht ge­nü­gend da­von ha­ben, ver­teilt hat. Sie und ihr wei­ches Herz sind die größ­te Ge­fahr für sie selbst. Das ist auch der Grund, wes­halb ich heu­te über­haupt hier ste­he. Be­reue ich es? Ab­so­lut nicht! Das Wis­sen, dass sie hier si­cher ist, lässt mich des Nachts bes­ser schla­fen. Mein Pos­ten ist mir stets zu­gu­te­ge­kom­men, um All­ia­ria zu hel­fen, sie zu schüt­zen, wenn sie wie­der zu leicht­sin­nig ge­we­sen ist. Nicht zu ver­ges­sen die Furcht, es sich mit mir zu ver­scher­zen, soll­te man ein fal­sches Wort da­rüber ver­lie­ren, was man even­tu­ell glaubt, ge­se­hen zu ha­ben. Nur so hat sie über­haupt die Stel­le als Zo­fe er­gat­tern kön­nen und ist auf Ali­ce ge­trof­fen – es ist mein Rang, mein Ein­fluss ge­we­sen.

So, ge­nug da­von, ich ha­be ei­ne Auf­ga­be, die es zu er­le­di­gen gilt und die mei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit be­nö­tigt. Ich ver­schrän­ke die Fin­ger in­ei­nan­der und las­se sie kna­cken, ehe ich die Höh­len ver­las­se. Bar­arod folgt mir ins Freie, at­met tief die küh­le Mor­gen­luft ein. Er schüt­telt sich und streckt sei­ne lan­gen mus­ku­lö­sen Glie­der von sich, ehe er mich er­war­tungs­voll an­blickt und drauf war­tet, dass ich auf­sit­ze. Ich wer­fe noch ei­nen Blick auf mein neu­es Zu­hau­se, wel­ches schla­fend vor mir liegt, und ver­ab­schie­de mich still. Mö­gen wir uns wie­der­se­hen, wenn die Göt­ter es für rich­tig er­ach­ten. Wer weiß, wo­hin mein Weg mich noch füh­ren wird …

Kaum sit­ze ich auf, brei­tet Bar­arod sei­ne lan­gen Schwin­gen aus und steigt empor in den Nach­thim­mel. Der Wind reißt an mir, wäh­rend ich mich an ihm fest­hal­te.

Ich hal­te mich oben, weit über den Wol­ken, ge­nie­ße den kal­ten Wind, der mir ins Ge­sicht weht, und schlie­ße kurz die Augen, las­se mich völ­lig in die­sem Mo­ment ge­hen. Frei. Hier oben bin ich fes­sel­los. Das Ge­fühl, alles ist rea­li­sier­bar, be­glei­tet mich schon immer. Ge­löst von sämt­li­chen Pflich­ten für ei­nen win­zi­gen Augen­blick. Ein Ge­fühl, wel­ches nicht un­mög­lich zu sein scheint, wenn ich hier oben in die un­end­li­che Ferne bli­cke. Nur ich und mei­ne Ge­dan­ken.

Als Bar­arod mich ge­fun­den und sich da­zu ent­schlos­sen hat, sich mir an­zu­schlie­ßen, ist es ei­ner der be­sten Ta­ge mei­nes lan­gen Lebens ge­we­sen. Nicht je­dem Alb ist ein Dra­che ver­gönnt. Sie wäh­len ih­re Ge­fähr­ten ge­nau aus und ich weiß die­ses Pri­vi­leg zu schät­zen. Ich le­be für das Flie­gen. Schon immer ist es mein größ­ter Traum ge­we­sen, ei­nes Tages hier oben zu sein, wo sonst nur Mond und Ster­ne in der Nacht fun­keln und die Son­ne uns wärmt. Bar­arod kennt mei­ne dun­kel­sten Ge­heim­nis­se und ist mir stets ein treu­er Ge­fähr­te. Er wür­de für mich ster­ben, das weiß ich. Wie oft ha­be ich mich ihm an­ver­traut, wohl­wis­send, dass er we­der wer­tet, noch ur­teilt. Dra­chen sind über­aus fein­füh­lig und in­tel­li­gent. Es ist mir ein Rät­sel, wie­so El­ben dies nicht er­ken­nen.

Hier oben ver­fliegt die Zeit nur so. Ich könn­te ewig weiter rei­sen, bis ans En­de der Welt. Ich len­ke Bar­arod tie­fer, bre­che mit der Abend­däm­me­rung durch die vio­let­te Wol­ken­de­cke und las­se das Land hin­ter mir. Un­ter mir er­streckt sich nur die Wei­te des Meeres.

Wir sind den gan­zen Tag ge­flo­gen, und doch strotzt er noch vor wil­der Ener­gie. Den Wüs­ten­hain, die Eis­ebe­ne, den Ne­bel­wald und auch die La­gu­nen ha­ben wir weit hin­ter uns ge­las­sen. Mit je­der Mei­le wächst aber auch die Sor­ge, was in mei­ner Ab­we­sen­heit pas­sie­ren wird. Was, wenn sie mich brau­chen und ich nicht schnell ge­nug bin? Es fällt mir schwer, mich auf an­de­re zu ver­las­sen, die Zü­gel ab­zu­ge­ben. Es kann so viel ge­sche­hen. Ich ha­be mich nie zu­vor an­de­ren We­sen so ge­öff­net wie die­sen. Leicht an­ge­spannt mus­te­re ich die Um­ge­bung. Immer wie­der über­flie­ge ich klei­ne In­seln, die un­ter mir far­ben­präch­tig im Licht der Son­ne er­strah­len.

Doch in die­sem Mo­ment er­streckt sich un­ter mir ein wei­tes, mir un­be­kann­tes Wald­ge­biet. Mit ho­hen Klip­pen und Ber­gen. Der Wald wirkt braun und trost­los, was nicht zu dem war­men Kli­ma passt, durch das ich ge­ra­de flie­ge. Es müss­te nur so strot­zen vor grü­nen kräf­ti­gen Pflan­zen. Mys­te­ri­ös. Ich durch­que­re die­se Rou­te heu­te zum er­sten Mal. Was hät­te mich auch vor­her zu der ab­ge­le­ge­nen In­sel der Wöl­fe füh­ren sol­len? Die Stil­le un­ter mir soll­te fried­lich wir­ken und doch sind all mei­ne Sin­ne plötz­lich auf Vor­sicht. Ein Ge­fühl, dass ich acht­sam sein soll­te, wel­ches mich schon oft ge­ret­tet hat. Doch ich ent­de­cke nichts, was die­ses Ge­fühl aus­ge­löst ha­ben könn­te. Alles ist ru­hig. Zu ru­hig? Kurz er­wä­ge ich ei­ne Pau­se, aber ich hö­re lie­ber auf die in­ne­re Stim­me in mir und wer­de kei­nen Fuß auf das Ei­land un­ter mir set­zen. Tat­säch­lich fra­ge ich mich ge­ra­de, wie­so ich über­haupt die­se Rou­te ge­wählt ha­be. Ich hät­te auch weiter süd­lich flie­gen kön­nen, sie wä­re so­gar schnel­ler ge­we­sen, und es war eigent­lich auch der ur­sprüng­li­che Plan. Ha­be ich mich ver­schätzt? Oder war es mein Un­ter­be­wusst­sein? Es fühlt sich an, als ha­be mich et­was hier­her ge­lenkt. Als müss­te ich ge­nau hier sein, was ich nicht ver­ste­he. Als gä­be es hier mehr als je­nes, wel­ches sich ge­ra­de zeigt. Un­will­kür­lich strei­che ich mir über mein Herz, ver­bor­gen un­ter mei­ner schwar­zen Kampf­mon­tur. Es klopft hart ge­gen mei­ne Rip­pen, als wä­re es auf­ge­regt. Et­was in mir fühlt sich ko­misch an, ich ver­mag nur nicht zu sa­gen, wo­her das Ge­fühl kommt – ein leich­tes Zie­hen in mei­ner Brust.

»Sei wach­sam«, flüs­te­re ich mei­nen Dra­chen zu, schmie­ge mich an sei­nen Rü­cken und las­se ihn dicht un­ter den Wol­ken flie­gen. Auf­merk­sam be­ob­ach­te ich den Himmel um uns he­rum, doch ich ver­mag nichts zu ent­de­cken, was die­ses Ge­fühl recht­fer­ti­gen wür­de. Ist es mein In­stinkt, der Alarm schlägt? Wir soll­ten wie­der an Hö­he ge­win­nen und von hier ver­schwin­den. Mei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit ist nach vor­ne ge­rich­tet.

Von un­ten schießt et­was aus dem Di­ckicht der In­sel her­vor und schlingt sich um die Hin­ter­bei­ne mei­nes Dra­chens. Der An­griff trifft uns un­er­war­tet. Ein Ruck geht durch Bar­arods Körper, als er plötz­lich mit­ten im Flug ge­stoppt wird und er mich fast über sei­nem Kopf glei­ten lässt. Mit Mü­he und Not klam­me­re ich mich an ihm fest, flu­che laut­hals, wäh­rend mein Herz wie wild schlägt.

Mit ei­nem lau­ten Brül­len sei­ner­seits, wer­den wir plötz­lich in die Tie­fe ge­ris­sen. Ich kann mich ge­ra­de so fest­hal­ten, um nicht hil­flos in die Tie­fe zu stür­zen. Ei­nen Auf­prall von hier wür­de ich wahr­schein­lich nicht über­le­ben. Selbst als Un­ster­bli­cher dürf­te es schwer sein, ei­nen Kopf, der bei ei­nem Auf­prall aus die­ser Hö­he si­cher plat­zen wür­de, neu ent­ste­hen zu las­sen. Und selbst wenn, an die Schmer­zen mag ich gar nicht den­ken. Mei­ne Hän­de su­chen nach Halt, doch durch den Ruck bin ich aus dem Sat­tel, direkt auf Bar­arods Hals, ka­ta­pul­tiert wor­den und dro­he immer wie­der ab­zu­rut­schen.

Was zum Hen­ker geht hier vor?

Ich ver­su­che trotz al­lem an mein Schwert zu ge­lan­gen, oh­ne ihn da­bei los­zu­las­sen, um mei­nen Dra­chen zu be­frei­en, wäh­rend Bar­arod sich wehrt und bu­ckelt, mir da­mit jeg­li­che Chan­ce nimmt, ihm zu hel­fen. Er ist eben­so ver­wirrt wie ich. Ich um­grei­fe ihn fes­ter, wäh­rend der Boden ra­send schnell nä­her­kommt. Ein un­be­kann­tes Ge­fühl der Hil­flo­sig­keit durch­zuckt mich. Ei­ne Si­tua­tion wie die­se, hat es noch nie ge­ge­ben. Was ist so mäch­tig und kraft­voll, ei­nen aus­ge­wachs­enen Dra­chen vom Himmel zu pflü­cken? Bei den Göt­tern, was ist das für ein Hexen­werk, mit dem wir es zu tun ha­ben?

So schnell wie der An­griff ge­kom­men ist, ist er wie­der vor­bei und Bar­arod wird los­ge­las­sen, kurz be­vor wir durch die Bäu­me kra­chen. Er dreht sich wild im Kreis, schlägt ver­zwei­felt mit sei­nen gro­ßen Schwin­gen und ver­sucht, sich wie­der aus­zu­ba­lan­cie­ren, doch er hat kei­ne Chan­ce … Wir segeln über die Bäu­me, Äs­te schla­gen mir ins Ge­sicht, rei­ßen mei­ne Haut auf. Das Adre­na­lin un­ter­drückt jeg­li­chen Schmerz, den ich an­sons­ten ver­spü­ren wür­de. Ich bei­ße die Zäh­ne auf­ein­an­der, schme­cke Blut in mei­nem Mund. Plötz­lich se­he ich zwei gro­ße Lia­nen auf uns zu­kom­men und weiß, wenn sie uns bei­de er­wi­schen, ha­ben wir end­gül­tig ver­lo­ren. Bar­arod ist völ­lig von Sinnen. Er agiert pa­nisch und un­be­dacht, so ken­ne ich mei­nen Freund nicht. Aber wir sind auch noch nie vom Himmel ge­pickt wor­den wie Flie­gen. Al­so hand­le ich so, wie es mir lo­gisch er­scheint, auch wenn es mir schier das Herz bricht.

Ich las­se Bar­adords Rü­cken bei der näch­sten Dre­hung los und fal­le wie ein Stein in die Tie­fe, wap­pne mich für den Schmerz, der mich gleich tref­fen wird, doch ich wer­de es über­le­ben. Nur so wer­de ich uns viel­leicht ret­ten kön­nen. Ich se­he, wie die Lia­nen ihn um­schlin­gen, hö­re sein zor­ni­ges Brül­len, ehe sie ihn weg­rei­ßen und ich ihn aus den Augen ver­lie­re. Wie ei­ne Kat­ze dre­he ich mich im Flug, lan­de in ei­nem der Bäu­me. Mei­ne Hän­de su­chen Halt, doch ich ha­be zu viel Schwung und sie rut­schen ab, Rin­de reißt mir die Haut auf. Mit vol­ler Wucht pral­le ich auf ei­nen di­cken Ast. Die Luft wird mir aus den Lun­gen ge­drückt. Ich hö­re so­gar ei­ne Rip­pe bre­chen.

Schar­fer Schmerz schießt durch mei­nen Körper, ich stöh­ne ge­pei­nigt auf, ver­su­che Halt zu fin­den, rutsch­te aller­dings mit den Ar­men ab und mein Rü­cken prallt auf dem Ast un­ter mir auf … Selbst der näch­ste Ast ist mei­ner, ehe ich an ei­nem Halt fin­de und das tro­cke­ne Laub auf mich hi­nab rie­selt, wäh­rend ich stöh­nend Luft in mei­ne Lun­gen zie­he. Mit rasen­dem Herz und schmer­zen­dem Körper klam­me­re ich mich, wie ein Kätz­chen auf dem rei­ßen­den Fluss, am letz­ten Baum­stamm fest. Ver­damm­te Schei­ße, mir rutscht so­gar ei­ne Ver­wün­schung her­aus, die ich na­tür­lich von Ali­ce ge­lernt ha­be. Trotz der Schmer­zen zie­he ich mich lei­se flu­chend auf den di­cken Ast, bei­ße die Zäh­ne fest zu­sam­men, um mei­ne Bei­ne nach­zu­zie­hen. Ich be­ste­he aus Schmer­zen, mein Körper pro­tes­tiert. Ich glau­be, es gibt ge­ra­de kein Körper­teil, wel­ches nicht von Pein ge­quält wird.

Auf dem Ast ho­ckend, muss ich mich erst ein­mal sam­meln. Lang­sam stre­cke ich mei­ne Glie­der der Rei­he nach aus, um zu ana­ly­sie­ren, wie schwer ich ver­letzt bin. Immer wie­der ver­zieht sich mein Ge­sicht un­will­kür­lich. Ich ha­be noch nicht be­grif­fen, was ge­nau uns er­wischt hat oder was ge­sche­hen ist. Al­so ver­schaf­fe ich mir ei­nen Über­blick über das wei­te Ge­biet, wel­ches sich vor mir er­streckt. Blut läuft über mei­ne Stirn, ich wi­sche es ge­dan­ken­los fort. Auch das Ste­chen in mei­ner Sei­te ver­su­che ich aus­zu­blen­den. Ge­bro­che­ne Rip­pen sind nicht neu für mich, auch wenn sie ver­dammt qual­voll sind. Es ist nicht das er­ste und wird eben­so we­nig das letz­te Mal sein, dass dies ge­schieht. Sie wer­den hei­len, das tun sie immer. Qual­voll, aber nicht töd­lich. Al­so heißt es, Zäh­ne zu­sam­men­bei­ßen und zu­se­hen, dass ich Bar­arod fin­de.

Der Wald er­streckt sich um mich he­rum, egal wo­hin ich bli­cke: dich­ter Wald, ein Ur­wald, alt, sehr alt. Rie­si­ge Bäu­me, bau­chi­ge Bü­sche und nie­mand zu se­hen. Aller­dings fehlt das üp­pi­ge Grün, denn die Bäu­me wir­ken krank, aus­ge­dörrt und mit brau­nen Blät­tern, statt ei­nem saf­ti­gen Grün. Nur we­nig far­bi­ge Trie­be ver­mag mein Au­ge zu er­spä­hen, was mich über­aus be­un­ru­higt. Nicht ein­mal Vögel ver­mei­ne ich zu hö­ren, was kein gu­tes Zeichen ist. Es liegt et­was in der Luft, et­was Be­drü­cken­des, gar Düs­te­res, was ich nicht zu­ord­nen kann und mich zur Vor­sicht mahnt. Es ver­ur­sacht mir ei­nen kal­ten Schau­der am ge­sam­ten Körper. Zur Si­cher­heit kon­trol­lie­re ich den Sitz mei­ner Waf­fen, die den Ab­sturz gut über­stan­den ha­ben.

In der Ferne hö­re ich plötz­lich Bar­arod brül­len, ehe es wie­der ge­spens­tisch still wird. Ein Ast knackt un­ter mir und ich zu­cke er­schro­cken zu­sam­men, als das Ge­räusch die Stil­le durch­bricht. Wo sind die Tie­re, die Wald­ge­räu­sche, die Vögel, die wir hät­ten auf­scheu­chen müs­sen? Wo ist all das Le­ben, wel­ches in ei­nem Wald wie die­sem herr­schen müss­te?

Ei­ne dunk­le Vor­ah­nung macht sich in mir breit. Egal, was hier vor­geht, es ist nichts Gu­tes und ich soll­te zu­se­hen, dass wir ver­schwin­den. Über die­sem Ort liegt ei­ne düs­te­re At­mo­sphä­re, et­was Bö­ses, das ich bis in mei­ne Kno­chen spü­re. Die Bäu­me, der Boden … Der Herz­schlag des Wal­des ist durch­tränkt von Furcht und Angst, wie nicht ein­mal Cas­tiell sie bei sei­nem Volk aus­üben kann. Hier haust et­was wei­taus Schlim­me­res, dem ich nicht be­geg­nen möch­te, des­sen bin ich mir si­cher.

Ich war­te ab, ver­har­re reg­los, lau­sche dem Wind, der durch die Bäu­me rauscht, doch nie­mand greift mich an. Viel­leicht ha­ben sie nur mei­nen Dra­chen ge­wollt und mich nicht mal be­merkt. Wir sind weit oben ge­we­sen, von hier un­ten wird man mich auf sei­nem Rü­cken nicht un­be­dingt ge­se­hen ha­ben. Ich las­se mich ge­schickt vom Baum fal­len, mei­ne Rip­pe pro­tes­tiert un­ter pein­vol­lem Schmerz und ich un­ter­drü­cke mit Mü­he ein Stöh­nen, als ich hart auf mei­nen Fü­ßen lan­de. Stell dich nicht so an, er­mah­ne ich mich selbst. Du hast schon deut­lich Schlim­me­res er­lebt.

Mei­ne Fü­ße ver­sin­ken im weichen Mo­rast, der mei­ne Stie­fel bis zu den Knö­cheln ein­sin­ken lässt und ein schmat­zen­des Ge­räusch ver­ur­sacht. Klei­ne Flie­gen sum­men so­fort um mei­nen Kopf he­rum, die ein­zi­gen Tie­re weit und breit. Auf die hät­te ich aller­dings ger­ne ver­zich­tet. Pla­ge­geis­ter. Auch auf dem Boden ent­de­cke ich kei­ne Spu­ren, wie man sie sonst im Moor fin­det. Re­he, Ein­hör­ner, Tim­ber­füch­se … Nein, nichts. Nur bra­cki­ges, stin­ken­des Was­ser, wel­ches in mei­ne Stie­fel ein­dringt. Ein def­ti­ger Fluch ver­lässt mei­ne Lip­pen. Ich has­se nach Aas stin­ken­des Moor­was­ser.

Ich muss hier raus, Bar­arod fin­den und zu­se­hen, dass ich von die­ser In­sel kom­me, ehe ich dem We­sen be­geg­ne, das selbst die­se ur­al­ten Bäu­me in Furcht ver­setzt. Wie die El­ben spü­ren auch wir die Ge­füh­le der Pflan­zen um uns he­rum. Ihr lei­ses Flüs­tern, das Weh­kla­gen oder die Freu­de. Nur, dass wir Al­be uns nicht so sehr da­rum sche­ren wie die El­ben – wir blen­den sol­che Din­ge eher aus. Es ist nicht wich­tig, was sie mir zu sa­gen hat. Jetzt muss ich aller­dings erst mal auf­pas­sen, dass mich das ver­fluch­te Moor nicht ver­schluckt, denn mei­ne Stie­fel ver­sin­ken immer mehr. Es wird Zeit für mich auf­zu­bre­chen, die Dun­kel­heit wird bald her­ein­bre­chen und bis es so weit ist, möch­te ich mir immer­hin ei­nen Über­blick ver­schafft oder we­nigs­tens ei­nen ei­ni­ger­ma­ßen si­che­ren Platz für die Nacht ge­fun­den ha­ben.

Der Himmel ver­färbt sich be­reits und die er­sten Ster­ne er­schei­nen am ro­sa­vio­let­ten Himmel. Be­vor die Fins­ter­keit ganz her­ein­bricht, hof­fe ich, auf Bar­arod zu tref­fen. Ich ma­che mir Sor­gen um mei­nen Freund und was mit ihm ge­sche­hen sein mag. Was ha­be ich den Göt­tern ge­tan, dass sie mich so be­stra­fen? Soll­te ich nicht in ih­rer Gunst ste­hen? Immer­hin ha­be ich ih­ren ach so wich­ti­gen Kö­nig zu sei­ner Kö­ni­gin ge­führt und mich auf sei­ne Sei­te ge­stellt. Ist das nicht ihr Wil­le ge­we­sen? Ist dies der Dank? Was er­war­ten sie denn noch von mir? Ich ha­be mein Le­ben ris­kiert, das mei­ner Schwes­ter und all der Al­ben, die mir ge­folgt sind. Trotz un­se­rer Vor­ge­schich­te ha­be ich Cri­spin als Kö­nig ak­zep­tiert – ei­nen El­ben! Ein biss­chen Wohl­wol­len wä­re nicht zu viel ver­langt, oder?

Oger­dreck, ver­hex­te Troll­pis­se. So mieft der Dreck, in dem ich ste­he und aus dem ich mei­nen Stie­fel mit ei­nem Plopp her­aus­zie­he. Wenn ihr Wohl­wol­len so aus­sieht, dann kann ich da­rauf ge­trost ver­zich­ten. Mei­ne Mund­win­kel ver­zie­hen sich zu ei­ner Gri­mas­se. Wi­der­lich. Ich bin alles an­de­re als zart be­sai­tet, aber die­ser Ge­ruch ist töd­lich … Als wür­de der Boden zu mei­nen Fü­ßen ver­we­sen.

Ich he­be den an­de­ren Fuß, und müh­sam löst er sich aus dem tee­rar­ti­gen Un­ter­grund mit ei­nem wei­te­ren eke­ler­re­gen­den Ge­räusch. Himmel, bei allen Dra­chen­reitern, so wird es Stun­den dau­ern, vor­an­zu­kom­men. Ich schaue hin­auf zu den Bäu­men. Viel­leicht könn­te ich … Nein. »Ach, ver­dammt …«, zi­sche ich und fan­ge an, mich in die Rich­tung vor­zu­ar­bei­ten, in die Bar­arod ver­schwun­den ist. Schritt für Schritt, mei­nen ge­schun­de­nen Körper ig­no­rie­rend. Ei­ne Ar­mee Mos­ki­tos ver­folgt mich im­mer­zu, denn die­se klei­nen Bies­ter sind hung­rig und an­schei­nend ge­hört mein Blut zu ih­rer Leib­spei­se. Ver­reckt doch da­ran, ihr Vie­cher!

Licia

Ich schlin­ge mei­ne dün­nen Ar­me um mei­nen aus­ge­zehr­ten schmut­zi­gen Körper. Wenn ich ehr­lich bin, weiß ich nicht so recht, was ich mit ih­nen an­fan­gen soll. Ich mus­te­re sie ei­nen Augen­blick, ehe ich seuf­ze. Mein Körper ist aus­ge­mer­gelt und er­schöpft, ein schre­ckli­cher An­blick. Mir feh­len Ge­sell­schaft, mei­ne Fa­mi­lie und Freun­de, grü­ne Wie­sen und Fel­der. Oh, und die far­ben­fro­hen Blu­men. Der Herbst, der Win­ter und, ja, der Früh­ling, wenn alles zu neu­em Le­ben er­wacht. Gu­tes Es­sen und fri­sches Was­ser nicht zu ver­ges­sen. Nährs­tof­fe. Mir fehlt so vieles, dass ich es nicht voll­stän­dig auf­zäh­len kann.

Ein Ge­fühl tie­fen Ver­lus­tes über­schwemmt mich so sehr, dass mir Trä­nen kom­men, die ich mir sonst ver­bie­te. Heiß und un­auf­halt­sam stei­gen sie mir in die Augen. Ich wa­ge es kaum, zu blin­zeln. Mei­ne Hand wan­dert wie von selbst zu der schwe­ren Ket­te um mei­nen Hals, die mich schon so lan­ge an die­sen ver­fluch­ten Ort bin­det, den ich einst ge­liebt ha­be. Kal­tes, le­blo­ses Eisen. Wie oft ha­be ich ver­sucht, die­ses zu lö­sen, doch es ist schier un­mög­lich, mei­ne ab­ge­ris­se­nen und blu­ti­gen Nä­gel sind stum­me Zeugen mei­ner ver­zwei­fel­ten Ver­su­che. Wie ein Tier hält er mich hier ge­fan­gen. Tag um Tag, Jahr um Jahr … Das Eisen liegt kühl und dick um mei­nen auf­ge­schürf­ten Hals. Wie lan­ge ich sie schon tra­ge, ver­mag ich nicht mehr zu sa­gen. Ich ha­be auf­ge­hört, die Ta­ge zu zäh­len, als aus ih­nen Wo­chen und aus Wo­chen Mona­te ge­wor­den sind. Es ist un­wich­tig. Die Hoff­nung auf Ret­tung ist mit den un­zäh­li­gen Ta­gen gänz­lich ver­schwun­den, und nun hof­fe ich nur noch auf Er­lö­sung durch den Tod … Ei­nes Tages, wenn die Göt­ter mir die Gna­de er­wei­sen. Ein Tag ver­schwimmt mit dem Näch­sten und doch wei­ge­re ich mich, da­ran zu zer­bre­chen.

Einst bin ich wie ei­ne Göt­tin ver­ehrt wor­den: In wun­der­vol­le Klei­der ge­hüllt, ha­be ich in den hei­li­gen Tempeln, von den Göt­tern selbst ge­seg­net, ge­lebt. Die Ta­ge durch­zo­gen von Licht und Son­nen­schein, er­füllt mit Lie­be und La­chen. Es sind glü­ckli­che Ta­ge ge­we­sen. We­sen aus ganz Fe­go­ria sind zu uns ge­kom­men, auf der Su­che nach Hil­fe, Ru­he und Frie­den, doch hat die Welt uns nun ver­ges­sen, mich ver­ges­sen, und aus ih­ren Er­in­ne­run­gen ge­tilgt, denn nie­mand wä­re so wahn­sin­nig, die­se In­sel über­haupt noch zu be­tre­ten. Statt ei­nes Or­tes der Hoff­nung, ist dies ei­ne Grab­stät­te ge­wor­den. Als er ge­kom­men ist, hat er das Pa­ra­dies, wel­ches es einst ge­we­sen ist, zers­tört.

Ich schlie­ße mei­ne Augen, las­se die Ma­gie durch mich hin­durch­flie­ßen und ver­gra­be mei­ne Hand in die wei­che Er­de des Bodens un­ter mir. Sie be­grüßt mich, möch­te mei­nem Wil­len fol­gen, doch kann auch sie mich nicht ret­ten. Nie­mand kann das. Tief in mir spü­re ich den Hauch des Lebens um mich he­rum, die Pflan­zen, das Was­ser … wie es un­ter mir pul­siert. Das, was üb­rig ist. Es ist ein Teil von mir, so wie ich ein Teil von ihm bin. Ich ru­fe, oh­ne dass ein Ton mei­ne Lip­pen ver­lässt, nach La­ven­del. Mein Ruf hallt durch den Boden des klei­nen Flecks der Lich­tung, auf dem ich an­ge­ket­tet bin und schon spü­re ich es. Nicht weit von mir, zwi­schen all dem Moos, be­fin­det sich das, was ich su­che. Et­was, das mir Lin­de­rung ver­schaf­fen wird. Ich le­ge den Kopf schief, schi­cke mehr mei­ner Ma­gie durch mei­ne Hän­de in den Boden und kurz da­rauf er­wacht un­ter mei­ner Hand ein klei­ner La­ven­dels­trauch. Still be­dan­ke ich mich bei der Er­de für ih­re Ga­be an mich. Mit ei­nem Lä­cheln zu­pfe ich die Blüten ab, zer­drü­cke sie leicht mit mei­nen Fin­gern und rei­be da­mit vor­sich­tig mei­nen Hals ein, um mir Lin­de­rung zu ver­schaf­fen. Seuf­zend schlie­ße ich die Augen. Was ha­ben die Göt­ter sich nur da­bei ge­dacht, die­ses Mons­ter aus ih­rem Reich zu ver­ban­nen, es uns auf­zu­las­ten? Es ist ein Fluch. Schlim­mer als das.

Aus­ge­rech­net mich hat der Fau­nus aus­er­wählt, zu über­le­ben, wäh­rend er all mei­ne Schwes­tern ge­tö­tet hat. Ich weiß, dass dies der Ort sein wird, an dem ich ei­nes Tages ver­ge­he wie sie. Manch­mal, in schwa­chen Mo­men­ten, hof­fe ich, dass die­ser Augen­blick frü­her als spä­ter ein­trifft. All die Blu­men um mich he­rum, an de­nen der Fau­nus sich zu­vor ge­labt hat, zeugen vom Ab­le­ben mei­ner Schwes­tern. Un­ser Blut für sei­ne Macht – es macht ihn un­ster­blich. Er er­hält den letz­ten Fun­ken Gött­lich­keit, der noch ihn ihm glüht. Un­se­re Ga­ben wür­den auf ihn über­tra­gen.

Die ein­zi­ge Lich­tung vol­ler Blu­men in den Wäl­dern des Fau­nus ist das To­ten­bett der Nym­phen des ewi­gen Wal­des. In un­se­ren Adern fließt pu­res Le­ben, ein Ge­schenk von Mutter Gaia. Un­ser Blut ver­mag es, je­de Krank­heit zu hei­len oder das Le­ben zu ver­län­gern. Einst ha­ben wir die­ses Ge­schenk mit Be­dacht ver­ge­ben, Trän­ke ge­braut, ha­ben Heil­pflan­zen wach­sen las­sen und in ei­ni­gen Fäl­len We­sen, wenn sie des­sen wür­dig ge­we­sen sind, ein be­son­ders lan­ges Le­ben ge­schenkt. Die­se Ent­schei­dun­gen lie­gen stets bei den Göt­tern, die uns ein Zeichen sen­den. Doch wir müs­sen in Ung­na­de ge­fal­len sein, denn die Göt­ter ha­ben uns hier­bei im Stich ge­las­sen. Die Welt hat uns ver­ges­sen und aus dem Ewi­gen Wald sind die Wäl­der des Fau­nus ge­wor­den. Mit ihm ka­men der Tod und der Zer­fall mei­ner Heimat. Wald kann man es nicht mehr nen­nen, denn dem üp­pi­gen Grün ist ein Braun ge­wi­chen. Alles stirbt. Es ver­welkt. Er saugt jeg­li­ches Le­ben in sich auf, er­götzt sich da­ran. Ich spü­re die Schreie der Pflan­zen tief in mir, ihr Leid, wel­ches sie er­fah­ren müs­sen, und ei­ne weite­re Trä­ne läuft mei­ne Wan­ge hi­nab. Ich, die letz­te Zeu­gin un­se­rer Aus­lö­schung.

Mein Blick wan­dert hin­auf zum Himmel. Die Son­ne ver­ab­schie­det sich be­reits vom Tag und die letz­ten Strah­len kit­zeln mei­ne Na­se. Sie legt ihr Abend­ge­wand an, ro­sa Schlie­ren be­de­cken das Him­mels­dach über mir. Mein Atem geht schwer und doch schaf­fe ich es, kei­ne Trä­ne mehr zu ver­gie­ßen. Ich ha­be längst zu viele an die­sem Ort ge­las­sen, der Boden ist da­mit ge­tränkt. Einst ha­be ich ge­glaubt, die Welt wür­de uns brau­chen, doch nun bin nur noch ich üb­rig. Was, wenn ich ver­ge­he? Dann wird mit mir die Ga­be der Göt­ter ver­schwin­den. Es wird nie­mand kom­men, um uns zu ret­ten. Nein, zu viele Jah­re, oh­ne Hil­fe oder gar ein Zeichen, sind ins Land ge­gan­gen.

Nach­denk­lich rei­be ich mei­ne nack­ten, mit Bles­su­ren über­sä­ten, Bei­ne mit dem La­ven­del ein, des­sen Duft mir in die Na­se steigt. Er be­ru­higt mei­ne Ner­ven. Die­ser Ort ist ver­flucht. Der Fau­nus ist das Un­heil, wel­ches über uns ge­kom­men ist. Ein al­ter Dä­mon, ein ge­fal­le­ner Gott, von sei­nes­glei­chen ver­stoßen, ei­ne Bür­de für Fe­go­ria. Nicht ein­mal die Göt­ter ha­ben ihn, die­ses ab­grund­tief bö­se We­sen, in ih­ren Hei­li­gen Hal­len ha­ben wol­len. Doch was ha­ben sie sich nur da­bei ge­dacht, ihn ein­fach zu uns zu las­sen?

Ne­ben mir, im Wald, kracht es ge­wal­tig und ich zu­cke vor Schreck zu­sam­men, als ein Dra­che – sich wild win­dend – über mir hin­weg ge­zo­gen wird. Er kämpft mit den Klau­en und Zäh­nen ge­gen die Ma­gie des Fau­nus, doch so wie ich hat selbst er kei­ne Chan­ce. Immer wie­der ver­sucht er, die Flü­gel zu span­nen, doch die Ran­ken sind un­er­bitt­lich. Vol­ler Mit­leid be­ob­ach­te ich sei­nen Un­ter­gang, bin un­fä­hig, ein­zu­grei­fen. Die Ana­kon­da­lia­nen sind gna­den­los. Sie wer­den das Opfer zum Fau­nus brin­gen und er wird sich des­sen Ener­gie und Ma­gie be­mäch­ti­gen. Sein Hun­ger ist all­ge­gen­wär­tig und mit je­dem Opfer wächst sei­ne Gier noch mehr.

Ich rap­ple mich auf, ver­fol­ge mit den Augen den Flug des Dra­chen … in der Hoff­nung, dass er es doch schafft … aber nein. Er ver­schwin­det aus mei­nem Blick­feld. Plötz­lich wird es wie­der still im Wald. So ru­hig, dass ich mein ei­ge­nes Herz, das vor Auf­re­gung noch wie wild schlägt, rasen hö­re. Ich war­te ei­nen Augen­blick, hor­che in den Wald hin­ein, doch es bleibt stumm. Was auch immer mit dem Dra­chen pas­siert ist, es bleibt mir ver­bor­gen und ich hof­fe für ihn, dass er nicht so lan­ge lei­den wird, wie ich es tue.

Al­so set­ze ich mich wie­der auf den Boden, war­te da­rauf, dass die Nacht her­ein­bricht oder mein Pei­ni­ger zurück­kommt, um mich zu quä­len. Er ist acht­sa­mer ge­wor­den. Da ich die Letz­te mei­ner Art bin, passt er stets auf, nicht zu viel an sich zu neh­men. Soll­te ich ster­be, wird auch er ver­ge­hen – frü­her oder spä­ter. Die Göt­ter ha­ben ihm die Un­ster­blich­keit ge­nom­men und nur durch mich kann er sie den­noch er­lan­gen. Auch wenn er acht­sam mit mei­nem Blut um­geht, so hat er stets Ver­gnü­gen da­ran, mich zu quä­len.

Die Son­ne sinkt immer tie­fer, die Ster­ne er­wachen und tup­fen den Himmel mit leuch­ten­den Punk­ten. Wie es wohl ist, so weit oben, den Ster­nen so na­he und flie­gen zu kön­nen? Ich rol­le mich zu ei­ner Kugel zu­sam­men, bet­te mei­nen Kopf auf den weichen Blu­men. Sie bie­gen sich mir ent­ge­gen, fan­gen mei­ne Trä­nen auf, wäh­rend ihr Duft mei­ne Sin­ne streift. Ich ver­mis­se mei­ne Schwes­tern mehr, als ich in Wor­te fas­sen könn­te. Ihr Ge­läch­ter, ihr Ge­schnat­ter … ein­fach ih­re Nä­he. Ich ha­be noch nie ei­nen Fuß von die­ser In­sel ge­setzt, nicht in all den Jah­ren mei­ner Exis­tenz. Wir sind fried­lie­bend und ge­nügs­am, nie ha­be ich mei­nen Platz hier hin­ter­fragt. Die Blu­men schmie­gen sich an mich und ver­su­chen da­mit, Trost zu spen­den, doch sie schaf­fen es nicht – die Seelen mei­ner Schwes­tern, ih­re letz­te Es­senz. Immer­hin bin ich nicht vol­lends allei­ne und ein Hauch ist mir ge­blie­ben – der letz­te Teil, der dem Fau­nus und des­sen Ma­gie trotzt. Sei­ne Ma­gie hin­dert ih­re Seelen da­ran, fort­zu­glei­ten, zurück zu un­se­rer Göt­tin. Mü­de däm­me­re ich ein, völ­lig in mei­nen Ge­dan­ken von ei­ner bes­se­ren Zeit ver­sun­ken, als ein Kna­cken mei­ne Oh­ren durch­dringt. So­fort öff­ne ich die Augen, blei­be aber re­gungs­los lie­gen und schaue mich un­auf­fäl­lig um. Da ist es wie­der: Knack! Knack! Knack! Zwei­ge bre­chen. Knack! Ein Flu­chen dringt in mei­ne Oh­ren. Lei­se, aber deut­lich zu hö­ren, er­tönt ei­ne tie­fe männ­li­che Stim­me. Sie ge­hört nicht dem Faun, den ich so sehr ver­ach­te. Knack! Die Schrit­te nä­her sich an mei­ner Lich­tung he­ran. Ich be­fürch­te kurz, dass ich be­reits träu­me. Wann hat das letz­te Mal je­mand ei­nen Fuß auf un­se­re In­sel ge­setzt? Es ein Jahr­hun­dert her, ganz be­stimmt.

Auf­ge­regt set­ze ich mich hin, mein Herz be­ginnt, ra­sant zu klop­fen. Es wum­mert so fest in mei­ner Brust, dass ich be­fürch­te, es könn­te gleich hin­aus hüp­fen. Wer ist das? Es sind nicht die Hu­fe des Faun. Sei­ne Stim­me wür­de ich so­fort er­ken­nen, eben­so sei­nen fau­li­gen Atem. Die Bäu­me flüs­tern, nicht we­ni­ger auf­ge­regt als ich, und ich lau­sche ih­nen auf­merk­sam. Ein Frem­der. Ein­dring­ling. Und ich spü­re et­was, dass ich seit Lan­gem nicht ver­spürt ha­be – Hoff­nung … wil­de, be­flü­geln­de Hoff­nung.

Glücks­ge­fühl und Angst flam­men gleich­er­ma­ßen in mir auf. Hil­flos, auf ei­nem Ser­vier­ta­blett auf ei­ner Lich­tung an­ge­ket­tet zu sein, ist nicht ge­ra­de be­ru­hi­gend, wenn man nicht weiß, was als Näch­stes pas­sie­ren wird, aber es kann nicht schlim­mer sein als alles, was ich be­reits ha­be er­dul­den müs­sen. Aller­dings gibt es durch­aus schlim­me­re We­sen als ei­nen Fau­nus. Wei­taus schlim­me­re We­sen. Wie kommt der Frem­de hier her? Wie ist das … Der Dra­che, fällt mir sie­dend heiß ein. Wer auch immer er ist, er muss mit dem Dra­chen ge­kom­men sein. Ich zäh­le eins und eins zu­sam­men, es schau­dert mich. Als mir klar wird, wer Dra­chen rei­tet, be­tritt auch schon ein hoch­ge­wachs­ener Alb mei­ne klei­ne Lich­tung und die Freu­de ver­blasst ge­schwind. Ich er­ken­ne die­ses We­sen so­fort: die hel­le Haut, das dunk­le Haar, der hoch­ge­wachs­ene schlan­ke, aber mus­ku­lö­se Körper, der in schwar­zen Klei­dern steckt. Wie­der flucht er aus­gie­big, stol­pert kurz über ei­ne vor­wit­zi­ge Wur­zel, ehe er aus dem Moor auf die Wie­se tritt, von der aus ich ihn be­ob­ach­te.