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Das Leben der Bauern im 20. Jh. wurde vor allem von zwei Weltkriegen und harten Schicksalsschlägen geprägt! Verwandte landeten entweder im Konzentrationslager oder ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld in Stalingrad. Verbotene Liebschaften und uneheliche Kinder waren zusätzlich eine große Herausforderung in der katholischen Heimat! In den 1970er-Jahren beginnt die Geschichte des Bauernjungen Walti, der mit originalen Zeitgenossen und charakterstarken Personen aufwuchs, die ihn für sein zukünftiges Leben prägten! Anhand seiner Familiengeschichte wird ein lebendiges Bild der bäuerlichen Gesellschaft des österreichischen Hausruckviertels im 20. Jh. gezeichnet. Längst vergangene Zeiten werden in dem spannenden Roman wieder zum Leben erweckt!
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2025
Walter Weinberg
Felder des Lebens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Geheimnis im Wald
Pollham und der letzte Ritter
Pollham
Sechs Schwestern
Bauernleben im Weltkrieg
Brautwerber
Jungbauern Heimsuchung
Angeschossen in Russland
Schicksalsschläge
Hartes Leben
Zweitgeborener
Volksschulzeit
Leben auf der Überholspur
Vier Geschwister
Der Autor
Impressum neobooks
WALTER WEINBERG
Felder des Lebens
Wer seine Herkunft nicht kennt, weiß nicht, wer er ist!
Copyright © 2024 Walter Weinberg.
Alle Rechte vorbehalten. E-Mail: [email protected]
Pollham ist heute ein völlig unbedeutendes Dorf, nur vier Kilometer von der Grieskirchner Stadtgrenze entfernt. Kaum zu glauben, dass dieses winzige Dörfchen im Mittelalter die mächtigste Familie Oberösterreichs, die Pollheimer, beherbergte. Dieses Adelsgeschlecht hatte das Dorf gegründet, dem sie den ursprünglichen Namen Pollheim gleich ihres Familiennamens gaben. In moderneren Zeiten wurde daraus Pollham.
Nichts ist im Pollhamer Gemeindegebiet übrig geblieben von den Pollheimer Landesfürsten, nur der Ortsname. Der Neubau der oftmals erwähnten abgebrannten Burg im Herrenholz ist das beeindruckende Renaissance-Schloss Parz, drei Kilometer von Pollham entfernt. Unglaublich hingegen erscheint den Pollhamern, dass sich die ursprüngliche Stammburg der Pollheimer auf dem Keltenhügel in Hainbuch befand, der bis vor 100 Jahren von der Pollhamer Aussichtswarte gekrönt war.
Einleuchtend wäre der Standort der Burg allemal, denn er ist die höchste Erhebung im Pollhamer sowie auch im Grieskirchner Gemeindegebiet. Die bewiesene Tatsache der verschwundenen Burg auf dem Rabenberg, dem Keltenhügel, ist auf den Informationstafeln entlang des Pollheimer Geschichtswegs, die anlässlich der Landesausstellung „Renaissance und Reformation“ im Jahr 2010 aufgestellt wurden, nachzulesen. Aber das Innehalten und Lesen einer Tafel während eines Spaziergangs am Geschichtsweg ist des gelernten Pollhamers anscheinend nicht! Man will sich keinesfalls von so einem dahergelaufenen Welser Historiker namens Walter Aspernig, der der Geschichte Pollhams auf den Grund gegangen ist, belehren lassen!
Und schon gar nicht lässt man sich von einem Pollhamer Autor (in diesem Fall bin ich gemeint) etwas erzählen, weshalb die ursprüngliche Burg der Pollheimer in Hainbuch als mein erfundenes Hirngespinst abgetan wird! Ich hätte mir demnach diese Geschichte nur ausgedacht und es wäre generell alles Blödsinn, was in meinen Büchern zu finden ist! „… Von Burgen träumt er und meint, irgendjemanden würden seine dummen Geschichten interessieren …“
Wie Jesus schon laut der Bibel aussprach: „Nirgendwo gilt ein Prophet weniger als in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner eigenen Familie!“ Nicht dass ich mich als Prophet bezeichnen würde, aber als Geschichtenerzähler allemal, in meinem Fall aber als Erzähler von bewiesenen, wahren Geschichten.
Der freundlichere Kommentar mancher Pollhamer zu meinen Büchern ist schlichtweg, ich hätte mir alles aus dem Internet herausgesucht und einfach nur abgeschrieben. Das kann bei meinen Erzählungen gar nicht der Fall sein, weil ich die dazugehörigen Artikel über die Geschichte Pollhams auf Wikipedia selbst verfasst habe, nachdem ich intensiv recherchiert hatte! Vor mir hat sich offenbar niemand für die detaillierte Geschichte des einstigen Familiensitzes der mächtigen Pollheimer und deren wichtigste Sprösslinge interessiert!
Walti begleitete seine Eltern zur Waldarbeit in den Schmiedgraben, wo sie das Brennholz zum Trocknen aufstapelten. Zum Mithelfen war der Sechsjährige noch zu klein, aber das Zusehen wurde ihm mittlerweile auch zu langweilig. Er beschloss, den Wald seines Vaters auf eigene Faust zu erkunden. Walti erklomm durch die hochgewachsenen Baumstämme einen Hügel. Von dort oben konnte er nichts sehen, weil die Waldbäume jede Aussicht verdeckten. Er lief den Hügel auf der anderen Seite hinab, um gleich den nächsten zu besteigen. In dem von Dornen übersäten Forst gab es keinen Weg, weshalb der Kleine zweimal hinfiel. Die Dornen bohrten sich sogar durch seine Hose, aber er konnte sie leicht entfernen.
Nach einigen Hügeln schien der Wald zu enden. Walti lief der Waldlichtung entgegen, wo die Sonne durch die Bäume strahlte und den dunklen Wald erhellte. Plötzlich entdeckte er das weiße Hexenhaus, das sein Vater seiner Schwester und ihm bei einem Spaziergang gezeigt hatte. Des Vaters Geschichte von einer Hexe, die in dem Häuschen wohnen würde, jagte den Kindern richtig Angst ein! Walti war überrascht, dass er das Häuschen ganz alleine wieder gefunden hatte! Es war ihm unheimlich, sich alleine in die Nähe der Hexe zu wagen. Die Sonne ließ das geheimnisvolle Haus erstrahlen, das sich an einen grünen Hügel schmiegte.
Waltis Abenteuerlust obsiegte und er beschloss, seine Furcht zu überwinden. Er wagte es, sich dem Hexenhaus vorsichtig zu nähern. Ein Holzrad war oberhalb der Haustür des Hexenhauses angebracht. Walti starrte aus sicherer Entfernung auf die Tür und überlegte, ob vielleicht eine unheimliche Gestalt aus dem Haus treten würde. Gerne wollte er die Hexe sehen, solange sie ihn nicht entdecken würde, aber er wartete vergeblich! Näher traute er sich keinesfalls an das Haus und rannte zurück zu seinen Eltern auf den Holzplatz. Zu Hause erzählte Walti stolz seiner Schwester Sabine, dass er sich ganz alleine nahe an das Hexenhaus gewagt hatte!
Am Montag hatte Walti seinen ersten Schultag! Er war schon Wochen vorher aufgeregt und freute sich, seine Freunde aus dem Kindergarten wiederzusehen. Walti machte sich zum ersten Mal zusammen mit seiner Schwester auf den Schulweg. Damals war es nicht üblich, dass Eltern ihre Kinder zum Schulstart begleiten, geschweige den Kindern eine Schultüte zu schenken.
Der Weg zur Schule in das Dorf war nicht weit, nur einen Kilometer von zu Hause. Die Mutter verließ sich ganz auf Waltis ältere Schwester, ihn wohlbehalten über die gefährliche Bezirksstraße zu führen. Die beiden saßen sogar in derselben Schulklasse, weil die erste und die zweite Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Walti fand es aufregend, endlich Lesen und Schreiben zu lernen, und war euphorisch bei der Sache!
Später war er oft vom Unterricht gelangweilt, weshalb seine Gedanken abschweiften. Dann verlor sich Walti ganz in seiner Fantasie. Am Elternsprechtag berichtete Waltis Lehrerin seiner Mutter, er wäre ein richtiger Träumer und wäre im Unterricht oft in Gedanken abwesend! Aber trotzdem würde er den Unterrichtsstoff bestens verstehen, was seine Noten auch bezeugten.
Am Samstag besuchte Walti seinen Schulfreund Pepi bei ihm zu Hause am Schwarzlehner-Hof in Aigen. Pepi erzählte Walti, der Wald in der Nähe seines Elternhauses würde „Herrenholz“ genannt. Dieser Name faszinierte Walti! Wenn dieser Wald als das Holz von Herren bezeichnet würde, wollte Walti genauer wissen, von welchen Herren es der Wald sei. Pepi berichtete, dass es in diesem Wald früher sogar eine Burg gegeben hätte und dieses Gebiet den „Pollheimern“ gehörte. Immer wenn Walti das Wort „Burg“ hörte, ging seine Fantasie mit ihm durch! Er war plötzlich dermaßen aufgeregt, dass er sofort mit Pepi zu dieser Burg ins Herrenholz aufbrechen wollte! Pepis Mutter erlaubte es und schon waren die beiden auf dem Weg ins Herrenholz.
Leider fanden die Jungs dort nichts, was auf eine Burg hinweisen würde, geschweige irgendwelche Beweise, dass dort überhaupt jemals ein Gebäude gestanden wäre! Walti war maßlos enttäuscht! Er hätte nicht nur Mauerreste, sondern sogar Münzen und Statuen erwartet! Lediglich einen extrem steilen Abhang gab es dort im Wald, auf den die beiden keinesfalls hinuntergelangen konnten. Die Buben gingen einen großen Bogen um das steile Gelände, um nach unten zu gelangen. Aber auch dort gab es rein gar nichts zu entdecken! Nicht einmal Fundamente waren zu erkennen. Dabei hatte Walti in seiner Fantasie sogar Türme und Zinnen ausgemacht! Pepi meinte, früher wurden hier im Wald tatsächlich Münzen und Steine gefunden, aber die Leute hätten alles mitgenommen und nichts übrig gelassen. Walti war sehr enttäuscht von seinem erfolglosen Abenteuer mit Pepi und marschierte traurig nach Hause!
Als Walti abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte, ging erneut seine Fantasie mit ihm durch! Er konnte an nichts anderes mehr denken als an die verschwundene Burg im Herrenholz. Wie toll wäre es gewesen, wenn er dort irgendetwas aus der Ritterzeit gefunden hätte!
Kaum war Walti eingeschlafen, fand er sich an einem unbekannten Ort wieder. Sein Traum katapultierte ihn wie durch eine Zeitmaschine direkt ins 15. Jahrhundert. Er merkte an der vertrauten Landschaft, dass er immer noch zu Hause war, aber sich vor einem völlig anderen Haus befand. Walti blickte durch die offene Tür in das Haus. Er bemerkte, dass das große Vorhaus mit seinem Kreuzgewölbe genau so aussah wie in seinem Elternhaus. Es war tatsächlich dasselbe Haus, aber ohne eine Stiege oder irgendwelche modernen Einrichtungen. Wo waren der erste Stock und sein Zimmer geblieben?
Walti trat aus dem mittelalterlichen Haus hinaus in die Natur und blickte auf den Berg, der die höchste Erhebung des Pollhamer Waldes ist. Dort oben erstrahlte im hellen Sonnenlicht überraschend eine prächtige Burg, die wie eine Krone auf dem Hügel thronte. In der Mitte überragte ein hoher Turm die Mauern und Zinnen. Walti sah am Fuße der Burg kein einziges Haus, sondern nur Bäume. Alle Nachbarhäuser in Hainbuch waren tatsächlich nicht vorhanden, weil sie damals noch nicht existierten! Hainbuch bestand nur aus der hohen Burg und Waltis Elternhaus, dem Doppler-Hof, der damals eine Miniaturversion des heutigen Hofs war. Vom Haus führte ein kleiner Weg hinauf zur Burg. Die Burgherren blicken wahrscheinlich gerade von oben auf das kleine Haus herab und entdecken ihn bald! Im Traum kamen Walti sofort die Antworten auf seine Fragen. Es waren die Grafen von Pollheim, die diese Burg bewohnten. Das war die mächtigste Familie im ganzen Land!
Der markante kegelförmige Hügel, auf dem sich im Traum die Burg befand, hatte Walti schon immer fasziniert. Sein Vater erzählte ihm, dass dort bis vor 70 Jahren ein Aussichtsturm stand. Aber der Vater erwähnte nichts von einer Burg! Der Turm aus Holz war längst eingestürzt. Nur die Löcher im betonierten Boden, in denen die Holzpfeiler befestigt waren, sah man immer noch. Im Traum sah Walti ganz klar die frühere, prächtige Burg auf dem Keltenhügel namens Rabenberg!
Walti ging den Weg zur Burg hinauf. Als er oben vor dem verschlossenen Burgtor am Rabenberg stand, erblickte er im Osten knapp einen Kilometer entfernt eine weitere, noch viel größere Burg. Sie wirkte vielmehr wie ein Märchenschloss und war im Tal errichtet worden. Das Schloss befand sich eindeutig im Herrenholz, das er mit Pepi am Nachmittag erkundet hatte. Pepi hatte also doch recht und es existierte tatsächlich eine Burg im Herrenholz!
Walti freute sich über alle Maße, im Traum die verschwundene Burg endlich zu erblicken, und machte sich sogleich auf den Weg hinab. Das Schloss im Herrenholz hatte keinen so hohen Turm wie die Burg in Hainbuch, aber dafür vier kleinere an den Ecken des lang gezogenen Gebäudes. Ein Wassergraben umzog das prächtige Schloss von allen vier Seiten. Das riesige Burgtor war nur über eine Brücke zu erreichen. Weil die Brücke durch Ketten an der Mauer neben dem Tor befestigt war, konnte Walti erkennen, dass man die Brücke hochziehen konnte. So etwas hatte er schon in Ritterfilmen gesehen. Das Burgtor war geöffnet und Walti wagte es, über die Brücke einzutreten. Er blickte in einen wunderschönen Garten mit Bäumen und bunten Blumen. In der Mitte befand sich ein steinerner Brunnen mit einer Mutter-Gottes-Statue. Von jeder Seite führte ein Weg zu diesem Brunnen. Der Garten war von Mauern begrenzt, die durch hohe, spitze Bögen und Säulen durchbrochen waren.
Walti wurde plötzlich aus dem Schlaf gerissen! Er öffnete die Augen und befand sich in seinem Zimmer. Seine Mama weckte ihn fürs Frühstück, weil er bald mit seiner Familie zur Sonntagsmesse aufbrechen musste. Seine wunderbare Reise in das Land der Burgen und Schlösser war mit einem Schlag zu Ende! Walti wäre viel lieber länger im Schloss im Herrenholz geblieben. Es war aber leider nur ein fantastischer Traum, der sowieso irgendwann mit dem Aufwachen zu Ende gegangen wäre!
Was es wirklich mit dem Hexenhaus im Wald auf sich hatte, ließ Walti keine Ruhe. Als er acht Jahre war, überredete er seine ältere Schwester Sabine, gemeinsam das verwunschene Hexenhaus zu erkunden. Die Kinder schlichen den Hügel hinunter und lauschten, ob sich irgendein altes Weib oder ein anderes Fabelwesen bemerkbar machen würde. Nachdem sie überzeugt waren, dass das Haus im Moment verlassen war, probierten sie, ob die Tür verschlossen war. Die Tür ließ sich überraschend öffnen und die Geschwister wagten das Unmögliche und betraten tatsächlich das Hexenhaus!
An den Wänden im Hexenhaus hingen unzählige Bilder von Menschen, deren Namen unter ihren Gesichtern geschrieben standen. Die Geschwister waren immer noch voller Angst in Anbetracht der Gefahr, dass die Hexe jeden Moment zurückkommen könnte! Langsam kamen Walti die modernen Menschen auf den Bildern doch eher unpassend für ein Hexenhaus vor. Ganz ohne Bilderrahmen waren sie einfach mit Klebestreifen an der Wand befestigt. Das sah so gar nicht magisch und geheimnisvoll aus wie in Märchenfilmen!
„Elvis Presley“ war auf den meisten Postern zu lesen, wie auch „Kim Wilde“ und „Nena“. Elvis war Walti bestens aus den alten Filmen, die immer Sonntag Nachmittag im Fernsehen liefen, bekannt. Es war offensichtlich überhaupt kein Hexenhaus! Vielmehr wirkte es wie eine Party-Location von Jugendlichen. Da dämmerte Walti, dass Ernst, der Sohn des Nachbarn Rabenberger, ganz in der Nähe wohnte und ein moderner Jugendlicher war, den man öfter mit seinen Freunden antraf. Es war sicher das Partyhaus von Ernst!
Es gab also gar keine Hexe im Wald! Einerseits war diese Erkenntnis eine Enttäuschung für Walti, andererseits viel ihm ein Stein vom Herzen, weil der Wald sicher war. Wieso hatte sein Vater immer von einer Hexe gesprochen? Die Angst vor dem Wald und seinem angeblichen Hexenhaus war verflogen und alle Mysterien schienen gelöst! Trotzdem erzählten Sabine und Walti ihren jüngeren Geschwistern ebenfalls vom geheimnisvollen Hexenhaus im Wald, und dass dort eine Hexe ihr Unwesen treibe. Auch die kleinen Geschwister trauten sich deshalb nie alleine in den Wald, was auch der ursprüngliche Zweck dieser erfundenen Geschichte war: Kleine Kinder sollen sich nicht im großen Pollhamer Wald verlaufen und lieber Angst davor haben!
In der Volksschule hatte Walti ein neues Schulfach, den Sachunterricht. Diese Unterrichtsstunde traf genau seinen Geschmack! Er erfuhr endlich etwas über die Geschichte seiner Heimat und wer die Herren von Pollheim waren, die diese zwei Burgen aus seinem Traum erbaut hatten!
Weil Walti noch nie eine echte Ritterburg gesehen hatte, ersuchte er seinen Vater bereits vor einem Jahr, einen Ausflug zu einer Burg zu machen. Leider wurde Waltis Wunsch nicht erfüllt! Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach seiner bestandenen Fahrradprüfung alleine mit dem Rad zur berühmten Schaunburg, die am nähesten gelegen war, zu fahren. Kaum hatte er den Fahrradschein in der Tasche, hatte Walti vor, sich auf eigene Faust auf den Weg zur Burg nahe Eferding zu machen. Weil Walti noch nicht einmal zehn Jahre war, brauchte er dafür natürlich die Erlaubnis seiner Eltern, was die größte Hürde für sein Vorhaben darstellte! Seine Mutter erlaubte es zu Waltis großer Überraschung. Den Vater musste er diesmal seltsamerweise nicht fragen, obwohl seine Mutter normalerweise darauf bestand, dass Walti auch das Einverständnis seines Vaters einholte. Wahrscheinlich war die Mutter davon überzeugt, dass es dem Neunjährigen viel zu weit wäre, tatsächlich bis zur Schaunburg zu radeln, und er nicht besonders weit kommen würde.
Walti brach fest entschlossen zu seinem Abenteuer auf, hielt aber schon nach einem Kilometer Fahrt bei seinem Freund Pepi, um ihn zu fragen, ob er mitkommen wolle zur Schaunburg. Pepis Mutter war entsetzt und erlaubte es keinesfalls! Somit machte sich Walti fest entschlossen alleine auf den Weg zur sagenumwobenen Schaunburg. Dem Sachunterrichtsbuch war eine Landkarte von Oberösterreich beigelegt, auf der er sich den Weg zur Burg heraussuchte. Walti plante seine Fahrt ausschließlich auf Bezirksstraßen, die meist stark befahren waren. Die kleinen Gemeindestraßen waren auf der Landkarte gar nicht eingezeichnet. Walti hätte sich damit allerdings viele unnötige Kilometer des Bergauftretens erspart! Aber der Junge war mit neun Jahren bereits stark und robust. Die Berge hinauf zu radeln machte ihm nicht viel aus, weil irgendwann, so wusste er mit Gewissheit, würde es auch wieder bergabgehen und er sein Rad laufen lassen können.
Das letzte Stück zu Burg war mit Abstand der steilste Abschnitt! Walti schaffte es sogar, ohne abzusteigen bis zum Eingang der Schaunburg zu radeln. Hätte er von den kleinen Straßen gewusst, hätte er gar nicht erst ins Donautal hinabfahren müssen und sich die mühsame Bergfahrt erspart!
Walti war zwar völlig verschwitzt, aber überglücklich, erstmals in seinem Leben eine Burg betreten zu können! Sechs Schillinge musste er als Eintrittsgeld bezahlen, aber das war es wert! Die Burg war zwar nur noch eine Ruine, dafür aber enorm groß. Den beeindruckend hohen Turm konnte er über eine Stiege aus Stahl erklimmen. Weil der Turm auf einer Seite eingestürzt war, stand die Stahlkonstruktion im Freien. Gott sei Dank hatte Walti keine Höhenangst! Ganz oben am Turm genoss Walti die atemberaubende Aussicht. Er erblickte, wie sich die Donau durch die Landschaft schlängelte. Auch der Landl-Dom von Eferding war gut zu sehen sowie die Berge des Donautals mit einem Turm in der Ferne. Damit erspähte Walti schon sein nächstes Ziel, musste aber erst herausfinden, welche Burg sich dort befand.
Nach seiner ausgiebigen Burgbesichtigung fuhr Walti wieder ins Donautal hinab, um anschließend nach ein paar Kilometern den Weißen Graben wieder hinaufzufahren. Wäre er von der Burg gleich über Strohheim nach Hause geradelt, wäre der Weg statt bergauf nur noch bergab verlaufen. Aber dann hätte Walti seine Belohnung nicht erhalten! Als er durch Pupping fuhr, wo der Heilige Wolfgang in der Kirche begraben ist, entdeckte Walti den Nibelungenhof. Nachdem er die Kirche mit dem Wolfganggrab besichtigt hatte, gönnte er sich im Nibelungenhof ein Eis. Weil der Neunjährige nicht besonders groß war und Kinder in dem Alter normalerweise nicht alleine unterwegs waren, fragte die Wirtin: „Wem gehörst Du denn an?“ Walti war verwirrt über die seltsame Ausdrucksweise der Gastwirtin, antwortete aber selbstbewusst: „Ich bin aus Pollham und habe mir die Schaunburg angesehen!“ „Wo ist denn Pollham?“ „Bei Grieskirchen!“ Die Wirtin war entsetzt, dass ein Kind aus dem Nachbarbezirk so weit mit dem Rad gefahren war!
Als Walti nach seinem erfolgreichen Abenteuer nach Hause zurückkehrte, wurde es bereits dunkel. Seine Eltern hatten sich überhaupt keine Sorgen gemacht, weil sie dachten, Walti wäre bei Pepi geblieben. Waltis Mutter konnte es kaum glauben, als Walti von seinem Abenteuer auf der Schaunburg erzählte!
Wie hat das Leben in Pollham vor fast 600 Jahren während des Mittelalters ausgesehen? Das Schloss im Herrenholz stellte tatsächlich den Mittelpunkt des oberösterreichischen Hochadels dar, weil die Pollheimer das gesamte Bundesland regierten. Ich habe mich daher auf die intensive Suche nach der historischen Bedeutung meiner Heimat Pollham gemacht:
1459, im zwanzigsten Jahr der Herrschaft von Kaiser Friedrichs des III. wurde in ganz Österreich groß gefeiert. Dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war ein Erbe geboren worden! Auch die Pollheimer luden zu drei Tage langen Festlichkeiten anlässlich der Geburt des Thronfolgers Maximilian in ihr Schloss im Herrenholz in Aigen. Die leibeigenen Bauern der Grafen von Pollheim hatten größte Mühe, für das Fest genügend Lebensmittel heranzuschaffen. Diesmal mussten sie unmäßig viel von ihren Vorräten an die Herrschaft Pollheim abliefern. Die Sorge der Bauern, ob noch genügend Nahrungsmittel für ihre eigenen Familien übrig bleiben, war groß! Das Gesetz bestimmte, Bauern hätten nur ihren Zehent, demnach ein Zehntel ihrer Ernte an die Landbesitzer abzuliefern, aber für das Fest verlangten die Grafen mehr als die Hälfte!
Der Bauer des Schwarzlehner-Hofs, der dem Schloss am nächsten gelegen war, musste die Hälfte seiner Tiere schlachten, damit die vielen geladenen Gäste verköstigt werden konnten. Der viel weiter entfernte Doppler-Hof konnte seine Tiere vor der Schlachtung bewahren, weil der Transport den Berg hinauf und wieder hinab zum Schloss im Herrenholz zu aufwendig gewesen wäre. Dafür musste der Doppler-Bauer seinen gesamten Obstbestand, Schnaps, Gemüse sowie die Hälfte seines Getreides für das Brotbacken in das Schloss der Pollheimer liefern. Die noblen Grafen kümmerten sich wenig um die Bedürfnisse ihrer leibeigenen Bauern, die mehr Sklaven als freie Menschen waren!
Die alte Burg am höchsten Berg des Pollhamer Waldes, an dessen Fuß sich der Doppler-Hof befand, taugte nicht mehr für noble Feste. Auch als Wohnstätte für die Grafen war der hohe Turm der Burg zu unbequem und kalt. Aber die Soldaten der Pollheimer mussten nach wie vor mit der alten Burg als Behausung zufrieden sein! Um die Jahrtausendwende wurde die Burg auf dem Rabenberg, dem kegelförmigen Keltenhügel in Hainbuch, errichtet und war Jahrhunderte lang der Stammsitz der Pollheimer.
Alles, was Rang und Namen hatte im Erzherzogtum Ob der Enns wie Oberösterreich damals hieß, fand sich zum Fest anlässlich der Geburt des Kaisersohnes im Schloss Pollheim ein. Alle riefen dreimal: „Maximilian lebe hoch!“, als sie mit köstlichstem Wein auf den Kronprinzen Maximilian anstießen. Aber vor allem wollten sich die Gäste an der reichhaltigen Tafel laben, und das gleich mehrere Tage lang!
Schon lange gedieh kein Wein mehr auf dem nahe gelegenen Weinberg der Pollheimer. Bis vor einem Jahrhundert wurden wegen des milden Klimas rote Trauben am Weinberg in Hainbuch geerntet. Der Wein reifte anschließend im großen Keller des Doppler-Hofs, um wegen seiner hohen Qualität im ganzen Land Ob der Enns genossen zu werden. Jetzt musste der Wein aus der Wachau für die Feste der Grafen von Pollheim geliefert werden. Das Klima wurde zunehmend rauer, nicht nur was die Temperaturen anbelangte, die den Winter immer länger werden ließen. Auch das politische Klima war im Heiligen Römischen Reich äußerst angespannt, seit die Kaiserkrone von den herrschenden Luxemburgern in Prag nach Wiener Neustadt auf den neuen Kaiser des Hauses Habsburg überging.
Die Kaiser wurden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gewählt. Die Kurfürsten waren keineswegs zufrieden mit der Regentschaft Kaiser Sigismunds von Luxemburg, der von der Prager Burg aus regierte. Um einen politischen Wandel herbeizuführen, wählten die Fürsten als Nachfolger des Luxemburgers zum ersten Mal nach 200 Jahren einen Habsburger zum König und seinen Erben zum ersten Kaiser des Hauses Österreich: Friedrich den III., Vater des neugeborenen Maximilians! Einige deutsche Fürsten wollten selbst an die Macht kommen und lauerten nur darauf, den nun herrschenden Habsburgern die Kaiserkrone wieder zu entreißen. Sie warteten auf eine passende Gelegenheit, den Österreichischen Erblanden wie Österreich damals hieß, den Krieg zu erklären. Auf solch kriegerische Weise sind die Habsburger schließlich selbst an die Macht gekommen: 200 Jahre zuvor erklärte der gewählte Deutsche König Rudolf von Habsburg aus der Schweiz dem König von Böhmen und Österreich, Ottokar Premysl, den Krieg. Rudolf hatte nicht vergessen, dass König und Kurfürst Ottokar ihn keinesfalls zum Deutschen König wählen wollte. Die beiden waren Erzfeinde, weshalb Rudolf beschloss, ihm sein Königreich kriegerisch zu entreißen! Er tötete Ottokar eigenhändig und begründete die Herrschaft der Habsburger in Österreich und Böhmen.
Erst die Habsburger brachten die Österreichischen Erblande durch gerechte Politik und wirtschaftliche Freiheit ihrer Untertanen zur Blüte. Vielleicht war der aktuelle Kaiser Friedrich der III. deshalb weitgehend mittellos, weil er sein Volk nicht durch überhöhte Steuern ausbeuten wollte. Das größte Problem des Kaisers in seiner Hauptstadt Wiener Neustadt waren allerdings die kriegerischen Ungarn, die die Erblande ständig überfielen und in Angst und Schrecken versetzten. Aus prekärer Geldnot musste Kaiser Friedrich dem ungarischen König Matthias Corvinus die in Wien verwahrte Heilige Stephanskrone für 80.000 Goldforint verkaufen! Kaum hatte der Ungar die Krone auf seinem Haupt, eroberte er einige östliche Gebiete Österreichs. Der ungarische König hatte es sogar gewagt, sich für fünf Jahre in der Wiener Burg, die von der ausgestorbenen Babenberger-Dynastie erbaut wurde, niederzulassen!
Vor allem aus Gründen seiner Mittellosigkeit und der Sicherheit Österreichs schmiedete Kaiser Friedrich Pläne, kaum war sein Erbe Maximilian geboren, ihn politisch möglichst vorteilhaft zu verheiraten. Wegen seiner finanziellen Not schielte der Kaiser auf eines der reichsten Länder Europas: Burgund, das die heutigen Länder Holland und Belgien sowie Teile Frankreichs umfasste. Der herrschende Herzog Karl der Kühne hatte nur eine Tochter namens Maria. Demnach war Burgund für Österreich zu haben, falls eine eheliche Verbindung der Kinder durch Verträge und Zugeständnisse zustande käme.
Zufällig stellte der Herzog von Burgund schon vor Jahren die Bitte an Kaiser Friedrich, für sein Land Burgund die Königswürde zu erlangen. Der Kaiser stellte dies in Aussicht, sollte es tatsächlich zu einer Vermählung der Nachkommen beider Häuser kommen! Das mächtige Frankreich hatte aber ebenfalls ein Auge auf das reiche Burgund geworfen und wollte sich das Herzogtum selbst einverleiben! Der französische König hatte ebenfalls einen Kronprinzen im passenden Alter für die kleine Burgunderin Maria. Das Rennen um Burgund war völlig offen, weil Frankreich zur Drohung seine Armee an den Grenzen Burgunds aufmarschieren ließ! Für Kaiser Friedrich ging es allerdings um sein politisches Überleben, das seiner Familie und von ganz Österreich!
Damit der kleine Kronprinz Maximilian als Heiratskandidat für Burgund überhaupt infrage kam, musste er bestens erzogen werden. Kaiser Friedrich wollte für seinen Sohn nur den allerbesten Umgang. Mangels Brüder suchte der Kaiser nach adeligen und vor allem gleichaltrigen Spiel- und Schulkameraden für Maximilian. Des Kaisers zuerst geborenen zwei Söhne verstarben bereits im Kleinkindalter und es ziemte sich nicht, einen zukünftigen Herrscher nur mit seinen zwei Schwestern aufwachsen zu lassen!
Die Söhne der einflussreichsten Familien der Österreichischen Erblande wurden an den bescheidenen Hof in Wiener Neustadt gerufen. Dabei durfte der Sohn des Regenten des Erzherzogtums Ob der Enns (Oberösterreich) keinesfalls fehlen. Deshalb wurde Martin, der Sohn des Landesregenten Reinprecht von Pollheim, von seinen Eltern in die Hofburg nach Wiener Neustadt gebracht. Dort erwartete ihn zwar ein karges Leben fernab jeglichen Komforts, aber dafür die beste Erziehung und Bildung. Maximilians Mutter, die Kaiserin und portugiesische Königstochter, litt sehr am ärmlichen Kaiserhof aufgrund des fehlenden Luxus in der kalten, schmucklosen Hofburg. Am Königshof in Portugal hatte es ihr an nichts gemangelt. Sie war es nicht gewöhnt, in Österreich auf kostbare Annehmlichkeiten zu verzichten, mit denen sie aufgewachsen war. Maximilian hatte Glück, eine Mutter aus Südeuropa zu haben, die ihm sowohl Portugiesisch als auch Spanisch beibrachte und ihn weltoffen erzog. Dadurch kam auch der kleine Martin von Pollheim in den Genuss einer hervorragenden internationalen Erziehung und Bildung! Es dauerte nicht lange und Martin schloss Freundschaft mit dem kindlichen Erzherzog Maximilian. Sie wurden sogar beste Freunde und waren kaum voneinander zu trennen! Die gleichaltrigen Buben machten alles gemeinsam, erlernten zusammen das Reiten und Bogenschießen sowie den Schwertkampf. Auch beim Studieren saßen sie nebeneinander im Studiensaal mit den anderen adeligen Sprösslingen. Maximilian und Martin stritten nie und waren fast immer einer Meinung. Man hätte fast denken können, sie wären Zwillinge, obwohl sie sich nicht ähnlich sahen! Maximilian und Martin hatten eine glückliche Kindheit. Die Jahre des Aufwachsens vergingen allerdings wie im Flug.
Die Pubertät schweißte die Jungs noch mehr zusammen und sie jagten gemeinsam nicht nur Hirschen im Wald hinterher. Auch manch pralle Wirtstochter gefiel den beiden Jungspunden, aber einstweilen blieb alles noch harmlos und mehr beim Betrachten der weiblichen Rundungen. Damals wurden Pubertierende nicht aufgeklärt, aber langsam wurde den beiden von selbst klar, warum Männer Frauen den Hof machten!
Dem Kaiser blieb nicht verborgen, dass sein Sohn Maximilian zum Mann heranreifte und schon bald das heiratsfähige Alter erreichen würde. Friedrich der III. wollte keine Zeit mehr verlieren und den möglichen Bund mit Burgund möglichst bald in die Realität umsetzen. Zu groß war seine Sorge, dass ihm Frankreich doch noch einen Strich durch die Rechnung machen könnte und damit das Haus Habsburg in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde. Die Tochter des stolzen Herzogs Karl des Kühnen war die reichste Erbin Europas! Es galt das reiche Burgundererbe unbedingt für Österreich zu sichern! Damit wäre mit einem Schlag die Armut der Habsburger beendet. Ob sich die jungen Leute, deren Heirat lange zuvor geplant wurde, überhaupt verstehen würden, tat nichts zur Sache!
Die wahrscheinliche Verbindung von Burgund und Österreich war Grund genug für Frankreich, alle politischen und kriegerischen Hebel in Bewegung zu setzen. Der französische König wollte diese Hochzeit unter allen Umständen verhindern, um die wohlhabende Erbin mit dem Dauphin Frankreichs vermählen zu können. Weil Burgund zu keinen Verhandlungen mit Frankreich bereit war, versuchte Frankreich, Burgund durch einen kriegerischen Angriff gefügig zu machen und die reiche Erbin als Friedensangebot zur Königin Frankreichs zu machen. Damit hätte allerdings das souveräne Burgund aufgehört zu existieren und wäre zur französischen Provinz geworden. Der Kaiser hingegen wollte Burgund als Herzogtum erhalten und seinen Sohn als Garant für Burgunds Unabhängigkeit als Herzog neben Maria positionieren. Hauptsache Teile des Reichtums des geschäftstüchtigen Herzogtums würden Österreich zugutekommen!
Kaiser Friedrich wollte allerdings dem Burgunderherzog keinesfalls die Königswürde verleihen, weshalb der Herzog der Vermählung der Kinder noch nicht endgültig zugestimmt hatte. Aber wegen des kriegerischen Überfalls Frankreichs benötigte Burgund dringend österreichische Soldaten zu seiner Verteidigung und musste schließlich auf die Königswürde verzichten und der Vermählung Marias mit Maximilian zustimmen. Die Franzosen hatten mit ihrer Aggression genau das Gegenteil bewirkt und Burgund erst recht in die Arme Österreichs getrieben!
Die Franzosen hatten nur noch eine Chance, sich die reiche Burgunderin zu holen. Der König von Frankreich wollte Maximilian spätestens auf seiner Hochzeitsfahrt von Wiener Neustadt nach Burgund ermorden lassen! Es gab bereits einen vereitelten Mordversuch während einer Jagd in Maximilians Heimat. Französische Söldner wagten es tatsächlich, nahe der Wiener Neustädter Burg einen Anschlag auf Maximilian zu verüben. Der abgeschossene Pfeil traf den Baumstamm direkt neben Maximilians Kopf! Friedrich der III. war dadurch höchst alarmiert. Der Junge lebte gefährlich und musste ab sofort rund um die Uhr beschützt werden! Der Kaiser stellte ein ganzes Heer bereit, das seinen Sohn sicher nach Burgund begleiten sollte. Friedrich setzte dabei vor allem auf Maximilians besten Freund Martin von Pollheim, der den Erzherzog mit seinem eigenen Leben verteidigen sollte. Martin war sich seiner Pflicht bewusst und hätte tatsächlich sein Leben für seinen brüderlich geliebten Freund gegeben, falls es nötig gewesen wäre. Martin wich ab sofort nicht mehr von Maximilians Seite!
Um die höchste Sicherheit während der Reise für die Hochzeitsunternehmung zu garantieren, dauerte die Reise nach Burgund ganze vier Monate! Dabei gab es viele Saufgelage, bei denen sich Maximilian mit seinem besten Freund Martin endlich frei von den Zwängen des Neustädter Hofs vergnügen konnte. Wegen der andauernden Angriffe der Ungarn war Maximilian in seinem bisherigen Leben noch nie weit vom Neustädter Hof weggekommen und war der ständigen Beobachtung der Höflinge seines Vaters ausgesetzt. Maximilian musste schon in seiner Kindheit permanent bewacht werden, damit er von den Ungarn nicht entführt werden konnte!
Die lange Reise nach Burgund war vielmehr eine viermonatige Jungessellenparty, und das jeden einzelnen Abend! Martin hatte mitunter große Mühe, Maximilian vor zu viel Leichtsinn zu bewahren, denn im betrunkenen Zustand gefielen dem Erzherzog die Mädchen eindeutig zu gut! Je weiter die kaiserliche Hochzeitsarmee in die Nähe Frankreichs reiste, desto größer war die Gefahr, dass ein weiteres Attentat auf den zukünftigen Bräutigam verübt werden könnte. Frankreich versuchte nach wie vor mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Reichtum Burgunds an Österreich fallen würde, und lauerte nur auf eine passende Gelegenheit für eine Entführung oder einen Mordanschlag. In einer Gaststätte in Köln stürmte tatsächlich ein Attentäter mit einem Messer auf Maximilian zu, den sein bester Freund Martin gerade noch abwehren konnte!
Zum Glück erreichte die österreichische Reisegesellschaft bereits am nächsten Tag Burgund und der Hochzeit stand nichts mehr im Wege. Jetzt hätte es nur noch ein Hindernis geben können: dass die Brautleute eventuell keinen Gefallen aneinander fänden, aber das spielte zu der Zeit eigentlich keine Rolle! Maximilian war pflichtbewusst genug und hätte es nicht gewagt, seinen mittellosen Vater zu enttäuschen und die Zukunft seiner Familie zu gefährden. Aber wie würde die junge Maria von Burgund auf den Habsburger Maximilian reagieren, der eine auffällig große Nase hatte?
Maria ritt mit ihrem Gefolge den Österreichern entgegen, um Maximilian auf offenem Feld zu empfangen. Dadurch konnte sie gemeinsam mit ihrem zukünftigen Gemahl in die Hauptstadt Gent einziehen und damit das Volk für ihre bevorstehende Vermählung begeistern. Als sich die jungen Brautleute zum ersten Mal sahen, war es um Maximilian geschehen! Er war fasziniert von Marias Schönheit und ihrem überaus freundlichen Empfang! Auch Maria war von Maximilians stattlicher Erscheinung hoch zu Ross beeindruckt und war überglücklich, keinen dicken oder hässlichen Trunkenbold heiraten zu müssen! Am Abend beim Festbankett für Maximilian verstanden sich die beiden bereits derart gut, dass sie sich beide sehr auf die Hochzeit zwei Tage später freuten. Maximilian konnte vor allem die Hochzeitsnacht mit der anmutigen Maria kaum mehr erwarten! Ihm war natürlich bewusst, dass Maria noch Jungfrau war und er dementsprechend sensibel sein musste, im Gegensatz zu den leichten Mädchen, die er sonst gerne beglückte!
Der große Tag der Vereinigung von Österreich mit Burgund beziehungsweise von Maria und Maximilian war gekommen. Martin von Pollheim geleitete seinen Freund Maximilian in Vertretung des abwesenden Vaters Kaiser Friedrich des III. zum Altar und bezeugte die Vermählung. Maria wurde von ihrem Onkel zum Altar geführt, weil ihr Vater im Jahr zuvor verstorben war. Das Ehebündnis des erst 18-jährigen Maximilians mit der 19-jährigen Maria war jetzt vor Gott und der Welt besiegelt! Maximilian war dennoch längst nicht außer Gefahr, was die Anschlagspläne Frankreichs betraf, denn die Franzosen konnten nach wie vor versuchen, das Ehebündnis durch Maximilians Tod zu lösen. Der Bund mit Österreich wäre dadurch hinfällig geworden. Solange das junge Paar die Ehe nicht vollzogen hatte und als Beweis kein Erbe hervorging, hätte der Papst die Ehe sogar annullieren können. Das Wichtigste für das junge Paar war, so schnell als möglich einen Erben zu zeugen, was Maximilian keinesfalls schwerfiel!
Aber zuerst wurde richtig gefeiert bis tief in die Nacht. Bereits die Trauung in der Kathedrale von Gent war überaus aufwendig gestaltet. Als sich die jungen Brautleute anschließend auf dem Balkon des Schlosses ihren Untertanen zeigten, jubelte die gesamte Bevölkerung von Gent! Das Festbankett war ebenfalls üppig und ließ keine Wünsche offen. Solchen Luxus kannte Maximilian von Wiener Neustadt nicht! Es gab beste Burgunderweine aus den französischen Besitzungen und feinste Früchte zu den denkbar besten Speisen. Die freudigen Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten ganze drei Tage! Es fanden Ritterturniere und Theateraufführungen statt, denen das ganze Volk beiwohnen durfte. Anlässlich der Hochzeit reiste auch Martins Vetter Wolfgang von Pollheim nach Burgund und wurde von Maximilian gebeten, als zusätzliche Unterstützung in Burgund zu verbleiben.
Die Festlichkeiten ließen Maria den fürchterlichen Tod ihres Vaters im Vorjahr endlich vergessen. Nach einem ausgedehnten Jagdausflug in die burgundischen Besitzungen in Frankreich war Marias Vater verschollen. Nach tagelanger Suche nach Karl dem Kühnen, Herzog von Burgund, fand man seine grausam verstümmelte Leiche in einem Wald. Es war kein Gesicht mehr vorhanden, weshalb man ihn nur anhand seiner Jagdkleidung identifizieren konnte. Wildschweine dürften das Gesicht des stolzen Herzogs sowie seine Extremitäten aufgefressen haben! Die Reste seines Leichnams wurden schließlich in Gent bestattet. Tochter Maria, die neue Herzogin, trauerte bis zur Hochzeit mit Maximilian über ihren tragischen Verlust!
Durch die Hochzeit mit Maria war Maximilian der neue Herzog von Burgund neben seiner Gemahlin. Die Stände des Herzogtums mussten ihm im Zuge der Feierlichkeiten ihre Treue schwören, und das machten nicht alle mit aufrechter Gesinnung! Einige adelige Untertanen waren immer noch auf der Seite Frankreichs und wurden vom französischen König bezahlt, Maximilian das Leben möglichst schwer zu machen und ihn zu boykottieren.
Maximilian reiste nach den Feierlichkeiten mit seiner Gemahlin Maria nach Innsbruck auf Hochzeitsreise. In der Innsbrucker Burg wurden die Hochzeitsfeiern mit aufwendigen Turnieren fortgesetzt. Das Paar verbrachte eine glückliche Zeit in Tirol mit ausgiebigen Feiern.
Nach einigen Wochen ungetrübten Glücks kehrte das burgundische Herzogspaar nach Gent zurück. Der Alltag des Paares begann und bestand hauptsächlich darin, den Gesuchen der Bürger und Wirtschaftstreibenden nach Möglichkeit nachzukommen. Maria war endlich schwanger, was die jungen Eheleute in überschwängliche Euphorie versetzte. Das Paar war überglücklich und feierte mit dem gesamten Volk.
Je näher Marias Niederkunft heranrückte, desto mehr musste Maximilian die Regierungsgeschäfte alleine führen. Dabei wurde er durch eine List von jenen Adeligen, die Frankreich unterstützten, in einen Hinterhalt gelockt. Maximilian wurde gefangen genommen, verschleppt und sollte auf ungewisse Zeit eingesperrt bleiben! Martin von Pollheim versuchte alles, um seinen Freund freizubekommen und informierte den Kaiser in Wiener Neustadt. Erst als Maximilians Vater Friedrich der III. drohte, ein Heer zu schicken, um seinen Sohn zu befreien, wurde Maximilian auf freien Fuß gesetzt und konnte nach Gent zurückkehren. Nur weil Marias Niederkunft kurz bevorstand, wurde Maximilian nicht getötet, weil sein Tod Frankreich nichts mehr genützt hätte!
Vor allem durch die Geburt des gemeinsamen Sohnes Philipp, der später den Beinamen „der Schöne“ erhielt, gewann Maximilian zunehmend die Herzen der einfachen Kaufleute und Bürger Burgunds. Deshalb konnten die Freunde Frankreichs keinen Schaden mehr durch ihren Boykott der Herrschaft Maximilians anrichten. Frankreich hätte sich endgültig geschlagen geben sollen, versuchte aber anlässlich der Geburt Gerüchte in Umlauf zu bringen, dass das burgundische Herzogspaar keinen Sohn, sondern nur eine Tochter gezeugt hätte. Daraufhin präsentierten Maria und Maximilian dem Volk ihren Sohn Philipp völlig nackt auf dem Balkon des Genter Schlosses! Der Jubel und die Freude über die gesicherte Erbfolge der Dynastie waren riesengroß! Dem burgundischen Herzogspaar wurde ein weiteres Kind geboren, diesmal eine Tochter, die den Namen Margarete von Österreich erhielt! Damit Maximilian endlich Ruhe vor seinem Erzfeind Frankreich hatte, stimmte er zu, seine eben erst geborene Tochter mit dem französischen Thronfolger zu verloben. Das Glück der jungen Familie schien vollkommen! Endlich lebten sie in Frieden und Sicherheit!
Aber schon nach fünf glücklichen Ehejahren und zwei gesunden Kindern war von einem auf den anderen Tag alles zerstört! Maria von Burgund stürzte auf der Jagd unglücklich von ihrem Pferd und verstarb zwei Tage danach an ihren schweren inneren Verletzungen. Jetzt war der trauernde Maximilian mit seiner Tochter und seinem Sohn Philipp alleine! Nur seinen engsten Freunden Martin und Wolfgang von Pollheim konnte der Herzog ohne Zweifel vertrauen.
Frankreich versuchte umgehend seinen Einfluss in Burgund erneut geltend zu machen, weil Herzogin Maria, die Tochter Karls des Kühnen, nicht mehr lebte. Frankreichs Freunde schafften es, die Bürger von Brügge in Burgund gegen Maximilians Herrschaft aufzubringen. 1488 wurde Maximilian bei einem Besuch tatsächlich von der Bürgerschaft von Brügge, seinen eigenen Untertanen, für ungewisse Zeit gefangen genommen! Zusammen mit Maximilian wurden auch seine Vertrauten Martin und dessen Vetter Wolfgang eingesperrt. Maximilians Vater Friedrich der III. musste diesmal tatsächlich selbst mit einem Soldatenheer aus Österreich nach Flandern reisen, um Maximilian aus seiner Gefangenschaft zu befreien und seine Herrschaft zu sichern.
In Amsterdam hingegen war Maximilian äußerst beliebt, was er der Stadt mit einem besonderen Privileg dankte: Amsterdam darf seither in seinem Stadtwappen die Kaiserkrone Maximilians führen, die bis heute das Wappen Amsterdams ziert. Sogar auf dem höchsten Kirchturm Amsterdams thront noch heute die Kaiserkrone Maximilians!
Maximilians bester Freund Martin von Pollheim erhielt eine beunruhigende Nachricht aus seiner Heimat, dem Land Ob der Enns. Er und sein Vetter wurden umgehend nach Hause gebeten, weil Martins Vater, der Reichsgraf von Pollheim und Regent Oberösterreichs, im Sterben lag! Die Vettern erreichten das Schloss Pollheim nicht mehr rechtzeitig und konnten nur noch der Beerdigung von Martins Vater beiwohnen. Maximilian war äußerst betrübt, seinen Freund dauerhaft in die Heimat entlassen zu müssen, aber Martin musste den Platz seines Vaters als neuer Reichsgraf einnehmen. Martin hatte in Burgund sein Herz längst an die adelige Maria von Borsselen verloren und war gemeinsam mit seiner Verlobten von Gent nach Pollheim gereist! Wegen des Ablebens von Martins Vater musste das verlobte Paar noch ein halbes Jahr warten, bis in der Kirche von Pollheim die Hochzeitsglocken läuten konnten.
Als das junge Paar endlich getraut wurde, vermisste Martin seinen besten Freund Maximilian, weil er sich gewünscht hätte, Maximilian würde ebenfalls sein Trauzeuge sein! Aber Maximilian war leider als Herzog von Burgund unabkömmlich. Die Hochzeitsfeierlichkeiten im Schloss Pollheim dauerten drei Tage. Der gesamte Hochadel des Landes nahm daran teil. Für die Bauern der Pollheimer Grafen vom Doppler-Hof und vom Schwarzlehner-Hof war die Bereitstellung ihrer Erträge aus der Landwirtschaft abermals eine große Herausforderung!
Schon bald war die neue Gräfin Maria von Pollheim in guter Hoffnung. Das Glück der Pollheimer schien perfekt. Der Tag der Niederkunft sollte wegen der Geburt eines Erben der glücklichste des jungen Paares werden. Es traten plötzlich heftige Komplikationen auf, denen die Ärzte nicht Herr werden konnten. Gräfin Maria verstarb bei der Geburt an ihren Blutungen wie auch ihr Kind, das tot zur Welt kam! Die schreckliche Tragödie setzte Martin schwer zu, der jahrelang über seinen Verlust trauerte. Aber auch für ihn war das Zeugen eines Erben das oberste Gebot! Martin fand in Regina von Liechtenstein seine zweite Ehefrau, die ihm seinen Erben Sigmund und eine Tochter schenkte.
Martins Freund Maximilian brauchte Unmengen an Geld, um seine vielen Reformen umzusetzen. Er hatte vor, sowohl aus den Österreichischen Erblanden als auch aus Burgund einen modernen Verwaltungsstaat zu formen. Zusätzlich verschlang sein seit 15 Jahren immer wieder aufflammender Krieg gegen Frankreich enorme Summen! Für seine zukünftige Position als Kaiser benötigte Maximilian noch viel größere Beträge, um seine Herrschaft zu sichern. Damit er tatsächlich von den Kurfürsten zum Nachfolger seines Vaters gewählt werden würde, erwarteten sich die Fürsten finanzielle Zuwendungen! Maximilian gewann die reiche Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg als Geldgeber für seine Sache. Das reichte aber bei Weitem nicht aus, um aus dem mittelalterlichen Bund des Heiligen Römischen Reiches ebenfalls einen modernen Staat zu formen!
Um die nötigen finanziellen Mittel zu generieren, tat es Maximilian seinem Vater Friedrich gleich und plante ebenfalls, seine Kinder möglichst vorteilhaft zu verheiraten. Seinen kindlichen Sohn Philipp den Schönen verlobte Maximilian mit der Thronerbin Johanna von Spanien. Diese Verbindung wurde Maximilians größter Erfolg, weil Christoph Kolumbus für Königin Isabella von Spanien gerade erst Amerika entdeckt hatte!
Durch den frühzeitigen Tod von Maximilians Frau Maria musste er sogar sich selbst noch einmal auf den Heiratsmarkt werfen! Maximilian plante ein zweites Mal möglichst lukrativ zu heiraten. Er warb um die reichste Erbin Europas, Bianca Maria Sforza aus Mailand. Mit der Aussicht, seine Tochter würde Kaiserin werden, stimmte der Herzog von Mailand der Vermählung zu, wodurch das Herzogtum Mailand mit all seinen Besitzungen an die Österreichischen Erblande fiel.
Maximilians Vater Kaiser Friedrich der III. erreichte die längste Regierungszeit, die je ein Kaiser im Heiligen Römischen Reich regiert hatte, und starb im August 1493 in Linz in seinem Schloss. Weil Friedrich aufgrund seiner Mittellosigkeit politisch kaum Veränderungen und Reformen durchsetzen konnte, erhielt er den Beinamen „Erzschlafmütze“! Maximilian wurde tatsächlich zum neuen Kaiser gewählt und heiratete im November die wohlhabende Erbin aus Mailand. Martin von Pollheim bezeugte ein zweites Mal eine Hochzeit von Maximilian und begleitete ihn auch zu seiner anschließenden Kaiserkrönung durch den Papst nach Trient in Südtirol.
Das Herzogtum Mailand wurde ab sofort ebenfalls von Maximilian regiert, der sich ab jetzt ständig auf Reisen befand, um all seine Länder regieren zu können. Die gesamten Akten seiner beherrschten Gebiete mussten ständig mit dem Hoftross Kaiser Maximilians mitgeführt werden. Maximilian war auch ein großer Förderer der schönen Künste und finanzierte unter anderem großzügig das Schaffen von Albrecht Dürrer, der sein bevorzugter Künstler war. Maximilian ist bis heute als der letzte Ritter bekannt, weil nach seiner Lebenszeit Ritterturniere der Vergangenheit angehörten.
Während seiner Herrschaft wurde Amerika entdeckt, was den Beginn der Neuzeit einläutete und das Ende des Mittelalters bedeutete. Auch in der Kunst und Architektur endete während seiner Zeit die Gotik. Die Rückbesinnung auf die Kunst der Antike, die Renaissance, begann!
Maximilian schaffte es durch seine Heiratspolitik die Familie Habsburg zur mächtigsten Dynastie der Welt zu machen. Sein Sohn Philipp der Schöne heiratete tatsächlich Johanna mit Beinamen „die Wahnsinnige“ von Spanien, wodurch Philipp zum König von Spanien und Neuspanien, das Nord- und Südamerika umfasste, wurde. Weil Johanna wegen ihres Wahnsinns nicht fähig war, ihre zwei Söhne selbst zu erziehen, wurde die Erziehung von Philipps Schwester Margarete von Österreich am Herzogshof in Burgund übernommen. Beide Söhne wurden später Kaiser!
Bereits zu seinen Lebzeiten ließ sich Kaiser Maximilian ein monumentales Grabmal errichten, das sich in der Hofkirche in Innsbruck befindet. Innsbruck wurde in Maximilians Reich zum Zentrum seiner Herrschaft, weshalb er dort in Ewigkeit ruhen wollte. Um seinen prächtigen Sarkophag ließ er vierzig lebensgroße Figuren seiner teilweise erfundenen Ahnen aufstellen. Auf seinem Sarkophag kniet Maximilian in Stein gemeißelt höchst selbst vor Gott mit gefalteten Händen und Kaiserkrone auf seinem Haupt. Die vierzig Ahnen rund um seine Grabstätte werden die „Schwarzen Mander“ aufgrund ihrer dunklen Metallfarbe genannt. Unter seinen Ahnen befinden sich unter anderen der Held Trojas: Hector, wie auch Julius Caesar und sogar König Artus. Keiner davon war tatsächlich mit Maximilian verwandt, aber er wollte die Legende erschaffen, dass die Habsburger von den wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte abstammen würden. Es finden sich unter den vierzig schwarzen Figuren auch sein Schwiegervater Karl der Kühne und seine erste Frau Maria von Burgund.
Maximilians Überreste befinden sich allerdings nicht in seinem aufwendig für die Ewigkeit geschaffenen Grabmal, sondern wurden äußerst bescheiden in Wiener Neustadt bestattet. Maximilian war bereits todkrank, als er mit seinem Hoftross Innsbruck erreichte. Dennoch verweigerte ihm die Stadtobrigkeit den Einlass! Maximilians riesiger Hofstaat und seine vielen Soldaten verbrauchten jedes Mal Unmengen an Lebensmitteln und Bier, für die der Kaiser schon seit Jahren nicht bezahlt hatte. Maximilian wurde abgewiesen und erreichte kurz vor seinem Tod seine Burg in Wels, wo er verstarb.
Weil Maximilian unbedingt als reuiger Büßer in den Himmel aufgenommen werden wollte, verfügte er, dass man seiner Leiche alle Zähne ausschlagen und die Haare abrasieren musste. Sein entstelltes Antlitz wurde nach seinem Wunsch von einem Maler für die Nachwelt festgehalten. Kaiser Maximilian bekam ein einfaches Grab in der Kapelle der Hofburg von Wiener Neustadt. Sein Vater Friedrich wurde im Wiener Stephansdom in einem monumentalen Sarkophag beigesetzt und ist der einzige Kaiser, dem diese Ehre zuteilgeworden ist. Eine Ironie des Schicksals, denn die Wiener hassten ihren Kaiser Friedrich Zeit seines Lebens!
Karl der V., der Enkel Maximilians, herrschte als Kaiser in einem Reich, in dem die Sonne nie unterging, weil er nicht nur das Heilige Römische Reich und Spanien, sondern auch das neu entdeckte Amerika beherrschte. Weiters gehörten Nordafrika, Westindien und die asiatische Inselgruppe der Philippinen, die er nach seinem Sohn Philipp den II. benannte, zu seinem Herrschaftsgebiet. Die Abkürzung A.E.I.O.U. für „Alles Erdreich ist Österreich untertan“ wurde ab sofort auf allen habsburgischen Gebäuden angebracht. Der Weltbeherrscher und Nachfolger Maximilians, Karl der V., danke lieber ab, als der Forderung der Fürsten des Heiligen Römischen Reiches nachzukommen, seine Macht von Österreich aus auszuüben. Er entschied sich, nur noch König von Spanien zu sein, und übergab die Kaiserkrone an seinen Bruder Ferdinand. Karl der V. errichtete in Spanien das größte Gebäude Europas, den El Escorial, in dem er auch begraben liegt. Das strenge spanische Hofzeremoniell, das Kaiserin Sisi später sehr zu schaffen machte, stammte ebenfalls von Karl dem V., der es im El Escorial eingeführt hatte.
Ferdinand, der neue Kaiser, traf aus Spanien in der Hauptstadt Wiener Neustadt ein, um dort seine Regentschaft anzutreten. Weil ihm weder die Hofburg noch die Stadt gefiel, verfügte er, Wien zur neuen Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches zu machen und nach zwei Jahrhunderten auch wieder zur Hauptstadt Österreichs!
Kaiser Ferdinand baute die mittelalterliche Wiener Burg in einen modernen Renaissance-Palast um und errichtete das Schweizer Tor, auf dem alle seine Titel angeführt sind. Er war nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sondern auch König von Böhmen und Ungarn aufgrund seiner Vermählung mit der Tochter des ungarischen Königs, der zuvor Österreich durch seine Angriffe in Angst und Schrecken versetzte. Die vier Türme der mittelalterlichen Burg in Wien wurden abgerissen und die gotische Hofkapelle hinter einer Renaissance-Fassade versteckt. Kaiser Ferdinand, der bisher sein Leben großteils in Spanien verbracht hatte, wollte in Wien keinesfalls auf seine schönen weißen Pferde aus Andalusien verzichten. Er begründete deshalb die Spanische Hofreitschule in der neuen Wiener Hofburg und züchtete die weißen Pferde in Lipizza in der heutigen Stejerska (Untersteiermark) in Slowenien, weshalb man die andalusischen Pferde bis heute Lipizzaner nennt.
Durch den neu erfundenen Buchdruck gelangten nicht nur protestantische Thesen in Umlauf, sondern auch erstmals die Bibel in deutscher Sprache. Die Protestanten wollten die katholische Regierung Österreichs absetzen und wiegelten die Bevölkerung zu Unruhen auf. Bei Ferdinands Regierungsantritt in Wiener Neustadt verurteilte der neue Kaiser acht aufständische protestantische Ratsherren, welche die Rädelsführer waren, zum Tode und ließ sie enthaupten! Im Jahr 1555 gab Kaiser Ferdinand im Augsburger Religionsfrieden den Landesherren das Recht, über die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen. Als Erzherzog von Österreich ließ Ferdinand den protestantischen Glauben in den Erblanden verbieten. Deshalb flüchteten die Protestanten in unzugängliche Gebirgstäler, wo sie ungehindert ihre Religion ausüben konnten, was die evangelischen Kirchen in Gosau, Ramsau, Hallstatt und anderen Gebirgsorten bezeugen.
Reichsgraf Martin von Pollheim sah seinen besten Freund Maximilian nach seiner Krönung nie mehr, weil der Kaiser ständig im gesamten Reich unterwegs war und Innsbruck in Tirol als seine bevorzugte Niederlassung wählte. Kaiser Maximilian erhob den Reichsgrafen von Pollheim zum Regenten des gesamten Erzherzogtums Ob der Enns, das seit 1921 Oberösterreich heißt. Zusätzlich erhielt Martin die Burghauptmannschaft über die Stadt Steyr. Sein Vetter Wolfgang von Pollheim wurde Regent des Erzherzogtums Unter der Enns (Niederösterreich). Martin genoss sein Leben in Pollheim in seinem Schloss im heutigen Herrenholz und war mit seiner zweiten Frau Regina und seinen Kindern überglücklich!
Eines Morgens wurde Martin vom Geschrei im Innenhof seines Schlosses aus dem Schlaf gerissen! „Feuer!“, hörte er und weckte seine Frau und Kinder, um mit ihnen ins Freie zu fliehen. Das halbe Schloss stand bereits in Flammen! Das Feuer musste frühmorgens unbemerkt ausgebrochen sein und hatte bereits das gesamte Dach des Gebäudes erfasst. Das Schloss war nicht mehr zu retten und brannte vollständig aus! Nur die äußere Hülle blieb wegen der massiven Steinmauern erhalten. Die Pollheimer Grafenfamilie musste notgedrungen in die alte Burg auf dem Rabenberg ziehen. Dort war es kalt und ungemütlich! Die Burg war generell in keinem guten Zustand, weshalb Martin beschloss, ein modernes, neues Schloss zu errichten.
Der Standort des abgebrannten Schlosses in Pollheim war nicht mehr zeitgemäß. Weder die Bevölkerung noch die Wirtschaft des kleinen Ortes hatten sich im letzten Jahrhundert vergrößert. Das nahe gelegene Grieskirchen hingegen entwickelte sich prächtig und hoffte, schon bald das Stadtrecht zu erlangen. Martin entschied sich, den Neubau des Schlosses in der Nähe des Marktes Grieskirchen zu errichten. Er kaufte die Herrschaft Tegernbach sowie den gesamten Markt Grieskirchen mit seinen Einkünften als Landesregent und Hauptmann von Steyr. In der Ebene von Parz fand Martin den idealen Standort für sein großzügiges Renaissance-Schloss, das eines der größten seiner Art nördlich der Alpen werden sollte. Ein Bote brachte die Pläne für den Neubau nach Innsbruck zum Kaiser. Martins bester Freund Maximilian genehmigte das aufwendige Bauvorhaben und schickte die Dokumente unterzeichnet an Martin zurück. Martin ließ das Schloss Tegernbach abtragen und verwendete das Baumaterial für das neue Schloss in Parz. Jahrzehnte später wurde der Bach neben dem Schloss aufgestaut und im kleinen See von seinem Sohn Sigmund zusätzlich ein prächtiges Wasserschloss errichtet. Martin war überglücklich über sein neues Schloss in Parz, von dem er das gesamte Land Ob der Enns regierte.
Nach vielen glücklichen Jahren erkrankte Martin schwer. Hohes Fieber plagte ihn! Die meiste Zeit war er komplett unansprechbar. Die Ärzte sahen keine Hoffnung auf Genesung, weshalb nur noch das Gebet half! Die Familie von Pollheim und alle Bediensteten versammelten sich jeden Abend um Martins Bett, um für den Sterbenskranken zu beten. Nach einigen Wochen ging es Martin völlig unerwartet besser und er konnte endlich das Bett verlassen. Er war davon überzeugt, dass Gott ihn durch ein Wunder geheilt hatte, weil die Ärzte keine Rettung für ihn gesehen hatten. Martin wollte als Dank an Gott ein großzügiges Opfer bringen. Er entschied sich, sein ertragreiches Bauerngut, den Doppler-Hof, an das Stift Wilhering zu verschenken. Die Pollheimer hatten ihre Familiengruft in diesem Stift und zahlten deshalb jährlich Beträge an das Stift. Es fiel Martin nicht leicht, sich von seinem Doppler-Gut zu trennen, aber er wollte dieses Opfer für seine wundersame Heilung erbringen und übertrug den Besitz an das Stift Wilhering. Noch heute kann man in der Stiftsbibliothek des Klosters von dieser Schenkung des Reichsgrafen von Pollheim lesen. Zusätzlich ist im Kreuzgang des Stifts eine Inschrift zu finden, wo man folgenden Wortlaut liest: „Martin von Pollheim schenkte das Topplergut am Toppl dem Stift Wilhering aus Dankbarkeit für seine wundersame Heilung.“
Martin erlebte noch einige glückliche Jahre in seinem neuen Schloss in Parz. Die verlassene alte Burg am Keltenhügel auf dem Rabenberg verfiel mit den Jahren völlig. Die Bauern aus der Umgebung holten die herabgefallenen Steine der Türme als Baumaterial zur Erweiterung ihrer Höfe, bis nichts mehr von der einstigen Stammburg der Pollheimer übrig blieb. Auch aus dem Herrenholz holten die Bauern alle Steine von den Mauerresten des Schlosses, weswegen man auch dort heute nichts mehr findet!
Jahrhunderte nachdem die Pollheimer Grafen Pollham als Familiensitz aufgaben, wurde 1848 nach Niederschlagung der Revolution in Wien zum Regierungsantritt des erst 18-jährigen Kaisers Franz Joseph die Leibeigenschaft der Bauern abgeschafft. Ab sofort arbeiteten die Bauern nicht mehr für den Adel, der zuvor den Grund und Boden besaß, sondern sie durften den von ihnen bewirtschafteten Boden in Besitz nehmen. Der Adel wurde von der Regierung dafür finanziell äußerst großzügig entschädigt!
Das bedeutete zum Beispiel für den Doppler-Hof in Hainbuch, dass nicht mehr das Stift Wilhering, das über 50 Kilometer entfernt liegt, den Grund des Gutes sowie das Gebäude besaß, sondern ab sofort diejenige Familie, die das Gut bewirtschaftete. Der Doppler-Hof wurde im Mittelalter von einem Pollheimer Grafen aufgrund seiner wundersamen Heilung von einer todbringenden Krankheit an das Stift Wilhering verschenkt. Diese Schenkung war mit dem Gesetz von 1848 aufgehoben. Die Familie auf dem Hof arbeitete ab sofort für ihren eigenen Wohlstand und das Wohl ihrer Nachkommen.
Einige Jahre vor der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert musste das Ehepaar Kröswang, das den Doppler-Hof besaß, ihren Kinderwunsch nach zwei Jahrzehnten Ehe enttäuscht aufgeben. Ab dem vierzigsten Lebensjahr wurde Frauen äußerst selten spätes Mutterglück zuteil. Eine Schwester des kinderlosen Bauern hatte nach Gölding auf den Kormayr-Hof geheiratet und gebar neben einer Tochter drei mittlerweile erwachsene Söhne. Es war nicht einfach für weichende Bauernsöhne, eine passende Ehefrau zu finden, die als Einzelkind glücklicherweise den elterlichen Bauernhof mit in die Ehe bringen würde. Für den dritten Sohn vom Kormayr-Hof, Alois, war es deshalb ein Glücksfall, dass sein Onkel vom Doppler-Hof in Pollham einen Erben brauchte und ausgerechnet ihn dafür auserkoren hatte! Das bedeutete für Alois, dass er nicht darauf angewiesen war, ein Mädchen zu ehelichen, das er womöglich gar nicht lieben wollte, nur weil sie einen Bauernhof erben würde.
Durch den sich stetig verbessernden Wohlstand der Bauernfamilien wuchs die Bevölkerung des kleinen Dorfs Pollham rasant. Die viel zu kleine alte Kirche hatte bald keinen Platz mehr für die wachsende Gemeindebevölkerung. Aber der Kirchbesuch war vor allem sonntags in damaliger Zeit eine heilige Pflicht für die fast ausschließlich katholischen Bewohner Pollhams! Notgedrungen musste ein neues Kirchengebäude geplant werden, um das Seelenheil für jeden Christen zu ermöglichen.
1908 war es so weit: Nachdem Pollham die finanziellen Mittel vom Kaiserhaus Österreich gewährt wurden, wurde im Jahr des 60-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs des I. das neue Kirchengebäude fertiggestellt und eingeweiht. Die alte Kirche wurde dafür abgetragen und ihr Bauschutt diente als Fundament für den Neubau, weshalb das neue Gotteshaus auf dem aufgeschütteten Hügel nur über Stufen zu erreichen war. Lediglich der historische, steinerne Kirchturm der Pollheimer Grafen blieb erhalten, wird aber vom Neubau auf der Vorderseite fast überragt!
