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Unsere Wahrnehmung der Welt ist nicht objektiv. Vielmehr wird sie durch gesellschaftlich geprägte Denkmuster - sogenannte Mindsets - beeinflusst. Sie bestimmen, welche Informationen wir aufnehmen, wie wir sie interpretieren und welche Entscheidungen wir treffen. Aber was passiert, wenn diese Mindsets feste Vorstellungen über Weiblichkeit verankern? Wie wirken sie sich auf das Erleben von Geburt, Mutterschaft und weiblicher Sexualität aus? Und inwiefern verstärken sie bestehende Ungleichheiten - etwa im Gesundheitssystem und in der Wissenschaft? Die Autorin nimmt ihre LeserInnen mit auf eine spannende psychologisch-feministische Analyse dieser verinnerlichten Glaubenssätze. Sie zeigt auf, dass "Female Mindsets" nicht nur individuell verankert sind, sondern auch strukturell wirken: in einem System, in dem Forschung zu Geburt in der Psychologie als randständig gilt, in dem Frauen für die gleichen wissenschaftlichen Leistungen schlechter bewertet werden als Männer oder in dem weibliche Sexualität oft erst dann thematisiert wird, wenn ihr Fehlen als Problem für Männer wahrgenommen wird. Dieses Buch stellt drängende Fragen: Warum werden Frauen noch immer mit der Vorstellung konfrontiert, sie müssten nach einer Geburt "perfekt" funktionieren? Wieso wird Mutterschaft oft mit Schuldgefühlen verknüpft? Und warum erleben Frauen ihre Sexualität anders, wenn sie Mutter werden? Auf wissenschaftlicher Basis zeigt die Autorin, dass diese Fragen keine individuellen Probleme sind, sondern tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt sind. Mit einer Mischung aus fundierter Wissenschaft, persönlichen Einblicken und gesellschaftlicher Analyse lädt "Female Mindsets" dazu ein, herrschende Denkmuster zu hinterfragen - und sich eine neue, bewusstere Sicht auf Weiblichkeit und Gleichberechtigung zu erarbeiten. Ein wichtiges Sachbuch für alle, die verstehen wollen, wie unser Denken über Geschlecht geformt wird - und was das für uns als Gesellschaft bedeutet. "Dr. Lisa Hoffmanns Buch ... erinnert uns daran, wie notwendig es ist, weibliche Erfahrungen nicht als Randphänomen abzutun, sondern sie mit ins Zentrum von Wissenschaft, Gesundheit und Gesellschaft zu rücken.> Susanne Mierau, Dipl.-Pädagogin, Familienbegleiterin, Autorin
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Titelei
Geleitwort
1 Ein sehr kurzer Prolog
2 About Mindsets
Mindsets – wissenschaftlich betrachtet
Empirische Befunde
Female Mindsets
Ein bisschen versteckter Sexismus
Eingebettet in soziale Normen
3 Science-Geflüster
Forschung beschreibt keine Wahrheit
Confirmation Bias: Wenn ich sehe, was ich sehen will
Korrelation und Kausalität: Henne und Ei
Experimente – wo ein bisschen Random erwünscht ist
Über Störche und Scheinkorrelationen
Warum das alles?
Von Marshmallows, Bindung und vorschnellen Schlüssen
Deswegen das alles
4 Männliche Wissenschaft
Die Sache mit den Erwartungen
Gender-Gaps in Häufigkeit der Zitationen und Preisen
Aber Frauen publizieren ja auch weniger
Wie sieht es denn nun aus?
Und die Lösung?
5 Male science gaze
Gender-Gap in den Forschungsthemen
Und in der Psychologie?
Wie lässt sich das überhaupt testen?
Girls just wanna have...
6 Geschlechtsrollenstereotype und Mom Guilt I
Geschlechtsrollenstereotype
Entstehung von Weiblichkeit
Wieder vom Confirmation Bias und den sich selbsterfüllenden Prophezeiungen
Erwartungen an ungeborene und gerade geborene Menschen
Stereotype Bedrohung – aber von wo?
Über Mütter und Väter
Die Sache mit der Schuld
Warum aber stereotypisieren und attribuieren wir?
Was will ich eigentlich?
7 Geburt
Einige Daten zur Geburt
Medikalisierte versus natürliche Ansätze
Das geburtsbezogene Mindset
Wirkung des Mindsets
Welchen Effekt hat das Mindset?
Geburtserleben
Das Geburtserleben als Ausgangspunkt zum Übergang zur Mutterschaft
Die Sache mit dem Stillen
Ist das kausal?
Kann, soll, muss ich das Mindset ändern?
Die Frage nach dem Woher?
To be clear
Über zwei Gegensätze, die vielleicht keine sind
8 Männer, Mindsets und die Autonomie der Frau
Male Mindset – same same, not different
Die Sache mit der Paarbeziehungsqualität
Anwesenheit von Partner*innen während der Geburt
Geburt versus Wochenbett
Same same, but different
9 Mom Guilt II: Wenn Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft nicht in das gesellschaftliche Bild passen
Selbststigmatisierung
Das Ideal der
normalen
Geburt
Too posh to push?
Selbststigmatisierung und das Geburtserleben
Welche Interventionen wiegen besonders stark?
To be clear, die Zweite
Unfruchtbarkeit und Aborte – wenn das Baby fehlt
Die Sache mit dem Sprechen
Spätaborte, Totgeburten und medizinische Abbrüche
Frauen, die keine Kinder bekommen möchten, und Regretting Parenthood
Sozialer Druck
10 Gewalt. Und Gewalt unter Geburt
Sexuelle Gewalt
Die Erkennungslücke bei der Wahrnehmung von Gewalt
Und die Sache mit dem Wohlbefinden
Rape Myth Acceptance und die Frage nach der Schuld
Geburtsbezogene Gewalt
Wie häufig kommt es zu Gewalt unter Geburt?
Wahrnehmung von geburtshilflicher Gewalt
Und wieder: Die Sache mit dem Wohlbefinden
Wer ist besonders von Gewalt unter Geburt betroffen?
Ausübung von Gewalt
Menschenbilder und wie sie vielleicht mit Gewalt unter Geburt zusammenhängen
Gewaltfreiheit
11 Female Mindsets about Sex
Sex Drive, Doppelstandards und die Evolutionspsychologie
Orgasm Gap
Skripts über Sex, Männer und Frauen
Sexuelle Skripts und sexueller Ekel
Sex ist kein Restaurantbesuch
Warum sind Orgasmen überhaupt wichtig?
Kognitive Dissonanz vielleicht?
Männliches Ego, Sex und Klitoriswissen
Die Sache mit dem Oralverkehr
Über schlechten Sex und die Frage nach der richtigen Frage
Über Männer und penetrativen Sex
12 Mom Sex
Wann haben Paare üblicherweise wieder Sex?
Über Sorgen, Schmerzen und das Geburtserlebnis
Mom Skripts
Warum denken Mütter, dass andere Mütter keinen Sex wollen?
Mom Sex – same same, not different?
13 Female Mindsets revisited
Die Sache mit den Privilegien
Das Geschlechtsparadox
Ich will Wärme
Danksagung
Literatur
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Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Inhaltsbeginn
Die Autorin
Dr. Lisa Hoffmann ist Dipl.-Psychologin und Wissenschaftlerin. Von 2012 – 2024 forschte und lehrte sie am psychologischen Institut der Universität Bonn in der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie. Seit August 2024 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lernbereichsleitung (Gesundheits-, Sozialwissenschaften und Psychologie) am Institut für Hebammenwissenschaft der Universität Bonn. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen vor allem im Bereich Geburt, Übergang zur Elternschaft, Mindsets, Emotionen, Genderstereotype und Sexualität. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit setzt sie sich in den sozialen Medien, vor allem Instagram (unter dem Handle @einanfang), für Wissenschaftskommunikation ein.
Mit einem Geleitwort vonSusanne Mierau
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© Autorinnenfoto: Annkristin Beier1. Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 [email protected]
Print:ISBN 978-3-17-045584-9
E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-045585-6epub:ISBN 978-3-17-045586-3
Für meine Töchter
Wie sprechen wir über Frauen, über Mütter, über Geburt, über Sexualität, über Fürsorglichkeit – und wie prägt das, was wir sagen und gesagt bekommen, unser Denken? In den vergangenen Jahren sind wunderbare Bücher erschienen über die Unsichtbarkeit von Frauen in vielen Bereichen wie Literatur, Politik und Medizin. Wenn Sie dieses Buch in den Händen halten, wird Ihr Blick nun auf die psychologische Forschung rund um Erwartungen an Weiblichkeit und Mutterschaft gerichtet und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie die Welt nach dieser Lektüre anders sehen als zuvor.
Oft ist uns nicht bewusst, wie tief gesellschaftliche Erwartungen an Weiblichkeit und Elternschaft in unseren individuellen Mindsets verwoben sind. Wir tragen Glaubenssätze in uns, deren Entstehung und Verfestigung wir selten hinterfragen. Das gilt für unseren Alltag, aber auch für das berufliche Handeln all jener Personen, die in den verschiedenen Berufsfeldern rund um Reproduktion, Geburt, Familie tätig sind. Dabei sind viele dieser in uns verfestigten Strukturen kulturell geprägte Narrative und keinesfalls biologische Notwendigkeiten. Was wir als »normal« oder »natürlich« betrachten oder uns als solches vorgestellt wird, ist letztlich häufig sozial erlernt und reproduziert – ob nun in Bezug auf das Geburtserleben, auf Bindung, Mutterschaftsbilder, Verteilung von Sorgearbeit und Rollenbilder, mentale Gesundheit oder generelle Wahlfreiheit zur Elternschaft.
Auch in meiner eigenen Arbeit treffe ich immer wieder auf Familien, die Geburtserlebnisse verarbeiten oder mit Glaubensmustern über Elternschaft ringen. Nicht selten wurde Gebärenden suggeriert, sie hätten »versagt«, wenn medizinische Interventionen benötigt worden sind. Auch ich selbst bin mit solchen Aussagen konfrontiert worden, nachdem ich mein drittes Kind nicht wie das Kind zuvor zu Hause, sondern mittels Interventionen im Krankenhaus geboren habe. Werden diese Glaubenssätze verinnerlicht, kann das langfristige Folgen haben. Umso bedeutsamer ist ein achtsamer Umgang aller Beteiligten mit eben solchen Bildern und Denkweisen. Geburt ist ein tiefgreifendes Lebensereignis, das psychisch wie körperlich Wirkung entfaltet. Ob eine Geburt positiv erlebt wird, hängt nicht an einem Ideal, sondern an guter Begleitung – und an der Anerkennung der gebärenden Person in ihrer Autonomie und ihren Bedürfnissen. Das entspricht zutiefst meinem Verständnis einer bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft: Es geht nicht um »richtige« Wege, sondern um individuelle Sicherheit, Beziehung und Würde – von Anfang an. Dabei sind eben nicht »nur« Geburten höchst ideologisch überfrachtet, auch auf dem unregulierten Markt der Coachingformate und Elternberatungen finden wir zahlreiche Bindungsideale und Mythen, die Scham- und Schuldgefühle von Eltern und gerade Müttern ansprechen, hervorrufen und von diesen monetär profitieren. Umso wichtiger ist es, hier ethische und fachliche Standards einzufordern. Es ist höchste Zeit, dass jemand einen klaren Blick auf die ethische Verantwortung der Beratungsarbeit wirft.
Dr. Lisa Hoffmanns Buch ist ein starkes Plädoyer dafür und für mehr Diversität in der psychologischen Forschung – in Themen, Perspektiven und Fragestellungen. Es erinnert uns daran, wie notwendig es ist, weibliche Erfahrungen nicht als Randphänomen abzutun, sondern sie mit ins Zentrum von Wissenschaft, Gesundheit und Gesellschaft zu rücken. Es eröffnet Räume für Fragen, die lange nicht gestellt wurden – präzise, fundiert und dennoch nahbar. Und auf eine Weise, die zugleich klug, persönlich und politisch ist. Ich wünsche Ihnen daher mit diesem Buch eine spannende Reise zu einer erweiterten Weltsicht.
Susanne Mierau
Es ist die deutsche Konferenz der psychologischen Fachschaft. Ich stehe im Seminarraum, der immer voller wird. Stühle werden aus anderen Räumen geholt und Zuhörer*innen sitzen auf dem Boden. Während ich meinen Vortrag halte, der ungefähr die Inhalte dieses Buches widerspiegelt, werde ich an vielen Stellen unterbrochen, es werden Fragen gestellt. Ich switche zwischen den Folien hin und her. Mich stört das nicht, ich bin das gewöhnt. Nach dem Vortrag kommen einige auf mich zu und fragen, ob ich den Vortrag auch noch mal an anderer Stelle halten könnte. Das kann ich, klar. Ich habe schon viele Vorträge über Geburt gehalten. Vor Hebammen, vor Mediziner*innen, im Rahmen der Bonner Ringvorlesung, vor den Juror*innen, die mir später den Promotionspreis für meine Arbeit verliehen haben, vor Student*innen der Psychologie oder anderer Fächer. Meistens gehe ich aus diesen Vorträgen mit einem guten Gefühl und der Gewissheit, dass es schon irgendwie Sinn macht, was ich hier tue.
In der wissenschaftlichen Psychologie jedoch ist das ein bisschen anders. Reiche ich einen Vortrag auf einer Tagung ein, wird dieser zwar in der Regel angenommen, der Vortragslot, also die Uhrzeit, ist meistens aber eher undankbar: Früh morgens, wenn die Hälfte der Teilnehmenden noch schläft, oder parallel zu Vorträgen, bei denen die Themen so en vogue sind, dass sich dort die Mehrzahl tummelt. Um darauf aufmerksam zu machen, dass das Thema Geburt in der Psychologie vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient hat, habe ich bei der letzten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie einen längeren Vortrag eingereicht, bei dem mein ehemaliger Chef meinte, er hätte einen guten Titel, nämlich Das ungeliebte Kind der Psychologie. Eben weil Psycholog*innen das Thema nicht lieben, weil es keine Rolle spielt in der Psychologie. Weil wir einen Beitrag in einer psychologischen Fachzeitschrift einreichen und dieser mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt wird, aber nicht etwa, weil methodisch etwas nicht stimmt, sondern meistens mit der Begründung, dass Thema würde nicht zur Ausrichtung passen, weil es nicht für alle, sondern nur für eine Substichprobe, also Frauen, relevant wäre (das stimmt übrigens nicht). Nicht weniger ironisch wird diese Argumentation, wenn wir die Artikel bei Zeitschriften einreichen, die im Titel Gesundheit oder Frau tragen.
Als die Rückmeldungen zu den Vorträgen kamen, schickte mir eine Freundin lachend einen Screenshot und fragte mich, ob ich gesehen hätte, dass mein Vortrag in einer Session gepaart wurde zum Thema Flüchtlinge? Ich schrieb als Scherz zurück, dass es ja wohl sein könnte, dass um Geburten ginge, die Frauen auf der Flucht erleben. Scherzend nicht, weil das Thema so lustig ist, im Gegenteil, scherzend, weil klar war, dass es ganz sicher nicht so ist. Geburt ist kein Thema in der Psychologie und wahrscheinlich noch mal weniger, wenn es Frauen auf der Flucht betrifft. Und so wichtig das Thema Flüchtende ist und ich es für ausgesprochen bedeutsam halte, dass das Thema in der Psychologie behandelt wird, und es ganz gewiss keine Beleidigung ist, in einer Session gemeinsam zu diesem Thema vorzutragen, so zeigt diese sonderbare Paarung der beiden Vorträge doch eines: Psycholog*innen haben keine Ahnung, wo sie das Thema Geburt einsortieren sollen. Weil es bisher in der Psychologie kaum existiert hat. Weil Forschung zu diesen Themen erst so langsam beginnt. Weil das Thema nicht gelehrt wird, weder an der Universität noch in der Weiterbildung zur*m psychologischen Psychotherapeut*in. Weil ein bisschen Interesse erst im letzten Jahrzehnt entflammt ist. Vielleicht, weil erst jetzt immer mehr Frauen eine wissenschaftliche Karriere machen. Sicher weiß ich es nicht. Ich kann nur raten.
Dieses Buch schreibe ich, weil Jana Heinicke mich für ihr Buch Aus dem Bauch heraus – wir müssen über Mutterschaft reden interviewt, Annika Grupp von Kohlhammer genau dieses Buch gelesen und dann mich kontaktiert hat, um zu fragen, ob ich mir vorstellen könnte, auch eines zu schreiben, welches aus einer psychologisch-wissenschaftlichen Perspektive heraus die Themen Mutterwerden und Muttersein beleuchtet. Jana Heinicke wiederum ist auf mich gestoßen, weil sie an einer meiner Studien teilgenommen hat. Und das ist schon ein wenig verrückt. Verrückt, dass eine wissenschaftliche Studie Frauen so sehr berühren kann, dass sie anfangen, sich mit dem Thema Geburt auseinanderzusetzen. Ob bei Jana meine Studie der Anfang war oder ob das Thema schon vorher präsent war, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass das für manche Frauen so ist, dass die Teilnahme an meinen Studien zu einem Nachdenken über das Erlebte während der Geburt führt – jedenfalls bekomme ich manchmal diese Rückmeldungen per E-Mail, wenn ich bei Instagram eine Studie poste mit der Bitte teilzunehmen. Dass das so ist, liegt gar nicht an mir oder daran, dass meine Studien so toll sind, es liegt daran, dass ich mit den Studien einen Nerv treffe, weil Frauen sich gesehen fühlen, weil sich endlich jemand mit ihnen und ihren Geburtserfahrungen, die so oft negativ sind, beschäftigt. Weil – zurecht – der Eindruck entsteht, dass nicht egal ist, was passiert ist. Und so gut das für mich ist, weil es mir häufig ermöglicht in sehr kurzer Zeit viele Studienteilnehmende zu rekrutieren, so ist es gleichzeitig auch sehr traurig, denn es zeigt, an welcher Stelle das Thema Geburt in der Gesellschaft steht (und vielleicht auch, an welcher Stelle Frauen eigentlich stehen).
Ich schreibe dieses Buch, weil ich ein bisschen Glück hatte, weil zwei Frauen zur richtigen Zeit meine Forschung entdeckt haben. Vielleicht aber wäre es erstrebenswert, wenn Frauen nicht so viel Glück haben müssten, damit zufällig die richtigen Personen die Themen, die uns betreffen, sehen, sondern dass diese Themen als wichtig und als valide angesehen werden, unabhängig davon, ob wir zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind – oder wie in meinem Fall im richtigen Buch stehen.
Vor einigen Jahren bekam ich einen Tweet zugeschickt, in dem Magarete Stokowski fragte, warum Mindset eigentlich ein so unsympathisches Wort sei (Stokowski, 2020). Die Antwort ist vermutlich, dass der Begriff zweckentfremdet wurde von der Coaching-Szene, die suggeriert, Mindsets hätten etwas mit Optimierung der eigenen Denkmuster und Persönlichkeit zu tun. Der Titel dieses Buches spielt mit diesem Klischee und der Idee, dass Frauen ihre Denkmuster optimieren müssen, um gleichberechtigt zu leben, als sei Ungleichheit irgendwie ihre Schuld. So, wie man Frauen jahrelang erzählt hat, der Gender-Pay-Gap würde deshalb vorliegen, weil sie in Verhandlungen nicht so hart auftreten wie ihre männlichen Kollegen und sie letztlich einfach nur mehr Gehalt fordern müssten, um ebenso gut bezahlt zu werden. Nun gibt es mittlerweile Daten, die zeigen, dass Frauen inzwischen zwar nach einer höheren Bezahlung fragen, sie aber trotzdem nicht bekommen (Artz et al., 2018). Weil es vielleicht gar nicht um Female Mindsets geht, die optimiert werden müssen, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Bild von Frauen, von strukturellem Sexismus, der sich in vielen Bereichen äußert – auch in Bereichen, in denen es auf den ersten Blick gar nicht den Anschein hat.
Und ja, vielleicht ist Mindset ein unsympathisches Wort, weil es vordergründig etwas suggeriert, was es nicht ist, weil mit dem Wort ein Hauch Leichtigkeit einhergeht und die implizite Forderung sich selbst zu optimieren, selbst das eigene Glück zu formen. Von der Tellerwäscherin zur Millionärin, wenn der Wunsch und die Motivation nur hoch genug sind. Eine Welt, in der Frauen potentiell alles erreichen könnten, wenn sie nur wollten – wenn ihr Mindset stimmt. Aus wissenschaftlicher Sicht jedoch beschreiben Mindsets etwas anderes, etwas, was gar nicht so unsympathisch ist, sondern erstmal mehr oder weniger neutral erklären soll, dass Menschen die Welt unterschiedlich wahrnehmen und warum sie sich verhalten, wie sie es eben tun – und kommt dabei, anders als der gesellschaftlich-patriarchale Blick, ohne Schuldzuweisung aus (zumindest meistens).
Mindsets sind internalisierte, also verinnerlichte Denkmuster, die beeinflussen können, welche Informationen wir aus der Umwelt wahrnehmen, wie sie interpretiert werden und welche Handlungen auf Basis dieser Wahrnehmung und Interpretation vollzogen werden (Gollwitzer et al., 1990). Sie sind als eine Art mentale Brille zu verstehen, durch die Menschen ihre Umwelt sehen (Crum et al., 2013). Mindsets entstammen der Grundannahme der Psychologie, dass es keine objektive Realität gibt, sondern alles, was wahrgenommen wird – und wie es wahrgenommen wird – auf unseren vorherigen Erfahrungen beruht. Im Laufe unseres Lebens lernen wir Menschen, wie unsere Umwelt funktioniert, wir übernehmen Denkweisen, die in der Gesellschaft vorherrschend sind. Wir lernen zum Beispiel, wie Mädchen angeblich sind, nämlich weich, gefühlsbestimmt und selbstaufopfernd (Bem, 1974a), und wie Jungs sind, nämlich eher stark, durchsetzungsfähig und mutig. Wir lernen, wie sich Mädchen und Jungs und später Frauen und Männer entsprechend der vorherrschenden sozialen Normen verhalten sollen. Wir lernen Menschen hinsichtlich bestimmter Kategorien wie Abstammung, Aussehen, Geschlecht, Sexualität, Intelligenz oder was auch immer einzuordnen. Wir formen Stereotype basierend auf diesen Kategorien und diskriminieren basierend auf Stereotypen. Oder werden Betroffene von Diskriminierung.
Über Mindsets zu reden, so, wie sie aus einer psychologischen Perspektive heraus zu verstehen sind, ist also gar nicht so dumm. Denn letztlich beschreiben sie erst mal nur, dass wir unsere Umwelt durch eine gefärbte Brille wahrnehmen. So wie Verliebte angeblich alles durch eine rosa-rote Brille wahrnehmen, weil sie glücklich sind und ihre Partnerperson und damit die gesamte Umwelt idealisieren, so nehmen auch Nicht-Verliebte ihre Umwelt gefärbt wahr. Manchmal ist dies gut – so wie es das für Verliebte ist –, manchmal jedoch eher weniger, nämlich immer dann, wenn unsere Mindsets, also die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, andere Personen in ihrem Wohlergehen und ihrer Würde eingrenzen, indem wir ihnen mit Stereotypen, Vorurteilen, Stigmatisierung und Diskriminierung begegnen, oder wenn wir anderen Personen potentiell schaden, weil unser Mindset dazu führt, dass wir uns in einer weltweiten Pandemie nicht an die Infektionsschutzregeln halten.
In der Forschung gibt es eine Vielzahl von Themen, zu denen Mindsets diskutiert werden. Ein ziemlich prominentes ist das Thema Intelligenz (Dweck, 2012), das in den sozialen Medien häufig dargestellt wird und erklären soll, dass Menschen kognitive Fähigkeiten als eher begrenzt und starr wahrnehmen können (Fixed Mindset) oder als etwas Veränderbares (Growth Mindset). Letzteres wird als positiv für die Lernmotivation diskutiert. Mindsets werden aber auch in den Bereichen Selbstkontrolle (Job et al., 2010), Verschwörungstheorien (Imhoff et al., 2022) oder Geburt (Hoffmann & Banse, 2021) erforscht. Das vielleicht bekannteste Mindset, welches jedoch in der Regel nicht explizit als solches bezeichnet wird, sondern den Begriff des internalen Arbeitsmodells verwendet, ist sicherlich das Konzept der Bindung, welches insbesondere für Frauen eine Rolle spielt, weil es inhärent verwoben ist mit dem Aufziehen von Kindern, für das in den meisten Fällen Frauen verantwortlich sind.
Mindsets können sich auf das Verhalten auswirken. Zum Beispiel darauf, wie viel Selbstkontrolle ich aufwende, wenn ich von vornherein denke, dass Selbstkontrolle eine limitierte Ressource ist, nämlich weniger, als wenn ich denke, dass Selbstkontrolle unlimitiert ist (Job et al., 2010). Sie stehen damit in Zusammenhang, welches Schutzverhalten ich in einer Pandemie ausführe: Wenn ich zu einer stärkeren Verschwörungsmentalität neige, dann eher weniger als Personen mit geringerer Verschwörungsmentalität (Imhoff & Lamberty, 2020). Sie können vorhersagen, ob ich mehr oder weniger Interventionen unter Geburt benötige (Hoffmann et al., 2023a), oder im Bereich Sexismus, ob ich als linke Frau lieber einen frauenverachtenden Kandidaten (Donald Trump) wähle als eine Frau (Hillary Clinton). So zeigte eine Studie, die Daten zu den U.S.-Wahlen 2016 analysierte, dass Sexismus zwar natürlich nicht als der einzige Faktor angesehen werden kann, der für den Wahlverlust von Hillary Clinton gegenüber Donald Trump verantwortlich war, aber dennoch eine entscheidende Rolle spielte. Interessanterweise war Sexismus insbesondere für Personen mit linker politischer Orientierung ein zentraler Aspekt bei der Wahlentscheidung (Rothwell et al., 2019).
Die Autor*innen der dargestellten Forschungsarbeiten unterscheiden sich übrigens nicht nur bezüglich der unterschiedlichen mindsetbezogenen Themen, sondern auch in der expliziten und impliziten Annahme darüber, inwieweit sich Mindsets modifizieren lassen und ob dies überhaupt notwendig und ethisch vertretbar ist. Für den Bereich Geburt gehe ich davon aus, dass sich das geburtsbezogene Mindset als eher stabil darstellt. Dazu aber später mehr.
Mindsets spielen also eine Rolle in den unterschiedlichsten Bereichen. Teilweise sind diese bekannt und erforscht, teilweise noch nicht. Teilweise erfahren sie eine große Öffentlichkeit, weil Forschung in diesem Bereich gerade en vogue ist, wie vor einigen Jahren im Bereich der Selbstkontrolle und momentan der Verschwörungsmentalität. Teilweise sind die betreffenden Mindsets und ihr Effekt noch eher unbekannt.
Klassischerweise fehlt Forschung zum Mindset in den Bereichen, in denen es vor allem Frauen betrifft. Darum genau jedoch geht es in diesem Buch: um Denkmuster, die damit verbunden sind, Frau zu sein. Um Female Mindsets. Nichts an diesen Mindsets ist jedoch per se female, also weiblich, vielmehr geht es um die Frage, wie mentale Repräsentationen, also unsere verinnerlichten Annahmen und Überzeugungen eine bestimmte Kultur oder Norm der Weiblichkeit erzeugen und aufrechterhalten. Eine Kultur, in der Gleichberechtigung der Geschlechter in vielen Bereichen und Belangen nach wie vor nicht erreicht ist, eine Kultur, die also noch immer sexistisch ist – in der Wissenschaft, im Gesundheitssystem, bei der Care-Arbeit, beim Sex.
Female Mindsets sind dabei nur zu bergreifen, wenn man sich anguckt, wie stark sie in die vorherrschenden sozialen Normen der bestehenden Gesellschaft eingebettet sind, wenn man versteht, dass die Kultur der Ungleichheit sowohl von außen an Frauen herangetragen wird, aber auch durch sie und ihre verinnerlichten Denkmuster aufrechterhalten wird. Female Mindsets sind dabei übrigens nicht wirklich getrennt von Male Mindsets zu verstehen. Ich konzentriere mich in diesem Buch auf Annahmen und Überzeugungen über Frauen, letztlich sind Female und Male Mindsets jedoch spiegelbildlich komplementär, stützen und verstärken sich gegenseitig, sind beide internalisiert und beeinflussen damit das menschliche Zusammenleben mal mehr und mal weniger offensichtlich.
Ich habe direkt nach dem Abitur angefangen, Psychologie zu studieren, gerade aus der Schule, nicht ganz unvertraut mit dem Fach Psychologie, da ich es bereits als Leistungskurs in der Schule hatte. Was neu war, war der stark wissenschaftliche Zugang, die sehr starke Fokussierung auf das methodische Vorgehen, viel Statistik, viele englische Originalartikel. Das Psychologiestudium war anders als ich erwartet hatte, es war vor allem viel Auswendiglernen. Manches Mal bin ich an der Sinnhaftigkeit dahinter verzweifelt. Und dann gab es da aber die Sozialpsychologie, die mich ein bisschen gerettet hat. Weil es gar nicht ums Auswendiglernen, sondern ums Verstehen ging. Ich erinnere mich noch sehr genau an die mündliche Prüfung in Sozialpsychologie. Es ging um benevolenten Sexismus und der Prüfer fügte den Satz dazu, dass ich dazu doch bestimmt etwas zu sagen hätte. Benevolenter Sexismus beschreibt die Tendenz, Frauen stereotyp wahrzunehmen (Glick & Fiske, 1996), also als weich, aber gleichzeitig als sehr fragil und vulnerabel. Der entsprechende Fragebogen umfasst Aussagen wie die, dass Frauen von Männern umsorgt und beschützt werden sollten (ebd.). Frauen und Kinder zuerst von Bord ist vielleicht das bekannteste Beispiel für benevolenten Sexismus. Diese Form des Sexismus ist jedoch besonders schwer zu erkennen, weil sie vermeintlich wohlwollend ist, aber eben darauf beruht, dass Frauen als schwächer angesehen werden als Männer, und Männer Frauen damit überlegen sind.
Tatsächlich hatte ich etwas zu der Prüfungsfrage zu sagen, aber viel weniger als ich es jetzt hätte, und vor allem war mir bis dahin gar nicht klar, wie selbstverständlich für mich manche Dinge waren, die aber für viele Frauen gar nicht so selbstverständlich sind. Es hat etwas gedauert, mir dieses Privilegs und der damit verbundenen Selbstverständlichkeit bewusst zu werden.
Darüber hinaus ist es oft auch gar nicht so leicht Sexismus (oder jegliche Form der Diskriminierung) zu erkennen, da er manchmal sehr subtil ist, ebenso wie benevolenter Sexismus. Weil Sexismus häufig Teil der vorherrschenden sozialen Normen ist, also der expliziten und impliziten Vorstellungen, Erwartungen und Regeln für angemessenes Verhalten, welche von der Gesellschaft, Institutionen oder Gruppen aufgestellt werden (Smith & Mackie, 2007). Die Abweichung von diesen Normen hat für Personen in der Regel Konsequenzen, seien es soziale, wie zum Beispiel die Ausgrenzung der Person, oder rechtliche, wenn es zum Beispiel um die Überschreitung von Gesetzen geht. Daher sind wir bestrebt, uns innerhalb der Grenzen der festgelegten Normen zu verhalten. Auch geben soziale Normen Orientierung, welches Verhalten in bestimmten Situationen angemessen ist und unterstützen das menschliche Bedürfnis, Dinge richtig zu machen (Werth et al., 2020b). Wenn Sexismus also mehr oder weniger explizit Teil der vorherrschenden sozialen Normen ist, wenn es eine Kultur gibt, in der Frauen als weniger wert betrachtet werden, es cool ist, sie sexuell zu objektifizieren, eine bro culture vorherrscht, in der sich Männer gegenseitig helfen und Frauen damit strukturell benachteiligt sind, und es Gesetze gibt, die Frauen und ihre sexuelle Selbstwirksam beschneiden, indem zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert werden – wenn all das »normal« ist und schon Heranwachsende mit diesen Sichtweisen konfrontiert sind, verlangt es eine gewisse Sensibilität und vor allem auch Wissen darüber, was Sexismus ist, um ihn zu erkennen. Soziale Normen jedoch sind wandelbar, sie sind nicht festgeschrieben, sie sind eingebettet in kulturelle und zeitliche Gegebenheit und sie können auch die Gesetzgebung beeinflussen. Beispiele dafür sind das veränderte Gesetz zu Vergewaltigungen in der Ehe ab den 1990er Jahren oder auch die #Metoo-Bewegung der letzten Jahre.
Manchmal also benötigt es eine Veränderung des eigenen Mindsets und des eigenen Wissens, um Ungleichheit wahrzunehmen, vielleicht hervorgerufen durch die Änderung einer Situation. Dass Frauen noch nicht vollständig gleichberechtigt sind, wurde mir letztlich erst klar, als ich Mutter geworden bin. Eigentlich ist dies verwunderlich, denn wenn ich zurückblicke, kann ich viele Situationen benennen, in denen ich als Frau diskriminiert wurde – vor allem gesundheitliche Faktoren betreffend. Etwas, was nicht unüblich ist, wenn man sich Daten zum Gender-Gap in der Medizin anguckt, die verdeutlichen, wie untererforscht Krankheiten sind, die vor allem Frauen betreffen und wie häufig Frauen zum Beispiel Schmerzen abgesprochen werden – etwas, was mehr und mehr Aufsehen auch in der Öffentlichkeit erfährt (Thomas, 2024). Aber, wie beschrieben, es brauchte erst einen Mindset Shift, also eine Änderung meiner Wahrnehmung und eine stärkere Sensibilität für bestimmte Themen, um zu verstehen, welche Female Mindsets in mir und gesamtgesellschaftlich existent sind. Dieses Buch stellt einige von ihnen dar. Es soll zeigen, inwieweit Mindsets beeinflussen können, wie Frauen als Forschende wahrgenommen werden, wie und ob geschlechtsspezifische Themen und auch Krankheiten erforscht werden, wie Frauen sich und die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften und ihre Sexualität wahrnehmen, wie sie Geburt und Gewalt unter Geburt bewerten und ob sie sich schuldig fühlen, wenn sie Interventionen unter Geburt benötigt oder gewollt haben, und wie sie sich als Mutter begreifen.
Diese Themen sind relevant. Frauen sind relevant. Misogynie ist relevant. Ich schreibe dieses Buch in einem Jahr, in dem Gisèle Pelicot als feministische Hoffnung beschrieben wurde, dafür, dass sie öffentlich gemacht hat, dass sie jahrelang von ihrem damaligen Ehemann mit Medikamenten betäubt und von ihm sowie dutzenden anderen Männern jeglicher Profession und jeden Alters vergewaltigt wurde. Ein Prozess, der vor allem Frauen berührt hat, wie teilweise von Journalist*innen hervorgehoben wurde (Schläfer, 2024). Vielleicht, weil das Thema nach wie vor für viele Männer nicht wichtig ist, vielleicht weil Sexismus, Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen noch viel zu sehr Teil unserer sozialen Normen sind. Dieses Buch beschreibt Female Mindsets, die aber nur existieren können, weil sie Teil dieser Gesellschaft und deren Strukturen sind, in der Frauen immer noch benachteiligt sind – in einem unterschiedlichen Ausmaß der Sichtbarkeit.
Female Mindsets, der Titel dieses Buches suggeriert, es ginge um das Individuum, die einzelne Person, so wie häufig in der Psychologie betrachtet. Die einzelne Person, die für ihr Glück und ihre psychische Gesundheit verantwortlich ist. Von der Tellerwäscherin zur Millionärin – wenn doch nur ihr Mindset stimmen würde. Letztlich jedoch soll dieses Buch an vielen Stellen patriarchale Strukturen und damit patriarchale Mindsets sichtbar machen, die in uns allen verankert sind und die uns allen schaden – egal ob Frau oder Mann.
Mehrere Jahre habe ich in der Uni ein Seminar unterrichtet, in dem es um Theorien der Psychologie sowie um strittige Befunde ging. Was es nicht gab – und vielen der Studierenden fehlte –, waren klare Antworten. Kein: So ist das jetzt. So funktioniert das. Das oder das muss getan werden, um dieses oder jenes zu erreichen. Psychologische Wissenschaft gibt häufig keine klaren Antworten oder sie gibt sie zumindest nicht sofort, weil es sich um einen kumulativen Prozess handelt (Eronen & Bringmann, 2021).
Es werden Sachverhalte messbar gemacht, Eigenschaften Zahlen zugeordnet, um daraus Schlüsse zu ziehen. Manchmal passieren dabei Fehler, nicht selten sogar. Dann werden Aussagen nach einigen Jahren revidiert, Methoden verworfen, Empfehlungen neu ausgesprochen. Befunde, die in der Psychologie lange Zeit als Standard galten, lassen sich in neueren Studien nicht replizieren. Das heißt, die Ergebnisse zeigen sich nicht erneut, auch weil längere Zeit statistische Analysen angewendet wurden, die dazu führen, dass Ergebnisse gefunden werden, die eigentlich nicht korrekt sind – und das nicht, weil Forschende bewusst täuschen, sondern weil sie bestimmte Freiheiten in ihrer Forschung haben und Entscheidungen treffen können, die die Ergebnisse auf die eine oder andere Art beeinflussen (Simmons et al., 2011). Dass Forschungsmethoden sich verändern und verbessert werden und dass Ergebnisse und damit Empfehlungen sich ändern können und nicht starr oder beständig bleiben, ist nicht nur in der Psychologie so, sondern allgemein in der Forschung – weil Wissen wächst und sich anreichert. Häufig finden diese Prozesse für Personen, die nicht in der Wissenschaft tätig sind, eher unsichtbar statt. Während der COVID-19-Pandemie waren die Prozesse jedoch sichtbar, da zu dieser Zeit Empfehlungen schnell ausgesprochen werden mussten, um die Pandemie möglichst effizient zu bekämpfen. Die Empfehlungen änderten sich jedoch im Laufe der Pandemie. So wurde am Anfang noch kommuniziert, dass Maskentragen nicht notwendig sei, beziehungsweise, dass das Tragen von Stoffmasken ausreichend wäre. Später war klar, dass medizinische Masken sicherlich die sinnvollste Möglichkeit der Infektionsvermeidung darstellten.
Menschen im Allgemeinen und einigen im Besonderen fällt es schwer, zu akzeptieren, dass Wissenschaft nicht immer klare Antworten liefert. Das erfordert nämlich ein gewisses Maß an Ambiguitätstoleranz, also der Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeit von Situationen (und Ergebnissen) umgehen zu können. Das Bedürfnis nach klaren Antworten, ist vielen Menschen so wichtig, dass es als möglicher Grund dafür diskutiert wird, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben, weil diese im Gegensatz zur Wissenschaft klare Antworten liefern, zum Beispiel dafür, wer die Schuld für schreckliche Ereignisse hat oder wie man sie angeblich überwinden kann (Imhoff, 2020).
Zu Fehlern oder veränderten Empfehlungen in der Wissenschaft muss es fast zwangsläufig kommen, weil (psychologische) Wissenschaft nicht Dinge einfängt, die irgendwo als Wahrheiten in der Luft herumschweben. Vielmehr wird versucht, Konstrukte, zum Beispiel Persönlichkeitseigenschaften oder Mindsets, messbar zu machen, indem man Personen Fragen stellt oder ihr Verhalten beobachtet (wobei Beobachten häufig nicht wirklich Beobachten meint, sondern vielmehr, dass man misst, wie sich Menschen in computergestützten Experimenten verhalten). Wissenschaftliche Psychologie misst also nicht die Wahrheit, sondern versucht Stück für Stück diese Konstrukte einzufangen, in der Hoffnung, sich ein Stück der Wirklichkeit anzunähern; wobei diese Wirklichkeit immer nur Tendenzen beschreibt und nicht allgemeingültig auf alle Personen zutreffen muss. Letzteres ist übrigens wichtig zu wissen, denn sehr oft ist von Nichtwissenschaftler*innen als Kritik an Studien zu lesen, dass man das selbst aber anders erlebt habe und die Ergebnisse deswegen nicht stimmen könnten. Können sie trotzdem, denn es geht bei psychologischen Studien nicht um Einzelfallbeobachtungen, sondern vielmehr darum, Prinzipien abzuleiten, die für einen Großteil der Personen gelten, und optimalerweise lassen sich auch Prinzipien für das Abweichen ableiten, also für Faktoren, die aufzeigen, unter welchen Bedingungen Dinge zutreffen oder eher nicht.
Aber so verwirrend und fehlerhaft Wissenschaft auch manchmal ist, wenn sie korrekt durchgeführt wird, ist sie eines nicht: Persönliche Erfahrung – und damit zumindest ein bisschen weniger der Gefahr von Biases, also Verzerrungen in der Wahrnehmung, ausgesetzt. Denn wie bereits beschrieben, nehmen Menschen ihre Umwelt nicht objektiv wahr, sondern sind durch ihre Vorerfahrungen und Annahmen beeinflusst.
