Feministisch morden - IRENE - E-Book

Feministisch morden E-Book

IRENE

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Beschreibung

Der Feminismus tut niemandem etwas zuleide? Und Feminist*innen hassen keine Männer? Die baskische Aktivistin IRENE ergründet Gefühle, die Frauen im Patriarchat nicht zustehen. »Gewalt«, schreibt sie, »ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Doch der Feminismus gilt schon dann als extrem, wenn er friedliche Reformen fordert.« IRENE erzählt deshalb Geschichten von Frauen, die sich gegen patriarchale Gewalt schließlich auch gewaltsam gewehrt haben: wütende Frauen. Frauen, die ihre Peiniger getötet haben. Frauen, die militant gegen das Patriarchat kämpfen. Frauen, die Terroristinnen genannt werden. Ihre Porträts werfen die Frage neu auf, wie weit ein friedlicher Feminismus eine soziale Ordnung aufrütteln kann, die selbst nicht friedlich ist. »Im Gegensatz zu den Männern, die von Misogynie angetrieben töten«, so die Autorin, »töten Frauen, um zu überleben.«

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsnotiz

Dieses Buch thematisiert verschiedene Formen von Gewalt, darunter auch patriarchale und sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Es enthält Schilderungen von Machtmissbrauch, Misogynie sowie von deren psychischen und physischen Auswirkungen. Leser*innen, für die diese Inhalte belastend sein könnten, seien achtsam und mögen auf ihr seelisches Wohlbefinden achten.

IRENE

Die feministische Autorin und Bloggerin Irene ist in einer Mischung aus spanischer, baskischer und französischer Kultur aufgewachsen. 2017 zog sie nach Paris und begann, sich im Kontakt mit feministischen Kreisen als Aktivistin zu betätigen. Ihren Social Media-Auftritt benutzt sie als Werkzeug zur Demokratisierung von Ideen und zur politischen Aufklärung. Ihre Bücher sind in mehreren Sprachen erschienen.

Lena Völkening

Lena Völkening ist Sprachwissenschaftlerin, Journalistin und Übersetzerin. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin und Dozentin an der Universität Oldenburg. Als freiberufliche Autorin hat sie unter anderem für Spiegel Online, Zeit Online und den Tagesspiegel geschrieben. Für den Unrast Verlag hat sie einige Werke aus dem Französischen übersetzt. Sie ist die Autorin von Gendern. Warum wir die Flexibilität des Sprachsystems nutzen sollten.

IRENE

Feministisch morden

Kleine Abhandlung über anti-patriarchale Gewalt

Aus dem Französischen von Lena Völkening

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Irene:

Feministisch morden

1. Auflage, Mai 2025

Titel der Originalausgabe:

La Terreur Féministe

© Éditions Divergences, 2021

Translation arranged through Julie Finidori Agency

eBook UNRAST Verlag, September 2025

ISBN 978-3-95405-235-6

© UNRAST Verlag, Münster 2025

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

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Übersetzung aus dem Französischen: Lena Völkening

Umschlag: UNRAST Verlag, Münster

Satz: UNRAST Verlag, Münster

Für Irati und María Belén, ermordet am

14. Februar 2004

Für Gaspard

Für Chloé

»Magali redete viel, aber sie hatte unrecht. Eine politische Bewegung findet nur dann Anerkennung, wenn sie Tote fordert. Sonst ist es Feminismus – ein Hobby für Hausfrauen. Es braucht Gewalt. Sonst hört niemand zu.«

Virginie Despentes, Apokalypse Baby

Inhalt

Einleitung

I. Mal mir ein Bild von einer gewalttätigen Frau

Artemisia

Lisbeth

Valerie

II. Gewalt als Mittel zum Überleben

Ita

Ana

María del Carmen

Noura

III. Gewalt als politische Strategie des Feminismus

Emmeline, Christabel, Emily und die anderen

Die Rote Zora

Die Rächerin Diana

Fazit

Dank

Anmerkungen

Einleitung

Im Mai 2019 sorgt die Wochenzeitschrift Valeurs Actuelles mit einer Titelseite über »Militanten Feminismus« für einen Aufschrei im Netz. Im Ankündigungstext für die Ausgabe heißt es: »Gewalttätige Aktionen, Gendertheorie, künstliche Befruchtung, Gleichstellung, Gendern … Unsere Bestandsaufnahme über die Inquisition. Sie sind militant, nennen sich Journalistinnen und verbreiten Terror im medialen und politischen Alltag. Wir gehen dem zeitgenössischen französischen Feminismus auf den Grund, der Koalition der Verbitterten.« Möglicherweise nahm man mit der Ausgabe auf ein Dossier des der Zeitschrift nahestehenden Magazins Causeur vom Juli 2015 Bezug, das den Titel »Militanter Feminismus« trug.

Vorbehalte gegen den Feminismus gab es schon immer, und um ehrlich zu sein, haben diese sich nicht groß verändert – die Vorwürfe waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts genau dieselben wie in den 1960er-Jahren und in 2020.

In antifeministischen Diskursen ist eine Rhetorik üblich, derzufolge der Feminismus zu aggressive, zu extremistische, zu unangenehme und gewalttätige Formen annehme. Ständig liest man Artikel, in denen beklagt wird, Männer würden sich fürchten, sie könnten wegen sexueller Belästigung angezeigt werden.

In einem im Juni 2018 im Le Parisien veröffentlichten Artikel[1] sinnierte ein Journalist darüber, wie die #MeToo-Bewegung den Alltag von Männern beeinflusst hat. Da erfuhr man, dass »Thierry, ein 45-jähriger Ministeriumsangestellter, sich lieber nicht alleine mit einer Frau in einem geschlossenen Raum aufhält: ›Verboten ist es nicht, aber ich hüte mich vor falschen Schlüssen.‹« Selbiger Thierry gesteht: »Ich habe mich immer korrekt verhalten. Aber jetzt habe ich Angst davor, für einen Witz oder ein Kompliment denunziert zu werden. Man kann den Nutzern im Netz zum Fraß vorgeworfen werden.« Éric, ein Banker aus Montpellier, lamentiert: »Seit #balancetonporc[2] denke ich mir: So ein Mädel kann sich beschweren und mein Leben zerstören.«

»Mein Leben zerstören.« – Es ist natürlich vollkommen klar, dass der Vorwurf der Vergewaltigung das Leben eines Mannes zerstört. Das kann man wunderbar bei Roman Polański, Woody Allen oder auch Donald Trump sehen. Über diese Angst, in die der Feminismus die Männer versetzt, schreibt die Schauspielerin Léa Seydoux in einem im April 2020 in Harper’s Bazaar erschienen Artikel[3]: »Ich denke, Männer haben Angst […]. Es ist gut, wenn man Feministin ist. Aber wir sollten auch ›Maskulinistinnen‹ sein. Und umgekehrt.«

Aber wovor genau haben Männer Angst? Die feministische Schriftstellerin Margaret Atwood sagt es so: »Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.« Männer wagen es, davon zu sprechen, dass Feministinnen sie »kastrieren« wollen. Das Wort klingt seltsam, wenn man an die zweihundert Millionen Frauen weltweit denkt, die Genitalverstümmelungen erlitten haben. Sie benutzen das Wort »Feminazi«, ohne zu wissen, dass es in den 1990er-Jahren von dem amerikanischen Radiomoderator Rush Limbaugh popularisiert wurde, der für seine konservativen politischen Ansichten bekannt ist. Er hatte das Wort in seiner Radiosendung The Rush Limbaugh Show verwendet, um damit »eine Feministin« zu beschreiben, »für die das Wichtigste im Leben ist, sicherzustellen, dass möglichst viele Abtreibungen stattfinden[4]«. Wenn Männer von »militantem Feminismus« sprechen, dann meinen sie damit den Kampf für die künstliche Befruchtung für alle oder gendergerechte Sprache. Selbst in ihren absurden Artikeln und in ihren Fantastereien von einem Matriarchat können sich diese Herren beim besten Willen nicht vorstellen, dass Frauen sich in Gruppen organisieren könnten, um Vergewaltiger zu töten, die die Justiz weiterhin frei herumlaufen lässt.

Die Feminist*innen wiederum sagen: »Der Feminismus hat nie jemanden getötet. Der Machismus tötet jeden Tag.« Diese Worte, die von der Journalistin, Schriftstellerin und militanten Feministin Benoîte Groult stammen, gehören wahrscheinlich zu den meistzitierten in der Geschichte des Feminismus. Zitiert wurde sie zum Beispiel durch die Schauspielerin Eva Darlan im Januar 2018 in einem Artikel[5], in dem Darlan auf einen berühmten offenen Brief bekannter französischer Frauen »für das Recht auf Belästigung[6]« reagiert. Am 8. März 2020 hat wiederum Céline Piques, Sprecherin der feministischen Vereinigung Osez le féminisme (›Feminismus wagen‹), diese Formulierung aufgegriffen, als ein Journalist des Radiosenders Europe 1 ihr im Anschluss an die Proteste bei der Verleihung der Césars[7] eine Frage zu »militanten Feministinnen« stellte. Am selben Tag wurde der berühmte Satz auch von der Präsidentin der Organisation Fondation des Femmes Anne-Cécile Mailfert zitiert, diesmal in Bezug auf die gewaltsame Auflösung des feministischen Nachtmarschs am 7. März 2020 in Paris. Diesmal werden die Worte von Benoîte Groult nicht nur zitiert, sondern die militante Feministin setzt noch einen drauf: »Auch hier ist der Feminismus wieder eine extrem pazifistische Bewegung.« Der Satz ist so sehr ein Leitspruch des Feminismus geworden, dass die Historikerin und militante Feministin Florence Montreynaud ihn wortwörtlich als Titel für eines ihrer Bücher verwendet hat[8].

Aber … stimmt diese Annahme überhaupt? Hat der Feminismus wirklich nie jemanden getötet? Ist er genuin pazifistisch? Und vor allem: Müssen wir diese angebliche Gewaltlosigkeit als obersten Wert hochhalten? Sollten wir uns damit aufhalten, möglichst harmlos zu wirken und zu versuchen, die Welt von unserer Freundlichkeit und Friedfertigkeit zu überzeugen?

Was würde passieren, wenn der Feminismus wirklich militant würde? Wenn Männer anfangen würden, wirklich Angst zu haben? So richtig Angst, eine Angst, die tief sitzt und sich in die Magengrube bohrt. Denn Vernunft, Empathie und Scham bringen sie nicht dazu, dass die misogyne Gewalt, patriarchale Unterdrückung, Vergewaltigungen, sexuelle Belästigung und Femizide aufhören; die einzige Lösung könnte sein, Angst zu säen. Diese Möglichkeit hat Virginie Despentes schon einmal 2006 in ihrem Essay King Kong Theorie ins Gespräch gebracht:

Als der Film Baise-moi! aus den Kinos genommen wurde, beeilten sich viele Frauen – die Männer trauten sich nicht, etwas zu diesem Thema zu sagen –, öffentlich zu verkünden: ›Grauenvoll, man sollte auf keinen Fall glauben, dass bei Vergewaltigungen Gewalt eine Lösung ist.‹ Ach wirklich? Man hört nie, dass in den Nachrichten von jungen Frauen die Rede ist, die bei sexuellen Übergriffen alleine oder in Gruppen mit ihren Zähnen Penisse abbeißen, die die Vergewaltiger aufspüren, um ihnen den Garaus zu machen oder ihnen eine Abreibung zu verpassen. […] Aber die Frauen meinen, sie müssten es extra betonen: Gewalt ist keine Lösung. Wenn allerdings der Tag kommt, an dem Männer Angst haben, dass ihnen der Schwanz mit einem Cuttermesser zerhackt wird, wenn sie sich einer Frau aufdrängen, werden sie ganz schnell ihre ›männlichen‹ Triebe besser kontrollieren können und begreifen, was »Nein« heißt.

Wenn man es mit einem System zu tun hat, das Frauen misshandelt und teilweise sogar tötet, ist es lebenswichtig, legitim und notwendig, mit Gewalt zu antworten. In diesem Buch geht es weder um glitzernde Protestbanner noch um inspirierende Gesänge, sondern um Mord, Gewalt, Bomben und Kerosin. Ich werde schwarz auf weiß die Namen der Frauen aufschreiben, die, um im patriarchalen System zu überleben, zu den radikalsten Mitteln gegriffen haben. Und zwar früher wie heute, auf verschiedenen Kontinenten.

Ich werde euch auch nicht mit dieser typischen Manier kommen, zu betonen – oder zu bekennen –, dass »der Feminismus nie jemanden getötet hat«. Nein. Denn der Feminismus hat sehr wohl Verbrechen begangen. Und das ehrt ihn. Wenn ihr nicht dazu bereit seid, euch der Wahrheit zu stellen, unser Erbe anzuerkennen und diesen dogmatischen Glauben an einen genuin pazifistischen Feminismus fallen zu lassen, dann legt dieses Buch wieder weg.

I. Mal mir ein Bild von einer gewalttätigen Frau

Artemisia

Caravaggio, Rembrandt, Rubens, Vermeer … Die Namen vieler Maler des Barock sind in die Geschichte eingegangen. Aber wer hat schon einmal von Artemisia Gentileschi gehört? Einer Künstlerin mit erhabenem Können und Talent, dazu verdammt, in Vergessenheit zu geraten, weil sie eine Frau war.

Artemisia Gentileschi wurde 1593 in Rom geboren. Als Tochter des Malers Orazio Gentileschi – der Caravaggio nahestand – lernt sie das Handwerk von Kindesbeinen an. Frauen werden zu der Zeit an der Académie de Saint-Luc, an der viele Maler aus Rom ausgebildet werden, nicht aufgenommen. Artemisias Vater finanziert ihr also einen Lehrer, Agostino Tassi.

Im Jahr 1612 fertigt Artemisia ihr berühmtestes Gemälde an, Judith enthauptet Holofernes. Es handelt sich um eine Szene aus der Bibel, die seit der Renaissance häufig malerisch dargestellt worden ist. Orazio Gentileschi, Caravaggio, Botticelli, Mantegna und Giorgione haben sie gemalt, und Artemisia Gentileschi kannte ganz sicher einige dieser Gemälde.

Der Legende zufolge, von der das Buch Judit