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Ein isländischer Trawler gerät im Nordmeer in schweres Wetter und wird in ein fremdartiges Meeresleuchten hineingezogen, das alle elektronischen Geräte an Bord ausfallen lässt, so dass der Trawler vorzeitig nach Island zurückkehren muss. Doch die Insel hat sich auf dramatische Weise verändert, ist den Fischern und mitreisenden Wissenschaftlern sehr fremd geworden. Kaum haben sie das Land betreten werden sie von Trollen angegriffen, der Trawler von einem riesigen Meeresungeheuer in die Tiefe gezogen. Die Überlebenden irren über die Insel, auf der verzweifelten Suche nach etwas Vertrautem und Hilfe. Schließlich treffen sie doch noch auf Menschen, die ihnen keineswegs freundlich gesonnen sind. Entsetzt müssen die Schiffbrüchigen erfahren, dass sie etwa 500 Jahre in die Zukunft getragen worden sind. Ein Teil der Schiffbrüchigen will die veränderten Verhältnisse nicht akzeptieren, wendet sich gegen die Einheimischen. Doch als alle auf der Insel lebenden Gemeinschaften von einer furchtbaren, von außerhalb der Insel kommenden Gefahr bedroht werden sind vor allem der junge Fischer Askan und seine Tante, die Völva Sigrun, bereit, die Einheimischen zu unterstützen. Dabei muss der "Fenrissohn" Askan erkennen, dass nur er die erforderliche Hilfe herbeirufen kann, zu einem hohen Preis.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Dieses Buch widme ich meiner Schwester Gabriele, die mich bei meiner schriftstellerischen Tätigkeit von Beginn an mit Rat und Tat unterstützt hat und der ich zahlreiche Anregungen verdanke.
Rettung auf See
Landurlaub
Kurs Nordmeer
Der Nebel
Fremde Heimat
Trolle
Merkwürdige Begegnung
Riesengeschwister
Mývatn
Das Dorf
Schatten der Vergangenheit
Im Gemeinschaftshaus
Brynja
Die Flucht
Auf dem Hochland
Die Gerichtsverhandlung
Tödlicher Besuch
Plünderer
Das Opfer
Die neue Heimat
„Helgi, ich bekomme hier ein Signal.“ Helgi Gunnarsson, der gerade im Begriff gewesen war, die Brücke zu verlassen, wandte sich zu seinem Steuermann um und hob fragend die Brauen. „Scheint ein Notruf zu sein“, ergänzte der Steuermann und wies auf die Anzeige. „Sieht nach dem Peilsender einer Rettungsinsel aus.“
Seufzend schüttelte Helgi den Kopf. „Und das mit einem vollen Bauch“, sagte er mürrisch. „Erst die ‚Björg‘ mit ihrem Kollisionsschaden und jetzt das. Wird Zeit, dass der Fisch an Land kommt.“
Die „Lunda“, ein etwa dreiundsechzig Meter langer Trawler mit Heimathafen Heimaey, hatte einen guten Fang gemacht und in den Kühlräumen lagerten große Mengen an frischem Fisch. Ihre Eismaschine hatte auf Hochtouren laufen müssen, um so viel Fisch frischhalten zu können, und jetzt lief ihnen die Zeit davon. Der Fisch musste bald verarbeitet werden, anderenfalls drohten Verluste, die sie sich nicht erlauben konnten. Doch einen Notruf durfte man nicht ignorieren.
„Halt drauf zu“, wies Helgi seinen Steuermann an. „Hoffentlich müssen wir nicht lange suchen. Die Hilfe für die ‚Björg‘ hat uns schon zwei Tage gekostet, viel mehr muss es nun wirklich nicht sein.“
„So langsam sind wir der reinste Rettungskreuzer“, brummte Pelle Johannsson, ein stämmiger Mann mit rotblondem Haar und blassblauen Augen. „Aber die Jungs von der ‚Björg‘ waren echt froh, uns zu sehen.“
„Sie konnten vor dem Abdichten des Lecks keine Fahrt aufnehmen“, sagte der Kapitän. „Verdammtes Pech, auf einen treibenden Container zu treffen. Ohne die Eisverstärkung wären sie wahrscheinlich gesunken. So schlug der Container kein allzu großes Loch in die Bordwand. Wir sollten vor allem nachts noch mehr als sonst die Augen offenhalten, nicht dass uns was Ähnliches passiert. Treibt leider immer mehr Mist da draußen herum. Ist alles nicht gut für Schiffe, aber Container sind echt übel.“ Er schnaubte wütend. „Früher war es das Eis, jetzt ist es dieser Müll, der uns vor den Bug treibt. Eis gibt es immer weniger, Treibgut immer mehr. Was für eine Sauerei!“
Der Steuermann nickte ihm zu und konzentrierte sich wieder auf den Kurs. Helgi Gunnarsson überragte seinen Steuermann und auch alle anderen Crewmitglieder, und seine hagere Gestalt schien nur aus Muskeln zu bestehen. Sein weißblondes Haar umrahmte ein markant geschnittenes Gesicht, die tiefblauen Augen blickten klar und intensiv auf das Meer hinaus. Er war ein erfahrener umsichtiger Kapitän, der Schiff und Besatzung gut im Griff hatte. Pelle fuhr bereits auf dem zweiten Trawler mit ihm, so wie auch die meisten Männer der übrigen Besatzung. Seit der alte Trawler, auf dem sie zuvor gefahren waren, verkauft und die wesentlich modernere „Lunda“ von der Fischereigesellschaft gekauft worden war, musste sich die Crew an viele neue Maschinen gewöhnen, die dem Maschinisten viel zu computerisiert, wie er es nannte, waren. „Mensch, Helgi“, hatte Thorge Olafsson eines Tages gesagt, „was soll ich denn machen, wenn diese Dinger mal nicht funktionieren? Den alten Diesel hab ich liebevoll mit dem Schraubenschlüssel gestreichelt, dann lief er wieder, aber diese neuen Maschinen brauchen einen Computerfreak.“ Doch trotz seiner Klagen hatte er sich erstaunlich schnell in die neue Technik eingearbeitet und Helgi machte sich inzwischen keine Sorgen mehr darüber, ob sein Maschinist ihr gewachsen war. Sie fuhren jetzt seit gut fünfzehn Jahren gemeinsam zur See und vertrauten einander.
Zwei Wachwechsel später rief Pelle, der erneut Ruder ging und auf seine Ablösung wartete, den Kapitän auf die Brücke. „Da ist sie“, sagte er und wies auf die treibende Rettungsinsel. „Sieht ziemlich ramponiert aus. Die hält sich nicht mehr lange.“
Helgi nickte bestätigend, dann befahl er seinen Männern, eines der Beiboote klarzumachen und zur Rettungsinsel hinüberzufahren. „Mats und Askan, rein ins Boot mit euch. Holt die Leute da raus. Hoffentlich leben sie überhaupt noch. Ist verdammt kalt.“
Er wagte es nicht, mit dem doch recht massigen Trawler direkt an die Rettungsinsel heranzufahren; die Insel wirkte beschädigt und lag stellenweise tiefer im Wasser, als sie sollte. Das deutlich kleinere Beiboot würde weniger Schaden anrichten. „Geht klar“, rief Mats, ein erfahrener Fischer, der wie Pelle bereits auf dem alten Trawler gemeinsam mit Helgi zur See gefahren war. Askan dagegen war noch ein Jungspund; er fuhr in seinem zweiten Jahr auf der „Lunda“, besaß aber die Tüchtigkeit seines Vaters Thorge und war auf dem besten Weg, ein guter Fischer zu werden. Er war etwas kleiner und schlanker als sein hochgewachsener, kräftig gebauter Vater, doch die markanten, etwas herben Züge und das hellblonde Haar hatte er vom Vater geerbt. Auch hatte ihn die im Norden Islands verbrachte Kindheit zäh und widerstandsfähig werden lassen. Nur die ungewöhnlichen bernsteinfarbenen Augen waren weder bei seinem Vater noch bei dessen Schwester, bei der er aufgewachsen war, zu finden.
Vorsichtig steuerte Mats das Beiboot an die Rettungsinsel heran, aus deren Öffnung ihnen ein Arm entgegenwinkte. Die Schiffbrüchigen waren also noch am Leben, was den Fischer mit Erleichterung erfüllte. Leichen bergen zu müssen war alles andere als ein Spaß. „Wie viele seid ihr?“ rief er den Menschen in der Rettungsinsel auf Englisch zu. „Wir sind sieben“, antwortete ihm eine stämmige junge Frau, die nun neben der anderen Frau, die ihnen zugewinkt hatte, in der Öffnung der Insel hockte. „Ihr glaubt gar nicht, wie froh wir sind, euch zu sehen. Die Insel verliert immer mehr Luft und wird bald sinken.“
Kopfschüttelnd betrachtete der Fischer die mit einer dunklen Flüssigkeit verschmierte Kleidung der blonden Frau, die neben ihrer stämmigen Gefährtin kniete. War sie in eine Öllache hineingeraten? Dafür wirkte die Substanz eigentlich nicht dickflüssig genug. Auch einer der Männer in der Insel, ein großer kräftig gebauter Matrose, der sich als Josh vorstellte, war damit bedeckt. „Wir wurden von einem Kraken oder so etwas Ähnlichem angegriffen“, sagte die stämmige Frau, als sie den Blick des Fischers bemerkte. „Das ist sein Blut. Lange hätten wir ihn uns nicht mehr vom Hals halten können. Ihr seid gerade noch rechtzeitig gekommen und habt das Biest vertrieben.“
„Ein Krake?“ Mats runzelte skeptisch die Stirn. Wollten ihm die Schiffbrüchigen hier Seemannsgarn auftischen? Auch wenn Seeleute häufig abergläubisch waren, für einen Kraken, der aus eigenem Antrieb Boote oder eine Rettungsinsel angriff, gab es seines Wissens keine Beweise. Und doch – der zerstochene Boden der Insel, die dunkle Flüssigkeit, die angespannten, ängstlichen Mienen der Schiffbrüchigen sprachen dafür, dass hier tatsächlich ein Kampf stattgefunden hatte. Beunruhigt suchte Mats das Meer ab, doch konnte er nirgendwo etwas entdecken, das auf einen Kraken oder ein anderes gefährliches Tier hinwies. „Kommt rüber ins Boot“, sagte er kurz angebunden und half der blonden Frau, die Rettungsinsel zu verlassen, wobei er weiterhin die Meeresoberfläche im Blick behielt. Ob sie ihn nun zum Narren halten wollten oder nicht, die Rettungsinsel würde in Kürze sinken, und von daher war Eile geboten.
Askan nahm die Hand der Frau, während er versuchte, das Boot auf einer Höhe mit der Insel zu halten, und kurz darauf setzte sie sich auf die hinten im Boot angebrachte Bank, um den anderen nicht im Weg zu sein. Sie wirkte erschöpft und mitgenommen, ihre Kleidung war geradezu getränkt von der dunklen Flüssigkeit. Als Askan ihr ins Gesicht schaute, zuckte er überrascht zusammen. Bernsteinfarbene Augen erwiderten seinen Blick, ihre Züge erschienen ihm seltsam vertraut. Es war beinahe, als würde er in einen Spiegel sehen, und doch war er sicher, dieser Frau niemals zuvor begegnet zu sein. Ein Gefühl von Verbundenheit erfasste den jungen Mann, doch als er bemerkte, dass die Frau nur schweigend zu Boden sah und ihn nicht weiter beachtete, wandte er verlegen den Blick ab und half den anderen Schiffbrüchigen, einen Platz im Boot zu finden.
Bald waren weitere Schiffbrüchige ins Boot hinübergewechselt und Askan nahm Fahrt auf in Richtung Trawler. Sie mussten zweimal fahren, da das Beiboot zu klein war, um allen Schiffbrüchigen Platz zu bieten, doch es gelang ihnen, alle zum Trawler zu bringen, bevor die Rettungsinsel versank. Die Fischer halfen den erschöpften Menschen, an Bord der „Lunda“ zu gelangen, und bald saßen sie unter Deck in der Messe, wo sie der Kapitän empfing. Helgi ließ Kaffee und belegte Brote bringen, denen die Schiffbrüchigen dankbar zusprachen, kein Wunder nach mehreren Tagen in der Rettungsinsel nahezu ohne Wasser und Nahrung. Während die Geretteten aßen, ging Helgi auf die Brücke, um über Funk die Behörden auf Island zu informieren und dafür zu sorgen, dass die geretteten Menschen nach dem Einlaufen des Schiffes im Heimathafen dort abgeholt würden. Anschließend wählte er über Bordfunk die Station des Maschinisten an. „Volle Fahrt voraus, Thorge“, sagte er energisch. „Wir hätten schon längst zurück sein sollen. Die Suche nach den Schiffbrüchigen hat uns ganz schön weit nach Süden geführt; hier ist es wärmer als bei Island, ist gar nicht gut für den Fisch. Sag den Jungs, sie sollen frisches Eis auf den Fang werfen; das alte Eis dürfte bereits angefangen haben zu schmelzen. Ich bin in der Messe, falls du mich suchst. Muss mich um die Schiffbrüchigen kümmern.“
Wenig später war er zurück in der Messe und befragte die Geretteten. „Eine Monsterwelle?“ Der Kapitän betrachtete die vor ihm sitzenden Menschen voller Mitgefühl, während sie ihm berichteten, was geschehen war. Dies war der Alptraum jedes Seemanns, das Schiff hatte keine Chance gehabt. „Dazu mitten in der Nacht. Ihr habt verdammtes Glück gehabt, dass überhaupt einige von euch noch rechtzeitig von Bord gekommen sind.“
„Ragna konnte nicht schlafen und hat mich geweckt“, sagte die stämmige Frau, die Sally hieß. „Wir gingen nach oben, und da sahen wir das Unheil auf uns zukommen. Wir konnten gerade noch unsere beiden Freunde an Deck zerren und mit ihnen über Bord springen.“ Sie schwieg kurz und sah traurig auf ihre Hände. „Die anderen reagierten leider nicht auf meine Rufe“, fuhr sie schließlich fort, immer noch den Blick der sie umgebenden Menschen meidend. „Auch die anderen vier waren durch einen glücklichen Zufall trotz des Mistwetters gerade an Deck gewesen und flohen auf die gleiche Weise. Josh war so geistesgegenwärtig, eine Rettungsinsel über Bord zu werfen. Anderenfalls hätten wir es nicht lange ausgehalten in dem kalten Wasser, dazu bei dem Wetter. Der Nordatlantik ist ja nie besonders warm, aber im Januar ist er die reinste Kühltruhe.“
Vier? Einer der Schiffbrüchigen fehlte offenbar und der Kapitän hoffte, dass es dafür einen plausiblen Grund gab. „Und dieser Krake, den ihr erwähnt habt?“ Die Skepsis war Helgi deutlich anzusehen. Askan, der in einer Ecke der Messe stand und auf die Anordnungen seines Kapitäns wartete, starrte dagegen die Schiffbrüchigen fasziniert an. Er war mit den Geschichten über die gigantische Seeschlange Jörmungandr aufgewachsen, die ihm seine Tante erzählt hatte, und dies klang doch ganz nach einem solchen Ungeheuer, dem Unglauben des Kapitäns zum Trotz. Allerdings hätte Jörmungandr die Rettungsinsel wohl in einem Stück verschlungen und nicht nur Löcher in den Boden gebohrt.
Der amerikanische Matrose und die blonde Frau trugen jetzt saubere Kleidung, die ihnen die Fischer geliehen hatten, da ihre alte Kleidung zu stark verschmutzt gewesen war. Die junge Frau, die Ragna hieß, schwieg und ließ ihre Gefährten berichten, was geschehen war. Sie wirkte verunsichert, warf nur gelegentlich einem der anderen Schiffbrüchigen einen verstohlenen Blick zu. Hatte sie etwas zu verbergen? Gerne hätte Askan ein Gespräch mit ihr begonnen, doch wollte er nicht aufdringlich sein und beobachtete sie daher nur weiterhin so unauffällig wie möglich.
„Es war uns gelungen, einen Hai zu angeln“, antwortete nun ein junger bärtiger Mann auf die Frage des Kapitäns. „Und plötzlich ringelte sich ein Tentakel durch die Öffnung und stahl das restliche Fleisch. Dabei blieb es leider nicht. Als einer aus unserer Gruppe, ein Student aus Edinburgh, versuchte, den Arm daran zu hindern, schoss plötzlich ein viel größerer Arm herein, packte den Studenten und riss ihn hinunter ins Meer, bevor einer von uns reagieren konnte. Dann tasteten weitere Arme nach uns, wollten uns aus der Rettungsinsel zerren. Zum Glück hatten wir scharfe Messer dabei, mit denen griffen Ragna und Josh die Arme an, während Sally mit einer schweren Stabtaschenlampe auf einen dritten Arm einschlug. Lange hätten wir dem Biest allerdings nicht mehr widerstehen können; es war unglaublich zäh.“ Er schwieg kurz und sah nachdenklich auf den leeren Teller, der vor ihm auf dem Tisch stand. „Merkwürdig war, dass die Arme keine Saugnäpfe hatten, sondern Stacheln. Damit hat das Tier den Boden der Rettungsinsel regelrecht perforiert.“
„Und ihr habt von dem Tier nur die Arme gesehen?“ Askan war zu aufgeregt, um weiter still in seiner Ecke zu stehen. „Nicht auch irgendwas vom Körper?“ Ein strenger Blick des Kapitäns brachte ihn zum Schweigen, doch auch Helgi war neugierig auf die Antwort, das war ihm anzusehen. „Nein, nur die Arme“, antwortete diesmal ein schmächtiger Mann, der sich als Eddie vorgestellt hatte. „Die waren schon erschreckend genug. Wären Ragna, Sally und Josh nicht so mutig gegen sie vorgegangen, es würde wohl keiner von uns mehr leben.“
„Echte Kriegerinnen, die beiden, was?“ Respekt klang in Helgis Stimme mit. Dass Josh als großer kräftiger Mann eingegriffen hatte, war für ihn dagegen selbstverständlich. „Ihr werdet erschöpft sein; wir haben euch einige Kojen freigeräumt. In zwei Tagen sollten wir in Heimaey einlaufen. Sind ganz schön weit von unserem vorgesehenen Kurs abgewichen. Dort werdet ihr abgeholt und nach Reykjavik gebracht.“
Die Schiffbrüchigen bedankten sich von ganzem Herzen bei ihrem Retter, doch dieser winkte ab. „Das war selbstverständlich. Erholt euch, und wenn ihr was braucht, sagt Bescheid.“ Er sah zu Askan hinüber, der die Geretteten noch immer wie gebannt beobachtete. „Starr keine Löcher in die Luft, Junge, sondern bringe unsere Gäste zu ihren Kojen. Sie werden froh sein, sich auf einer Matratze ausstrecken zu können.“ Damit waren die Schiffbrüchigen entlassen und Askan winkte ihnen zu, ihm zu folgen. Er hätte gerne noch zahlreiche Fragen gestellt, doch der strenge Blick des Kapitäns bedeutete ihm, die Gäste in Ruhe zu lassen. Also führte er sie zu ihren Unterkünften und stieg dann an Deck hinauf.
Dort fielen seine Kameraden geradezu über ihn her und bombardierten ihn mit Fragen. Als jüngstes Mitglied der Besatzung stand er nur selten im Mittelpunkt, und so genoss er es, einmal mehr zu wissen als die älteren Kameraden. Alle Crewmitglieder waren neugierig, was den Geretteten zugestoßen war, und als die Sprache auf den Kraken kam, erschauderten sie wohlig. Das klang nach den alten Geschichten von Seefahrern, die gegen Ungeheuer aus dem Meer gekämpft hatten. „Ist das auch wahr, Junge?“ Selbst Thorge war an Deck gekommen, um zuzuhören, doch der skeptische Blick, den er seinem Sohn zuwarf, schüchterte diesen in keiner Weise ein. „Genau so haben die das erzählt“, sagte er mit Nachdruck. „Frag Helgi. Der hat das auch gehört.“
„Und genau dieser Helgi sagt euch jetzt, geht wieder an die Arbeit.“ Unbemerkt hatte sich der Kapitän der an Deck versammelten Gruppe genähert. „Mats, los rauf auf die Brücke. Wird Zeit, dass Pelle abgelöst wird. Geht schon viel zu lange Ruder. Habt ihr neues Eis auf den Fang geworfen? Falls nicht, macht das auf der Stelle. Und du, Thorge, solltest eigentlich deinem Baby Dampf machen. Ich will endlich unseren Fang an Land bringen.“
„Mein Baby braucht momentan keine Streicheleinheiten“, brummte Thorge gelassen. „Das tuckert ganz gemütlich vor sich hin. Und wenn du es noch so sehr antreibst, schneller wird es uns nicht nach Hause bringen. Oder bist du scharf auf einen Motorschaden?“
„Bloß nicht!“ Helgi schüttelte mit gespieltem Entsetzen den Kopf. „Mir reichen unsere bisherigen Zwangsumwege. Mats!“ Der Fischer, der gerade die Treppe zur Brücke hinaufstieg, wandte sich dem Kapitän zu. „Solltest du irgendwelche ominösen Funksignale hören, ignoriere sie. Jetzt dürfen auch mal andere den Retter in der Not spielen.“
Alle lachten, zumal sie wussten, dass der Kapitän dies nicht ernst gemeint hatte. Er würde eher eine Ladung verdorbenen Fisch in Kauf nehmen als einem Schiff in Not seine Hilfe verweigern. Auch wenn er sein Gewissen gelegentlich den wirtschaftlichen Zwängen, unter denen alle Trawlerbesatzungen standen, unterordnen musste, so war er doch durch und durch Seemann und hielt sich an den Ehrenkodex unter Seeleuten, was ihm nicht nur den Respekt seiner eigenen Crew einbrachte.
Zwei Tage später liefen sie im Hafen von Heimaey ein, wo bereits ein Behördenvertreter wartete, um die Schiffbrüchigen nach Reykjavik zu begleiten. Nach nochmaligen Dankesbezeugungen ließen sich die Schiffbrüchigen zur Fähre führen, die sie zur Hauptinsel bringen würde. Die Fischer sahen der zur Fähre hinübergehenden Gruppe nur kurz nach; sie brannten darauf, endlich den Fisch anlanden zu können, zumal bereits Männer mit Rollwagen auf dem Kai warteten, mit denen sie den Fisch in die Halle bringen wollten. Allein Askan verfolgte ihre Abreise; diese Ragna ging ihm nicht aus dem Kopf, und das nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Augenfarbe. Er hätte gerne mit ihr gesprochen, doch hatte sich hierfür keine Gelegenheit ergeben. Achselzuckend wandte er sich schließlich ab und half seinen Kameraden beim Anlanden des Fangs. Bald waren alle Fische in der Halle verschwunden und die Fischer begannen, die Laderäume mit Hilfe von Schläuchen auszuspritzen und das Deck aufzuräumen. „Das war’s“, sagte Helgi zufrieden zu seinen Männern, nachdem alle Arbeiten erledigt waren. „Ist noch mal gutgegangen. Unsere Prämie ist uns sicher. Jetzt geht’s ab in den Landurlaub. Die nächsten beiden Wochen darf sich Einars Crew auf dem Meer den Hintern abfrieren.“
Thorge und Askan packten ihre Sachen und gingen zur Fähre hinüber, die nun auch sie zur Hauptinsel bringen sollte. Obwohl sie in Heimaey ein kleines Haus besaßen, würden sie zum Hof von Thorges Schwester fahren, der ganz im Norden Islands lag, was eine gut sechs- bis siebenstündige Fahrt immer entlang der Ringstraße bedeutete. Wie üblich im Januar, war es bereits dunkel, obwohl der Nachmittag gerade erst begonnen hatte, und sie mussten eine Weile warten, bis die nächste Fähre anlegte und sie aufnahm. Ihr Auto stand auf dem Parkplatz in Landeyjahöfn auf dem Festland, und nachdem sie dort eingetroffen waren, warfen sie eilig ihre Taschen in den Kofferraum und stiegen ein. Sie würden sich während der Fahrt ablösen und durchfahren, da sie unterwegs nicht übernachten wollten. Zwei Wochen Urlaub lagen vor ihnen, dann würde die Fischereigesellschaft sie wieder auf das Meer hinausscheuchen. Doch daran dachten die beiden jetzt noch nicht. Auch wenn auf dem Hof immer viel zu tun war und die Männer Thorges Schwester bei der Arbeit halfen, würden sie den Aufenthalt dort genießen. Vor allem Tante Sigruns leckeres Essen, dachte Askan vergnügt. Kurz darauf verließ der Wagen den Parkplatz und machte sich auf den Weg zur Ringstraße und einer langen Fahrt im Dunkeln immer an der Küste entlang.
Zufrieden seufzend schob Askan seinen Teller zurück. Ein großartiges Essen, bestehend aus Fischragout mit Kartoffeln und Pilzen und einer Tomatensuppe, lag hinter ihnen. Jetzt waren sie beim Kaffee angelangt; zwei große Kannen standen auf dem Tisch, daneben ein Teller mit eingerollten Pönnukökur, den hauchdünnen isländischen Pfannkuchen, und Kleinur, dem traditionellen Schmalzgebäck. Auch eine Schüssel Skyr mit Heidelbeeren und einen Teller mit dem unvermeidlichen getrockneten Fisch hatte Sigrun dazugestellt. Die beiden Männer waren erst spät auf dem Hof eingetroffen, hatten noch eine Kleinigkeit gegessen und waren dann zu Bett gegangen. Am nächsten Morgen hatte Sigrun die vierzehnjährige Erla und einige Nachbarkinder zur Schule nach Husavik gebracht, was sie mit Einkäufen verband. Die abgelegenen Höfe wechselten sich damit ab, die Kinder zur Schule zu fahren und sie auch wieder abzuholen, und heute war Sigrun an der Reihe gewesen.
Auf dem Hof fühlte Askan sich zu Hause. Nach dem frühen Tod seiner Mutter hatte Sigrun sich um das Kind gekümmert und es aufgezogen. Obwohl Thorge seinen Sohn liebte, war er zu unruhig, sich um ein kleines Kind zu kümmern, und überließ Askans Erziehung gerne der älteren Schwester, vor allem nachdem er vor etwa fünfzehn Jahren die Arbeit auf dem Hof zugunsten der Fischerei aufgegeben hatte. Zu dieser Zeit kaufte er auch das kleine Haus in Heimaey, um nicht bei jeder Hafenliegezeit des Trawlers die lange Fahrt zum Hof machen zu müssen, ließ Askan aber auf dem Hof, da er dort gut versorgt war. Als ältestes von drei Kindern hatte Sigrun nach dem Tod der Eltern 1993 den Hof übernommen und sich um Birkir, den jüngsten Sohn der Familie, der zu dieser Zeit gerade einmal neun Jahre alt war, gekümmert. Nach dessen Unfalltod vor fünf Jahren übernahm Sigrun auch die Vormundschaft für seine Tochter Erla, deren Mutter die Familie nach nur zwei Jahren Ehe wieder verlassen hatte und nach Dänemark, ihrer Heimat, zurückgekehrt war. Sie hatten nie wieder von ihr gehört. Nach Birkirs Tod hatte Thorge versucht, Mette zu finden, doch ohne Erfolg. Also blieb Erla auf dem Hof und wurde von ihrer Tante großgezogen. Sigrun selbst war nie verheiratet gewesen. „Wie hätte ich denn noch Zeit haben sollen für einen Mann und eigene Kinder?“ hatte sie einmal Askan anvertraut. „Zuerst musste ich für Birkir sorgen, dann für dich und jetzt für Erla. Das sind nun wirklich Kinder genug.“
Sigrun Olafsdottir war eine beeindruckende Frau, geachtet bei ihren Freunden und Nachbarn, und von Thorge, Askan und Erla, der ihr verbliebenen Familie, geliebt. Hochgewachsen und stark wie Thorge, mit den gleichen markanten Gesichtszügen und hellblondem Haar, das inzwischen leicht von Grau durchzogen war, bewirtschaftete sie erfolgreich den kleinen Hof, wobei ihr Erla half, wenn sie nicht gerade zur Schule ging. Sie züchtete Islandpferde und hielt sich auch eine kleine Herde der zähen Islandschafe. In einem durch einen starken Drahtgitterzaun geschützten Gehege direkt hinter dem Wohnhaus lebte zudem ein kleines Hühnervolk. Der Zaun war dringend erforderlich; die normalerweise eher scheuen Polarfüchse versuchten immer wieder mal ihr Glück bei den Bauern und hätten längst alle Hühner getötet, wären sie an die Vögel herangekommen. Zusätzlich vermietete Sigrun im Sommer zwei kleine Wohnungen, die sich in einem Gebäude neben dem Haupthaus befanden, an Feriengäste, ein willkommenes Zubrot, das mithalf, die Familie über Wasser zu halten. Wintergäste hielten sich eher in Dalvik und dem angrenzenden Skigebiet auf. Es kam nur selten vor, dass sich während der dunklen Jahreszeit Übernachtungsgäste auf Sigruns Hof verirrten. Doch zählte man noch Thorges und inzwischen auch Askans Heuer hinzu, ging es der Familie wirklich gut.
Ein großer Teil der Achtung ihrer Nachbarn resultierte aus Sigruns tiefgehendem Wissen um die Naturheilkunde. Häufig zogen die Menschen der benachbarten Höfe und umliegenden Siedlungen bis hinunter nach Husavik und sogar aus Akureyri und Hólar bei leichten Erkrankungen einen Besuch bei ihr der Hilfe eines der niedergelassenen Ärzte vor. Außerdem gab es nur wenige Menschen in der Region Nordurland eystra, die so bewandert waren in den alten Überlieferungen, Sagen und Mythen wie Sigrun Olafsdottir. Vor allem in der dunklen Winterzeit hatte Askan nie genug bekommen können von ihren Erzählungen, die von Heldentaten und Zauber, von Göttern und Ungeheuern berichteten, und so war seine Kindheit erfüllt von Träumen, die ihn selbst als Krieger mit einem mächtigen Schwert zeigten, im Bug eines der legendären Drachenschiffe stehend und zu Abenteuern in fernen Ländern aufbrechend.
Wenn Askan heute, mit seinen nun achtzehn Jahren, an diese Träumereien zurückdachte, musste er unwillkürlich lächeln über seine damalige Naivität. Seefahrt bedeutete vor allem harte Arbeit und Entbehrungen, schweres Wetter und die Sorge, ausreichend Fisch anlanden zu können, damit die Fischereigesellschaft zufrieden war und nicht auf den Gedanken kam, das Schiff, auf dem man fuhr, außer Dienst zu stellen, weil es sich nicht mehr rentierte. Die „Lunda“ war ein neues Schiff, erst drei Jahre alt, doch lag ständig die Drohung in der Luft, die Mannschaften, die sich mit den Fahrten auf den Trawlern der Gesellschaft abwechselten, zu reduzieren. Bisher hatte Helgi Gunnarssons gute Nase für Fischschwärme, die jedes technische Ortungsgerät übertraf, das verhindern können, doch wer wusste schon, was die Zukunft bringen würde. Die Überfischung und Verschmutzung der Meere machte sich immer mehr bemerkbar; selbst Helgi war einige Male mit nur halb vollen Kühlräumen heimgekehrt. Doch da er noch immer einer der erfolgreichsten Trawlerkapitäne war, würde die Gesellschaft wohl eher andere Mannschaften entlassen als seine Crew.
„Gib mal den Teller mit den Pönnukökur rüber“, bat Thorge seinen Sohn und nahm gleich zwei der eingerollten Pfannkuchen, als die Platte vor ihm stand. „Sind wirklich lecker, Sigrun. Die macht niemand besser als du.“
„He, die habe ich gebacken“, protestierte Erla und knuffte ihren Onkel kräftig in die Seite. „Na gut, Sigrun hat etwas geholfen, aber die Hauptarbeit habe ich gemacht.“
Thorge lächelte ihr zu und stopfte sich den Rest eines Pfannkuchens in den Mund. „Gehst ganz nach ihr“, nuschelte er undeutlich. Nachdem er hinuntergeschluckt hatte, wischte er sich den restlichen Zucker von den Lippen und lehnte sich zurück. „Weißt du schon, was du nach der Schule machen willst?“ fragte er das schlanke hochgewachsene Mädchen, das neben ihm saß. „Askan wollte unbedingt mit mir zur See fahren, aber du hast bestimmt andere Pläne.“
Erla zuckte mit den schmalen Schultern. „Vielleicht studieren, mal sehen. Aber nur, wenn Sigrun dann andere Hilfe auf dem Hof bekommt. Allein geht das nicht, vor allem nicht in der Touristensaison.“
Das Leben im rauen Norden der Insel hatte auch das junge Mädchen geprägt. Sie dachte pragmatisch und hatte, anders als seinerzeit Askan, keinerlei Sinn für Träumereien. Sobald sie aus der Schule kam, packte sie mit an und war Sigrun eine große Unterstützung auf dem Hof. Die Schulaufgaben erledigte sie am Abend. „Du hast einen klugen Kopf“, sagte Sigrun und ihr Blick, der auf Erla ruhte, war voller Stolz. „Ein Studium wäre das Beste für dich. Eine Hilfe für den Hof finde ich schon.“
„Ist ja noch Zeit, bis ich das entscheiden muss“, erwiderte Erla ein wenig unwirsch. Obwohl sie zierlicher gebaut war und feinere Gesichtszüge besaß als Sigrun, ein Erbe ihrer dänischen Mutter, besaß sie den gleichen starken Willen und die Durchsetzungsfähigkeit wie ihre Tante. Sie wusste, dass alle erwarteten, sie würde die Oberschule besuchen und anschließend studieren, weshalb sie auch eine entsprechende Bemerkung gemacht hatte, doch insgeheim wünschte sie sich kein anderes Leben, als wie sie es jetzt führte. Sie liebte den Hof, die Arbeit mit den Tieren, die Begegnung mit den Sommergästen, die sie nicht nur versorgte, sondern mit denen sie auch gerne angeregte Gespräche führte. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Gleichaltrigen weckten diese Kontakte in ihr keine Sehnsucht nach fernen Ländern. Sie hatte einmal gemeinsam mit ihrem Onkel Reykjavik besucht und entschieden, dass ihr die ruhige Gegend, in der Sigruns Hof lag, besser gefiel. Damit war sie auch in ihrer Klasse die Ausnahme. Sigrun, der dies entgegen Erlas Annahme wohlbekannt war, machte sich gelegentlich Sorgen, da ihr eine solche Einstellung unpassend für eine junge Frau erschien. Sie selbst hatte keine Wahl gehabt; ihr war schon früh die Verantwortung für den Hof und die Familie aufgebürdet worden, und wie selbstverständlich hatte sie sich in dieses Schicksal gefügt. Doch Erla hatte eine Wahl, und Sigrun fand, dass das junge Mädchen sich zumindest ein wenig umsehen sollte in der Welt, bevor sie sich dann vielleicht entschied, auf dem Hof zu bleiben.
Nachdem Sigrun die Hühner in den Stall gesperrt hatte, die selbst im Winter für einige Zeit in das Freigehege durften, wenn sie dies wollten, setzte sich die Familie an den großen Wohnzimmertisch und spielte bis zum Schlafengehen Karten. Anders als bei vielen anderen isländischen Familien kam in diesem Haus kein Brennivin oder anderer Alkohol auf den Tisch. Der Schock über Birkirs tödlichen Unfall, der unter Alkoholeinfluss geschehen war, wirkte noch nach, und auch die beiden Männer verzichteten zumindest in Gegenwart der Frauen auf das Trinken von Alkohol. Askan fand ohnehin nur wenig Geschmack daran, und Thorge wollte nicht den Zusammenhalt der kleinen Restfamilie gefährden und hielt sich ebenfalls zurück. Nur außerhalb des Hofes trank er gelegentlich mit Schiffskameraden oder Nachbarn einige Gläser. Birkirs Alkoholsucht hatte dessen Ehe zerstört, Mette fortgetrieben und Erla quasi zur Waise gemacht. Das sollte in dieser Familie nicht noch einmal geschehen.
Die zwei Wochen Landurlaub vergingen viel zu schnell. Die Männer erledigten vor allem handwerkliche Arbeiten, die auch im Winter möglich waren, während die Frauen sich um die Tiere kümmerten und den Haushalt erledigten. Thorge und Askan genossen ihre Fürsorge und das gute Essen, doch gegen Ende des Urlaubs wurden sie langsam unruhig. Vor allem Thorge zog es wieder aufs Meer hinaus; er war mit Leib und Seele Seemann, während sich Askan hin- und hergerissen fühlte zwischen Trawler und Hof. Er mochte beides, das harte Leben auf See und die raue Kameradschaft der Fischer sowie das beschauliche bäuerliche Leben. Doch er wusste, dass seine Heuer der Familie half, gut über die Runden zu kommen, weshalb er den Gedanken an ein anderes Leben verdrängte.
„Hattest du auf dem Schiff irgendwelche Schwierigkeiten?“ Sigrun saß gemeinsam mit Askan am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Thorge war nach Husavik gefahren, um dort Einkäufe zu tätigen und auch gleich Erla und einige Nachbarskinder mit zurückzubringen, sobald die Schule vorbei war. Askan wusste genau, worauf sich die Frage seiner Tante bezog. „Nein, bisher nicht“, antwortete er in beruhigendem Tonfall. „Hat noch keiner bemerkt. Und Vater sagt natürlich nichts.“
„Gut.“ Sigrun warf eine geschälte Kartoffel in den neben ihr stehenden Topf und nahm gleich eine neue in die Hand, um auch sie zu schälen. „Heute würde dich zwar mit großer Wahrscheinlichkeit niemand mehr deswegen töten, aber Menschen wie du wurden zu allen Zeiten zwiespältig gesehen. Manche nannten euch Fenriskinder, wusstest du das? Und die Sagen um den Fenriswolf kennst du ja. Wie alle Geschöpfe, die in Verbindung mit den Riesen standen, symbolisierte auch dieses Wesen die wilden Naturkräfte, und die Erfindung ganzer Göttergeschlechter, die diese Riesen töteten oder bändigten, war der Versuch der Menschen, diese Naturgewalten zu kontrollieren oder doch zumindest die Illusion von Kontrolle zu erzeugen. Es geht immer um Macht und Kontrolle, Askan, nicht nur in der nordischen Mythologie.“
Askan nickte nachdenklich. „Wenn du auf See bist, der Sturm tost und die Wellen drohen, das Schiff unter Wasser zu drücken, dann möchte man gerne an mächtige Götter glauben, die einen vor dem Untergang bewahren können. Riesen sind plötzlich keine Sagengestalten mehr, sondern türmen sich über dir auf, um dich zu zerschmettern, und zerren an dir, um dich zu zerreißen. Auch wenn Odin und sein Gefolge später durch den Christengott ersetzt wurden, das Prinzip ist das gleiche geblieben. Heute rufen die Seeleute eben den allmächtigen Gott und vielleicht noch irgendwelche Heiligen an, sie zu retten; früher waren es andere Götter.“
Sigrun lächelte ihm anerkennend zu. Auch wenn sich Askan entschlossen hatte, nach Abschluss der Gesamtschule zur See zu fahren, anstatt eine höhere Schule zu besuchen, so bedeutete dies nicht, dass er weniger intelligent war als Erla. Ihm lagen praktische Tätigkeiten einfach mehr als eine akademische Laufbahn. „In unserer Familie gab es immer wieder mal Fenriskinder“, sagte sie. „Du hast dies offenbar von deinem Vater vererbt bekommen, auch wenn er selbst keines ist. Wir können nicht wissen, wie deine Schiffskameraden reagieren würden, sollten sie von deiner Besonderheit erfahren. Mag sein, dass es sie gar nicht stört. In unserer Geschichte und Mythologie kommen häufig Wolfskrieger oder Berserker vor. Auch wenn sie wohl meistens gewöhnliche Menschen waren, die sich in Ekstase wie wilde Tiere aufführten, und keine echten Tiermenschen, würde dies vielleicht die Akzeptanz dir gegenüber erhöhen. Es könnte aber genauso gut passieren, dass sie sich von dir bedroht fühlen und dich wie einen Aussätzigen behandeln.“
„Ich weiß“, seufzte Askan und reichte Sigrun weitere Kartoffeln an, als diese darum bat. „Ich brauchte ja selbst einige Zeit, damit klarzukommen, dass ich anders bin als alle anderen Menschen, die ich kenne. Und manchmal ist es nicht leicht, den Wolf in mir unter Kontrolle zu halten. Auf See gelingt mir das überraschend gut, vielleicht weil die harte Arbeit dort meine Kräfte beansprucht.“ Er lehnte sich zurück und schien durch die Wand hindurch in die Ferne zu sehen. „Auf der letzten Fahrt ist etwas Merkwürdiges passiert. Vater hat dir ja erzählt, dass wir Schiffbrüchige aus einer Rettungsinsel geborgen haben. Unter ihnen war eine junge Frau, deren Augen genauso aussahen wie meine. Skandinavischer Typ, wie wir, aber einige Jahre älter als ich. Sie hatte gemeinsam mit einer anderen Frau und einem Matrosen gegen ein Seeungeheuer gekämpft, wahrscheinlich einen Kraken, der die Rettungsinsel angegriffen hatte. Die Schiffbrüchigen meinten, unser Schiff hätte das Biest vertrieben.“ Wieder unterbrach er sich und sah in eine Ferne, die nur er sehen konnte. „Wirklich merkwürdig. Sie wirkte nicht besonders kräftig, da waren andere in der Insel, die für einen Kampf eher geeignet erschienen, und doch sah ihre Kleidung aus, als hätte sie sich förmlich auf das Biest gestürzt.“ Er räusperte sich und lächelte verlegen. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste sie kennen, was natürlich Unsinn ist. Aber da war so eine Art Verbundenheit zwischen uns, die ich mir nicht erklären konnte.“
Sigrun fühlte einen Schauer über ihren Rücken laufen. Alle Fenriskinder hatten bernsteinfarbene Augen gehabt, das war sozusagen ihr Erkennungsmerkmal, aber es gab auch andere Menschen mit solchen Augen, die nicht zu dieser Gruppe gehörten. Und doch… Nun richtete sich Sigruns Blick in die Ferne, doch nicht auf etwas, das sie gesehen oder erlebt hatte, sondern in Dimensionen, die nur wenige Menschen erreichen konnten. Ihr Geist suchte auf diese Weise nach Antworten, durchdrang das Gespinst von Raum und Zeit. Vielleicht standen sie und ihr Neffe sich deshalb so nahe; sie beide fielen aus dem Rahmen des als normal Geltenden, wussten, wie es war, anders zu sein.
Askan schwieg ehrfürchtig, als er den entrückten Blick der Tante bemerkte, und wartete darauf, dass sie aus den geistigen Welten zurückkehrte, in die sie manchmal reiste. Was sie dort wohl sah? Auch wenn Askan schärfere Sinne und feinere Instinkte besaß als seine Mitmenschen, die Ebenen, die Sigruns Geist erreichte, waren ihm verschlossen.
Schon seit einiger Zeit hatte Sigrun das Gefühl, dass eine große Gefahr auf die Menschheit zukam, und diese Begegnung ihres Neffen erschien ihr wie ein Zeichen, auch wenn sie es noch nicht deuten konnte. Selbst die Gefahr, die sie fühlte, hielt sich vor ihr verborgen; Sigrun spürte sie näherkommen, konnte aber nicht erkennen, worum es sich handelte. Sie wusste nur, dass der Krake, der die Rettungsinsel angegriffen hatte, damit zusammenhing, zumal Kraken normalerweise kein solches Verhalten an den Tag legten. Und die Träume der letzten Monate waren erfüllt gewesen von hellgrünen Augen, die sie voller Hass anstarrten.
Sie schüttelte verwirrt den Kopf und kehrte in das Wohnzimmer zurück, aus dem ihr Geist sich für eine kurze Zeit entfernt hatte. „Das muss nichts bedeuten“, sagte sie leise zu ihrem Neffen, der sie erwartungsvoll ansah. „Ich bin sicher, nicht nur Fenriskinder haben bernsteinfarbene Augen. Und Thorge hat nie erzählt, dass er Vater von Kindern aus vorehelichen Beziehungen ist, obwohl er in Kanada sicher nicht im Zölibat gelebt hat.“
Weshalb habe ich das gesagt? fragte Sigrun sich verwundert. War das wieder eine Ahnung, die ich aber nicht belegen kann? Es wäre durchaus möglich, dass Thorge, der kein Kostverächter war, was die holde Weiblichkeit betraf, in seinen Jahren in Kanada einer Frau ein Kind gezeugt hatte, auch wenn er nie etwas Derartiges erwähnte. Und dass dieses Kind wie Askan ein Fenriskind war… Erneut schüttelte sie den Kopf, diesmal energisch, um sich zur Ordnung zu rufen. Das war nun wirklich sehr weit hergeholt und sie verfolgte diesen Gedanken besser nicht weiter.
Den letzten Abend auf dem Hof verbrachte die Familie bei gutem Essen, fröhlichem Geplauder und erneut einem Kartenspiel. „Erla“, sagte Sigrun plötzlich, während sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte, „pack einige Sachen zusammen. Ich habe Magnus Halvarsson und seine Frau gebeten, sich um den Hof und die Tiere zu kümmern. Es wird Zeit, dass du mehr von Island zu sehen bekommst als nur unseren Hof, Husavik und Reykjavik. In der Schule habe ich dich bereits entschuldigt. Wir werden zuerst Thorge und Askan nach Heimaey begleiten; ich habe den neuen Trawler noch nicht gesehen. Sobald die ‚Lunda‘ abgelegt hat machen wir eine Rundreise, ich denke so etwa zwei Wochen lang. So gerne ich hier lebe, ich brauche einen Tapetenwechsel, und dafür eignet sich der Winter am besten, da dann weniger Touristen auf der Insel sind. Und du kommst mit, keine Widerrede.“
Drei erstaunte Augenpaare ruhten auf ihr. „Geht das denn?“ wandte Erla zaghaft ein. „Ich meine, dass ich so lange von der Schule fortbleibe? Wirklich, Sigrun, das musst du nicht für mich tun. Ich bin hier ganz zufrieden.“
„Viel zu sehr zufrieden“, erwiderte Sigrun energisch. „Du musst mal etwas anderes sehen, ich übrigens auch. Es geht also nicht nur um dich. Wir winken den beiden Männern nach, sobald sie in See stechen, sehen uns dann Heimaey an, zum Beispiel die Überreste des letzten großen Vulkanausbruchs, und setzen dann auf die Hauptinsel über.“ Der Blick, den sie ihrem Bruder zuwarf, duldete keinen Widerspruch. „Nachdem wir euch am Schiff abgesetzt haben und zur Hauptinsel zurückgekehrt sind, nehmen Erla und ich den Wagen, den braucht ihr ja erst einmal nicht mehr. Sobald ihr zum Hof kommen wollt hole ich euch ab.“
„Gute Idee.“ Es war Thorge anzusehen, dass er diesen plötzlichen Entschluss noch nicht ganz verdaut hatte, doch er war es gewohnt, seiner älteren Schwester zu folgen. Und weshalb sollte sie nicht für einige Zeit verreisen? Viele Jahre lang war sie regelrecht an den Hof gefesselt gewesen. Wenn jemand einen Urlaub verdiente, dann sie.
Sie gingen früh zu Bett, da sie am kommenden Morgen zeitig aufbrechen wollten. Askan fiel es schwer einzuschlafen; der bevorstehende Abschied drückte auf sein Gemüt. So gerne er auf dem Trawler gemeinsam mit seinem Vater zur See fuhr, das Leben auf dem Hof war ebenfalls Teil von ihm, das er nur ungern verließ. Schön, dass Sigrun und Erla noch bis zum Schiff mitkommen würden. Ich sehe den Hof ja bald wieder, sagte er sich, allerdings ohne echte Überzeugungskraft. Er besaß zwar nicht Sigruns seherische Fähigkeiten, doch seine feinen Instinkte schienen ihn vor einer bevorstehenden Gefahr warnen zu wollen. Verdammt, murmelte er leise in sein Kissen hinein. Was nützen mir Ahnungen, wenn ich nicht weiß, was sie mir sagen wollen? Ob es seiner Tante ebenso erging? Müde verkroch er sich tiefer unter der warmen Decke und schlief endlich doch ein, wobei er, im Gegensatz zu Sigrun, von bedrohlichen Träumen verschont blieb.
„WAS sollen wir tun?“ Pelle sprach aus, was der ganzen Mannschaft durch den Kopf ging, die vor ihrem Kapitän auf dem Deck der „Lunda“ stand. „Helgi, wir sind ein Trawler, kein Passagierdampfer. Können die nicht einfach einen kleinen Frachter oder sowas nehmen? Ich möchte nicht auf meinen Anteil an der Fangprämie verzichten müssen.“
Zustimmendes Gemurmel war zu hören und Helgi hob ruhegebietend eine Hand. „Jonsson ist mit dem Professor befreundet und hat ihm Hilfe versprochen.“ Dass er den Familiennamen des Geschäftsführers der Fischereigesellschaft verwendete zeigte deutlich, was er von dem Mann hielt. Auf Island war es üblich, sich mit dem Vornamen anzusprechen. Den Familiennamen verwendete man nur bei Menschen, zu denen man auf Distanz bleiben oder denen man seine Antipathie deutlich machen wollte. „Da hängt jetzt ein ganzer Haufen Wissenschaftler in Reykjavik herum, aus aller Herren Länder, will losfahren und dann gibt der Motor des Forschungsschiffes den Geist auf. Der Kahn muss in die Werft und wird dort wohl länger bleiben müssen. So lange können die Eierköpfe aber nicht warten. Also hat Jonsson zugesagt, dass wir einspringen werden. Die ‚Lunda‘ ist ein neues Schiff, mit massiver Eisverstärkung, die wir auch brauchen werden vor Grönland und noch weiter nordwärts. Dorthin will die ganze Meute nämlich, irgendwelche Forschungen durchführen.“
„Hoffentlich nicht zu nahe ans Eis heran“, warf Mats ein. „Wir haben Anfang Februar, da ist dort alles noch dicht. Ein Eisbrecher ist unsere Lady nun auch wieder nicht.“
Thorge spuckte zornig über die Reling und starrte den Kapitän mit zusammengekniffenen Augen an. „Und wie lange soll diese nette kleine Kreuzfahrt dauern? Wir sind nicht für Passagiere eingerichtet. Wo sollen die schlafen? Wer versorgt die?“
Helgi hielt dem wütenden Blick seines Maschinisten stand. „Keine Diskussionen mehr, die Sache ist beschlossen. Unser Herr hat gepfiffen, wir haben zu folgen. Jonsson hat wohl eure Reaktion vorausgesehen; auch für diese Fahrt wird es eine Prämie geben, sogar eine höhere als üblich. Damit will er uns wohl die Sache versüßen.“ Er lehnte sich mit verschränkten Armen an den Aufgang zum Ruderhaus und sah streng in die Runde. „Es werden neun Wissenschaftler sein, darunter auch Professor Svensson von der Universität Island und einer seiner Kollegen. Neun von euch räumen ihre Kojen und ziehen in einen der Kühlräume; wir hängen dort Hängematten auf. Muss mal gehen für eine Fahrt. In dem anderen Kühlraum lagern wir die Messinstrumente und andere Ausrüstung der Wissenschaftler, außerdem den zusätzlichen Proviant. Und nein, wir können auf keinen von euch verzichten. Ihr werdet nicht nur für die Schiffsführung gebraucht, sondern auch zur Unterstützung der Wissenschaftler bei ihrer Arbeit, vor allem bei der, die Muckis verlangt. Svensson als Geologe ist zwar sicher kein Weichei, aber bei Eisbedingungen werden mehr Hände als gewöhnlich gebraucht. Ole wird ebenfalls Unterstützung brauchen, da er nun für deutlich mehr Leute kochen muss. Ich versuche, jemanden zu finden, der ihm dabei hilft, vielleicht einen Koch von einem der anderen Trawler. Und die jüngeren von euch helfen beim Auftragen und so.“
„Aber trockenlegen müssen wir die nicht, oder?“ fauchte Thorge, immer noch zornig und auf Krawall gebürstet. Trotz seiner einundfünfzig Jahre hatte er Mühe, sein heftiges Temperament unter Kontrolle zu halten, wenn ihm etwas nicht passte. Helgi wusste, dass hier nur eines half. „Halt die Klappe, Thorge“, fuhr er den Maschinisten an. „Du machst es uns nicht leichter mit deinem kindischen Benehmen. Wir haben keine Wahl. Denk an die schöne Prämie, die wir nach unserer Rückkehr erhalten werden. Das sollte euch allen helfen, einfach mal die Zähne zusammenzubeißen und zu tun, was erforderlich ist. Vielleicht macht es euch ja sogar Spaß und ihr jammert hier völlig grundlos herum.“
Das saß, und es kamen keine weiteren Einwände. Sigrun und Erla hatten den Trawler besichtigt und dann der Diskussion zugehört. Kurz entschlossen ging Sigrun auf Helgi zu und baute sich vor ihm auf. Sie wusste selbst nicht, weshalb sie das tat, doch sie war sicher, dass es richtig war. Solche Eingebungen stellte sie nicht in Frage, sie handelte einfach danach. „Wenn du einverstanden bist fahre ich als zweite Köchin mit“, sagte sie energisch. „Ich koche gut, das werden dir Thorge und Askan bestätigen. Und Erla kann ebenfalls helfen; sie ist ein tüchtiges Mädchen, das harte Arbeit gewohnt ist. Ich wollte schon immer mal eine Fahrt auf einem Trawler mitmachen, doch weiß ich, dass Passagiere auf Fischfang eher im Weg sind. Doch dies ist ja keine gewöhnliche Fahrt.“ Sie sah zu dem Mädchen hinüber, das neugierig die Fischer beobachtete, die das Schiff zur Abfahrt bereit machten. „Erla muss unbedingt mal etwas anderes sehen als den Hof, mit interessanten Menschen zusammenkommen, und das dürfte bei einem Haufen Wissenschaftler aus aller Welt gegeben sein. Wir hätten also beide etwas davon.“
