Machtwechsel - Lilliane Köckritz - E-Book

Machtwechsel E-Book

Lilliane Köckritz

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Beschreibung

Woher kommen die großen affenähnlichen Wesen, die erbarmungslos jeden Menschen zerreißen, der ihnen begegnet? Regierung und Militär sind gleichermaßen ratlos. Als nach einer Weile die sporadischen Überfälle auf abgelegene Siedlungen und Höfe wieder aufhören, wollen alle gerne glauben, dass die Gefahr vorüber ist. Doch dann zeigt der Feind sein wahres Gesicht: Ganze Horden fallen über Städte und Dörfer her, das Militär scheint machtlos, die Menschen wehrlos einem grausamen Gegner ausgeliefert. Es hat den Anschein, als wollten diese Kreaturen den Menschen die Herrschaft über die Erde abnehmen und sie vollständig auslöschen. Eine Gruppe von Freunden flieht vor dem überall wütenden Tod quer durch das Land, auf der Suche nach einem Ort, der ihnen Sicherheit bietet. Doch gibt es einen solchen Ort überhaupt? Auf dem Weg zu einer möglichen Antwort müssen die Freunde feststellen, dass sie sich in ihren Gegnern gründlich getäuscht haben und die schlimmsten Feinde oft in den Reihen der eigenen Art zu finden sind.

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Seitenzahl: 684

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ich widme dieses Buch

Sir David Attenborough,

der uns die Schönheit, aber auch Fragilität der Erde

und ihrer Bewohner nahegebracht und nie aufgehört hat,

einen fürsorglichen, verantwortungsbewussten

Umgang mit der Natur anzumahnen.

Inhaltsverzeichnis

Der Hof im Wald

Onkel Fong

Banditen

Exkursion

Schiffbruch

Die Rettungsinsel

Zukunftspläne

Der Angriff

Die Wölfe

Nadelstiche

Krieg

Flucht

Badon Hall

Neue Gefährten und ein alter Feind

Die Hütte im Moor

Irrfahrt

Seeschlange

Kintyre

Der Überfall

Winterzeit

Überfahrt

Überlebenskampf

Verschwundene Welt

Rakai

Carracán

Die Armee

Der Kampf

Abschied

Evolution

Der Hof im Wald

Dunkelheit, immer wieder Dunkelheit, seit vielen Jahren. Tagsüber schlief sie; das war sicherer. Erst wenn am Abend die kühleren Winde in die Höhle drangen und sie weckten, witterte sie vorsichtig in den Wald hinein, um sicherzugehen, dass keine Gefahr drohte. Ihre scharfen Augen durchdrangen mühelos die Dämmerung, sahen selbst in der Nacht fast ebenso deutlich, als würde die Sonne hoch am Himmel stehen. Das war schon immer so gewesen und sie stellte dies nicht in Frage, auch wenn ihr nicht entgangen war, dass andere Menschen dazu offenbar nicht in der Lage waren. Sie war hier noch nicht vielen Menschen begegnet, doch stolperten diese gewöhnlich in der Dunkelheit durch den Wald, als wären sie blind. Wohl deshalb trugen sie stets diese grell leuchtenden Lampen bei sich, wenn sie nach ihr suchten.

Das geschah nicht oft, denn nur im Winter war sie manchmal gezwungen, ihren Hunger in ihren Ställen zu stillen. Dann blieb die Jagd nicht selten über viele Tage hinweg erfolglos, da sie der tiefe Schnee behinderte und ihre Beute dazu zwang, sich schutzsuchend in Höhlen und Löchern zu verbergen, wo sie nur schwer aufzustöbern war. Frisch gefallener Schnee löschte ihren Geruch, und sie suchte dann oft vergeblich ihre Witterung. Selbst eine erfahrene Jägerin wie sie versagte an solchen Tagen und dann blieb manchmal nur der Gang hinunter ins Tal, zu den Höfen der Menschen. Sie verstand ihren Zorn, wenn sie ihnen ein Huhn oder Kaninchen stahl, doch hatte sie zu solchen Zeiten keine andere Wahl, wollte sie nicht verhungern.

Bisher hatte sie es vermeiden können, von ihnen gesehen zu werden. Auch verwischte sie stets sorgfältig ihre Spuren. Sie mussten glauben, ein Fuchs oder Marder hätte sie heimgesucht, und sie gab sich die größte Mühe, sie in diesem Glauben zu belassen. Zu schmerzhaft waren ihre Erinnerungen an Zusammenstöße mit Menschen, die sie fürchteten oder sogar hassten. Verschwommen waren diese Erinnerungen, aus ihren ersten Lebensjahren, doch hatte sich das Gefühl von Ablehnung, ja Abscheu, das ihr entgegengebracht worden war, in ihr Gedächtnis gebrannt wie heißes Eisen. Indem sie die Menschen mied, wich sie auch dem Schmerz der Zurückweisung aus, der Gefahr, erneut um ihr Leben fürchten zu müssen.

Sie hockte bewegungslos in dem gut verborgenen Höhleneingang und sog die Luft tief ein. Keine fremde Witterung lag in ihr, nur der Geruch von Erde, Bäumen und vertrauten Tieren. Nur selten verirrten sich Menschen in diese abgelegene Gegend, weshalb sie sie zu ihrer Heimat gemacht hatte. Sie witterte erneut, dann huschte sie lautlos durch das Gebüsch, das die Höhle tarnte, und tauchte in den Schatten der Bäume ein. Immer wieder blieb sie stehen, um zu lauschen und zu wittern, bis sie endlich eine vielversprechende Fährte fand. Nur kurze Zeit später durchbohrten ihre Krallen das zappelnde Opfer, ein junges, noch unerfahrenes Kaninchen, und ein Biss ihrer scharfen Zähne tötete es. Gierig schlang sie das noch warme Fleisch hinunter, bevor der Geruch frischen Blutes andere Raubtiere anlocken konnte, und nur wenige Minuten später ließ sie die abgenagten Knochen zu Boden fallen. Auch wenn ihre Kraft mit fortschreitendem Alter zunahm, so war sie doch einem Wolf oder gar Bären noch nicht gewachsen. Sie hätten ihr mühelos ihre Beute streitig machen können.

An einem Bach löschte sie ihren Durst. Sie genoss das gute Gefühl der Sättigung, und nachdem sie nochmals in die Runde gewittert hatte, ohne eine Gefahr ausmachen zu können, ließ sie sich im Gras nieder, den Rücken an den Stamm einer alten Buche gelehnt. Gedankenverloren leckte sie noch einmal ihre Krallen ab, bevor sie sie in die im Handrücken liegenden Hülsen zurückgleiten ließ. Drei dolchartige Krallen waren es an jeder Hand, die zwischen den Knöcheln der Hände hervorkamen, sobald sie die Hände zu Fäusten ballte. In entspanntem Zustand schienen es normale menschliche Hände zu sein, mit Fingernägeln und gut verborgenen Hülsenöffnungen; nur die Hülsen selbst wölbten sich leicht aus der Haut hervor wie dicke Adern, was aber nur bei genauem Hinsehen auffiel. Achtete sie ebenfalls darauf, den Mund nicht zu weit zu öffnen, sodass ihre Reißzähne verborgen blieben, schien sie ein ganz normales Mädchen zu sein. Doch sie war nicht normal, das war ihr nur allzu bewusst, weshalb sie dieses verborgene Leben fernab von den Menschen führte.

Über ihr funkelte ein prächtiger Sternenhimmel, und sie überlegte, ob sie diese glitzernde Pracht wohl berühren konnte, wenn sie auf einen hohen Baum klettern würde. Sie hatte nie eine Schule besucht; woher sollte sie wissen, dass diese schimmernden Punkte weit entfernte Sonnen waren, die der Mensch vielleicht niemals würde erreichen können. Die Erinnerungen aus den ersten Jahren ihres Lebens, die sie noch unter Menschen verbracht hatte, drehten sich um die Welt ihres Stiefvaters und dessen Söhne, die sie von sich gestoßen und schließlich beschlossen hatten, sie zu töten. Nur der Instinkt des Tieres, das in ihr lebte, hatte sie gerade noch rechtzeitig fliehen lassen.

Eine Brise trug einen neuen Geruch zu ihr. Prüfend sog sie die Luft ein und schnaubte unwillkürlich. Eindeutig ein Mensch, männlich, schon älter, aber noch gesund. Ihre Gedanken waren nie sehr komplex, eher Bilder und Gefühle, doch ihr Geruchssinn übertraf selbst den der besten Spürhunde. Der Mann war noch weit entfernt, auf der anderen Seite des Baches, und ohne Eile zog sie sich in ein dichtes Gebüsch zurück, das hinter der Buche wuchs. Dort hockte sie mit funkelnden Augen und wartete auf den Eindringling, der ihre Ruhe störte.

Die Laute der nachtaktiven Tiere erfüllten die Niederung, durch die der Bach floss, doch als sich Schritte näherten, verstummten viele von ihnen. Die gleiche Anspannung und Nervosität, die sie erfüllten, war auch bei den Tieren des Waldes zu spüren. Ein Mensch bedeutete Gefahr; selbst wenn er kein Gewehr trug, reichte seine bloße Anwesenheit aus, die Tiere fliehen oder sich verbergen zu lassen. Dass der Mann, der nun sichtbar wurde, alt, klein und von wenig beeindruckender Statur war, hatte dabei keine Bedeutung. Nur große Raubtiere würden einen solchen Menschen eher als Beute denn als Gefahr begreifen; alle anderen Tiere zogen es vor, sich zurückzuziehen.

Der Alte hockte sich am Bach nieder und trank lange und ausgiebig. Dann ließ er sich im Gras nieder und sah sich prüfend um. Sein Blick glitt auch über das Gebüsch, doch bemerkte er die darin verborgene Beobachterin nicht. Diese fletschte verärgert die Zähne und hoffte, der Mensch würde möglichst schnell wieder verschwinden. Ihre Nerven bebten und ihre Angriffslust wuchs mit jedem Moment, den der Eindringling in ihrem Revier verbrachte. Doch neben dem Zorn wuchs auch die Neugier in ihr; der Mann sah ganz anders aus als alle anderen Menschen, denen sie bisher in dieser Gegend begegnet war. Die Haut hatte eine andere Farbe, die Augen eine andere Form, als sie es von den Menschen im Tal her kannte.

Ein leises Fauchen entrang sich unwillkürlich ihrer Kehle und ließ den alten Mann hochschrecken. Jetzt war sein Blick auf das Gebüsch gerichtet, in dem sich seine Beobachterin verbarg, doch blieb er ruhig sitzen und wartete, ob sich das noch unsichtbare Wesen zeigen würde. Dieses bleckte zwar die Zähne, beschloss aber, kein Risiko einzugehen. Vielleicht besaß der Mann doch ein Gewehr oder eine andere Waffe, die ihr gefährlich werden könnte. Da war es besser abzuwarten, was der Mensch tun würde.

Auch der Alte wartete, doch als sich in den Büschen nichts rührte, stand er nach einer Weile auf und ging langsam den Weg zurück, den er gekommen war. Seine Beobachterin atmete erleichtert auf, und als der Mann zwischen den Bäumen verschwunden war, verließ sie ihre Deckung. Neugierig sah sie dem Alten hinterher. Der Fremde hatte keinerlei Aggressivität oder Furcht ausgestrahlt, sondern einen Frieden, wie er ihr bei Menschen noch nie begegnet war. Als würde sie an einem unsichtbaren Band gezogen, begann sie, dem alten Mann zu folgen, jeden Schritt vorsichtig setzend und immer wieder witternd verharrend. Sie glaubte, nur sichergehen zu wollen, dass der Fremde ihr Revier auch wirklich verließ, doch der wahre, ihr nicht bewusste Grund war die in ihr brennende Sehnsucht nach genau diesem Frieden, den sie in dem alten Mann gespürt hatte, nach Nähe, die ohne Schmerz, Hass und Furcht war.

Bald erreichten sie die Grenze ihres Reviers und sie zögerte, dem Fremden weiter zu folgen. Doch schließlich huschte sie weiter von Baum zu Baum, vergrößerte etwas den Abstand, ohne den alten Mann dabei aus den Augen zu verlieren. Dieser trat für einen Menschen erstaunlich leise und behutsam auf, als wollte er es vermeiden, den Frieden des nächtlichen Waldes zu stören. Auch ging er trotz fortgeschrittenen Alters leicht und mühelos über den unebenen Waldboden; seine Bewegungen waren eher die eines jungen Mannes, was seine Verfolgerin in Erstaunen versetzte. Zugleich erhöhte diese Beobachtung ihre Wachsamkeit; sie würde sich nicht vom Alter des Fremden täuschen lassen dürfen, was die von ihm möglicherweise ausgehende Gefahr betraf. Auch alte Wölfe und Bären konnten tödlich sein.

Bald war sie weiter von ihrem Revier entfernt als je zuvor, und ihre Wachsamkeit nahm mit jedem Schritt zu. Sie überlegte gerade, doch lieber umzukehren, da erreichten sie eine Senke, in der sich eine kleine Hofstelle befand. Ein massiv wirkendes Wohnhaus war von einigen kleinen Schuppen und Ställen umgeben, alles aus Holz erbaut, weshalb es aussah, als sei der Hof Teil des Waldes. Ein Hof der Menschen mitten im Wald? Sie sog die Luft ein und prüfte die von den Gebäuden herüberwehenden Gerüche. Kein weiterer Mensch, nur der alte Mann, der jetzt auf das Wohnhaus zuging und kurze Zeit später die Tür hinter sich schloss. Zwei Ziegen, ein Schwein, einige Hühner, eine Katze, das war alles, was sie wahrnehmen konnte. Vorsichtig schlich sie zum Wohnhaus hinüber, aus dessen Fenstern jetzt Licht drang, und duckte sich unter einem Fensterbrett hindurch, um nicht gesehen zu werden. Doch bevor sie weiter zu den Ställen schleichen konnte, ließ sie ein lautes Fauchen zusammenzucken und unwillkürlich in Angriffsstellung gehen. Die Katze hockte auf einem Sims über dem Fenster, das sie gerade hinter sich gelassen hatte, und ihre Augen glühten in der Dunkelheit zu ihr hinunter. Gereizt fauchte sie zurück; dieses Tier bedeutete keine Gefahr für sie, war ihr nur lästig. Ein großer Hund hätte eher ein Problem bedeutet.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war die augenblickliche Reaktion des alten Mannes auf das Fauchen. Bevor sie sich verstecken konnte, war der Alte aus dem Haus getreten und stand jetzt nur wenige Meter von ihr entfernt. Er hielt eine Laterne in der Hand, deren Licht den Hof in gelbliches Licht tauchte, und sah die unerwartete Besucherin forschend an. Diese duckte sich zum Sprung, die langen scharfen Krallen ausgefahren und die Reißzähne im Licht der Lampe weiß schimmernd, doch bevor sie tatsächlich angreifen konnte, senkte der Alte die Lampe und lächelte ihr freundlich zu. Verwirrt verharrte sie, weiter bereit zum Angriff, doch schien hierfür keine Notwendigkeit zu bestehen. Die Katze sprang jetzt vom Sims herab und strich dem Alten schnurrend um die Beine, gab vor, den späten Gast zu ignorieren, doch sie wusste, dass die Katze sie keinen Augenblick aus den Augen ließ. So hätte sie sich jedenfalls verhalten und sie ging davon aus, dass dieses kleine Raubtier nicht anders handeln würde.

„Du bist mir schon die ganze Zeit über gefolgt“, stellte der Alte mit weicher angenehmer Stimme fest. Trotz seines fremdartigen Aussehens verwendete er die Sprache der Talbewohner. „Hast dich gut versteckt, aber ich habe deine Anwesenheit gespürt. Du warst sehr geschickt, doch um mich alten Fuchs überlisten zu können musst du noch viel lernen.“ Er schmunzelte, als er den Zorn in den Augen seiner Besucherin sah; nun wusste er, dass diese ihn verstand. „Willst du nicht hereinkommen? Ich habe gerade Teewasser aufgesetzt und etwas zu essen habe ich auch für dich übrig.“

Die Freundlichkeit des Alten tat ihr gut, besänftigte ihren Zorn und weckte zugleich ihr Misstrauen. Weshalb sollte ihr Nahrung angeboten werden? Was führte der Alte im Schilde? Argwöhnisch sah sie zum Haus hinüber, versuchte abzuschätzen, welche Gefahren dort auf sie warten mochten, doch spürte sie nichts, das sie bedrohte. Der Alte schien es ehrlich zu meinen mit seiner freundlichen Einladung. Gewöhnlich konnte sie Lügen und Falschheit erkennen; in ihrem Elternhaus hatte sie viel Gelegenheit gehabt, diese Gabe zu üben. Langsam senkte sie die Hände, entspannte sich aber nicht völlig; auch die Krallen ließ sie ausgefahren. Nahrung, die sie nicht erst erjagen oder stehlen musste, war ein verlockendes Angebot, und sie hoffte, dass sie nicht als Köder für eine Falle diente. Doch etwas in ihr wollte dem Alten glauben, der ihr aufmunternd zulächelte und dann ins Haus zurückkehrte, wobei er die Tür einen Spalt weit offen stehen ließ. Die Katze folgte ihm mit geschmeidigen Schritten und huschte in die einladende Wärme des Hauses, die bis auf den Hof hinausstrahlte und das Mädchen mit ihrer Gastlichkeit einlud, sich ihr ebenfalls anzuvertrauen.

Immer noch zögerte sie, witterte nervös zum Haus hinüber. Menschen bedeuteten ihrer Erfahrung nach nicht nur Gefahr, sondern auch viel Kummer. Doch dieser alte Mann strahlte eine Wärme und Güte aus, wie sie ihr bisher nie begegnet waren, und ihre Sehnsucht, sich diesem fremden Empfinden zu nähern, stieg von Minute zu Minute. Als schließlich der köstliche Geruch bratenden Specks zu ihr drang, hielt sie es nicht mehr aus, und sie huschte ebenfalls durch den Spalt ins Haus hinein, ließ die Tür aber offen stehen, damit sie schnell wieder fliehen konnte, sollte hierfür die Notwendigkeit bestehen.

Ein schlicht, aber behaglich eingerichteter Raum erwartete sie, ein flackerndes Kaminfeuer und Geschirr auf einem robusten Holztisch. Der Geruch von Tee war ihr nicht fremd; auch ihre Mutter hatte ihn gelegentlich getrunken, während ihr Stiefvater Kaffee vorzog. Doch der Duft von Speck und Eiern, die der Alte in einer Pfanne auf einem gusseisernen Herd briet, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vorsichtig näherte sie sich dem Tisch, auf dem bereits eine große Kanne Tee und Brot standen. Zwei Teller standen dort, luden sie ein, sich am Tisch niederzulassen, und zögernd setzte sie sich auf einen der Stühle, die den Tisch umgaben. Ihre Blicke huschten zwischen dem alten Mann, der jetzt zu ihr herüber kam und aus der Pfanne eine große Portion Eier und Speck auf ihren Teller schaufelte, und der offenen Tür hin und her. Nachdem er auch sich selbst bedient und der Katze, die vor dem Kamin hockte, einen Futternapf hingestellt hatte, brachte der Alte die Pfanne zurück zum Herd und setzte sich ebenfalls an den Tisch.

„Greif ordentlich zu“, ermutigte der alte Mann sie und brach sich selbst ein Stück Brot ab. Auch schenkte er sich und seinem Gast Tee ein. „Falls du nicht deine Krallen zum Essen benutzen willst – hier ist eine Gabel. Ich weiß, man sagt uns Chinesen nach, wir essen alles mit Stäbchen, aber für diese Art von Nahrung sind Messer und Gabel viel praktischer.“ Er winkte dem Mädchen mit seiner eigenen Gabel zu und demonstrierte ihr, wie sie den Speck zu schneiden und dann aufzuspießen hatte. Zögernd ahmte ihn das Mädchen nach, und als sie den ersten Mundvoll Speck schmeckte, fiel endlich die Anspannung von ihr ab. Sie schlang das Essen hinunter, als würde sie befürchten, der Alte könnte es ihr wieder fortnehmen, was dieser schmunzelnd beobachtete. „Nimm auch Brot“, lud er sie ein. „Und lass den Tee nicht kalt werden. Es wäre schade um ihn. Es ist gar nicht einfach, in dieser Wildnis guten chinesischen Tee zu bekommen. Der Händler in der Siedlung gibt zwar sein Bestes, doch nicht immer kann er mir den Tee besorgen, den ich am liebsten mag. Manchmal muss ich mit indischem Tee vorlieb nehmen. Pah, indischer Tee! Und dazu in Beuteln! Aber was nimmt man nicht alles in Kauf für seine kleinen Schwächen.“

Es klang empört, als sei dies eine Zumutung, doch das Mädchen bemerkte den Humor in seinen Worten. Vorsichtig nippte sie an ihrer Tasse und beschloss, schon nach dem ersten Schluck, dass sie dieses Getränk mochte. Der Alte kaute langsam und genüsslich, und erst, nachdem er seinen Teller geleert hatte, lehnte er sich zufrieden zurück und sah zu dem Mädchen hinüber, das Brot in sich hineinstopfte und es mit Tee hinunterspülte. Er ahnte, dass sein Gast nicht immer Nahrung fand und deshalb die gute Gelegenheit nutzte, sich richtig satt zu essen. „Hast du einen Namen?“ fragte er nach einer Weile freundlich und schenkte dem Mädchen Tee nach. „Ich heiße Liu Fong. Du kannst mich entweder Herr Liu oder Onkel Fong nennen.“ Nachdenklich kratzte er sich hinter dem Ohr, dann lächelte er verschmitzt. „Ich glaube, Onkel Fong wäre mir lieber. Dieses ‚Herr’ klingt so förmlich und steif.“

Jetzt war es an dem Mädchen, nachdenklich die Stirn kraus zu ziehen. Name? Sie kannte ihren Körper, ihre Fähigkeiten und Gefühle, doch was war Name? Da sie beim besten Willen kein Brot mehr hinunter bekam und ihr Bauch von dem vielen Tee bereits gluckerte, lehnte auch sie sich zurück und dachte angestrengt über die Frage des Alten nach. Da sie mehrere Jahre ohne die Last intensiven Denkens gelebt hatte, stiegen die Erinnerungen, die eine Antwort bergen mochten, nur langsam und zäh in ihr auf. Ihr erster Versuch, nach Jahren ohne menschlichen Kontakt wieder zu sprechen, erzeugte vorerst nur ein Gurgeln, doch nach einer Weile bekam sie die Stimmbänder besser in den Griff. „Vieh?“ fragte sie mit einem deutlich knurrenden Unterton. Als der Alte sie nur verwundert ansah, versuchte sie andere Wörter, an die sie sich erinnern konnte, Wörter, die einen Bezug zu ihr zu haben schienen. „Ungeheuer?“ Die Verwunderung des Alten nahm deutlich zu, nun jedoch vermischt mit Trauer und Mitgefühl. Das Mädchen schloss die Augen, um sich besser erinnern zu können. Bisher schien das Gesuchte noch nicht gefunden worden zu sein, wenn sie die Reaktion des alten Mannes richtig deutete. Auch bereitete ihr das Sprechen noch immer Probleme; vielleicht sprach sie die Worte falsch aus? „Unglück?“ versuchte sie es erneut, „Dämon?“ Offenbar war sie nicht in der Lage, dem alten Mann eine befriedigende Antwort zu geben, und so gab sie es schließlich auf, nach weiteren Wörtern zu suchen. Das Nachdenken war mühsam und ihr Kopf hatte zu schmerzen begonnen. Im Wald, in ihrer Höhle musste sie nie viel denken, konnte sich ganz auf ihre scharfen Sinne und Instinkte verlassen. Sie hatte ganz vergessen, wie schwer es sein konnte, ein Mensch zu sein, und sie war sich nicht sicher, ob sie in ein solches Leben zurückkehren wollte.

„Wenn es dir recht ist, nenne ich dich Mei.“ Die sanfte Stimme des alten Mannes strich wie ein warmer Wind über sie hinweg. „Meine leider bereits verstorbene Schwester trug diesen Namen. Ich möchte dich nicht immer nur Mädchen nennen müssen.“ Der Alte stand auf und begann, den Tisch abzuräumen, wobei er sich bemühte, das Mädchen sein tiefes Mitgefühl nicht sehen zu lassen. Aus was für einem Hause musste sie stammen, dass dies die einzigen Worte waren, an die sie sich erinnern konnte? Sie war ein ungewöhnliches Kind und ihre natürlichen Waffen konnten einem schon Angst einjagen, doch zumindest ihre Mutter hätte doch für sie eintreten müssen. Kein Wunder, dass sie offenbar fortgelaufen war und sich wohl schon seit Jahren in der Wildnis verbarg.

Nachdem der alte Mann das Geschirr in die Spüle geräumt hatte, wies er auf den Kamin, in dem das Holz zwar herabgebrannt war, die Asche aber noch immer eine wohlige Wärme ausstrahlte. „Ich lege dir einige Felle und Decken hierher, auf denen du schlafen kannst. Das ist sicher behaglicher als im kühlen Wald, zumal es gerade begonnen hat zu regnen. Ich schließe die Tür nicht ab; du kannst also jederzeit gehen, wenn du es möchtest. Ich würde mich aber freuen, wenn du noch eine Weile bleibst.“

Verunsichert sah das Mädchen zu ihm hinüber. Weshalb war dieser alte Mann, Onkel Fong, so freundlich zu ihr? Die wenigen Menschen, denen sie bisher begegnet war, hatten sie stets mit Abscheu und Furcht betrachtet oder sogar fortgejagt. Ihr Stiefvater hielt sie wie eine Gefangene, die die Nachbarn nicht zu Gesicht bekommen sollten, und die Menschen im Tal jagten sie, weil sie ihre Hühner und Kaninchen stahl. Das Verhalten der Talbewohner konnte sie verstehen, aber es war doch nicht ihre Schuld, dass sie mit Krallen und Reißzähnen sowie außergewöhnlich scharfen Sinnen geboren worden war. Onkel Fong schien dies nicht zu stören; er beachtete es nicht einmal. Auch strahlte er weder Furcht noch Abscheu aus, ganz im Gegenteil. Das verunsicherte das Mädchen zutiefst und ließ sie unschlüssig auf ihrem Stuhl verharren.

Als der alte Mann das Zögern seines Gastes bemerkte, legte er einige weiche Felle und Decken vor den Kamin, bevor er die Tür schloss, um die Kälte und Nässe der Nacht auszusperren. Das warnende Knurren des Mädchens ignorierend ging er auf eine Tür im hinteren Bereich des Raumes zu, um sich zur Ruhe zu begeben, wandte sich aber noch einmal in der offenen Tür nach dem Mädchen um. „Schlafe gut, Mei. Morgen früh sprechen wir darüber, ob du wieder in den Wald zurückkehren oder lieber mir altem Mann Gesellschaft leisten und vielleicht das eine oder andere von mir lernen möchtest. Die Tür ist nicht abgeschlossen, wie ich es versprochen habe. Solltest du morgen fort sein weiß ich, dass du dich für dein altes Leben im Wald entschieden hast. Bist du noch da, sprechen wir über deine mögliche Zukunft.“ Er lächelte verschmitzt, als er fortfuhr. „Auf jeden Fall kann ich dir ein gutes Frühstück versprechen.“ Mit diesen Worten verschwand er in seiner Schlafkammer und ließ ein verwirrtes Mädchen zurück, deren Blicke zwischen der nun geschlossenen Schlafzimmertür und der Haustür hin- und herwanderten.

Die Decken, der Kamin, die Aussicht auf ein gutes Frühstück – wollte sie darauf verzichten? Würde sie jetzt zu ihrer Höhle zurückkehren, wäre sie völlig durchnässt, bevor sie ihr auch nur nahe gekommen war. In der Höhle erwarteten sie Kälte und Einsamkeit und bald auch wieder der Hunger. Vor allem die Einsamkeit – bisher hatte sie gar nicht bemerkt, wie sehr sie sich nach freundlicher Gesellschaft gesehnt hatte. Mit einem letzten Blick auf die Haustür kuschelte sie sich in die Felle vor dem Kamin, zog die Decken über sich und beschloss, das Risiko einzugehen, vielleicht erneut von einem Menschen betrogen zu werden. Sollte der alte Mann sich letztendlich doch als ihr Feind entpuppen, nun, sie hatte immer noch ihre Krallen und Zähne sowie sehr viel Kampferfahrung. Mit diesem tröstlichen Gedanken schlief sie schließlich ein, geborgen in der Wärme des gastlichen Hauses, während draußen der Regen auf den Wald niederprasselte und ihn zu einem sehr ungemütlichen Ort machte, den sie vielleicht nie wieder ihr alleiniges Zuhause würde nennen müssen.

Onkel Fong

Am Morgen des darauffolgenden Tages regnete es noch immer, wie Mei sofort beim Erwachen feststellte. Die Katze lag neben ihr, an ihren warmen Körper geschmiegt, und räkelte sich behaglich. Ihre gelben Augen musterten sie prüfend, dann erhob sie sich und ging zur Schlafzimmertür hinüber, um maunzend ihr Frühstück einzufordern. Ein lautes Gähnen war zu hören, dann erschien Onkel Fong mit zerstrubbeltem Haar und einem alten Morgenmantel, den er über seinen Pyjama gezogen hatte. Er lächelte still in sich hinein, als er das Mädchen vor dem Kamin sah. Das Kind wirkte heute viel entspannter und schien zu zögern, die Wärme der Decken zu verlassen. Wie lange sie wohl schon allein lebt? fragte Fong sich. Sie hat lange nicht gesprochen; sie stolperte förmlich über die ersten Worte, bevor sie sie klar artikulieren konnte. Doch Sprechen gelernt hat sie. Sie muss also zumindest einige Jahre lang unter Menschen gelebt haben.

Er gähnte erneut, während er den Wasserkessel füllte und auf den Herd setzte. Nachdem er auch die Glut im Kamin geschürt und durch einige Holzscheite das Feuer wieder entfacht hatte, wurde der Raum schnell behaglich warm. Bald standen Geschirr, Brot, Butter, Käse und Wurst sowie ein Glas Honig auf dem Tisch und Fong stellte auch noch etwas Obst dazu, knackige Äpfel und sogar ein paar Bananen. „Willst du dich erst waschen, Mei?“ fragte er zum Kamin hinüber. Als von dort keine Antwort kam, schaute er nach, ob das Mädchen überhaupt noch im Raum war, und sah zu seinem Erstaunen die Tür offen und das Kind im Regen stehen. Sie hatte die wenigen Fetzen Kleidung, die sie trug, abgelegt und ließ sich den Schmutz vom Körper spülen. Reinlich ist sie, dachte Fong zufrieden, doch sie braucht unbedingt bessere Kleidung. Vielleicht kann ich ihr erst einmal einige meiner Sachen kürzen, sodass sie ihr passen.

Als Mei die zerfetzte Kleidung, die viel zu groß für sie war, sodass Fong annahm, sie musste sie irgendwo gefunden oder gestohlen haben, wieder anziehen wollte, winkte ihr Fong mit einer Hose, um ihr zu zeigen, dass sie diese überziehen sollte statt ihrer alten Lumpen. Das Mädchen verstand und ließ die alte Kleidung einfach im Regen liegen. Neugierig hielt sie die dunkle, wenig getragene Hose in den Händen, fuhr sachte über den weichen Stoff und schlüpfte schließlich hinein. Mit sichtlichem Wohlbehagen drehte sie sich hin und her, um den Sitz zu prüfen, was dem alten Mann ein Lächeln entlockte, dann brummte sie missbilligend, weil die Beine ein wenig zu lang waren und sie drohte, über sie zu stolpern. „Das ändern wir noch“, beruhigte sie Fong augenblicklich. „Und für den zu weiten Bund gibt es ja Gürtel. Hier hast du einen. Jetzt rutscht dir die Hose sicher nicht mehr herunter. Brauchst du auch ein Hemd oder ist dir warm genug? Du bekommst noch eines von mir, doch ich wollte es lieber zuerst deiner Größe anpassen. Und später sehen wir uns in der Siedlung nach geeigneter Kleidung für dich um.“

Das im Kamin flackernde Feuer erwärmte den Raum, sodass sie nicht fror, und deshalb schüttelte sie den Kopf. Schnuppernd näherte sie sich dem Tisch; obwohl sie am Abend zuvor eine große Portion Brot, Eier und Speck verspeist hatte, war ihr anzusehen, dass sie erst vom Tisch aufstehen würde, wenn dieser keine Nahrung mehr bereit hielt oder ihr der Bauch platzte. Gierig sah sie zu der Kanne Tee hinüber, die neben dem Stuhl des Alten stand, und Fong schenkte ihr einen großen Becher Tee ein. „Vorsicht“, mahnte er das Mädchen, das sofort nach der Tasse griff. „Der Tee ist noch sehr heiß. Mit verbrannter Zunge kannst du das Frühstück nicht wirklich genießen.“ Er wies auf die Köstlichkeiten, die den Tisch bedeckten. „Lang ordentlich zu. Du siehst aus, als könntest du es brauchen.“

Mei war von erschreckender Magerkeit, ein deutliches Zeichen für ihr hartes Leben im Wald. Sie mochte etwa zehn Jahre alt sein, doch war dies schwer zu schätzen, zumal ihr Körper noch keinerlei weibliche Rundungen aufwies. Sollte Fongs Vermutung zutreffen war sie klein für ihr Alter, wohl ebenfalls eine Folge der Härten eines Lebens in der Wildnis. Das dichte blonde Haar war struppig und ungepflegt, Schrammen und andere Blessuren bedeckten das schmale Gesicht und den Oberkörper, doch die bernsteinfarbenen Augen waren wach und intelligent und ließen die Umgebung keinen Augenblick unbeobachtet, selbst als sie ein vor Honig triefendes Stück Brot hinunterschlang und bereits nach dem Käse griff, der ebenfalls ein Opfer ihres Heißhungers zu werden drohte. Hat einiges nachzuholen, dachte Fong voller Mitgefühl. Und das nicht nur im Hinblick auf die Nahrung. Wie ein Nachgedanke kam ihm in den Sinn, dass Mei trotz der für einen Menschen ungewöhnlichen Farbe sehr schöne ausdrucksvolle Augen hatte. Sie verrieten dem alten Mann, was das Mädchen nicht aussprach und wahrscheinlich auch gar nicht artikulieren konnte: dass sie vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben gut und freundlich behandelt wurde.

„Langsam, langsam“, mahnte Fong mit sanfter Stimme und nahm Mei eine geräucherte Wurst aus der Hand, in die das Mädchen gerade beißen wollte. „Du hast schon jetzt mehr gegessen als ein erwachsener Waldarbeiter. Dein Magen wird darüber nicht besonders glücklich sein. Oder willst du dich übergeben? Das Essen läuft dir nicht fort; in einigen Stunden werden wir zu Mittag essen, wieder einige Stunden später zu Abend. Du kannst dir also Zeit lassen.“

Mei knurrte warnend, als der alte Mann ihr die Wurst fortnahm, doch ließ Fong sich davon nicht beeindrucken. „Trink noch etwas Tee“, fuhr der alte Chinese fort. „Und dann überlegen wir gemeinsam, was du die nächste Zeit tun möchtest. Ich lebe hier allein, gemeinsam mit meinen Haustieren, und es wäre noch Platz für ein Mädchen wie dich vorhanden. Du würdest von mir immer genügend zu essen, gute Kleidung und einen Platz zum Schlafen bekommen. Auch könnte ich dir das Lesen und Schreiben und noch andere Dinge, die vielleicht für dich interessant sind, beibringen. Ich lebe zwar auf einem kleinen abgelegenen Hof, doch bin ich ein gebildeter Mann, der lange in der Welt herumgereist ist und dir von diesen Reisen erzählen kann. Du könntest mir auf dem Hof und bei meiner Arbeit helfen. Ich werde nicht jünger, und ein starkes Mädchen wie du wäre mir sehr willkommen. Und wenn du dich eingelebt hast, kannst du auch zur Schule gehen und noch mehr lernen, als ich dir vielleicht beibringen kann. Du willst doch sicher später einmal einen interessanten Beruf ergreifen und dafür brauchst du einen guten Schulabschluss.“

Mei starrte den alten Mann mit offenem Mund und deutlichem Misstrauen an. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Dieser Mann bot ihr nicht weniger als ein Zuhause an, ein Heim, in dem sie willkommen war. Kein Wort hatte er fallen lassen über das, was ihr Stiefvater und dessen Söhne „Missbildung“ genannt hatten. Für ihn war Mei ein ganz normales Mädchen, das er zu sich holen wollte. Allein dieser Punkt war so unglaublich, dass Mei unwillkürlich nach finsteren Plänen, bösen Hintergedanken, irgendeiner Grausamkeit in den Worten des alten Mannes suchte. Doch ihr Gefühl sagte ihr, dass Onkel Fong es ehrlich mit ihr meinte, und das verwirrte sie am meisten. Nie war sie irgendwo willkommen gewesen und doch gab es nichts, wonach sie sich mehr sehnte. Ihre kranke Mutter war ihr zwar zugetan gewesen, hatte sie aber nicht gegen ihren Mann und dessen ältere Söhne verteidigen können; sie lebte selbst in ständiger Angst vor der Brutalität dieses Mannes. Das hatte sicher mit zu ihrem frühen Tod beigetragen, der schließlich Mei auch den letzten Schutz entzogen hatte, sodass sie hatte fliehen müssen. Und dieser alte Mann wünschte sich sogar, mit ihr zusammen zu leben. Was sollte sie nun tun? Konnte sie Onkel Fong wirklich vertrauen? Würde er sie nicht ihrem Stiefvater ausliefern, damit dieser sie doch noch töten konnte? Die Aussicht auf ein erstes wirkliches Zuhause ließ sie vor Sehnsucht und Aufregung zittern, aber sie musste erst sicher sein, dass dies keine Falle war.

„Stiefvater, Brüder“, stotterte sie, sich mühsam an die Menschensprache erinnernd. „Du wissen?“ Fong sah sie verwundert an, dann begriff er. „Du meinst sicher, ob ich deine Familie kenne. Das ist sehr unwahrscheinlich. Wenn ich deinen Dialekt richtig deute, wurdest du irgendwo an der Westküste Kanadas geboren. Ich habe dort zwar einige Städte besucht, doch nur kurz, und ich habe in der Gegend keine Bekannten, nicht einmal unter den dort lebenden Chinesen.“

Als er den prüfenden, immer noch misstrauischen Blick des Mädchens bemerkte begriff Fong plötzlich, dass Mei diese Frage keineswegs aus dem Wunsch heraus gestellt hatte, ihre ursprüngliche Familie wiederzusehen, ganz im Gegenteil. „Du bist vor deiner Familie geflohen, nicht wahr?“ hakte er behutsam nach. „Haben sie dich schlecht behandelt?“

Mei fletschte die Zähne und knurrte tief und kehlig, eine deutlichere Antwort als alle Worte, die sie hätte formulieren können. Fong nickte ihr voller Verständnis zu. „Keine Sorge, hier werden sie dich bestimmt nicht finden. Wir sind hier weit von der Westküste entfernt, mitten in den Wäldern der kanadischen Rockys.“ Der alte Chinese legte den Kopf schief und zwinkerte dem Mädchen zu. „Wir beiden werden es uns hier richtig gemütlich machen und es uns wohl ergehen lassen. Na, was hältst du davon? Oder lebst du doch lieber weiter allein im Wald?“

Mei schnupperte in Richtung Tür und zog die Nase kraus, als sie den Regen roch, der den Boden draußen aufweichte und alles in triefende Nässe hüllte. Hier im Haus war es warm und trocken, und allein das war schon ein Grund, das Risiko einzugehen, erneut betrogen zu werden. Als sie in die warmen freundlichen Augen des alten Mannes sah, erlosch der Wunsch in ihr, in ihre Höhle und das einsame Leben, das sie jahrelang geführt hatte, zurückzukehren, und sie nickte dem Alten ihr Einverständnis zu. Doch warnten ihr scharfer intensiver Blick und die im Ansatz entblößten Reißzähne den alten Mann, kein falsches Spiel mit ihr zu treiben, und Fong verstand. Er würde das Mädchen behutsam an ein Leben unter Menschen gewöhnen und alles vermeiden müssen, was ihr Misstrauen erneut schüren konnte. Keine leichte Aufgabe, doch eine, die es Fong wert erschien, dafür einige Mühen auf sich zu nehmen. Sein Vorhaben war nicht ganz ohne Eigennutz: In den letzten Jahren hatte er schon mehrfach daran gedacht, die Einsamkeit des Hofes zu verlassen und in die Siedlung zu ziehen und hiermit seinem fortgeschrittenen Alter Rechnung zu tragen. Er liebte seinen Hof, doch der Gedanke, irgendwann hilflos im Haus zu liegen, ohne Unterstützung und Gesellschaft, hatte etwas Erschreckendes. Ein Umzug war nun nicht mehr erforderlich; im Notfall würde ihm das Mädchen helfen können. Dafür würde das Kind von Fong alles erhalten, was es benötigte. Vom Zusammenleben profitierten beide, sodass sich Fongs schlechtes Gewissen in Grenzen hielt. Der alte Mann hob lächelnd seine Teetasse wie zum Salut empor und sagte feierlich: „Auf uns zwei. Mögen uns die Götter vor allem bewahren, das unsere friedlichen Kreise stört. Und sollte doch ein Bösewicht hier auftauchen, so sollen sie ihm kräftig in den Hintern treten.“ Meis erstes zögerndes Lächeln war dem alten Mann wie Sonnenschein, der den dichten Regen durchbrach und sein Haus in warmes Licht hüllte.

Banditen

„Es geht mir schon viel besser, Doc.“ Der große breitschultrige Mann dehnte vorsichtig die Rückenmuskeln und verzog leicht das Gesicht, als Schmerz wie ein Blitz hindurch fuhr. „Langsam, Ben“, mahnte der alte Mann seinen Patienten und rieb ihm die Muskeln mit einer Salbe ein, die er selbst hergestellt hatte. „Du hattest einen ziemlich schweren Unfall. Gib deinem Körper ausreichend Zeit, sich davon wieder zu erholen.“

Ben brummte zustimmend und legte sich vorsichtig wieder auf die Couch, nachdem der alte Chinese seine Behandlung beendet hatte. „Verdammter Baum“, sagte er zornig und ballte die großen Fäuste. „Hat mich voll erwischt. Ich dachte schon, jetzt ist es aus. Hörte förmlich die Knochen brechen. Wenn du nicht gewesen wärst, Doc, ich könnte meinen Job an den Nagel hängen.“

„Nun, den Baum hat es endgültig erwischt“, erwiderte Fong gemächlich und stellte die Salbendose auf den Tisch. „Er kann sich nicht wieder erholen. Aber ich sollte mich wohl besser nicht beschweren, schließlich wohne ich in einem aus Baumstämmen erbauten Haus. Doch dieses massenhafte Abschlachten der Wälder muss mir deshalb ja nicht gefallen. Vielleicht rächen sich die Bäume auf diese Weise.“

„Du bist schon ein komischer Kauz.“ Der Waldarbeiter schüttelte amüsiert den Kopf. „Redest über Bäume, als seien das Lebewesen wie du und ich. Na ja, leben tun sie natürlich schon irgendwie, aber doch nicht so wie wir. Das Schreien, wenn sie gefällt werden, wäre dann ja nicht auszuhalten.“

Beide Männer lachten, wenn auch aus verschiedenen Gründen, und der alte Chinese machte sich bereit zum Gehen. „Noch nichts heben, Ben“, mahnte er den großen Mann. „Du brauchst noch mindestens eine Woche vollständige Schonung. Anderenfalls werden die gerade erst frisch verheilten Knochen wieder brechen, und ob du dann nochmals um einen Krankenhausaufenthalt herum kommst weiß ich nicht. Deinen Job kannst du frühestens in einem Monat wieder ausüben.“

„Erst in einem Monat?“ Ben verzog unwillig das Gesicht. „Wirklich nicht eher?“ Als Fong energisch den Kopf schüttelte, seufzte der Waldarbeiter ergeben auf. „In Ordnung, du bist der Arzt. Kannst du mir noch etwas von der Salbe anrühren? In dieser Dose ist ja nur noch ein kleiner Rest. Cynthia könnte mir den Rücken damit einreiben.“

„Mache ich.“ Fong zog sich seine Jacke über und nahm die Tasche auf. „Ich schicke Ragna mit ihr vorbei. Sagen wir morgen?“

„Danke, Doc.“ Ben legte sich vorsichtig auf die Seite, um den alten Mann besser ansehen zu können. „Dieses Zeug hilft mir wirklich.“ Ein verschmitztes Lächeln überzog das bärtige Gesicht. „Und Hank wird sich freuen, dein Mädchen zu sehen.“ Er zögerte kurz, dann fragte er neugierig: „Wieso nennst du sie jetzt eigentlich anders als früher?“

Fong zuckte leicht mit den Schultern. „Als sie älter wurde, konnte sie sich plötzlich erinnern, dass ihre Mutter kurz vor dem Tod mit ihr über ihren leiblichen Vater gesprochen hatte, dem Ragna nie begegnet ist. Er hatte ihre Mutter offenbar noch vor Ragnas Geburt verlassen. Es dauerte sogar einige Zeit, bis sie wieder wusste, dass sie Ragna heißt. Offenbar war ihr leiblicher Vater skandinavischer Abstammung, und deshalb erhielt sie einen nordischen Vornamen. Ich möchte dem Mädchen nicht ihre Wurzeln nehmen und ihr einen chinesischen Namen aufpfropfen, deshalb rufe ich sie jetzt bei ihrem Geburtsnamen und sie ist bei den Behörden mit dem Familiennamen Olson eingetragen. An den Familiennamen ihres leiblichen Vaters konnte sie sich nur vage erinnern, Olson scheint dem aber am nächsten zu kommen. Den Mädchennamen ihrer Mutter kennt sie nicht und den Familiennamen ihres verhassten Stiefvaters wollte sie um nichts in der Welt annehmen.“

Ben nickte nachdenklich und legte sich etwas bequemer hin. „An dem Mädchen hast du wirklich ein gutes Werk getan. Wer weiß, was sonst aus ihr geworden wäre.“ Er lächelte dem Arzt zu. „Wäre Ragna weniger ernst und zurückhaltend, jeder junge Bursche aus der Siedlung wäre hinter ihr her, nicht nur mein Sohn Hank. Ragna ist zwar keine Schönheit wie Maggie Denison, doch irgendwie was Besonderes. Wenn sie auftaucht, benehmen sich alle Kerle, als wären sie besoffen, selbst ein alter Esel wie ich. Kommt ihr beide denn zum Tanz am nächsten Samstag? Bisher habt ihr euch ja meistens vor sowas gedrückt, doch wir würden uns wirklich darüber freuen.“

„DU tanzt noch nicht, Ben“, mahnte Fong ihn eindringlich. „Diesmal muss Cynthia mit jemand anderem das Tanzbein schwingen. Wenn du vorsichtig bist, kannst du am Rande sitzen, aber lass die Finger noch vom Alkohol. Das würde die Heilung verzögern.“ Nachdenklich sah Fong zum Fenster hinaus. „Du weißt, dass mir derartige Vergnügungen nicht liegen. Aber wenn das die einzige Möglichkeit ist, Ragna zur Teilnahme zu bewegen, begleite ich sie. Rechnet aber nicht fest mit uns. Ich werde versuchen, das Mädchen zu überreden. Seit sie letztes Jahr ihren Schulabschluss gemacht hat, verlässt sie die Gegend um den Hof kaum noch. Eine 19-jährige Frau sollte nicht wie eine Eremitin leben; selbst ihre ehemaligen Schulkameradinnen trifft sie nicht mehr.“

Der Waldarbeiter nickte beifällig und Fong wollte sich schon verabschieden, um zu seinem Hof zurückzukehren, da kam ihm eine Frage wieder in den Sinn, die er dem Holzfäller hatte stellen wollen. „Sind die verschwundenen Touristen eigentlich wieder aufgetaucht? Sie werden jetzt seit gut fünf Tagen vermisst. Habt ihr sie gefunden oder zumindest eine Nachricht von ihnen erhalten?“

„Nein, nichts“, antwortete Ben bedrückt. „Die Jungs haben den ganzen Wald in der Umgebung abgesucht, Phil hat sogar seinen Hund mitgenommen, der Erfahrung bei der Suche nach Vermissten hat. Das Einzige, was wir sicher wissen ist, dass diese Idioten trotz unserer Warnungen in den Canyon runter sind. Bis zum Pfad in die Schlucht waren noch Spuren von ihnen zu sehen, doch im Canyon selbst überhaupt keine. Die Jungs sind allerdings nicht weit reingegangen; dort liegt jede Menge Geröll und die Büsche haben richtig fiese Dornen. Die Leute aus der Gegend gehen da nicht gerne hin. Dort verschwinden immer wieder Menschen und tauchen nie wieder auf. Phils Hund hat sich geweigert, da runterzugehen, hat sich mit allen vier Pfoten in den Boden gestemmt und laut gejault, als Phil ihn zwingen wollte, mit der Suchmannschaft in den Canyon hinunterzusteigen. Sie mussten das Tier schließlich an einem Baum festbinden, während sie die Schlucht abgesucht haben.“

Fong sah ihn nachdenklich an. „Der Canyon zieht sich über viele Meilen hin und ist schwer begehbar, da hast du recht. Man kann leicht stürzen und den Weg verlieren. Es wäre aber gut gewesen, wenn die Suchmannschaft in die zahlreichen Höhlen geschaut hätte, die es dort ebenfalls gibt, zumindest in die Eingänge, ob dort Spuren zu finden sind. Seit einigen Tagen ist das Wetter alles andere als angenehm, manchmal sogar stürmisch; die Touristen könnten dort Schutz gesucht haben.“

„Ich weiß“, seufzte Ben. „Aber du musst auch die Leute verstehen. Viele der Höhlen sind verdammt tief und abschüssig; manchmal steht man sogar plötzlich vor einem Abgrund. Dort kann man leicht abstürzen und auf Nimmerwiedersehen im Dunkeln verschwinden. Der alte Matthew schwört sogar, dort furchtbare Monster gesehen zu haben, und du weißt, wie abergläubisch manche von uns sind. Sie wollten einfach nicht ihren Hintern für Fremde riskieren, die zu blöd waren, auf uns zu hören.“

„Matthew ist selten nüchtern“, antwortete Fong kopfschüttelnd. „Die Monster werden Felsblöcke oder Büsche gewesen sein. Habt ihr denn wenigstens die Polizei oder die Ranger informiert? Die staatlichen Stellen haben ganz andere Möglichkeiten, nach den Verschwundenen zu suchen.“

„Haben wir sofort nach Abbruch der Suche getan.“ Es war Ben anzusehen, dass ihm das Verhalten seiner Nachbarn zwar ein wenig peinlich war, er aber Verständnis dafür hatte. „Die stapfen jetzt dort draußen durch den Regen und drehen jeden Stein um in der Hoffnung, die Touristen doch noch zu finden, bisher allerdings ebenfalls ohne Erfolg.“ Er grinste plötzlich und schnalzte mit der Zunge. „Deren Suchhunde haben sich übrigens auch geweigert, in den Canyon zu gehen. Ganz so dumm sind wir Eingeborenen offenbar doch nicht, wenn wir die Schlucht für unheimlich halten.“

Fong schüttelte amüsiert den Kopf, verabschiedete sich und ging langsam den Weg zum Wald entlang, tief in Gedanken versunken. Touristen waren oft leichtsinnig und hörten nicht auf den Rat der Einheimischen. Häufig waren es abenteuerlustige Großstädter, die keinerlei Erfahrung mit den Gefahren der Berge hatten und sich über die Warnungen nur lustig machten. Diese Touristen, eine fünfköpfige Gruppe aus Toronto, waren nicht die ersten, die spurlos verschwanden, wobei sich die meisten Vermissten offenbar in Richtung Canyon bewegt hatten. Die Einheimischen hatten inzwischen viel Erfahrung mit erfolglosen Suchaktionen.

Ragna mied den Canyon; sie sagte, sie würde sich dort nicht wohlfühlen. Was sie in der Schlucht wahrnahm, wollte sie nicht sagen; vielleicht war es einfach nur ein allgemeines Gefühl von Gefahr. Trotz Fongs Erziehung und der Bildung, die der alte Chinese ihr hatte angedeihen lassen, vertraute die junge Frau weiterhin ihren Instinkten; diese hatten sie viele Jahre in der Wildnis überleben lassen. Fong wusste, dass der Grund für Ragnas Zurückhaltung ihre Furcht war, in Anwesenheit anderer Menschen ihre wilde Seite nicht ausreichend kontrollieren zu können. Die Holzfäller waren raue Burschen; die Gefahr, dass Ragna sich bedrängt oder sogar angegriffen fühlte und das Raubtier in ihr die Kontrolle übernahm, konnte nicht ausgeschlossen werden. Auch in der Highschool, die sie vor einem Jahr abgeschlossen hatte, war sie im Umgang mit ihren Mitschülern zurückhaltend geblieben, hatte sich aus Streitigkeiten und anderen Konflikten herausgehalten, um nicht vielleicht ungewollt auf eine Weise zu reagieren, die für ihre Kontrahenten fatal und für sie äußerst folgenschwer gewesen wäre. Noch immer prägten die Grausamkeit und Verachtung, die sie durch ihren Stiefvater und dessen Söhne erfahren hatte, sowie die nicht minder schweren Jahre allein im Wald ihr Verhalten. Das hatten Fongs Liebe und Fürsorge zwar mildern, aber nicht völlig ausgleichen können. Nur auf Fongs Hof und im angrenzenden Wald konnte Ragna ganz sie selbst sein, was wohl der Hauptgrund für ihr zurückgezogenes Leben war.

Es begann wieder zu regnen und Fong beschleunigte seine Schritte. Ragna würde bereits das Abendessen zubereitet haben und der alte Mann wollte sie nicht länger als nötig warten lassen. Er lächelte unwillkürlich, als er an Bens Sohn Hank dachte, der jedesmal, wenn Ragna in die Siedlung kam, alles Mögliche versuchte, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Und damit stand er keineswegs allein da. Die strengen Züge ihres edel geschnittenen, wenn auch ein wenig herben nordischen Gesichts, verbunden mit einer energischen Ausstrahlung, schützten Ragna zwar vor unerwünschter Zudringlichkeit, doch zogen ihre attraktive Erscheinung, das dichte blonde Haar, das ihr bis auf den Rücken fiel sowie die anmutigen Bewegungen ihres hochgewachsenen schlanken Körpers die jungen Männer der Siedlung an wie das Licht die Motten. Eine echte Tigerin, dachte Fong versonnen. Kraftvoll, charismatisch und sehr gefährlich. Das schienen auch ihre Verehrer unbewusst zu spüren, denn in ihrer Gegenwart erlaubte sich keiner von ihnen irgendwelche Frechheiten. Es würde Ragnas Aufgabe sein, den ersten Schritt zu machen, sollte sie jemals Interesse an einem der jungen Männer zeigen.

Es war bereits dunkel, als er das Haus im Wald erreichte. Der köstliche Duft gebratenen Fleisches erfüllte die Lichtung und Fong beeilte sich, den Regen hinter sich zu lassen. Er nickte Ragna einen Gruß zu und schlüpfte schnell aus seiner nassen Kleidung, bevor er sich im Morgenmantel an den gedeckten Tisch setzte. Ragna stellte eine Platte mit gebratenem Reh sowie Schalen mit Gemüse und Reis in die Mitte des Tisches. Beifällig nickte ihr der alte Mann zu. „Die Jagd war offenbar erfolgreich“, sagte er und tauchte eine kleine Kelle in die vor ihm stehende Gemüseschüssel. „Reh hatten wir schon seit einer Weile nicht mehr. Hast du lange gebraucht, das Tier zu erbeuten?“

„Nein“, erwiderte Ragna und legte sich eine Scheibe Rehfleisch auf ihren Teller. „Die Spur war noch frisch und ich erriet, wo es entlanggehen würde. Es war noch jung und unerfahren, keine schwere Aufgabe für eine erfahrene Jägerin.“

„Die du zweifelsfrei bist“, lobte der alte Mann. Dann lächelte er der jungen Frau verschmitzt zu. „Hank lässt dich grüßen. Er würde sich freuen, wenn du ihn am kommenden Samstag zum Tanz begleitest.“

„Tanzen?“ Ragna wirkte geradezu entsetzt. „Ich kann nicht tanzen. Er soll lieber eine andere Frau fragen; davon gibt es ja ausreichend in der Siedlung.“ Plötzlich stutzte sie, als wäre ihr erst jetzt etwas bewusst geworden, was ihr Pflegevater gesagt oder zumindest angedeutet hatte. „Was willst du mir eigentlich wirklich sagen? Dass Hank mir nachläuft wie ein heißblütiger Kater und etwas ganz anderes im Sinn hat wie tanzen?“

Fong lachte laut auf. „Du hast es erfasst. Aber bitte nenne ihn nicht in seiner Gegenwart einen heißblütigen Kater; das könnte er falsch verstehen und du musst vielleicht grob werden. Mit den biologischen Gegebenheiten bist du offenbar vertraut, was mich doch sehr beruhigt. Nur wie du damit umzugehen hast, das ist dir noch ein Rätsel. Oder irre ich mich?“

„Ich bin nicht blind“, murrte Ragna und häufte Reis und Gemüse auf ihren Teller. „Und der Geruch der jungen Männer, wenn ich an ihnen vorbeigehe, spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Auch in der Schule empfanden mich manche Jungs als attraktiv und versuchten, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte einige Mühe, sie davon zu überzeugen, dass meinerseits kein Interesse besteht.“ Sie schwieg kurz, dann fuhr sie leise fort. „Ich würde einem männlichen Partner gegenüber meine Andersartigkeit nicht verbergen können. Glaubst du, er würde das so einfach akzeptieren? Das müsste schon ein sehr besonderer Mann sein. Nein, da bleibe ich lieber allein.“

Fong wusste, dass sich Ragna nicht nur hinsichtlich einer möglichen Partnerschaft oft wünschte, eine normale junge Frau zu sein und keine menschliche Raubkatze, die in ständiger Furcht vor der Entdeckung ihrer Andersartigkeit lebte. „Ich verstehe deine Sorge, was deine natürlichen Waffen betrifft“, erwiderte Fong daher mitfühlend. „Solltest du doch irgendwann einen Partner wünschen, musst du ihn unbedingt vorwarnen, bevor es zu einer tieferen Bindung kommt. Anderenfalls könnten sich ernsthafte Probleme ergeben.“ Er schnitt sein Fleisch klein, sah aber nach einer Weile erneut zu seiner Pflegetochter hinüber. „Was ich dich schon lange fragen wollte: Weißt du eigentlich, von wem du diese Besonderheit geerbt hast?“

„Meine Mutter war ganz normal“, erwiderte Ragna widerstrebend. „Sie hatte weder Reißzähne noch Krallen. Anderenfalls hätte sie sich besser gegen diesen Scheißkerl von Ehemann wehren können. Ich habe versucht, sie gegen ihn zu verteidigen, war aber noch zu klein und schwach. Meine Reißzähne sind erst nach dem Verlust der Milchzähne gewachsen, wobei mein Zahnwechsel deutlich früher erfolgte, als dies bei menschlichen Kindern üblich ist, wohl aus einer biologischen Notwendigkeit heraus. Oder weil ich eben anders bin. Und die neuen Zähne sind noch eine Weile gewachsen, haben sich dem ebenfalls wachsenden Gebiss angepasst. Sonst hätte ich jetzt überall Lücken im Gebiss. Ziemlich schräg, oder?“

Sie starrte traurig auf ihre Hände, die neben dem Teller auf dem Tisch lagen. „Meine Krallen waren während meiner ersten Lebensjahre noch relativ kurz. Ich konnte meinem Stiefvater nur einige tiefe Kratzer zufügen, wofür er mich fast totgeschlagen hat. Und meine Mutter musste es dann ausbaden. Danach habe ich mich verkrochen, wenn er wieder mal besoffen auf sie losgegangen ist, um ihr Weinen und Flehen nicht hören zu müssen.“ Ihre Augen brannten nun förmlich, und Fong wusste, würde dieser Mann jetzt vor ihr stehen, sie hätte ihn ohne zu zögern in Stücke gerissen. „Das muss von meinem leiblichen Vater gekommen sein“, fuhr sie nach kurzem Zögern fort. „Oder zumindest von seiner Seite. Mutter wusste jedenfalls nicht, weshalb ich so anders bin. Vater war offenbar auch normal und in der Familie meiner Mutter ist sowas nicht vorgekommen. Zumindest sagte sie das.“ Sie schnaubte zornig. „Mein leiblicher Vater war offenbar ebenfalls ein ziemlicher Mistkerl, auch wenn Mutter ihn noch immer liebte. Das konnte ich spüren, wenn sie, was selten geschah, von ihm sprach. Sie lebte damals in Vancouver, er war Fischer. Angeblich wusste er nicht, dass sie schwanger war, als er sie bei Nacht und Nebel verließ. Allein mit einem Kind war sie verzweifelt genug, diesen Scheißkerl zu heiraten, um versorgt zu sein. Glaub mir, Onkel Fong, wenn ich meinem leiblichen Vater jemals begegnen sollte, der würde das ziemlich bald bedauern.“

Ragna verstummte und widmete sich schweigend ihrem Essen. Fong tat es ihr gleich und die Stille des Hauses wurde nur durch das Knacken der Holzscheite im Feuer und den Regen, der auf das Dach prasselte, unterbrochen. Glücklicherweise ist es recht unwahrscheinlich, dass sie ihrem leiblichen Vater jemals begegnen wird, dachte Fong voller Unbehagen. Es würde vielleicht nicht bei Vorhaltungen bleiben. Und sie hätte sogar recht damit; dieser Mann hat ihre Mutter in einer prekären Lage allein gelassen und sie und ihre Tochter damit in eine schlimme Situation gebracht. Ich hätte sogar Verständnis dafür, wenn sie ihm ihre Krallen überziehen würde. Muss ein egoistischer Mistkerl gewesen sein, wenn auch bei Weitem nicht so schlimm wie Ragnas Stiefvater.

Unwillkürlich sah Fong zum Kamin hinüber, doch die Katze war im letzten Jahr von einem Luchs gerissen worden. Sie fehlte dem alten Mann, der sie von klein an aufgezogen hatte. Jetzt habe ich eine große Katze im Haus, dachte er und lächelte still vor sich hin. Eine etwas widerspenstige Raubkatze, die ich aber noch weniger missen möchte als die alte Katze. Sein Lächeln vertiefte sich, als er an die zurückliegenden Jahre dachte, die nicht immer leicht, aber von Wärme und Zuneigung erfüllt gewesen waren. Ragna war dem alten Mann wirklich eine Tochter geworden und er, wie er wusste, dem Mädchen ein Vater.

Als er Ragnas Blick auf sich ruhen fühlte, sah er verwundert hoch. Die Augen seiner Pflegetochter spiegelten die Wärme wider, die er selbst fühlte. „Ich liebe dich auch, Onkel Fong“, flüsterte Ragna und lächelte zaghaft. „Du hast viel mehr für mich getan, als du damals versprochen hast. Ohne dich wäre ich wohl irgendwann als ein wildes Tier verendet.“

Fong erwiderte ihr Lächeln und aß schweigend weiter. Wärme erfüllte ihn, aber auch ein leichtes Unbehagen. Ich müsste mich eigentlich inzwischen daran gewöhnt haben, dass Ragna die Gefühle anderer Menschen wahrnehmen kann, dachte er. Und doch löst dieses Wissen immer noch Befangenheit in mir aus. Es ist irgendwie unheimlich, vor dem Mädchen nichts verbergen zu können. Sie nimmt die Welt mit soviel schärferen Sinnen wahr, dass ihr praktisch nichts verborgen bleibt; sie weiß mit Gewissheit auch, was jetzt gerade in mir vorgeht. Und wenn ich schon so empfinde, wie würde es erst anderen Menschen ergehen, die nicht mit den Eigenarten dieser außergewöhnlichen jungen Frau vertraut sind? Zum Glück ist das Mädchen so klug gewesen, ihre Fähigkeiten in der Schule und vor den Menschen der Siedlung zu verbergen. Sie halten sie für eine ganz gewöhnliche, wenn auch zurückhaltende junge Frau.

Als er nach einer Weile bemerkte, dass von Ragna keine Essgeräusche mehr kamen, sah er verwundert hoch. Seine Pflegetochter saß wie erstarrt auf ihrem Stuhl, lauschend und witternd und sichtlich angespannt. Als Fong sie fragen wollte, was denn los sei, winkte Ragna ihm zu, still zu sein. Also blieb er unbewegt sitzen und wartete schweigend auf eine Erklärung. Ragna erhob sich lautlos und schlich zur Tür, die sie vorsichtig einen Spalt öffnete, ohne dabei ein Geräusch zu verursachen. Sie witterte in den Regen hinaus, dann flüsterte sie so leise, dass Fong sich anstrengen musste, sie überhaupt zu hören: „Drei Männer, bewaffnet. Sie nähern sich gerade dem Stall.“

Fong nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte, und erhob sich ebenfalls, um sein Gewehr zu holen. Es war nicht das erste Mal, dass irgendwelche Strolche glaubten, mit einem alten Mann und seiner Pflegetochter, die weit abseits der Siedlung lebten, leichtes Spiel zu haben. Jedesmal waren sie recht bald eines Besseren belehrt worden. Mit ruhiger Hand lud er die großkalibrige Büchse und ging dann zum Fenster hinüber, um Ragna beizustehen, sollte dies notwendig werden. Gewöhnlich wurde die junge Frau allein mit Angreifern fertig, doch Fong hasste es, nur untätig zuzusehen. „Ich gehe hinaus“, flüsterte Ragna und öffnete die Tür etwas weiter. „Bleib du hier im Haus und hindere die Männer daran, es zu betreten.“ Mit diesen Worten schlüpfte sie hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Lautlos wie eine Katze huschte sie zum Stall hinüber, kauerte sich in den Schatten hinter dem dort aufgeschichteten Holzstapel und wartete darauf, dass die Männer herankamen. Trotz des Regens hörte sie ihre Schritte so deutlich wie Trommelschläge, obwohl die nächtlichen Besucher sich sichtlich bemühten, leise zu sein, kein gutes Zeichen, was ihre möglichen Absichten betraf. Die Schritte verharrten, als die drei Männer den Stall erreichten, dann kamen sie leise um das Gebäude herum und sahen zum Haus hinüber. „Der Alte ist offenbar zu Hause“, flüsterte eine raue Stimme. „Das Mädchen wohl auch. Wir machen kurzen Prozess mit beiden und dann ran an den Speck. Der Alte gehört sicher zu der Sorte, die ihr Geld zu Hause horten.“ Er schwieg kurz, dann fuhr er mit einem lüsternen Unterton in der Stimme fort. „Obwohl, wenn ich es richtig bedenke, fällt mir für das Weibsstück etwas Besseres ein als eine durchschnittene Kehle, zumindest vorläufig. Anschließend sollten wir aber auch sie kalt machen, da sie uns der Polizei beschreiben kann.“

Ein boshaftes Lachen antwortete ihm, dann näherte sich einer der Angreifer dem Holzstapel, ein hochgewachsener Mann mit einem Durchschnittsgesicht und trügerisch weichem Mund. Doch Ragna konnte die in ihm verborgene Grausamkeit fühlen. Dies waren Mörder, die vorhatten, ihr und Onkel Fong keine Chance zu geben, und der Gedanke, von diesen Banditen vergewaltigt zu werden, ließ ihr Blut kochen. Kurz überlegte sie, sie nur niederzuschlagen und zu fesseln. Seit ihrer ersten Begegnung mit Onkel Fong war sie deutlich gewachsen und maß jetzt gut 1,75 m, doch die kräftige Statur der Banditen barg das Risiko, dass sie in einem offenen Kampf unterlag und selbst überwältigt oder erschossen wurde. Jeder der Männer hielt ein Gewehr in der Hand und sie machten den Eindruck, damit auch umgehen zu können. Das war ein Risiko, das sie nicht eingehen konnte, wollte sie Onkel Fong und sich nicht in ernsthafte Gefahr bringen. Es gab allerdings noch einen weiteren Grund für ihre Entscheidung, die Angreifer zu töten: Sie hasste Männer wie diese; sie erinnerten sie an ihren Stiefvater und dessen Söhne, die sie behandelt hatten wie ein Stück Dreck, mit dem sie machen konnten, was sie wollten, und Ragna hatte sich geschworen, so etwas nie wieder zuzulassen.

Sie machte sich mit ausgefahrenen Krallen zum Sprung bereit, vergewisserte sich aber vorher noch des Standorts der beiden anderen Männer, die jetzt vorsichtig auf das Haus zuschlichen, sodass sie damit in ihren Rücken geriet. Gut, dachte sie zufrieden, während das Blut in Erwartung des Kampfes schneller durch ihre Adern floss und ihre bernsteinfarbenen Augen förmlich glühten. Die Männer würden im Licht stehen, das aus den Fenstern auf den Hof fiel, sie dagegen im Schatten bleiben können. Außerdem würde der starke Regen leise Geräusche übertönen und ihr zusätzlich Deckung bieten.

Ein schneller Sprung, und schon hatte sie dem ihr am nächsten stehenden Mann die Kehle aufgeschlitzt, ohne dass dieser noch einen Laut von sich geben konnte. Sie fing den fallenden Körper auf und ließ ihn lautlos zu Boden gleiten, dann schlich sie hinter den beiden Männern her, die sich ahnungslos dem Haus näherten. Bevor sie die Tür erreichen konnten, riss sie einen von ihnen im Sprung zu Boden, zerbiss ihm mit einer schnellen Bewegung die Kehle und warf sich anschließend sofort auf den letzten Angreifer, der wie erstarrt auf ihre bluttriefenden Reißzähne und Krallen sah, ohne zu begreifen, was geschehen war. Es war schnell vorbei; auch er starb ohne Gegenwehr, da Ragna ihm nicht die Zeit ließ, sich von seinem Schock zu erholen. Vorsichtig stieß sie die drei Männer mit einem Fuß an, doch sie rührten sich nicht mehr. Dann gab sie dem alten Mann ein Zeichen, dass er nun gefahrlos das Haus verlassen konnte.

„Kennst du sie, Onkel Fong?“ fragte die junge Frau ihren Pflegevater, als der eine Laterne hochhielt und damit die Gesichter der Toten beleuchtete. Noch immer pulsierte die Erregung des Kampfes in ihr, ließ ihre Augen brennen und ihren Atem schneller gehen, während das Blut der Banditen von ihren Krallen und Reißzähnen tropfte. Könnte einer ihrer Verehrer sie jetzt sehen, er würde wohl entsetzt zurückweichen und so bald nicht wieder aufhören zu rennen, schoss es Fong voller Unbehagen durch den Kopf, das ihn immer dann befiel, wenn Ragna ihre wilde Seite von der Leine ließ. Es war notwendig gewesen, daran bestand für ihn keinerlei Zweifel, denn diesbezüglich vertraute er seiner Pflegetochter, doch würde er sich wohl nie wirklich daran gewöhnen. „Ich habe sie noch nie gesehen“, antwortete er nach einer Weile. „Und du hast gehört, dass sie wussten, wer hier wohnt?“ Noch einmal hob er die Laterne, um den Schauplatz des Kampfes in helles Licht zu tauchen und dessen Spuren zu betrachten. „Ja“, erwiderte Ragna mit einem Knurren in der Stimme. „Sie nannten keine Namen, sprachen aber von einem alten Mann und einem Mädchen, die sie töten wollten, um dann unseren Besitz zu stehlen.“ Dass die Männer mit ihr noch etwas anderes vorgehabt hatten, verschwieg Ragna lieber; ihr Pflegevater machte sich auch so schon zu viele Sorgen um sie. Auch war ihr sein Unbehagen angesichts ihres blutverschmierten Gesichtes nicht entgangen und sie wollte ihm keinen Grund geben, an ihren Motiven zu zweifeln.

„Vielleicht haben sie in der Siedlung von uns gehört und glaubten, dass sich hier eine gute Gelegenheit für einen Raub bieten würde. Nun, sie haben sich geirrt.“ Fong ging zum Schuppen hinüber und übergab kurz darauf Ragna Hacke und Schaufel. „Wir begraben sie besser gleich, bevor der Blutgeruch Raubtiere anlockt. Außerdem möchte ich unserer Polizei nicht gerne ihre ungewöhnlichen Wunden erklären müssen. Hoffentlich vermisst sie niemand und sucht nach ihnen.“

Während Fong zusah, wie Ragna ein Stück in den Wald hinein eine tiefe Grube aushob, seufzte er traurig. Es widerstrebte ihm, den Vorfall nicht den Behörden zu melden, doch der Schutz seiner Pflegetochter hatte für ihn Vorrang. Was den alten Mann aber zunehmend beunruhigte, war die Selbstverständlichkeit, mit der Ragna Angreifer tötete, sobald sie spürte, dass sie das Gleiche mit ihnen beiden planten. Fong war bewusst, dass das Leben dem Mädchen in seinen ersten Lebensjahren nichts geschenkt hatte; wohl deshalb neigte sie zu einer gewissen Mitleidlosigkeit Gewalttätern gegenüber. Und war das Raubtier in ihr erst einmal entfesselt, ließ es sich erst nach dem Erlegen der Beute wieder bändigen. Doch sollte Ragna jemals beim Töten von Angreifern beobachtet werden, selbst wenn dies in Notwehr geschah, drohten ihr gewaltige Probleme.