Fenster nach Sarajevo und Magdeburg - Cornelia Marks - E-Book

Fenster nach Sarajevo und Magdeburg E-Book

Cornelia Marks

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Beschreibung

Lebensgeschichten von Frauen im 20. und 21. Jahrhundert in Zusammenhang mit Krieg, Flucht, Exil... spielen eine Rolle in diesem Buch. Es werden Frauen- und Männerstimmen aus Sarajevo eingefangen, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, und aus Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Diese beiden Städte sind seit dem 29. September 1977 Partnerstädte. Anlässlich dieses Jubiläums hat die Autorin Cornelia Marks Frauen in Sarajevo und Magdeburg interviewt und erstaunliche Brücken entdeckt, und vielleicht auch ein paar neu erbaut. Die intensiven Gespräche ergaben, dass es Verbindungen zwischen einigen Menschen von dort und hier gibt. Einige hatten sich, als bosnische Flüchtlinge zu uns kamen, in Sachsen-Anhalt kennengelernt, angefreundet, und deren Freundschaft und Verbundenheit hält bis heute an. Andere Freundschaften existieren seit über fünfzehn Jahren zwischen Schrifsteller*innen aus Bosnien und Herzegowina und Sachsen-Anhalt. Sie sind noch immer lebendig und leuchten im vorliegenden Buch in Texten und Bildern auf. Mehrere Gedichte und ein Essay von drei der bedeutendsten Lyriker*innen aus Bosnien und Herzegowina, Adisa Bašić, Mile Stojić und Faruk Šehić, erzählen von diesen schönen, kreativen Beziehungen. Dazu gibt es Fotos zu sehen, die Sarajevo zeigen und auch manche Erzählungen und Lebensberichte veranschaulichen. C. Marks hat außerdem die Gleichstellungsbeauftragte der Landeshauptstadt Magdeburg, Heike Ponitka, und zwei bei der Stadt Magdeburg angestellte Mitarbeiterinnen interviewt, die interessante Dinge zu erzählen wissen. Unter anderem berichten sie von etlichen Aktionen in Bezug auf 45 Jahre Städtepartnerschaft mit Sarajevo. Sarajevo war im damaligen Bosnienkrieg von April 1992 bis zum Februar 1996 von serbischen Angreifern belagert, es war eine schreckliche Tragödie. Während dieser Zeit wurden Schätzungen zufolge etwa 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder, getötet und 56.000 verletzt, zum Teil schwer. Und Magdeburg war in seiner ganz anders gearteten Geschichte vielleicht in gewisser Weise trotzdem auch eine verwundete Stadt, obwohl Vergleiche unmöglich sind. Magdeburg ist zwei Mal fast völlig in Flammen aufgegangen - im Dreißigjährigen Krieg und 1945, als der von Nazideutschland angezettelte Krieg mit den alliierten Bombern quasi zurückkam und viele deutsche Städte in Schutt und Asche legte, so auch Magdeburg. Dieses Buch stellt ein Stück Zeitgeschichte dar. Es beleuchtet vor allem das 20. Jahrhundert, doch auch den Beginn des einundzwanzigsten. Es ist ein Buch gegen Krieg - gegen alle Kriege – und besonders den Frauen und Kindern gewidmet, die meist die Hauptleidtragenden in einem solchen Konflikt sind. Leider ist all das gerade in der Ukraine wieder traurige Realität. Wer hätte erwartet, dass ein solch brutaler neuer Krieg noch einmal möglich wäre, mitten in Europa? Insofern lässt sich das, wovon mehrere Frauen im vorliegenden Buch erzählen, von ihrem Kriegstrauma, z.B. wenn Adisa Bašić aus Sarajevo über ihre Teenager-Zeit im belagerten, von Granaten zerstörten Sarajevo dichtet - auf die Ukraine und auf alle anderen heutigen Kriegsgebiete übertragen. Denn die Erfahrungen, das Leid der Zivilbevölkerung, insbesondere der Frauen und Kinder, wiederholen sich. Es ist in allen Kriegen das Gleiche: Da gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer... Eine 94jährige Magdeburger Zeitzeugin erzählt vom Zweiten Weltkrieg und danach, und sie schildert auch beeindruckend die schlimmste Bombennacht 1945, die für sie ein Trauma war. Sie berichtet von ihrem Vater, der im Zweiten Weltkrieg in der Fabrik, in der er arbeitete, mutig Zwangsarbeitern half und deshalb von der Gestapo gefangen genommen, verhört, gefoltert und umgebracht wurde.

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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Fenster nach Sarajevo und Magdeburg

Lebensgeschichten von Frauen

Eine Spurensuche anlässlich des Jubiläums

45 Jahre Städtepartnerschaft

Sarajevo und Magdeburg

Cornelia Marks

© 2022 Cornelia Marks

ISBN Softcover: 978-3-347-74301-4

ISBN Hardcover: 978-3-347-74302-1

ISBN E-Book: 978-3-347-74303-8

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Literarni Most: www.literarni-most.de

Inhalt

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Adisa Bašić: Ein Werbespot für meine Heimat. In dieser Stadt, in dieser Finsternis…

Mile Stojić: Staub

Emina Dubravić: Ein Ballettsaal für Kinder, mitten im Krieg

Amina Badnjević-Bešić: Jede Situation hat zwei Seiten…

Elisabeth Zacharias: Eigentlich ist alles Politik, das ganze Leben…

Trümmerfrauen: Lieber trocken Brot, aber nie wieder so einen Krieg!

Heike Ponitka: Wir verstanden die Frauen, die aus aus Bosnien kamen, gut.

Kerstin Gensch: Eine Reise nach Bosnien und Herzegowina

Katrin Kohlmeyer: Freunde aus Bosanska Krupa

Faruk Šehić, Schriftsteller

Emigrantensoul

Das Lied der Überlebenden

Marzieh Sadeghzadeh: Wie Magdeburg zu meinem Zuhause wurde

Gul Ghutai Talash: Als ich zwei Kinder hatte, lernte ich die Wahrheit kennen, den Krieg.

Mile Stojić: Hotel an der Elbe

Gerhard Marks (1916 – 1989): Die Musik war mein Leben

DANK

Cornelia Marks

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Dieser geflügelte Ausdruck aus der internationalen Friedensbewegung, ursprünglich ein Zitat des US-amerikanischen Dichters und Historikers Carl Sandburg (1878 – 1967) aus seinem Gedichtband „The people, yes“ (1936), der manchmal auch dem Lyriker und Dramatiker Bertolt Brecht (1898 – 1956) zugeordnet wird, weckt Hoffnung und zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Es gab die große Hoffnung, dass das einundzwanzigste Jahrhundert weniger blutig wird als das zwanzigste. Aber leider wurden stattdessen schlimmste Befürchtungen wahr, und während ich dies schreibe, treffen täglich erschütternde Nachrichten aus der von Russland überfallenen Ukraine ein. Wieder tobt ein Krieg in Europa. Und wieder gibt es Tod, unendliches Leid, sind Millionen Menschen auf der Flucht. Wieder werden Existenzen, Städte, Ortschaften und Infrastrukturen zerstört und Menschen für ihr weiteres Leben traumatisiert. Wie solch ein brutaler Krieg im 21. Jahrhundert überhaupt möglich ist – auf diese unerträgliche Frage gibt es keine Antwort.

Wir hatten in Deutschland das Glück, viele Jahrzehnte lang in Frieden leben zu können. Nie wieder Krieg! So lautet bei uns die Losung seit dem Ende des von Nazideutschland angezettelten verheerenden Zweiten Weltkriegs. Und nun: ein neuer Krieg in Europa, den niemand will, bis auf einen einsamen, verbitterten Diktator im Kreml. Er schickt junge Männer, noch halbe Kinder, mit Panzern in seine “militärische Spezialoperation”, in Wahrheit: in den Krieg. Viele der jungen russischen Rekruten wissen zunächst nicht, dass sie in einen Krieg ziehen, sie fühlen sich zu Recht belogen. Manche ergeben sich den Ukrainern, die sich tapfer verteidigen. Inzwischen will der Kreml-Despot auch unzählige Reservisten einziehen, und die Folge ist die Flucht sehr vieler russischer Männer aus ihrem eigenen Land… Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin… Denn in jedem Krieg gibt es nur Verlierer.

In den 1990er Jahren erschütterten die Jugoslawienkriege Europa und die Welt. Als ich 1994 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Germanistik und Slawistik zu studieren und auch die Sprache Serbokroatisch (so hieß sie damals noch) zu lernen begann, verfolgten wir im Institut die furchtbaren Nachrichten von den Jugoslawienkriegen. Die Belagerung der Hauptstadt Bosniens und Herzegowinas, Sarajevo, war eines der zentralen und schrecklichsten Ereignisse jener Kriege. Sie dauerte 1.425 Tage und war damit die längste Belagerung im 20. Jahrhundert. Die unschuldigen Einwohner Sarajevos machten Unvorstellbares durch, und sehr viele starben. Anderen gelang im letzten Moment die Flucht ins Ausland. Doch auch für diejenigen, die nach vielen Jahren wieder zurückkehrten, war und ist das Leben bis heute schwierig. Nichts ist mehr, wie es vor dem Krieg war, die alten Wunden verheilen und vernarben nur langsam. Das eigene Land erscheint ihnen fremd. Oder um mit Alfred Polgar zu sprechen: „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde.“ Eine traurige Erfahrung von Menschen, die Exil erlebten.

In allen Kriegen in der Welt sind meist die Frauen und Kinder die Hauptleidtragenden. Doch sie sind auch Friedensstifterinnen, diejenigen, die das Leben zu beschützen versuchen. Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: “Im Kampf gegen den Krieg sollten die Frauen die Führerinnen sein. Es ist die ihnen gemäße Aufgabe.“ Deshalb ist dieses Buch ihnen im Besonderen gewidmet. Es kommen Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu Wort, die selbst einen Krieg miterleben mussten und / oder emigriert sind und / oder geflüchteten Menschen aus Kriegsgebieten geholfen haben oder immer noch helfen. Die Grundlage von all dem ist die Liebe, sie ist das Schönste in uns. Und so gibt es in diesem Buch auch einige Gedichte, die an die Liebe in uns appellieren; literarische Texte, in denen ein tiefer Humanismus zum Ausdruck kommt; Texte, die sich gegen (jeden) Krieg wenden. ">Im Mittelpunkt dieses Buches stehen exemplarisch mehrere Lebensgeschichten von Frauen. Wir nehmen ihren weiblichen Blick auf die Welt wahr; darauf, was Heimat für sie bedeutet; auf die Folgen sinnloser Kriege, die traumatischen Kriegserfahrungen und das Leben an sich, das vor jeglicher Form von Gewalt beschützt werden muss.

Zwischen Sarajevo und Magdeburg jährt sich die Städtepartnerschaft am 29. September 2022 schon zum 45. Mal. Das vorliegende Buch erhebt keinen Anspruch darauf, Parallelen zu suchen, etwa zu vergleichen. Das ist unmöglich, denn diese beiden Städte sind einzigartig und haben jeweils ihre ganz eigene Geschichte. Aber vielleicht hatte der frühere Oberbürgermeister Sarajevos, Professor Dr. Muhidin Hamamdžić, dennoch recht, als er sagte, es seien – da es hier wie dort schlimme Kriege und Zerstörungen gegeben hat – gewissermaßen zwei verwundete Städte.

Dieses Buch will Stimmen von Frauen und Männern aus beiden Städten einfangen. Meine gute Freundin, die Sarajevoer Schriftstellerin und Journalistin Adisa Bašić (*1979), darf hier nicht fehlen. Sie wurde 1979 in Sarajevo geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, absolvierte ein Nachdiplomstudium im Fach Menschenrechte und Demokratie, promovierte. Heute arbeitet A. Bašić als Autorin, Journalistin und Literaturkritikerin, sie hat in ihrer Heimat bist jetzt vier Lyrikbände und einen Erzählungsband veröffentlicht und lehrt Dichtung und kreatives Schreiben an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo. A. Bašić war DAAD-Stipendiatin und Stipendiatin der Jungen Akademie der Künste (2018) sowie Bank-Austria-Literaris-Preisträgerin (2012) für die deutsche Ausgabe ihres Gedichtbands "Ein Werbespot für meine Heimat", den ich aus dem Bosnischen übersetzte (Klagenfurt: Wieser Verlag, 2012). Einige der gleich folgenden Gedichte von A. Bašić versetzen uns in die traumatische Situation eines Teenagers im Krieg, mitten im Wohngebiet Alipašino in der belagerten Stadt Sarajevo…

Zwei Fenster, zwischen denen tausend Kilometer liegen, öffnen sich – eins nach Sarajevo und eins nach Magdeburg; eins nach Bosnien und Herzegowina und eins nach Sachsen-Anhalt, mit einer starken, tragenden Brücke dazwischen… Unser Blick ruht auf Sarajevo; ein Blick, getragen von der Sehnsucht nach Frieden und Verbundenheit. Ein Ausdruck dessen ist auch der langjährige Austausch zwischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Bosnien und Herzegowina und Sachsen-Anhalt, sind die Dichterfreundschaften, sind die gegenseitigen Übersetzungen und Einladungen zu Literaturfestivals. Zu dem bedeutenden internationalen, schon seit1962 und sogar durch den Krieg hindurch bestehenden Festival „ Sarajevski dani poezije / Sarajevoer Tage der Poesie” reisten öfter auch Autorinnen und Autoren aus Sachsen-Anhalt, darunter Simone Trieder und André Schinkel. (Und ich selbst hatte das große Glück, vier Mal dabei sein zu dürfen, von 2008 bis 2011.) Bei uns in Magdeburg, Halle (Saale) und in anderen Orten Sachsen-Anhalts waren bereits viele bosnisch-herzegowinische Dichterinnen und Dichter zu Gast auf einer Lesereise. Der Anlass war meist das kleine, aber feine internationale Festival „InterLese“, das der Friedrich-Bödecker-Kreis in Sachsen-Anhalt e.V. in jedem Herbst organisiert. So waren u.a. Adisa Bašić, Mile Stojić und Faruk Šehić hier, liebe und gute Freunde. Von ihnen werden Gedichte bzw. auch ein Essay in diesem Buch vorgestellt.

Die Schriftstellerin Adisa Bašić (rechts im Bild) und Cornelia Marks, Leipziger Buchmesse 2016

Adisa Bašić: Ein Werbespot für meine Heimat In dieser Stadt, in dieser Finsternis

Für Erna

Sonnenbad

Unsere Kostüme dieses Sommers

waren vielleicht nicht in,

aber das konnten wir nicht wissen.

Die Sonne brannte,

und die letzten Tropfen

Sonnencreme

pressten wir aus auf unsere

blassen Gesichter.

Auf unseren mageren,

milchigen Beine.

Es brannte; und beim aufmerksamen Lauschen

wurde hörbar fast

das Planschen der Kinder

im seichten Wasser.

Nur durften wir nicht

hastig aufstehen.

Uns aufrichten.

Das Haupt erheben.

Unser geheimer Sandstrand

auf dem Dach des Hochhauses

würde dem Heckenschützen

ins Auge stechen.

Des Lebens und der Sonne

freuten wir uns still. Vorsichtig.

Sinnlich. Und in der Horizontalen.

Schlittenfahrt

Zum Wasserholen ist’s schön zu laufen

durch milchigen, noch kaum

zerstampften Schnee.

Beladene Schlitten

gleiten mühelos dahin.

Der Bindfaden schneidet

fast gar nicht in die Finger.

Und bei der Hinfahrt…

Bei der Hinfahrt fliegen wir

unbeladen talwärts,

du lenkst,

ich verberge mein Gesicht an deinem Rücken…

Mit den Beinen liiinks… reeechts…

(oh, hoooj… hoooj…

pass aaauf!!!)

Wir rasen hinunter

mit tönendem Quieken,

frechem,

furchtlosem.

Und beinahe

friedenszeitlichem.

Sternschnuppe

Dies geschah in undurchdringlicher Finsternis.

In der Stadt.

Die so dunkel war,

dass wir als Abendspaziergang

hinaus gingen, um Elektrizität zu sehen

(wie eine Erscheinung

schimmerte

ein einziges Gebäude).

Und wir kämmten uns,

kleideten uns an,

und vom schwarzen

Schulhof aus

betrachteten wir es.

Eh, in dieser Stadt…

In dieser Finsternis…

Eines Nachts…

Die Sternschnuppe

brach auf, horizontal,

zum ersonnenen Schenkel des Berges.

Die Sternschnuppe hielt inne.

Unsere Wünsche sind nicht in Erfüllung gegangen.

Genau da. Gerade aus der Finsternis. Aus der Richtung

der Sternschnuppe.

Fingen sie an zu schießen

auf uns.

***

Es folgen drei kurze Gedichte aus dem Zyklus: Das Volk spricht

(in: Ein Werbespot für meine Heimat) von Adisa Bašić:

Rache

Ich weiß, wer

meine Frau

und meinen Sohn

und meine Tochter ermordet hat.

Ich weiß, einer ist zurückgekehrt.

Er hat eine Bäckerei.

Aber ich sehe zu, dass ich

bei ihm niemals etwas kaufe.

Kondition

Ich konnte nicht

alle drei mitnehmen.

Eines ließ ich

im Wald.

Die Überlebenden

Zwei Mal habe ich

lautlos,

damit Mutter es nicht hört

und sie sich nicht erschreckt,

Vater

vom Strang

abgenommen.

(Aus dem Bosnischen von C. Marks)

Adisa Bašić (rechts im Bild) 2016 zu Gast bei der „InterLese“ in Sachsen-Anhalt, hier mit C. Marks im Café Roter Horizont in Halle (Saale), einem Café, wo sich hallesche Dichterinnen und Dichter treffen. (Foto: Ralf Meyer)

Das folgende Foto zeigt A. Bašić 2017 in Sarajevo, als sie aus ihren Erzählungen liest, aus ihrem Buch A ti zaključaj: priče o ljubavima i brakovima (Und du schließt hinter mirdie Tür: Geschichten über Liebesbeziehungen und Ehen). Es ist eine Lesung beim noch jungen internationalen Literaturfestival „Bookstan“, das hervorragend ist (https://www.bookstan.ba) und jährlich in der Buchhandlung Buybook in Sarajevo organisiert wird. Teilweise, so wie hier, findet es auch unter freiem Himmel, im Hof und Garten von Buybook, mit zahlreichem Publikum statt

v.l.n.r.: Amila Kahrović Posavljak, Kristine Ljevak und Adisa Bašić

Das Publikum bei der Bookstan-Lesung von Adisa Bašić und Amila Kahrović Posavljak, die Kristine Ljevak modieriert, im Hof der Buchhandlung Buybook in Sarajevo unter freiem Himmel (Sommer 2017, Foto: C.Marks)

Markt auf dem Markale-Platz in der Altstadt von Sarajevo (2017, Foto: C. Marks)

Auf dem Markale-Platz (Pijaca Markale) gab es im Krieg zwei fürchterliche Massaker, das erste der beiden Massaker fand gegen Mittag am 5. Februar 1994 statt, als ein 120-mm-Mörsergeschoss auf dem Markale-Platz im Zentrum Sarajevos detonierte. Dabei starben 68 Zivilisten, 144 weitere wurden verletzt. Der zweite Vorfall ereignete sich am 28. August 1995. Eine 120-mm-Mörsergranate schlug auf der am Markt vorbeiführenden Straße bei der Markale-Markthalle ein, fünf weitere am Nationaltheater Sarajevo. Dabei kamen 37 Personen ums Leben und 90 weitere wurden verletzt (nach anderen Angaben: 43 Tote und 89 Verletzte). Am Abend kam es zudem zu einem Granatenangriff auf das Koševo-Krankenhaus, in das die meisten der Verwundeten gebracht worden waren.

Blick aus dem Hotelfenster: ein Wohngebiet in Sarajevo mit einem der muslimischen Friedhöfe der Stadt (2017, Foto: C. Marks)

Ich möchte an dieser Stelle einen der bedeutendsten Schriftsteller Bosnien und Herzegowinas und zugleich großartigen europäischen Lyriker vorstellen.

Mile Stojić, Dichter und Essayist, wurde 1955 in Dragičina (ehem. Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina) geboren. Er studierte südslawische Literaturen und Sprachen in Sarajevo, war als Redakteur der Zeitung Oslobođenje, von 1989 bis 1992 Chefredakteur der Kulturzeitschrift Odjek und als Herausgeber der kroatischen Literaturanthologie “Iza spuštenih trepavica” (Sarajevo 1991) tätig. 1992 floh er mit seiner Familie aus Sarajevo, lebte lange in Wien und unterrichtete an der Universität Wien südslawische Literatur. Im Jahre 1995 war M. Stojić Mitherausgeber einer Anthologie bosnischer Kriegsliteratur in deutscher Übersetzung mit dem Titel “In Schmerz mit Wut”. Heute lebt er wieder in Sarajevo. Er veröffentlichte über 20 Bücher, zuletzt seinen fast tausend Seiten starken Lyrikband “Muze i Erinije / Musen und Erynnien”, gesammelte Gedichte. M. Stojić wurde im gesamten ehemaligen Jugoslawien sowohl vor als auch nach dem Krieg mit zahlreichen angesehenen Literaturpreisen geehrt. Seine Werke wurden u.a. ins Deutsche, Polnische, Mazedonische, Italienische und Englische übersetzt.

In deutscher Übersetzung liegen bis jetzt folgende Bücher von ihm vor:

- “Fenster Worte. Ein bosnisches Alphabet”. Essays (übersetzt von Klaus-Detlef Olof, Klagenfurt: Drava Verlag, 2001)

- “Das ungarische Meer”. Gedichte (übersetzt von Klaus-Detlef Olof, Klagenfurt; Wien: Kitab Verlag, 2006

- “Cherubs Schwert”. Gedichte und Essays (übersetzt und mit einem Nachwort versehen von C. Marks, Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2012)

- “Via Vienna. Skizzen auf der Strecke Sarajevo-Wien” (übersetzt von C. Marks, Klagenfurt: Drava Verlag, 2013)

- Im Frühjahr 2023 wird der Lyrikband “Wo wir zitternd stehen in Labyrinthen. Ein Buch der Liebe”. Gedichte (übersetzt und mit einem Nachwort versehen von C. Marks) zweisprachig erscheinen (Morio-Verlag Heidelberg, ein Imprint des Mitteldeutschen Verlags Halle).

Es folgt ein Gedicht aus seinem Band Cherubs Schwert.

Mile StojićStaub

Und die das Dorf verlassen, wandern lang,

und viele sterben vielleicht unterwegs.

Rilke

Ich kehre den Staub in der Wohnung, in die ich zurückkam

Nach dem Krieg. Die Böden werden wieder erglänzen,

Die Krater in der Wand wird der Putz verbergen. Mein Besen schiebt

Häufchen Staub in den Eimer, so wie die Erkenntnis

Die Scherben der Welt in die Grube des Vergessens kehrt.

Ich weiß nicht, ob ich hier jemals gewohnt habe,

Ich kenne die Gegenstände nicht, die der Staub bedeckt,

Nicht die Fotografien an der Wand, auf denen

Im Fieber des Milleniums, einige Gesichter voll Zuversicht flackern,

Jetzt verstört und alt vor dem stählernen Besen.

Über den Krieg erzählen besser die Toten als die Überlebenden,

Ihre Stimme reicht bis zu uns aus dem allgegenwärtigen

Staub, aus galaktischen Partikeln, welche ich mit dem Besen

In kaum energischen Schwüngen zähme,

Während der Mittag fröhlich in der aschfahlen Heimat singt.

Ich säubere die Wohnung vom Staub, vom Müll der Erinnerung,

Dass sich das Weiß wieder zeigt im Tag und im Traum,

Und Sarajevo erneut in seiner Unschuld erstrahlt,

Und der Kreis sich schließt, aus dem es keinen Ausgang gibt,

Denn die von hier fortgehen, wandern lang,

Und viele von ihnen sterben bereits unterwegs.

(Aus dem Kroatischen von C. Marks)

Mile Stojić, C. Marks und der Musiker Toni Geiling bei der Buchpremiere Cherubs Schwert

im Rahmen des Festivals InterLese, Herbst 2011, Café Roter Horizont in Halle (Saale)

***

Emina Dubravić: Ein Ballettsaal für Sarajevoer Musikschüler, mitten im Krieg

Es ist ein heißer Tag im Mai 2022 in Sarajevo, und auf dem Dach eines Hotels in der Altstadt treffe ich mich mit Emina Dubravić. Wegen der Autogeräusche und des wunderbaren Quietschens der Straßenbahn gingen wir dann doch hinein und setzten uns in die gemütliche Lobby, wo wir uns in Ruhe unterhalten und an Mineralwasser laben konnten, und wo ich vor allem das Interview mit meinem Rekorder im Handy aufzeichnen konnte. Ich spürte sofort, dass ich eine starke Frau vor mir hatte, die viel durchmachen musste, aber nie den Mut verlor. Als der Krieg im April 1992 in Sarajevo began, brachte E. Dubravić ihren Sohn Amer (*27.04.1992) zur Welt. Ihr Schicksal war sehr tragisch, denn ihr Mann wurde im Krieg von Scharfschützen in Sarajevo erschossen. Von nun an musste sie allein in den Wirren des Krieges für ihren kleinen Sohn da sein, woher nahm sie den nötigen Mut und die Zuversicht, um dieses Schicksal zu ertragen und die schwerste Zeit ihres Lebens irgendwie zu überstehen? Ihr Sohn, aber auch die Musik haben ihr stets Kraft im Leben gegeben. Sie war früher die Direktorin der Musikschule in Sarajevo, wechselte jedoch noch einmal ihren Beruf und arbeitete dann etwas völlig Anderes, was bewundernswert ist: als Ministerin für Arbeit, Sozialpolitik, Vertriebene und Flüchtlinge des Sarajevo-Kantons. Ihr Herz schlägt jedoch weiterhin leidenschaftlich für die Musik und sie und ihr Sohn sind musikalisch in einem Verein (RKUD “Proleter” Sarajevo) sehr aktiv.

Liebe Emina Dubravić, aus Magdeburg erfuhr ich, (u.a. aus Erzählungen von Frank Satzky, dem Leiter des Magdeburger Knabenchors), dass Sie während der Belagerung Sarajevos die Musikschule geleitet und für Ihre Schüler trotz des schrecklichen Krieges einen Balletsaal errichten lassen haben. Als ich von Ihrer Geschichte und Ihrem Engagement hörte, war ich tief berührt. Würden Sie mir erzählen, wie Sie es geschafft haben, etwas so Schönes, Bedeutsames für die Kinder unter solch unvorstellbar schwegen Bedingungen zu leisten?

Und E. Dubravić beginnt, in erstaunlicher Bescheidenheit, Ruhe, Festigkeit, beinahe Sachlichkeit zu erzählen:

„Ich habe 1994, mitten im Krieg, als Direktorin die Musikschule Sarajevo übernommen. Die Schule war während der gesamten Kriegszeit von 1992 bis 1995 geöffnet.

Leider sind in den Wirren des Krieges viele Instrumente verschwunden. Vor dem Krieg war es so: Die Kinder bekamen jeweils ein Instrument am Anfang des Schuljahres und sie nahmen es als Leihinstrument zum Üben mit nach Hause. Als der Krieg im April 1992 in Sarajevo begann, war es mitten im Schuljahr, und sehr viele Familien flohen ins Ausland… Übrig blieben nur die Klaviere und einige Instrumente, die sich immer in der Schule befanden.