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Die ›biografischen Essays‹ bilden ein im Werdegang des Autors entstandenes Muster ab, wie es sich im Laufe der Zeit in einer konkreten Umgebung, die 40 Jahre lang ›DDR‹ genannt wurde, gebildet und als Einzigartigkeit ausgeformt hat. Das wäre noch nichts Besonderes inmitten von Milliarden anderer Einzigartigkeiten, die den Planeten inzwischen prägen. Allerdings deutet manches darauf hin, dass es im Laufe der Menschheitsgeschichte noch niemals so wichtig sein könnte wie im Moment, sich nicht nur mit uns selbst zufrieden zu geben oder miteinander abzufinden. So ist es seit Jahrtausenden, aber nun scheint eine Verknüpfung notwendig, mit der wir endlich über die Summe unserer Einzelheiten hinauswachsen. Gelingt das nicht, könnte eine lebenswerte Zukunft, schneller als gedacht, in weite Ferne rücken oder ganz und gar vom Horizont verschwinden.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Peter Madei
FENSTERPLATZMIT ESSAYIST
Engelsdorfer VerlagLeipzig2019
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
www.engelsdorfer-verlag.de
Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden, und vielleicht gelingt mir‘s …
Annette von Droste Hülshoff
Cover
Titel
Impressum
EINGANGS
NEUES VON RUMPELSTILZ
FENSTERPLATZ
MUSIK VERLUST VERÄNDERUNG
LIETO FINE
Endnoten
Dieses Buch soll nicht unbedingt Spaß bereiten. Aber Vergnügen! Und Neugier wecken. Die dafür versammelten Texte haben drei Gründe. Der erste ist eine zufällige Entdeckung, der zweite eine notwendige Vermutung und der dritte, dass beide zusammengehören.
Den Begriff ‚biografischer Essay‘ verdankt der Autor der Entdeckung, dass in jedem Menschenhirn normalerweise im Laufe des Lebens ein unikates Muster entsteht, das seine Einzigartigkeit vor allem aus der Verknüpfung mit anderen solchen Mustern gewinnt. Die Vermutung ist, dass wir uns umgehend verändern müssen, dass wir eiligst ein Denken, Fühlen und Handeln entwickeln müssen, um eine lebenswerte Zukunft zu behalten. ‚Gemeinsames Individuum‘ nennt Jean Paul Sartre, was mehr als die Summe der an ihm Beteiligten mit ihren Vernünften, Willen, Neigungen ist.
Die vier biografischen Essays bilden das KopfMuster des Autors ab. Sie sind um je eine der Schönen Künste entwickelt, wie sie seit Goethe, Lessing, Schiller, Winckelmann begriffen werden und seit der Zeit der Aufklärung Gedanken- und Einfallsreichtum zivilisieren sollen – damit wir nicht rettungslos dem Egoismus und der Gier verfallen. In „Neues von Rumpelstilz“ ist es die Literatur, in „Fensterplatz“ die Bildkunst, in „Musik Verlust Veränderung“ die Musik und in „Lieto fine“ das Theater. Gemeinsam bringen sie die Architektur zur Sprache, die der römische Baukünstler Marcus Vitruvius Pollio die ‚Mutter aller Künste‘ nannte, gegründet auf Stabilität, Nützlichkeit und Anmut.
Es war eine intuitive Entscheidung des Autors, die Texte aus den Künsten und nicht zum Beispiel aus Religionen oder Wissenschaften erwachsen zu lassen. „Viva Arte Viva“ gab die Kuratorin Christine Macel der Venediger Biennale 2017 als Motto, weil „heute angesichts weltweiter Konflikte und Verwerfungen“ insbesondere die „Kunst Zeugnis vom wertvollsten Anteil dessen ablegt, was uns menschlich macht“ und weil durch „individuelle Einsätze die Welt von Morgen eine Gestalt gewinnt, für die Künstlerinnen und Künstler oft ein besseres Gespür bewiesen haben als andere“.
Die biografischen Essays versammeln und verknüpfen eine gegebene (z. B. Eltern, Verwandte, Lehrer) und eine im Laufe des Lebens erworbene (z. B. Freunde, Gleichgesinnte, Eindrucksvolle) Personnage. Die Werde-Gänge, Ideen und Werke, mit dem Selbst vernetzt, hält der Autor für geeignet, das ‚gemeinsame Individuum‘ zu qualifizieren, also eigene Ambitionen mit anderen anzureichern, um – bitter nötig für den schon genannten Fortbestand – Perspektiven wechseln zu können.
Einer Idee des Philosophen Gilles Deleuze folgend, ist die Struktur der biografischen Essays rhizom. Also kann mit dem Lesen praktisch an jeder beliebigen Stelle begonnen werden. Das avisierte Vergnügen sollte darunter nicht leiden. Die Neugier könnte jedoch – Gedanken oder Lebensläufen folgend – zum vorschnellen Verlassen des Buches führen. Das geht in Ordnung. (Mit Rückkehr wird gerechnet!) Auf Anhänge, Verzeichnisse, Register wird verzichtet. Allerdings hält der Blog des Autors www.sinnsein.com das eine oder andere Extra zu den Texten bereit. Darauf wird in den Fußnoten an geeigneten Stellen hingewiesen.
Peter Madei, im Juli 2019
Die Welt hebt an mit einem Tun. Und mit einem Tun hebt auch das an, was wir Ich nennen.1
Anselm Kiefer
Wie wurde ich aufmerksam? Wieso fiel mir unter den vielen in der Kindheit gehörten und gelesenen Märchen jenes Grimm’sche mit dem Männlein mit dem verhängnisvollen Namen besonders auf? Oder bilde ich mir heute nur ein, es damals schon als Besonderes bemerkt zu haben?
Während eines Lehrerstudiums interessierte ich mich nebenher für Sprachstatistik und zählte eines Tages, in unbestimmter Erwartung, die Wörter dieses Märchens. Eintausend waren es einschließlich der Überschrift, neunhundertneunundneunzig oder drei Mal dreihundertdreiunddreißig hat der Text.2
Als hätte ich es geahnt.
Was denn geahnt? Was denn erwartet hinter dem nicht neuen Spiel mit der Drei und ihren Vielfachen? Drei Wünsche stehen frei, drei Rätsel sind zu lösen, drei Taten zu vollbringen, bevor meist Außerordentliches geschieht. Drei Brüder begründen ihr Glück auf Eintracht und Redlichkeit. Drei Federn weisen drei Königssöhnen den Lebenserfahrungsweg. Drei Glückskinder vergolden ihre bescheidenen Habseligkeiten. Sechs kommen durch die Welt. In sechs Schwäne verzaubert eine Stiefkönigin mit Hexenhintergrund die Söhne ihres Gemahls. Mit elf Jungfrauen reitet eine Braut in Jägergewandung dem verlorenen Geliebten nach, ihn zurückzugewinnen. Zwölf Knechte lobpreisen die eigene Faulheit.
Bei „Rumpelstilzchen“ scheint das Spiel mit der Drei ein Code, mit dem der Text sich weiter öffnen lässt. Drei Mal drei Namen nennt die Müllerstochter. Neununddreißig Sätze, die Überschrift mitgezählt, hat der Märchentext, sechsundsechzig Wörter der längste Satz. Dreihundertneununddreißig Wörter stehen in wörtlicher Rede, die siebenundzwanzig Mal – drei Mal drei Mal drei – geführt wird. Und dabei blieb es nicht. Im Jahr 1998 – nebenbei ist das drei Mal die Zahl Sechshundertsechsundsechzig oder sechs Mal die Zahl Dreihundertdreiunddreißig – fand ich in dem drei Jahre zuvor erschienenen Märchenlexikon von Walter Scherf Auskünfte zur Geschichte dieses Märchens, platziert auf welcher Seite wohl? Auf Seite Eintausend. Was für kein Zufall!
Am 10. März 1811, das Jahr, in dem in Preußen alle feudalen Dienste abgeschafft wurden, in dem ein gewisser Friedrich Krupp in Essen eine Gussstahlfabrik gründete und in Berlin Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz eröffnete, bekamen Jacob und sein jüngerer Bruder Wilhelm Grimm, der zwei Wochen zuvor 25 Jahre alt geworden war, dieses Märchen von der 16-jährigen Henriette Dorothea Wild erzählt. Dortchen, so nannten sie Verwandte und Freunde, wurde in Bern geboren und kam mit der Familie nach Kassel. Hier gehörte ihrem Vater, schon zu Schweizer Zeiten ein wohlhabender Bürger, die Sonnenapotheke in der Johannes Straße. Ganz in der Nähe wohnte die Mutter der Grimm-Brüder mit ihren Kindern zur Miete. Seit Dorothea Sieben war, kannten sich beide Familien und waren befreundet.
Dorotheas Mutter war die Tochter von Johann Matthias Gesner, der 1730 als Rektor an die Leipziger Thomasschule berufen wurde. Es heißt, Johann Sebastian Bach, seinerzeit im Amt des Kantors und Musikdirektors der Messestadt und in diesen Funktionen mit dem Musikunterricht an der Thomasschule betraut, habe nach heftigen Kontroversen mit Gesners Vorgänger bei seiner Ankunft erfreut ausgerufen: „Jetzt wird alles gut!“ Später widmete er ihm den „Kanon zu zwei Stimmen“.3 Hingegen verweigerten Leipziger Professoren, eifersüchtig ob seines hohen Ansehens beim Stadtrat, Gesner eine Lehrerlaubnis für die Universität. So folgte er vier Jahre später dem Ruf aus Göttingen an die eben gegründete „Georgia Augusta“, wurde ihr erster Professor und Leiter der Universitätsbibliothek. Man muss wissen, dass seinerzeit nicht so sehr der Standort den Ruf der Bildungsstätte begründete, sondern die Bibliothek. Sie war das Herzstück einer Universität, geprägt von der Fähigkeit und Intuition dessen, der in ihr das Wissen der Zeit sammelte, ordnete und strukturierte. Darüber hinaus lehrte Gesner Poesie und Rhetorik, und man erzählte sich im Familienkreis immer wieder gern, wie Dorotheas Mutter, ein wissbegieriges Kind, sich einmal hinter einem Vorhang im Hörsaal versteckt und heimlich die Vorlesung ihres Vaters belauscht habe, darüber eingeschlafen und von ihrem Stuhl in das Auditorium gepurzelt sei, die Ehrfurcht der Studenten vor ihrem Professor aber so groß war, dass erwartbares Gelächter ausblieb.
Dortchens Vater besaß um Kassel herum Gärten und Ländereien, und in einem davon saß an jenem Vorfrühlingssonntag 1811 die Familie Wild mit den beiden Grimm-Brüdern und deren Schwester Lotte beisammen. Kerzenlicht hielt die zeitige Dunkelheit nicht auf, steigerte aber die Phantasie der jungen Leute und lockte sie mit Stroh und Gold einem heißen Sommer entgegen, dessen Nächte vom Mai bis in den September hinein ein mächtiger Komet vollmondhell ausleuchten würde.
Aus dem Nachlass der Familie Grimm sind zwei Büchlein erhalten, als deren Urheberin lange Jakobs und Wilhelms Schwester Lotte galt. Inzwischen schreibt die Forschung sie eindeutig Dorothea zu. „Kunst- und Mirakelbuch, Marburg 1810“ steht auf dem Vorsatzblatt des ersten der Bändchen und ist eine seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur in Deutschland übliche Bezeichnung für gesammelte Notizen, Hinweise, Tagebuchblätter oder Verse von jungen Mädchen. Oft schon im Kindesalter angelegt, wollten sie reflektierende oder praktische Begleitung eines Frauenlebens sein.4 Dorotheas Mirakelbuch enthält ausschließlich Rezepte für die Bereitung von Speisen, Kuchen, Desserts und Mixturen, wie üblich bei diesen Büchlein auch mit Eintragungen von anderer Hand: „Heute back ich, morgen brau ich…“ Schon als Kinder, nicht nur im Spiel, nicht nur in ihrer Neigung zum konzentrierten Sammeln, fanden sich Dorothea und Wilhelm, bis sie im Jahr 1825 vor aller Welt ehelichten.
210 Rezepte enthält Dorotheas Mirakelbüchlein. 210 Märchen enthält die Sammlung der Brüder Grimm. Hier bringt die Quersumme die Drei hervor und das Zahlenverhältnis Zwei zu Eins, ein besonderes und eklatant, weil es die erste Beziehung der ersten beiden natürlichen Zahlen zueinander ist und – für alle Zeit über jeden Zufall hinaus – das natürliche Ungleichgewicht in der Welt ausdrückt. Durch triviale Addition, durch bloßes Zusammenzählen, erscheint in einem idealen, ewigen Kontinuum aus Singularitäten ein Muster oder energetisches Gefälle, das wir, wenn wir wollen, Bewegung oder Materie nennen können. Nicht infolge eines höheren Willens oder nebulösen Schicksals erscheint es, sondern aus sich selbst heraus. „Eins plus Eins“ sei nicht Zwei, sondern Eins plus Eins, soll Jean-Luc Godard5 gesagt und damit auf die untilgbare Verschiedenheit zwischen der Summe und ihren Teilen hingewiesen haben.
Es war angerichtet. Abklingendes Frühlingsgezwitscher zur Spätnachmittagsstunde im Wild’schen Garten machte Dortchens klarer Stimme Platz, der zuliebe Wilhelm gern auf die eigene verzichtete: „Es war einmal ein Müller…“
Wie jedes der in die Sammlung der Brüder Grimm aufgenommenen Märchen hatte auch dieses eine Vorgeschichte. Es fand sich zum Beispiel als „Tom Tit Tot“ im Englischen, als „Soen Vroen Vrimpetoen“ in der dänischen Sammlung von Bengt Holbek, zuerst aber wohl in der „L’histoire de Ricdin Ricdon“ der Marie Jeanne L’Héritier. Sie machte aus der mündlichen Überlieferung des Zaubermärchens von der Spinnhilfe eines koboldartigen Dämons einen höfisch galanten Erziehungsroman, den Johann Gottwerth Müller 1790 ins Deutsche übertrug.6 Diese Buchfassung neben dem 1799 in Hamburg veröffentlichten, daran angelehnten Märchen „Graumännchen oder die Burg Rabenbühl“ von Sophie Albrecht sowie eine Schwankform des Stoffes aus dem Jahr 1669 vom Herausgeber der Rübezahlsagen Johannes Praetorius, hält Walter Scherf für damals „weithin in Deutschland bekannt“. „Rumpelstilzchen“ sei ein „Schulbeispiel in seiner Rückführung von äußeren auf innere Bewährungsproben“ und Ursache dafür, dass es „mehrfach krass missdeutet“ worden sei. Der Hauptgestalt werde entweder die Rolle des hilflosen, dem Zufall preisgegebenen Opfers oder die einer listenreichen Feministin gegeben. Beide Zuordnungen geben vor allem Auskunft über die, die ordnen. Siekommen dadurch zum Vorschein, meist auf Kosten des Textes, der viel spannender ist.
Mein Dramaturgie-Lehrmeister Kaspar Königshof – Ziehsohn von Herbert Ihering7 und Anfang der 1950er Jahre häufig neben dem von Bertolt Brecht besetzten Regiepult am Berliner Ensemble hockend – wurde seinerzeit8 nicht müde, mich darauf hinzuweisen, dass ich mich bei der Aneignung eines historischen Stückes gefälligst erstens für den Text, zweitens für den Text und drittens für seine konkrete Umgebung zu interessieren habe und dann erst für eigene Assoziationen oder eventuelle Begehrlichkeiten. Läse ich ihn zuerst aus meiner Perspektive, ginge Wesentliches verloren und eine darauf ruhende Inszenierung gründlich in die Binsen.
Also sollen alle bisherigen Variationen des Themas mit jenem zehnten Märztag 1811 abgegolten sein, mit dem Moment, als Dortchen sich mit ihm erfand, jene Dorothea, für die sich Wilhelm, mit sicherem Gefühl für den Augenblick, entscheiden würde, so sicher, wie sie selbst es war, mit ihren 16 Jahren, mit ihrer Lebenslust, den Ernst des Lebens dicht vor sich.9 Bald nacheinander starben ihre Eltern, zunächst die Mutter und einen Tag nach Weihnachten 1814 ihr Vater, den sie bis zuletzt pflegte. Daneben betreute sie, hingebungsvoll, wie Wilhelm berichten wird, die vier unmündigen Kinder ihrer früh verstorbenen Schwester Gretchen im Haushalt des Schwagers.
Märchen verklären die Wirklichkeit nicht. Ihre Sprachverdichtung, die sie nahe an die Lyrik rückt, führen die Welt vor Augen. Mit selten banaler Phantasie bahnt sich in ihnen in oft atemberaubender Manier Gerechtigkeit den Weg aus schierer Verzweiflung und löst die verworrensten Knoten – auch hier Parallelen zur Zahlenwelt, in der mit Hilfe der erstmals im Jahr 1797 vom norwegisch-dänischen Landmesser Caspar Wessel erfolgreich abgehandelten imaginären Zahlen, die man bis dahin für sinnlose Spielerei hielt, die Lösung von für unlösbar gehaltenen algebraischen Gleichungen gelang. Mit der negativen Quadratwurzel entdeckte Wessel eine neue Dimension im Zahlenraum. Carl Friedrich Gauß blieb vorbehalten, ihr 1831 mit einer Veröffentlichung in den „Göttingschen gelehrten Anzeigen“ allgemeine Beachtung zu verschaffen. Heute sind imaginäre Zahlen eine notwendige Rechenhilfe in Physik und Technik und spielen eine Rolle in der Grundlagenphysik.
„Es war einmal…“ Haben wir Mut und verlassen gleich mit den ersten drei Worten das Klischee und lesen: „Es war einmal“. Nicht etwas Geschehenes ist ein hinreichender Grund, es zu erzählen, sondern sein Besonderes. „Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter.“ Der Eröffnungssatz mit dem zentralen „aber“ reicht über die einfache Information hinaus. Das Wort „Müller“ lässt Eigentumsverhältnisse zwar offen, das Adjektiv „arm“ aber deutet auf den Bewirtschafter einer Pachtmühle, der weitere Verlauf des Textes auf den König als Grundherrn und Eigentümer der Mühle hin. Markiert wird ein ökonomisches Spannungsfeld, in dem mit jenem „aber“ das Drama, bevor es seinen gnadenlosen Lauf nimmt, hier schon knistert. Schönheit und Armut in einer Person ertragen sich nicht lange. Ein Schmuckstück im armseligen Kästchen dünkt uns, je nach eigener Perspektive, leichte Beute oder fehl am Platz. Die Tochter mag sich noch zufrieden geben, der Vater harrt längst einer ersten besten Möglichkeit. Dorothea verriet nicht, ob sie die einzige Tochter der Müllers ist, Brüder hat, ihre Mutter lebt. In einem verdichteten Text wie diesem, ist das kein Versehen. Ist keine Rede von jemandem, spielt er für das, was interessieren soll, keine Rolle.
„Nun traf es sich, daß er“ – der Müller – „mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm: Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen“. Wir haben nur zwei Sätze hinter uns und sind mitten in der Welt eines Müllers, einer Tochter, eines Königs, Dorotheas, Wilhelms und unserer eigenen. Nicht der König lässt sich zum Gespräch mit dem Müller herab oder sucht es gar, es ist umgekehrt. Diese Formulierung ist nicht unbedacht und belegt eine intakte Kommunikation zwischen den Hierarchieebenen. Wäre es die Ausnahme, liefe die Geschichte anders. Über Not und Elend, Gier und Machthabe ließe sich dann berichten oder über Kraft und Mut, sich dagegen aufzulehnen, umstürzlerische Konspirationen und den feurigen Atem von Rache im Namen von Gerechtigkeit. Dorothea ging anderes durch den Kopf.
Ein Grund, weshalb der König unterwegs ist, wird nicht genannt. Hier gilt das Gleiche wie für Personen: Unbenanntes tut nichts zur Sache. Wir erfahren, dass die Initiative für das Gespräch vom Müller ausgeht, der König unangekündigt ist und mitnichten auf Brautschau. Warum aber liefert er ihm seine Tochter mit einer so dreisten Lüge aus? So dumm kann nicht mal ein König sein, dem Müller in seiner armseligen Umgebung die angepriesene Fähigkeit der Tochter des Hauses abzunehmen. Will er Vater und Tochter einen Denkzettel verpassen, wenn er nicht auf Überprüfung sofort und vor Ort besteht? Oder missversteht ihn der König?
„Wenn deine Tochter so geschickt ist wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen“. Wie, wenn Stroh und Gold nur Metaphern sind? Für ‚strohdumm‘ und ein ‚goldenes Händchen‘ zum Beispiel? Wie, wenn ich alle drei unterschätze: Müller, König und Dorothea? Wenn gar nicht von irgendeinem Hokuspokus die Rede ist? Der Müller spricht von einer Fertigkeit, die seine Tochter habe. Das, was sie können soll, geschieht durch Tun und nicht durch Zauberei. Der König nimmt das sehr wohl wahr und verlässt sie in der ersten Kammer mit den Worten: „Jetzt mache dich an die Arbeit…“ Aber dem Müller sagt er noch etwas, das nicht überlesen werden sollte: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt…“ Es handelt sich um kein gewöhnliches Tun. Ein Rohstoff wird in einem auf den ersten Blick vertrauten, weit verbreiteten Verarbeitungsprozess veredelt.
Im Jahr 1812 nannte Jacob Grimm die Poesie in einer Rezension der Sammlung „Buch der Liebe“ von Johann Büsching10 und Friedrich von der Hagen11, letzteren zitierend, ausgesponnenes Gold. „Poesie schwingt sich auf und kreist in den lüften, prosa wandelt still und gerade ihren gang mit auf dem erdboden gehaltenen schritten, etwas aber geht noch schneller, wie der flug, nämlich der gedanke, welcher frei ist in der prosa, wie in der poesie, und der vortheil dieser besteht blosz darin, dasz sie ihm ein zartes edelgewand bietet, oder was die andere in silber zu zahlen hat, in gold auslegt. das ausgesponnene gold und das ganze silberstück, auf dem noch das alte gepräge steht“, heißt es bei Hagen. 150 Jahre später schrieb der russische Autor Konstantin Georgijewitsch Paustowski12 in seinen Gedanken über die Arbeit des Schriftstellers: „Jeder Augenblick, jedes beiläufig hingeworfene Wort, jeder Blick, jeder tiefe oder nur als Scherz gemeinte Gedanke, jede unmerkliche Regung des menschlichen Herzens ebenso wie der fliegende Flaum der Pappeln oder das Blinken der Sterne in einer Pfütze bei Nacht – alles das sind kleine Körnchen Goldstaub. Wir Schriftsteller verwandeln sie in eine Legierung und schmieden dann aus dieser Legierung unsere ‚goldene Rose‘ – eine Erzählung, einen Roman oder eine Dichtung“.13 Hier nicht an Rumpelstilz zu denken, fällt schwer. Von Dorothea hätten wir uns, nähmen wir Stroh und Gold allein für bare Münze, ein mitleidiges Lächeln gefallen zu lassen. Einen Denkhorizont, den wir gern Börsenmaklern und Finanzministern unterstellen und ignorieren, dass unser eigener zumeist nicht sehr viel weiter reicht, überschreitet sie tänzerisch. „Stroh zu Gold“ ist ihr Schlüssel nicht nur für eine Tür, die sie mit ihrer Geschichte öffnet.
Lange war ich unschlüssig, wer darin für Gutes und wer für Böses steht. Bis ich herausfand, dass das Klischee hier nicht bedient wird, nicht wie in Filmen mit bewährten Darstellern, ausgezeichneten Regisseuren und astronomischen Budgets, die dennoch Unbehagen hervorrufen und daran knüpfende Fragen: Liegt es an der Substanz der Geschichten? Liegt es an ihrer sozialen Unbestimmtheit, an zu viel Gutgemeintem oder an fehlenden Visionen? Das alles mag sein, sicher aber leidet jede Geschichte immer dann, wenn einer ihrer Protagonisten aufgegeben wird, als Bösewicht oder fieser Charakter herhalten muss, als Schwamm für Schuld und Elend. Da nutzen dann noch so edle Gesinnungen wenig. Sobald ein Schurke im Spiel ist, ist der ganze Konflikt nur noch die Hälfte wert. Erst wenn jeder der Akteure meine Neugier behält und nicht gleich beim ersten Eindruck in einer Schublade verschwindet, kann die Geschichte tragisch oder großartig werden. Erst dann trifft sie mich heftig wie das Leben und folgenreich. So traue ich Dorotheas Märchenkönig, der sein Reich inspiziert und selbst nach dem Rechten sieht, mehr als nur privates Vergnügen und eine klamme Staatskasse zu, dem Müller mehr als nur Reputation.
Drei Figurendreiecke strukturieren das Märchen. Müller, Müllerstochter und König bilden das erste. Es ist ein soziales Dreieck mit dem Müller und seiner Tochter als Basis, über der der König als Spitze die Hierarchie etabliert. Zur Bestätigung gibt er stante pede einen ersten Befehl: „Wenn deine Tochter so geschickt ist wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen“. Gleichzeitig kommt das Königreich als Territorium zum Vorschein. Es ist recht übersichtlich, denn die einbestellte Tochter ist mühelos an einem Tag ins Schloss zu bringen, zu Fuß natürlich, denn wo nähme ein Pachtmüller Pferd und Wagen oder auch nur einen Esel her? Wenn sich aber jenseits der Mühle das Königreich noch viel weiter erstreckte? Es tut es nicht, und diesen Beweis liefert der von der späteren Königin in ihrer Not „über Land“ geschickte Bote. Er hat nicht mehr als drei Tage Zeit, besondere Namen zu finden. Nach seiner Rückkehr berichtet er, dass er „an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen“. Das hört sich nicht ganz an wie das Ende der Welt, bezeichnet aber in der herzhaften Bildsprache des einfachen Mannes nichts anderes als die Grenze der königlichen Länderei. Dort, ganz am Rande, lauscht er dem „gar zu lächerlichen Männchen“ ab, es werde „übermorgen… der Königin ihr Kind“ holen. Also muss der Bote noch am Abend des ersten Tages, an dem Rumpelstilz der Königin erschien, in diese Gegend gekommen sein. Da auch dem Boten keine Fortbewegungshilfe zur Verfügung steht – nicht genannt, nicht existent! – und das Schloss im Inneren des Reiches vermutet werden darf, folgt ein Durchmesser von höchstens zwei Tagesmärschen. Nichts weist auf eine schlampige Recherche des Boten hin, kein Wort spricht gegen seine redliche Dienstbarkeit.
Selbst der König scheint zu Fuß unterwegs, und daheim regelt sich alles ohne nennenswertes Personal. Der König selbst nimmt die Müllerstochter in Empfang. Er führt sie in die erste Kammer. Er drückt ihr Rad und Haspel in die Hände und legt noch tüchtig nach: „Wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben“. Das kommt bekannt vor. Nicht dieser jedem klassischen Drama zur Ehre gereichende Spruch, sondern das Ambiente. Ganz gleich wieviel Show und wieviel Macho hier im Spiel ist, es handelt sich, und alles noch Folgende wird es belegen, um ein lupenreines Single-Domizil. Genügend Kammern sind da, deren Zustand noch mehr Wünsche offen lässt, und in welchem Rahmen dieser Herrscher lebt, erfahren wir nicht – schon klar: es tut nichts zur Sache. Es scheint aber ohnehin nicht der Rede wert. Essen, Trinken, Feste feiern kommt anderwärts ins Spiel.
Das zweite Figurendreieck bilden König, Müllerstochter und Rumpelstilz. Es beruht auf Interessen. Die Müllerstochter, die dramatischer nicht zwischen zwei Fronten geraten könnte, besetzt die Spitze, die hier abwärts zeigt. In einer Zeit, in der in landesweit zeitgleichen achtwöchigen Sommerferien wortlustige Kinder die Gelegenheit bekamen, ihr in eigene Geschichten und Verse gefasstes Erfühlte und Erdachte mitzuteilen und eigene Träume und Wachsamkeiten auszutauschen, die auch in damaligen Lehrplänen kaum eine Rolle spielten, probierte ich für ein Abschlussfest eine aktualisierte Lesart des Märchens aus. Den König verwandelte ich in einen Schallplattenproduzenten auf der Suche nach einem neuen Schlagerstar. Mangels noch nicht erfundener DSDS-Shows14 hatte er höchstpersönlichen Einsatz zu leisten und wurde bei einem gewissen Herrn Müller fündig. Dessen Tochter beorderte er in sein Studio und produzierte mit ihr – in einer zweiten Identität – als gnadenloser Stimmtreiber Rumpel Stilz in drei aufeinanderfolgenden Nächten drei Schallplatten, in der ersten eine Single, in der zweiten eine LP, schließlich ein Doppelalbum. Und damit nicht genug. Scout, Autor, Komponist und Produzent in Einem, managte er auch die Medienkampagne, die die schwarzen Scheiben an die Spitze der Charts katapultierten und vergoldeten. Marktmöglichkeiten nutzend, von denen Fräulein Müller keine Ahnung hatte, schlau kalkulierend und profitorientiert, sicherte er sich, all inclusive, Gegenwarts- und Zukunftsrechte an seinem Goldkehlchen. Die Heirat mit ihr garantierte ihm die Früchte ihrer weiteren Karriere, das alleinige Erziehungsrecht im Nachwuchsfall war die Option auf ein nicht unwahrscheinliches Talent ihres gemeinsamen Sprösslings.
Die Ferienkinder waren aus dem Häuschen. Statt einer Zugabe verlangten sie von uns auf der Stelle die komplette Wiederholung des Spiels um Gold und Gier. Wir ließen uns nicht dreimal bitten. Das staatstragende Stadttheater, an dem ich damals meine Brötchen verdiente, wollte mit dieser Version nichts anfangen.
Tatsächlich sind König und Rumpelstilz in einer Person nicht nur originell, sondern recht schlüssig. So wird die Müllerstochter planvoll in einen dreitägigen Schlafentzug, in komplette Verzweiflung und an den Rand des Wahnsinns getrieben. Danach ist sie jedes Eigenwillens beraubt, restlos gefügig und verspricht alles, nur um wieder Ruhe zu finden. Als sie zu sich kommt, hat bitterste Demütigung sie schon in vollem Umfang ereilt. Auch hält das perfide Spiel der Doppelfigur sie auf diese Weise komplett unter Kontrolle. Wäre der Bote eine weitere Selbstdarstellung des Königs, ist die Überwachung total. Tatsächlich kam in der ersten Grimm‘schen Fassung des Märchens aus dem Jahr 1812 der Bote nicht vor. Ganz zufällig bringt der König den gesuchten Namen, Gefäß für eine Identität, dessen Enträtselung es zerstört und die darin gärende Vision ins Spurenlose zerfließen lässt, am entscheidenden dritten Tag von einem seiner Jagdzüge, auf dem er dem „gar zu lächerlichen Männchen“ begegnet sein will, nach Hause mit. Wir sind noch 138 Jahre, Quersumme 12, teilbar durch 3, vom Großen Bruder15 entfernt, aber diese Personalunion gab schon 1811 in spielerischer Manier den Blick auf makabre Dystopien des 20. Jahrhunderts frei.
Am Ende von drei Schreckenstagen sind drei Rumpelkammern eines tristen Anwesens zu Schatzkammern mutiert, und der König löst sein Eheversprechen ein. Das Hochzeitsfest, großes Finale so vieler Märchen, ist hier nur die Überleitung in den brisanten dritten Teil. Indes ist keine Rede mehr vom Schwiegervater und seiner Mühle, denn die spielen keine Rolle mehr. Wir sind, zum wiederholten Mal gesagt, in einem Text, der parallel zur Wirklichkeit die eigene entfaltet und wohlbedacht nur mit dem Nötigen füllt.
Vier Tage sind vergangen, seit die Geschichte ihren Anfang nahm, „und die schöne Müllerstochter ward eine Königin“. Es folgt ein beachtliches Stück Lebenszeit, die ein Text mühelos auf einen Wörterzwischenraum verkürzen kann. „Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt…“ Ein Königskind? Mit seiner Mutter legt es die Basis für das dritte Figurendreieck, eines der Blutsverwandtschaft – mit einer ungeheuerlichen Irritation: „… und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer…“. Abermals vier Tage dauert es, bis Rumpelstilz, sein Ziel vor Augen, von der Spitze dieses dritten Dreiecks in die Katastrophe kippt.
Die Müllerstochter, zweimal in der Basis, einmal in der Abwärtsspitze, kommt in jedem Dreieck vor. König und Rumpelstilz, je einmal Spitze und einmal gemeinsame Basis im Interessendreieck, kommen in zwei Dreiecken vor, Müller und Enkelkind je einmal im ersten beziehungsweise dritten.
Der Bote taucht in keinem Dreieck auf. Mit ihm verhält es sich wie mit den erwähnten imaginären Zahlen und ihrer grandiosen Eigenschaft, die Lösung von vermeintlich Unlösbarem zu liefern.
Mit geometrischen Figuren werden Zahlenverhältnisse sinnlich wahrnehmbar. Die Zählerei der Drei war ein spielerischer Auftakt. Das Dreieck als Figur deckt Strukturen auf, in denen die Figuren des Märchentextes verhaftet sind, in denen sie agieren und sie gleichzeitig ausformen, so wie Menschengemeinschaften sich Strukturen geben. Mit Hilfe der Geometrie werden Zusammenhänge deutlich, die vermeintlich schicksalhaft erscheinen wie oft genug die eigenen Beweggründe. Aber nun sehen wir – und können es kaum fassen – dass Vernunft und Geschick heraus aus Abhängigkeiten führen können und dass sie – kaum zu glauben – weder vorherbestimmt noch Glaubensfragen sind. Gern klammern wir uns auch – erschrocken oder entsetzt, denn geheuer sind uns die eigenen Möglichkeiten bis heute nicht – an Zauberei und Magie, als erklärte sich damit jener Teil unserer Natur, der uns, versessen auf Einzelheiten, von Zusammenhängen abbringt. Liebevoll und skrupellos teilen wir lieber das Ganze auf und nehmen uns, was wir für nötig halten. Die Konsequenzen verdrängen wir zumeist. Ihrer bewusst sind wir uns schon. Der Teufel stecke im Detail, orakeln wir, und nehmen Zahlen in den Dienst unserer Machenschaften.
Hier aber, in Dorotheas Märchentext, sind sie kein Netz oder doppelter Boden, in dem ich mich verfangen und haften bleiben soll. Hier knüpfen sie ein Muster, das Menschenmöglichkeiten offenlegt.16 So wie eine energetische Asymmetrie Materie und ihre Struktur verursacht haben könnte, überführt hier das aus der Drei geknüpfte Muster Märchenhaftes ins Praktikable. Jedes Figurendreieck deckt einen der drei Textabschnitte ab und verknüpft sie zu einem folgenreichen Ganzen. Ist das nicht zu simpel? Aber eben in dieser schlichten Klarheit liegt der Geniestreich der intuitiv und intelligent erzählenden blutjungen Dorothea. Geschickt entwickelt sie ihre Suche nach einem Daseinssinn, so wie es junge Menschen – sofern es ihnen nicht vom ersten Atemzug an erfolgreich aberzogen und ausgeredet wird – in den Jahren ihres Erwachsens noch überall und jederzeit in der Welt tun.
Dorotheas Erzählung an jenem Vorfrühlingsnachmittag ist ein verheißungsvolles Kunststück, das der ihr geneigte Wilhelm Grimm dankbar aufnimmt und in eine Generationen und Jahrhunderte überdauernde Form bringen wird: kein philosophisches Traktat, keine wissenschaftliche Abhandlung, nicht exklusiv für ausgesuchte Hände oder Hirne oder Orte. Das inzwischen Millionen mal vervielfältigte Buch mit dem freundlichen Titel „Kinder und Hausmärchen“ wird es sein. Kein besseres Transportmittel hätte er für Dorotheas Rumpelstilz erfinden können, reisend mit ihm seit 200 Jahren ohne Visitationen und Grenzkontrollen, jederzeit bereit, benannt, entdeckt zu werden.
Selbst Rumpelstilz bezieht sich auf den bei Gelegenheit eigenen Versagens immer wieder gern bemühten Welt- und Sinnzerstörer: „Das hat dir der Teufel gesagt…“, und gleich nochmal: „…das hat dir der Teufel gesagt“. Wenn wir sehen, wie sparsam in diesem Text mit Worten umgegangen wird, ist die Wiederholung der Ausdruck für das Ausmaß der Katastrophe. Höchste Zeit zu fragen, wen sie trifft. Wer ist Rumpelstilz?
Im Handstreich erledigt Dorothea die bis dato europaweit vorhandenen Versionen des Stoffes, in denen das Männchen mal als Zwerg, Kobold oder Dämon, mal als Teufel selbst agiert. Sie erschafft ein Wesen mit völlig neuer Dimension. Wie geht das zu? Von Kindern oder Jugendlichen geschriebene Gedichte oder Geschichten zeigen, dass es weder besonderer Vorkenntnisse noch großartiger Konzepte bedarf, um ein Thema überraschend vollendet zum Ausdruck zu bringen. Es ist auch gar nicht so unerklärlich. Es gelingt, wenn Eigenes in großer Wahrhaftigkeit, ungestört von Selbstzweifeln und unbeeinflusst von Außen, von Freunden oder Eltern oder Lehrern, ausgesprochen wird. Dann kann ein kreativer, unvoreingenommener Verstand mit Naturgefühl unglaublich stimmige Gebilde in die Welt setzen.
Dorotheas Rumpelstilz behält die überlieferte Hülle eines Kleinwüchsigen, der seinerzeit vielleicht gar nicht besonders auffällig war. Neuere Untersuchungen belegen, dass Menschen in der Zeit vom 18. auf das 19. Jahrhundert, in der Epoche der industriellen Revolution, mit durchschnittlichen 167 Zentimetern kleiner sind als in den Jahrhunderten davor und danach. Zurückgeführt wird das auf schlechte Arbeitsbedingungen und Nahrungsmangel. Die Körpergröße ist auch ein Indikator dafür, wie gut ein Mensch sich körperlich in Kindheit und Jugend entwickeln kann. Abhängig ist das vor allem von Ernährung, Umweltverschmutzung, Krankheiten und ihrer Therapierbarkeit.17
Wir lesen von einem Männlein oder Männchen. Es steckt die Spulen auf, es verlangt Entlohnung, schließlich ein Erstgeborenes, das es nach Jahresfrist einfordert, und es ist am Ende verloren. Aber einmal, niemand weiß wie, schleicht er sich hinein: „’Drei Tage will ich dir Zeit lassen’, sprach er, ‚wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten“. Mit solchen Worten schleicht man aber nicht. Mit solchen Worten kommt man großartig, in voller Größe, daher, nicht koboldig und zwergenhaft, nicht krakeelend und nicht heimtückisch verduckt. Selbstbewusst steht Rumpelstilz vor der Müllerstochter-Königin, vor Dorothea, die ihn erschafft.
Mit keinem Wort werden Rumpelstilzens Auftritte kommentiert. Er erscheint, spricht, nimmt Schmuck oder das Kindsversprechen ab und liefert das Versprochene, das sich sehen lassen kann. Nirgends wird erwähnt, dass und wie er sich entfernt. Als er das Kind holen kommt, findet kein spektakulärer Auftritt statt. Kein Anzeichen der Genugtuung oder Schadenfreude ist auszumachen, im Gegenteil. Um die erschrockene Königin zu beruhigen, trägt er sein Anliegen so einfach wie möglich vor, bestimmt und behutsam. Von ihren flehentlichen Bitten ist er beeindruckt. Die Übernahme des Kindes in seine Obhut hat er sich so schwierig nicht vorgestellt. Zuinnerst erregt, gewährt er einen Aufschub, lässt sich auf ein Spiel ein und zu einer Äußerung hinreißen, die seine Absicht erhellt: „… etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“
Läge es nicht nahe, dass Dorothea, tagtäglich mitten unter Kindern, ihre ganze Sympathie der Müllerstochter-Königin schenkt? Aber sie findet, absichtlich oder intuitiv, an die Seite der Figur, die mehr bewegt als eine Geschichte um Familienglück und Koboldzauber. Ist sie erschaudert, als sie ihren Rumpelstilz erfand und nahe bei sich spürte? Wie nah und inwiefern?
Der Königshof‘schen Maßgabe ist Genüge getan. Ich habe mir den Text nicht passend gemacht, nichts in ihn hineinprojiziert oder mir Unpassendes geflissentlich überspielt. Ich beziehe mich nur auf das, was ich aus ihm herausgefunden habe. Nun kann ich daraus Eigenes entwickeln, ohne das Vorhandene ignorieren oder verwischen zu müssen. Nun kann ich das Vorgefundene in meinen Kopf und von da in die Welt hinein ausweiten und günstigenfalls ein wenig weiter blicken als zuvor.
Nicht nur König und Müller erlöst Dorothea aus dem Gut-Böse-Klischee, vor allem die Leitfigur Rumpelstilz entledigt sie der Geister- und Fabelwelt. Ich vermute, diesen größten Eingriff hat sie nicht bewusst erwogen, muss aber gespürt haben, dass Geister und Fabelwesen, so sehr sie uns beeindrucken, so sehr wir ihre Eigenschaften oder Kraftakte meinen nötig zu haben, tatsächlich unsere Schöpfungen sind, nie wirklich eigenmächtig, immer an Regeln oder Formeln gebunden, die wir uns ausgedacht haben und hörig also letztlich uns. Ihr Hauptgeschäft ist die Dienstbarkeit. Unser Wille macht sie lammfromm. Erst wenn er versagt, wenn Furcht uns befällt, werden sie fürchterlich und gewinnen die Oberhand.
Aus Dorotheas Mund wird Rumpelstilz ein Menschenwesen, das absichtsvoll erscheint und in Verzweiflung geht. „Das hat dir der Teufel gesagt! schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder.“ Das ist Dorotheas erstaunliches Ende der Geschichte an jenem besonderen Nachmittag.18 Sie stattet Rumpelstilz mit eigenem Willen aus, mit Erwartungen, Gefühl und Mitgefühl, mit einer besonderen Begabung und einem dunklen Geheimnis, das ans Licht will. Ungeachtet seiner Körpergröße agiert er jederzeit auf Augenhöhe mit der Müllerstochter respektive Königin und spielt die Rolle des klassischen Außenseiters. Ist er Migrant oder Aussätziger, Aussteiger oder Eremit?
Rumpelstilz hat sich am Rand der Gemeinschaft platziert aber nicht außerhalb von ihr. Nichts deutet an, dass er aus fremden Landen kommt. Dem Boten noch niemals aufgefallen zu sein, muss nicht heißen, dass er nomadisiert oder woanders Zuhause ist. Eine Krankheit kann ihn entstellt haben. Gut vorstellbar, dass das Männchen-Es im Überschwang aus seiner Rolle fällt und wahre Größe findet, um sich gleich wieder, vergeblich, abzutarnen bis zum Eklat. Am „hohen Berg um die Waldecke“ bereitet er mit Speis und Trank einen lang ersehnten Festtag vor. Die Übernahme des neugeborenen Königskindes in die eigene Behausung ist eine Entführung der besonderen Art, denn das Lösegeld wird vorab und vom Entführer persönlich entrichtet.
In der Literatur ist es kein Sonderfall, dass Außenseiter in den Mittelpunkt rücken. Sie haben die spektakulären Auftritte, reiben sich an der Welt und wandeln sie oder sich. Sie triumphieren oder scheitern, haben Angst oder Mut oder Übermut, sind edel, listig, weise oder verschlagen. Sie regen uns an oder auf, teilen unsere Gefühle und halten sich, wenn wir es wollen, an unserer Seite. Ihre Zahl ist Legion – aber Rumpelstilz? Kann ausgerechnet er aus seinem Abseits, aus diesem Tausend-Wörter-Text heraus, mir beistehen? Indem er goldene Fäden zieht? Indem er backt und braut? Indem er sich, so wird es bald geändert19, auf haarsträubende Weise – wem zum Exempel? – zerteilt? Freud immerhin, um nur einen Prominenten zu nennen, ist diesem Schicksal erfolgreich entgangen.20
Zweifellos hat Rumpelstilz Dorotheas Mitgefühl. Hat er auch ihre Sympathie oder teilt sie sie auf zwischen ihm und der Königin? Ist Mitleid mit der missliebigen Kreatur die Ursache für ihr Männchen-Bild? Das wäre keine glückliche Konstellation, denn Autorengunst ist immer die schlechteste Mitgift für eine Kunstfigur. Ich selbst als Leser oder Zuschauer will mein Verhältnis zum Geschehen und den Akteuren finden und bin verstimmt, wenn man es nahelegt.
Nach drei Sätzen wird das Märchen zum dramatischen Kammerspiel. Kein Platz für Plaudertöne und Nonchalance. Präzision bis in die letzte Silbe, in den letzten Laut, in das letzte Zeichen hinein ist der Maßstab und legt die Latte, unter der sich Albernheit und Beschränktheit tummeln, sehr hoch.
Von der Fähigkeit, die der Müller seiner Tochter zuschreibt, will sie nichts wissen, und weil er sie behauptet, „um sich ein Ansehen zu geben“, scheint die Sachlage klar. Wie aber, wenn er die Wahrheit sagt? Wie, wenn er die Begegnung mit dem König, obschon mit eigennützigem Hintergrund, als günstige Gelegenheit nimmt, zum ersten Mal von ihrer besonderen Fähigkeit öffentlich Aufhebens zu machen und wie, wenn der König den Müller wohl versteht! Schnurstracks führt er sie anderntags in eine präparierte Kammer und überlässt sie ihren Möglichkeiten. Die sie gar nicht hat? Denn da „saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rat: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte…“. Bin ich in eine Sackgasse gelaufen? Da steht ja, dass sie die Kunst nicht beherrscht. Aber nein, da steht: „Sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte…“. Das ist etwas anderes, denn wer versteht eine besondere Begabung, zumal die eigene? Wer kann denn erklären, woher sie kommt und wie sie hineinkommt in ihn und in einen anderen nicht? Lesbar ist dieser Satz so und so, da aber die Unlogik der wörtlichen Bedeutung von „Stroh zu Gold“ schon gezeigt ist, folge ich lieber der Lesart, wonach die Müllerstochter ihr Talent nicht auf Kommando abrufen kann. Es ist ihr nicht einmal bewusst. Fremder Ort, kurze Frist und hoher Erwartungsdruck treiben sie in tränenreiche Verzweiflung. Da erscheint Rumpelstilz.
Die nächsten Sätze takten einen Arbeitsrhythmus, der dazumal immer häufiger in Manufakturen und ersten Fabriken sichtbar und hörbar wird. Die Zahl Drei wirkt wie das Steuerungselement für einen maschinellen Produktionsprozess: „Das Männchen … setzte sich vor das Rädchen, und schnurr schnurr schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen…“ Wie viele Spulen lagen da in der Kammer? Dreihundertdreiunddreißig? Sechshundertsechsundsechzig nach der zweiten Nacht? Neunhundertneunundneunzig – Spulen? Worte? – nach der dritten? Wie heißt die Kunst, die Dortchens König wohl gefällt?
Bevor Rumpelstilz mit der Arbeit beginnt, verlangt er der „schönen Müllerstochter“ etwas ab. Ihr eigen und wertvoll soll es sein. Entscheiden soll sie es selbst, aber ihre Auswahl ist nicht üppig. Ihr Halsband lässt sie ihm zunächst. Mehr nicht? Ist das, was dann geschieht, so schlicht wie die gesammelten Worte dafür? Es wären die ersten im Text, die nichts als einen äußeren Vorgang beschreiben und vordergründig sind. Nach allem Vorangegangenen traue ich Dorothea das nicht mehr zu. In dieser Runde, mit den beiden inspirierenden jungen Männern vis-á-vis, läuft sie zur Hochform auf, figuriert an dieser Stelle meisterlich, verteilt gekonnt die Rollen für König und Rumpelstilz: auf Jacob und Wilhelm Grimm, die zweieinigen Brüder. Ich muss nicht bis drei zählen können, um den purpurroten Teppich zu entdecken, den sie ihrer, den sie meiner Phantasie ausrollt.
Die Müllerstochter, wird schon im ersten Satz behauptet, ist schön. Später wiederholt, ist auch das Beleg gegen eine bloße Redewendung. Merkwürdigerweise keine der Figuren bezieht sich darauf. Der König beachtet über die ihm nützliche Kunstfertigkeit hinaus nur noch ihre nicht standesgemäße Herkunft: „Wenns auch eine Müllerstochter ist, dachte er, eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“ Ihr Vater bringt sie nicht zur Sprache. Warum also muss sie schön sein und für wen? Für Rumpelstilz. „Schnurr, schnurr schnurr, dreimal gezogen“, beginnt er sein Werk. Müht er sich ab die ganze Nacht? Wurde nicht schon bemerkt, dass der Sprachrhythmus einen Vorgang anlegt, der, einmal ausgelöst, abläuft wie der berühmte Wassertransport im Goethe‘schen „Zauberlehrling“? Der Automatismus setzt die beiden unversehens füreinander frei. Rumpelstilz wird des schönen Mädchens Spiegel, in dem sie, erst scheu und wirr, dann aufgeregt, begeistert sich entdeckt und sich labt an diesem Bilde. Von da an ist sie seine Königin, und die Kammer hellt sich auf und gleißt im Morgenlicht. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“, fasst Goethes Kennerschaft solches Befinden in einen Vers.21
Zwei weitere Nächte sind den beiden vergönnt, und wie im Rausch füllen sie sie aus. Den Ring zieht er ihr sanft vom Finger und dann, entledigt alles Überflüssigen, „bleich und uferlos / liegt die Liebe bloß“22, mit ihm, mit dem, der ihr nun alles Unvorstellbare abnimmt: „So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Ihres? Seines? „Wer weiß, wie das noch geht, dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen“. Die Strohkammern gehen zur Neige, ein weiterer Besuch von Rumpelstilz bei ihr als künftiger Königin ist ausgeschlossen, der Moment, in dem er sie verlassen wird, nahe. Das ist die Not, in der sie steckt, in der sie spricht, sich verspricht, ihm verspricht was er will.
Der Maler Neo Rauch beschreibt Anfang des 21. Jahrhunderts seine Lebenslage: „Ich merke, dass die Zeit rast, der Erdkern saugt, es ist noch ungeheuerlich viel zu tun, und das Beste kommt erst noch.“23 Was wäre das selten oder noch gar nicht vorhandene Beste, dem sein Herbeiruf, sein Verweilruf gilt?24 Um Heinrich Faust dazu zu bringen, klassischster aller Außenseiter, der reine Büchergelehrsamkeit in einem lichten Moment als Irrweg absieht, um sich vom Teufel leibhaftig durchs Leben führen zu lassen, muss der sich bekanntermaßen mächtig zur Decke strecken. Erst der getäuschte Heinrich im seinem letzten Lebensrest beschert ihm den kaum noch erwarteten Erfolg wie ein peinliches Almosen. Nachdenken kann zwar nicht schaden, aber Quelle des Faust‘schen Erwachens, seines Zu-sich-kommens, Bei-sich-seins, muss Mephisto lernen, ist letztlich immer die unmittelbare Erfahrung, aus der heraus, starrsinnig oder einsichtig, Entscheidungen getroffen werden.25
Führen unsere Wünsche und Ziele da hin? Wer oder was prägt sie ein, treibt uns voran? Wer setzt den Willen in unseren Kopf? In den 1980er Jahren wies der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet nach, dass der bewusste Wille, etwas zu tun, erst auftaucht, nachdem unser Gehirn die Handlung längst angebahnt hat. Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun! Ist nach dieser Entdeckung unser Wille ein Erlebnis-Sahnehäubchen auf unbewussten Hirnprozessen, also eine Selbsttäuschung? Das kann mir nicht gefallen, denn dann bin ich ja immer, kurz oder lang, an der Leine. Dann kann ich ja folgenlos denken und fühlen, was ich will. Auch Libet ließ das so nicht stehen und konnte zeigen, dass wir eine schon eingeleitete Handlung tatsächlich willentlich im letzten Moment stoppen können. Seiner Meinung nach entspricht das unserem ethischen Potenzial. Wir können, wenn wir wollen, Abstand zu eigenen Wünschen und Impulsen gewinnen und von einem über den Selbstzweck hinaus gehobenen Standpunkt aus kontrollieren.26
„Welt am Draht“ heißt ein Sciencefiction-Film von Rainer Werner Fassbinder.27 In ihm entdeckt ein Labor-Team, das Cyberwelten mit Geschöpfen kreiert, die ihre Welt für die einzige und reale halten, sich selbst als fremdbestimmt, als wiederum Experiment einer noch höheren Intelligenz. Sollte ich daraus nicht Zuversicht schöpfen oder mindestens die Beruhigung, dass jemand oder etwas mich im Ernstfall vor mir selbst schützt, möglichst so lange bis ich reif bin, das Leben, das ich führe, gegen eine vielleicht einmal erkennbare Zukunft abzuwägen und für sie zu entscheiden? Nein, diese Vorstellung beunruhigt mich, denn so selbstlos will ich nicht sein. Regeln, die ich nicht einsehe, empören mich, und ich warte, lebenslänglich wenn es sein muss, auf die eigene Chance. Und wenn sie plötzlich da ist, was fange ich an mit dem eigenen Willen? Was will ich zuerst? Ohne viel Überlegung, so ist nun mal meine Natur, fällt die Entscheidung für das eigene Ich. Mein Name soll es sein, der mich kenntlich macht, mich vor fremden Registern bewahrt, den ich behüten will wie den kostbarsten Schatz.
„’Drei Tage will ich dir Zeit lassen’, sprach er, ‚wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.’“ Das ist kein wirkliches Angebot, das ist nur eine Fristverlängerung für eine fest vereinbarte Transaktion, für einen weiterhin gültigen Vertrag, und das Erwartete geschieht: „Als am andern Morgen das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wusste, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: ‚So heiß ich nicht.’“ Bis das Schicksal zuschlägt und Rumpelstilz, benannt, entblößt und schutzlos in der Welt steht: in närrischer Gewandung, in komischem Gebaren, in lächerlichem Habitus. Alles vergeblich, ist sein ernüchterndes Fazit in dem Moment und führt zum kurzen Schluss.
Wäre Rumpelstilz der Vater des Kindes, wäre sein Wunsch „übers Jahr“ allzu verständlich. Gleiches gilt für die Mutter Königin, die dann aus gutem Grund ihren Gatten aus dem Geschehen hält. Der Konflikt, in den sie Rumpelstilzens Forderung stürzt, wäre umso brisanter und läuft auf eine Abwägung hinaus: Welche Umgebung ist vorteilhafter für das Kind: das zentrale Schloss mit der vernunftverheirateten Mutter oder die waldige Einsiedelei des alleinerziehenden Vaters? Welche Zukunft hat es im einen, welche im anderen Fall zu erwarten?
Schade, dass die Vorgeschichte für diesen Konflikt nur aus meiner Phantasie kommt. Wirklich schade? Ich erinnere mich noch gut an Orgelkonzerte, die ich vor vielen Jahren im Dom zu Zwickau hörte. Immer war ich am Anfang der Stücke ganz bei der Sache, also bei der Musik. Ich achtete auf Melodie und Intonation, auf das Luftspiel der Akkorde, die sich in der Architektur des Innenraumes fingen, durchdrangen, verbanden, aber bald kamen meine Gedanken davon ab. Sie schienen, während der Körper recht unbequem in der Kirchenbank stak, mit den Klängen davon zu fliegen. Tatsächlich liefen sie kreuz und quer durchs Hirn, und rückte der Schluss näher, fanden sie wieder mit dem Ausrauschen der letzten Töne zurück an Ort und Stelle, wo ich sah und hörte wie ich saß und lauschte. Das ärgerte mich regelmäßig, war ich doch der Meinung, mir fehle die nötige Konzentration oder das musikalische Verständnis, um der Komposition gerecht zu werden. Diese Erfahrung trug ich in meiner Eisenacher Theaterzeit einem Dirigenten vor, auf Missbilligung gefasst aber in der Hoffnung, einen Tipp für kunstgerechtes Konsumverhalten zu bekommen. Zu meinem Erstaunen beglückwünschte er mich zu musikalischer Sensibilität. Genau das, was mir geschah, solle Musik bewirken: mich aufheben und forttragen entlang meiner Gedanken und Gefühle. Ohne mir bewusst zu werden, ginge ich auf diese Weise in sie ein und sie durchdringe mich. Damals war ich verblüfft. Heute bin ich sicher, einem Text näher zu sein, wenn ich aus seiner Kraft heraus dem nachgehe, was mir wichtig ist.
Zumal ich gar nicht darauf aus bin, Rumpelstilz die Vaterschaft für das Kind der Königin in seine Galoschen zu schieben, denn dann bliebe sein Kinderwunsch leicht an Gefühlen hängen und wäre über das verlorene Quiz und den Triumph der Mutter hinaus nicht besonders nennenswert. Das Kind bei der Mutter wäre in der misslichen Konstellation noch der akzeptabelste Ausgang für alle Beteiligten, der Störenfried ausgelöscht – dumm gelaufen – und alles in unschönster Ordnung. „So heiß ich nicht“, heißt: das bin ich nicht, heißt: das will ich nicht. Was aber dann?
Ist die Einsiedelei am hohen Berg an der Waldecke das Ziel seiner Wünsche? Ist sie sein Fluchtpunkt? Nach allem, was der Text dazu hergibt, mutet sie an wie eine strategische Basis. Von ihr aus will er sich nach Geistes- und Leibeskräften in die Welt einmischen. Bedacht wählt er ein einfaches Haus für dieses Ziel, keine wehrhafte Anlage, die sofort Misstrauen und Gelüste weckte. Nebenher ist es ein weiteres Indiz für sein Menschsein, denn Zwerge oder Geister hausen nicht so. Es liegt am Rand des kleinen Königreiches aber schlecht versteckt. Auch das ist überlegt, denn offensichtliche Verborgenheit zieht ebenfalls Interesse an. Wäre ein Standort mitten unter uns, wie ihn Terroristen heute bevorzugen, nicht noch geeigneter für subversive Umtriebe? Nur, wenn jemand für sich bleiben will. Rumpelstilz braucht das abgelegene Anwesen aber für zwei und vor allem, um das Kind unbeeinflusst von anderen Menschen und herrschenden Gewohnheiten ganz in seinem Sinne prägen und auf die Welt einstellen zu können. Darauf richtet er sich ein und schafft bestmögliche Bedingungen.
Ob Märchenphantasie oder Tagebuchnotiz, Sciencefiction oder Reflektion, Roman oder Aufsatz, jeder Text kommt aus einer konkreten Wirklichkeit.
Zur Zeit der weltbekannten Brüder Grimm lebte in Kassel, heute weltweit vergessen, ein zweites nennenswertes Brüderpaar. Johann und Friedrich Murhard, sieben bzw. acht Jahre älter als Jacob und Wilhelm, entstammten einer alt eingesessenen und wohlhabenden Beamtenfamilie. Johann studierte in Göttingen und Marburg Rechts- und Staatswissenschaften, promovierte 1800 und begann nach einer ausgedehnten Wanderreise nach Paris 1804 seine berufliche Laufbahn als Archivar in der Finanzverwaltung der Stadt Kassel. Sein Bruder Friedrich studierte ab 1795 in Göttingen Physik und Mathematik und unternahm während seiner ersten Anstellung als Privatdozent in Göttingen mehrere Bildungsreisen. Auf diesen wurde er glühender Anhänger der Aufklärung und der Französischen Revolution. Nach einer Frankreichreise im Jahr 1806 kritisierte er im „Reichsanzeiger der Deutschen“28 die kurhessische Gerichtsverfassung und wurde umgehend verhaftet. Frei und sicher konnte er sich erst nach Gründung des Königreiches Westphalen im Jahr 1807 fühlen.
Das Königreich Westphalen ist die bis heute vielleicht unglaublichste Staatsschöpfung auf deutschem Boden. Napoleon kreierte sie mit Kassel als Hauptstadt im Raum zwischen dem neuen Großherzogtum Berg einerseits und dem amputierten Preußen auf der anderen Seite.29 Aus einem Sammelsurium unterschiedlicher Herrschaftsgebiete mit lokalen, regionalen, patrimonialen oder feudalen Rechtsverhältnissen entwarf er einen Musterstaat mit der Rechtsordnung des „Code Napoléon“ und einem modernen Finanzsystem. In diesem Gebilde sollte die Bevölkerung in Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand leben können wie bis dahin in noch keinem deutschen Land.
Aufgeklärtes Denken beflügelte den Reformwillen, und in den ersten Monaten des Jahres 1808 stand die Kasseler Regierung aus innerer Überzeugung hinter den Plänen des Imperators. In der Reformbürokratie und in der Gelehrtenwelt herrschte eine verheißungsvolle Aufbruchsstimmung. Zu Fall kam die dekretierte Revolution mangels Wirklichkeit. Die hochfahrenden Ideen stellten sich so nicht ein. Zuallererst musste Napoleon seine riesengroße Streitmacht durchfüttern und unter Waffen halten. Das überforderte die Finanzierung und stachelte die Erinnerung, dass er gewaltsam gekommen und ungebeten geblieben war. Den einfachen Leuten mit ihrer jetzt ins Leere laufenden Gehorsamkeit konnte er gar kein Träger guter Absichten sein, und das Bildungsbürgertum übte noch keinen beherrschenden Einfluss aus. Der Adel hatte mit Einführung der bürgerlichen Gleichheit Privilegien verloren, die Bauern mussten im Gegensatz zu ihren französischen Nachbarn weiterhin grundherrschaftliche Abgaben entrichten, und die Heimarbeiter der Textilindustrie, einziger nennenswerter Gewerbezweig im agrarischen Westphalen, litten unter der neuen Gewerbefreiheit, so wie die Handwerker in den Städten, weiterhin Not. Sie alle weinten, als nach der Völkerschlacht 1813 siegreiche russische und preußische Truppen in Kassel einmarschierten, dem großen Strategen und seiner westfälischen Vision keine Träne nach und nahmen den exilierten Landesherren Wilhelm I. entgegen wie einen Erlöser. Der Kurfürst bedankte sich artig, revidierte unverzüglich die in seiner Abwesenheit vollzogenen Reformen, besann sich bei Hof und Militär wieder auf die kurfürstlichen Möbel30 und kostete im Kreise seiner Mätressen die wiedererlangte Vergangenheit aus.
Wenig Vergnügen hatten fortan die Brüder Murhard. Nicht so geduldig und verwissenschaftlicht wie die Grimms, legte sich besonders Friedrich Murhard, 1820 auf Bitten des Verlegers Cotta Gründer der überregionalen politischen Zeitschrift „Allgemeine politische Annalen“, in mutigen Artikeln immer wieder mit der kurhessischen Selbstherrlichkeit an und hatte bis in sein vorletztes vierundsiebzigstes Lebensjahr Verhaftungen und Verhöre auszuhalten. Johann Murhard, 1812 Herausgeber der Zeitschrift „Westfalen unter Hieronymus Napoleon“, war Anhänger der klassischen Volkswirtschaftslehre des schottischen Moralphilosophen Adam Smith und reicherte seine Schriften über Nationalökonomie mit Ideen der französischen Revolution und des englischen Liberalismus an. Bis zuletzt ohne Zorn gegen ihre Heimat, in der sie von der Öffentlichkeit als „Französlinge“ gemieden wurden, schenkten beide ihr gesamtes Vermögen mit der Auflage, eine städtische Bibliothek zu errichten mit dem Hintergrund, auf diese Weise die bürgerliche Emanzipation im reaktionären Kurfürstentum zu befördern, ihrer Vaterstadt. In ihr weiß man bis heute nicht, wo ihre Gräber sind, die eingeebnet wurden.
Wie betroffen, wie bewegt waren die Grimm-Brüder im Alter von 25 und 26 Jahren vom westphälischen Staatsprojekt? Berührte es auch Dorotheas Leben oder ging es darin allermeist ums tägliche Brot, ums leibliche Wohl, um Familiensorgen und kleine Freuden am Augenblick? Hatte es Einfluss auf Sehnsüchte, auf leise und laute Zukunftswünsche?
Die minimale Personnage im Märchentext täuscht über die Verhältnisse nicht hinweg. Den Müller bringt sein Handwerk auf keinen grünen Zweig. Die Tochter verdient mit Heimarbeit im Textilen ein schmales Zubrot. Kein Spiegel hält ihr ihre Schönheit vor. Was soll sie auch damit ein kurzes hartes Leben lang? Die neuen Zeiten indessen legen nahe, dass man sich selber findet, sich und das Leben ausprobiert. Da kommt ein König, en passant, gerade recht. Aber was für ein König ist das! Mit leerer Schatzkammer, abgehalftertem Personal und Hang zur dramatischen Pose ist er ein Paradebeispiel für einen Herrscher in einem der vielen kleinstteiligen Territorien, die nach dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806 die deutschen Lande und bessere Zeiten unter einem Flickenteppich erstickten. Doch kommt aus der Waldecke – nicht aus heiterem Himmel! – ein schlau kalkuliertes Angebot.
Zweimal lässt sich damit das bedrohte Leben retten, dann wird dem Müllermädchen eine märchenhafte Zukunft vor Augen geführt: „Die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen“, spricht zu ihr der König in Anbetracht der dritten Kammer Strohs, „gelingt dirs aber, so sollst du meine Gemahlin werden“. Was kann schon passieren, da sie nun gar nichts mehr zum Hergeben hat? Verweigert Rumpelstilz ihr ein drittes Mal seine Hilfe, wird sie wahrscheinlich zum Vater zurückgejagt, um eine Erfahrung reicher immerhin, die ihr niemand mehr nehmen kann. Vielleicht lässt sich mit etwas Geschick sogar Kapital daraus schlagen? Rumpelstilz hat eine andere Idee. Seinerseits verlangt er nun ein Leben, ihr erstes Kind, wenn sie Königin ist. Wie sehr sie das als Mutter treffen wird, ist noch nicht abzusehen. Dass in Gestalt des Königskindes nicht weniger als die Zukunft des Zwergstaates zur Debatte steht, kommt ihr nicht in den Sinn. Die Aussicht auf ein gutes, sattes, sorgenfreies Leben fegt Angst und Zweifel weg, und sie akzeptiert.
Was geschähe, wenn Rumpelstilz seinen Übermut zügelte, die Königin seinen Namen nicht erführe und er mit ihrem Kind von dannen zöge? Heißt, dass die Geschichte nicht so verläuft, dass diese Variante nie gedacht wurde? Ist nicht an jenem 1811er Spätnachmittagsvorfrühlingssonntag die beste Gelegenheit dafür? Niemand hat notiert, und der 19-jährige Eckermann31 schreibt vorerst noch für die Zolldirektion in der Heide- und Hansestadt Uelzen32, aber Dorotheas Provokation ist so
