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Familie und Liebe in Zeiten der Globalisierung: Die Großeltern in Thessaloniki und ihr Enkel in Cambridge sprechen jeden Abend miteinander – via Skype. Eine US-Amerikanerin und ihr schweizerischer Ehemann ärgern sich über hohe Telefonrechnungen und Reisekosten. Ein europäisches Ehepaar erfüllt sich den Kinderwunsch mit Hilfe einer indischen Leihmutter. Neue Formen von Intimität, Liebe und Familie stehen im Zentrum des neuen Buches von Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck. Die Autoren des Bestsellers "Das ganz normale Chaos der Liebe" untersuchen in ihrer neuen positiven Streitschrift alle Arten von Fernbeziehungen, von Kontinente und Kulturen verbindenden Ehen, skype-gestützten Liebesbeziehungen, Chatroom-Tragödien, globalisierten Dienstmädchen, Prostituierten aus Sri Lanka, indischen Leihmüttern, äthiopischen Arbeitsmigranten (und von vielen mehr). Ihr Befund: Familien sind nicht mehr länger Territorial-, sondern Welt-Familien. Die Weltgesellschaft hält Einzug in »Normal«-Beziehungen und »Normal«-Familien, stiftet Unruhe, Verwirrung, Überraschung, Lust, Freude, Zusammenbrüche und Haß. Denn wir leben in einer Welt, in der der Liebste entfernt und der Entfernte der Nächste ist. Trotz aller Probleme vertreten die Autoren eine optimistische Prognose für das gegenwärtige und zukünftige Beziehungschaos zwischen den einzelnen und ihren Familien: »Kann es sein, daß das, woran die große Welt scheitert, in den neuen Familien gelegentlich dennoch gelingt: die Kunst des Zwischenraums, die Kunst, mit und über Grenzen hinweg zusammenzuleben?«
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2011
Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, die Autoren des Bestsellers Das ganz normale Chaos der Liebe, untersuchen in ihrem neuen Buch alle Arten von Fernbeziehungen: Ehen, die Kontinente und Kulturen verbinden, Chatroom-Tragödien, Skype-gestütztes Anstoßen, das Leben äthiopischer Arbeitsmigranten und vieles mehr. Ihr Befund: Die Weltgesellschaft hält Einzug in »Normal«-Beziehungen und »Normal«-Familien. Hier treffen die Verschiedenheiten der Sprachen, der Vergangenheiten, der rechtlichen und politischen Ordnungen aufeinander und nehmen Gesichter und Namen an. Und so gelingt im Kleinen mitunter das, woran die große Welt scheitert: das gelungene Zusammenleben über alle Grenzen hinweg.
Ulrich Beck lehrt Soziologie in London und Harvard, zuletzt erschienen von ihm Das deutsche Europa (2012) und Nachrichten aus der Weltinnenpolitik (es 2619).
Elisabeth Beck-Gernsheim lehrt Soziologie in Trondheim, Norwegen. Zuletzt erschien von ihr Wir und die Anderen (st 3872).
ULRICH BECKELISABETH BECK-GERNSHEIM
Fernliebe
Lebensformen im globalen Zeitalter
Suhrkamp
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013
© Suhrkamp Verlag Berlin 2011
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag: Göllner, Michels, Zegarzewski
eISBN 978–3-518–74650–9
www.suhrkamp.de
Inhalt
Einleitung
KAPITEL I
Wie Normalfamilien sich in Weltfamilien verwandeln
KAPITEL II
Zwei Nationen, ein Paar: Geschichten vom wechselseitigen Verstehen und Mißverstehen
KAPITEL III
Wieviel Ferne, wieviel Nähe verträgt die Liebe?
KAPITEL IV
Weltmarkt, Weltreligionen, Weltrisiken, Weltfamilien: Wie globale Schicksalsgemeinschaften entstehen
KAPITEL V
Heiratsmigrantinnen: Der Traum vom besseren Leben
KAPITEL VI
Hausarbeitsmigrantinnen: Mutterliebe aus der Ferne
KAPITEL VII
Schwindet die Männerherrschaft? Warum Frauen in Weltfamilien gewinnen
ZWISCHENBETRACHTUNG: Die Chancen der Globalisierung – Weltfamilien als transnationale Wirtschaftsunternehmen
KAPITEL VIII
Meine Mutter war eine spanische Eizelle: Über Kinderwunschtourismus und globale Patchwork-Familien
KAPITEL IX
Zusammen, aber getrennt: Modell Weltfamilien
KAPITEL X
Wie weltoffen sind Weltfamilien?
Literatur
Ausführliches Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Im Mai 2011 meldeten Tageszeitungen die Trennung des aus der Ukraine stammenden und in Hamburg lebenden Boxers Wladimir Klitschko (35 Jahre alt, 1,98 Meter groß und 110 Kilo schwer) von der in Los Angeles beheimateten Schauspielerin Hayden Panettiere (21 Jahre alt, 1,55 Meter groß und 50 Kilo schwer). Der Grund der Trennung, so zitiert eine Zeitung die Schauspielerin, seien nicht die Unterschiede von Alter und Statur. »Wenn eine solche geografische Distanz zwischen einer Liebe steht, dann ist es halt doch sehr, sehr schwer.« In derselben Zeitung kritisierte Ingolf Gillmann unter der Überschrift Der Verriss die Schauspielerin, »die Fernbeziehung als Liebes-Aus-Grund« angeführt zu haben: »Liebe Leute, wenn ihr meint, eine Fernbeziehung sei schwierig, wie wollt ihr dann einen jahrelangen, täglichen Nahkampf überstehen?!«
Einige Tage zuvor stand in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen aus aller Welt die Nachricht, Microsoft habe für 8,5 Milliarden Dollar in bar (5,9 Milliarden Euro) den Internettelefonanbieter Skype gekauft. »Microsoft will Skype mit seinen bestehenden Produkten rundum vernetzen . . . Mit Skype können Nutzer untereinander kostenlos über das Internet telefonieren, auch mit Videoübertragungen . . . Der Dienst hat nach eigenen Angaben mehr als 660 Millionen registrierte Nutzer«, so meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Mai 2011.
Die Firma Microsoft scheint also an die Zukunft der Fernliebe zu glauben – immerhin ist dieser Erwerb der teuerste innerhalb der Firmengeschichte. Fernliebe in all ihren Formen ist auch das Thema des vorliegenden Buches. In Das ganz normale Chaos der Liebe haben wir gezeigt, wie die Individualisierung – im Zusammenwirken mit einer romantisierenden Idee von absoluter Liebe – die traditionellen Formen des Zusammenlebens aufgesprengt hat. Das klassische Familienmodell von Mann, Frau und einem oder mehreren Kindern wurde relativiert durch eine Vielzahl neuer Formen des Zusammenlebens. An die Stelle des Ehemanns tritt zunehmend der Lebensabschnittsgefährte, alleinerziehende Mütter oder Väter sind häufiger geworden, Patchwork-Familien, also neue Typen von Großfamilien, haben sich herausgebildet als Konsequenz aufeinanderfolgender Ehen und Scheidungen usw. In unserem neuen Buch öffnen wir den Horizont zum globalen Chaos der Liebe, mit allen Arten von Fernbeziehungen: mit binationalen Paaren, mit Heirats- und Arbeitsmigranten, mit Leihmüttern – und den ganz normalen Tragödien der Skype-gestützten Liebesbeziehungen.
Wir unternehmen eine Zustandsanalyse dessen, was wir »Weltfamilien« nennen: Liebes- und Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Ländern bzw. Kontinenten leben oder aus unterschiedlichen Ländern bzw. Kontinenten kommen. Solche Beziehungen können vielfältige Formen annehmen und aus den verschiedensten Motiven entstehen. Gemeinsam ist jedoch allen Varianten von Weltfamilien: Sie sind der Ort, an dem sich die Differenzen der globalisierten Welt im wörtlichen Sinn verkörpern. Die Weltgesellschaft stiftet in den Weltfamilien Gegensätzliches gleichzeitig: Unruhe, Verwirrung, Überraschung, Lust, Freude, Zusammenbrüche und Haß. Wir leben in einer Welt, in der der Liebste häufig entfernt und der Entfernte nicht selten der Nächste ist.
Der entscheidende Punkt ist damit: Weltfamilien unterscheiden sich zum einen von der nationalen Normalfamilie, wie sie lange Zeit insbesondere in Europa vorherrschend war, bestehend aus Personen, die dieselbe Sprache sprechen, denselben Paß besitzen, im selben Land zuhause sind und am selben Ort wohnen. Sie sind zugleich aber auch mehr und anderes als multikulturelle Familien, wie sie in Einwanderungsländern, etwa in den USA und Südamerika, selbstverständlich sind. Weltfamilien bilden vielmehr neuartige Mischungen aus Nähe und Ferne, aus Gleichheit und Ungleichheit, die Länder und Kontinente überspannen. Ob die Liebenden oder die Familienmitglieder es wollen oder nicht, sie werden im Binnenraum des eigenen Lebens mit der Welt konfrontiert. So gewinnen in Weltfamilien die Gegensätze zwischen Erster und Dritter Welt reale Gestalt, sie nehmen Gesichter und Namen an. Hier treffen die Verschiedenheit der Sprachen, die Verschiedenheit der Vergangenheiten, die Verschiedenheit der politischen und rechtlichen Ordnungen aufeinander.
Aber wenn wir von Weltfamilien sprechen, greifen wir damit nicht auf einen Begriff zurück, der angesichts der Vielfalt von Liebes- und Lebensformen in westlichen Ländern – gleichgeschlechtliche Paare, Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Lebensabschnittsgefährten, Living-apart-together usw. – längst anachronistisch geworden ist? So könnte es dem westlichen Beobachter erscheinen. Aber in nichtwestlichen Kulturen hat der Familienbegriff weiterhin zentrale Bedeutung. In dem, was wir Weltfamilien nennen, treffen damit die gegensätzlichen Wertvorstellungen von Familie aufeinander. Hier entzünden sich Glaubenskriege, die das Herz des Alltags betreffen: was Familie ist und wer zur Familie gehört, wie Familie ist und sein soll, kurzum, was die »gute Familie« ausmacht.
Diese Glaubenskriege verkennen alle universalistischen Gesellschaftstheorien zum Thema Liebe, die von »der« Intimität in »der« Moderne sprechen – so Anthony Giddens (1993), Eva Illouz (2011), Niklas Luhmann (1982), so auch wir in Das ganz normale Chaos der Liebe (1990). Sie alle sehen nicht, daß das, was sie als Universalismus der modernen Liebe und ihrer Freiheitsparadoxien beschreiben, nur eine der möglichen Entwicklungsrichtungen erfaßt, nur diejenige nämlich, die sich unter den historischen, kulturellen, politischen, rechtlichen Bedingungen des Westens herausgebildet hat. Diese unerfüllten Versprechen der Vereinbarkeit von Freiheit, Gleichheit und Liebe sehen sich in jenen Glaubenskriegen um die »gute Familie« fundamental in Frage gestellt.
Auch ist der universalistische Ansatz auf einen engen thematischen Ausschnitt festgelegt: Liebe zwischen Frau und Mann, Frau und Frau, Mann und Mann – und vielleicht Kind. Während wir in diesem Buch den großen Bogen schlagen und auch die im nationalen und universalistischen Rahmen ausgeblendeten Themen – Liebe über geographische, kulturelle und politische Grenzen hinweg, Heiratsmigration, Mutterliebe aus der Ferne, Kinderwunschtourismus und globale Patchwork-Familien –, also das Themenspektrum der Globalisierung der Liebe ins Blickfeld rücken.
Eine Prognose über die Zukunft dieses Beziehungschaos im globalen Zeitalter ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich. Allerdings zählen wir nicht zu den Pessimisten der Fernliebe, die behaupten, sie bedeute das Ende der Liebe, ihre Defizite in vielen menschlichen Dimensionen seien prinzipiell nicht abzustellen. Wir glauben, doch folgende Frage stellen zu können: Kann es sein, daß das, woran die große Welt scheitert, in den neuen Liebes- und Familienformen gelegentlich dennoch gelingt – die Kunst, mit und über Grenzen hinweg zusammenzuleben?
KAPITEL I Wie Normalfamilien sich in Weltfamilien verwandeln
Die Kunst, die Belletristik, die autobiographischen Romane und Erzählungen haben einem neuen Thema Prominenz verschafft: bunt gemischten Liebes- und Familienbeziehungen, aufgespannt über Länder und Kontinente. Diese neuen Realitäten sind derart verbreitet und voller überraschender Aspekte, daß Erzähler und Dokumentaristen sich intensiv mit ihnen beschäftigen. Immer mehr Bücher umkreisen in manchmal komischen, manchmal anklagenden, manchmal ironischen, manchmal auch schrillen Tönen ähnliche Fragen. Es sind Geschichten von Liebe, Ehe, Elternschaft über Grenzen und Kulturunterschiede hinweg; Geschichten von gelingenden oder scheiternden Beziehungen; Geschichten darüber, wie die Gegensätze der Welt im Binnenraum der Familien ankommen. Hier drei gewichtige Beispiele.
1. Der Blick in die Literatur: Komödien und Tragödien der Fernliebe
Marina Lewyckas Roman Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch handelt nur ganz am Rande von Traktoren, dagegen vor allem von einer Explosion. Die Explosion ist weiblich, mit Touristenvisum aus der Ukraine nach Großbritannien eingereist, nun zielstrebig auf Heirat, Wohlstandsteilhabe und Bleiberecht hoffend. »Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde geschiedene Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf . . . und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern« (Lewycka 2006: 7). Mit Energie, zärtlichen Verheißungen und Einsatz ihrer gesamten Weiblichkeit erreicht die Blondine aus Osteuropa ihr Ziel, den »Familien-Paß«: Heirat als Einlaßkarte in den bewachten Wohlstandsclub der westlichen Welt. »Sie will mit ihrem Sohn im Westen ein neues Leben beginnen, ein schönes Leben mit einem guten Job für gutes Geld und mit einem schönen Auto – auf gar keinen Fall ein Lada oder ein Skoda – und mit einer guten Ausbildung für den Sohn, Oxford/Cambridge, mindestens. Sie selbst hat ja . . . auch eine gute Ausbildung. Einen Abschluss in Pharmazie. Damit kann sie hier eine gutbezahlte Stelle finden, wenn sie erst richtig Englisch spricht. Bis es so weit ist, gibt er ihr Unterricht, und sie hält ihm das Haus in Ordnung und kümmert sich um ihn. Sie setzt sich ihm auf den Schoß und lässt ihn ihre Brüste streicheln« (ebd.: 8 f.).
Betty Mahmoodys Buch Nicht ohne meine Tochter (1988) ist ein autobiographischer Erfahrungsbericht, angesiedelt zwischen Iran und USA, Islam und dem Westen. Die Autorin, US-Amerikanerin, ist mit einem aus dem Iran stammenden Arzt verheiratet. Dieser beschließt, in seine iranische Heimat zurückzukehren, und lockt Frau und Tochter in den Iran, um sie gewaltsam dort festzuhalten. Betty Mahmoody fügt sich äußerlich, plant aber heimlich die Flucht für sich und die gemeinsame Tochter – ein Vorhaben, das nach achtzehn qualvollen Monaten und vielen hochdramatischen Szenen schließlich gelingt. Das Buch ist eine Liebe-schlägt-in-Haß-um-Tragödie, Mann versus Frau, Gewalt und Opferbereitschaft, Unterdrückung und Widerstand, Freiheit und Freiheitsberaubung. Am Ende die Wendung zum Guten, Mutter und Tochter aus dem Griff der dunklen Mächte gerettet, wieder angekommen in der amerikanischen Heimat. Mahmoodys Frauen- und Leidensgeschichte erzählt vom Tod einer Liebe zwischen den Welten, aus der Perspektive der einen Seite, aus dem Horizont der westlichen Frau, ihrer Wahrnehmungen, ihrer Hoffnungen und Enttäuschungen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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