Beschreibung

In einem ausgebrannten Haus findet die Polizei eine stark verkohlte Leiche. Die Obduktion ergibt, dass dem Verstorbenen kurz vor seinem Tod beide Hände gebrochen wurden. Wer ist dieser Mann? Und wer hat ihm das angetan? Auch in ihrem dritten Fall stehen Kriminalhauptkommissar Westhoven und sein Team vor vielen ungelösten Fragen und müssen bis an ihre Grenzen gehen, um den Fall zu knacken...

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Sammlungen



B. Hatterscheidt - L. Kroner

Feuer in Rondorf

Edition Lempertz

Impressum

Math. Lempertz GmbH Hauptstr. 354 53639 Königswinter Tel.: 02223 / 90 00 36 Fax: 02223 / 90 00 38 [email protected] www.edition-lempertz.de

"Meiner Miriam und meinen Kindern"B. Hatterscheidt

***

"Für Sally"

Vorwort

Dieser Roman beruht auf Tatsachen. Die Ermittlungen und Vernehmungen orientieren sich an der Wirklichkeit des kriminalpolizeilichen Alltags. Auf vielköpfige Kommissionen wurde zugunsten der Verständlichkeit und des Handlungsfadens verzichtet. Keine der genannten Personen ist so existent. Namensähnlichkeiten sind daher zufällig. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen sowie mit lebenden oder verstorbenen Personen ist aber nicht immer rein zufällig. Der Roman soll vor allem ein Kriminalistenroman sein, der sich an der kriminalpolizeilichen Wirklichkeit orientiert. Deshalb sind einige Textpassagen auch diesmal bewusst protokollartig.

Prolog

Sonja Wellermann war an diesem Abend noch spät mit ihrer Labradorhündin Chakira auf dem Feldweg. Sie hatte die Dienstreise ihres Mannes, der für seine Firma in dieser Woche in Ungarn unterwegs war, dazu genutzt, mit ihrer Freundin einen richtigen Mädelsabend zu verbringen. Jetzt forderte jedoch die Hündin noch ihr Recht auf Bewegung, auch wenn es schon fast 01:00 Uhr war. 

Sonja Wellermann hatte Chakira abgeleint. In einiger Entfernung lief sie konzentriert schnüffelnd über den Acker, nahm hier eine Hasenspur auf, um nach einigen Metern eine Fuchsfährte weitaus interessanter zu finden. Eigentlich war die dunkelbraune Hündin nicht zu erkennen, aber das gelbe, blinkende Reflexhalsband zeigte genau ihren Standort. 

Plötzlich schlug Chakira an. Auf Rufen reagierte die Hündin nicht mehr. Sonja Wellermann lief quer über den Acker zu ihr hinüber. Chakira bellte in Richtung der nahe liegenden Gärten. Jetzt erkannte auch die junge Frau den roten Lichtschein und nahm den Brandgeruch wahr, der von einem Bungalow ausging. Sie leinte Chakira an und eilte auf den Lichtschein zu. Der Brandgeruch wurde stärker. Plötzlich schallte der durchdringende Signalton einer Rauchmeldeanlage aus dem Bungalow herüber. Sie konnte jetzt durch die Buchsbaumhecke die Flammen hinter den Fensterscheiben sehen. Eine Verpuffung schleuderte die berstenden Scheiben in den Garten. Das Feuer fraß sich immer schneller vom Keller aus ins Erdgeschoss. Die Weichholzpaneele an der Decke und den Wänden des Kellers brannten lichterloh. Nichts erinnerte mehr an die zahlreichen Fotos an der Wand, die ebenso vom Feuer verschlungen worden waren wie die aufgeklebten Puzzlebilder mit den Motiven des Kölner Doms und eines weißen Sandstrandes in der Karibik. Von außen waren nur die Flammen zu erkennen, die aus den Fensterhöhlen schlugen.

Sonja Wellermann zog die noch immer aufgeregt bellende Hündin zurück zum Feldweg, holte ihr Mobiltelefon aus der Innentasche ihrer Jeansweste und wählte die 112. Sie erklärte der Leitstelle der Feuerwehr, dass auf der Kapellenstraße in Rondorf ein Bungalow brannte. Wenige Minuten später herrschte dort Hochbetrieb. Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr Rodenkirchen und der Berufsfeuerwehr Köln hatten ihre Einsatzfahrzeuge auf der L92 (Kapellenstraße) abgestellt. Unter den Augen zahlreicher Nachbarn, die mittlerweile aufgewacht waren und, teils nur mit Bademantel bekleidet, vor ihren Häusern standen, hatten die Feuerwehrmänner drei Standrohre an die Hydranten angeschlossen, Schläuche verlegt und mehrere C-Mehrzweckstrahlrohre angeschlossen. Laut ertönte das Kommando des Truppführers: „Wasser marsch!“ Die Wasserfontänen der C-Rohre trafen auf das Feuer, das mittlerweile eine massive Hitze entwickelt hatte. Dampf und Sprühnebel versperrten die Sicht auf das Haus. Nur der Feuerschein drang durch die Rauch- und Nebelschwaden. Nach rund 25 Minuten meldete der Löschtrupp 1: „Feuer unter Kontrolle“. Es vergingen jedoch weitere zweieinhalb Stunden, bis der Trupp 2 mit schwerem Atemgerät in das Objekt eindringen konnte, um das Haus auf noch vorhandene Brandnester zu untersuchen und die CO- und Schadgaskonzentration festzustellen. Danach konnte der Einsatzleiter der Leitstelle der Kölner Berufsfeuerwehr melden: „Das Feuer ist aus.“ Der zweite Teil der Meldung lautete jedoch: „Wir haben im Objekt im Keller neben dem leeren Schwimmbad eine stark verkohlte Leiche gefunden. Benachrichtigt die Kripo!“

Der junge Polizeikommissar, der draußen mit seiner Kollegin dafür sorgte, dass niemand die Absperrung vor dem Bungalow überquerte, zuckte zusammen, als er die Meldung hörte, und rief sofort seine Dienststelle an.

Kapitel 1

Paul Westhoven, Leiter der Mordkommission (MK) 6 im Kriminalkommissariat (KK) 11 des Polizeipräsidiums Köln, war die letzten Wochen krankgeschrieben gewesen und hatte schon ein Dutzend Physiotherapieanwendungen wegen seiner Knieverletzung über sich ergehen lassen müssen. Waren die ersten Anwendungen noch schmerzhaft gewesen, hatten ihm die letzten richtig Spaß gemacht. Die Beweglichkeit seines Knies hatte sich nahezu komplett wieder eingestellt. Er hatte sogar schon wieder mit dem Joggen begonnen, und auf der Aschenbahn des SV Adler Dellbrück 1922 schaffte er die 5000 Meter in gut 30 Minuten. Westhoven versuchte, gesund und bewusst zu leben, aber auf seine geliebten Schokoriegel konnte er noch immer nicht verzichten, er war regelrecht schokoladensüchtig.

Am gestrigen späten Sonntagnachmittag war er mit seiner Frau Anne im Dünnwalder Wildpark um die vielen Fußgänger, die mit ihren Kindern dort die Wildschweine und Rehe fütterten, herumgejoggt. Nachdem sie auf dem Rückweg auch noch den Höhenhauser Baggersee umrundet hatten, waren sie erschöpft wieder in Dellbrück angekommen.

Während Paul sich auf der Couch breitgemacht und nach der Zeitung gegriffen hatte, war Anne direkt in die Küche gegangen und hatte begonnen, das Abendessen zuzubereiten. Auf ihre mahnende Aufforderung hatte Paul die Zeitung wieder weggelegt, sich erhoben und aus dem Schrank eine Flasche Wein geholt Es war ein Riesling 2010 des Weingutes Armand Gilg, den sie aus ihrem letzten Elsassurlaub mitgebracht hatten. Anne hatte es fast in der gleichen Zeit geschafft, einen knackigen Eisbergsalat mit frischen, roten, saftigen Erdbeeren, Crème fraîche und frisch gebratenem, deftig gewürztem Hähnchenbrustfilet zuzubereiten. Hierzu passte der Riesling ganz hervorragend. Gemütlich hatten sie den Abend im Schlafzimmer bei Kerzenschein ausklingen lassen.

Die seit Tagen andauernde drückende Hitze machte Paul Westhoven zu schaffen. Immer wieder wälzte er sich im Bett hin und her. Auf satte 35 Grad war das Thermometer im Schlafzimmer geklettert, das T-Shirt klebte ihm schweißnass am Rücken. Als gegen 04:45 Uhr das Telefon klingelte, hatte er noch nicht viel geschlafen.

Willi Schuster von der Kriminalwache (K-Wache) berichtete ihm von dem Brand eines Bungalows in Rondorf und dem Fund einer verkohlten Leiche im Keller des Hauses. Er erklärte, dass bereits ein Team der K-Wache vor Ort sei und den Tatort sichere. „Willi, meinst du nicht, das wäre eher ein Fall für die Brandermittler?“

„Denke ich nicht, Paul. Nachdem, was mir bisher berichtet wurde, sagt mir mein Bauchgefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Hier hat jemand kräftig nachgeholfen.“

Diese Aussage reichte Westhoven. Er kannte den erfahrenen Willi Schuster und vertraute dessen Einschätzung. Nach einer kurzen, aber erfrischenden Dusche zog er sich an, verabschiedete sich von der mittlerweile wach gewordenen Anne und fuhr nach Kalk zum Polizeipräsidium am Walter-Pauli-Ring 6. Dort würde er sich mit seinen Kommissionsmitgliedern Heinz Dember und Antoinette „Toni“ Krogmann treffen, die ebenfalls von Willi Schuster alarmiert worden waren.

Heinz Dember hatte vor ein paar Wochen die Rechtsmedizinerin Dr. Doris Dember, geborene Weber, geheiratet. Dass sie schwanger war, wussten nur wenige, aber wer genau hingeschaut hatte, dem war bei der Hochzeit unter dem weißen Brautkleid die kleine Wölbung nicht verborgen geblieben. Die Flitterwochen waren ausgefallen, sie wollten sie aber nachholen, sobald alles wieder seinen gewohnten Gang ging. Lediglich ein exklusives Wochenende mit ausgiebigem Wellnessprogramm im Schlosshotel Lerbach hatten sie sich gegönnt und stundenlang die Zimmernachbarn durch ihre Liebeleien vom Schlaf abgehalten.

Für Toni Krogmann war dies – neben den vielen normalen Todesermittlungs- und Ärzteverfahren – nun der zweite Mordfall im Team der MK 6, die von Paul Westhoven geleitet wurde. Sie war seinerzeit der Liebe wegen von der Elbe an den Rhein gezogen. Die langjährige Wochenendehe mit ihrer Frau Anja sollte nun auch im Alltag bestehen.

Im ersten Verfahren mit der Tiefkühlleiche hatte sie sich mit ihrem Spürsinn gut in die Mordkommission eingeführt, und dies, obwohl sie in Hamburg nicht für Leichen, sondern für Delikte rund um Betrug und Computerkriminalität zuständig gewesen war.

Gegen 05:30 Uhr waren alle Mitglieder der MK 6 im Präsidium eingetroffen. Dember ging als erstes in die Küche, um einen starken Kaffee aufzusetzen, denn eine erste Lagebesprechung ohne Kaffee war für ihn und Paul Westhoven einfach undenkbar. Erst dann ging er schlurfenden Schrittes in sein Büro.

Toni Krogmann traf Paul Westhoven am Aufzug und erfuhr, dass es sich diesmal um eine Brandleiche handelte. Sofort brach ihr schwarzer Humor durch: „Na, gegensätzlicher kann es ja wohl nicht sein. Erst tiefgekühlt, nun durchgegart.“

„Tja, Toni. Kein Toter ist wie der andere, es wird nie langweilig“, war Westhovens trockener Kommentar. Im nächsten Augenblick sah er im Display die Rufnummer der Pressestelle aufblinken, nahm das Gespräch aber nicht an, denn was hätte er zu diesem Zeitpunkt schon sagen sollen?

Kapitel 2

Nachdem sich die drei Ermittler bewaffnet und mit Spurensicherungsanzügen ausgerüstet hatten, fuhren sie mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Mit zwei Zivilfahrzeugen machten sie sich auf den Weg nach Rondorf in den Süden von Köln.

Über die A59, dann weiter auf der A4 überquerten sie die Rodenkirchener Brücke. Am so genannten Bonner Verteiler ging es dann weiter über das Wasserwerkswäldchen, wo um diese Uhrzeit die letzten Bordsteinschwalben schon wieder eingepackt hatten und nach Hause gegangen waren. Sie erreichten kurze Zeit später die Kapellenstraße in Rondorf.

Ein mit blitzenden Blaulichtern quer gestellter Streifenwagen der Polizeiinspektion (PI) 2 versperrte die Zufahrt. Vorsichtig lenkten Krogmann und Westhoven ihre Dienstwagen über den Gehweg daran vorbei und stellten sie hinter der Absperrung ab. Ein Feuerwehrmann, der das Fahrmanöver offensichtlich alles andere als gut fand, kam eilig auf sie zu. Bevor er etwas sagen konnte, hatte Westhoven seine Kriminalmarke aus der Hosentasche gezogen und ihn mit einem knappen „Guten Morgen! Westhoven, Mordkommission“, begrüßt.

„Moin, Müller, freiwillige Feuerwehr Rodenkirchen. Dann kommen Sie mal mit, ihre Kollegen sind da hinten!“

Die uniformierten Kollegen der PI 2 und das Team der K-Wache standen unmittelbar vor dem noch immer qualmenden und nach Brand stinkenden Haus und unterhielten sich. Den Vorgarten und den Eingangsbereich hatten sie großzügig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt.

„Guten Morgen, Kollegen“, sagte Westhoven. „Wer von euch kann uns mal einen Überblick geben?“

Während zuerst die Kollegin der PI 2 erzählte, machte sich Toni Krogmann Notizen. Danach berichtete der Kollege der K-Wache, dass er im Grunde auch noch nicht mehr wisse, ihm das Ganze aber irgendwie komisch vorkomme. Er sei kurz im Haus gewesen, um sich die Leiche anzuschauen. „Die Leiche liegt im ausgebrannten Keller, direkt neben dem Schwimmbad.“

„Männlich oder weiblich?“, wollte Westhoven wissen.

Der kräftige Kollege zuckte mit den Schultern: „Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Der Körper ist völlig verkohlt. Der Körperbau lässt keine objektiven Schlüsse zu, selbst die Größe ist nicht mehr erkennbar. Ich will mich da nicht festlegen.“

„Habt ihr schon überprüft, wer hier eigentlich wohnt?“, fragte Westhoven weiter.

Der Kollege blätterte in seinem Notizbuch: „Laut Einwohnermeldeamt war hier eine Familie Spielmeier gemeldet.“

„Was heißt denn hier war?“

„Sie sind vor etwa drei Monaten nach England verzogen, irgendwie ausgewandert oder was weiß ich.“

„Geht’s auch ein bisschen genauer?“

„Ja, die angebliche Adresse ist Break Egg Hill in Essex. Jetzt frag mich aber bitte nicht, wo das genau ist.“

„Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, wer da unten verbrannt im Keller liegt?“ Er erntete nur ein Schulterzucken.

„Heinz“, rief er zu seinem Kollegen Dember, „holst du mir bitte einen Spurensicherungsanzug und Schuhüberzieher? Ich will mir gleich nicht die Klamotten versauen. Sobald der Kollege vom KK 13 hier ist, werde ich mit ihm und Michael Drees vom Erkennungsdienst zumindest mal einen ersten Blick auf die Leiche werfen. Ich muss mir unbedingt einen Überblick über das Ganze hier verschaffen. Befragt ihr bitte die Feuerwehrmänner, die das Haus betreten haben? Ich muss wissen, was die verändert haben. Und zwar ganz genau. Vor allem die Schließzustände der Türen.“

Sein Ton ließ keinerlei Rückfrage oder Kommentar zu.

Dember verstand auch ohne weitere Worte, was Westhoven ihm sagen wollte. Nur zu ungern erinnerte er sich an die lautstarke Standpauke beim letzten Fall, weil er einen Hinweis der Taxifahrerin und „Informantin“ Katrin Oehmchen nicht ernst genommen hatte. Westhoven hatte ihm damals deutlich gesagt, dass er höchstpersönlich dafür sorgen würde, dass seine Tage bei der Mordkommission beim nächsten Patzer gezählt seien. Die Ansprache hatte Wirkung gezeigt, denn seitdem konzentrierte sich Dember wesentlich mehr auf seine Arbeit.

„Eins noch, kannst du bitte Doris anrufen? Sie sollte herkommen und sich die Leiche am Fundort ansehen.“

Nur allzu gern kam Dember diesem Auftrag nach. Er fühlte sich noch immer im siebten Himmel, wenn er an seine Doris dachte. Es überraschte ihn überhaupt nicht, dass sie schon nach dem ersten Klingeln am Apparat war: „Hallo, Schatz. Kannst du mal wieder nicht schlafen?“

Dr. Doris Dember hatte schon vor dem Anruf ihres Mannes wieder mal unter Übelkeit gelitten und nicht mehr schlafen können. Sie gehörte somit zu den statistisch acht von zehn Frauen, die mit Übelkeit in der Frühschwangerschaft Bekanntschaft geschlossen hatten. Statt aufzublühen und sich auf das Baby zu freuen, war ihr seit Wochen einfach nur elend zumute.

Zum Glück musste sie sich nicht mehrmals am Tag übergeben. Doris hatte schnell herausgefunden, welche Speisen sie vertrug und welche nicht, damit sich ihre Übelkeit in Grenzen hielt. Ihre sportliche Figur gehörte mittlerweile der Vergangenheit an.

„Ach, im Grunde bin ich froh, dass du anrufst. Ich wälze mich nur hin und her, außerdem kann ich mich nicht an dich kuscheln. Du fehlst mir einfach. Aber sag schon, wo muss ich denn diesmal hinkommen? Ich kann sowieso nicht mehr schlafen.“

„Nach Rondorf, in die Kapellenstraße. Du kannst uns gar nicht übersehen.“

„In Ordnung, ich mache mich noch kurz fertig und dann fahre ich los.“

„Ach, eins fällt mir noch ein. Zieh dich nicht so hübsch an wie sonst, das bringt hier nichts. Hier hat es gebrannt und du würdest dir nur die Klamotten versauen. Nimm also besser deinen alten dunkelblauen Overall.“

„Okay, Schatz. Bis gleich.“

***

Zur gleichen Zeit fuhr Edmund Immel mit dem weißen Kastenwagen der Brandermittler um die Absperrung herum und parkte neben den anderen Polizeifahrzeugen. Ede, wie er von den meisten genannt wurde, hatte seinen Einsatzanzug und die Sicherheitsstiefel schon an. Seinen Schutzhelm hatte er unter den Arm geklemmt.

„Morgen Ede, ist dir nicht ein bisschen heiß in den Sachen?“, frotzelte Westhoven.

„Ich habe mich in den letzten 20 Jahren dran gewöhnt. Besser, als wenn meine Privatklamotten ständig nach Rauch stinken. Wieso ist eigentlich das KK 11 hier, liegt hier Fremdverschulden vor?“

„Ach, nichts ist klar. Aber Schuster hatte hier ein ungutes Bauchgefühl und das war für mich Grund genug, mit meinem Team her zu kommen. Du kennst mich ja.“

„Na, dann lasst uns mal gucken.“ Ede Immel setzte seinen weißen Helm mit dem blauen Reflektorstreifen auf und schloss den Kinnriemen. Alle Brandermittler hatten diesen Streifen auf ihrem Helm, damit sie optisch von den Feuerwehrmännern unterschieden werden konnten. Trotzdem war Ede Immel schon oft von seinen „Feuerwehrkollegen“ zum Löschen eingeteilt worden und musste stets erklären, warum er dem Auftrag nicht nachkommen konnte.

Zu dritt gingen sie gebückt unter dem rot-weißen Flatterband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung“ hindurch ins Haus direkt in den Keller und musterten die bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche. Aufgrund der hohen Hitzeeinwirkung waren die Muskeln geschrumpft und hatten sich so zusammengezogen, dass Arme und Beine in der so genannten Fechterstellung erstarrt waren.

„Und? Mann oder Frau?“, fragte Michael Drees.

„Ich tippe mal ein Mann“, sagte Ede. „Guckt mal die großen Schuhe.“

„Das heißt doch gar nichts, es gibt auch Frauen mit großen Füßen. Naja, Michael, da hast du wohl noch einiges zu tun, um die arme Socke hier zu identifizieren“, sagte Westhoven.

„Halb so wild, hab schon Schlimmeres gesehen. Und meist reichen schon ein paar körperliche Merkmale, wie fehlende Zähne oder Operationsnarben. Wenn alle Stricke reißen, können wir immer noch einen DNA-Abgleich versuchen. Ich mach’ das schon“, versicherte Drees und schaute sich weiter um. Plötzlich rief er: „Kommt mal her!“ Er zeigte auf das Schloss der schweren Kellertür, die neben dem Kellereingang im Raum lag.

„Zugesperrt, aber der Schlüssel steckt nicht“, stellte Ede fest. „Das erklärt auch, warum die Feuerwehr sie regelrecht kaputt geschlagen hat, um hier hereinzukommen.“

„Klasse, Michael, weiter so. Könntet ihr beiden mich trotzdem gleich mal für eine Minute allein lassen? Ihr wisst ja, dass…“ Er brauchte den Satz nicht zu Ende zu sprechen.

Drees nickte, denn er wusste schon aus anderen Fällen, dass sich Westhoven immer neben die Leiche stellte und den Tatort mit geschlossenen Augen auf sich wirken ließ. „Kein Problem, wir gehen mal kurz raus. Bis gleich.“

Die Ermittler schwitzten in ihren nicht besonders atmungsaktiven Schutzanzügen. Ständig fielen ihnen schwarze Wassertropfen von der Decke herab auf die Schultern. Ede und Drees waren froh, für die nächsten Minuten an die frische Luft zu kommen.

Westhoven stellte sich derweil neben die noch immer dampfende Leiche. Er versuchte, jedes noch so kleine Detail zu erfassen, und schloss die Augen. Westhoven hörte, wie die Wassertropfen des Löschwassers auf den Fliesenboden fielen und zerplatzten. Er horchte nach dem Knistern des nassen, langsam abkühlenden Holzes. Bei dem beißenden Geruch, den er jetzt noch intensiver wahrnahm, war sein erster spontaner Gedanke, wie gut es doch die Brandermittler hätten, die sich wenigstens in der Umkleide der Brandermittler duschen und die verqualmten Klamotten direkt dort in die Waschmaschine stecken könnten. Er dagegen musste die stinkenden und verrußten Kleidungstücke mit nach Hause nehmen. Außerdem würde er in den nächsten Wochen sicher einen großen Bogen um angebranntes Fleisch machen, da war er sich sicher. Innerlich graute es ihm schon vor dem nächsten Grillabend. Irgendwie war er, was das anging, in letzter Zeit ziemlich empfindlich geworden. Nach dem Tiefkühlmord in Nippes hatte er wochenlang kein Fleisch aus dem Gefrierschrank essen können.

Er versuchte, sich nun aber auf den Grund zu konzentrieren, aus dem er allein in dem heißen ausgebrannten Kellerraum stand. In Westhovens Kopf spielten sich die verschiedensten Szenarien ab. Vor allem fragte er sich, warum das Opfer hier unten im Keller war. War es am Ende ein spektakulärer Suizid? Warum war die Kellertür abgeschlossen? Diesem Umstand musste er unbedingt nachgehen und feststellen, von welcher Seite der Schlüssel gesteckt hatte. Vielleicht war er beim Aufbrechen der Türe rausgefallen? Es war noch alles offen. Vielleicht würde Dr. Doris Dember ja eine Erklärung für ihn haben. Er ging  nach draußen und suchte Dember.

„Heinz, wo bleibt denn deine holde Gattin?“

„Eigentlich müsste sie schon längst hier sein. Bestimmt biegt sie gleich um die Ecke.“

Westhoven wollte, dass Dember und Toni Krogmann sich schon jetzt die Leiche und insbesondere den Keller anschauten. Immerhin würden die beiden sowieso den Tatort zusammen mit Ede und Drees aufnehmen. Um keine Trugspuren zu legen, zogen sich Krogmann und Dember ebenfalls Schutzanzüge und Schuhüberzieher an. Zu dritt gingen sie in den Keller hinunter.

„Boah, das riecht ja wie verbranntes Hähnchen“, rutschte es Toni Krogmann angewidert heraus. Sie war ein wenig blass geworden.

„Ja, stimmt, der hier ist nur viel größer als so ein Flattermann“, sagte Dember und zwinkerte ihr zu.

Westhoven stieß ihn an die Schulter. „Heinz, reiß dich gefälligst zusammen. Wenn du das hier nicht ernst nehmen kannst, ist für dich bald wirklich Matthäus am letzten. Immerhin hat hier ein Mensch ein ziemlich schlimmes Ende gefunden, also ein bisschen mehr Respekt, bitte!“

Gerade als Dember etwas erwidern wollte, kam seine Frau die Treppe herunter. Dember hoffte, dass sie die letzten Sätze nicht mitbekommen hatte. „Hallo, Schatz. Schön, dass du da bist“. Er machte einen Schritt auf sie zu und gab ihr einen Begrüßungskuss. In dem Moment hätte er Westhovens Gedanken nicht lesen wollen.

„Hallo Toni, hallo Paul. Da habt ihr ja mal wieder so richtig ins Klo gegriffen, wenn ich mir das hier so ansehe“, kommentierte sie trocken.

„Deswegen bist du ja hier“, entgegnete Westhoven.

Er blickte seine Teamkollegen an:„Okay, ihr beiden geht bitte wieder nach oben und macht mit der Befragung weiter“.

Dr. Doris Dember, die mittlerweile die Gummihandschuhe angezogen hatte, hockte sich neben die Leiche und suchte vergeblich nach Anzeichen gewaltsamer Fremdeinwirkung.

Westhoven entging nicht, dass Doris anfing zu würgen. Er sagte aber nichts, denn offiziell durfte er ja noch nicht wissen, dass sie in anderen Umständen war. Diese Tatsache war Heinz Dember beim Bier herausgerutscht. Er hatte seine Kollegen jedoch zur Verschwiegenheit verdonnert.

„Was guckst du denn so?“, fragte sie gereizt.

„Ach nichts, nur so. Wie sieht es denn aus, kannst du schon was zu Todesursache und Todeszeitpunkt sagen?“ Ihm fiel nichts Besseres ein.

„Also, Paul, es wäre am besten, wenn die Staatsanwaltschaft eine Obduktion anordnen würde. Ich kann überhaupt nichts dazu sagen, ob der Mensch hier noch gelebt hat, als das Feuer ausgebrochen ist. Wer ist das eigentlich?“

Sie beendete ihre Erklärung, denn ansonsten hätte sie den Würgereiz nicht mehr kontrollieren können.

Westhoven tat auch diesmal so, als ob er nichts davon merken würde.

„Doris, jetzt mal im Ernst: Würdest du das da etwa anhand eines Ausweises identifizieren wollen? Da müssen wir uns was anderes einfallen lassen, und eine Obduktion wird Asmus ganz sicher anordnen.“

„Ja, hast recht. Auch ein Staatsanwalt wird wissen wollen, mit wem er es hier zu tun hat. Wieso seid ihr eigentlich hier? Ihr seid doch gar nicht zuständig. Das ist doch an sich ein Fall für das KK 13. Es kommt doch nicht jedes Mal die Mordkommission, wenn jemand verbrannt ist, oder?“

„Wir wollen ganz sicher gehen. Im Moment sagen mir nur mein Bauchgefühl und das des Kollegen Drees, dass hier was krumm ist. Und mein Bauch hat mich noch nie getäuscht.“ Er zwinkerte ihr zu. „Kann der Erkennungsdienst hier loslegen und ist es okay, wenn ich schon das Bestattungsunternehmen für den Leichentransport bestelle?“

„Kein Problem, Paul. Hier kann ich sowieso nicht viel machen.“

Westhoven verließ erleichtert den Keller. Er brauchte ein paar kräftige Atemzüge an der frischen Morgenluft, um die Benommenheit aus seinem Kopf zu vertreiben. Er musste husten. Das Taschentuch färbte sich schwarz, als er sich schnäuzte.

Durch den Vorgarten kam Toni Krogmann auf ihn zu.

„Die freiwillige Feuerwehr war zuerst hier. Sie hat die Haustür aufgebrochen und mit allem, was da war, das Feuer bekämpft. Wie du ja selbst gesehen hast, hat es nicht viel genutzt. Der Einsatzleiter sprach noch davon, man wäre gerne vor der Flash-Over-Phase da gewesen, aber sie seien zu spät gekommen.“

Westhoven sah ihren fragenden Blick. „Flash-Over-Phase, das ist der Moment, wo quasi die Luft brennt. Es hat sich ein entzündliches Gemisch gebildet und es kommt zu einer Verpuffung. Mach' dir nichts daraus, den Begriff kannte ich vorher auch nicht. Was ist mit der Kellertür, welchen Zustand hatte die? Das ist total wichtig. Und was hat die Melderin eigentlich gesagt? Hat sie jemanden gesehen, ist vielleicht einer weggerannt oder so was?“

„Da musst du gleich Heinz fragen, der spricht grad mit ihr.“

Westhoven ging sofort in dessen Richtung, als sein Mobiltelefon vibrierte.

„Paul, ich bin es, Walter Schmitz, ich muss eine Pressemitteilung vorbereiten, was soll bzw. darf ich schreiben?“

„Ich kann dir noch nicht viel sagen, nur so viel: wir haben eine verkohlte Leiche im Haus gefunden. Da wir aber überhaupt nicht wissen, ob wir es mit einem Unfall, einem Suizid oder einem Kapitalverbrechen zu tun haben, sollten wir nur sehr zurückhaltend die Information an die Presse weitergeben.“

„Ist mir schon klar. Wer ist denn der zuständige Staatsanwalt?“

„Ich gehe mal davon aus, dass es Asmus ist, aber der ist nicht hier. Ich werde ihn nachher anrufen und informieren. Er wird aber sicher eine Obduktion anordnen. Ansonsten kommen wir nämlich hier nicht weiter.“

„Gut Paul, melde dich, wenn es etwas Neues gibt“, beendete der Kollege von der Pressestelle das Gespräch.

Paul Westhoven steckte sein Mobiltelefon wieder in seine Hosentasche und ging zu Dember, der noch immer Sonja Wellermann befragte. Chakira lag neben ihr auf dem Boden. Sie hatte ihre Leine über dem Rücken liegen, was für sie als Jagdhund bedeutete, dass sie erst wieder aufstehen würde, wenn ihr Frauchen die Leine aufnahm. Ohne dass Westhoven fragen musste, erzählte Dember, dass sie jeden Abend hier vorbeikomme. Es sei ihre normale abendliche Runde, die sie immer mit der Hündin gehe, nur diesmal sei sie etwas später dran gewesen. Etwas Ungewöhnliches habe sie aber in den letzten Tagen nicht bemerkt. „Das war wie immer“, ergänzte Frau Wellermann, nach ihrer Hündin schauend.

„Wie meinen Sie das?“ fragte Westhoven.

„In den letzten Wochen brannte noch immer sehr spät Licht im Haus und dauernd parkten die Holländer hier halb auf dem Bürgersteig. Eine absolute Frechheit und Verkehrsbehinderung.“

„Was für Holländer?“

„Naja, Autos mit holländischen Kennzeichen. Die fielen mir halt auf, weil hier sonst keine fremden Kennzeichen stehen.“

„Haben Sie denn auch jemanden gesehen?“

„Nee, ich hab' da nicht drauf geachtet. Ständig rasen hier die Fahrzeuge durch, vor allem die Taxen, sie fahren wie die Irren. Kann da die Polizei nicht etwas machen?“

„Vielen Dank, Frau Wellermann. Mein Kollege wird alles notieren.“

Westhoven gab ihr die Hand und spürte gleichzeitig das bekannte Vibrieren in seiner Hosentasche. Er zog das Mobiltelefon heraus und schaute auf das Display. Die eingetroffene SMS traf ihn wie ein Donnerschlag: „Papa hatte einen Herzinfarkt, Notarzt ist da. Ruf an, wenn du kannst. Anne.“ Westhoven zögerte keine Sekunde und rief sofort zurück.

„Anne, was ist los? Wie schlimm ist es?“ Hatte Anne bis eben noch durchgehalten, brach sie nun in Tränen aus, als sie seine vertraute Stimme hörte.

„Ich weiß es nicht, sie untersuchen noch und das EKG sah schrecklich aus, wie sie mir sagten. Sie meinten, es sei auf jeden Fall ein Infarkt.“

„Hör zu, Anne, ich komme, so schnell ich kann. Bitte gib mir Bescheid, sobald du weißt, in welches Krankenhaus sie ihn bringen werden.“

„Danke, aber du musst doch ...“

Paul Westhoven unterbrach seine Frau: „Das lass' mal meine Sorge sein. Vergiss du bitte nicht, mir zu schreiben, in welches Krankenhaus sie ihn bringen und Kopf hoch, Schatz, das wird schon. Dein Vater ist zäh und robust wie eine alte Eiche.“

Paul Westhoven rief seinen Chef Arndt Siebert an, der mittlerweile auch im Präsidium eingetroffen war, und erklärte ihm die häusliche Situation. Er war sofort einverstanden, dass Dember Westhoven solange vor Ort vertrat. Westhoven instruierte Dember:

„Und triff bitte keine weiteren Entscheidungen, ohne sie mit mir abgesprochen zu haben. Mach’ bitte nur das, was wir eben besprochen haben. Ich sehe zu, dass ich bald zurück bin.“

Westhoven hatte noch nicht seinen Wagen erreicht, als eine neue SMS eintraf: „Herzzentrum Uni-Klinik, Anne.“

In dieser Situation waren dem sonst so korrekten Paul Westhoven die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf dem Militärring ziemlich gleichgültig. Wenn er geblitzt würde, dann wäre es eben Schicksal. Mit quietschenden Reifen bog er vom Militärring auf die Berrenrather Straße ab, raste weiter über den Sülzgürtel, bis er schließlich die gut 10 km entfernte Uni-Klinik in einer sensationellen Zeit von knapp 14 Minuten erreichte. Da um diese Uhrzeit an der Uni-Klinik kein Parkplatz zu finden war, stellte er das Fahrzeug halb auf den Gehweg vor die Kerpener Straße 62, in der sich seit Oktober 2007 das moderne Herzzentrum der Uni Köln befand. Als „Parkentschuldigung“ legte er die Polizeianhaltekelle auf das Armaturenbrett. Noch in der Eingangshalle traf er Anne und seine Schwiegermutter. Der Blick aus ihren geröteten Augen sprach Bände. Beide sahen ihn verzweifelt an, als ob er helfen könnte. Auf seine Frage, ob sie schon etwas wüssten, schüttelten beide nur den Kopf. Er nahm Anne in den Arm. Gleichzeitig legte er seiner Schwiegermutter eine Hand auf die Schulter und versuchte, sie zu trösten.

„Macht euch keine Sorgen. Die wissen hier, was sie tun. Das ist das neue Herzzentrum. Ich habe zuletzt noch in einem Artikel gelesen, dass hier pro Jahr mehr als 1.100 Koronaroperationen und mehr als 2.500 Herzoperationen durchgeführt werden. Die haben hier Erfahrung. Und Alfons ist kein Risikopatient. Er raucht nicht und die paar Gläschen Wein zum Abendessen sind ja wohl eher gesund. Bestimmt verpassen sie ihm einen von diesen Stents und alles wird gut. Dann ein schöner Aufenthalt in einer Rehaklinik und im nächsten Jahr ist er beim Kölner Brückenlauf dabei.“

So richtig glaubte Westhoven allerdings selbst nicht an das, was er eben gesagt hatte.

Einer der Ärzte könnte auf sie zukommen und allein schon mit seinem hoffnungslosen Gesichtsausdruck die Botschaft überbringen, die keiner von ihnen hören wollte. Im Geiste drückte er deswegen ganz fest die Daumen, denn er mochte seinen Schwiegervater. Und auf Beerdigungen ging er sowieso nicht gern. Anne und ihre Mutter hatten sich auf die Stühle im Wartebereich gesetzt und warteten schweigend auf die erlösende Nachricht. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür zum Herzkatheterbereich und einen Moment später stand ein Arzt vor ihnen. Auf seinem Namensschild stand der Name Dr. Redrüs. „Sind Sie die Angehörigen von Herrn Stern?“

Die Anspannung der drei war spürbar. Wie gebannt schauten sie den Arzt an und nickten gleichzeitig zustimmend.

„Also, ihr Mann“, er blickte Frau Stern an, „hatte einen Herzinfarkt. Als er zu Hause synkopiert ist, hatte er wahrscheinlich einen AV-Block III. Grades entwickelt mit Bradykardien um 30. Er ist dann zum Glück sofort nach der Stabilisierung direkt in unser Katheterlabor gebracht worden, wo wir einen thrombotischen RKA Verschluss diagnostiziert haben. Wir konnten dann nach Thrombusaspiration ...“

Paul Westhoven unterbrach den Arzt: „Also auf deutsch gesagt, mein Schwiegervater hatte einen Infarkt auf Grund eines Koronargefäßverschlusses. Konnten sie diesen beseitigen? Geht‘s ihm gut?“

Der Arzt blickte ihn an.

„Das hätte ich Ihnen jetzt gleich gesagt“, meinte er ein wenig indigniert. Paul Westhoven unterbrach ihn wieder: „Ja, aber meine Schwiegermutter hätte das vermutlich nicht verstanden.“

Der Arzt räusperte sich und begann von Neuem: „Also, einfach gesagt, er hatte einen Infarkt, wir konnten den Verschluss beseitigen und haben ihm einen Stent gesetzt, ein weiterer Stent war noch notwendig, da sich ein weiteres Koronargefäß zu verschließen drohte. Dem Patienten geht es gut und Sie können ihn in 1-2 Stunden auch schon besuchen. Am liebsten würde er schon jetzt nach Hause gehen, das geht aber nicht. Wie lange wir ihn hier noch zur Beobachtung behalten müssen, kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen. Voraussichtlich wird es noch 3 bis 4 Tage dauern und dann sollte sich umgehend eine Rehabilitation anschließen. Sport unter ärztlicher Aufsicht und ähnliches. Das kann entweder ambulant oder stationär erfolgen. Ich muss jetzt aber wieder, Sie haben ja noch ein paar Tage Zeit, alles zu klären.“

Er verabschiedete sich und verließ den Raum. Anne hatte ihre Mutter fest in den Arm genommen, beide weinten vor Erleichterung. Westhoven war schon fast wieder mit seinen Gedanken bei dem Fall. Er schaute auf das Display seines Mobiltelefons und sah „3 Anrufe in Abwesenheit“, allesamt von Dember.

„Ruf schon an“, sagte Anne, „kümmere dich um deinen neuen Fall. Ich bleibe bei Mama und nehme mir heute frei.“

„Bist du sicher, Schatz?“

„Ja, ganz sicher und danke, dass du gekommen bist.“ Sie umarmte Paul und wandte sich dann wieder ihrer Mutter zu. Westhoven drückte seine Schwiegermutter ebenfalls und sprach ihr noch einmal Mut zu. Auf dem Weg zum Auto rief er Dember zurück: „Heinz, ich bin es. Was gibt es, dass du ständig versucht hast, mich zu erreichen?“

„Erstmal das Wichtigste: Wie geht es deinem Schwiegervater?“ erkundigte sich Dember.

„Es geht ihm den Umständen entsprechend. Jetzt sag' schon, was los ist!“

„Dieser Holm vom Express schleicht hier rum und stellt jede Menge Fragen. Was ist mit der Leiche? Kann sie abtransportiert werden?“, wollte Dember wissen.

„Um den Abtransport der Leiche wollte sich doch Drees kümmern. Sprich ihn mal an. Wir haben jetzt 08:30 Uhr und ich gehe mal davon aus, dass ich gleich von hier aus rüber zur Rechtsmedizin fahren kann. Dann könnt ihr weiter den Tatort aufnehmen. Und bestell’ den Bestattern einen schönen Gruß von mir. Sag’ denen, die sollen nicht wieder erst noch genüsslich durch die Waschanlage fahren. Beim letzten Mal haben wir geschlagene zwei Stunden auf die gewartet. Der Gipfel war dann, dass die außerdem noch zwei Aufträge zwischendurch angenommen hatten, um woanders Leichen abzuholen“, erinnerte sich Westhoven.

„Fehlte eigentlich nur noch, dass die zwischendurch ins Kino gegangen wären. Das wir in der Rechtsmedizin alle deswegen unnötig warten mussten, war denen total egal. Noch heute klingen mir die Worte von Asmus in den Ohren, die er denen verpasst hat.“

„Mach' ich. Und was ist mit diesem blöden Presseheini? Nicht, dass er mich auch noch falsch zitiert oder sonst wieder irgendeinen Müll schreibt, der nicht stimmt!“

„Verweis’ ihn an die Pressestelle, soll sich Walter mit ihm rumschlagen. Ignorier' ihn oder sag' ihm einfach, dass es gebrannt hat, falls er es noch nicht bemerkt habe.“

Westhoven konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Sag' ihm aber nichts über den Zustand der Leiche, kein Wort, ist das klar?“

„Und wenn er nicht locker lässt?“

„Dann sagst du einfach, dass die augenscheinlichen Brandverletzungen – über die du natürlich nichts sagen kannst –  mit einem Weiterleben nicht vereinbar waren. Kümmere dich jetzt aber vordringlich um die Leiche oder willst du deine Frau unnötig warten lassen? In fünf Minuten ruf ich wieder an.“

Kapitel 3

Westhoven rief bei Staatsanwalt Asmus an und trug ihm den bisherigen Sachstand vor. „Wunderbar, Herr Westhoven. Ich sage gleich unserer neuen Kollegin Bescheid. Die wird sich freuen, sie ist seit gestern hier in der Abteilung IX. Wirkt etwas pingelig, scheint aber ganz nett zu sein. Ich kenne ihren Vater aus der Studienzeit.“

Er gab Westhoven noch die Telefondurchwahl von Staatsanwältin Sarah Steinmann.

„Steinmann, Staatsanwaltschaft Köln“, meldete sie sich schon nach dem ersten Klingeln.

„Guten Morgen, Frau Steinmann. Mein Name ist Westhoven. Ich bin vom KK 11, Kripo Köln“, stellte er sich vor.

„Ach hallo, Herr Westhoven. Hab schon viel von Ihnen gehört. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Na, Sie können mir ja nachher erzählen, was Sie von mir gehört haben. Bin sehr gespannt. Aber der Grund meines Anrufes ist ...“

„...das Feuer mit dem Toten in Rondorf“, beendete sie den Satz. „Das kam schon im Radio. Ist die Leiche schon in der Rechtsmedizin?“

„Zumindest auf dem Weg dorthin.“

„Dann sollten wir so schnell es geht obduzieren. Ich schwing mich gleich in die Bahn und fahre zum Melatengürtel in die Rechtsmedizin.“

„Wenn Sie wollen, hole ich Sie ab. Ich bin ganz in der Nähe und der Schlenker an der Luxemburger vorbei wäre kein großer Umweg“, schlug er ihr vor.

„Das ist aber nett, aber nur, wenn es keine allzu großen Umstände macht“

So entging sie der stickigen Luft in der vollen Bahn und dem Geruchscocktail aus Schweiß, Rasierwasser, Parfüm und Knoblauch.

„Gut, dann in fünf bis zehn Minuten am Haupteingang des Amtsgerichts, Luxemburger Straße 101. Das ist für mich am einfachsten. Ach ja, noch etwas. Ich fahre einen dunkelblauen Seat Leon mit Gummersbacher Kennzeichen.“

Auf dem Weg von der Uni-Klinik zum Treffpunkt fragte Westhoven bei Dember nach und erfuhr, dass die Leiche schon längst unterwegs sei. Außerdem sei ein Autoschlüssel aus den Kleidungsresten gefallen, als die Bestatter den Leichnam in den Zinksarg hoben. Die dem Boden zugewandten Teile und Kleidungsstücke waren noch nicht vollständig verbrannt.

„Guck gleich mal in der unmittelbaren Umgebung, ob du das passende Auto dazu finden kannst. Vielleicht haben wir Glück“, wies Westhoven ihn an.