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"Ein großer Wunsch von mir war, Soldat zu werden, um Vater im Krieg Gesellschaft leisten zu können“, erzählt Nana, die im Jahr 1945 acht Jahre alt ist. Hinter Nana verbirgt sich die Kinderbuchautorin Margaret Kopsch, die in diesem Buch sich und andere Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, die während des Krieges Kinder waren. Sie erinnern sich daran, wie am Nikolaustag nach der Bombardierung die Stadt Gießen brannte, wie ein jüdisches Mädchen aus der Schule plötzlich weg war, wie es nach einem Luftangriff auf einmal keine Schule mehr gab oder wie sie eines Nachts das Zuhause in Ostpreußen verlassen mussten. Den Zeitzeugenberichten der Kriegskinder, die sie interviewt hat, stellt die Autorin die Briefe ihres Vaters aus Russland gegenüber, der sich um seine Frau und seine Kinder sorgt, den harten Alltag der Soldaten schildert und Weihnachten an der Front beschreibt. In den Berichten und den Briefen spiegelt sich das Grauen einer Zeit, die vor allem in den Kinderseelen ihre schmerzlichen Spuren hinterlassen hat.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2021
Den Kindern geschieht viel Unrecht. Ist das nicht schon Unrecht, dass man sie für glücklich hält?
Und sie sind es so wenig wie wir, sie haben in ihren Kinderseelen alle Affekte: eine Sehnsucht, die sie mit Täuschungen, eine Eitelkeit, die sie mit Kränkungen, eine Phantasie, die sie mit Wauwaubildern quält, und dabei haben sie nicht die Stütze der Vernunft, die uns wenigstens zu Gebote steht, wenn wir sie auch nicht gebrauchen. Wir finden ihre Leiden klein, ohne zu bedenken, wie kleinlich wir oft in unserem Leiden sind.
J. Nestroy 1801–1862
Brautlied
Margaret (Nana), 8 Jahre
Fpnr. 02821 D : Rußland, 22. 1. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 24. 1. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 25. 1. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 11. 11. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 13. 11. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 18. 11. 41
Fpnr. 02821 D : Rußland, 24. 11. 41
Fpnr. 02821 D : Rußland, 27. 11. 41
Fpnr. 02821 D : Rußland, 29. 11. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 4. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 6. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 7. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 9. 12. 41
Fpnr. 02821 D : Rußland, 14. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 17. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 18. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 22. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 24./25. 12. 1941
Fpnr. 02821 D : Rußland, 26./27. 12. 1941
Annegret, 6 Jahre
Margaret (Nana), 8 Jahre
Gisela, 11 Jahre
Erna, 16 Jahre
Elise, 9 Jahre
Margaret (Nana), 8 Jahre
Minni, 10 Jahre
Minni, 10 Jahre
Minni, 10 Jahre
Mariechen, 10 Jahre
Lothar, 16 Jahre
Margaret (Nana), 8 Jahre
Heinrich, 35 Jahre
Elisabeth, 10 Jahre
Christoph, 11 Jahre
Josef, 14 Jahre
Anne, 6 Jahre
Quellenangaben Fotos
Gedicht von Karl Gerok
Ruth 1, Vers 16, 17
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen,
wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk
und dein Gott ist mein Gott.
Wo du stirbst, da sterbe ich auch,
da will ich auch begraben sein.
Sie:
Wo du nun wandelst,
da wandle ich auch.
Da folg ich und bin es zufrieden,
vom ersten Kuss bis zum letzten Hauch –
nun werden wir nimmer geschieden;
Vom seligen Ja vor dem Traualtar
bis zum bitteren Ade an der Totenbahr –
wir bleiben zusammen hienieden.
Er:
Wo du nun weilest, da weile ich mit,
da bleib ich und suche nichts weiter;
vom ersten Schritt bis zum letzten Tritt
dein Schatten, dein Schutz dein Begleiter.
Einst lief ich ums Glück landein und landaus,
nun wird mir die Welt mein friedliches Haus,
wo schiene die Sonne so heiter?
Sie:
Dein Volk mein Volk; o führe die Braut
den würdigen Eltern entgegen.
Den Segen der Liebe, der Häuser baut,
aufs Haupt uns gütig zu legen;
dein törichtes Kind ist so fremd in der Welt,
sei du mein Stab, mein Führer, mein Held
auf des Lebens verschlungenen Pfaden.
Er:
Dein Gott mein Gott, geleite mich du,
o fromme Seele, gen Himmel.
Den stürmischen Geist, o bett ihn zur Ruh
in der Welt verworrenem Getümmel;
mein Segensengel, mein Friedenstern
zur Hut mir gesetzt von Gott, dem Herrn
im sündigen Menschengewimmel
Sie:
Dein Glück, mein Glück,
und was will ich denn mehr
als für dich, du Einziger, leben.
O dass ich ein Engel, ein Heiliger wär,
wie wollt ich dich schützend umschweben,
dir segnend mit Rosen die Pfade bestreun,
die stechenden Dornen, den hemmenden Stein
so treu aus dem Wege dir heben!
Er:
Dein Leid mein Leid, mein bist du im Schmerz
wie mein in fröhlichen Tagen.
Komm neige dein Köpfchen getrost an mein Herz
mir den kleinsten Kummer zu klagen.
Geteilte Freud ist ja doppelte Freud,
geteiltes Leid ist ja halbes Leid,
und die Liebe, sie wächst im Tragen.
Sie:
Dein Grab mein Grab; wo man dich begräbt,
da legt man auch mich in die Erden;
gehst du mir von hinnen, so hab ich gelebt,
kann fröhlich nimmermehr werden.
Ein Hügel decke uns beide zu.
Beim Staube der Staub – o trauliche Ruh’
nach des Lebens Lust und Beschwerden.
Er:
Dein Himmel mein Himmel; wohl reißen sie einst
mit Schmerzen, die irdischen Bande;
doch wenn du an meinem Hügel nun weinst,
blick auf in die himmlischen Lande.
Die Gott vermählte, die scheidet kein Tod.
Sie schweben ins ewige Morgenrot
im himmlischen Hochzeitsgewande.
Nun Vater, der du die Liebe bist,
erhöre der Liebenden Bitte;
du König der Herzen, Herr Jesu Christ,
sei du im Bunde der Dritte;
O Geist des Friedens, so rein und so zart,
komm auf uns nieder in Taubenart.
Großvater war ein Gesundheitsapostel. Abhärtung war sein oberstes Gebot. Wenn der erste Schnee gefallen war und den Garten zart und weiß zugedeckt hatte, war Schneelaufen angesagt.
Die halbe Nacht hatte es gebraucht, die Betten anzuwärmen. Die Matratzen, hart, unbequem und in der Mitte durchgelegen, schwere Bettdecken, die wie Zentnerlasten über uns lagen, machten das Einschlafen nicht besonders leicht. Doch auch das Aufstehen bereitete uns Schwierigkeiten. Jetzt war es warm im Bett. Überall verstreut lagen unsere Sachen im kalten ungeheizten Zimmer. Es kostete Überwindung, die Beine aus dem Bett zu strecken, über den kalten Boden zu huschen, Hemd, Hose, Strümpfe einzusammeln und alles im Bett anzuwärmen. Erschien jedoch Großvater im Schlafzimmer, war es mit der Wärme vorbei. Barfuß und im Nachthemd ging es in den Garten. Im Gänsemarsch stapften wir durch den Neuschnee, freuten uns an unseren Fußabdrücken und vergaßen für einen Moment die beißende Kälte. Großvater freute sich über seine Maßnahme. Denn so wollte er verhindern, dass uns Erkältungen und Frostbeulen quälten. Was konnte es Schöneres geben, als anschließend noch einmal in das warme Bett zu schlüpfen und uns von unserer Großmutter mit in Milchkaffee eingeweichtem Brot, mit etwas Zucker bestreut, verwöhnen zu lassen. Zugedeckt bis zur Nasenspitze bestaunten wir anschließend die Eisblumen am Fenster, gemalt von frostiger Hand. Unserer Fantasie war keine Grenze gesetzt, alle möglichen Formen darin zu sehen.
Immer wieder erkannte ich einen Vogel und wünschte mir, er möge sich vom Fenster lösen und zu unserem Vater nach Russland fliegen, um ihm zu sagen, dass es uns gut gehe.
Und nun konnten wir uns über den Schnee freuen, denn er war ein untrügliches Zeichen, dass Weihnachten nahte. Besonders genossen wir die Abende, an denen unsere Mutter am Bett saß. Liebevoll streichelte sie uns mit ihren verarbeiteten aufgesprungenen Händen, sang mit uns »Leise rieselt der Schnee« und musste sich immer wieder die Frage anhören: »Wann kommt Papa aus dem Krieg nach Hause?«
Doch heute war ihr Blick traurig und verzagt, als sie sagte, dass wir dieses Weihnachten ohne unseren Vater verbringen müssten. Mit einem
»Gute Nacht, meine Lieblinge« drehte sie sich hastig um und eilte aus dem Zimmer. Sicherlich musste sie weinen, und wir sollten es nicht sehen.
Am nächsten Morgen zog ein wunderbarer Duft durch das Haus. Es roch nach Plätzchen. Unsere Mutter hatte nachts noch gebacken. Ein Weihnachtspäckchen sollte heute auf die Reise zu unserem Vater nach Russland geschickt werden. Aufgeregt saßen wir um den runden Tisch herum. In der Mitte stand Großvaters Briefwaage. Auf dem Tisch verteilt lagen Pergamentpapier, Schere, ein rohes Eiweiß in einer kleinen Schüssel, Plätzchen, Zigaretten und vor uns Papier und Buntstifte.
Tüten aus Butterbrotpapier wurden hergestellt und an den Rändern mit Eiweiß zugeklebt. Da hinein kamen Zigaretten oder Plätzchen. Hin und wieder durften wir eins probieren. Immer wieder wurde gewogen, denn es war nur ein bestimmtes Gewicht für ein Päckchen erlaubt.
Mit hochroten Wangen versuchte ich ein besonders schönes Bild zu malen. Immer wieder schielte ich zu meiner älteren Schwester, bei ihr kam das künstlerische Talent schon früh zutage. Und sie konnte sogar schon »mein lieber Papa« schreiben. Mein Tannenbaum sah eher aus wie eine Vogelscheuche, aber Sonne, Mond und Sterne konnte man einigermaßen erkennen.
Abends im Bett nahm ich meinen Zipfelmann in den Arm. Zipfelmann war eine Ecke der Bettdecke, die ich mit Federn gefüllt und dann einmal herumgedreht hatte. Ihm konnte ich alles anvertrauen, was mich bedrückte. Er hörte geduldig zu, auch meinen Gebeten. Heute Abend betete ich: »Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich zu meinem Papa nach Russland komm.«
Ein großer Wunsch von mir war, Soldat zu werden, um Vater im Krieg Gesellschaft leisten zu können.
Rußland, 22. 1. 1941
Heute schreibe ich Dir aus einer russischen Bauernstube. Wir sind gestern für 14 Tage in Ruhestellung gekommen. Es war ein Marsch in grausamer Kälte. Mit dem Handschlitten kamen wir im Schnee nur 2 ½ km die Stunde vorwärts, und 12 km waren es.
Als wir endlich ankamen, auch die Zähsten hatten »die Schnauze voll«, fanden wir eine leere Stube, in der sich für die kommenden Tage 22 Mann ausruhen sollten. Die Stimmung war äußerst bedenklich. Und hier zeigte sich wieder mal, daß ein Teil der Frontsoldaten nicht umzubringen ist.
Gerade diejenigen, die sich geschworen hatten, keinen Schlag mehr zu tun, nichts mehr zu bauen oder vorzusorgen, waren heute morgen schon wieder unterwegs, organisierten, sägten und hämmerten, nagelten und hatten endlich Sitz- und Schlafgelegenheiten geschaffen, so daß wir uns heute abend geradezu gemütlich fühlten. Der riesige Lehmofen in der Ecke, der ein Fünftel der Stube ausfüllt, strahlt stundenlang eine prächtige Wärme aus.
Der Betrieb hier in der Stube ist sehr lebhaft, daß das Schreiben sehr schwer ist. Die Kerle sind beim Läusefangen und machen dabei Bemerkungen, daß man die Gedanken nicht zusammenhalten kann.
Rußland, 24. 1. 1941
I
