FeuerWerk - Klaus Brabänder - E-Book

FeuerWerk E-Book

Klaus Brabänder

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Beschreibung

Ein ausgebranntes Auto. Eine verkohlte Leiche. Und ein Ex-Kommissar, der nicht loslassen kann. In der Nacht nach Aschermittwoch steht auf einem Parkplatz in Elversberg ein Wagen lichterloh in Flammen. Im Kofferraum wird eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche entdeckt. Die Nachforschungen ergeben, dass es sich um die sterblichen Überreste von Klaus-Theo Zeller, genannt »Glatze«, handelt, einem Kleinkriminellen aus dem Hooligan-Milieu. Schnell wird eine Verbindung zu einem ähnlichen Fall in Bitburg in der Eifel erkennbar. Auch hier ein ausgebranntes Auto und wieder eine Leiche im Kofferraum. Als sich herausstellt, dass beide Männer sich kannten, erscheint ein Tatzusammenhang wahrscheinlich. Die Ermittlungen übernehmen die LKA-Beamten Reinert und Wolff, doch mit einem misstrauischen Staatsanwalt und wenig Rückhalt aus der Justiz sind die beiden fast auf sich allein gestellt. Zum Glück mischt sich jedoch Alt-Kommissar Josch Schaum ein – und stößt auf eine alte Strafsache, die düstere Schatten in die Gegenwart wirft.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Klaus Brabänder

FeuerWerk

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

AusgeKocht

Klaus Brabänder wurde 1955 im saarländischen Neunkirchen geboren und wohnt heute in Bexbach und Spiesen-Elversberg. Im Hauptberuf war er als Bauingenieur tätig. Neben der Liebe zur Literatur und seiner Tätigkeit als Autor ist er häufig auf Reisen, wo ihm viele seiner Ideen für besondere Geschichten in den Sinn kommen. FeuerWerk ist der zwölfte Band seiner erfolgreichen Krimireihe aus dem Saarland.

www.klaus-brabaender.de

Klaus Brabänder

FeuerWerk

Kriminalroman

Originalausgabe

© 2025 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH

Am Markt 7 · DE-54576 Hillesheim · Tel. +49 65 93 - 998 96-0

[email protected] · www.kbv-verlag.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an unsere Herstellung: [email protected] · Tel. +49 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

Lektorat: Hans-Udo Meyer, Birgel

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95441-744-5 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-95441-755-1 (eBook)

Inhalt

Abfahrt

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Nachwort

Danksagung

Gewidmet meiner lieben Frau Marion

Abfahrt

Mittwoch, 5. März 2025 – morgens an Aschermittwoch

»Bitte einsteigen, meine Damen und Herren«, bat Silke Becker ihre Kundschaft in den Bus, aber es dauerte geraume Zeit, bis die Teilnehmer der Tagesfahrt zum Kriminalhaus nach Hillesheim in der Eifel ihre Plätze eingenommen hatten.

»Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Fahrt von Elversberg zum Kriminalhaus in der Eifel«, sprach die Reiseleiterin ins Mikrofon. »Heute haben wir einen kompetenten Begleiter, der uns unterwegs etwas über die Arbeit der Kriminalpolizei erzählen wird. Herzlich willkommen Kriminalhauptkommissar a. D. Joachim Schaum, den die meisten von Ihnen sicherlich kennen.«

Der Applaus veranlasste Joachim Josch Schaum, sich zu erheben und in die Reihen zu grüßen.

»Bevor es losgeht, frage ich kurz durch, ob alle da sind; dann geht’s auch gleich los«, erklärte Frau Becker, die es sich nicht hatte nehmen lassen, als Mitinhaberin des Reiseunternehmens den Bus selbst zu fahren und die Reiseleitung zu übernehmen. Für die Unterhaltung während der Fahrt war Josch engagiert worden, und die Ausgabe von kalten Getränken würde er ebenfalls übernehmen. Silke Becker kannte Josch schon eine halbe Ewigkeit und wusste, dass der ehemalige Kriminalbeamte nicht unbedingt die ideale Servicekraft war, aber irgendwie würde er das schon hinkriegen.

Die Namen der Teilnehmer wurden aufgerufen und per Handzeichen oder Zuruf bestätigt.

»Herr Mayer? Mayer mit ay?«

Keine Meldung!

»Mayer, Heinz?«, wiederholte Silke Becker.

Keine Reaktion.

»Aha! Der Herr Mayer fehlt also noch!«

»Der war gestern noch vor mir an der Kasse beim Edeka Hoffmann!«, rief Kerstin Kohler, im Ort unter dem Namen Es Schuhche bekannt, aus dem hinteren Fahrgastraum.

»Der kommt bestimmt noch!«, spekulierte die Reiseleiterin. »Herr Mayer ist quasi ein Stammgast und hat noch nie gefehlt. Wir warten noch ein paar Minuten.«

Nun kamen etliche Spekulationen auf, wieso der ortsbekannte Mayer Heinz, der im Dorf beliebt war und als sozial engagierter Mensch galt, heute zu spät dran war.

»Der Heinz trinkt kaum was, sonst hätte ich angenommen, dass er gestern nach dem Faschingsumzug versackt ist«, meinte Es Schuhche, die ihren Spitznamen zeitlebens beibehalten hatte, weil sie eine geborene Schuh war.

»Nein, das glaube ich auch nicht!«, bestätigte ihre Sitznachbarin. »Der Heinz ist ein ganz Lieber!«

»Vielleicht springt sein Auto nicht an!«, meinte ein älterer Herr.

»Typisch Mann!«, keifte seine Frau neben ihm. »Ihr denkt immer nur ans Auto!«

»Oder er ist die Kellertreppe runtergefallen«, lautete eine weitere Vermutung.

»Was soll der Heinz denn morgens um sechs Uhr im Keller?«, kam die Antwort aus der Reihe dahinter.

»Ich habe aus der Anmeldung seine Handynummer«, erklärte Frau Becker. »Ich rufe einfach mal an.«

Der Anruf brachte keine Klärung, denn der Mayer Heinz ging auch nach dem zehnten Anläuten nicht ran.

»Wenn er in zwei Minuten nicht da ist, fahren wir ohne ihn los!«, beschloss die Reiseleitung. »Sonst schaffen wir es nicht, zum Mittagessen in Hillesheim zu sein. Das ist für Punkt zwölf vorbestellt und unterwegs wollen wir noch eine Kaffeepause machen.«

»Warte kurz!«, meldete sich es Schuhche erneut. »Ich rufe beim Roswitha an. Das wohnt in der Hauptstraße schräg gegenüber vom Heinz. Die soll mal rüber laufen und klingeln.«

Die Idee erschien zunächst nicht übel, führte aber dazu, dass sich die Abfahrt weiter verzögerte, weil Neumanns Roswitha altersbedingt nicht mehr die Schnellste war und zudem beim Überqueren der viel befahrenen Hauptstraße Zeit verlor, weil sie aufpassen musste, dass sie nicht über den Haufen gefahren wurde. Die ganze Mühe nutzte jedoch nichts, denn nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich die Meldung, dass beim Mayer Heinz niemand geöffnet hatte.

»Seine Frau auch nicht?«, fragte Silke Becker.

»Nein«, kam die Antwort aus dem Telefon, »aber es kann sein, dass die über die Tage bei ihrer Familie in Thailand ist; ich glaube, der Heinz hat so was mal angedeutet.«

»So!«, entschied die Reiseleiterin durchs Mikrofon. »Wir müssen nun leider ohne den Herrn Mayer fahren!«

Bis Trier gingen die Spekulationen weiter, was denn mit dem Mayer Heinz los sein könnte. Und weil das Thema des Tages sich mit Kriminalfällen, der Arbeit des LKA und Mord und Totschlag beschäftigte, kam auf der Rückfahrt nach der Rast im Gasthaus sogar die Vermutung auf, dass der Mayer Heinz schwer erkrankt, verunglückt oder gar einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

1

Donnerstag, 6. März 2025 – In der Nacht nach Aschermittwoch

Torsten Jungfleisch war froh, dass er die Strecke durch den Wald hinter sich hatte und an der Ampel vor der Kreuzung anhalten konnte.

So weit, so gut, dachte er. Einmal noch links ab, am Stadion vorbei und durch den Kreisel an der Kaiserlinde in die Waldstraße, dann war es fast geschafft!

Wurde aber auch Zeit, dass er nach Hause kam! Eigentlich hatte er beim Heringsessen in Bildstock gar nicht so lange bleiben wollen, aber aus dem Vorsatz war mal wieder nichts geworden.

Es war immer das gleiche Spiel, obwohl er dieses Mal wirklich nichts dafürkonnte. Dass ihm seine Frau wie üblich nicht glauben würde, stand auf einem ganz anderen Blatt, aber das war im Augenblick das geringere Problem; Hauptsache, er kam gut nach Hause, ohne in eine Polizeikontrolle zu rauschen.

Die Heringe der Bildstocker Parteifreunde waren, wie in jedem Jahr an Aschermittwoch, von bester Qualität gewesen und die Portionen riesig. Kein Wunder, wenn man daraufhin Durst bekam, denn Fische wollen bekanntlich schwimmen!

Der Kreisvorsitzende hatte sich nicht lumpen lassen und ein Fass Bier gestiftet. Frischgezapftes Bier zu den Heringen war alternativlos, und der Verdauungsschnaps hinterher sowieso!

Torsten wäre mit Sicherheit zeitig und absolut fahrtüchtig aufgebrochen, wenn sich der Kreisvorsitzende nicht zu ihm an den Tisch gesetzt und über die anstehenden Personalentscheidungen in der Partei spekuliert hätte; da konnte man nicht einfach aufstehen und nach Hause fahren. Schließlich waren solche Kontakte wichtig und man musste sich Interesse zeigend einbringen, für den Fall, dass ein Posten, ein Amt oder ein Listenplatz für die nächste Landtagswahl freiwerden würde.

Torsten erinnerte sich an einen Parteikollegen, der den damaligen Staatssekretär nach einer Feier nach Hause gefahren hatte, weil der absolut abgefüllt und nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen war. Bevor Schlimmeres passieren konnte, hatte der Kollege ihn geschnappt und über Nacht bei sich beherbergt, damit dessen Frau nichts von den Ausschweifungen ihres Mannes mitbekommen oder die Presse die peinliche Situation ausschlachten konnte. Es war kein Zufall, dass der Samariter ein Jahr später einen sicheren Listenplatz für die Kreistagswahl erhalten hatte und nun Aussichten hatte, demnächst einen gut dotierten Job im Umfeld der Landtagsfraktion antreten zu dürfen. So eine Chance durfte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, indem man auf die eigene Ehefrau Rücksicht nahm. Erst recht nicht jetzt, wo sich die Partei nach dem Debakel bei der Bundestagswahl neu aufstellen musste.

Torsten hätte beinahe die Grünphase der Ampelschaltung verpasst, so sehr war er in seine Gedanken vertieft; gerade noch rechtzeitig legte er den Gang ein und fuhr los.

Kurz vor der Ursapharm Arena der SV Elversberg nahm Torsten wahr, dass links auf dem großen Parkplatz ein Feuerschein zu sehen war. Langsam fuhr er weiter und sah, dass da ein Fahrzeug brannte.

»Scheiße«, murmelte Torsten, bog rechts in die Einfahrt des Mitfahrerparkplatzes ein und überlegte, was er tun sollte.

Einerseits war klar, dass er unbedingt die Feuerwehr alarmieren musste, andererseits wäre es blöd, wenn er hinfahren und abwarten würde, bis der Löschtrupp vor Ort einträfe. Mit Sicherheit würde auch die Polizei kommen und dann würden die wahrscheinlich merken, dass er … nein, das Risiko war einfach zu hoch; erst recht nachts um 1 Uhr! Und löschen würde er den Brand alleine ohnehin nicht können.

»Scheiße!«, fluchte Torsten erneut und überlegte.

Dann nahm er sein Mobiltelefon und wählte hastig die Notrufnummer.

»Hallo!«, meldete er sich, ohne seinen Namen zu nennen. »Auf dem Parkplatz der Ursapharm Arena steht ein Fahrzeug in Flammen! Kommen Sie sofort!«

»Wo befinden Sie sich? Mit wem spreche ich?«

»Mein Name ist Müller. Ich bin mit meinem Hund unterwegs.«

»Sind Personen beteiligt?«, fragte die Leitstelle unvermittelt zurück.

»Das kann ich von hier aus nicht feststellen«, erklärte Torsten überrascht.

»Geht von dem Brandherd eine Gefahr aus? Tankwagen, brennbare Flüssigkeiten, Chemikalien oder ähnliches?«

»Ich glaube nicht. Sieht aus wie ein PKW.«

»Halten Sie sich vom Brandherd fern und warten Sie auf das Eintreffen der Rettungskräfte!«, ordnete die Leitstelle an.

»Das ist mit Sicherheit das Letzte, was ich tun werde« murmelte Torsten Jungfleisch, nachdem er das Gespräch weggedrückt hatte.

Dann fuhr er langsam vom Parkplatz, schaute sich um und vergewisserte sich, dass außer ihm niemand unterwegs war. Vorsichtig fuhr er nach Hause und war unendlich erleichtert, als der den Wagen in der Garage abgestellt hatte.

Dass aus der Ferne bereits die Sirenen der Einsatzfahrzeuge zu hören waren, nahm er dankbar zur Kenntnis. Vielleicht würde das seiner Frau gegenüber die Verspätung glaubhafter machen, aber im Grunde hatte er wenig Hoffnung. Besser, er sagte gar nichts zu ihr und hielt ihre bösen Blicke aus. Hauptsache, man hatte ihn nicht erwischt!

2

Donnerstag, 6. März 2025 – nach 1 Uhr nachts

Die Feuerwehr rückte mit drei Einsatzfahrzeugen an. Fahrzeugbrände unter Kontrolle zu bringen und zu löschen stand häufig auf dem Übungsprogramm, so dass alle wussten, was zu tun war.

Das brennende Fahrzeug war ein Mercedes-Benz älteren Baujahrs, was die Löscharbeiten einfacher machte als bei einem modernen Fahrzeug mit Elektro- oder Hybridantrieb. Mit Löschschaum und -pulver wurden die Flammen bekämpft, auslaufendes Benzin und Öl sorgten jedoch dafür, dass die Löscharbeiten sich hinzogen; die nächtlichen Minustemperaturen erschwerten zudem die Arbeit der Feuerwehrleute.

Weitere Einsatzkräfte rückten an, stellten Scheinwerfer auf und sperrten das Gelände des Parkplatzes weiträumig ab, während die Polizei auf sich warten ließ und erst eintraf, als der Brand bereits gelöscht war.

Dichter Nebel tauchte das ausgebrannte Wrack in ein schummriges Licht, wodurch es schwer war, Details zu erkennen. Im Schein der Taschenlampen war jedoch zu sehen, dass sich im Inneren des Fahrzeugs keine Personen aufgehalten hatten, worauf die herbeigerufenen Rettungswagen wieder abzogen.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr teilte zwei Männer zur Brandwache ein, die bis zum Einbruch des Morgengrauens bleiben sollten. Die Polizisten machten Fotos und sperrten die Zufahrt zum Parkplatz ab, nachdem die Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr abgezogen waren.

Einer der Beamten erklärte der Brandwache, dass die Kollegen der Frühschicht vorbeikommen würden, um das Fahrzeug näher zu inspizieren.

»Die schauen sich das genauer an und machen Fotos für den Bericht«, erklärte er. »Das hat jetzt keinen Sinn, da muss man warten, bis es hell ist. Lasst alles, wie es ist und wartet, bis die Kollegen da sind!«

»Wenn es keine weiteren Vorkommnisse gibt, ziehen wir bei Sonnenaufgang ab«, entgegnete einer der Feuerwehrleute barsch. »Was ihr dann macht und wann, ist nicht unser Bier. Wir geben nachher im Rathaus Bescheid; wer die Sauerei hier dann wegräumt, ist deren Problem.«

»Das kann erst erfolgen, wenn die Brandursache ermittelt ist und der Halter festgestellt wurde. Wie gesagt, kann das erst bei Tageslicht …«

»Das ist mir schon klar! Aber darum müssen sich andere kümmern, wir haben unseren Job gemacht!«

Normalerweise funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Polizei recht gut, aber im Augenblick schien die Chemie zwischen den beiden Männern nicht zu stimmen. Möglicherweise war das auf die Nachwehen des Faschings, die späte Einsatzzeit oder die Kälte zurückzuführen; vielleicht war es auch die Kombination von allem.

3

Donnerstag, 6. März 2025 – Am Morgen

Das ausgebrannte Wrack des Fahrzeugs stand einsam am Rande des riesigen Parkplatzes an der Ursapharm Arena. Lediglich am weit entfernten anderen Ende der Parkfläche waren Baufahrzeuge und Lieferwagen abgestellt, weil dort die Arbeiten zur Erweiterung des Stadions der SV Elversberg im Gange waren.

Die Absperrbänder an den Zufahrten zum Parkplatz hatten die Monteure einfach zerrissen, schließlich hatten sie Termine einzuhalten und der Rest war ihnen ziemlich egal. Von dem ausgebrannten Fahrzeug hatte kaum jemand Notiz genommen, so etwas gehörte heutzutage fast schon zum Alltag.

Als die Polizei mit einem Sachverständigen im Schlepptau gegen 10 Uhr anrückte, war die Brandwache der Feuerwehr längst abgerückt. Mitarbeiter des Gemeindebauhofes hatten zwar eine Stunde zuvor den Schauplatz des Brandes inspiziert, waren aber gleich wieder weggefahren, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten.

»Da fragen wir erstmal den Chef«, hatte einer der Arbeiter gemeint. »Bevor wir was falsch machen, lassen wir alles so, wie es ist; da klaut ohnehin keiner mehr was! Ohne Abschleppdienst geht da sowieso nichts; sollen die entscheiden, die dafür bezahlt werden.«

Die Polizisten machten einige Fotos vom Autowrack, dem Umfeld und der Gesamtsituation, während der Gutachter in weiten Kreisen um den Brandherd herumging und am Boden nach Spuren suchte.

»Mein Gott! Ich weiß nicht, was der da zu finden hofft«, maulte einer der Polizisten. »Das Auto wurde geklaut und abgefackelt, die übliche Nummer!«

»Naja!«, erwiderte sein älterer Kollege. »Das scheint keine moderne Luxuskarosse gewesen zu sein. Warum also der Aufwand, das Ding abzufackeln? Könnte auch ein technischer Defekt gewesen sein.«

»Auch egal! Hauptsache, der Kollege ist bald fertig! Nicht dass der wieder stundenlang in der Asche rumstöbert. Kommt sowieso nichts bei raus. Ich habe keine Lust, hier ewig rumzulungern!«

»Was ist los mit dir? Schlecht geschlafen?«

»Ja! Die Kleine hat die ganze Nacht geschrien! Wir haben kaum ein Auge zugemacht!«

»Wenn die Bälger nicht schlafen wollen, ist das wirklich übel«, lachte der Kollege. »Irgendwann kommt die Zeit, wo sie morgens nicht aufstehen wollen, das ist genauso nervend. Da werdet ihr viel Spaß haben, aber das geht allen Eltern so. Da müsst ihr einfach durch!«

Der Brandexperte hatte sich mittlerweile dem Fahrzeug genähert und untersuchte nun das direkte Umfeld des Wracks. Er machte Fotos, sprach in ein Aufnahmegerät und inspizierte schließlich den Innenraum von dem, was früher mal ein Mercedes gewesen war. Als er damit nach endlosen fünfzehn Minuten endlich fertig war, widmete er sich dem Motorraum, was nicht weniger Zeit in Anspruch nahm.

»Wenn der im Stundenlohn bezahlt wird, ist er wahrscheinlich mehrfacher Millionär«, stöhnte der junge Polizist verzweifelt.

Nach dem Motor kam der Kofferraum an die Reihe. Der Deckel war durch die Hitze verzogen und hing schräg in seiner Halterung. Vorsichtig wurde der Deckel geöffnet und das Innere des Kofferraums in Augenschein genommen.

Es dauerte nicht lange, bis plötzlich Bewegung in den Experten kam. Eiligen Schrittes stürmte er auf die beiden Polizisten zu.

»Was ist denn mit dem los?«, wunderte sich der ältere Beamte. »Ich glaube, der hat was entdeckt!«

Er konnte nicht ahnen, wie recht er mit seiner Vermutung hatte.

»Das LKA muss her!«, forderte der Experte keuchend. »Im Kofferraum liegt eine Leiche.«

4

Donnerstag, 6. März 2025 – Am Morgen

»Hast du mitbekommen, dass heute Nacht die Feuerwehr ausgerückt ist?«, fragte Josch seine Frau Marion, die gerade dabei war, die Einkäufe im Kühlschrank zu verstauen. »Als ich auf Toilette war, habe ich die Sirenen gehört.«

»Nein, weil ich nachts nämlich schlafe! Aber im Dorf haben sie erzählt, dass in Elversberg angeblich ein Auto gebrannt hat.«

»Wo?«, wollte Josch genauer wissen.

»Keine Ahnung! Ist das wichtig?«

»Kommt drauf an, wem die Karre gehört. Es wird hoffentlich niemand aus unserem Bekanntenkreis sein.«

»Hä? Wie logisch ist das denn?«, warf Marion ein. »Völlig egal, ob wir den Besitzer oder die Besitzerin kennen. Für die betreffende Person ist es trotzdem ein erheblicher finanzieller Schaden. Und dann noch die bescheuerte Bürokratie, die da auf einen wartet.«

»Ja, das stimmt natürlich, aber wenn man die Person gut kennt, hat man immer etwas mehr Mitleid«, wehrte sich Josch.

»Als du noch Kriminalhauptkommissar warst, hast du ganz anders argumentiert und …«

»Ich bin immer noch Hauptkommissar«, unterbrach Josch seine Frau. »Das bleibt man lebenslang!«

»Alles gut, Herr Hauptkommissar a. D. Jesus, Maria, Josef, wie bist du denn heute Morgen drauf? Hast du Langeweile? Dann trag den Müll raus und räum den Party-Keller auf! Dort liegt immer noch der Dreck vom Rosenmontag rum.«

»Jawoll, Chefin! Stets zu Diensten! Übrigens: Der Mayer Heinz ist gestern nicht mit in die Eifel gefahren, obwohl er angemeldet war. Der kam einfach nicht. So kenne ich den gar nicht. Weißt du, was mit ihm los ist? Ist er krank oder was?«

»Woher soll ich wissen, ob der Mayer Heinz krank ist?«, fragte Marion.

»Immerhin war er in der Volksschule dein Schulkamerad, oder nicht?«

»Doch! War er! Aber ich werde wohl kaum wissen, ob meine ehemaligen Schulkameraden aktuell krank sind.«

»Okay, war ja nur eine Frage!«

»Äh, Josch! Fährst du heute noch ins Dorf?«, wollte Marion wissen.

»Hatte ich eigentlich nicht vor, aber was ist denn zu erledigen?«

»Ich habe das neue Fernsehheft vergessen.«

»Kein Problem, besorge ich!«

»Fahr bitte mit meinem Auto, das braucht dringend Benzin!«

»Das brauchen alle Autos; ganz nebenbei ist deiner ein Diesel!«, stellte Josch klar.

»Klugscheißer! Volltanken!«, rief Marion aus der Küche.

In diesem Moment war in der Ferne das Signalhorn eines Einsatzfahrzeuges zu hören; kurz darauf folgte ein zweites, dann wurden es immer mehr.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«, wunderte sich Marion.

»Okay, ich mache das mit dem Tanken zuerst«, entschied Josch und nahm rasch die Jacke von der Garderobe.

»Fernsehheft nicht vergessen!«

»Hast du Geld?«, fragte Josch.

»Nein!«, antwortete seine Frau. »Dann hätte ich ja selbst fahren können.«

»Wie immer«, seufzte Josch und machte sich eilends auf den Weg.

5

Donnerstag, 6. März 2025 – Am Morgen

Hauptkommissarin Katja Reinert war kurz vor Mittag mit einer Einheit der Spurenermittlung vor Ort, und machte sich zunächst ein Bild von der Gesamtsituation.

Den Einsatzleiter der Feuerwehr hatte sie ebenfalls zum Parkplatz beordert, weil sie genau wissen wollte, wie die Löscharbeiten in der Nacht abgelaufen waren.

Wie üblich hatte es nicht lange gedauert, bis sich eine Gruppe von Schaulustigen am Einsatzort eingefunden hatte. Polizisten der Inspektion Neunkirchen hatten alle Hände voll zu tun, die Leute an den äußersten Rand des Parkplatzes hinter die Absperrungen zu drängen.

Die Spurenermittlung packte ihre umfangreichen Utensilien aus, und nachdem die Beamten ihre Schutzanzüge übergestreift und den Ablauf des Einsatzes besprochen hatten, machten sich die Ermittler um Dr. Ramona Wertmüller an die Arbeit.

Katja Reinert überließ den Spezialisten das Feld und befragte zunächst den Einsatzleiter der Feuerwehr.

»Haben Sie eine Erklärung, weshalb die Leiche im Kofferraum nicht bereits in der Nacht entdeckt worden ist?«, fragte die Hauptkommissarin.

»Nicht wirklich, aber es war stockdunkel und neblig. Die Beleuchtung war spärlich und im dem Chaos des Brandschuttes war nicht viel zu erkennen«, erklärte der Einsatzleiter. »Es hat auch keiner damit gerechnet, dass … naja, dumm gelaufen, tut mir wirklich leid. Wir haben …«

»Schon gut! Sie müssen sich nicht entschuldigen.«

»Wir hatten uns auf den Innenraum konzentriert, und sind davon ausgegangen, dass keine Person im Fahrzeug gewesen ist.«

»Okay! Wer hat den Einsatz ausgelöst?«

»Die Leitstelle hat einen Anruf erhalten und sofort alarmiert.«

»Wer war der Anrufer? War er vor Ort, als ihr eingetroffen seid?«

»Nein! Als wir kamen, war niemand da, der sich als Anrufer gemeldet hatte. Wer der Anrufer war, müsste ich bei der Leitstelle nachfragen.«

»Tun Sie das bitte! Ich könnte zwar auch auf der Leitstelle anrufen, aber ich habe im Augenblick gerade anderes zu tun und mein Kollege ist noch anderweitig beschäftigt. Ich brauche Name, Uhrzeit und Adresse.«

»Ich nehme sofort Kontakt auf.«

Wenige Minuten später erhielt Katja Reinert vom Einsatzleiter die Information, dass der Anruf um 0 Uhr 57 eingegangen war. Ein Mann namens Müller habe den Brand gemeldet und angegeben, dass er mit dem Hund unterwegs sei. Vornamen und Adresse habe er nicht hinterlassen. Die Standortabfrage, die automatisch erfolgt, habe ergeben, dass der Anrufer in der Nähe des Parkplatzes war, in unmittelbarer Nähe der Lindenstraße.

»Danke«, sagte die Hauptkommissarin. »Ich nehme das erstmal zur Kenntnis. Die Telefonnummer des Anrufers werden wir bei der Leitstelle anfordern, aber das bedarf einiger Formalitäten, das erledige ich vom Büro aus. Ein Mensch namens Müller geht bei der Kälte nachts um 1 Uhr mit dem Hund an einer Landstraße spazieren, entdeckt ein brennendes Fahrzeug und verschwindet nach dem Anruf. Klingt nicht gerade plausibel.«

»Das sehe ich genauso!«, meinte der Einsatzleiter. »Zumal wir acht Minuten nach dem Anruf vor Ort waren. Keiner meiner Leute erinnert sich, einen Mann mit Hund gesehen zu haben.«

»Sicher?«, hinterfragte Katja Reinert.

»Ich habe das eben hinterfragt. An so etwas würde sich mindestens einer erinnern; sicher ist das natürlich nicht.«

»Hm!«, grübelte die Hauptkommissarin. »Angenommen, es stimmt doch, dann müsste der Mann in der Nähe wohnen. Kein Mensch geht oder fährt nachts weite Strecken, um mit seinem Bello Gassi zu gehen.«

»Heutzutage gibt’s nichts, was es nicht gibt«, meinte der Feuerwehrmann und verabschiedete sich.

Hauptkommissarin Reinert griff zum Telefon und rief ihren Kollegen Hauptkommissar Sam Wolff an.

Sam war mehr als ein Kollege und auch mehr als nur ein guter Freund, aber als Lebensgefährten wollte ihn Katja auch nicht bezeichnen – jedenfalls noch nicht. Den Status ihrer Beziehung genau zu definieren, war irgendwie schwierig, oder gar unmöglich. Sie konnten sich eine gemeinsame Zukunft gut vorstellen und wollten das im Prinzip auch, aber wie sie das anstellen sollten, war ihnen nicht ganz klar. Beide hatten zudem Angst, dass ihr Beruf die Beziehung stark beeinflussen könnte, zumal Katja Sams Vorgesetzte war, sich privat aber gerne von ihm lenken und leiten ließ. Letztendlich war die Definition ihrer Beziehung für beide völlig egal, aber Dritte wussten oft nicht, wie sie das Verhältnis einordnen sollten.

Es dauerte eine Weile, bis Sam ans Telefon ging.

»Hey Katja!«, meldete er sich schließlich. »Wo steckst du? Was liegt an?«

»Bist du noch im Schießtraining?«, fragte Katja zurück, ohne Sam eine Antwort zu geben.

»Ja, ich schätze, es dauert noch eine halbe Stunde, bis ich durch bin.«

»Okay! Ich bin in Elversberg. Folgende Sachlage: …«

In kurzen Sätzen schilderte Katja Reinert den Stand der Dinge und bat Sam um Unterstützung.

»Die Spurenermittlung ist zwar noch am Arbeiten, aber ich gehe davon aus, dass wir bald einen Ermittlungsauftrag erhalten werden; vorausgesetzt, unser neuer Herr Staatsanwalt kommt in die Gänge.«

»Oh je«, seufzte Sam. »Allein beim Gedanken an den bekomme ich eine Gänsehaut auf die Jacke!«

»Geht mir nicht anders, aber wir werden damit klarkommen müssen. Versuch bitte, schnellstmöglich das Formelle für die Mitteilung der Telefonnummer durch die Leitstelle zu regeln, und frag bei der Staatsanwaltschaft um eine Terminvereinbarung mit uns nach. 15 Uhr, wenn früher, musst du das alleine regeln. Ich füttere dich mit Informationen, sobald ich was habe.«

»Bisher haben wir nichts«, widersprach Sam. »Worüber soll ich mit dem Staatsanwalt reden?«

»Ich hoffe, dass sich das in den nächsten Stunden ändern wird. Bis du mit deiner Ballerei fertig und im Präsidium bist, wissen wir vielleicht mehr. Immerhin haben wir eine Leiche, und die wird sich nicht selbst in den Kofferraum gelegt haben! Versuch ihm das klarzumachen. Ich halte dich auf dem Laufenden. Bis dann!«

Katja wusste, dass sie sich auf Sam voll und ganz verlassen konnte. Er war ein paar Jahre jünger als sie, hatte es aber schon früh zum Hauptkommissar geschafft, weil er zielstrebig arbeitete, analytisch dachte und ehrgeizig war. Dass er mit dem neuen Staatsanwalt nicht zurechtkam, lag nicht an ihm; das ging fast allen so, auch ihr als Leiterin des Kommissariats.

Sven-Uwe Vogt-Hinrichs, von Insidern kurz SUV genannt, hatte zum Jahreswechsel die Nachfolge von Daniela Sommer angetreten, die in den Ruhestand gegangen war. Dass dieser Wechsel nicht ohne Problem ablaufen würde, war allen klar gewesen, denn nach jahrelanger vertrauensvoller und erfolgreicher Zusammenarbeit mit Staatsanwältin Sommer würde es jeder Nachfolger schwer haben, in ihre Fußstapfen zu treten. Die Ernennung von SUV hatte allerdings selbst die düstersten Erwartungen übertroffen; und daran war er ganz alleine selbst schuld.

Im Alter von achtundvierzig Jahren hatte sich SUV von Bremen ins Saarland versetzen lassen; warum, wusste im Präsidium niemand genau, aber es gab Gerüchte. In Bremen war er angeblich Familienrichter gewesen und hatte daher von seinen neuen Aufgaben im Saarland keine Ahnung; wieso er dennoch diesen neuen Job erhalten hatte, war allen ein Rätsel. Es wurde gemunkelt, dass politische Verflechtungen und Kontakte seiner Eltern zur Partei des Innenministers eine Rolle gespielt haben sollten.

Das alleine war schon dubios genug, aber SUV tat außerdem alles, um sich ein schlechtes Image zu verschaffen, auch gegenüber der Presse. Er gab sich arrogant, war stets unfreundlich, hatte an allem etwas auszusetzen, galt intern aber als arbeitsscheu und wenig motiviert. Binnen sechs Wochen war er für alle, die mit ihm zu tun hatten, ein rotes Tuch; niemand mochte ihn.

Dass der neue Staatsanwalt am Ort des Geschehens auftauchen würde, hielt Katja Reinert für unwahrscheinlich; dafür war sich der Herr wohl zu fein. Die Ermittler würden ihn in seinem Büro detailliert mit Informationen füttern und einen Ermittlungsauftrag erbetteln müssen, von ihm selbst war da nichts zu erwarten. Katja hatte immer noch die leise Hoffnung, dass SUV im Laufe der Zeit an seinen Aufgaben wachsen würde, aber insgeheim befürchtete sie, dass diese Erwartung zu hoch war. Der Kerl würde wahrscheinlich ein Kotzbrocken bleiben, und wegen der Personalknappheit würde ihm niemand in die Parade fahren.

Nach dem Telefonat mit Sam schaute sich die Hauptkommissarin um und beschloss, zu den Schaulustigen hinter der Absperrung zu gehen, um sich zu erkundigen, ob jemand etwas gesehen hatte oder einen Mann mit Hund kannte, der hier öfter unterwegs war. Katja Reinert war nicht wenig erstaunt, als sie in den Reihen der Neugierigen ein vertrautes Gesicht erkannte.

»Bist du seit Neuestem unter die Gaffer gegangen?«, fragte sie ihren seit Jahren pensionierten Vorgänger, Hauptkommissar a. D. Joachim »Josch« Schaum leise.

»Hallo Katja, schön, dich zu sehen. Ich war zum Einkauf unterwegs, als ich die Einsatzfahrzeuge sah. Da dachte ich, ich schau mal nach, was da los ist.«

»So, so! Zufälle gibt’s!«, schmunzelte die Hauptkommissarin.

»Zufälle gibt es nicht!«, behauptete Josch. »Das ist Fügung.«

»Nenn es, wie du willst!«

»Wieso bist du bei einem Fahrzeugbrand vor Ort? Leiche im Kofferraum?«, fragte der ehemalige Ermittler.

»Weshalb vermutest du das?«

»Mordkommission vor Ort, die Spurenermittlung beschäftigt sich intensiv mit dem Kofferraum des Fahrzeugs. Gebrannt hat es bereits letzte Nacht, aber die Leiche wurde erst später entdeckt.«

»Nicht schlecht, Herr Hauptkommissar a. D.«, nickte Katja Reinert anerkennend. »Wenn du mir jetzt auch noch sagst, wer der Tote ist, wann, wie und warum er in den Kofferraum verfrachtet wurde, lade ich dich sofort zum Mittagessen ein!«

»Danke, gerade erst gefrühstückt!«, lehnte Josch ab.

»Oder kennst du vielleicht einen Herrn namens Müller, der einen Hund hat und hier in der Gegend wohnt?«

»Auf Anhieb nicht, aber ich höre mich gerne um«, schlug Josch vor. »Was ist mit dem?«

»Lass mal gut sein! Das ist der Mann, der heute Nacht die Feuerwehr alarmiert hat, aber den finden wir auch ohne dein Zutun.«

»Ich kann mich trotzdem umhören, und …«

»Lass es bitte! Nachher gibt es wieder Scherereien, weil du dich einmischst!«

»Ich fühle mich wie zu Hause! Heute ist anscheinend Frauen-Befehl-Tag!«

»Der ist immer!«, grinste Katja. »Gewöhn dich dran!«

»Vielleicht ist die Leiche im Kofferraum der Mayer Heinz«, spekulierte Josch.

»Wie bitte? Erstens: Wer ist das? Zweitens: Wieso er?«, wunderte sich die Hauptkommissarin.

»Ein Bekannter von uns, besser gesagt, ein Schulfreund meiner Frau. Gestern haben wir eine Busfahrt unternommen; also ich. Mit Becker Reisen zum Kriminalhaus in die Eifel, da ist nämlich …«

»Komm auf den Punkt!«

»Der Mayer Heinz war angemeldet, ist aber nicht gekommen! Das ist ungewöhnlich, weil …«

»Und daraus schließt du, dass er dort im Kofferraum liegt?«

»Könnte ja sein!«

»Wenn er es ist, werden wir es rausfinden!«

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr einen neuen Staatsanwalt habt«, erwiderte Josch.

»Wer hat dir das denn gesteckt? Ach ja … ich kann es mir denken: Daniela!«

»Gut kombiniert, Katja! Und? Wie kommt ihr mit ihm klar?«, wollte Josch wissen.

»Gar nicht, aber ich habe jetzt keine Zeit für ein Plauderstündchen. Ich muss rüber zur Spurenermittlung.«

»Du kannst ja mal auf einen Kaffee zu uns kommen! Marion würde sich auch freuen.«

»Mach ich! Ich melde mich; versprochen! Liebe Grüße an deine Frau. Bis dann!«

Die Hauptkommissarin wollte sich abwenden, wurde aber von einem Journalisten angesprochen.

»Mein Name ist Mees, Flashlight Nachrichten. Können Sie mir Informationen geben, was passiert ist?«

»Wie Sie sehen, hat ein Fahrzeug gebrannt und wir ermitteln die Brandursache und ob Personen zu Schaden gekommen sind. Mehr gibt es im Augenblick nicht zu sagen. Tut mir leid.«

Katja Reinert eilte zum Fahrzeugwrack und wandte sich an Ramona Wertmüller, die gerade etwas abseitsstand und in ihr Telefon sprach.

Sie kannten sich seit langem und pflegten ein freundschaftliches Verhältnis.

»Hast du was für mich?«, fragte Katja, nachdem Ramona das Telefonat beendet hatte.

»Noch nicht viel! Es handelt sich um die Leiche eines Mannes, aber das ist im Augenblick das Einzige, was ich dir verlässlich sagen kann. Stark verkohlt, das alleine macht es schon schwer, aber hinzukommt, dass der Körper in eine Matte aus Plastik eingewickelt war. Die Hitze hat alles zu einer Schmelze verbacken und es wird eine filigrane Arbeit werden, das Ganze zu separieren. Logischerweise geht das erst, wenn ich den Körper auf dem Tisch im Labor liegen habe.«

»Verstehe! Ist das vielleicht der Grund, weshalb die Leiche nicht sofort als solche erkannt wurde?«

»Ich glaube schon! Für Laien wirklich nicht auf Anhieb zu erkennen und im Dunkeln noch weniger. Da müsste man genauer hinschauen, aber wer macht das schon bei einem Einsatz mitten in der Nacht?«

»Irgendwas, das auf die Identität des Opfers hindeuten könnte?«

»Negativ! Von der Kleidung sind nach Erstanalyse nur die Reste von Stiefeln oder Wanderschuhen übriggeblieben. Die Art der Schuhe und einige andere Hinweise lassen allerdings eindeutig auf einen Mann schließen; Details spare ich mir im Augenblick.«

»Meinst du, dass über eine DNA-Analyse eine Identifizierung möglich ist.«

»Schwer zu sagen! Bei Brandleichen ist das generell schwierig. Es gibt allerdings neue Verfahren, um aus Backenzähnen DNA zu extrahieren. Vielleicht haben wir Glück, aber dann brauchst du immer noch eine Vergleichs-DNA.«

»Über Größe, Alter, Haarfarbe kannst du demnach nichts sagen?«

»Nein, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Ich brauche mindesten achtundvierzig Stunden, um erste Analysen abschließen zu können.«

»War er vorher schon tot, oder ist er in den Flammen gestorben?«, wollte die Hauptkommissarin wissen.

»Verlässlich kann ich das im Augenblick nicht sagen, aber ich habe einen ersten Eindruck. Achtung: Der ist nicht belastbar!«

»Ramona, ich bitte dich! Ich werde es nicht in den Akten aufführen, bis du grünes Licht gibst.«

»Sagt dir die Fechterstellung etwas?«, fragte Ramona Wertmüller.

»Das ist die typische Körperhaltung von Brandleichen infolge Hitzeschrumpfung, wenn ich mich richtig erinnere.«

»Genau! Beim Menschen ist im Allgemeinen die Masse der Beugemuskeln größer als die der Streckmuskulatur, weshalb durch die Schrumpfung eine Körperhaltung entsteht, die man als Fechterstellung bezeichnet.«

»Und die fehlt hier?«, spekulierte die Hauptkommissarin.

»Zumindest ist sie nicht stark ausgeprägt. Das könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass der Körper eingewickelt war, aber das glaube ich nicht, weil die Kräfte, die beim Schrumpfen von Muskeln und Sehnen auftreten, enorm sind. Mir scheint es logischer, dass der Schrumpfprozess abgemindert wurde, weil der Körper bereits ausgetrocknet war, bevor er ein Opfer der Flammen wurde, und …«

»Ah ja, das klingt logisch«, unterbrach die Hauptkommissarin den Redefluss der Fachmedizinerin. »Du denkst also, dass er bereits tot war …«

»Mein erster Eindruck, mehr nicht. Die Laboranalysen werden es zeigen, aber dafür brauche ich Zeit.«

»Verstehe! Danke fürs Erste. Ruf mich bitte an, sobald du weitere Erkenntnisse hast. Ich geh mal rüber zu deinen Kollegen; vielleicht haben die im Brandschutt etwas gefunden, was uns weiterhilft.«

Katja Reinert verabschiedete sich und befragte einen der Spurenermittler, der sich mit dem Innenraum des Fahrzeugs beschäftigte; auch ihn kannte die Hauptkommissarin von früheren Einsätzen. Arnold Meyer war der Spaßvogel seiner Abteilung; er stieg an Fasching auch schon mal in die Bütt und strapazierte die Lachmuskeln seines Publikums.

»Hallo, Arnold. Kannst du mir schon was sagen?«

»Ja natürlich!«, meinte Arnold. »Die Karre hat die besten Jahre bereits hinter sich! Ich glaube nicht, dass der nochmal über den TÜV kommt.«

»Witzbold! Nun mach schon!«

»Das war mal ein Mercedes C 190, Baujahr um die Jahrtausendwende, schätze ich. Anzahl der Vorbesitzer und Kilometerstand unbekannt.«

»Du machst mich wahnsinnig, Arnold. Fasching ist vorbei!«

»Ja, leider! Okay, dann mal im Ernst! Sieht nicht nach einem technischen Defekt aus, denn der Brandherd liegt im Fußraum des Beifahrersitzes. Dort war wahrscheinlich ein Kanister mit brennbarer Flüssigkeit abgestellt; das schwarze Zeug dort links sind die Reste vom Plastikbehälter. Überall gibt es Hinweise auf Brandbeschleuniger, das werden die Laboranalysen beweisen müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Das Fenster der Beifahrertür war offen, das beweisen die Glasfragmente, die noch in der Verkleidung stecken.«

»Das bedeutet, dass die Karre von außen angezündet wurde, nachdem der Innenraum präpariert war.«

»So wird’s wohl gewesen sein.«

»Irgendwelche Hinweise auf den Halter?«

»Nein. Die Kennzeichen sind geschmolzen, keine verwertbaren Spuren außer einer verkohlten Kladde, die wohl mal ein Betriebshandbuch war; vielleicht kann ich der im Labor etwas entlocken, aber das wird eine ewige Fummelei.«

»Fahrgestell- oder Motornummer? Typenschild oder Ähnliches?«, hinterfragte die Hauptkommissarin.

»Katja, bitte! Das hier ist eine Erstuntersuchung! Du siehst ja selbst, wie die Karre aussieht. Mit etwas Glück werden wir was finden, aber das geht nur in unserer Werkstatt, wo wir das Teil haarklein auseinandernehmen können. Das wird eine Weile dauern!«

»Ja, ich weiß«, knurrte die Hauptkommissarin. »Das höre ich nicht zum ersten Mal. Mir ist klar, dass ihr Zeit braucht, aber die habe ich leider nicht. Es ist immer das gleiche Spiel.«

»Tja, so sind die Aufgaben nun mal verteilt. Wir werden uns beeilen, aber hexen können wir nicht.«

Katja Reinert ging zu ihrem Dienstfahrzeug zurück und rief im Sekretariat des Kommissariats an. Dort gab es seit einigen Monaten eine Halbtagsstelle, die Büroarbeiten für drei Kommissariate gleichzeitig übernehmen sollte. Die neue Mitarbeiterin mühte sich redlich, war allerdings total überlastet.

»Hallo Inge«, meldete sich die Hauptkommissarin. »Katja hier. Sei so lieb und besorg mir eine Vermisstenliste; letzte drei Monate, männlich, Umkreis Südwestdeutschland, Lothringen, Luxemburg. Und hör mal nach, ob irgendwo ein Mercedes Modell C190, älteres Baujahr vermisst wird. Ich bin in ein bis zwei Stunden zurück im Büro.«

»Mach ich! Ich habe zwar gleich Feierabend, aber ich versuche es. Lege es dir auf den Schreibtisch.«

»Super, danke. Ich zeichne dir die Überstunden ab, Inge!«

Mittlerweile war es 14 Uhr 15, aber der Anrufer, der die Feuerwehr alarmiert hatte, war immer noch nicht ermittelt. Sam Wolff hatte den Staatsanwalt wahrscheinlich noch nicht kontaktieren können, sonst hätte er sich bei Katja gemeldet. Dieser Mann mit dem Hund war womöglich ein wichtiger Zeuge. Irgendwie hatte der Brandstifter den Parkplatz verlassen müssen, und vielleicht war er dabei beobachtet worden.

Wo verdammt steckte jetzt der Einsatzleiter der Feuerwehr, dessen Namen Katja dummerweise vergessen hatte? Vielleicht konnte er ausnahmsweise über den kurzen Dienstweg von der Leitstelle die Nummer des Anrufers erfahren, ohne dass die Formalitäten über den lahmarschigen Staatsanwalt in Gang gesetzt werden mussten.

Die Hauptkommissarin konnte nicht sehen, dass Einsatzleiter Alexander Spaniol etwas abseits hinter den Reihen der Schaulustigen in ein Gespräch vertieft war.

6

Zur etwa gleichen Zeit

»Alex!«, sprach Josch den Einsatzleiter der Elversberger Feuerwehr an, nachdem Katja Reinert sich auf den Weg zum Autowrack gemacht hatte. »Hast du mal einen Moment?«

»Klar, um was geht es denn?«

Josch und Alex Spaniol kannten sich seit Jahren, weil Joschs Kochclub an den Kameradschaftsabenden der Feuerwehr für das leibliche Wohl sorgte; zudem traf man sich hin und wieder beim Skat.

»Bei eurer Leitstelle ist gestern Nacht ein Alarmruf eingegangen; ein Mensch namens Müller …«

»Ist mir bekannt!«, unterbrach Alexander. »Aber woher weißt du das?«

»Von meiner ehemaligen Kollegin, der Hauptkommissarin Reinert.«

»Ach ja, du warst mal bei der Kripo!«, erinnerte sich Alex.

»Eben! Die suchen diesen Müller ganz dringend und ich will ihnen dabei helfen, wenn möglich.«

»Einmal Kommissar, immer Kommissar, oder wie?«, lachte der Wehrführer.

»So ist es! Es wäre sehr hilfreich, wenn wir wüssten, wo dieser Herr Müller wohnt; er hat nämlich keine Adresse angegeben, sagt Frau Reinert. Eure Leitstelle hat aber mit Sicherheit seine Telefonnummer gespeichert. Die bräuchten wir unbedingt, dann ist der Rest Formsache.«

»Schon klar, aber die Polizei bekommt die direkt von der Leitstelle, wenn sie die anfordert; wo ist das Problem?«

»Das Problem ist mal wieder die Bürokratie«, seufzte Josch theatralisch. »Du kennst das! Datenschutz, formeller Antrag mit richterlichem Beschluss, seitenlange Begründung! Dafür haben die jetzt keine Zeit und es dauert unter Umständen Tage, bis das durch ist!«

»Verstehe ich, aber mit der Nummer hast du immer noch keine Adresse«, entgegnete der Wehrführer.

»Lass das mal unsere Sorge sein; das ist für uns kein Problem.«

»Ich weiß nicht … ganz astrein ist das nicht! Ob mir die Leitstelle einfach mir nichts dir nichts die Nummer gibt, wage ich zu bezweifeln.«

»Alex, die sollen dir die Nummer geben, nicht mir! Quasi Feuerwehr intern; das muss doch zu machen sein!«

»Und aus welchem Grund? Ich meine … was soll ich der Leitstelle sagen, wozu ich die Telefonnummer brauche?«

»Herrje, mach es nicht komplizierter, als es ist! Lass dir was einfallen! Dass du sie für deinen Einsatzbericht brauchst oder dass du eine Vermutung hast, wer angerufen hat, dort aber niemand zu Hause ist, oder was weiß ich!«, schlug Josch vor.