Fighting for Happiness - Florian Kempkes - E-Book

Fighting for Happiness E-Book

Florian Kempkes

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Beschreibung

Der erfolgreiche Unternehmer Christian Wagner hat eigentlich alles, was andere sich wünschen würden: eine Familie, Geld, einen Beruf, den er liebt, und ein von Erfolg geprägtes Unternehmen. Trotzdem scheint er nicht glücklich zu sein, fühlt sich verloren, gestresst und überfordert. Obwohl er nach Kräften versucht, alles in den Griff zu bekommen - es scheint nie genug zu sein. Sein Berg an To-dos wächst ihm über den Kopf, seinen Sohn sieht er meist schlafend und seine Frau reagiert nur noch gereizt. Und das Schlimmste: Er versteht einfach nicht, warum. Entschlossen, etwas zu verändern, begibt er sich gemeinsam mit dem erfolgreichen Coach Michael Lorenz auf die Suche nach Antworten. Er will seine Situation, seine Frau und die Ursache von Konflikten verstehen. Im Coaching lernt er, warum seine Frau nicht glücklich sein kann und warum er, obwohl bereits völlig verplant, ständig neue Projekte annimmt. Um seine Situation nachhaltig zu ändern und seine Familie zu retten, muss er Werkzeuge aus Zeitmanagement, Kommunikation, Psychologie und Neurobiologie erlernen und gezielt einsetzen. Darüber hinaus erfährt er, wie er Neurotransmitter und Hormone wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin für sich nutzt. Dabei kommt er zu einer Erkenntnis, die seine bisherige Sicht der Welt auf den Kopf stellt. Dieses Buch bietet Tools zur Selbstorganisation und -motivation für Unternehmer, die biopsychologische Erklärung, warum erfolgreiche Unternehmer immer wieder im privaten Chaos landen, und konkrete, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Methoden für ein rundum erfülltes Privatleben als Unternehmer.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Elisabeth

INHALT

Vorwort

DAS ALTE LEBEN

Ein Tag in der Firma

Berater sagen dir für viel Geld, was du eh schon weißt

BEGEGNUNG MIT DEM COACH

Der Coach, der nicht wie einer aussah

Die Vergangenheit aufarbeiten?

Ist Glück angeboren?

Die vier Formen des Glücks

GLÜCK DURCH FREUDE

Sinn und Funktion von Dopamin

Das Dopaminmuster – der Teufelskreis

Dopamin bewusst beeinflussen

Sinn, Vision, Ziele

Bis zum Tod und zurückDer Sinn des LebensDie Vision

Die »richtigen« Tätigkeiten und Projekte auswählen

Flow – wie Arbeit glücklich macht

Wirkung von Smartphone und Social MediaSinn und Funktion von FlowFlow im Alltag umsetzen

GLÜCK DURCH SCHMERZ

Sinn und Funktion von endogenen Opiaten

Das Opiatmuster

Endogene Opiate bewusst beeinflussen

Der kleine Tod

GLÜCK DURCH BINDUNG

Sinn und Funktion von Oxytocin

Das Oxytocinmuster des Unternehmers

Oxytocin bewusst beeinflussen

Der Ausflug

Das Gehirn im Konflikt

Kommunikationsregeln – die Lösung?

Die ideale Beziehung

Eine Entscheidung treffen

Die Beziehungsvision

Umsetzung im Alltag – die Skripttheorie

GLÜCK DURCH STATUS

Sinn und Funktion von Serotonin

Eine stabile Gemeinschaft

Höhere Überlebenschancen durch gute Führung

Status als Konfliktursache

Das Serotoninmuster des Unternehmers

Serotonin und Status in der Beziehung

Den Serotoninspiegel erhöhen

Die drei Ersatzhandlungen bei Serotoninmangel

Status im Gehirn

Eine Voraussetzung für eine glückliche Beziehung

Eine Urangst des Menschen

Serotonin gut und sinnvoll einsetzen

Der Sinn von Aggression und Wut

Einen Anker setzen

Eine wichtige Erkenntnis

Epilog

Deine Reise

Über den Autor

Danksagung

Stichwortverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnis

VORWORT

Um ein glücklicher Unternehmer zu sein, muss ich mehr verkaufen, mehr Umsatz generieren, erfolgreich sein. Kennst du diese Glaubenssätze? Die Grundannahme dahinter: Ein Unternehmer ist glücklich, wenn er erfolgreich ist. Beruflicher Erfolg und Glück scheinen also, zumindest für Unternehmer, ein- und dasselbe zu sein.

Diese Grundannahme ist zwar naheliegend, aber trotzdem falsch. Auch Unternehmer sind Menschen. Und als Menschen tun wir ALLES, um entweder Glück zu erlangen oder Unglück zu vermeiden. Ob wir morgens aufstehen oder doch lieber liegen bleiben, das Auto oder das Fahrrad nehmen – oder eben ein Unternehmen gründen. All diese Entscheidungen treffen wir nicht einfach so. All das tun (oder lassen) wir in der meist unbewussten Hoffnung und dem Glauben, dass es uns glücklicher macht.

Das Ziel dieses Buches ist deshalb nicht der erfolgreiche Unternehmer. Das Ziel dieses Buches ist der glückliche Unternehmer.

Nun gibt es Geschichten, Weisheiten, Lebenserfahrungen, aber auch ein paar gute und wissenschaftlich fundierte Ratgeber zum Thema Glück. Gefangen in einem Strudel aus To-dos, Projekten und Konflikten fällt es vielen Unternehmern jedoch schwer, allgemeine Empfehlungen wie »sei dankbar«, »meditiere täglich« und »pflege deine sozialen Kontakte« in ihrem vollgepackten Tag unterzubringen.

Dieses Buch soll daher drei Elemente verbinden:

Erstens:

wissenschaftliche Erkenntnisse, Experimente und Studien rund um die Themen Glück, Gehirn, Hormone und Beziehungen

Zweitens:

die konkrete Anwendung dieser Erkenntnisse im Alltag eines Unternehmers

Drittens:

die persönliche Erfahrung aus dem Coaching zahlreicher Unternehmer, aus einem eigenen Glücksexperiment und nicht zuletzt aus über zwanzig Jahren Kampfsport

Wusstest du zum Beispiel, dass sich in einem Konflikt bestimmte Bereiche deines Gehirns abschalten oder dass durch Schmerzen Glückshormone ausgeschüttet werden?

Dieses Buch bietet dir Tipps und Tricks gestützt auf Erkenntnisse der Biopsychologie, um deinen Berg an To-dos endlich loszuwerden, dich zum Sport zu motivieren und eine glückliche Ehe zu führen. Es ist bewusst als Anleitung zum Mit-Machen und Mit-Arbeiten geschrieben, weshalb ich an der Seite Platz für Notizen gelassen habe. Es soll aber auch eine Einladung zum Weiterdenken sein, hierfür gibt es Fußnoten mit ergänzenden Informationen, Quellenangaben sowie ein Stichwort- und ein Literaturverzeichnis.

All das mit nur einem Ziel: aus einem erfolgreichen Unternehmer einen glücklichen Unternehmer zu machen.

Meine Erfahrung zeigt: Wenn Unternehmer gelöst, energiegeladen und glücklich sind, dann fangen sie an, die Welt zu verändern.

Wenn ich dazu etwas beitragen kann, dann bin auch ich glücklich.

Florian Kempkes

im August 2020

DAS ALTE LEBEN

Donnerstag, 22. November

»Warum tue ich mir das eigentlich an?«, fragte ich mich.

Es war ein grauer Novembertag. Vor einer Stunde hatte meine Frau nach einem lautstarken Streit wutentbrannt das Haus verlassen, und seitdem saß ich hier in meinem Lieblingssessel im Arbeitszimmer, schaute hinaus in den Nebel und grübelte vor mich hin.

Wieso konnte ich nicht einfach glücklich sein? Zugegeben, Feuer und Tatendrang vergangener Tage existierten nur noch in meiner Erinnerung. Aber eigentlich konnte ich mich doch wirklich nicht beschweren. Klar hatte ich ein paar Probleme. Der Riesenberg an To-dos beispielsweise, der einfach nicht kleiner wurde, egal wie sehr ich mich auch anstrengte. Oder die in letzter Zeit immer häufigeren Konflikte mit meiner Frau.

»Andererseits«, sagte ich mir, »andere haben viel größere Probleme. Wir haben ein großes Haus, ein tolles Kind, keine finanziellen Sorgen … und das mit unserer Ehe renkt sich schon wieder ein. Statt hier rumzusitzen, sollte ich lieber etwas tun.« Meine Gedanken wanderten von den Sportschuhen, die in der Ecke verstaubten, zu dem Berg an Aufgaben, die ich heute noch erledigen wollte und der vom Grübeln auch nicht kleiner wurde. Mit einem Ruck stand ich schließlich auf und machte mich seufzend an die Arbeit.

Den Rest des Nachmittags sortierte ich Post, bezahlte Rechnungen, räumte auf und erledigte einige Telefonate. Wie konnte es eigentlich sein, dass ich, der erfolgreiche Unternehmer, völlig überfordert damit war, meine privaten Projekte und To-dos unter Kontrolle zu halten?

Als Melanie gegen 17 Uhr mit unserem Sohn Benjamin nach Hause kam, saß ich gerade an meinen E-Mails.

»Ich rackere mich den ganzen Tag ab, und du sitzt hier und vergnügst dich«, begrüßte sie mich genervt und deutete auf meinen zweiten Bildschirm, auf dem gerade ein Musikvideo auf YouTube lief.

Ich atmete erst mal tief durch. »Ich mache gerade meine Mails. Mit Musik kann ich mich einfach besser konzentrieren.«

»Wenn du wirklich so gewissenhaft und konzentriert bist, wieso haben wir dann ständig Mahnungen im Briefkasten?«

»Das waren letzten Monat genau zwei, und bei einer davon habe ich nie eine Rechnung gesehen. Außerdem werden wir wegen ein paar Euro Mahngebühren sicher keinen Bankrott anmelden«, entgegnete ich betont ruhig.

»Gibt’s eigentlich irgendetwas, wofür du keine tolle Erklärung hast?«, gab Melanie zurück und knallte die Tür hinter sich zu. Zum zweiten Mal an diesem Tag.

Traurig schüttelte ich den Kopf. »Ich verstehe sie einfach nicht«, dachte ich. Aber in dieser Stimmung brachte es sowieso nichts, mit ihr zu reden, und so widmete ich mich wieder meinen Mails.

Als ich eine knappe Stunde später ins Wohnzimmer ging, saß sie schon mit Benjamin beim Essen.

»Danke für die Hilfe beim Kochen!«, meinte Melanie sarkastisch. »Schon toll, wenn der Mann so viel im Haushalt hilft.«

»Du meinst den Mann, der den halben Tag deine Rechnungen bezahlt und deine Post sortiert hat?« Konnte sie nicht irgendwann mal Ruhe geben?

»Was habe ich nur für ein Glück … So einen wie dich finde ich nie wieder«, murmelte sie. Etwas an ihrem Ton ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.

Ich atmete wieder tief durch und setzte mich. »Manchmal würde ich am liebsten einfach abhauen und alles hinter mir lassen«, dachte ich.

»Wie war es in der Schule, Benjamin?«, wandte ich mich schließlich an meinen Sohn.

EIN TAG IN DER FIRMA

Freitag, 23. November

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte von einer Lawine aus Notizzetteln, vor der ich verzweifelt wegrannte, bis sie mich schließlich doch einholte und überrollte. Als ich am nächsten Morgen schweißgebadet aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert.

Wie so oft kämpfte ich mit dem Bedürfnis, einfach liegen zu bleiben und mir die Decke über den Kopf zu ziehen, bis ich mich schließlich doch aus dem Bett wälzte.

Zwei Stunden später betrat ich, immer noch ziemlich schlaftrunken, das Büro. Im Flur stieß ich bereits auf Felix, einen meiner Mitarbeiter.

»Deine Idee am Montag war mega!« Er strahlte förmlich. »Ich glaube wirklich, so könnte es klappen. Bei ein paar Themen bin ich mir allerdings noch unsicher. Ich schau später kurz bei dir im Büro vorbei und wir besprechen das, okay?«

»Ja, sicher!«, sagte ich schon etwas besser gelaunt.

Als ich mich schließlich an meinen Schreibtisch setzte, hing ein Zettel an meinem Bildschirm: »Kannst du dich bitte gleich bei mir melden, wenn du da bist? Andreas.«

Ich atmete erst einmal tief durch. Dann stand ich schwerfällig auf und machte mich auf den Weg zu Andreas’ Büro.

Mein Freund und Mitgründer blickte kurz hoch, als ich sein Büro betrat. »Einen Moment«, sagte er, tippte ein paar Wörter und drückte auf Enter. »Guten Morgen!«

»Morgen, Andreas!«, sagte ich. »Ich bin gerade gekommen und habe deinen Zettel gesehen. Was gibt es denn so Dringendes?«

»Ich hatte heute Morgen einen Anruf von Herrn Müller auf der Mailbox«, antwortete Andreas. Herr Müller war einer unserer ältesten und wichtigsten Kunden. »Bevor ich ihn zurückrufe: Hast du ihm Feedback zu seiner Idee mit der Kooperation gegeben?«

»Ach, verdammt!«, sagte ich. »Das hatte ich eigentlich am Montag vor, aber dann hat das Meeting mit den Marketingleuten länger gedauert. Wir hatten aber ein paar richtig gute Ideen, Felix ist schon an der ersten dran. Wie dem auch sei – warte noch mit dem Rückruf bei Herrn Müller, ich rufe ihn gleich an!«

»Alles klar«, antwortete Andreas.

Auf dem Weg zurück in mein Büro zückte ich mein Handy und wählte Herrn Müllers Nummer.

Der war ziemlich ungehalten. »Ich habe Ihnen eigentlich nur mitteilen wollen, dass ich mich bereits mit einem befreundeten Unternehmer über Sie unterhalten habe und er mit Ihnen arbeiten möchte. Könnte ein sehr interessanter Kunde für Sie sein. Aber wenn Sie den genauso warten lassen wie mich, überlege ich mir das noch mal!«

Die nächste Zeit verbrachte ich damit, die Wogen zu glätten und mich zu entschuldigen. Als er nach zwanzig Minuten schließlich besänftigt auflegte, seufzte ich erleichtert. Wie machte Herr Müller das eigentlich? Er war ein sehr erfolgreicher Unternehmer und hatte mehr als doppelt so viele Mitarbeiter wie wir. Trotzdem war er ein Muster an Zuverlässigkeit und fast immer tiefenentspannt und gut gelaunt. Warum bekam ich das einfach nicht hin?

Ich seufzte, ließ mich in meinen Stuhl fallen und starrte mit leerem Blick den Bildschirm vor mir an.

BERATER SAGEN DIR FÜR VIEL GELD, WAS DU EH SCHON WEISST

Mittwoch, 28. November

Einige Tage später saß ich mit Andreas im Büro.

Mit halbem Ohr hörte ich zu, wie Andreas mir von den neuesten Entwicklungen in unserer Firma erzählte. An diesem Morgen hatte es zwischen Melanie und mir mal wieder geknallt. Wie immer, wenn wir uns so heftig stritten, war der Tag für mich gelaufen. Selbst im Büro fiel es mir in letzter Zeit immer schwerer abzuschalten.

»Erde an Christian, möchtest du mich vielleicht auch mit deiner geistigen Anwesenheit beehren?« Ich zuckte zusammen.

»Äh … ja, sorry. Ich war gerade in Gedanken. Kannst du den letzten Satz bitte noch mal wiederholen?«

Andreas seufzte und blickte mir direkt in die Augen. »Ganz ehrlich, Christian: Was ist los?«

»Was meinst du?«

»Du bist in letzter Zeit dauernd schlecht drauf und gestresst, du motzt unsere Mitarbeiter an und bist ständig nicht bei der Sache. Was ist los mit dir? Du wirkst völlig fertig und neben der Spur.«

Ich zuckte zusammen. Irgendwie fühlte ich mich ertappt. »Na, so schlimm ist es jetzt auch nicht«, verteidigte ich mich. »Es ist einfach so viel zu tun und dazu kommt, dass ich es Melanie im Moment einfach nicht recht machen kann … Tut mir leid, ich achte drauf.«

»Doch, es ist so schlimm«, entgegnete Andreas.

Autsch. Das saß. Andererseits: Vielleicht hatte er recht.

»Gut zu wissen … Na ja, ich habe schon so viel geschafft, da schaffe ich das auch irgendwie«, wich ich aus.

»Hast du mal darüber nachgedacht, dir Hilfe zu holen?«, hakte Andreas nach.

»Hilfe? Du meinst einen Psychologen oder einen Coach oder so etwas?« entgegnete ich.

»Zum Beispiel«, nickte Andreas. »Ich denke, ein Coach wäre keine schlechte Idee.«

»Wie soll der mir denn mit meiner Beziehung helfen? Der kann meine Frau doch auch nicht ändern …«

»Deine Frau nicht, aber vielleicht hat er für dich ein paar schlaue Ideen«, entgegnete Andreas.

»Für mich? Ich wüsste nicht, was der mir Schlaues sagen sollte. Ich habe schon so viele Artikel und Beiträge mit tollen Ratschlägen gelesen. Haben sich super angehört, aber nachhaltig geändert hat sich dadurch nichts. Vielleicht ist meine Situation einfach zu wenig normal. Abgesehen davon: So schlimm ist es auch nicht. Ich bin zwar im Moment etwas unzufrieden. Aber andererseits habe ich doch alles, was man sich wünschen kann. Ich schaff das schon. Wie sagte mein Vater immer: Ein Berater ist ein Mann, der deine Uhr nimmt, um zu sagen, wie spät es ist, und dir dafür dann eine Rechnung schickt«, antwortete ich.

»Schöner Satz!«, lachte Andreas.

Ich lächelte. »Können wir jetzt bitte zurück zum Geschäftlichen kommen?«

»Klar«, sagte Andreas und nahm den Faden wieder auf.

BEGEGNUNG MIT DEM COACH

DER COACH, DER NICHT WIE EINER AUSSAH

Freitag, 4. Januar

Es klingelte.

In den letzten Wochen hatte sich an meiner allgemeinen Unzufriedenheit und der Situation mit Melanie nichts geändert.

»Jetzt stell dich doch nicht so an. Bestimmt gibt es Coaches, die auf Unternehmer spezialisiert sind. Mach doch einfach mal ein Gespräch aus. Im schlimmsten Fall geht ihr einen Kaffee trinken und findet euch unsympathisch«, hatte Andreas wiederholt gesagt.

Und so hatte ich schließlich, kurz nach Neujahr, Andreas’ Drängen nachgegeben und einem Treffen mit einem Glückscoach zugestimmt, den Herr Müller ihm empfohlen hatte.

Wäre die Empfehlung nicht von Herrn Müller gekommen, hätte ich wahrscheinlich trotzdem Nein gesagt. Aber da Herr Müller der einzige mir bekannte Unternehmer war, der wirklich alles unter einen Hut zu bekommen schien und der dabei auch noch glücklich wirkte, schien ihm Michael Lorenz, so hieß der Glückscoach, immerhin nicht geschadet zu haben.

Und da stand er nun. Vor meiner Tür. Die Hand schon am Türgriff, hielt ich inne. Kurz überlegte ich, mich einfach wieder umzudrehen. »Ach … was soll’s«, dachte ich schließlich, holte tief Luft – und öffnete die Tür.

»Guten Morgen, Herr Wagner, schön, Sie kennenzulernen!«, begrüßte er mich.

Michael Lorenz passte so gar nicht zu dem Bild, das ich von einem Coach hatte. Er war weder der schneidige, glattrasierte, anzugtragende McKinsey-Berater-Typ noch der graubärtige Pädagoge mit Brille, Schlabberhemd und Wohlstandsbauch.

Der Typ, der da vor mir stand, war mittelgroß, durchtrainiert und trug eine Jeans sowie ein einfaches Hemd ohne Krawatte. Er strahlte eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Sein Alter ließ sich schwer schätzen, vermutlich ließ sein grau melierter Bart ihn älter erscheinen, als er tatsächlich war.

»Guten Morgen!«, begrüßte ich ihn.

Etwas später saßen wir mit einem Kaffee in meinem Arbeitszimmer.

»Bevor wir ins Thema einsteigen: Ich bin Michael«, eröffnete er das Gespräch.

»Christian«, antwortete ich, beugte mich vor und schüttelte ihm erneut die Hand.

»Freut mich, Christian. Schieß los, wie kommt es, dass wir hier zusammensitzen?«

Die nächste halbe Stunde erzählte ich ihm meine Geschichte. Michael hörte aufmerksam zu, stellte einige Zwischenfragen und machte sich Notizen.

Als Sohn eines erfolgreichen Unternehmers hatte ich mit Anfang zwanzig gemeinsam mit zwei Freunden mein eigenes Unternehmen, die Benera Software GmbH, gegründet.

Es war eine tolle Zeit. Wir waren jung, voller Tatendrang – und erfolgreich. Auch wenn wir immer wieder brenzlige Phasen überstehen mussten, wuchsen wir kontinuierlich.

Eines Abends lernte ich auf einer Party Melanie kennen. Schnell waren wir ein Paar und genossen gemeinsam das Leben. Tagsüber arbeiteten wir – ich in meiner Firma und sie als Projektmanagerin in einem großen Automobilunternehmen – und auch abends war immer etwas los.

Die Tür zu unserer Wohnung in der Mannheimer Innenstadt stand offen, und irgendjemand kam immer vorbei – ob zum gemeinsamen Kochen oder zu einer spontanen Party. Am Wochenende unternahmen wir oft spontane Kurztrips nach Prag, Amsterdam oder München.

Sehr gut erinnerte ich mich an einen Freitag um das Jahr 2005. Ich hatte Melanie gerade von der Arbeit abgeholt, wir saßen in meinem neuen Wagen – einem nagelneuen Alfa Romeo Spider – und entschieden uns, einfach loszufahren. Über Straßburg landeten wir am Ende in Paris und blieben mehrere Tage. Wir ließen uns treiben, genossen die französische Cuisine und die Sonne und verbrachten die Abende im Bett oder in einer der unzähligen Bars in der Nähe. Es war eine unglaubliche Zeit.

Nach einigen Jahren heirateten wir, eine wahre Traumhochzeit, und wieder ein Jahr später kam unser Sohn Benjamin zur Welt. Melanie gab ihren Job auf und wurde Hausfrau. Wir waren mittlerweile in ein wunderschönes Haus etwas außerhalb der Stadt gezogen und die Kochabende mit den Freunden wie auch die spontanen Kurztrips wurden seltener.

Einige Jahre später starb mein Vater mit 59 Jahren völlig überraschend an einem Herzinfarkt.

Nach einigem Hin und Her einigten wir uns darauf, dass mein älterer Bruder Hans die Geschäftsführung des Familienunternehmens übernehmen sollte. Das war mir nur recht, denn ich hatte mit meinem eigenen Unternehmen selbst schwere Zeiten zu überstehen.

Die Zahlungsunfähigkeit unseres größten Kunden drohte, uns selbst mit in den Abgrund zu reißen, und die Investoren saßen uns im Nacken. Nur dank eines kurzfristigen Überbrückungskredites, den ich mit meinem Bruder aushandelte, überlebten wir überhaupt.

Die Schwierigkeiten bei Benera hörten auch in den nächsten Jahren nicht auf, und ich saß, nachdem ich Benjamin ins Bett gebracht hatte, meist noch bis weit nach Mitternacht im Arbeitszimmer am Rechner. Es war eine anstrengende Zeit, aber ich liebte Herausforderungen. Ich liebte es, etwas Neues auszuprobieren und die eine Idee zu finden, mit der ein eigentlich unlösbares Problem doch zu lösen war. Das war es, was ich am besten konnte und wofür ich in der Firma bekannt war.

Etwas später, Benjamin war mittlerweile drei oder vier Jahre alt, fingen dann die ersten kleinen Konflikte mit Melanie an. Ich würde zu viel arbeiten, mich nur ausnutzen lassen und wäre doch überhaupt nicht mehr an der Familie interessiert, warf sie mir vor.

Ich fand, dass das nicht stimmte, und versicherte ihr, dass sich bald wieder alles in der Firma beruhigen werde. Und die folgenden Jahre lief es wirklich relativ gut. Ich arbeitete immer noch viel, worüber sich Melanie regelmäßig lautstark beschwerte. Aber Benera wuchs weiter, und sie hatte mit Benjamin, dem Haushalt und unserem Hund mehr als genug zu tun. Wir hatten große Ziele mit unserem Unternehmen, und ich arbeitete Tag und Nacht an unserem Erfolg. Rundum zufrieden war ich allerdings trotzdem nicht:

Ich nahm immer weiter zu und hatte oft Rückenbeschwerden. Außerdem schaffte ich es nicht, genug Zeit in die Beziehung zu meiner Frau, aber auch zu meinem Sohn zu investieren – von meinen Freunden ganz zu schweigen. Auch bei meinen anderen Projekten war ich ständig im Verzug und fühlte mich, als würde ich von Termin zu Termin und von To-do zu To-do rennen. Ich versuchte alles Mögliche, um meine Zeit und Energie noch effizienter zu nutzen. Ich las Bücher und Artikel zu Zeitmanagement, Effizienz und Selbstorganisation. Die Tipps darin halfen zwar etwas weiter, aber trotzdem schaffte ich es nie, wirklich alles unter einen Hut zu bekommen.

Die meiste Zeit konnte ich das jedoch ganz gut ausblenden. Das Wichtigste war: Das Geschäft lief, ein Erfolg jagte den nächsten und wir hatten einen Riesenspaß.

Dann allerdings, vor etwa drei Jahren, fingen die Konflikte wieder an. Benjamin war mittlerweile in der ersten Klasse der örtlichen Grundschule.

Zunächst drehten sich die Konflikte um Kleinigkeiten wie mein – zugegebenermaßen ziemlich häufiges – Zuspätkommen, das Smartphone am Essenstisch und natürlich meine Arbeitszeiten.

Dann ging es um meine Art, unseren Sohn zu erziehen oder mit Geld umzugehen. Kinder bräuchten klare Ansagen, und ich sollte aufhören, mir »ständig« neue Autos zu kaufen, diese Angeberei würde schließlich auch ein schlechtes Bild auf die Familie werfen. Und überhaupt würde ich ja nur an mich und meine Firma denken und die Familie daheim wäre mir egal. Fakten, wie etwa die Tatsache, dass die Größe unseres Fuhrparks seit Jahren stabil war und die meisten im Ort nicht einmal etwas von ihm wussten, spielten absolut keine Rolle.

Jegliche Argumente schienen einfach an Melanie abzuprallen. Egal wie sehr ich mich bemühte, ruhig und sachlich zu bleiben: Ich kam einfach nicht an sie ran. Sie wischte jedes meiner Argumente mit dem Hinweis auf irgendwelche Verfehlungen in meiner Vergangenheit oder angebliche Absprachen, an die ich mich nicht einmal erinnern konnte, beiseite. Trotz meiner Versuche, ruhig zu bleiben, endeten die meisten unserer Gespräche in einer lautstarken Auseinandersetzung, woraufhin einer von uns tief enttäuscht den Raum verließ und wir stunden- oder sogar tagelang kaum noch miteinander sprachen.

So ging es mittlerweile seit drei Jahren. Deutlich besser lief es dagegen mit meinem Unternehmen. Vor einem Jahr hatten wir den zweihundertsten Mitarbeiter eingestellt und unseren Gewinn das dritte Jahr in Folge gesteigert. Wir waren mittlerweile deutschlandweit Marktführer, hatten das mit Abstand beste Produkt und Kaufangebote mit schwindelerregenden Summen für Benera auf dem Tisch liegen. Ich hatte alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Was nun?

Ich zog mich aus der operativen Geschäftsführung zurück und arbeitete nur noch drei Tage die Woche.

Von der zusätzlichen Zeit erhoffte ich mir, endlich wieder mal Oberwasser zu bekommen. Ich wollte wieder regelmäßig Sport treiben, meine »Weltverbesserungsprojekte« voranbringen und natürlich die Beziehung zu Melanie und Benjamin verbessern. Ich war top motiviert.

Trotzdem wurde es nicht besser. Obwohl ich Benjamin jeden Nachmittag aus der Schule abholte, ihn zum Fußballtraining fuhr, viel im Haushalt übernahm und mich meistens um den Hund kümmerte ; obwohl ich den Ferrari, den Melanie aus irgendeinem Grund nicht ausstehen konnte, mittlerweile verkauft hatte und mir auch sonst wirklich Mühe gab, sie zu entlasten – es half alles nichts. Im Gegenteil – wir stritten uns fast täglich.

Dazu kam, dass mein anfänglicher Motivationsschub nach ein paar Tagen versickerte. Ohne den Druck von außen kam ich morgens kaum aus dem Bett, mein Sportprogramm schlief mehr und mehr ein, und meine anderen Projekte kamen auch nicht wirklich voran. Nur mein Aufgabenberg wuchs weiter und weiter.

Melanie stand weiterhin ständig unter Strom und ließ das manchmal auch an Benjamin aus. Immer wieder hielt sie mir vor, dass sie ja überhaupt nicht gestresst sei. Und wenn überhaupt, könne es nur daran liegen, dass ich überall Chaos reinbringen würde. Mit der Zeit hatte ich deshalb gelernt, das Thema nicht mehr anzusprechen. Wirklich besser wurde es dadurch nicht, wir schrien uns trotzdem fast jeden Tag an.

Zwischendurch gab es allerdings auch kurze gute Phasen. Meistens kamen diese dann, wenn wir irgendwo weit weg waren und den Alltag einfach vergessen konnten. Das waren die Momente, in denen die »echte« Melanie wieder hervorkam und ich in ihr wieder die Frau sah, in die ich mich vor mittlerweile über zehn Jahren verliebt hatte.

An diesem Tag im Januar allerdings waren diese Momente weit weg. Egal was ich tat und wie viel ich unterstützte – ich schien es ihr nicht recht machen zu können.

Das Schlimmste daran war: Ich verstand es einfach nicht. Wieso konnten wir nicht einfach ruhig über etwas reden und es dann auch wirklich abhaken? Wieso war sie im einen Moment total entspannt und gut drauf und fast wie früher, während sie im nächsten wegen einer Kleinigkeit völlig ausrastete? Wie sehr ich auch versuchte, die Auslöser für ihre Stimmungsschwankungen vorherzusehen, es war einfach kein klares Muster erkennbar. Was war bloß mit ihr los?

»… um es auf den Punkt zu bringen …«, endete ich schließlich, »ich schaffe es einfach nicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich verstehe nicht, was mit meiner Frau los ist. Und alles in allem bin ich generell unzufrieden und verstehe nicht mal, warum.«

»Okay, dann lass uns doch mal eine Bestandsaufnahme machen.« Michael stand auf und klebte einige Post-its, die er während meiner Schilderung beschrieben hatte, an das große Whiteboard, das an der Wand neben uns hing.

Michael setzte sich wieder und schaute mich an. »Fehlt dir da noch etwas?«

Ich blickte auf das Whiteboard.

»Ja, dazu kommen noch meine eigenen Vorhaben. Ich wollte etwas in der Welt verbessern und habe gemeinsam mit ein paar Freunden eine Charity-Veranstaltung ins Leben gerufen. Wir wollen Geld für leukämiekranke Kinder sammeln und mehr Menschen auf die Möglichkeit einer Stammzellspende aufmerksam machen. Ein wirklich tolles Projekt, aber ganz ehrlich: Gerade ist es nur ein weiterer Punkt auf meiner To-do-Liste, der mich stresst und den ich vor mir herschiebe. Die anderen sind schon ziemlich genervt von mir, weil sie ständig auf mich warten müssen. Am liebsten würde ich gerade alles hinschmeißen, aber das kann ich ja auch nicht machen.«

Michael schrieb »Eigene Vorhaben kommen nicht voran« und »Umfeld ist genervt« auf Post-its und klebte sie dazu.

»Weißt du, wenn es nur die Firma wäre, das würde ich hinkriegen«, relativierte ich. »Aber das alles …«

»Wie läuft es denn in der Firma?«, nahm Michael den Ball auf.

»An sich ganz okay – noch«, antwortete ich. »Gleiches Muster: Einige sind genervt von mir und das leider zu Recht. Sie müssen immer wieder auf Entscheidungen und Feedback von mir warten und kommen nicht so richtig voran.

Genauso ist es bei meinen anderen Projekten. Ich weiß, was ich tun müsste, damit das alles super läuft. Aber meine Zeit und Aufmerksamkeit reichen einfach nicht, und ohne mich kriegen die anderen es einfach nicht hin.

Eigentlich müsste ich einfach noch mal ein paar Wochen täglich voll da sein, Gas geben und alles so organisieren, dass es wirklich ohne mich läuft. Aber das traue ich mich Melanie nicht mal vorzuschlagen.«

»Hört sich an, als würdest du zwischen Melanie, der Firma und deinen restlichen Vorhaben hin und her rennen, und alle sind genervt, weil du zu spät bist.«

»… ja und weil ich so gestresst und außer Atem bin«, ergänzte ich. »Das Bild trifft es ziemlich gut. Ich renne hin und her und versuche, es allen recht zu machen. Statt das wahrzunehmen, sind alle genervt von mir, weil sie auf mich warten mussten und weil mir auf dem Weg einige Dinge heruntergefallen sind.«

Michael schrieb »Versuche, es allen recht zu machen« und »Bin nicht schnell genug« auf.

»Wahrscheinlich muss ich einfach mein Zeitmanagement verbessern«, fuhr ich fort. »Hast du dazu ein paar Methoden?«

»Wenn du schon so fragst: Nein«, entgegnete Michael trocken. »Die meisten Coaches würden dir jetzt wahrscheinlich wirklich Zeitmanagementtools beibringen. Das macht den Ansatz aber nicht weniger falsch. Das Resultat davon wäre einfach nur, dass du noch etwas schneller rennst. Die Frage ist: Möchtest du schneller rennen?«

Ich stutzte. »Na ja, muss ich das nicht?«

»Müssen tust du gar nichts«, sagte Michael. »Und dir Zeitmanagementtechniken beizubringen, wäre nur ein Behandeln der Symptome, ohne die Ursache anzugehen. Wenn du das machen möchtest, bin ich der Falsche.

Klar kannst du zum Zug rennen, wenn du spät dran bist. Du kannst auch deine Lauftechnik verbessern, damit du noch schneller zum Zug rennen kannst.

Du kannst aber auch früher loslaufen, das Auto nehmen oder einfach ganz entspannt im Garten sitzen und die Sonne genießen.

Dir Zeitmanagementmethoden zu zeigen, wäre, wie dir beizubringen, schneller zu laufen. Es mildert zwar ein Symptom, beseitigt aber nicht die Ursache.«

»Na ja, schöner wäre natürlich, wenn ich gar nicht rennen müsste und es einfach entspannt wäre«, entgegnete ich zögernd.

Das Bild traf es wirklich gut – und mir fiel dabei noch etwas ein. »Apropos rennen: Eigentlich will ich schon seit Jahren endlich wieder abnehmen, aber ich kriege es nicht hin, mich zum Sport zu motivieren. Melanie hat mir schon mehrmals gesagt, dass sie mich nicht mehr attraktiv findet, und sie hat ja recht. Ich fühle mich selbst auch nicht wohl und habe ständig Rückenschmerzen. Aber ändern tue ich irgendwie trotzdem nichts.«

Mein Blick wanderte nach unten zu meinem Bauch. Der ließ sich davon nicht beeindrucken und verdeckte weiterhin den Blick auf meinen Gürtel.

»Zu dick«, »Rückenschmerzen«, »Fühle mich nicht wohl« und »Keine Motivation für Sport« vervollständigte Michael.

Michael machte sich eine Notiz. »Mir fehlt dabei noch etwas. Das sind größtenteils Fakten. Ihre Bedeutung bekommen sie aber erst durch deine Interpretation und die damit verbundenen Gefühle. Also: Wie fühlst du dich bei all dem?«

»Wie soll ich mich schon fühlen?«, gab ich zurück. »Ich habe das Gefühl, aufgerieben zu werden, mir ist alles zu viel und ich fühle mich verloren.« Ich spürte einen dicken Kloß im Hals und sah zu, wie Michael »Alles zu viel« und »Werde aufgerieben« und »Gestresst« auf Post-its schrieb und sie zu den anderen klebte.

Ich blickte wieder auf das Board.

Verdammt. Das war wirklich eine Menge.

»Noch etwas?«, riss mich Michael aus meinen Gedanken.

»Nein«, antwortete ich. »Das finde ich schon schlimm genug. Wie geht es jetzt weiter?«

Michael schwieg. Dann sagte er: »Sag du’s mir.«

Ich blickte noch mal auf die Zettel. »Es gibt zwei Möglichkeiten«, antwortete ich langsam. »Der Worst Case: Ich mache so weiter wie bisher. Dann wird sich Melanie wahrscheinlich irgendwann von mir trennen und unseren Sohn mitnehmen.« Ich schluckte. »Und ich werde weiterhin versuchen, immer schneller zu rennen. Wahrscheinlich so lange, bis ich vor Erschöpfung zusammenbreche.« Keine schöne Vorstellung.

»Oder?«, hakte Michael nach.

»Oder ich finde einen Weg, diese Probleme endlich zu lösen. Aber das sagt sich so leicht. Wenn es so einfach wäre, hätte ich ihn längst gefunden.«

Michael nickte und lächelte. »Gut, dann lass uns damit anfangen. Lass uns zunächst einmal herausfinden, was wirklich Ursache und was einfach nur Symptom ist.«

»Okay …«, antwortete ich. »Und wie soll das gehen?«

»Ganz einfach«, entgegnete Michael und deutete auf das Postit, auf dem »Berg an To-dos« stand. »Was ist die Ursache für den Berg an To-dos?«

Ich blickte auf das Whiteboard. »Na, … dass ich Dinge aufschiebe«, antwortete ich.

Michael nickte und zeichnete einen Pfeil von »Schiebe Dinge auf« zu »Berg an To-dos«. »Weiter?«

»Dass ich nicht schnell genug bin, trägt mit Sicherheit auch dazu bei.«

Michael nickte wieder und zeichnete einen weiteren Pfeil.

Ich hatte das Prinzip verstanden. »Mein Umfeld ist genervt, weil ich nicht schnell genug bin und meine Vorhaben nicht vorankommen«, sagte ich. »Und unter anderem, weil mein Umfeld genervt von mir ist, bin ich generell unzufrieden und alles wird mir zu viel.«

Michael zeichnete die entsprechenden Pfeile und blickte mich dann abwartend an.

»Die täglichen Konflikte haben wir unter anderem deshalb, weil ich meine Frau nicht verstehe«, überlegte ich. »Sonst würde mir da bestimmt etwas einfallen. Und wegen der Konflikte habe ich Angst vor der Trennung, was wiederum dazu beiträgt, dass ich generell unzufrieden bin und mir alles zu viel wird.«

Ich überlegte weiter. »Aufgerieben werde ich, weil ich versuche, es allen recht zu machen, mein Umfeld genervt von mir ist und eben wegen der täglichen Konflikte.«

Michael zeichnete weiter Pfeile.

»Weil ich aufgerieben werde, mich nicht wohlfühle und natürlich wegen des Aufgabenbergs bin ich gestresst«, fuhr ich fort, »und ich fühle mich nicht wohl, weil ich keine Motivation für Sport habe, was auch der Grund dafür ist, dass ich zu dick bin und Rückenschmerzen habe …« Ich hielt inne und verfolgte die Pfeile bis zu ihrem Ursprung.

»Das würde heißen«, sagte ich langsam, »… dass es vier Ursachen gibt: Keine Motivation für Sport, das Aufschieben von Dingen, dass meine eigenen Vorhaben nicht vorankommen … halt, warte. Meine Vorhaben kommen unter anderem deshalb nicht voran, weil ich Dinge aufschiebe.«

Michael zeichnete noch einen Pfeil. »Unter anderem?«, fragte er dann.

»Na ja, ich könnte mich mit Sicherheit auch besser strukturieren«, gab ich dann zu.

Michael nickte und schrieb ein weiteres Post-it: »Zu wenig Struktur« und zeichnete einen Pfeil zu »Eigene Vorhaben kommen nicht voran«. »Was ist die Ursache dafür, dass du die Dinge aufschiebst?«, fragte er dann.

»Na ja«, überlegte ich. »Mit mehr Struktur würde ich das mit Sicherheit weniger machen … Aber oft habe ich auch einfach keine Energie.«

Michael schrieb ein neues Post-it mit »Keine Energie« und zog je einen Pfeil von »Keine Energie« und »Zu wenig Struktur« zu »Schiebe Dinge auf«.

Ich blickte auf das Bild vor mir. »Wenig Energie ist auch der Grund dafür, dass ich keine Motivation für Sport habe«, fügte ich noch hinzu.

Michael nickte und zog noch einen Pfeil.

Ich ließ das Bild eine Weile auf mich wirken. »Wir haben also eine Menge Symptome, aber nur drei Ursachen«, sagte ich dann. »Keine Energie, zu wenig Struktur und ich verstehe meine Frau nicht.«

»Sieht so aus«, stimmte Michael zu und kreiste die drei rot ein.

Ich war erleichtert. Drei Ursachen. Das sah schon deutlich machbarer aus.

»Sehr gut, dann lass uns jetzt zum angenehmeren Teil kommen«, unterbrach Michael meine Gedanken, »angenommen, ich hätte meinen Zauberstab da drin.« Er deutete auf seine Aktentasche. »Und du hättest drei Wünsche frei. Was würdest du dir wünschen?«

»Komische Frage«, dachte ich. Mit einem Blick auf das Whiteboard war es allerdings einfach.

»Ich hätte gerne einen Weg, wie ich mich selbst motivieren und strukturieren kann. Wenn ich effektiver und besser organisiert wäre, könnte ich meinen Berg Stück für Stück abarbeiten, und damit würde es auch meinem Umfeld besser gehen.«

»Weg, um mich zu motivieren und zu strukturieren«, schrieb Michael auf ein grünes Post-it. »Wunsch Nummer 1«, kommentierte er und klebte das Post-it ans Board.

Ich dachte weiter nach.

»Ich hätte gerne einen Weg, wie ich wieder mehr Energie bekomme«, fuhr ich fort, »so wie früher eben.« Michael nickte und schrieb »Weg zu mehr Energie« auf ein Post-it.

»Und ich würde gerne verstehen, was mit meiner Frau los ist. Ich habe das Gefühl, es ihr so gut wie nie recht machen zu können. Ich glaube, wenn ich verstehen würde, was wirklich mit ihr los ist, gäbe es weniger Konflikte. Aber ich verstehe sie einfach nicht.«

»Meine Frau verstehen«, schrieb Michael auf ein drittes Postit und klebte es daneben.

Ich blickte auf das Board. »Damit wäre ich schon viel weiter«, sagte ich.

Michael schien noch nicht zufrieden. »Wenn wir all das erreicht haben … was würde dir das bringen?«, hakte er nach.

»Was mir das bringen würde?«, entgegnete ich irritiert. »Na, wenn ich meine Frau verstehen würde, hätten wir weniger Konflikte und somit eine glückliche Ehe.«

Michael runzelte die Stirn und machte sich eine Notiz. »Weiter?«, fragte er dann.

»Wenn ich Energie hätte, könnte ich all diese Themen angehen, und wenn ich einen Weg finden würde, um mich zu motivieren und zu strukturieren, wäre ich entspannter und mein Umfeld glücklicher mit mir.«

Michael nickte und schwieg.

»Also läuft es im Endeffekt darauf hinaus …«, dachte ich laut, »… dass am Ende alle glücklich sind.«

Michael lächelte. »Alle? Auch du?«, hakte er nach.

»Ähm … ja klar«, entgegnete ich irritiert. »Wenn es den Menschen um mich herum gut geht, bin ich auch glücklich.«