24,99 €
Die Auswahl der richtigen Aktien für das Depot, das sogenannte "Stock Picking" ist die vielleicht anspruchsvollste, aber auch spannendste Disziplin in der Geldanlage. In diesem Buch legt Roger Peeters, ein ausgewiesener Kenner des deutschen Aktienmarkts, seine Arbeitsweise offen und verrät mit welchen Kennzahlen es sinnvoll ist zu arbeiten und wie ein effizientes Money Management aussieht. Auch gibt er Tipps, was bei der Lektüre von Firmenunterlagen oder Bankenstudien zu beachten ist. Der Autor ordnet das gezielte Aussuchen von Dividendentiteln in das allgemeine Portfoliomanagement ein und grenzt diese Vorgehensweise von anderen Strategien, wie beispielsweise dem Kauf von Indexzertifikaten ab. In diesem Zusammenhang werden alle gängigen Methoden der Aktienauswahl, etwa über Kennzahlen oder qualitative Kriterien, nicht nur verständlich geschrieben, sondern auch in ihrer Wirksamkeit überprüft. Ein umfassender Praxisteil erklärt dem Leser anhand praktischer Beispiele eine Vielzahl von Strategiebausteinen, etwa dem Umgang mit Unternehmensmeldungen, Gewinnschätzungen oder Stopp Loss Kursen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2008
FinanzBuch Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Lektorat: Natascha Lenz-Trautmann Druck und Bindung: Druckerei Joh. Walch, Augsburg Satz/Layout: satz & repro Grieb, München Covergestaltung: Pamela Günther
E-Book-Ausgabe (PDF): © 2009 FinanzBuch Verlag GmbH, München www.finanzbuchverlag.de
Print-Ausgabe: © 2008 FinanzBuch Verlag GmbH, München
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-89879-360-5 | Print-Ausgabe
ISBN 978-3-89879-523-4 | E-Book-Ausgabe (PDF)
Für Tatjana, Cédric Nicolas, Charlene Sophie und Jolina Zoe. Danke, dass Ihr so seid, wie Ihr seid.
Liebe Anleger,
»Stock Picking«, also der Investmentansatz über eine gezielte Auswahl von aussichtsreichen Aktien, stand in den vergangenen Jahren aus mehreren Gründen nicht im Mittelpunkt des Interesses von Investoren: So sorgte die seit 2003 andauernde Rally des Gesamtmarkts, die den deutschen Leitindex DAX von einem Stand von ca. 2.200 Punkten bis zeitweise über 8.000 Zähler katapultiert hat, für eine berechtigte Bequemlichkeit unter den Börsianern: Warum mühsam nach lukrativen Einzelwerten schauen – so eine durchaus angemessene Frage –, wenn ein blankes Indexzertifikat eine stattliche Rendite sichert?
Darüber hinaus drängen alternative Asset-Klassen in die Portfolios der institutionellen und privaten Anleger. Edelmetalle, Rohstoffe und Devisen sowie Beteiligungen an Private-Equity-Fonds und Hedgefonds gewinnen rasant an Bedeutung und verdrängen die einfache Aktie aus den Depots. Sehr häufig partizipieren Investoren indirekt über Zertifikate von diesen »neuen« Märkten und generell ist zu konstatieren, dass der Zertifikate-Boom ein weiterer Schuldiger für die neue Aktienmüdigkeit ist.
Wenn das Deutsche Aktieninstitut (DAI) eine für die boomenden Märkte nicht nachvollziehbare traurige Aktionärszahl veröffentlicht – so sank im zweiten Halbjahr 2007 die Anzahl der deutschen Aktionäre um 571.000 auf nur noch 3,8 Millionen und damit auf den niedrigsten Stand seit 1996 – und die Zertifikatebranche seit Jahren eine Rekordzahl nach der anderen veröffentlicht, fällt es schwer, hier keine Substitution zu sehen.
Ist der freie, einzelne, autarke Aktionär eine vom Aussterben bedrohte Spezies? Wird der Handel mit einzelnen Aktien irgendwann eine Nischentätigkeit für Freaks sein? Die Frage lässt sich mit einem ebenso entschiedenen wie fundierten »Nein« beantworten. Der Boom der vergangenen Jahre war eine Gegenreaktion auf den New-Economy-Crash und wird sich in der Breite so nicht fortsetzen. Indexzertifikate könnten somit deutlich an Bedeutung verlieren, das »Perlensuchen« am Aktienmarkt wieder an Relevanz gewinnen. Auch bei den Rohstoffen sollten Sie davon ausgehen, dass keine unbegrenzte Verlängerung der Hausse ansteht. Bedenken Sie, dass die Preisexplosion durch Knappheit hervorgerufen wurde, die wiederum durch den schnell gewachsenen »Appetit« der Schwellenländer begründet ist. Auf diese Knappheit folgen irgendwann zwangsläufig eine sinkende Nachfrage, weil es sich nicht mehr rentiert, das Gut zu kaufen, oder ein erhöhtes Angebot durch mehr Ackerflächen für Agrargüter und regenerative Energien als Öl-Ersatz.
Aktien sind da deutlich flexibler, da sie den Einstieg in jede nur vorstellbare Branche ermöglichen. Auch werden Zertifikate die Aktien nicht verdrängen. In Teilbereichen wie etwa dem Besetzen von exotischen Märkten, in denen ein Aktienhandel für Privatanleger unmöglich ist, haben sie durchaus ihren Sinn; ihre verschachtelte und für Banken überaus lukrative Struktur gibt ihnen jedoch einen echten Nachteil mit auf den Weg.
Zudem kannibalisieren Zertifikate den Direktkauf von Aktien praktisch ausschließlich im Blue-Chip-Bereich. Nebenwerte können fast ausnahmslos nicht durch Zertifikate »gedeckt« werden. An der Notwendigkeit der richtigen Auswahl ändert sich übrigens nichts, wenn Sie die Rendite eines bestimmten Dividendentitels mit einem Bonuszertifikat optimieren wollen. Lapidar gesprochen ist es viel lukrativer, die richtige Aktie zu kaufen als für einen falschen Wert das richtige Derivat. Kurzum: Es wird in den kommenden Jahren kein Nachteil sein, das Depot individuell mit Aktien zu bestücken und zu managen.
Gestatten Sie, dass ich mich Ihnen kurz vorstelle. Mein Name ist Roger Peeters, ich wurde 1973 geboren und beschäftige mich mehr als mein halbes Leben mit der Börse. Im Sommer 1999 heuerte ich beim Informationsdienst Platow an. Von April 2000 leitete ich acht Jahre lang die Redaktion der »Platow Börse«. In dieser Funktion brachte ich in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank den Aktienfonds »DB Platinum III Platow« auf den Markt und berate ihn vom Start weg. Seit April 2008 bin ich Vorstand der Close Brothers Seydler Research AG. Sie sehen, all mein Schaffen hat mit der Analyse, der Auswahl und der Besprechung von Aktien zu tun.
Ich wälze im Jahr hunderte Jahresabschlüsse, zahllose Quartalsberichte, Ad-hoc-Mitteilungen und Analystenstudien und führe jede Woche mehrere Gespräche mit Finanzvorständen und IR-Managern. Vollkommen losgelöst von der Marktsituation, kann ich jeden Tag aufs Neue behaupten, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben.
Den Werkzeugkoffer, den ich im übertragenen Sinn jeden Tag mit zur Arbeit nehme, breite ich in diesem Buch aus. Ich werde Sie nicht mit naturgemäß vergänglichen Aussagen zum Marktgeschehen oder Einschätzungen zu bestimmten Aktien langweilen. Hier geht es nicht um die Fragestellung, was gerade jetzt angesagt sein könnte, sondern um die Ausrüstung, mit der Sie in Zukunft nach interessanten Werten Ausschau halten. Ich werde auf den kommenden Seiten erörtern, welche Kennzahlen ich für nützlich halte und welche nicht. Ich werde schildern, was ich bei der Lektüre einer Bilanz oder einer Ad-hoc-Mitteilung beachte. Ich werde ausführen, wofür Bankenstudien und Börsenpublikationen taugen und wofür nicht. Ich werde Ihnen darlegen, welche makroökonomischen Faktoren ich für relevant halte und wie diese den Wert Ihrer Aktien beeinflussen. Ich werde auf Timing-Strategien eingehen und am Ende des Buchs einige Faustregeln aufstellen.
All diese Ausführungen sind zutiefst subjektiv und in fast allen Aspekten immer nur einer der möglichen Wege. Widersprüche zu Leitfäden über Trading oder Index-Tracking sind ebenso selbstverständlich wie divergierende Meinungen anderer Marktakteure etwa zur Relevanz bestimmter Kennzahlen.
Es ist das Schöne an der Börse, dass es kein Universalmittel gibt. Die Offenlegung der Methoden, mit denen ich arbeite, soll Sie unterhalten und motivieren, über Ihre Vorgehensweisen am Markt nachzudenken. Wenn beides gelingt, haben Sie sich, mir und hoffentlich auch Ihrem Depot eine Freude bereitet. Doch genug der Vorrede, widmen wir uns den Methoden des Stock Picking, also der Suche nach interessanten Aktien.
Ihr
Roger Peeters
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich am Aktienmarkt zu engagieren. Sie können eine Lebensversicherung oder Riester-Rente abschließen, in denen Ihr Geld gegebenenfalls in Teilen am Aktienmarkt eingesetzt wird. Sie können Fondsanteile kaufen oder Zertifikate, die wiederum die Kursentwicklung von Aktien nachbilden. Und Sie können einzelne Aktien kaufen und sich Ihr Portfolio zusammenstellen. Das bringt Vorteile mit sich, birgt aber natürlich auch Risiken. Was mir an der Strategie des »freien Investierens« gefällt, werde ich Ihnen ausführlicher erörtern. Zum besseren Vergleich wird das Stock Picking, also das gezielte Kaufen einzelner Werte, in Relation zu anderen Vorgehensweisen gesetzt.
Immer dann, wenn die Börsen über mehrere Jahre in der Breite gut gelaufen sind, kommt Index-Tracking stärker in Mode. Beim Index-Tracking, das wahlweise über Index-Zertifikate oder Index-Fonds bewerkstelligt werden kann, kaufen Sie im übertragenen Sinn einen Index. Sie setzen also nicht auf die Wertentwicklung einer einzelnen Aktie, sondern folgen dem Aktienmarkt in der Breite. In haussierenden Phasen wie etwa der zweiten Hälfte der 1990er Jahre oder auch dem Zeitabschnitt von 2003 bis 2007 war diese Vorgehensweise sehr lukrativ. Sie konnten in beiden Perioden etwa mit DAX-Zertifikaten dreistellige Renditen erzielen und sich dabei Zeit, Mühe und Transaktionskosten sparen.
Source: Thomson Datastream
Abbildung 1: Entwicklung des DAX
Das Problem an dieser schönen Welt: In dieser theoretischen Form wird es keinem Anleger gelingen, die Sonnenscheinperioden abzupassen und nie im Regen zu stehen. Wenn Sie Anfang 2000 auf die Idee gekommen sind, doch mal im großen Stil Indexzertifikate zu kaufen, mussten Sie verflixte sieben Jahre lang warten, bis Sie Ihren Einstand wiedersahen. Das natürlich nur unter der Voraussetzung, dass Sie angesichts zwischenzeitlicher Buchverluste von nahezu drei Viertel des Einsatzes nie die Nerven verloren und verkauft haben.
Dass Sie Ihren Einsatz überhaupt wiedersehen, ist nicht so selbstverständlich, wie es viele Börsenratgeber suggerieren. Zwar ist grundsätzlich anzunehmen, dass marktbreite Indizes die entsprechenden Volkswirtschaften zu einem guten Teil widerspiegeln und somit auch ein Wert- bzw. Preiszuwachs zumindest auf Höhe des nominalen volkswirtschaftlichen Wachstums zu erwarten ist, doch können temporäre Übertreibungsphasen anschließend für einen gehörigen Kater sorgen, zumal irrationale Übertreibungsphasen immer erst im Nachhinein klar erkennbar sind. Der nachfolgend abgebildete Kursverlauf des japanischen Nikkei-Index spricht eigentlich für sich. Wer hier zum falschen Zeitpunkt, also 1989/1990, auf den seit Jahren sehr erfolgreichen japanischen Markt gesetzt hatte, dürfte sich mittlerweile endgültig vom Gedanken verabschiedet haben, seinen Einstand in diesem Leben wiederzusehen. Über Verzinsung in Form von Kursgewinnen sprechen wir nicht.
Source: Thomson Datastream
Abbildung 2: Entwicklung des Nikkei
Die japanische Misere ist umso bemerkenswerter, weil es hier nicht um irgendeine spekulative Nische geht, sondern um den kumulierten Marktwert der 225 wichtigsten börsennotierten Unternehmen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Fast schon selbstredend, dass die Gefahren des Index-Tracking noch mal substanziell größer sind, wenn Sie auf spezielle, kleinere Indizes setzen. Zur Erinnerung: Der TecDAX als Nachfolgeindex des Nemax50 notiert heute etwa bei einem Zehntel des Höchstkurses seines Vorgängerindex. Ein Fiasko für jeden, der zum Zenit eingestiegen ist.
Doch bleiben wir beim Index-Tracking der großen Börsenbarometer. Das gezeigte Desaster des Nikkei ist zweifelsohne kein Normalfall, aber dennoch ganz sicher nicht »unwiederholbar«. Nehmen Sie die Börsen der größten Volkswirtschaft der Welt, den USA. Seit mehreren Jahrzehnten steigen die Börsenwerte hier kontinuierlich. Die beiden populären Indizes Dow Jones Industrial und S&P 500 notieren knapp unter dem Allzeithoch, was im Umkehrschluss bedeutet, dass kein Index-Tracker hier einen großen Verlust ausweisen kann. Das will im Aktienmarkt wirklich etwas heißen, garantiert aber keine Fortsetzung. Wie Sie in Abbildung 3 sehen, klafft zwischen der Preissteigerung (ich rede bewusst nicht von Wertsteigerung) des 500 Blue Chips umfassenden S&P-Index und dem volkswirtschaftlichen Wachstum eine sichtbare Lücke. Ein Schließen dieser Lücke wäre für Index-Tracker sicher wenig vorteilhaft.
Worauf ich mit diesen Beispielen hinaus will: In der Finanzpresse und in Börsenratgebern wird oft und gerne suggeriert, dass Anleger mit bloßem Index-Tracking kaum etwas falsch machen können. Das halte ich gelinde gesagt für gefährlich. Sie setzen sich mit Index-Tracking zu 100 Prozent dem Marktrisiko aus. Eine Reduzierung desselben können Index-Tracker nur mit einer variablen Verteilung von Indexinvestments zur Kassenquote erreichen, was aber wiederum eine aktive Beobachtung des Marktes mitsamt den richtigen Rückschlüssen erfordert. Zudem sind Indizes auch nicht immer sehr breit gestreut. Der DAX etwa umfasst nur 30 Werte. Wenn hier einzelne Branchen temporär sehr stark gewichtet sind, wie um die Jahrtausendwende
Source: Thomson Datastream
Abbildung 3: S&P 500 und US-BIP im Vergleich
Technologie- und Telekommunikationswerte, können andere Werte starke Bewegungen der dominierenden Indizes nur bedingt ausgleichen.
Insgesamt bleibt zu konstatieren, dass Index-Tracking kostengünstig und sehr einfach durchzuführen ist, jedoch nicht als Selbstläufer verstanden werden soll.
Wenn der Markt in Gestalt der großen Indizes nun vielleicht nicht als das zeitlose Allheilmittel für das Depot angesehen wird, die zumeist positiven Entwicklungen der Indizes jedoch mitgenommen werden sollen, liegt es nahe, dem Markt in Teilen zu folgen. Eine Strategie, die für aktive Fonds vergleichsweise weit verbreitet ist.
Fondsmanager stellen ihren Fonds im Kern wie den Index zusammen, verpassen dem Konstrukt aber dann vereinzelte persönliche Nuancen. Das sieht dann in der Praxis etwa so aus, dass Aktie x, die im Leitindex mit 8 Prozent gewichtet ist, im Fonds einen Anteil von nur 6 Prozent hat, während Aktie y im Index nur 5 Prozent ausmacht, in besagtem Fonds aber auf 7 Prozent kommt. Gegenüber dem Vergleichsindex (bzw. der Benchmark) ist der Fondsmanager mit Aktie x untergewichtet und mit Aktie y übergewichtet. Entwickelt sich x eher schlecht und y eher gut und gehen auch andere Abweichungen vom Index überwiegend auf, könnte der Fondsmanager wahrscheinlich eine bessere Entwicklung als der Index erreichen. »Wahrscheinlich« schon alleine deshalb, weil der Fondsmanager alle anfallenden Kosten (Managementgebühren, Transaktionskosten, Depotkosten etc.) noch obendrauf verdienen muss. Eine Hürde, die nicht zu unterschätzen ist.
Wenig überraschend also, dass zahllose Manager den Anspruch, ein besseres Ergebnis als der Markt zu erzielen, nicht erfüllen können. Ergebnisse einzelner Studien zu diesem Thema variieren zwar in den Zahlen, kommen aber zumeist grob zum Schluss, dass in stark frequentierten Märkten 80 Prozent der Fondsmanager auf Dauer nicht den Markt schlagen. In weniger effizienten Märkten, etwa Emerging Markets, oder bei Nebenwerten, kann diese Relation zwar auf bis zu 50 Prozent steigen – ein Kinderspiel ist das »Schlagen« des Index jedoch ganz sicher nicht.
Dazu bleibt das Marktrisiko, das bei indexnahen Fonds kaum eliminiert ist. Bricht der Vergleichsindex um 30 Prozent ein und der Fondsmanager schafft es, in dieser Periode dem Index fünf Prozentpunkte abzunehmen, dann hat der Mann seine Aufgabe gut gelöst. Der generierte Verlust von 25 Prozent ist indes nicht jedermanns Sache. Derartige Erlebnisse betreffen übrigens nicht nur ausgewiesene »indexnahe« Fonds, sondern die meisten Aktienfonds, weil die in den Prospekten verankerten Statuten sehr häufig eine totale Abkehr vom Aktienmarkt nicht vorsehen. Privatanleger haben diese Probleme nicht, sie können in ihren Portfolios beispielsweise die Investitionsquote beliebig variieren. Ein klarer Vorteil. Diese Autarkie, sich an keine vorab starr definierten Statuten zu halten, sondern vollkommen frei zu agieren, ist natürlich auch bei der Aktienauswahl selbst möglich.
Die Freiheit, unabhängig vom Markumfeld nach chancenreichen Aktien zu suchen, betrachte ich als echtes Privileg eines Privatanlegers. Dies gilt ebenso in schwachen Marktphasen für die Suche nach günstigen Werten (die möglichst gering mit dem Markt korrelieren), wie auch in starken Phasen, bei Wetten auf »High-Beta-Stocks« (also Aktien, die die Bewegungen des Index besonders intensiv nachvollziehen). Dazu eine stärkere Marktabstinenz, wenn es gar nicht läuft. Das ist das ideale Verhalten an der Börse. Mit dem Begriff »ideal« klingt an, dass dies zu 100 Prozent kaum erreichbar ist. Machbar ist jedoch in jedem Fall die selbstbewusste und eigene Auswahl von Aktien – das Stock Picking.
Dieses individuelle Vorgehen halte ich für die Königsklasse der langfristig ausgerichteten Aktieninvestitionen. Natürlich ist das Vorgehen, selbst aussichtsreiche Aktien zu suchen und zu finden, extrem aufwändig. Zudem sind auch hier (wie immer an der Börse) Erfolge alles andere als programmiert, in Zeiten haussierender Märkte machen Stock Picker immer wieder schwere Phasen durch. Kommen Index-Tracker doch hier mit einem deutlich geringeren Aufwand zu zumeist besseren Ergebnissen. Doch auf lange Sicht rechnet sich der Einsatz. Ganz sicher auf der Habenseite haben Stock Picker das spannendere und erfülltere Börsenleben.
Die Auswahl der geeigneten Werte kann überaus vielschichtig erfolgen. Generell wird zwischen Top-down- und Bottom-up-Strategien unterschieden. Beim Top-down-Ansatz legen Sie erst eine grobe Marschroute fest, also etwa die Investition in ein bestimmtes Land oder eine spezifische Branche. Dem folgt die Auswahl der geeigneten Werte. »Bottom up« wiederum suggeriert, dass Sie sich zuerst auf der untersten Ebene, also bei den Einzelwerten, umschauen und hier die interessantesten aussuchen. Ich halte eine Kombination beider Verfahren für probat. Das Gerüst sollten einzelne gefundene »Rohdiamanten« sein, ergänzt werden kann und soll das Ganze mit über »Top down« ermittelten Werten, wenn es sehr starke Trends gibt. In den vergangenen Jahren wäre hier der Boom der Solaraktien zu nennen.
Zu Beginn dieses Kapitels möchte ich betonen, dass Kapitalanlage generell und die Anlage an Aktienmärkten im Besonderen höchst subjektive Bereiche sind, für die es keine objektive und allgemeine Richtschnur geben kann. Ein Anleger liebt Nervenkitzel und strebt nach hohen Renditen (und nimmt dafür auch hohe Risiken in Kauf), der andere will sein aufgebautes Vermögen noch bis zur nahenden Rente erhalten und peilt lediglich eine Verzinsung in Höhe der Inflation an.
Manche Investoren bauen sehr stark auf Aktien, andere sehen Dividendenpapiere allenfalls als Depotbeimischung. Kurzum: Es gibt nicht den idealen Aufbau eines Portfolios und ich will nicht den Eindruck erwecken, als könnte ich Ihnen hier Ideallinien vorzeichnen. Das Einzige, was ich kann und will, ist, Sie für ein paar grundlegende Zusammenhänge zu sensibilisieren.
»Don’t put all eggs in one basket.« Auf die Börse übertragen heißt dieses Sprichwort, dass Sie nicht alles auf eine Karte setzen sollen. Anleger, die als einzige Aktie das Dividendenpapier der Deutschen Telekom im Depot hatten, können dies unterschreiben. Wenn es bei einem Wert schlecht läuft und dieser Wert Ihr komplettes Aktien-Exposure ausmacht, stehen Ihrem Depot schlechte Zeiten bevor. Um das zu verhindern, wird das Kapital auf mehrere Werte verteilt. Die erzielte Risikostreuung reduziert die Gefahr für Ihr Depot erheblich. Je weniger die Aktien miteinander korrelieren, umso stärker ist der Diversifikationseffekt. Ein Depot mit einem Stahl-, Versorger- und Pharmatitel ist aller Logik nach ausgeglichener besetzt als ein Portfolio mit drei Stahlwerten. Losgelöst von der Renditeerwartung ist ein Mindestmaß an Verteilung des Aktienvermögens aus Risikogesichtspunkten unabdingbar.
So leicht nachzuvollziehen ist, dass eine oder zwei Aktien zu wenig sind, so wenig ist die Frage beantwortet, welche Anzahl denn wiederum optimal ist. Denn mit jedem neuen Wert sinkt zwar das rechnerische Risiko, doch sinkt im Gegenzug die Transparenz und Übersichtlichkeit. Und spätestens hier versagen die in Lehrbüchern gerne genannten Maßgaben, da hier eine überaus individuelle Entscheidung getroffen werden muss.
Die Frage, die der Anleger sich stellen muss, lautet: Wie viele Werte kann ich gleichzeitig seriös beobachten? Hiermit ist nicht gemeint, einmal am Wochenende auf den Kurs oder Chart zu schauen, sondern die Entwicklung von Aktie und entsprechendem Unternehmen zumindest grob zu verfolgen. Der Mimimalanspruch sollte nach meiner ganz persönlichen Auffassung bei durchschnittlich fünf Minuten in der Woche liegen, wohlgemerkt pro Wert. Wenn Sie Ihrem Depot jede Woche eine Stunde Aufmerksamkeit schenken, sollten Sie folglich nicht mehr als zwölf verschiedene Aktien besitzen. Diese Rechnung wird durch eine Beobachtungsliste modifiziert. Vor der Aufnahme eines neuen Wertes in Ihr Portfolio sollten Sie diesen nach verschiedenen Kriterien überprüft haben und im Normalfall auch über einige Zeit beobachten. Auch diese Zeit gilt es einzuplanen. Sie können nun, wenn Sie noch weitere Zeit für die Beobachtung der Märkte etc. einplanen, sehr schnell in die Lage kommen, dass Ihnen das Ganze mehr Zeit abnimmt, als Ihnen lieb ist. Somit sollten Sie das Ausmaß der Streuung von der für Wertpapierdispositionen zur Verfügung stehenden Zeit abhängig machen. Folgende Faustformel sollte helfen, das Ganze näherungsweise zu bestimmen. Nehmen Sie die zur Verfügung stehende Zeit, teilen Sie diese durch zwei (weil Sie genauso viel Zeit in die Suche künftiger Depotbausteine investieren) und weisen jedem Wert besagte fünf Minuten zu. Wenn Sie nun eine Zahl errechnet haben, die Sie an einer Hand abzählen können, halte ich es zumindest für fragwürdig, ob Sie mit einer zweistelligen Anzahl Werte perfekt bedient sind.
Ein weiterer Punkt ist die abnehmende Qualität Ihrer Ideen: Wenn Sie drei Aktien durchleuchtet haben und bei einem Wert zur Auffassung kommen, dass hier die Chancen für künftige Kursgewinne mit Abstand am höchsten sind, dann ist es doch sehr bedenklich, wenn Sie um der puren Streuung willen das Kapital sicherheitshalber noch auf die »Plätze« zwei bis zwölf verteilen. Sie laufen dann ernsthaft Gefahr, Ihre mutmaßlich gute Idee zu verwässern.
Fazit: Bei der Anzahl der Depotwerte gilt es, Risikostreuung und Übersichtlichkeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Als grobe Richtschnur könnte eine Hausnummer von acht bis fünfzehn Werten dienen, bei denen Sie beide Effekte hinreichend beachten.
Mit dem baldigen Wegfall der Steuerfreiheit auf Spekulationsgewinne, die in einer mehr als einem Jahr währenden Haltefrist erzielt wurden, geht sicher eine aus Anlegersicht dankbare Nische der Geldanlage verloren. Allerdings bleibt Investoren mit dem Wegfall der »Speku-Frist« ein potenzieller Stolperstein erspart. So unschön die Steuerrechtsänderung für Börsianer auch ist – der Wegfall der Frist sorgt dafür, dass zuweilen unsinnige Haltedauern von bestimmten Aktienpositionen ein Ende haben werden. Anleger, die eine Aktie einzig aus dem Grunde länger als geplant gehalten haben, weil sie die Steuerfreiheit der aufgelaufenen Gewinne erreichen wollten, und die dann mitangesehen haben, wie sich die Gewinne wieder auflösten, wissen, wovon ich spreche.
Worauf ich mit diesem Exkurs zur Steuer hinauswill: Es gibt immer Motive und externe Gründe, warum eine Aktie noch länger gehalten werden soll – etwa die Hoffnung auf eine bevorstehende Rally des Gesamtmarktes oder das Wiedererreichen des Einstandskurses bei Positionen, die unter Wasser notieren.
All das halte ich für wenig hilfreich. Es macht keinen Sinn, aus der Haltedauer die Entscheidung abzuleiten, ob eine Aktie wieder verkauft werden soll. Auch wenn ein Wert lange Zeit vor sich hindümpelt, reicht das noch nicht für eine Verkaufsentscheidung. Trennen sollten Sie sich ausschließlich dann, wenn Sie auch für die Zukunft stagnierende oder gar fallende Kurse erwarten oder das Kapital für
Source: Thomson Datastream
Abbildung 4: Entwicklung der Volkswagen-Aktie
eine mutmaßlich bessere Investition, die Sie »ausgegraben« haben, einsetzen wollen.
Noch fahrlässiger finde ich den Umgang mit Kurszielen. Das Erreichen eines Kursziels oder »fairen Werts« kann sicher (wie jeder Kursanstieg) zu einem Nachdenken über ein Engagement verleiten, sollte aber nicht überhastet zum Verkauf genutzt werden. In der Realität passen Analysten im Übrigen zumeist ihre Kursziele den Kursen an, und nicht umgekehrt, wie Beobachter annehmen könnten.
Ein populäres Beispiel für die schlichte Unkalkulierbarkeit der Reichweite einer Rally (weder zeitlich noch am Kursniveau gemessen) ist der Auftrieb, den die Volkswagen-Aktie seit dem Einstieg der Porsche AG erlebt hat (siehe Abbildung 4). Einigkeit bestand wohl unter allen Investoren, dass die Teilübernahme durch Porsche den Kurs beflügeln wird. Wie lange die aus dem Zukauf resultierende Rally dauern wird und in welche Dimensionen das Ganze die Volkswagen-Aktie hievt, hat indes wohl keiner erwartet.
Fazit: Dem Grundsatz nach gibt es keine ideale Haltedauer im Depot. Sinnvolle Investitionen können mehrere Jahre dauern, aber auch schon nach einigen Wochen abgeschlossen sein. Behalten Sie die nötige Flexibilität. Im Normalfall sollten Sie jedoch davon ausgehen, dass eine Spekulation (nicht zu verwechseln mit einem »Trade«) einige Monate minimale Halbwertszeit hat. Wenn Sie darauf wetten, dass der Markt die Unterbewertung einer bestimmten Aktie erkennen soll, dann ist es eine fast schon euphemistische Annahme, dass diese Erkenntnis sich wenige Tage nach Ihrem Einstieg im Markt durchsetzt. Generell sollten Sie der Maxime folgen »Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen« (siehe Kapitel 8).
Auch wenn sich dieses Buch ausschließlich mit dem Kauf und Verkauf von Aktien beschäftigt, will ich Sie an dieser Stelle abermals dafür sensibilisieren, dass die Kapitalanlage niemals ausschließlich auf Aktien basieren sollte. Zu einem strukturierten Vermögensaufbau gehören auch Renten und Immobilien, je nach individueller Präferenz kann das Portfolio zudem mit »Spezialitäten« wie Edelmetallen, Rohstoffzertifikaten oder etwa Optionen bestückt werden. Die Anteile der einzelnen Klassen können nur individuell festgelegt werden, doch einige Faustformeln lassen sich dennoch aufstellen.
So sollten Aktien – in der Regel die Papiere mit dem größten Risiko – nicht nur spekulativen, sondern auch tendenziell jüngeren Investoren vorbehalten sein. Der erste Punkt ist selbstredend, der zweite erklärt sich aus der hohen Schwankung von Aktienkursen und der schlecht im Voraus zu kalkulierenden Rendite, die Aktienanlagen aufweisen. Jemand, der jünger ist, hat einen längeren Zeitraum zur Verfügung, um Fehlentwicklungen zu glätten. In diesem Zusammenhang begegnen Sie in der Finanzpresse immer wieder einer Formel, die ich für eine sehr gute Näherung halte: Demnach soll der prozentuale Aktienanteil im Depot nicht höher sein als 100 minus dem aktuellen Lebensalter.
Nutzen Sie geringe oder sogar negative Korrelationen zwischen den Asset-Klassen. Dieser Leitsatz ist in den vergangenen Jahren ein wenig verloren gegangen, nicht zuletzt, weil die Überliquidität in den Märkten nahezu alle Vermögenswerte gleichzeitig verteuert hat. Dies ist nicht der Normalzustand. Üblicherweise entwickeln sich die Märkte weniger homogen, was Ihnen als Anleger nutzt. Ich halte es für eine probate Vorgehensweise, die Gewichtungen insgesamt nicht nur vom Risikoprofil und der persönlichen Situation abhängig zu machen, sondern auch den jeweiligen Marktphasen anzupassen. So laufen Rohstoffe gegenwärtig so gut wie seit den späten 1970er Jahren nicht mehr, dementsprechend sollten sie ganz anders akzentuiert werden als etwa vor zehn Jahren.
In jedem Fall bleiben Aktien unter allen Asset-Klassen die spannendste, aber auch arbeitsintensivste Gattung. Sie werden nicht umher kommen, Aktien am zeitnächsten zu verfolgen, am häufigsten umzuschichten und am akribischsten zu untersuchen. Um an die richtigen Aktien zur rechten Zeit und zum rechten Preis zu kommen, gibt es verschiedene Methoden. Die grundlegendste Unterscheidung ist die zwischen fundamentaler und charttechnischer Analyse.
Der Unterschied zwischen technischer und fundamentaler Analyse lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: Bei der Fundamentalanalyse wird der Wert analysiert, bei der technischen Analyse das Verhalten der anderen Marktteilnehmer. Beide Methoden lassen sich im Prinzip in allen Märkten (Aktien, Renten, Devisen, Rohstoffe etc.) anwenden, beide Vorgehensweisen haben ihre volle Daseinsberechtigung, aber auch ihre Tücken, so dass es sinnvoll ist, beide Methoden kombiniert anzuwenden. Sie investieren nur dann, wenn »beide Ampeln auf grün springen«, also sowohl die Fundamentaldaten wie auch das Chartbild ein einladendes Bild aufweisen.
Sie sollten daher beide Arten der Analyse kennenlernen, sich aber vom Start weg einräumen, dass Sie nur einen Weg richtig gut beherrschen werden. Mir ist in meinem ganzen Leben noch kein hauptberuflicher Börsianer begegnet, der sowohl begnadeter »Fundi« als auch herausragender »Techniker« ist. Dennoch kennt sich jeder ein wenig in der Vorgehensweise der anderen aus, eben um die Ergebnisse abgleichen zu können. Auch ich versuche, meine fundamental abgeleiteten Entscheidungen immer noch einmal technisch zu überdenken. Weil die Charttechnik Vorzüge hat, die die Fundamentalanalyse nicht bietet.
Technische Analyse kann – ohne die zahlreichen erfolgreichen und anerkannten technischen Analysten diskreditieren zu wollen – klar als der bequemere Weg umschrieben werden. Bei der technischen Analyse setzen Sie im Prinzip darauf, dass die anderen Marktteilnehmer bereits einen guten Job gemacht haben. Sie vertrauen auf zwei Dinge:
Der Markt als die Summe der Transaktionen aller Börsianer hat recht und liefert Ihnen regelmäßig klare Muster, wie es weitergeht. Ihre Fähigkeit, die Muster zu lesen. Idealerweise sind diese Muster, die sich aus mehreren Komponenten und Indikatoren zusammensetzen können, so eindeutig, dass der technisch versierte Investor sie erkennt, jedoch nicht so klar, dass alle anderen Anleger sich auf den Wert stürzen.Die eingangs genannte »Bequemlichkeit« – oder nennen wir es besser Effizienz – hat zwei Facetten. Einerseits ist der Research-Ansatz ökonomischer; einhundert Charts zu analysieren geht in jedem Fall schneller, als die entsprechenden einhundert Bilanzen zu wälzen. Zudem sind Techniker definitiv Allrounder über alle Asset-Klassen, was ein Fundamentalanalyst kaum von sich behaupten kann. Vernünftige Charts und Indikatoren gibt es zu allen liquiden Märkten, gleich ob Aktien, Zins-Futures, Währungsparitäten, Edelmetalle oder andere Rohstoffe betrachtet werden. Somit hat die Spezialisierung auf die Charttechnik unschätzbaren Wert hinsichtlich der Flexibilität.
Unbrauchbar ist technische Analyse andererseits immer dann, wenn Märkte illiquide sind und dementsprechend wenig Marktteilnehmer die Trends vorzeichnen können. Auch Wertpapiere mit einer noch recht jungen Historie sind technisch kaum auswertbar.
Eine weitere aufziehende Gefahr für die technische Zunft sehe ich in der zunehmenden Computerisierung der Börse. Eben weil technische Analyse am besten frei von Emotionen geschieht und sehr mathematisch durchgeführt wird (anhand bekannter Muster aus der Vergangenheit wird die Wahrscheinlichkeit abgeschätzt, ob der beobachtete Wert steigt oder fällt) ist es naheliegend, dass gerade hier Computer immer mehr den Menschen ersetzen. Ähnlich wie der Mensch beim Schachspiel irgendwann nicht mehr mit den neuesten Generationen der Schachcomputer mithalten kann, könnte der massive Einsatz von vollautomatischen Handelsprogrammen, die kurzfristigen Trends folgen, viele rein technisch orientierte Akteure aus dem Markt drängen.
Die soeben genannte Gefahr durch Computersysteme, die Hedgefonds oder Banken nutzen, gibt es auch bei der fundamentalen Seite immer mehr. Genauso wie es vollautomatisierte Systeme gibt, die Aktien nach den Mustern im Chartbild kaufen oder verkaufen, gibt es Systeme, die nach festgelegten Kriterien aus der Fundamentalanalyse einsammeln, etwa Werte mit der höchsten Dividendenrendite kombiniert mit einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis. Die Crux dieser Programme: Sie arbeiten nach Parametern, die nur objektiv bleiben, wenn es Vergangenheitsdaten sind. Die Schätzungen für zukünftige Unternehmensgewinne, überaus maßgeblich für Unternehmensbewertungen, sind hingegen subjektiv und alles andere als gewiss.
Und da an der Börse (zumeist) des einen Leid die Freud des anderen ist, sehen Sie, dass die Systemfehler der Handelssysteme eine mutmaßliche Gelegenheit für Fundamentalanleger sind. Denn wer durch akribische Analyse erkennt, dass die durchschnittliche Gewinnerwartung für eine bestimmte Aktie zu hoch oder zu niedrig ist, der hat eine hervorragende Chance, hier ansehnliche Renditen zu erzielen.
