Beschreibung

Nachschub für die Colleen-Hoover-Fangemeinde! Nur ein einziges Mal sind sie sich begegnet, doch Daniel kann sie nicht vergessen: die Unbekannte, die nach einer mehr als romantischen Stunde vor ihm davonlief wie Cinderella vor dem Prinz. Seither redet Daniel sich erfolgreich ein, dass es die große Liebe ohnehin nur im Märchen gibt. Bis er bei seinem Freund Dean Holder auf Six trifft, die beste Freundin von Sky – und es ihn trifft wie einen Blitzschlag…

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EPUB

Seitenzahl: 216


Colleen Hoover

Finding Cinderella

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Katarina Ganslandt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Für Stephanie und Craig

Ghetto-Faust!

Prolog

»Du hast dir echt ein Tattoo stechen lassen? Du?« Mir ist schon klar, dass ich mich wie ein minderbemittelter Idiot anhöre, der alles dreimal sagen muss, aber das zeigt nur, wie fassungslos ich bin. Holder und ein Tattoo … das passt so was von überhaupt nicht, dass ich es einfach nicht glauben kann. Okay, wenn ich ihn dazu überredet hätte, wäre das etwas anderes, aber ich wusste ja noch nicht mal, dass er darüber nachdenkt!

»Jesus, Daniel«, höre ich ihn durchs Handy stöhnen. »Ja, verdammt, ich hab mir ein Tattoo stechen lassen. Krieg dich wieder ein.«

»Ich finde es ja nur komisch, dass du dir ausgerechnet so ein Wort auf den Arm tätowieren lässt. Ich meine … Hopeless. Ganz schön deprimierend, das jetzt ein Leben lang mit dir rumzuschleppen, oder? Aber auch ziemlich cool. Hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

»Mein nächster Kurs fängt gleich an, ich muss Schluss machen. Wir telefonieren gegen Ende der Woche noch mal, okay?«

Ich seufze. »Hier ist es so was von öde ohne dich, Alter. Der einzige Lichtblick des Tages ist die fünfte Stunde.«

»Wieso? Welchen Kurs hast du da?«, fragt er.

»Gar keinen. Die im Sekretariat haben irgendwie vergessen, mich für einen einzutragen, und weil ich nicht riskieren will, dass das jemand mitbekommt, verstecke ich mich immer in der Putzkammer.«

Holder lacht.

Mir fällt auf, dass es das erste Mal ist, dass ich ihn lachen höre, seit sich seine Zwillingsschwester Les vor zwei Monaten das Leben genommen hat. Vielleicht war es ja doch gut, dass er zu seinem Vater nach Austin gezogen ist. »Dann hau rein«, verabschiede ich mich, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. »Ich halte jetzt meine tägliche Siesta.«

»Bis bald«, sagt Holder in dem Moment, in dem es zur nächsten Stunde gongt.

Ich stelle den Timer meines Handys auf fünfzig Minuten und lege es ins Regal. Danach knipse ich das Licht aus, knautsche meine Jacke zu einem improvisierten Kopfkissen zusammen und mache es mir auf dem Boden bequem. Ich schließe die Augen und denke zum tausendsten Mal darüber nach, wie durch und durch beschissen das alles ist. Es tut mir total leid, dass ich nichts für Holder tun kann. Erst hat er seine Schwester verloren, und dann musste er sich auch noch mit den Arschlöchern an unserer Schule auseinandersetzen, die natürlich wild darüber spekuliert haben, warum Les sich umgebracht hat. Jetzt ist mein bester Freund in Austin, und ich bin allein hier zurückgeblieben, mitten in dieser Meute verrotteter Stinkmorcheln. Mir ist klar, dass ich nicht einmal annähernd nachfühlen kann, wie es in ihm aussieht. Bei mir ist noch nie jemand gestorben, erst recht nicht jemand, der mir so nahesteht wie zum Beispiel meine eigenen Schwestern.

Wenn ich mit Holder telefoniere, sprechen wir nie über Les’ Tod, was ihm wahrscheinlich auch ganz recht ist. Was sollte ich ihm schon für Ratschläge geben? Ich denke, es tut ihm gut, wenn ich mich ihm gegenüber einfach so verhalte wie immer – im Gegensatz zu diesen ganzen heuchlerischen, feigen Rattenärschen an der Schule. Wenn sie nicht gewesen wären, dann wäre er wahrscheinlich nie nach Austin gezogen und die Schule wäre nicht halb so beschissen wie jetzt.

Aber sie ist beschissen und ich hasse alle. Wirklich alle. Alle außer Holder.

Ich räkele mich und strecke genüsslich die Beine aus. Wenigstens hab ich diese Freistunde geschenkt bekommen. Das ist das einzig Gute an diesem Schuljahr.

 

Ich werde unsanft geweckt, als plötzlich die Tür zuknallt und etwas Schweres auf mir landet.

Zur Hölle, was …?

In der Dunkelheit kann ich nicht erkennen, was es ist. Als ich mich aufsetze und versuche, es wegzuschieben, ertaste ich weiche Haare.

Ist das etwa ein Mensch?

Ein … Mädchen?

Ich höre unterdrücktes Schluchzen.

Scheiße, das ist echt ein Mädchen, das gerade im wahrsten Sinne hier reingestürzt ist. Ein weinendes Mädchen.

»Hey«, sage ich überrascht. Wir versuchen beide im selben Moment aufzustehen und knallen prompt mit den Köpfen aneinander.

»Aua«, sagt sie.

Wir lassen uns wieder auf den Boden zurückfallen. »Sorry«, murmle ich und reibe mir die Stirn. Wir hocken regungslos aufeinander, und ich höre, wie sie leise schnieft.

Da die Kammer kein Fenster hat, ist es hier drin wirklich stockdunkel, und man kann buchstäblich die Hand nicht vor den Augen sehen. Aber es macht mir nichts aus, dass dieses Mädchen immer noch praktisch auf mir sitzt, weil ich nämlich gerade festgestellt habe, dass sie verdammt gut riecht.

»Ich glaub, ich hab mich in der Tür geirrt«, sagt sie. »Ich dachte, hier wäre eine Toilette.«

Ich schüttle den Kopf, auch wenn das ziemlich sinnlos ist, weil sie es ja nicht sehen kann. »Nein, keine Toilette. Du bist in der Putzkammer gelandet«, kläre ich sie auf. »Aber warum weinst du? Hast du dir wehgetan, als du über mich gestolpert bist?«

Sie seufzt so tief, dass ihr ganzer Körper bebt, und ihre Traurigkeit ist so intensiv spürbar, dass es mich selbst ganz traurig macht. Ohne nachzudenken, schlinge ich die Arme um sie, was sie okay zu finden scheint, jedenfalls legt sie sofort ihren Kopf an meine Brust. Ziemlich verrückt, dass wir innerhalb von ein paar Sekunden so vertraut miteinander umgehen, obwohl wir nicht einmal wissen, wie wir aussehen.

Es ist verrückt, aber es fühlt sich gleichzeitig so natürlich und sexy und traurig und merkwürdig und gut an, dass ich sie am liebsten gar nicht mehr loslassen würde. Das Ganze kommt mir irgendwie vor wie ein Märchen. So als wäre ich Peter Pan und sie Tinkerbell.

Obwohl … Moment mal, Peter Pan will ich nicht sein, der bleibt ja für alle Zeiten ein kleiner Junge. Aber vielleicht könnte sie Cinderella sein und ich ihr Prinz. Cool, das gefällt mir schon besser. Cinderella ist total hübsch und sieht sogar dann noch superheiß aus, wenn sie in ihrem dreckigen Lumpenkleid den rußigen Kamin fegt. Irgendwie passt es ja auch ganz gut dazu, dass wir uns in einer Putzkammer kennengelernt haben.

Ich spüre, wie sie die Hand hebt, und nehme an, dass sie sich die Tränen wegwischt.

»Ich hasse sie«, stößt sie mit erstickter Stimme hervor.

»Äh … wen genau?«, erkundige ich mich vorsichtig.

»Alle«, sagt sie. »Ich hasse alle.«

Ich schließe die Augen und streichle ihr über die Haare. Endlich mal jemand, dem es so geht wie mir. Sie hat zwar nicht gesagt, warum sie alle hasst, aber so wie sie geweint hat, wird sie schon gute Gründe dafür haben.

»Geht mir genauso. Ich hasse auch alle, Cinderella.«

Sie lacht leise. Keine Ahnung, warum – vielleicht, weil ich sie Cinderella genannt habe –, aber wenigstens weint sie jetzt nicht mehr. Ihr Lachen klingt wahnsinnig süß, und ich frage mich, wie ich sie dazu bringen könnte, es mich noch mal hören zu lassen. Während ich noch überlege, was ich Witziges sagen könnte, hebt sie den Kopf und rutscht ein Stück näher an mich heran. Bevor ich begreife, was passiert, spüre ich ihre Lippen auf meinen und bin im ersten Moment so überrumpelt, dass ich nicht weiß, ob ich sie wegschieben oder ihren Kuss erwidern soll. Als ich mich gerade für Letzteres entschieden habe, löst sie sich auch schon von mir, und alles ist genauso schnell vorbei, wie es angefangen hat.

»Entschuldige bitte«, murmelt sie. »Ich sollte jetzt wohl besser gehen.« Sie macht Anstalten aufzustehen, aber ich halte sie am Arm zurück.

»Nein, geh nicht.« Kurz entschlossen lege ich meine Lippen wieder auf ihre und küsse sie, während ich sie langsam mit mir zu Boden ziehe und ihren Kopf auf meine Jacke bette. Ihr Mund schmeckt nach Starburst-Kaubonbons und weckt in mir das Bedürfnis, sie so lange zu küssen, bis ich das genaue Fruchtaroma herausgeschmeckt habe.

Ihre Finger krallen sich in meinen Unterarm, als meine Zunge zwischen ihre Lippen gleitet. Sie schmeckt nach … Erdbeere.

Wie in Trance streicht sie meinen Arm hinauf, vergräbt die Hand in meinen Haaren und lässt sie dann wieder hinabgleiten, während ich nur ihre Taille umfasse, ohne einen anderen Teil ihres Körpers zu berühren. Wir erforschen einander mit Lippen und Zunge. Küssen uns, bis irgendwann mein Timer losgeht. Aber selbst dann hören wir nicht auf, sondern küssen uns bestimmt noch eine volle Minute lang selbstvergessen weiter, bis draußen im Flur der Gong ertönt und das Knallen von Schließfachtüren, laute Schritte und Stimmengewirr diesem Märchen unwiederbringlich ein Ende setzen. Ich lasse meine Lippen noch einen Moment an ihren und ziehe mich dann widerstrebend zurück.

»Ich muss in den Unterricht«, flüstert sie.

Obwohl sie mich nicht sehen kann, nicke ich. »Ich auch.«

Sie rutscht unter mir hervor, und als ich mich auf den Rücken rolle, beugt sie sich noch einmal zu mir herunter. Ihr Mund berührt meinen ganz kurz, dann steht sie auf.

Als sie die Tür öffnet und grelles Licht hereinströmt, kneife ich instinktiv die Augen zusammen und lege schützend einen Arm über mein Gesicht.

Ich höre, wie die Tür zugezogen wird, und bevor ich mich an die Helligkeit gewöhnen kann, ist es um mich schon wieder dunkel geworden.

Ich seufze schwer und bleibe noch ein paar Sekunden liegen, bis meine körperliche Reaktion auf ihren Besuch nachgelassen hat. Keine Ahnung, wer dieses Mädchen war und was sie hier wollte, aber ich hoffe bei Gott, dass sie wiederkommt. Ich brauche mehr von dem, was ich gerade gespürt habe. Viel mehr.

 

Cinderella ist nicht zurückgekommen. Am nächsten Tag nicht und auch nicht am übernächsten. Heute ist es eine ganze Woche her, dass sie mir buchstäblich in die Arme gefallen ist. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass das Ganze bloß ein Traum war. Ich war an dem Tag ziemlich übermüdet, weil ich am Abend vorher mit Chunk einen Zombiefilm nach dem anderen geschaut und nur zwei Stunden geschlafen hatte. Trotzdem komisch. Normalerweise sind meine Träume nicht so märchenhaft.

Aber ganz unabhängig davon, ob sie jemals zurückkommt oder ich sie mir nur eingebildet habe, bleibt mir meine wunderbare Freistunde, während der ich mich weiterhin in der Putzkammer verstecke, damit niemand dahinterkommt. Ich habe es mir gerade auf dem Boden gemütlich gemacht, um ein bisschen zu dösen, als die Tür einen Spaltbreit geöffnet wird.

»Junge vom letzten Mal?«, höre ich sie flüstern. »Bist du wieder da?«

Mein Herz schlägt sofort schneller. Wobei ich nicht sagen kann, ob es damit zusammenhängt, dass sie tatsächlich zurückgekommen ist, oder damit, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich will, dass sie die Tür ganz aufmacht. Plötzlich denke ich, dass es mir vielleicht lieber ist, gar nicht zu wissen, wie sie aussieht.

»Ja … bin ich«, sage ich mit trockenem Mund. Weil es irgendwie komisch wäre, am Boden liegen zu bleiben, stehe ich hastig auf und setze mich auf die breite Arbeitsfläche an der Rückwand des Raums.

Die Tür ist immer noch nur einen Spaltbreit geöffnet. Das Mädchen schlüpft so schnell in den Raum, dass ich nur ihre Silhouette erkennen kann, und schließt die Tür sofort wieder.

»Darf ich mich noch mal bei dir verstecken?« Ihre Stimme klingt anders als beim letzten Mal.

»Heute weinst du nicht«, stelle ich fest.

Ich höre, wie sie sich mit vorsichtigen Schritten durch die Dunkelheit auf mich zubewegt. Sie streift mein Knie, als sie an mir vorbeikommt, betastet die Arbeitstheke und zieht sich dann hoch, bis sie neben mir sitzt.

»Heute bin ich auch nicht traurig«, sagt sie. Ihre Stimme ist ganz nah.

»Das ist gut.« Wir sagen ein paar Sekunden lang nichts, aber die Stille ist angenehm. Ich weiß nicht, warum sie zurückgekommen ist oder warum sie eine Woche gebraucht hat, um zurückzukommen, aber ich bin froh, dass sie da ist.

»Was hast du letzte Woche eigentlich hier gemacht?«, fragt sie schließlich. »Und wieso bist du jetzt wieder hier?«

»Stundenplanlücke. Die haben vergessen, mich in der fünften Stunde für einen Kurs einzuteilen, deswegen verstecke ich mich und hoffe, dass niemand etwas mitbekommt.«

Sie lacht. »Wow. Glück gehabt.«

»Jep.« Wieder ist es eine Zeit lang still. Wir umklammern beide die Kante der Arbeitsfläche, und als sie anfängt, mit den Beinen zu baumeln, berühren sich unsere kleinen Finger leicht. Irgendwann greife ich nach ihrer Hand und ziehe sie auf meinen Schenkel. Dass ich ihre Hand halte, hat etwas seltsam Unschuldiges und erscheint mir fast wie ein Rückschritt – immerhin haben wir letztes Mal mindestens eine Viertelstunde lang heftig rumgeknutscht.

Sie verschränkt ihre Finger mit meinen und lacht leise. »Hey, das fühlt sich total schön an«, sagt sie. »Ich hab noch nie mit jemandem Händchen gehalten.«

Ich erstarre.

Wie alt ist sie?

Als sie mich vorhin »Junge« genannt hat, habe ich kurz überlegt, ob sie womöglich Lehrerin sein könnte. Jetzt frage ich mich, ob sie nicht im Gegenteil viel zu jung für mich ist. »Du bist aber nicht von der Junior High, oder?«, frage ich vorsichtig.

Sie lacht. »Gott, nein. Ich hab einfach nur noch nie Händchen gehalten. Die Typen, mit denen ich zusammen war, haben das romantische Vorprogramm immer ausgelassen. Aber es fühlt sich echt nett an. Ich mag es.«

»Ja«, stimme ich ihr zu. »Es fühlt sich echt nett an.«

»Warte mal.« Jetzt ist sie erschrocken. »Bist du etwa von der Junior High?«

»Nein«, sage ich. »Da komm ich erst nächstes Jahr hin.«

Sie versetzt mir einen leichten Stoß und wir lachen beide. »Ganz schön komisch, oder?«, sagt sie.

»Kannst du das präzisieren«, bitte ich sie. »Es gibt nämlich gerade ein paar Dinge, die ein bisschen komisch sind, deswegen weiß ich nicht, was genau du meinst.« Ich spüre, wie sie neben mir mit den Schultern zuckt.

»Keine Ahnung. Das hier. Dass wir uns geküsst haben und jetzt Händchen halten und reden, obwohl wir nicht mal wissen, wie wir aussehen.«

»Ich sehe echt gut aus«, sage ich.

Sie lacht wieder.

»Doch, ehrlich. Wenn du mich sehen könntest, würdest du vor mir auf die Knie fallen und mich anflehen, dein Freund zu werden, damit du mit mir vor deinen Freundinnen angeben kannst.«

»Ziemlich unwahrscheinlich«, sagt sie trocken. »Ich habe nämlich grundsätzlich keine Lust, die Freundin von irgendwem zu sein. Meiner Meinung nach werden feste Beziehungen extrem überbewertet.«

»Okay, aber wenn du keinen Freund hast und mit niemandem Händchen hältst, was machst du dann mit den Typen, von denen du vorhin gesprochen hast?«

Sie lacht. »So ziemlich alles andere. Ich hab einen ganz schön schlimmen Ruf weg. Es könnte gut sein, dass wir beide schon mal miteinander im Bett waren und uns bloß nicht aneinander erinnern.«

»Unmöglich. Du hättest mich niemals vergessen.«

Sie lacht wieder, und obwohl es mir wahnsinnigen Spaß macht, mich mit ihr zu unterhalten und Händchen zu halten, weckt ihr sexy Lachen in mir den Wunsch, sie sofort mit mir zu Boden zu ziehen und zu küssen.

»Siehst du wirklich so gut aus?«, fragt sie nach einer kurzen Pause.

»Nicht bloß gut. Umwerfend«, antworte ich.

»Lass mich raten. Dunkelbraune Haare, braune Augen, modelmäßiger Sixpack, Zähne wie aus der Zahnpastawerbung, Klamotten von Abercrombie & Fitch.«

»Nah dran«, sage ich. »Hellbraune Haare. Die Augenfarbe stimmt, Sixpack und Zähne auch, aber American Eagle Outfitters ist mehr mein Style.«

»Beeindruckend«, sagt sie.

»Okay. Dann bin ich jetzt dran.« Ich drehe mich zu ihr um, auch wenn ich sie nicht sehen kann. »Du hast blonde Haare, große blaue Augen, trägst ein weißes Minikleid mit dazu passender Mütze, hast türkisblaue Haut und … bist ungefähr einen halben Meter groß.«

Sie lacht laut auf. »Stehst du etwa auf Schlumpfinchen?«

»Man wird ja wohl noch träumen dürfen.«

Ihr fröhliches Lachen versetzt mir einen Stich. Einerseits würde ich verdammt gern wissen, wie sie wirklich aussieht, andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass ich sie dann höchstwahrscheinlich längst nicht mehr so begehrenswert finden würde.

Als ihr Lachen verstummt, wird es wieder still im Raum. Diesmal hat die Stille etwas Unbehagliches.

»Das ist heute mein letzter Besuch bei dir«, sagt sie plötzlich leise. Überrascht von der Enttäuschung, die sofort in mir aufsteigt, drücke ich ihre Hand. »Bald fangen die Sommerferien an und danach bin ich sowieso erst mal weg. Ich glaube, es ist besser, wenn ich nicht mehr herkomme. Irgendwann würden wir doch das Licht anmachen oder uns würde herausrutschen, wie wir heißen, und dann … Ich glaube, ich will gar nicht wissen, wer du bist.«

Ich streiche mit dem Daumen über ihren Handrücken. »Aber warum bist du dann heute noch mal hergekommen?«

Sie atmet leise aus. »Weil ich mich bei dir bedanken wollte.«

Ich lache. »Wofür denn? Dass ich dich geküsst habe? Mehr hab ich doch gar nicht gemacht.«

»Ja, genau«, sagt sie sachlich. »Dafür, dass du nicht mehr gemacht hast. Es ist echt lange her, dass ich einen Jungen getroffen habe, der mich bloß geküsst hat und nicht gleich mehr wollte. Ich hab das Gefühl, die Typen sind alle so scharf auf das, was nach dem Küssen kommt, dass sie überhaupt nicht wissen, wie schön so ein Kuss sein kann.«

Ich schüttle den Kopf. »Das ist ziemlich deprimierend«, sage ich. »Aber ich weiß nicht, ob ich deine Dankbarkeit verdient habe. Ich bin nämlich auch nicht gerade dafür berühmt, mir besonders viel Zeit zu lassen. Dass ich letzte Woche nicht mehr bei dir versucht habe, liegt vor allem daran, dass du eine ziemlich sensationelle Küsserin bist.«

»Ja, ich weiß«, sagt sie selbstbewusst. »Stell dir mal vor, wie toll es erst wäre, mit mir zu schlafen.«

Ich muss schlucken, weil meine Kehle plötzlich trocken wird. »Glaub mir, das hab ich mir bereits in aller Ausführlichkeit vorgestellt. Die ganzen letzten sieben Tage lang.«

Vielleicht macht meine Bemerkung sie verlegen, jedenfalls hört sie abrupt auf, mit den Beinen zu baumeln.

»Weißt du, was auch ganz schön traurig ist?«, sagt sie. »Ich hab noch nie mit jemandem Liebe gemacht.«

Ich muss sagen, dass unsere Unterhaltung eine ziemlich merkwürdige Richtung nimmt. »Es ist doch nicht schlimm, dass du noch Jungfrau bist«, versuche ich sie zu trösten. »Du hast genug Zeit.«

Sie lacht, aber diesmal ist es kein frohes Lachen. Komisch, dass ich ihre Stimmungen so gut einordnen kann, obwohl wir uns praktisch nicht kennen.

»Ich bin alles andere als eine Jungfrau«, sagt sie. »Genau deswegen finde ich es ja so schade. Mir macht Sex echt Spaß, aber ich war in keinen von den Jungs, mit denen ich geschlafen habe, wirklich verliebt. Genauso wenig wie die in mich. Manchmal frage ich mich, ob der Sex anders ist, wenn man sich liebt. Schöner.«

Mir wird klar, dass ich darauf selbst keine Antwort weiß. Ich bin in keines der Mädchen, mit denen ich bis jetzt im Bett war, verliebt gewesen. »Gute Frage«, sage ich. »Und irgendwie traurig, da hast du recht. Bei mir ist es nicht anders. Tja … Dass wir beide noch nie jemanden ›geliebt‹ haben, obwohl wir nicht gerade unerfahren sind, sagt wahrscheinlich eine Menge über unseren Charakter aus, oder?«

»Ja«, stimmt sie mir leise zu. »Garantiert. Eine Menge Trauriges.«

Wir schweigen beide, und ich überlege, ob ich schon jemals mit einem der Mädchen, mit denen ich Sex hatte, Händchen gehalten habe. Nicht dass es so rasend viele gewesen wären, aber immerhin doch so viele, dass ich mich nicht an jede Einzelne gleich erinnere. »Vielleicht bin ich ja einer der Typen, von denen du vorhin gesprochen hast«, sage ich zögernd. »Ehrlich gesagt weiß ich nämlich nicht, ob ich schon mal mit einem Mädchen Händchen gehalten habe.«

»Du hältst gerade meine«, sagt sie.

Ich nicke. »Stimmt.«

Es vergehen ein paar Sekunden. »Was ist, wenn ich nachher hier rausgehe und das mit dir war das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich mit jemandem Händchen gehalten habe? Was ist, wenn es so weitergeht wie bisher und ich nie herausfinde, ob der Sex anders ist, wenn man verliebt ist?«

»Das muss nicht sein. Such dir jemanden, den du so richtig gut findest, und lass dich auf ihn ein. Vielleicht verliebst du dich in ihn und dann könnt ihr Tag und Nacht Liebe machen.«

Sie stöhnt. »Bei der Vorstellung, mich fest an jemanden zu binden, krieg ich Beklemmungen. Ich würde zwar echt gern wissen, ob der Sex anders ist, wenn man verliebt ist, aber … nein. Ich hab noch nie jemanden kennengelernt, mit dem ich fest zusammen sein wollte.«

Ich denke über diese Bemerkung eine Weile nach. Ist dieses Mädchen womöglich so was wie die weibliche Version von mir selbst? Zwar habe ich nicht so einen Horror vor festen Beziehungen wie sie, aber ich habe definitiv noch keinem Mädchen gesagt, dass ich sie liebe, und hoffe, ehrlich gesagt, dass ich mein Leben noch eine ganze Weile auskosten kann, bevor ich mich für immer an jemanden binde.

»Und du wirst wirklich nicht wiederkommen?«, frage ich.

»Nein, ich werde nicht wiederkommen«, sagt sie mit fester Stimme.

»Okay …« Ich lasse ihre Hand los, rutsche von der Arbeitsfläche und stelle mich vor sie hin. »Dann lass uns dein Dilemma jetzt gleich lösen.«

Sie lehnt sich zurück. »Welches Dilemma?«

Ich lege meine Hände um ihre Hüfte und ziehe sie bis zur Kante vor. »Wir haben noch ungefähr eine Dreiviertelstunde Zeit. Das reicht, um Liebe zu machen. Nur so können wir herausfinden, ob es sich für dich lohnt, irgendwann später eine feste Beziehung mit jemandem einzugehen. Hinterher weißt du ein für alle Mal Bescheid und musst dir keine Sorgen mehr machen, womöglich niemals zu erfahren, wie es gewesen wäre.«

Sie lacht ungläubig. »Wie sollen wir mit jemandem Liebe machen, den wir nicht lieben?«

Ich beuge mich zu ihr vor, bis mein Mund dicht an ihrem Ohr ist. »Indem wir uns die Liebe vorspielen.«

Sie hält kurz die Luft an, dann dreht sie so langsam den Kopf, dass ihre Lippen meine Wange streifen. »Und wenn wir schlechte Schauspieler sind?«, flüstert sie.

Ich schließe die Augen, weil mir bei der Vorstellung, dass ich womöglich wirklich gleich mit diesem Mädchen schlafen werde, fast schwindelig wird.

»Wir können ja einen kurzen Probedurchlauf machen«, schlägt sie vor. »Wenn das Vorspiel mich überzeugt, lasse ich mich vielleicht auf diese komplett absurde Idee ein.«

»Abgemacht.« Ich trete einen Schritt zurück, ziehe meine Jacke und mein T-Shirt aus und breite sie als improvisiertes Liebeslager auf dem Boden aus. Anschließend drehe ich mich wieder zu ihr um, fasse sie um die Taille und hebe sie von der Theke. Sie schlingt die Beine um mich und legt ihren Kopf an meinen Hals. »Oh.« Sie streicht über meine nackten Schultern. »Wo ist denn dein Shirt geblieben?«

Ich gehe zusammen mit ihr in die Knie und lasse sie sanft zu Boden gleiten.

»Du liegst darauf«, raune ich ihr ins Ohr.

»Wow. Danke.« Sie kichert. »Das ist sehr fürsorglich von dir.«

Ich streiche mit dem Handrücken über ihre Wange. »So fürsorglich kümmert man sich eben umeinander, wenn man so verliebt ist wie wir.«

Ich spüre, wie sie lächelt. »Wie verliebt sind wir denn?«

»So verliebt, wie man es nur sein kann.«

»Aber warum? Was genau liebst du so an mir?«

»Dein Lachen«, sage ich, ohne nachzudenken, weil es die Wahrheit ist. »Und deinen Humor.« Ich überlege kurz. »Außerdem liebe ich es, wie du dir die Haare hinters Ohr streichst, wenn du liest. Ich liebe es, dass du fast so ungern telefonierst wie ich. Die kleinen Zettelchen in deiner wunderschönen Handschrift, die du immer für mich versteckst, die liebe ich auch sehr. Und dass du meinen Hund liebst und er dich. Ich liebe es, mit dir zusammen unter der Dusche zu stehen.« Ich lasse meine Hand von ihrer Wange zu ihrem Nacken gleiten, beuge mich vor und hauche ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.

»Wow«, sagt sie mit heiserer Stimme an meinem Mund. »Du bist ziemlich überzeugend.«

Ich richte mich lächelnd auf. »Fall bloß nicht aus der Rolle«, sage ich mit gespielter Strenge. »Jetzt bist du nämlich dran. Was liebst du an mir?«

»Deinen Hund«, sagt sie. »Der ist echt wahnsinnig süß. Ich liebe dich dafür, dass du mir immer die Tür aufhältst, obwohl du weißt, dass ich eine emanzipierte Frau bin und durchaus in der Lage, sie selbst aufzumachen. Ich liebe es, dass du nicht einer dieser Angeber bist, die so tun, als fänden sie stinklangweilige alte Schwarz-Weiß-Filme unglaublich toll und künstlerisch wertvoll. Ich liebe es, dass du mich immer küsst und versuchst, deine Hand unter mein Top zu schieben, wenn wir bei dir zu Hause sind und deine Eltern gerade nicht hinschauen. Und ich liebe es, wenn ich dich dabei ertappe, wie du mich anstarrst. Am meisten liebe ich dich dafür, dass du dann nicht verlegen wegschaust, sondern mich einfach ungeniert weiter ansiehst, weil du dich nicht dafür schämst, dass du nicht aufhören kannst, mich anzusehen. Du schaffst es nicht wegzuschauen, weil du findest, dass ich das zauberhafteste Wesen bin, das deine Augen jemals erblickt haben. Ich liebe dich dafür, dass du mich so sehr liebst.«

»Du hast absolut recht«, flüstere ich. »Ich liebe es, dich anzuschauen.«

Ich küsse sie auf den Mund und hauche dann kleine Küsse entlang ihrer Wange bis zum Ohrläppchen. Obwohl ich weiß, dass wir uns nur etwas vorspielen, wird mein Mund trocken, wenn ich daran denke, was ich gleich zu ihr sagen werde. Etwas in mir lässt mich zögern und fast entscheide ich mich dagegen, aber das Bedürfnis, es auszusprechen, ist größer. Beinahe wünsche ich mir, ich würde es auch so meinen – und ein winzig kleiner Teil von mir kann sich sogar vorstellen, dass ich es tue. Ich streiche durch ihre Haare und dann flüstere ich es in ihr Ohr. »Ich liebe dich.«

Ihr Atem stockt, sie holt tief Luft. Mein Herz hämmert gegen die Rippen, während ich reglos ihre Reaktion abwarte. Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Sie wahrscheinlich auch nicht.

Langsam gleiten ihre Hände von meinen Schultern meinen Hals hinauf. Sie umschlingt meinen Nacken und bringt ihren Mund ganz dicht an mein Ohr. »Ich liebe dich noch mehr«, wispert sie. Ich spüre das Lächeln auf ihren Lippen und frage mich, ob es meinem ähnelt. Das Ganze ist nur ein Spiel, und eigentlich ist es völlig verrückt, dass es mich so glücklich macht, aber das tut es.

»Du bist so schön«, flüstere ich und lasse meine Lippen zu ihrem Mund zurückwandern. »So verflucht schön. Und jeder Einzelne von den Typen, die sich das hier haben entgehen lassen, ist ein verdammter Vollidiot.«