Was perfekt war - Colleen Hoover - E-Book

Was perfekt war E-Book

Colleen Hoover

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12,99 €

Beschreibung

#wasperfektwar Quinn und Graham lernen sich unter mehr als unglücklichen Umständen kennen und verlieben sich unsterblich ineinander. Kaum ein Jahr später sind sie glücklich miteinander verheiratet… Happily ever after? Acht Jahre danach: Jemanden zu lieben, heißt nicht unbedingt, mit ihm glücklich zu sein. Das erkennt und erleidet Quinn Tag für Tag, denn obwohl sie und Graham sich weiterhin innigst lieben, gibt es ein Problem, das ihre Beziehung zu zerfressen droht …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 410




Über das Buch

Quinn und Graham lernen sich unter ganz und gar unglücklichen Umständen kennen und verlieben sich ineinander. Kaum ein Jahr später heiraten sie…

Happy ever after?

Acht Jahre später: Jemanden zu lieben, heißt nicht unbedingt, mit ihm glücklich zu sein. Das erkennt und erleidet Quinn Tag für Tag, denn obwohl sie und Graham sich weiterhin innigst lieben, gibt es ein Problem, das ihre Beziehung zu zerfressen droht …

 

 

 

 

Für Heath

 

Ich liebe dich jeden Tag

noch ein bisschen mehr

als am Tag davor.

Danke, dass du einer von den Guten bist.

Eins

DAMALS

Der Portier hat mich nicht angelächelt.

Die ganze Aufzugfahrt nach oben lässt mir das keine Ruhe. Vincent ist von allen Portiers, die ich hier seit Ethans Einzug kennengelernt habe, mein absoluter Liebling. Normalerweise strahlt er mich an und plaudert ein paar Worte mit mir. Heute nicht. Heute hat er nur mit versteinerter Miene die Tür geöffnet und noch nicht mal ein »Hallo, Quinn. Wie war der Urlaub?« über die Lippen gebracht.

Na ja, wir haben alle mal einen schlechten Tag.

Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Schon nach sieben. Aber vor acht kommt Ethan normalerweise sowieso nicht nach Hause, ich habe also genügend Zeit, ihn zu überraschen: mit einem selbst gekochten Essen – und mit mir. Er weiß nicht, dass ich schon wieder da bin. Ich bin einen Tag früher zurückgekommen und habe beschlossen, für einen richtig schönen Abend zu zweit zu sorgen. Wir sind die ganzen letzten Wochen so sehr mit den Planungen für unsere Hochzeit beschäftigt gewesen, dass wir schon ewig nicht mehr gemütlich zu Hause gegessen haben … geschweige denn Sex hatten.

Als ich aus dem Lift komme, bemerke ich einen Typen, der unruhig im Gang vor Ethans Apartment auf und ab geht. Er macht drei Schritte, bleibt stehen, starrt auf Ethans Tür, dreht sich um, macht drei Schritte in die andere Richtung und bleibt wieder stehen. Ich kann mich nicht erinnern, ihn schon mal irgendwo gesehen zu haben, deswegen glaube ich nicht, dass es einer von Ethans Freunden ist.

Nach kurzem Zögern gehe ich entschlossen auf das Apartment zu und räuspere mich. Der Typ wirft einen Blick über die Schulter und geht zur Seite. Ich vermeide jeden Augenkontakt mit ihm, während ich in meiner Handtasche nach dem Schlüssel krame. Als ich ihn gefunden habe und mich vorbeuge, um aufzuschließen, legt er von hinten die Handfläche auf die Tür.

»Warte mal, wohnst du etwa hier?«

Ich schaue zwischen ihm und der Tür hin und her. Was soll die Frage? Mein Herzschlag beschleunigt sich, als mir klar wird, dass ich mit diesem wildfremden Mann ganz allein im Hausflur stehe. Weiß er, dass Ethan nicht da ist?

Ich räuspere mich noch mal und hoffe, dass er mir meine Angst nicht anmerkt. Eigentlich sieht er ganz nett aus, aber das muss nichts heißen. »Äh … mein Verlobter wohnt hier … und er ist übrigens da«, lüge ich.

»Stimmt. Ist er.« Der Typ nickt. Er holt tief Luft und schlägt mit der Faust gegen die Wand neben der Tür. »Er fickt da drin nämlich gerade meine Freundin.«

Ich habe mal einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Der Kursleiter hat uns gezeigt, wie man sich einen Schlüssel so zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmt, dass man ihn einem potenziellen Angreifer ins Auge rammen kann. Ich umklammere den Wohnungsschlüssel und bereite mich innerlich darauf vor, genau das zu tun, falls dieser Irre vorhat, sich auf mich zu stürzen.

Er atmet schwer und ich nehme einen Hauch von Zimt wahr. Völlig absurd, in einer solchen Situation auf so ein nebensächliches Detail zu achten. Ich stelle mir vor, wie ich nachher bei der Polizei zu Protokoll gebe: »Das Aussehen des Angreifers kann ich leider nicht beschreiben, Officer, aber sein Atem hat nach Zimt-Kaugummi gerochen.«

»Du stehst vor der falschen Tür«, sage ich in der Hoffnung, dass er seinen Irrtum einsieht und mich in Ruhe lässt.

Aber er schüttelt den Kopf. Und zwar so heftig und so entschieden, als könnte kein Zweifel daran bestehen, dass er recht hat und ich mich irre. »Nein. Ich stehe hundertprozentig vor der richtigen Tür. Fährt dein Verlobter einen blauen Volvo?«

Okay … was ist hier los? Stalkt er Ethan etwa? Mein Mund ist plötzlich staubtrocken. Wasser wäre jetzt gut.

»Ist dein Verlobter ungefähr eins fünfundachtzig groß, hat schwarze Haare und trägt eine Jacke von North Face, die ihm zu weit ist?«

Ich presse mir eine Hand auf den Magen. Wodka wäre jetzt gut.

»Arbeitet dein Verlobter für Dr. Van Kemp?«

Ich sehe ihn stumm an. Ethan arbeitet nicht nur für Dr. Van Kemp – er ist sein Sohn. Woher weiß dieser Typ so viel über Ethan?

»Meine Freundin arbeitet auch für Dr. Van Kemp.« Er schaut angewidert in Richtung Wohnungstür. »Aber die beiden sind anscheinend mehr als nur Kollegen.«

»Ethan würde nie …«

Ich werde von Lauten unterbrochen, die mich erstarren lassen. Lustlauten.

»Oh … Ethan«, stöhnt eine Frauenstimme leise. Zumindest ist sie von dieser Seite der Tür aus leise. Ethans Schlafzimmer liegt aber im hinteren Teil der Wohnung, was bedeutet, dass die Frau seinen Namen in Wirklichkeit alles andere als leise stöhnt. Sie schreit ihn.

Während die beiden Sex haben.

Ich weiche unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Mir wird schwindelig, als ich begreife, was dort drin gerade passiert. Als von einer Sekunde auf die andere meine ganze Welt zusammenbricht. Alles, was war. Alles, was ist. Alles, was noch kommen sollte. Alles in Trümmern. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Der Typ greift nach meinem Arm, als meine Knie unter mir nachgeben.

»Hey … bist du okay?« Er stützt mich. »Tut mir leid. Ich hätte dich nicht so krass mit den Tatsachen konfrontieren sollen.«

Ich öffne den Mund, aber es kommt bloß ungläubiges Gestammel heraus. »Bist … bist du sicher, dass … Aber vielleicht … vielleicht ist das gar nicht … Vielleicht ist es das Paar nebenan …«

»Ach, sag bloß, Ethans Nachbar heißt auch Ethan?«

Ich sehe ihm an, dass ihm sein sarkastischer Tonfall sofort leidtut. Es spricht für ihn, dass er imstande ist, Mitgefühl für mich aufzubringen, obwohl er offensichtlich genauso erschüttert ist wie ich. »Ich bin den beiden hinterhergefahren«, sagt er. »Sie sind da drin. Meine Freundin und dein … Freund.«

»Verlobter«, korrigiere ich ihn.

Wie betäubt gehe ich ein paar Schritte rückwärts, lehne mich an die Wand und lasse mich zu Boden rutschen, was vermutlich keine so gute Idee ist, weil ich einen ziemlich kurzen Rock anhabe. Ethan steht auf Röcke. Ich habe ihn extra für ihn angezogen. Jetzt würde ich ihn mir am liebsten vom Leib reißen, ihn um seinen Hals schlingen und ihn damit erwürgen. Ich starre auf meine Schuhe und nehme erst wahr, dass sich der Typ neben mich gesetzt hat, als er fragt: »Erwartet er dich?«

Ich schüttle den Kopf. »Ich wollte ihn überraschen. Ich war ein paar Tage weg. Mit meiner Schwester.«

Der nächste Lustschrei dringt durch die Tür. Der Typ verzieht gequält das Gesicht und presst sich die Hände auf die Ohren. Ich mache es ihm nach. So sitzen wir eine ganze Weile da und schützen uns, bis es vorbei ist. Lange kann es nicht mehr dauern. Ethan hält nie besonders lange durch.

Zwei Minuten später lasse ich die Hände langsam sinken. »Ich glaube, das war’s.« Der Typ nimmt die Hände ebenfalls von den Ohren. Ich umschlinge meine angezogenen Beine und stützte das Kinn auf die Knie. »Soll ich aufschließen? Sollen wir rein und sie zur Rede stellen?«

»Das schaffe ich jetzt nicht«, sagt er. »Ich muss erst mal runterkommen.«

Auf mich macht er eigentlich einen ziemlich gefassten Eindruck. Die meisten Männer, die ich kenne, hätten wahrscheinlich schon längst die Tür eingetreten.

Ich frage mich, ob ich Ethan überhaupt zur Rede stellen will. Muss ich es denn? Ich könnte auch einfach gehen und vor ihm und mir selbst so tun, als hätte ich das hier nie mitgekriegt. Ich könnte ihm eine Nachricht aufs Handy schicken, dass ich schon früher nach Hause gekommen bin, er könnte antworten, dass er heute Überstunden machen muss, und wir könnten in vorgetäuschter Ahnungslosigkeit glücklich und zufrieden weitermachen wie bisher.

Natürlich könnte ich auch nach Hause fahren, alle seine Sachen verbrennen, mein Hochzeitskleid bei eBay verkaufen und seine Nummer blockieren.

Meine Mutter würde einen Anfall bekommen.

Gott. Meine Mutter.

Als ich stöhne, setzt sich der Typ sofort auf. »Ist dir schlecht?«

»Nein, nein. Schon okay.« Ich lasse den Kopf nach hinten fallen. »Ich hab nur gerade daran gedacht, dass meine Mutter komplett ausrasten wird.«

Er entspannt sich wieder, nachdem klar ist, dass ich nicht kotzen muss, sondern nur Angst vor meiner Mutter habe, wenn sie erfährt, dass die Hochzeit abgeblasen wird. Denn das wird sie. Eigentlich sollte Mom froh sein. Schließlich jammert sie schon seit Wochen über die Riesensumme, die sie anzahlen musste, um den Saal für die Hochzeitsfeier zu reservieren. »Ist dir klar, wie viele Leute alles dafür geben würden – alles –, wenn sie im Douglas Whimberly Plaza heiraten könnten? Evelyn Bradbury hat dort geheiratet, Quinn. Evelyn Bradbury!«

Meine Mutter liebt es, mich mit Evelyn Bradbury zu vergleichen. Die Bradburys sind eine der wenigen Familien in Greenwich, die noch einflussreicher sind als die meines Stiefvaters. Deswegen führt meine Mutter Evelyn Bradbury bei jeder sich bietenden Gelegenheit als leuchtendes Beispiel für »wahre Klasse« an. Mir ist Evelyn Bradbury egal. Ich hätte gute Lust, meiner Mutter jetzt und hier eine Nachricht zu schicken: Die Hochzeit fällt aus und Evelyn Bradbury kann mich mal.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragt der Typ plötzlich.

Ich schaue ihn zum ersten Mal richtig an. Dafür, dass er gerade den womöglich schlimmsten Moment seines Lebens durchmacht, sieht er verdammt gut aus. Er hat ausdrucksstarke braune Augen, die zu seinen dunklen Haaren passen, einen männlich markanten Kiefer, dessen leichtes Zucken erkennen lässt, welche Wut in ihm gärt, und volle Lippen, die er fest aufeinanderpresst, als er jetzt wieder zur Tür schaut. Ich frage mich, ob seine Gesichtszüge etwas weicher aussehen würden, wenn seine Freundin da drin nicht gerade mit Ethan zugange wäre.

Mir fällt auf, dass er etwas Trauriges an sich hat. Aber ich glaube auch zu spüren, dass diese Traurigkeit nichts mit der momentanen Situation zu tun hat, sondern tiefer liegt. Manche Menschen können mit den Augen lächeln – er kann düster blicken, ohne die Stirn runzeln zu müssen.

»Du siehst besser aus als Ethan«, sage ich. Er schaut mich verwirrt an. Wahrscheinlich hält er meine Bemerkung für einen geschmacklosen Flirtversuch. Dabei ist sie alles andere als das. »Das war kein Kompliment, bloß eine ganz sachliche Feststellung.«

Er zuckt mit den Schultern, als wäre ihm alles egal.

»Ich glaube, ich wollte damit nur ausdrücken, dass … Na ja, wenn du besser aussiehst als Ethan, dann sieht deine Freundin wahrscheinlich auch besser aus als ich. Nicht dass mir das was ausmachen würde. Oder … vielleicht macht es mir doch was aus. Es sollte mir nichts ausmachen, aber ich kann gar nicht anders, als … Anscheinend findet Ethan sie attraktiver als mich. Betrügt er mich deswegen mit ihr? Tja. Wahrscheinlich. Tut mir leid. Normalerweise hab ich nicht solche Selbstzweifel, aber … aber ich bin gerade so … so wütend und, keine Ahnung, … aus irgendeinem Grund kann ich nicht aufhören zu reden.«

Er sieht mich einen Augenblick stumm an und scheint über mein wirres Gerede nachzudenken. »Keine Sorge«, sagt er dann. »Sasha ist potthässlich.«

»Sasha?«, wiederhole ich fassungslos ihren Namen. »Sasha. Okay. Wenn sie Sasha heißt, konnte er natürlich nicht widerstehen.«

Er lacht, worauf ich auch lachen muss, was total absurd ist. Wieso lache ich, obwohl ich eigentlich weinen sollte?

»Hallo. Ich bin Graham.« Er streckt mir die Hand hin.

»Quinn.« Selbst sein Lächeln hat etwas Trauriges. Ich frage mich, wie es unter anderen Umständen aussehen würde.

»Ich würde gern sagen, dass ich mich freue, dich kennenzulernen, Quinn, aber das ist gerade der schlimmste Moment meines Lebens.«

Das ist traurig. »Geht mir genauso«, sage ich dumpf. »Wobei ich froh bin, dass es jetzt passiert und nicht in einem Monat. Nach unserer Hochzeit. Wenigstens muss ich kein Ehegelübde ablegen, das ich irgendwann bereut hätte.«

»Ihr wolltet in einem Monat heiraten?« Graham wendet kopfschüttelnd den Blick ab. »Was für ein Scheißkerl«, sagt er leise.

»Richtig erkannt«, sage ich. Eigentlich habe ich von Anfang an gewusst, dass er ein Scheißkerl ist. Ein selbstverliebter Scheißkerl. Aber nicht mir gegenüber. Dachte ich jedenfalls. Ich lasse den Kopf wieder nach vorn fallen und fahre mir durch die Haare. »Was für eine gottverdammte Scheiße.«

Mein Handy vibriert.Das ist garantiert meine Mutter. Sie hat ein Händchen für den perfekten Moment. Ich ziehe es aus der Tasche. Bingo.

Der Termin in der Tortenmanufaktur am Samstag ist auf zwei Uhr verschoben. Lass das Mittagessen bitte ausfallen. Kommt Ethan mit?

Ich seufze mit meinem gesamten Körper. Das Cake Tasting war der Teil der Hochzeitsvorbereitungen, auf den ich mich am meisten gefreut hatte. Hey, warum warte ich nicht einfach bis Sonntag und verkünde dann erst, dass die Hochzeit ins Wasser fällt?

Pling. Mein Blick wandert zum Aufzug, dessen Türen sich gerade öffnen. Der Griff meiner Finger um das Handy verfestigt sich, und ich spüre einen Kloß im Hals, weil ich den Mann, der aussteigt, sofort erkenne. Das ist der Fahrer vom Lieferservice des Chinarestaurants. Mein Herz schlägt im Takt seiner Schritte, als er in unsere Richtung kommt. Super, Ethan. Genau. Streu ruhig noch ein bisschen mehr Salz in meine Wunden.

Ich springe auf. »Das ist jetzt nicht wahr, oder?« Ich sehe auf Graham hinunter, der immer noch auf dem Boden sitzt, dann zeige ich auf die Tüten, die der Fahrer trägt. »Das ist mein Ding, nicht seins!«, sage ich empört zu Graham. »Ich bin diejenige, die nach dem Sex immer Lust auf Essen vom Chinesen hat!« Ich drehe mich wieder zu dem Liefertypen, der peinlich berührt dasteht und offensichtlich nicht weiß, ob er an uns vorbei zur Tür gehen soll oder nicht. »Geben Sie her!« Ich reiße ihm die Tüten aus der Hand. Er wagt es nicht zu protestieren. Ich setze mich mit den Tüten wieder auf den Boden und werfe einen Blick hinein. »Das wird ja immer besser!« Ich bin stinksauer. »Das ist genau das, was ich immer bestelle! Er füttert Sasha mit meinem Essen!«

Graham steht auf, zieht seinen Geldbeutel aus der Jeans und bezahlt die Bestellung. Der arme Typ hat es so eilig, von uns wegzukommen, dass er noch nicht mal auf den Aufzug wartet, sondern zu Fuß durchs Treppenhaus flüchtet.

»Das riecht gut.« Graham setzt sich wieder neben mich und greift nach dem Behälter mit gebratenen Nudeln, Hähnchen und Brokkoli. Meinem Lieblingsessen. Aber ich überlasse es ihm großzügig und reiche ihm eine Gabel. In so einem Moment darf man nicht egoistisch sein. Ich klappe den anderen Behälter auf. Mir ist der Appetit zwar gefühlt für immer vergangen, aber lieber stopfe ich die ganze Portion Mongolian Beef in mich rein, bevor ich Sasha und Ethan auch nur einen Krümel gönne. »Schlampen«, murmle ich. »Alle beide.«

»Schlampen, die nichts zu essen kriegen«, sagt Graham. »Vielleicht verhungern sie ja.«

Ich grinse.

Während ich mir Reis und Rindfleisch in den Mund schaufle, frage ich mich, wie lange ich noch hier mit diesem Typen im Flur sitzen bleiben soll. Am liebsten wäre ich weg, wenn womöglich gleich die Tür aufgeht, weil ich gar nicht wissen will, wie diese Sasha aussieht. Andererseits würde es mich schon interessieren, wie sie reagiert, wenn sie rauskommt und ihren Freund hier sitzen sieht, der sich ihr Hühnchen schmecken lässt. Also warte ich. Und esse weiter. Genau wie Graham.

Nach ein paar Minuten stellt er seinen Behälter neben sich, schaut in die Tüten, holt zwei Glückskekse heraus und gibt mir einen davon. Er reißt die Hülle von seinem auf, bricht den Keks auseinander und zieht den Papierstreifen raus. »Was deine Arbeit betrifft, wirst du heute eine von Erfolg gekrönte Entscheidung treffen.« Er sieht mich an. »Tja, dumm gelaufen. Ich hab mir heute freigenommen.«

»Doppeltes Pech«, murmle ich.

Graham zerknüllt den Zettel und schnippt ihn gegen Ethans Apartmenttür. Ich breche meinen Keks auf und lese, was auf dem Streifen steht. »Wenn du das Licht immer nur auf deine Makel richtest, liegen all deine Perfektheiten im Schatten.«

»Guter Spruch«, sagt Graham.

Ich knülle das Papier zusammen und schnippe es ebenfalls gegen die Tür. »Ich bin von der Sprachpolizei. Perfektheiten ist kein Wort, wenn überhaupt, müsste es Perfektionen heißen.«

»Genau das gefällt mir daran. Ich meine, das eine Wort, das sie falsch benutzen, ist ausgerechnet Perfektheiten? Ist doch großartig!« Er krabbelt zu Ethans Apartment, holt den zerknüllten Zettel, rutscht wieder zu mir zurück und hält ihn mir hin. »Du solltest ihn aufheben.«

Ich schiebe seine Hand weg. »Ich will nichts behalten, was mich an diesen Moment erinnert.«

Er sieht mich nachdenklich an. »Klar. Ich auch nicht.«

Der Gedanke, dass die beiden jede Sekunde rauskommen könnten, macht uns beide nervös. Schweigend sitzen wir da und lauschen auf die gedämpften Stimmen hinter der Tür. Graham zupft aus einer abgewetzten Stelle am rechten Knie seiner Jeans lose Fäden und sammelt sie neben sich am Boden zu einem Häuflein, bis sein nacktes Knie sichtbar wird. Ich nehme mir einen Faden und zwirble ihn zwischen den Fingern.

»Wir haben abends oft an unseren Laptops gesessen und so eine Art Online-Scrabble gespielt«, beginnt er unvermittelt zu erzählen. »Eigentlich war das erst nur mein Ding, aber dann hat Sasha auch damit angefangen. Ich war ziemlich gut, trotzdem habe ich immer haushoch gegen sie verloren. Jeden verdammten Abend.« Er streckt die Beine aus. Sie sind viel länger als meine. »Ich war echt beeindruckt, bis ich irgendwann zufällig auf einem ihrer Kontoauszüge eine Zahlung über achthundert Dollar an den App-Store gesehen habe. Sie hat sich jeden Abend für fünf Dollar Extrabuchstaben dazugekauft, bloß um zu gewinnen.«

Ich versuche mir vorzustellen, wie dieser gut aussehende Typ Abend für Abend zockend an seinem Laptop hockt, aber es gelingt mir nicht. Er wirkt so … perfekt. Wie jemand, der in seiner Freizeit viel liest, täglich die Wohnung saugt, seine Socken ordentlich zusammenlegt und jeden Morgen joggen geht.

»Ethan kann keinen Reifen wechseln. Seit wir zusammen sind, hatten wir zweimal einen Platten und mussten beide Male den Abschleppdienst rufen.«

Graham schüttelt lächelnd den Kopf. »Ich will das Arschloch nicht verteidigen, aber so schlimm finde ich das nicht. Es gibt ziemlich viele Männer, die keinen Reifen wechseln können.«

»Ich weiß. Das ist ja auch nicht das Schlimme. Das Schlimme ist, dass ich einen Reifen wechseln kann. Aber er hat sich geweigert, es mich machen zu lassen, weil er es nicht ertragen hätte, neben einer Frau zu stehen, die ihm den Reifen wechselt.«

Grahams Miene ändert sich. Da ist auf einmal ein Ausdruck in seinem Gesicht, der da vorher nicht war. Besorgnis vielleicht. »Quinn?« Er sieht mich ernst an. »Du darfst ihm das hier niemals verzeihen.«

Es schnürt mir den Brustkorb zusammen. »Das werde ich ganz bestimmt nicht«, sage ich mit Nachdruck. »Ich will ihn gar nicht mehr zurückhaben. Ich frage mich die ganze Zeit, warum ich nicht weine. Vielleicht ist das ja ein Zeichen.«

Graham nickt, aber dann wird sein Blick wieder grimmig. »Du wirst heute Nacht weinen. Wenn du im Bett liegst. Dann tut es am meisten weh. Wenn du allein bist.«

Das reicht, um mich plötzlich begreifen zu lassen. Ich will nicht weinen, aber das ändert nichts daran, dass mich die Tragweite dessen, was hier gerade passiert, wahrscheinlich wirklich erst später mit voller Wucht treffen wird. Ich habe Ethan in meinen ersten Wochen am College kennengelernt. Wir waren vier Jahre lang zusammen. Ich habe gerade verdammt viel auf einmal verloren. Und obwohl ich weiß, dass es vorbei ist, will ich mich jetzt nicht mit Ethan auseinandersetzen. Ich will einfach nur weg von hier und ihn hinter mir lassen. Ich will kein abschließendes Gespräch und auch keine Erklärung, aber ich habe Angst, dass es vielleicht genau das ist, was ich brauche, wenn ich nachher allein im Bett liege.

Grahams Worte und die Angst, die mich plötzlich gepackt hat, rücken in den Hintergrund, als gedämpft Ethans Stimme zu uns in den Flur dringt.

Gleich wird er rauskommen. Als ich mich zur Tür drehen will, nimmt Graham mein Gesicht fest in beide Hände und bringt mich dazu, meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn zu richten.

»Wir dürfen jetzt keine Gefühle zeigen, okay? Das wäre das Schlimmste. Du darfst nicht ausrasten, Quinn. Du darfst nicht weinen.«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und versuche, die in mir angestaute Wut und den Hass zurückzudrängen, die darauf warten, hinausgebrüllt zu werden. »Okay«, flüstere ich. »Okay.«

Die Tür geht auf.

Ich gebe alles, um die Fassung zu wahren, aber bei dem Gedanken, dass Ethan gleich im Gang steht, wird mir übel. Weder Graham noch ich schauen zur Tür. Er hält meinen Blick fest und atmet tief und gleichmäßig. Was Ethan wohl denkt, wenn er uns gleich sieht? Wahrscheinlich erkennt er mich zuerst gar nicht, sondern glaubt, dass da bloß irgendwelche Leute im Flur herumsitzen.

»Quinn?«

Als er meinen Namen sagt, schließe ich die Augen. Ich wende mich der Stimme nicht zu. Mein Herzschlag dröhnt durch meinen gesamten Körper, aber am stärksten spüre ich ihn in den Wangen, auf die Graham seine Hände presst. Ethan sagt noch mal meinen Namen, nur dass es diesmal mehr wie ein Befehl klingt, ihn anzusehen. Ich öffne die Augen, halte den Blick aber weiter auf Graham gerichtet.

Ethan macht die Tür weiter auf, und jetzt höre ich, wie eine Frau scharf die Luft einzieht. Sasha. Graham blinzelt und schließt kurz die Augen, während er Luft holt. Als er sie wieder öffnet, sagt Sasha: »Graham?«

»Scheiße«, murmelt Ethan.

Graham sieht sie nicht an. Er versenkt seinen Blick weiter in meinen. Und dann – als würde um uns herum nicht gerade unser Leben in Stücke brechen – sagt er ganz ruhig: »Möchtest du, dass ich dich nach unten bringe?«

Ich nicke.

»Graham!« Sashas Stimme klingt so, als hätte sie das Recht dazu, wütend zu sein, weil er hier ist.

Wir stehen beide gleichzeitig auf, ohne Ethan oder Sasha anzusehen. Graham greift nach meiner Hand und führt mich zum Aufzug.

Sasha läuft hinter uns her. Als wir am Aufzug stehen bleiben, zieht sie Graham am Arm und will ihn zwingen, sich zu ihr umzudrehen. Er drückt meine Hand noch fester. Ich erwidere den Druck und lasse ihn wissen, dass wir es schaffen zu gehen, ohne eine Szene zu machen. Dass wir einfach in den Aufzug steigen und nach unten fahren. Weg von hier.

Als der Aufzug kommt, wartet Graham, bis ich eingestiegen bin, und stellt sich dann so rein, dass er Sasha den Weg versperrt. Wir stehen mit dem Gesicht zur Tür. Zu Sasha. Er drückt auf den Knopf für das Erdgeschoss, und erst als sich die Türen schließen, hebe ich den Kopf und sehe sie an.

Ich bemerke zwei Dinge:

1.Ethan ist verschwunden. Die Tür zu seiner Wohnung ist zu.

2.Sasha ist sogar mit verheultem Gesicht hübscher als ich.

Der Aufzug setzt sich in Bewegung. Es ist eine lange, stille Fahrt nach unten. Graham hält die ganze Zeit meine Hand in seiner und wir reden kein Wort. Wir weinen nicht. Schweigend treten wir aus dem Aufzug und durchqueren die Eingangshalle. Als wir bei der Tür sind, hält Vincent sie für uns auf. In seinem Blick liegt Bedauern. Graham holt seinen Geldbeutel heraus und drückt ihm ein paar Scheine in die Hand. »Danke für die Auskunft.«

Vincent nickt stumm und steckt das Geld ein. Als er sich mir zuwendet, sehe ich das Mitgefühl in seinen Augen. Ich umarme ihn zum Abschied.

Und dann stehen Graham und ich draußen auf der Straße und keiner von uns beiden rührt sich. Ich frage mich, ob die Welt für ihn plötzlich auch so verändert aussieht wie für mich. Der Himmel, die Bäume, die Menschen, die an uns vorbeigehen. Vor einer halben Stunde, als ich auf das Haus zugeschlendert bin, war alles noch so hoffnungsfroh.

»Soll ich dir ein Taxi rufen?«, fragt Graham.

»Ich bin mit dem Auto da.« Ich zeige zur gegenüberliegenden Straßenseite. »Da drüben steht es.«

Er dreht sich noch einmal zum Apartmentgebäude. »Ich will hier weg sein, bevor sie runterkommt.« Er klingt gehetzt, als wüsste er, dass er es nicht ertragen würde, ihr noch einmal gegenüberzustehen.

Sasha hat es wenigstens versucht. Sie ist ihm zum Aufzug hinterhergelaufen, während Ethan einfach nur in seine Wohnung zurückgegangen ist und die Tür zugemacht hat.

Graham steht vor mir. Er schiebt die Hände in die Taschen, ich ziehe meine Jacke enger um mich. Jetzt bleibt uns nicht mehr viel übrig, als uns zu verabschieden.

»Tja, dann … Mach’s gut, Graham.«

Sein Blick ist ausdruckslos, als wäre er in Gedanken schon ganz woanders. Er geht einen Schritt rückwärts. Zwei Schritte. Dann dreht er sich um und stürzt in die entgegengesetzte Richtung davon.

Ich schaue genau in dem Moment zum Haus zurück, in dem Sasha herausgerannt kommt. Vincent, der ihr die Tür aufgehalten hat, sieht zu mir rüber. Er hebt die Hand zu einem letzten Gruß und ich erwidere die Geste. Wir wissen beide, dass ich nie mehr einen Fuß in dieses Haus setzen werde. Noch nicht mal, um die Sachen zu holen, die Ethan noch von mir hat. Soll er sie wegwerfen. Das ist mir lieber, als ihm noch mal in die Augen sehen zu müssen.

Sasha schaut hektisch nach links und rechts, aber Graham ist schon weg. Nur ich bin da. Weiß sie überhaupt, wer ich bin? Hat Ethan ihr gesagt, dass er verlobt ist und wir in einem Monat heiraten wollten? Hat er ihr erzählt, dass wir heute Morgen noch telefoniert haben und er mir gesagt hat, dass er die Sekunden zählt, bis er mich endlich »meine Frau« nennen darf? Weiß sie, dass er sich immer weigert, allein zu duschen, wenn ich bei ihm bin? Hat er ihr erzählt, dass die Bettwäsche, in der sie gerade Sex hatten, ein Verlobungsgeschenk meiner Schwester war?

Weiß sie, dass Ethan Tränen in den Augen hatte, als er mir den Antrag gemacht hat und ich Ja gesagt habe?

Nein. Das kann sie nicht wissen, sonst hätte sie niemals so leichtfertig die Beziehung zu einem Mann aufs Spiel gesetzt, der es innerhalb einer halben Stunde geschafft hat, mich tiefer zu beeindrucken als Ethan in vier Jahren.

Zwei

JETZT

Unsere Ehe ist nicht plötzlich zerbrochen. Das Ende kam nicht abrupt.

Es ist ganz allmählich passiert.

Man könnte sagen, dass sie langsam zerbröckelt ist.

Ich weiß nicht mal, wer von uns daran den größeren Anteil hat. Dabei haben wir so stark angefangen. Stärker als die meisten Paare. Davon bin ich überzeugt. Aber im Laufe der letzten Jahre ist uns die Kraft ausgegangen. Am meisten verstört mich daran, wie gut es uns gelingt, so zu tun, als hätte sich nichts verändert. Wir reden einfach nicht darüber. Anscheinend sind wir uns sehr ähnlich in unserer Neigung, vor dem zurückzuscheuen, was am dringendsten ausgesprochen werden müsste.

Zu unserer Verteidigung möchte ich sagen, dass es schwierig ist, sich einzugestehen, dass eine Ehe am Ende ist, wenn die Liebe noch da ist. Die Leute denken immer, eine Beziehung wäre erst dann vorbei, wenn die Liebe verloren gegangen ist; wenn aus Glücklichsein Hass geworden ist und anstelle von Verliebtheit nur noch Verachtung zu spüren ist. Aber Graham und ich hassen uns nicht. Wir sind nur nicht mehr die, die wir einmal waren.

Manchmal merken Paare gar nicht, wie sehr sie sich mit den Jahren verändern, weil die Veränderung bei beiden in die gleiche Richtung verläuft. Aber oft entwickeln sich Menschen auch auseinander.

Graham und ich haben uns mittlerweile schon so weit voneinander entfernt, dass ich mich nicht mal mehr daran erinnere, wie seine Augen aussehen, wenn er in mir ist. Dafür kennt er sicher jedes einzelne Haar auf meinem Hinterkopf – so oft, wie ich ihm abends im Bett den Rücken zukehre.

Man hat nicht unbedingt Einfluss auf das, wozu man durch äußere Umstände gemacht wird.

Nachdenklich drehe ich meinen Ehering zwischen Daumen und Zeigefinger. Graham hat mir erzählt, der Juwelier, bei dem er ihn gekauft hat, hätte ihm gesagt, der Ehering sei das Symbol ewiger Liebe. Zwei Anfänge zu einem Kreis verbunden, der eine einzige Mitte bildet. Ein Ende ist nicht vorgesehen.

Aber der Juwelier hat nie behauptet, dass der Ring ewiges Glück symbolisiert. Nur ewige Liebe. Das Problem ist, dass Liebe und Glück nicht notwendigerweise zusammenhängen. Das eine kann auch ohne das andere existieren.

Meine Hand liegt auf der Holzschatulle, als Graham wie aus dem Nichts sagt: »Was hast du damit vor?«

Obwohl er mich erschreckt hat, weil ich noch nicht mit ihm gerechnet habe, bleibe ich äußerlich gelassen und hebe sehr langsam den Kopf. Er hat schon die Krawatte abgenommen und die obersten drei Knöpfe seines Hemds geöffnet. Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen lehnt er am Türrahmen und erfüllt den Raum mit seiner körperlichen Präsenz.

Ich fülle ihn nur mit meiner inneren Abwesenheit.

So lange und gut ich Graham auch kenne, hat er für mich doch nach wie vor etwas Rätselhaftes. Ein Glimmen in seinen dunklen Augen, das Gedanken in der Tiefe erahnen lässt, die er nicht ausspricht. Diese Tiefe war es, die mich vom Tag unserer ersten Begegnung an zu ihm hingezogen hat. Ich habe sie als unendlich beruhigend empfunden.

Schon verrückt, dass genau diese Tiefe mir jetzt Unbehagen bereitet.

Ich versuche noch nicht einmal, die Schatulle zu verstecken. Es ist sowieso zu spät. Er hat sie schon gesehen. Ich senke den Blick und streiche über den Deckel. Ich habe sie auf dem Dachboden gefunden. Unberührt. Fast vergessen. Als ich heute mein Brautkleid gesucht habe, bin ich darauf gestoßen. Eigentlich wollte ich bloß ausprobieren, ob mir das Kleid noch passt. Es passte zwar, aber ich sah anders darin aus als vor sieben Jahren.

Einsamer.

Graham kommt ins Schlafzimmer. Ich sehe die unterdrückte Sorge in seiner Miene, als er von der Schatulle zu mir schaut und darauf wartet, dass ich seine Frage beantworte. Warum ich mit der Schatulle hier im Schlafzimmer sitze. Warum ich sie überhaupt mit runtergenommen habe.

Ich weiß es ja selbst nicht so genau. Aber dass ich jetzt hier sitze und sie im Schoß halte, ist auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung gewesen, deswegen kann ich nicht mit einem unverfänglichen »Ich? Wieso? Nur so« antworten.

Als Graham näher kommt, nehme ich einen leichten Biergeruch wahr. Eigentlich trinkt er kaum Alkohol, aber donnerstags geht er mit Kollegen abends immer noch etwas essen, und dann gönnt er sich ein paar Bier. Eigentlich mag ich diesen Donnerstagsgeruch, nur wenn er jeden Tag trinken würde, fände ich ihn auf Dauer vielleicht eklig. Aber Graham lässt sich in dieser Beziehung nie gehen. Deswegen habe ich es im Gegenteil immer irgendwie sexy gefunden, wenn er an Donnerstagen leicht angeheitert nach Hause kam. Manchmal habe ich dann extra etwas Verführerisches angezogen, ihn im Bett erwartet und mich auf den herb-süßen Geschmack seines Kusses gefreut.

Es ist bezeichnend, dass ich heute vergessen habe, mich darauf zu freuen.

»Quinn …?«

Ich höre, wie sich seine schlimmsten Befürchtungen stumm um die Buchstaben meines Namens legen, und sehe zu ihm auf. Er wirkt verunsichert, voller Sorge. Wann hat er angefangen, mich so anzusehen? Früher war da immer Begeisterung in seinem Blick, Faszination. Jetzt lese ich in seinen Augen nur Mitgefühl.

Ich bin es leid, so angesehen zu werden und nicht zu wissen, was ich auf seine Fragen antworten soll. Ich habe verlernt, mit ihm zu kommunizieren. Manchmal öffne ich den Mund, und es fühlt sich an, als würde der Wind mir die Wörter direkt wieder in die Kehle zurückwehen.

Ich vermisse die Zeiten, als ich noch das Bedürfnis hatte, ihm alles zu erzählen, was in mir vorging, weil ich Angst hatte, sonst platzen zu müssen. Ich vermisse die Zeiten, als es uns vorkam, als würden wir um etwas betrogen werden, nur weil wir zwischendurch auch mal schlafen mussten. Morgens habe ich ihn oft dabei ertappt, wie er mich angeschaut hat, wenn ich die Augen aufmachte. Er hat dann immer gelächelt und geflüstert: »Was habe ich verpasst, während du geschlafen hast?« Und ich habe mich ihm zugedreht und ihm in allen Einzelheiten erzählt, was ich geträumt hatte. Manchmal hat er so darüber gelacht, dass er Tränen in den Augen hatte. Die guten Träume hat er analysiert und von den Albträumen behauptet, sie hätten keinerlei Bedeutung. Irgendwie hat er es immer geschafft, mir das Gefühl zu geben, meine Träume wären besser als die von anderen.

Jetzt fragt er nicht mehr, was er verpasst hat, während ich geschlafen habe. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass es ihn nicht mehr interessiert oder dass ich nichts mehr träume, das es wert wäre, erzählt zu werden.

Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich immer noch an meinem Ehering drehe, bis Graham die Hand ausstreckt und sie auf meine legt. Vorsichtig zieht er sie von der Schatulle, als würde es sich dabei um eine Bombe handeln, die jeden Moment hochgehen könnte. Vielleicht fühlt es sich für ihn ja wirklich so an.

Er beugt sich vor und will mir einen Kuss geben.

Ich schließe die Augen, und seine Lippen rutschen über meine Stirn, weil ich im selben Moment vom Bett aufstehe, als hätte ich das sowieso vorgehabt. Er richtet sich auf und macht schnell einen Schritt zurück.

Ich nenne das für mich insgeheim den »Trennungstanz«. Partner A nähert sich Partner B in der Kussposition, Partner B tut so, als würde er es nicht mitbekommen, worauf Partner A sich zurückzieht, als wäre nichts passiert. So umtanzen wir uns jetzt schon eine ganze Weile.

Ich räuspere mich und gehe mit der Schatulle zum Bücherregal. »Ich hab sie vorhin auf dem Dachboden wiedergefunden«, sage ich, als ich mich bücke und sie zwischen ein paar Bücher auf das unterste Brett schiebe.

Das Regal hat Graham mir zu unserem ersten Hochzeitstag geschenkt. Er hat es selbst gebaut. Ich war voller Bewunderung, dass er so etwas kann. Als er es damals in unser Schlafzimmer getragen hat, hat er sich einen Splitter in die Hand gerammt. Ich habe die Lippen auf seinen Handballen gepresst und den Splitter herausgesaugt. Danach habe ich Graham sanft gegen das Regal geschoben, habe mich vor ihn hingekniet und mich noch einmal auf meine Weise für das Geschenk bedankt.

Das war zu einer Zeit, als zärtliche Berührungen noch Hoffnung in sich trugen. Mittlerweile erinnern mich seine Berührungen vor allem an das, was ich für ihn nie sein kann.

Als ich höre, wie er auf mich zukommt, richte ich mich schnell wieder auf und stütze mich mit einer Hand am Regal ab.

»Warum hast du die Schatulle mit runtergebracht?«, fragt er, als er hinter mir steht.

Ich sehe ihn nicht an, weil ich nicht weiß, wie ich darauf antworten soll.

Er ist mir jetzt so nahe. Sein Atem streicht durch meine Haare und weht über meinen Nacken, als er seufzt. Er legt seine Hand auf meine und senkt zu einem stummen Kuss die Lippen auf meine Schulter.

Die Intensität meines Verlangens nach ihm versetzt mir einen schmerzlichen Stich. Ich würde mich so gern zu ihm umdrehen und meine Zunge zwischen seine Lippen gleiten lassen, seinen Mund ausfüllen. Ich vermisse, wie er schmeckt, wie er riecht, die lustvollen Laute, die er ausstößt. Ich vermisse es, sein Gewicht auf mir zu spüren, vermisse es, dass er mir so nah sein will, als würde er in mich hinabtauchen, um sich an mein Herz schmiegen zu können, während wir uns lieben. Seltsam, wie sehr einem ein Mensch fehlen kann, der doch gar nicht weg ist. Seltsam, dass ich es vermisse, einen Menschen zu lieben, mit dem ich doch immer noch schlafe.

Aber bei aller Trauer um das, was wir verloren haben, muss ich mir ehrlicherweise eingestehen, dass es wahrscheinlich schon ich bin, die zu einem großen Teil – wenn nicht sogar hauptsächlich – für das verantwortlich ist, worin sich unsere Ehe verwandelt hat. Die Erkenntnis beschämt mich so sehr, dass ich kurz die Augen schließe. Ich bin eine Meisterin in der Kunst des Ausweichens geworden und bewege mich so geschickt haarscharf an Graham vorbei, dass ich mich manchmal frage, ob er es überhaupt bemerkt. Ich tue so, als wäre ich schon eingeschlafen, wenn er ins Bett kommt. Ich gebe vor, ihn nicht zu hören, wenn er im Dunkeln meinen Namen raunt. Ich schütze Geschäftigkeit vor, wenn er auf mich zugeht. Ich berufe mich auf Schmerzen, wenn ich keine habe. Ich schließe wie aus Versehen die Tür, wenn ich dusche. Ich gebe vor, glücklich zu sein, obwohl ich doch nur noch existiere.

Es fällt mir zunehmend schwerer, ihm vorzuspielen, ich würde seine Berührungen genießen. Ich genieße sie nicht … ich brauche sie nur. Das ist ein Unterschied. Manchmal frage ich mich, ob er mir womöglich genauso etwas vormacht wie ich ihm. Will er mich so sehr, wie er es vorgibt? Wünscht er sich wirklich, ich würde mich ihm nicht entziehen? Oder ist er womöglich dankbar, wenn ich es tue?

Jetzt legt er einen Arm um mich und ich spüre seine warme Hand an meinem Bauch. Einem Bauch, der nach sieben Jahren Ehe immer noch mühelos in mein Hochzeitskleid passt. Einem Bauch, der von den Spuren einer Schwangerschaft unberührt geblieben ist.

Zumindest das habe ich. Einen Bauch, um den mich die meisten Mütter beneiden würden.

»Hast du …« Seine Stimme ist leise und liebevoll und voller Angst vor der Frage, die er mir stellen wird. »Hast du schon mal daran gedacht, sie aufzumachen?«

Graham stellt nur dann Fragen, wenn er unbedingt Antworten braucht. Das ist eine Eigenschaft, die ich an ihm immer geliebt habe. Er füllt Leerräume nicht mit unnötigem Gerede. Entweder hat er etwas zu sagen oder nicht. Entweder will er die Antwort auf eine Frage wissen oder nicht. Er würde mich niemals fragen, ob ich daran gedacht habe, die Schatulle zu öffnen, wenn ihm meine Antwort nicht so wichtig wäre, dass er sie hören müsste.

Aber jetzt in diesem Moment ist genau das die Eigenschaft, die ich an ihm am wenigsten mag. Ich will diese Frage nicht hören, weil ich selbst nicht weiß, wie ich sie beantworten soll.

Statt zu riskieren, dass der Wind mir meine Wörter wieder in die Kehle zurückweht, zucke ich nur mit den Schultern. Nach all den Jahren, in denen wir die Ausweichbewegungen perfektioniert haben, hält er plötzlich in unserem Trennungstanz inne, um eine ernst gemeinte Frage zu stellen. Eine Frage, von der ich schon seit einer Weile erwartet habe, dass sie irgendwann kommen wird. Und was mache ich?

Ich zucke mit den Schultern.

Der Moment, der meinem Schulterzucken folgt, ist wahrscheinlich der Grund, warum er so lang gebraucht hat, mir diese Frage zu stellen. Es ist der Moment, in dem ich spüre, wie sein Herz kurz stehen bleibt. Der Moment, in dem er seine Lippen in meine Haare presst und einen Seufzer tut, der für immer verloren ist. Der Moment, in dem er begreift, dass er mich zwar mit seinen Armen umschlingen, mich aber nicht halten kann. Das kann er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Es ist schwer, jemanden zu halten, der längst entglitten ist.

Ich erwidere seine Umarmung nicht. Er lässt mich los. Ich atme aus. Er geht aus dem Schlafzimmer.

Wir tanzen weiter.

Drei

DAMALS

Urplötzlich schlägt das Wetter um und alles ist anders.

Genau wie mein Leben.

Eben war ich noch mit einem Mann verlobt, in den ich vier Jahre lang verliebt war. Jetzt nicht mehr. Ich setze mich in den Wagen, schalte die Scheibenwischer an und starre durch die Windschutzscheibe nach draußen. Ein paar Leute flüchten sich in das Apartmentgebäude, in dem Ethan wohnt. Auch Sasha.

Der Platzregen kam wie aus dem Nichts. Kein Nieseln hat ihn angekündigt. Es ist, als hätte im Himmel jemand einen riesigen Eimer Wasser umgekippt. Dicke Tropfen klatschen aufs Glas.

Was Graham wohl macht? Wohnt er hier in der Nähe oder läuft er jetzt durch den Regen? Ich setze den Blinker, lenke den Wagen zum letzten Mal aus der Parkbucht vor Ethans Haus und fahre in die Richtung, in die Graham eben verschwunden ist. Als ich nach links abbiege, sehe ich, wie er gerade vor dem Regen in einem Restaurant Schutz sucht.

Es ist das Conquistadors. Ein Mexikaner. Ich finde ihn nicht so toll, aber da er gleich um die Ecke von Ethans Apartment liegt, waren wir mindestens einmal im Monat dort essen.

Gerade steigen vor dem Gebäude Leute in einen Wagen. Ich warte, bis sie weggefahren sind, und parke dann schnell ein. Als ich kurz darauf zum Eingang haste, wird mir klar, dass ich keine Ahnung habe, was ich überhaupt zu Graham sagen soll.

»Kann ich dich nach Hause fahren?«

»Brauchst du jemanden, der dir Gesellschaft leistet?«

»Lust auf ein bisschen Rachesex?«

Ach was, das ist Blödsinn. Rachesex ist das Allerletzte, was ich jetzt will. Hoffentlich denkt er nicht, ich wäre ihm deswegen gefolgt. Ich weiß ja selbst nicht, warum ich ihm hinterher bin. Vielleicht will ich einfach nur noch nicht allein sein. Er hatte schon recht damit, dass die Tränen später fließen werden, wenn es um mich herum still geworden ist.

Die Tür klappt hinter mir zu, und es dauert einen Moment, bis sich meine Augen an das Dämmerlicht im Restaurant gewöhnt haben. Graham steht an der Theke. Er hängt gerade seine nasse Jacke über einen Barhocker. Als er mich sieht, wirkt er kein bisschen erstaunt, sondern zieht einen zweiten Hocker hervor, als wäre es selbstverständlich, dass ich mich zu ihm setze.

Und genau das tue ich. Ich setze mich neben ihn und wir sitzen wortlos in geteiltem Leid nebeneinander.

»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragt der Barmann.

»Zwei Shots«, sagt Graham. »Egal, was. Hauptsache, es hilft uns, die letzte Stunde unseres Lebens zu vergessen.«

Der Mann lacht, aber als wir keine Miene verziehen, begreift er den Ernst der Lage. »Moment.« Er hebt den Zeigefinger. »Da hab ich genau das Richtige.« Er geht zum anderen Ende der Theke.

Ich spüre Grahams Blick, schaue aber nicht auf, weil ich seine traurigen Augen jetzt lieber nicht sehen will. Irgendwie tut es mir für ihn fast mehr leid als für mich. Ich ziehe die Schale mit dem Knabberzeug zu mir und lege aus den kurzen Salzstangen ein Gitter aus drei mal drei Kästchen auf die Theke. Dann suche ich die kleinen Cracker heraus, lege sie als Häufchen vor mich und schiebe die Schüssel, in der jetzt nur noch Minibrezeln sind, Graham hin.

Einen Cracker lege ich in die Mitte des Rasters und sehe Graham abwartend an. Er betrachtet die Schale und um seine Mundwinkel spielt ein leises Lächeln. Er nimmt eine Brezel und legt sie in das Feld direkt über meinem Cracker. Ich lege einen zweiten Cracker in das Kästchen links von der Mitte.

Der Barmann stellt zwei Shotgläser vor uns hin. Wir greifen gleichzeitig danach und drehen uns auf unseren Hockern so, dass wir uns ansehen.

Stumm warten wir darauf, dass einer von uns beiden irgendeinen Trinkspruch sagt. Graham räuspert sich. »Mir fällt absolut nichts ein, worauf ich heute gern anstoßen würde. Scheiß auf diesen Tag.«

»Scheiß auf diesen Tag«, stimme ich ihm zu. Wir stoßen an, legen den Kopf in den Nacken. Graham leert sein Glas auf Ex. Er knallt es auf die Theke, nimmt eine weitere Brezel aus der Schale und legt sie neben meine Cracker ins Gitter.

Während ich über meinen nächsten Zug nachdenke, vibriert in der Jackentasche mein Handy. Ich ziehe es heraus. Auf dem Display leuchtet Ethans Name.

Graham holt im gleichen Moment sein Handy raus und zeigt mir das Display, auf dem Sashas Name blinkt. Wäre alles nicht so furchtbar traurig, wäre es fast zum Lachen.

Ich muss an die Szene vorhin denken, bevor die beiden aus dem Apartment kamen und Graham und ich im Hausflur auf dem Boden saßen und ihr Essen in uns reinstopften. Total absurd.

Graham legt sein Handy auf die Theke. Er betrachtet es einen Moment und schnippt dann mit dem Zeigefinger dagegen, sodass es über die Theke schlittert und mit einem splitternden Geräusch auf den Steinboden fällt. Er zuckt nicht mal mit der Wimper.

»Du hast dein Handy geschrottet.«

Er greift nach einer Brezel und wirft sie sich in den Mund. »Sind sowieso zu viele Fotos und Nachrichten von Sasha drauf. Morgen hole ich mir ein neues.«

Ich lege mein Handy vor mich auf die Theke. Einen Moment liegt es still da, dann fängt es wieder an zu vibrieren. Noch mal Ethan. Als sein Name auf dem Display aufleuchtet, überkommt mich das Bedürfnis, dasselbe zu machen wie Graham. Ich brauche sowieso mal wieder ein neues. Als der Summton verstummt und kurz darauf eine Nachricht von Ethan eingeht, versetze ich dem Handy einen Schubs, und wir sehen zu, wie es über die Theke segelt und zu Boden knallt.

Danach spielen wir weiter Tic-Tac-Toe. Die erste Runde gewinne ich. Die zweite Graham. Die dritte geht unentschieden aus.

Graham nimmt sich eine Salzstange aus dem Raster, schiebt sie sich zwischen die Lippen und sieht mich an. Ich weiß nicht, ob es der Alkohol ist oder die Tatsache, dass mich die Ereignisse dieses Tages einfach komplett überfordern, aber jedes Mal, wenn er mich anschaut, spüre ich seinen Blick als Prickeln auf der Haut. Und zwar überall. Ich bin verwirrt. Liegt das an ihm oder an dem, was heute passiert ist? Ich weiß es nicht, aber eigentlich ist es mir auch egal. Diese nervöse Verwirrung ist auf jeden Fall besser als die totale Traurigkeit, die mich überkommen würde, wenn ich jetzt alleine zu Hause säße.

Ich ersetze die Salzstange, die Graham gerade aufgegessen hat. »Ich muss dir übrigens was beichten.«

»Nach dem, was heute passiert ist, kann mich nichts mehr erschüttern. Beichte ruhig.«

Einen Ellbogen auf die Theke gestützt, lege ich den Kopf in meine Hand und sehe ihn von der Seite an. »Nachdem du vorhin weggegangen bist, ist Sasha aus dem Haus gekommen und hat mich angesprochen«, sage ich zögernd. »Na ja, und ich …«

Graham zieht eine Braue hoch. »Was hast du getan, Quinn?«

»Sie wollte wissen, in welche Richtung du gegangen bist, aber ich habe es ihr nicht verraten.« Jetzt setze ich mich auf und drehe mich ihm zu. »Ich habe mich in meinen Wagen gesetzt, aber vorher hab ich gesagt: ›Achthundert Dollar für Online-Scrabble? Echt jetzt, Sasha?‹«

Graham sieht mich an. Sein Blick ist durchdringend, aber undurchschaubar. Findet er, dass ich zu weit gegangen bin? Klar, ich hätte das nicht sagen sollen, aber verdammt … ich war wahnsinnig sauer. Und es tut mir nicht leid.

»Was hat sie gesagt?«

Ich schüttle den Kopf. »Nichts. Sie hat mich bloß mit offenem Mund angestarrt. Und dann hat es angefangen zu regnen und sie ist in Ethans Haus zurückgerannt.«

Graham sieht mich weiter unverwandt an und zeigt keinerlei Regung. Ich fühle mich unbehaglich, weil ich nicht weiß, was er denkt. Es wäre mir lieber, er würde lachen oder wäre sauer, weil ich mich in seine Angelegenheiten eingemischt habe. Irgendwas.

Aber er sieht mich einfach nur an.

Irgendwann senkt er den Blick. Wir sitzen uns gegenüber, ohne dass sich unsere Beine berühren. Graham schiebt die Hand, die auf seinem Knie liegt, ein winziges Stück vor, sodass seine Fingerspitzen sanft gegen mein Knie stoßen.

Die Berührung ist so subtil, dass man meinen könnte, sie wäre unabsichtlich, aber das ist sie nicht. Ich halte die Luft an. Nicht weil mir die Berührung unangenehm wäre, sondern weil ich mich nicht erinnern kann, wann eine Berührung von Ethan in mir so eine Hitze erzeugt hätte.

Graham zeichnet mit dem Finger einen Kreis auf mein Knie.

Als er mich wieder ansieht, weiß ich genau, was er denkt. Es ist offensichtlich.

»Sollen wir gehen?« Sein Flüstern ist fast ein Flehen.

Ich nicke.

Er steht auf, legt ein paar Scheine auf die Theke und zieht seine Jacke an. Dann greift er nach meiner Hand und führt mich durchs Lokal zur Tür hinaus. Ich kann nur hoffen, dass er mich irgendwohin bringt, wo der Tag so zu Ende geht, dass ich es nicht bereue, heute aufgewacht zu sein.

Vier

JETZT

Irgendwann hat Graham mich einmal gefragt, was ich immer so lang unter der Dusche mache. Ich weiß nicht mehr, welche Ausrede ich hatte. Wahrscheinlich habe ich behauptet, ich würde entspannen oder das heiße Wasser wäre gut für die Haut. In Wirklichkeit brauche ich so lang, weil die Dusche der einzige Ort ist, an dem ich mir erlaube zu trauern.

Ich schäme mich dafür, dass ich das Bedürfnis danach habe, obwohl doch niemand gestorben ist. Warum weine ich um etwas, das nie existiert hat?

Jetzt stehe ich bestimmt auch schon wieder eine halbe Stunde unter der Dusche. Als ich heute morgen aufgewacht bin, dachte ich noch, es würde ein unkomplizierter, schmerzloser Tag werden. Aber dann bin ich zur Toilette, habe das Blut gesehen und wusste, dass ich mich geirrt hatte. Ich hasse mich selbst dafür, dass mir das jedes Mal so den Boden unter den Füßen wegzieht. Dabei erlebe ich es doch jeden Monat, seit ich zwölf bin. Ich sollte daran gewöhnt sein.

Den Rücken an die gekachelte Wand gepresst, halte ich mein Gesicht dem Wasser entgegen. Wenn es sich mit meinen Tränen mischt, fühle ich mich ein bisschen weniger erbärmlich, weil der größte Teil von dem, was mir über die Wangen strömt, ja bloß Duschwasser ist.

Und auf einmal sehe ich mich im Spiegel und bin dabei, mich zu schminken.

Das passiert mir öfter. In der einen Sekunde stehe ich noch unter der Dusche, in der nächsten bin ich ganz woanders. Ich versinke in meiner Trauer. Versinke so tief darin, dass ich mich verliere und in dem Moment, in dem ich aus der Dunkelheit wieder emporsteige, manchmal schon wieder an einem anderen Ort bin. So wie jetzt: nackt, vor dem Badezimmerspiegel.