Maybe Now - Colleen Hoover - E-Book
Beschreibung

Heiß ersehnt: die neue Hoover!

Endlich sind Sydney und Ridge auch offiziell ein Paar, und eigentlich könnte alles perfekt sein. Dies umso mehr, als Ridges Exfreundin Maggie dabei ist, sich umzuorientieren: Beim Skydiving hat sie Jake kennengelernt, und der ist ganz offenkundig ebenso interessiert an Maggie wie sie an ihm. Doch als ihre Krankheit erneut ausbricht, gibt sie ihm aus lauter Angst gleich wieder den Laufpass – und sucht Hilfe bei dem Menschen, der ihr so vertraut ist wie kein anderer: Ridge…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:478


Colleen Hoover

Maybe Now

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Kattrin Stier

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Dieses Buch ist für jedes einzelne Mitglied

von Colleen Hoovers CoHorts.

Nur nicht für die beiden Mörder.

Für die ist dieses Buch nicht.

PrologMaggie

Ich lege den Stift auf das Blatt. Meine Hand zittert zu sehr, als dass ich irgendetwas ausfüllen könnte, und so atme ich ein paarmal tief durch, um meine Nerven zu beruhigen.

Du schaffst das, Maggie.

Wieder greife ich zum Stift, aber ich glaube, meine Hand flattert jetzt sogar noch mehr als vorher.

»Komm, ich helfe dir.«

Ich blicke auf. Vor mir steht der Fallschirm-Lehrer und lächelt mich an. Er nimmt mir den Stift aus der Hand und greift dann nach dem Clipboard, bevor er zu meiner Rechten Platz nimmt. »Beim ersten Mal sind viele so nervös. Besser, du lässt mich den Papierkram machen, weil man deine Handschrift sonst sowieso nicht lesen kann«, sagt er. »Man könnte direkt meinen, du willst gleich aus einem Flugzeug springen oder so.«

Sein entspanntes Lächeln beruhigt mich ein bisschen. Doch dann werde ich gleich wieder nervös, weil mir aufgeht, was für eine miserable Lügnerin ich bin. Bei der Beantwortung der medizinischen Fragen ließe es sich deutlich leichter schwindeln, wenn ich das Formular selber ausfüllen würde. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es schaffe, diesem Mann glatt ins Gesicht zu lügen.

»Danke, aber ich kriege das schon hin.« Ich versuche, mir das Clipboard wiederzuholen, doch er hält es außerhalb meiner Reichweite.

»Nicht so schnell«, – er wirft einen raschen Blick auf das Formular –, »Maggie Carson.« Er streckt mir die Hand entgegen und hält mit der anderen immer noch das Clipboard von mir fort. »Ich bin Jake, und wenn du schon vorhast, dich mir anzuvertrauen und mit mir in 3000 Metern Höhe aus einem Flugzeug zu springen, dann kann ich dir ja vorher wenigstens beim Ausfüllen helfen.«

Ich schüttele ihm die Hand und bin beeindruckt von der Kraft hinter seinem Händedruck. Irgendwie beruhigend, wenn man bedenkt, dass ich gleich genau diesen Händen mein Leben anvertrauen werde.

»Wie viele Tandemsprünge hast du schon absolviert?«, frage ich ihn.

Er grinst und wendet sich wieder den Formularen zu, um sie durchzublättern. »Du wirst Nummer fünfhundert sein.«

»Wirklich? Fünfhundert hört sich nach einer ordentlichen Menge an. Solltest du das nicht feiern?«

Er blickt auf und sein Lächeln schwindet. »Du hast gefragt, wie viele Tandemsprünge ich schon absolviert habe. Lieber nicht voreilig feiern.«

Ich schlucke.

Er lacht und stupst mich gegen die Schulter. »War nur ein Scherz, Maggie. Entspann dich! Du bist in guten Händen.«

Ich lächele und hole gleich noch mal tief Luft. Er fängt an, das Formular durchzugehen.

»Irgendwelche medizinischen Einschränkungen?«, fragt er und hält dabei den Stift schon auf dem Kästchen »Nein«. Ich antworte nicht. Mein Schweigen führt dazu, dass er aufblickt und seine Frage wiederholt. »Medizinische Einschränkungen? Irgendwelche Krankheiten in letzter Zeit? Irgendwelche verrückten Exfreunde, von denen ich wissen sollte?«

Ich grinse und schüttele den Kopf. »Keine verrückten Exfreunde. Nur einer, und der ist echt toll.«

Er nickt langsam. »Und was ist mit dem anderen Teil der Frage? Medizinische Einschränkungen?« Er wartet auf meine Antwort, doch ich habe nicht mehr zu bieten als ein angespanntes Schweigen. Er kneift die Augen zusammen und beugt sich ein Stückchen vor, um mich genauer zu mustern. Fast scheint er mehr Antworten zu suchen, als auf dem Fragebogen vorgesehen sind. »Ist es tödlich?«

Ich versuche, die Fassung zu bewahren. »Nicht wirklich. Noch nicht.«

Er beugt sich noch weiter vor und sieht mich voll aufrichtiger Anteilnahme an. »Und was ist es dann, Maggie Carson?«

Ich kenne ihn ja gar nicht, aber er hat so etwas Gelassenes an sich, dass ich mich ihm anvertrauen möchte. Aber ich tue es nicht. Ich betrachte die gefalteten Hände in meinem Schoß. »Wenn ich es dir sage, lässt du mich vielleicht nicht springen.«

Er beugt sich vor, bis sein Ohr ganz nah an meinem Mund ist. »Wenn du es leise genug sagst, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht höre«, sagt er mit gedämpfter Stimme. Ein Hauch seines Atems streichelt über mein Schlüsselbein und mich schauert überall. Er weicht ein Stückchen zurück und betrachtet mich, wartet auf meine Antwort.

»Mukoviszidose«, sage ich. Keine Ahnung, ob er überhaupt weiß, was Mukoviszidose ist, aber wenn ich nichts weiter sage, gibt er sich möglicherweise damit zufrieden.

»Wie sind deine Sauerstoffwerte?«

Okay, vielleicht weiß er doch, was Mukoviszidose ist. »So weit ganz gut.«

»Hast du eine ärztliche Erlaubnis?«

Ich schüttele den Kopf. »Das war eine Last-Minute-Entscheidung. Ich bin manchmal ziemlich spontan.«

Er grinst, wirft noch einen Blick auf das Formular und kreuzt dann bei Gesundheitliche Einschränkungen »Nein« an. Dann sagt er: »Tja, du hast Glück, weil ich nämlich zufällig Arzt bin. Aber falls du heute doch sterben solltest, werde ich allen sagen, dass du hier drauf falsche Angaben gemacht hast.«

Ich lache und nicke zustimmend, dankbar, dass er die Sache so locker nimmt. Ich weiß, dass das ziemlich viel verlangt ist. »Danke.«

Er hält den Blick auf den Fragebogen gerichtet und sagt: »Wofür bedankst du dich? Ich hab doch nichts getan.« Nach und nach geht er die Liste der Fragen durch, und ich beantworte alle aufrichtig, bis wir schließlich auf der letzten Seite angelangt sind. »Okay, letzte Frage. Warum möchtest du Fallschirmspringen?«

Ich beuge mich über ihn, um aufs Blatt sehen zu können. »Wollen die das wirklich wissen?«

»Japp. Da steht’s.«

Tatsächlich. Also sage ich wahrheitsgemäß: »Weil ich sterben werde, schätz ich mal. Ich habe noch eine lange Liste von Dingen, die ich schon immer tun wollte.« Sein Blick wird ein wenig starr, fast, als ginge meine Antwort ihm nahe. Er wendet seine Aufmerksamkeit wieder den Unterlagen zu. Ich lege den Kopf schief und lese über seine Schulter hinweg mit, wie er eine Antwort notiert, die ganz anders ist als die, die ich ihm gegeben habe.

»Ich will Fallschirmspringen, weil ich das Leben voll auskosten möchte.«

Er reicht mir das Formular und den Stift. »Du musst noch unterschreiben«, sagt er und deutet unten auf die Seite. Ich reiche ihm das Blatt mit meiner Unterschrift zurück. Er steht auf und nimmt meine Hand. »Dann lass uns mal die Fallschirme zusammenpacken, Nummer fünfhundert.«

***

»Bist du wirklich Arzt?«, brülle ich über den Lärm der Motoren hinweg. Wir sitzen uns in dem kleinen Flugzeug gegenüber. Sein Lächeln ist breit und zeigt eine so gerade Reihe weißer Zähne, dass man wetten könnte, er wäre eigentlich Zahnarzt.

»Kardiologe!«, brüllt er. Er macht eine ausladende Geste durch das Flugzeuginnere. »Das hier mach ich nur zum Spaß!«

Kardiologe und Hobby-Fallschirmspringer. Ganz schön beeindruckend.

»Hat deine Frau nichts dagegen, wenn du immer so beschäftigt bist?«, brülle ich. O Gott. Geht’s noch platter und offensichtlicher? Ich winde mich innerlich, dass mir das tatsächlich entschlüpft ist. Flirten war noch nie meine Stärke.

Er beugt sich vor und brüllt: »Was?«

Will er wirklich, dass ich das noch einmal wiederhole? »Ich habe gefragt, ob es deiner Frau nichts ausmacht, wenn du ständig so beschäftigt bist!«

Er schüttelt den Kopf und löst seinen Sicherheitsgurt, um sich zu mir zu setzen. »Es ist zu laut hier drin!«, brüllt er und wedelt mit der Hand durch das Flugzeug. »Sag es noch einmal!«

Ich verdrehe die Augen und mache Anstalten, ihn erneut zu fragen. »Macht … es … deiner Frau …«

Er lacht und legt mir einen Finger auf die Lippen, aber nur kurz. Dann zieht er die Hand fort und beugt sich zu mir. Mein Herz reagiert stärker auf diese kleine Bewegung als auf die Tatsache, dass ich gleich aus diesem Flugzeug springen werde.

»Das war ein Scherz«, sagt er. »Du hast so verlegen dreingeschaut, als du es das erste Mal gesagt hat. Da wollte ich einfach, dass du es noch einmal wiederholst.«

Ich schlage ihn auf den Arm. »Arschloch!«

Er lacht und steht auf, dann packt er meinen Sicherheitsgurt, drückt auf den Auslöseknopf und zieht mich in die Höhe. »Bist du bereit?«

Ich nicke, aber das ist gelogen. Ich habe unglaubliche Angst, und wenn der Typ nicht ausgerechnet ein ziemlich heißer Arzt wäre, der das hier zum Vergnügen tut, dann würde ich vermutlich genau jetzt einen Rückzieher machen.

Er dreht mich, sodass ich mit dem Rücken gegen seine Brust gelehnt dastehe, und klickt dann unsere Gurte zusammen, bis ich sicher an ihm befestigt bin. Mit geschlossenen Augen spüre ich, wie er mir die Schutzbrille aufzieht. Nach einigen Minuten hat er alle Vorkehrungen getroffen und schiebt mich vorwärts zu der Öffnung in der Flugzeugwand, wo er sich mit beiden Händen seitlich abstützt. Ich starre hinab in die Wolken.

Wieder kneife ich die Augen zu und spüre plötzlich seinen Mund dicht an meinem Ohr. »Ich bin nicht verheiratet, Maggie. Das Einzige, was ich liebe, ist mein Leben.«

Und so kommt es, dass ich ein Lächeln im Gesicht habe, obwohl ich noch selten in meinem Leben solche Panik hatte wie in diesem Augenblick. Seine Antwort ist die dreimalige Wiederholung der Frage wert, zu der er mich gezwungen hat. Ich klammere mich noch fester an meinen Gurt. Er greift um mich herum, nimmt mich bei den Händen und zieht sie herab. »Noch sechzig Sekunden«, sagt er. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«

Ich nicke, viel zu verängstigt, um ihm jetzt noch zu widersprechen, wo ich doch quasi mein Schicksal in seine Hände gelegt habe.

»Wenn wir lebend unten ankommen, darf ich dich dann zum Essen einladen? Um mein fünfhundertstes Mal zu feiern?«

Der sexuelle Unterton seiner Frage amüsiert mich und ich drehe den Kopf nach hinten. »Dürfen Tandem-Lehrer sich mit ihren Schülerinnen verabreden?«

»Keine Ahnung«, sagt er lachend. »Die meisten meiner Schüler sind Männer, und bei denen hatte ich bislang noch nie das Bedürfnis, sie zum Essen einzuladen.«

Ich starre wieder stur geradeaus. »Ich gebe dir Bescheid, wenn wir sicher gelandet sind.«

»Einverstanden.« Er schiebt mich einen Schritt nach vorn, verschränkt seine Finger mit meinen und breitet dann die Arme aus. »Auf geht’s, Fünfhundert. Bist du bereit?«

Ich nicke, während mein Puls noch mehr zulegt, und sich mein Brustkorb vor lauter Angst zusammenkrampft bei dem Gedanken an das, was ich gleich freiwillig tun werde. Ich spüre seinen Atem und den Wind an meinem Hals, während er uns an die äußerste Kante des Flugzeugs bugsiert.

»Ich weiß, dass du gesagt hast, du wolltest Fallschirmspringen, weil du sterben wirst«, sagt er und drückt meine Hände. »Aber hier geht es nicht ums Sterben, Maggie! Das hier ist Leben!«

Und damit schiebt er uns beide ein Stück nach vorn … und wir springen.

1.Sydney

Sobald ich die Augen aufschlage, drehe ich mich zur Seite, nur um festzustellen, dass die andere Seite des Bettes leer ist. Ich ziehe das Kissen, auf dem Ridge geschlafen hat, zu mir. Es riecht noch nach ihm.

Gott sei Dank. Es war nicht nur ein Traum.

Ich kann noch immer nicht begreifen, was gestern Abend geschehen ist. Das Konzert, das er mit Brennan und Warren geplant hat. Die Songs, die er für mich geschrieben hat. Dass wir uns endlich eingestehen konnten, was wir füreinander empfinden, ohne dabei Schuldgefühle haben zu müssen.

Vielleicht rührt daher auch dieses neue Gefühl von Frieden – dass das schlechte Gewissen, das ich immer in seiner Gegenwart hatte, nun verschwunden ist. Es war schwer, sich in jemanden zu verlieben, der bereits in einer Beziehung war. Aber das zu verhindern, war noch schwerer.

Ich rolle mich aus dem Bett und lasse den Blick durch den Raum schweifen. Sein Shirt liegt neben meinem auf dem Boden, was bedeutet, dass er noch hier sein muss. Ich habe ein bisschen Angst davor, aus meinem Zimmer zu gehen und ihm zu begegnen. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil er nun mein Freund ist und ich gerade mal zwölf Stunden Zeit hatte, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Es ist plötzlich so … so offiziell. Ich habe keine Ahnung, wie es werden wird. Wie unser gemeinsames Leben aussehen wird. Aber es ist eine vorfreudige Angst.

Ich schnappe mir sein T-Shirt vom Boden und ziehe es mir über den Kopf. Dann mache ich noch einen kleinen Umweg über das Badezimmer, um mir die Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Ich überlege, ob ich noch meine Haare in Ordnung bringen sollte, bevor ich ins Wohnzimmer gehe, aber Ridge hat mich schon in schlimmerem Zustand erlebt. Er war mein Mitbewohner. Er hat mich in weitaus schlimmerem Zustand erlebt.

Als ich die Tür zum Wohnzimmer öffne, sehe ich ihn mit einem Block und meinem Laptop am Tisch sitzen. Ich lehne mich gegen den Türrahmen und beobachte ihn ein Weilchen. Ich weiß nicht, wie er das empfindet, aber ich mag es, wenn ich ihn unbemerkt beobachten kann, ganz in Ruhe.

Einmal fährt er sich frustriert mit der Hand durch die Haare, und an der verspannten Haltung seiner Schultern erkenne ich, dass er gestresst ist. Arbeit, vermute ich.

Als er mich schließlich bemerkt und bei meinem Anblick deutlich entspannter wird, löst sich auch meine Nervosität in Luft auf. Er sieht mich einen Augenblick an und lässt dann den Stift auf den Block fallen. Lächelnd schiebt er den Stuhl zurück und kommt quer durch den Raum auf mich zu, zieht mich an sich und drückt die Lippen seitlich gegen meinen Kopf.

»Guten Morgen«, sagt er.

Ich werde nie müde, ihn sprechen zu hören. Ich lächle ihn an und erwidere »Guten Morgen« in Gebärdensprache.

Er blickt auf meine Hände und dann in mein Gesicht. »Das ist so verdammt sexy.«

Ich grinse. »Und ich finde es verdammt sexy, dich sprechen zu hören.«

Er küsst mich und geht dann wieder zum Tisch zurück. Dort schnappt er sich sein Handy, um mir zu schreiben.

Ridge: Ich muss heut noch massenhaft Arbeit nachholen und dazu brauche ich unbedingt meinen eigenen Laptop. Ich geh jetzt in meine Wohnung zurück, dann kannst du dich für die Arbeit fertig machen. Soll ich heute Abend vorbeikommen?

 

Sydney: Auf dem Rückweg von der Arbeit fahre ich sowieso bei dir vorbei, dann komm ich einfach zu dir.

Ridge nickt und nimmt den Block, auf dem er sich etwas notiert hatte. Er klappt meinen Laptop zu und kommt zu mir zurück, legt mir den Arm um die Taille und zieht mich an sich. Ich erwidere seinen Kuss und höre nicht einmal damit auf, als er den Block auf die Küchenarbeitsplatte wirft. Er hebt mich mit beiden Armen in die Höhe, trägt mich quer durch den Raum, und wenige Sekunden später liegen wir schon übereinander auf meinem Sofa … Diese Woche fliege ich raus, so viel ist klar. Ich kann ihm unmöglich sagen, dass ich jetzt schon zu spät zur Arbeit komme. Denn lieber will ich gefeuert werden, als ihn jetzt nicht weiterzuküssen.

Das ist natürlich etwas übertrieben. Ich will nicht gefeuert werden. Aber auf das hier habe ich so lange gewartet, und ich möchte nicht, dass er geht. Ich fange an zu zählen und nehme mir vor, bei zehn wirklich aufzuhören und mich anziehen zu gehen. Aber ich bin bereits bei fünfundzwanzig, als ich schließlich eine Hand gegen seine Brust drücke.

Er löst sich von mir und lächelt auf mich herab. »Ich weiß«, sagt er. »Arbeit.«

Ich nicke und bemühe mich, meine Gedanken in Gebärdensprache auszudrücken. Ich weiß, dass ich noch nicht alles richtig mache, aber die Wörter, die ich noch nicht kenne, buchstabiere ich einfach. »Du hättest dir lieber das Wochenende für deine Verführungskünste aussuchen sollen anstelle eines normalen Werktags.«

Ridge lächelt. »So lange hätte ich nicht warten können.« Er küsst mich auf den Hals und rollt sich dann von mir hinunter, um in meinem Anblick zu schwelgen.

»Syd«, sagt er. »Hast du … das Gefühl …« Er zögert und zieht dann sein Handy hervor. Zwischen uns besteht weiterhin ein gewaltiges Kommunikationshindernis, weil er sich noch nicht recht wohl dabei fühlt, ganze Gespräche laut zu führen, und ich umgekehrt in Gebärdensprache noch nicht fit genug bin, um eine richtige Unterhaltung in angemessenem Tempo führen zu können. Das Handy wird sicher noch eine Weile unser Sprachrohr bleiben, bis wir beide besser geworden sind. Ich sehe zu, wie er tippt. Dann brummt mein Handy.

Ridge: Wie geht es dir damit, dass wir jetzt endlich richtig zusammen sind?

 

Sydney: Unglaublich gut. Und dir?

 

Ridge: Unglaublich. Und … frei? Ist das das Wort, nach dem ich suche?

Ich bin noch dabei, seine Nachricht zu lesen und noch einmal zu lesen, während er bereits an der nächsten schreibt. Er schüttelt den Kopf, als wollte er verhindern, dass ich seine vorherige Nachricht falsch verstehen könnte.

Ridge: Ich meine nicht frei in dem Sinne, dass wir nicht frei waren, bevor wir uns gestern wiedergefunden haben. Oder dass ich mich eingesperrt gefühlt habe, solange ich mit Maggie zusammen war. Es ist nur …

Er zögert kurz, aber ich habe meine Antwort schon, weil ich ziemlich sicher weiß, was er sagen will.

Sydney: Du hast immer nur für andere gelebt, seitdem du ein Kind warst. Und deine Entscheidung, mit mir zusammen zu sein, war sozusagen eine egoistische Entscheidung. Du hast nie etwas nur für dich getan. Und es kann eine befreiende Wirkung haben, einmal in erster Linie an sich selbst zu denken.

Er liest meine Nachricht, und sobald sich unsere Blicke kreuzen, spüre ich, dass wir auf derselben Wellenlänge sind.

Ridge: Ganz genau. Dass ich mich entschieden habe, mit dir zusammen zu sein, ist die erste Entscheidung, die ich nur für mich alleine gefällt habe. Ich weiß nicht, irgendwie sollte ich mich eigentlich nicht so gut deswegen fühlen. Aber es ist so. Es fühlt sich gut an.

Obwohl es so klingt, als sei er erleichtert, endlich einmal eine egoistische Entscheidung getroffen zu haben, ist auf seiner Stirn doch eine tiefe Furche zwischen seinen Augenbrauen, als wäre er trotz allem nicht ganz frei von Schuldgefühlen. Ich strecke die Hand aus, um seine Stirn glatt zu streichen, und lege sie dann an seine Wange. »Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Alle wollen, dass du glücklich bist, Ridge. Und Maggie ganz besonders.«

Er nickt leicht und küsst mich auf die Handfläche. »Ich liebe dich.«

Diese Worte hat er schon gestern Abend mehrfach gesagt, aber sie heute früh wieder zu hören, fühlt sich an, als wäre es das erste Mal. Ich lächele und ziehe meine Hand zurück, damit ich »Ich liebe dich auch« gebärden kann.

Alles fühlt sich so surreal an – dass er tatsächlich hier bei mir ist, nach so vielen Monaten, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe als das. Und er hat recht. Es war ein erstickendes Gefühl, von ihm getrennt zu sein, und jetzt, wo er hier ist, atme ich leichter. Und Ridge will mir nicht zu verstehen geben, dass er die Beziehung mit Maggie nicht wollte. Er hat sie geliebt. Liebt sie sogar immer noch. Was nun in ihm vorgeht, ist das Ergebnis eines ganzen Lebens, in dem er sich immer nur danach gerichtet hat, was er für andere am besten hielt, und nie an sich selbst gedacht hat. Und ich glaube nicht, dass er irgendetwas davon bedauert. So ist er einfach. Und obwohl seine Entscheidung nun endlich einmal eine egoistische war, eine, die er für sich getroffen hat, weiß ich doch, dass die Selbstlosigkeit ihm immer bleiben wird. Genau wie die Schuldgefühle. Aber manchmal muss man sich eben an erste Stelle stellen. Wenn man zu sich selbst nicht gut ist, kann man auch zu anderen nicht gut sein.

»Was denkst du gerade?«, fragt er und schiebt meine Haare zurück.

Ich schüttele den Kopf. »Nichts. Es ist nur …« Ich weiß nicht, wie ich das, was ich sagen will, in Gebärdensprache ausdrücken soll, und greife stattdessen wieder nach meinem Handy.

Sydney: Es fühlt sich alles so unwirklich an. Ich muss das alles erst mal richtig begreifen. Gestern Abend war so unerwartet. Ich war eigentlich schon fast zu der Überzeugung gelangt, dass für dich eine Beziehung mit mir doch nicht infrage kam.

Ridge wirft mir einen raschen Blick zu und lacht leise, als hätte ich etwas Absurdes gesagt. Und bevor er mir antwortet, beugt er sich vor und gibt mir einen wunderbar sanften, süßen Kuss.

Ridge: Ich habe drei Monate lang nicht richtig geschlafen. Warren hat mich zum Essen gezwungen, weil ich keinen Kopf dafür hatte. Ich habe jeden Tag und jede einzelne Minute an dich gedacht, aber mich ferngehalten, weil du gesagt hast, wir bräuchten den Abstand. Das hab ich zwar kaum ausgehalten, aber ich wusste, du hattest recht. Und weil ich nicht bei dir sein konnte, habe ich stattdessen Musik über dich geschrieben.

 

Sydney: Gibt es Songs, die ich noch nicht gehört habe?

 

Ridge: Die neuen Songs hab ich dir gestern alle vorgespielt. Aber ich arbeite noch an einem, bei dem ich nicht recht weitergekommen bin, weil sich der Text irgendwie nicht richtig anfühlt. Erst nachdem du gestern Abend eingeschlafen warst, ist es nur so aus mir rausgesprudelt. Ich hab es sofort an Brennan geschickt.

Er hat noch einen ganzen Song geschrieben, nachdem ich eingeschlafen war? Ich mustere ihn misstrauisch.

Sydney: Hast du überhaupt geschlafen?

»Ich kann mich ja später noch mal hinlegen«, entgegnet er schulterzuckend und streicht mit dem Finger über meine Unterlippe. »Schau heute mal in deine Mails«, sagt er und beugt sich vor, um mich noch einmal zu küssen.

Ich liebe die Vorabversionen, die Brennan von Ridges neuen Songs macht. Ich glaube, es wird mir nie langweilig werden, mit einem Musiker zusammen zu sein.

Ridge steht vom Sofa auf und zieht mich dann ebenfalls hoch. »Ich geh jetzt, dann kannst du dich fertig machen.«

Ich nicke und küsse ihn zum Abschied. Aber als ich in Richtung Schlafzimmer gehen will, lässt er meine Hand nicht los. Ich drehe mich um und er sieht mich erwartungsvoll an.

»Was ist?«

Er deutet auf das Shirt, das ich trage. Sein Shirt. »Das bräuchte ich dann noch.«

Lachend ziehe ich es aus – ganz langsam – und reiche es ihm. Er mustert mich von Kopf bis Fuß, greift nach dem Shirt und schlüpft hinein. »Wie war das noch mal, wann genau willst du heute Abend zu mir kommen?« Bei dieser Frage gelingt es ihm nicht, den Blick von meiner Brust zu meinen Augen zu heben.

Lachend schiebe ich ihn in Richtung Tür, und er tritt hinaus, nicht ohne noch einen letzten Kuss von mir zu erhaschen. Als ich hinter ihm zumache, wird mir klar, dass ich zum ersten Mal, seitdem ich aus meiner alten Wohnung ausgezogen bin, keinen Groll mehr empfinde wegen des ganzen Chaos, das Hunter und Tori verursacht haben.

Stattdessen bin ich Hunter und Tori ohne jeden Zweifel zutiefst dankbar. Ich würde die Tori/Hunter-Nummer millionenfach über mich ergehen lassen, wenn das Ergebnis am Schluss immer Ridge wäre.

***

Ein paar Stunden später erhalte ich eine Mail von Brennan. Ich bin noch bei der Arbeit und flüchte rasch samt meinen Kopfhörern ins Klo, wo ich auf die Mail mit dem Betreff »Set Me Free« klicke. Ich lehne mich gegen die Wand, drücke auf Play und schließe die Augen.

»Set Me Free«

I’ve been running ’round

I’ve been laying down

I’ve been underground with the devil

You’ve been saving me like a ship at sea

Saying follow me to the light now

 

So here we go

A little more

Something I’ve been waiting for

Here we go

A little more

 

You set me free

Shook the dust right off me

Locked up tight you found the key

And now I see

Ain’t no place I’d rather be

I got you and you got me

You set me free

 

Hard to know the cost of it

But when you’ve lost something

Then you know there’s a price tag

Think you might have been born to

Be my come through when

I can’t keep it all together

 

So here we go

A little more

Something I’ve been waiting for

Here we go

A little more

 

You set me free

Shook the dust right off me

Locked up tight you found the key

And now I see

Ain’t no place I’d rather be

I got you and you got me

You set me free

 

I was sitting low

I didn’t know where I could go

Thought the bottom was the ceiling

No remedy to heal it

A Hail Mary to a sin

A new start to an end

 

You set me free

Shook the dust right off me

Locked up tight you found the key

And now I see

Ain’t no place I’d rather be

I got you and you got me

You set me free

Am Ende des Songs verharre ich in vollkommener Stille. Tränen strömen mir über die Wangen, dabei ist es noch nicht einmal ein trauriger Song. Aber diese Worte, die Ridge aufgeschrieben hat, nachdem ich gestern Abend neben ihm eingeschlafen war, bedeuten mir mehr als alles zuvor. Er fühle sich frei, hat er heute Morgen zu mir gesagt, aber erst jetzt geht mir auf, wie sehr das auch auf mich zutrifft.

Du gibst mir auch das Gefühl, frei zu sein, Ridge. You set me free, too.

Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren, auch wenn ich den Song am liebsten den ganzen restlichen Tag lang in Endlosschleife hören würde. Auf dem Weg zurück ertappe ich mich dabei, wie ich ihn im leeren Flur mit einem blöden Grinsen auf dem Gesicht vor mich hin schmettere.

»Ain’t no place I’d rather be. I got you und you got me …«

2.Maggie

Ich denke jeden Tag, jede Stunde und jede Minute meines Lebens an den Tod. Wie könnte es auch anders sein, wenn man nur einen Bruchteil der Lebenszeit hat, die so vielen anderen Menschen auf der Welt beschieden ist.

Ich war zwölf, als ich anfing, über meine Diagnose nachzulesen. Bis dahin hatte mir noch niemand erklärt, dass Mukoviszidose mit einem Verfallsdatum verbunden ist. Und es ist nicht meine Krankheit, die ein Verfallsdatum hat, sondern mein Leben. Seit jenem Tag sehe ich das Leben mit anderen Augen. Bin ich in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, schaue ich mir die Cremes für »Reife Haut« an und bin mir bewusst, dass ich sie niemals brauchen werde. Wenn ich Glück habe, bekomme ich überhaupt die ersten Falten, bevor ich sterbe.

Manchmal stehe ich in der Lebensmittelabteilung und betrachte die Verfallsdaten der Waren und frage mich, wer von uns wohl länger halten wird. Der Senf oder ich?

Manchmal schickt mir jemand eine Einladung für eine Hochzeit in einem Jahr, und dann kreise ich das Datum im Kalender ein und frage mich, ob mein Leben länger währen wird als die Verlobungszeit dieses Paares.

Selbst beim Anblick von Neugeborenen denke ich nur an den Tod. Das Bewusstsein, dass ich bei meinem eigenen Kind niemals miterleben würde, wie es erwachsen wird, hat in mir jeden Kinderwunsch von vorneherein ausgelöscht.

Nicht, dass ich depressiv wäre. Mein Schicksal macht mich noch nicht einmal richtig traurig. Ich habe es schon vor langer Zeit akzeptiert.

Andere Menschen leben ihr Leben so, als würden sie hundert Jahre alt werden. Sie planen ihre Karrieren und ihre Familien und ihre Ferien und ihre Zukunft und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass sie es auch erleben werden. Ich nicht. Ausgehend von meinem derzeitigen Gesundheitszustand bleiben mir mit Glück vielleicht noch zehn Jahre. Und genau deswegen denke ich jeden Tag, jede Stunde und jede Minute meines Lebens an den Tod.

Bis heute.

Bis zu dem Augenblick, in dem ich aus dem Flugzeug gesprungen bin und auf eine Erde hinabgeschaut habe, die so unbedeutend erschien, dass ich einfach nur lachen musste. Und ich konnte überhaupt nicht damit aufhören. Während des Fallens habe ich die ganze Zeit hysterisch gelacht, bis ich schließlich zu weinen anfing, weil diese Erfahrung so schön und aufregend und so viel großartiger war, als ich sie mir vorgestellt hatte. Und während ich so mit einer Geschwindigkeit von mehr als 150 Stundenkilometern auf die Erde zuraste, habe ich nicht ein einziges Mal an den Tod gedacht. Ich spürte nur, wie glücklich ich war, mich derart lebendig zu fühlen.

Ich stemmte mich gegen den Wind und dachte dabei immer wieder an Jakes Worte: »Das hier ist das Leben!«

Genauso ist es. So intensiv habe ich noch nie gelebt, und obwohl wir noch kaum eine Minute hier unten sind, will ich schon wieder rauf in die Luft.

Jake hat eine perfekte Landung hingelegt, aber ich bin noch immer an ihn gegurtet. Wir sitzen auf dem Boden, die Füße weit von uns gestreckt, während ich versuche, wieder zu Atem zu kommen. Ich bin dankbar, dass er mir einen Augenblick Ruhe gönnt, um alles auf mich wirken zu lassen.

Er schnallt uns ab und steht auf. Ich sitze noch immer, als ein Schatten auf mich fällt und er vor mir steht. Ich blicke auf und bin etwas peinlich berührt, dass ich noch immer weine, aber doch nicht so sehr, dass ich es vor ihm verbergen müsste.

»Und, wie war’s?«, sagt er und streckt mir die Hand entgegen.

Ich ergreife sie, während ich mir mit der anderen Hand die Tränen von den Wangen wische. Ich ziehe die Nase hoch und lache dann. »Ich will noch mal.«

Er lacht auch. »Jetzt sofort?«

Ich nicke mit Nachdruck. »Au ja. Das war unglaublich. Können wir gleich noch mal springen?«

Er schüttelt den Kopf. »Das Flugzeug ist den ganzen Nachmittag ausgebucht. Aber ich kann dich auf die Liste für meinen nächsten freien Tag setzen.«

»Das wäre wunderbar«, strahle ich.

Mit Jakes Hilfe lege ich meinen Gurt ab und reiche ihm dann Helm und Schutzbrille. Wir gehen nach drinnen, wo ich mich umziehe. Als ich schließlich zurück an die Empfangstheke komme, hat Jake bereits Bilder ausgedruckt und ein Video meines Fallschirmsprungs für mich heruntergeladen.

»Ich habe es dir an deine E-Mail-Adresse geschickt«, sagt er und reicht mir die Mappe mit den Fotos. »Wohnst du unter der Adresse, die auf dem Formular angegeben ist?«

Ich nicke. »Ja. Sollte ich irgendwelche Post erwarten?«

Er blickt vom Computerbildschirm auf und lächelt mich an. »Nein, aber du kannst mich heute Abend um sieben vor deiner Haustür erwarten.«

Oh. Das mit dem Feiern war also wirklich ernst gemeint. Also gut. Plötzlich bin ich wieder nervös, aber ich lasse es mir nicht anmerken. »Wird diese Feier eine förmliche Angelegenheit oder eher ungezwungen?«, frage ich.

Er lacht. »Ich könnte irgendwo einen Tisch reservieren, aber ehrlich gesagt bin ich mehr so der Pizza-und-Bier-Typ. Oder Burger oder Tacos, jedenfalls irgendetwas, bei dem ich mir keine Krawatte umbinden muss.«

»Perfekt«, sage ich und trete ein paar Schritte zurück. »Bis sieben dann. Versuch, pünktlich zu sein.«

Ich drehe mich um, und noch bevor ich zur Tür hinaus bin, sagt er: »Ich komme bestimmt nicht zu spät. Im Gegenteil, eigentlich hab ich vor, zu früh da sein.«

***

Ridge und ich waren so lange zusammen, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, was für ein Stress es ist, sich zu überlegen, was man zu einem Date anziehen soll. Abgesehen von seiner Vorliebe für BHs mit Frontverschluss hat Ridge meiner Unterwäsche eher wenig Beachtung geschenkt. Und jetzt stehe ich da und krame in meinen Schubladen nach etwas, das zusammenpasst und weder Löcher noch einen Oma-Schnitt hat.

Unfassbar, dass ich tatsächlich keine einzige sexy Unterhose besitze!

Ich ziehe die unterste Schublade auf, in der sich lauter Zeug befindet, von dem ich aus was für Gründen auch immer überzeugt war, dass ich es niemals tragen würde. Ich wühle mich durch einzelne Socken und irgendwelche alberne Reizwäsche, die ich als Gag geschenkt bekommen habe, bis ich auf etwas stoße, das mich meine Suche ganz und gar vergessen lässt.

Es ist ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Ich weiß sofort, um was es sich handelt, aber ich gehe dennoch zu meinem Bett und falte es auf. Ich sitze da und starre auf die Liste, die ich vor über zehn Jahren mit gerade mal vierzehn erstellt habe.

Es ist eine so genannte »Bucket-List«, obwohl mir dieser Begriff damals noch nicht bekannt war. Deswegen habe ich sie mit »Bevor ich 18 werde, will ich:« betitelt. Das Bevor ich 18 werde ist durchgestrichen, weil ich meinen achtzehnten Geburtstag im Krankenhaus verbracht habe. Nach meiner Entlassung war ich sauer auf die ganze Welt und darüber, dass ich noch keinen einzigen Punkt meiner Liste abgehakt hatte. Deswegen habe ich den Anfang der Überschrift ausgestrichen und ersetzt durch: »Eines Tages will ich vielleicht …«

Auf der Liste stehen nur neun Punkte.

 

Ein Rennauto fahren.

Fallschirmspringen.

Polarlichter sehen.

In Italien Spaghetti essen.

In Las Vegas 5000 Dollar verspielen.

Die Höhlen im Carlsbad-Cavern-Nationalpark besuchen.

Bungeespringen.

Einen One-Night-Stand haben.

Den Eiffelturm in Paris besuchen.

Ich überfliege die Liste erneut und stelle fest, dass ich von den neun Dingen, auf die ich als Teenie gehofft hatte, bisher nur eines getan habe. Ich war Fallschirm springen. Und selbst das erst heute, auch wenn es letztlich der beste Augenblick meines Lebens war.

Ich nehme einen Stift von meinem Nachttisch und streiche Punkt 2 von meiner Liste.

Bleiben acht weitere. Und die sind, ehrlich gesagt, allesamt machbar. Vielleicht. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, auf der Reise krank zu werden, kann ich wirklich jeden einzelnen Punkt abhaken. Und Nummer acht könnte möglicherweise schon heute Abend dran sein.

Ich weiß nicht, was Jake davon halten würde, als Punkt auf meiner Liste abgehakt zu werden, aber ich glaube kaum, dass er etwas dagegen hätte, die andere Hälfte meines One-Night-Stands zu sein. Ich werde es ohnehin nicht so weit kommen lassen, dass sich aus diesem Date heute Abend mehr entwickelt. Das Letzte, was ich will, ist mich wieder in eine Situation zu begeben, in der ich das Gefühl habe, eine Last für einen anderen Menschen zu sein. Die Vorstellung, ein unwiderstehlicher One-Night-Stand zu sein, reizt mich weit mehr als die Aussicht auf die Rolle als unheilbar kranke Freundin.

Ich falte die Liste wieder zusammen und lege sie in meine Nachttischschublade. Dann gehe ich zu meiner Kommode zurück und schnappe mir irgendeine Unterhose. Es ist mir egal, wie sie aussieht. Wenn alles nach Plan verläuft, werde ich sie gar nicht lange genug anhaben, dass Jake es überhaupt mitbekommt. Ich schlüpfe gerade in die Jeans, als eine Nachricht auf meinem Handy eintrifft.

Ridge: Mission erfolgreich.

Ich muss lächeln, als ich das lese. Obwohl wir schon vor ein paar Monaten Schluss gemacht haben, schreiben Ridge und ich uns noch gelegentlich. So schwer das unerwartete Ende unserer Beziehung auch war, wäre es doch weitaus schwerer, auch noch seine Freundschaft zu verlieren. Warren und er waren in den vergangenen sechs Jahren die einzigen Freunde in meinem Leben. Ich bin dankbar, dass das Ende unserer Beziehung nicht auch das Ende unserer Freundschaft bedeuten musste. Und ja, es fühlt sich komisch an, mit ihm über Sydney zu sprechen, aber Warren hat mich über alles auf dem Laufenden gehalten, selbst in Bereichen, über die ich lieber nicht so genau Bescheid wüsste. Ich wünsche mir ganz ehrlich, dass Ridge glücklich ist. Und natürlich war ich wütend, als ich herausgefunden habe, dass er Sydney geküsst hat, aber ich mag sie trotzdem. Schließlich ist sie ja nicht in böser Absicht bei uns aufgekreuzt, um ihn mir wegzunehmen. Ich habe mich eigentlich gut mit ihr verstanden, und die beiden haben versucht, sich richtig zu verhalten. Ich weiß nicht, ob wir je an den Punkt kommen, dass wir gemeinsam etwas unternehmen können, als Freundinnen quasi. Das wäre dann doch seltsam. Aber ich kann mich darüber freuen, dass Ridge glücklich ist. Und da Warren mich in den Plan eingeweiht hat, dass sie Sydney gestern Abend in eine Bar locken wollten, damit Ridge sie dort davon überzeugen konnte, mit ihm zusammen zu sein, war ich jetzt neugierig auf das Ergebnis. Ich habe Ridge um Erfolgsmeldungen gebeten, falls es welche gäbe, aber ich glaube, weitere Details brauche ich nicht …

Maggie: Das ist toll, Ridge!

 

Ridge: Allerdings. Aber lass uns nicht mehr darüber reden. Es fühlt sich noch zu komisch an, das mit dir zu besprechen. Hast du was von deiner Abschlussarbeit gehört?

Es erleichtert mich, dass wir uns in diesem Punkt einig sind. Und ich habe tatsächlich vergessen, ihm die freudige Nachricht mitzuteilen.

Maggie: Ja, habe ich! Gestern. Ein »Sehr gut«!

Noch bevor er antworten kann, klopft es an meiner Tür. Laut meinem Handy ist es erst halb sieben! Ich werfe es aufs Bett, gehe zur Tür und schaue durch den Spion. Es war kein Scherz, als Jake angekündigt hat, er würde eher zu früh kommen. Und ich bin noch nicht einmal fertig angezogen. »Einen Augenblick!«, rufe ich und haste zum Spiegel, um noch einen prüfenden Blick hineinzuwerfen. Dann eile ich zurück und linse erneut durch den Spion. Da steht Jake und blickt in den Vorgarten hinaus, die Hände in den Jeanstaschen vergraben. Es kommt mir ein bisschen unwirklich vor, dass ich ein Date mit diesem Typen haben soll. Man fragt sich, warum so einer überhaupt noch Single ist? Er ist wirklich ziemlich heiß. Und groß. Und erfolgreich. Und … ist das da etwa …

Ich reiße die Tür auf und trete nach draußen. »Holy shit, Jake. Ist das etwa ein Tesla?« Ich will nicht unhöflich sein, aber ich schiebe mich an ihm vorbei und gehe direkt zu seinem Wagen. Ich höre ihn lachen, während er mir zur Einfahrt folgt.

Ich bin eigentlich kein Autofan, aber der Freund einer Nachbarin fährt einen Tesla, und es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht ein kleines bisschen fixiert auf dieses Auto. Leider kenne ich die Nachbarin nicht gut genug, als dass ich sie fragen könnte, ob ich nicht mal eine Runde mit dem Auto ihres Freundes drehen dürfte.

Ich lasse die Hand über die glatte schwarze Kühlerhaube gleiten. »Stimmt es, dass die überhaupt keinen Motor haben?« Jake nickt. Ihn scheint es sehr zu amüsieren, dass er gerade von seinem eigenen Wagen ausgestochen wird. »Willst du mal einen Blick unter die Kühlerhaube werfen?«

»Unbedingt!«

Er drückt auf den Schlüssel und lässt die Kühlerhaube aufspringen, um dann neben mich zu treten und sie hochzuklappen. Da ist nichts außer einem leeren Kofferraum, der mit Teppich ausgekleidet ist. Kein Motor. Keine Kupplung. Da ist einfach nur … nichts.

»Diese Autos haben also wirklich alle keinen Motor? Man muss nie tanken?«

Er schüttelt den Kopf. »Nein. Es braucht noch nicht einmal einen Ölwechsel. Nur um die Bremsen und die Reifen muss man sich noch kümmern.«

»Und wie lädt man es auf?«

»Ich habe ein Ladegerät in meiner Garage.«

»Und da steckt man es einfach über Nacht ein, so wie man sein Handy auflädt?«

»Im Prinzip ja.«

Wieder betrachte ich bewundernd das Auto. Ich fasse es nicht, dass ich gleich tatsächlich in einem Tesla mitfahren werde. Das wünsche ich mir schon seit zwei Jahren. Wenn ich meine Bucket-List in den letzten Jahren noch erweitert hätte, dann wäre das sicher ein Punkt, den ich heute Abend abhaken könnte.

»Die Autos sind wirklich umweltfreundlich«, sagt er und lehnt sich an die Kühlerhaube. »Keine Abgase.«

Ich verdrehe die Augen. »Ja, ja, alles schön und gut, aber wie schnell fährt der?«

Er lacht und wirft sich in James-Bond-Pose samt hochgezogener Augenbraue, um dann in verführerischem Bariton zu raunen: »Von null auf hundert … in 2,5 Sekunden.«

»Oh mein Gott.«

Mit einer Kopfbewegung in Richtung Auto fragt er: »Willst du fahren?«

Ich schaue zum Wagen und dann zu ihm. »Echt jetzt?«

Sein Lächeln haut einen um. »Ich hab eine Idee … lass mich rasch telefonieren.« Er zieht sein Handy hervor. »Vielleicht schaffe ich es, dass wir in Harris Hill reinkommen.«

»Was ist Harris Hill?«

Er hält sich das Handy ans Ohr. »Eine öffentliche Rennstrecke in San Marcos.«

Ich drücke mir die Hand vor den Mund und versuche, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Könnte es sein, dass ich gleich ein Drittel meiner gesamten Liste an einem einzigen Tag abhaken kann? Fallschirmspringen, Rennwagen fahren und möglicherweise noch den One-Night-Stand?

3.Ridge

Ich schlage die Augen auf und starre an die Decke. Mein erster Gedanke gilt Sydney. Mein zweiter Gedanke ist, dass ich es nicht fassen kann, dass ich mitten am Nachmittag auf dem Sofa eingeschlafen bin.

Aber ich habe letzte Nacht kaum ein Auge zugemacht. Wie überhaupt in der ganzen vergangenen Woche. Ich war so aufgeregt vor dem Konzert, das ich für Sydney geplant hatte, weil ich nicht wusste, wie sie es aufnehmen würde. Und als sie dann noch besser reagierte, als ich es mir je erträumt hätte, und wir in ihrem Bett lagen, konnte ich noch immer nicht schlafen, weil ich Brennan ständig Songtexte schicken musste. Aus dem Material von gestern Abend kann er vermutlich mindestens drei Songs machen.

Nachdem ich heute Morgen Sydneys Apartment verlassen hatte, wollte ich eigentlich nach Hause fahren und die liegen gebliebene Arbeit erledigen, aber ich konnte mich vor lauter Erschöpfung auf nichts konzentrieren. Schließlich habe ich mich aufs Sofa gelegt und Game of Thrones geschaut. Vermutlich bin ich der Letzte, der noch in die Serie einsteigt. Warren will mich schon seit Monaten dazu bewegen, dass ich ihn endlich einhole. Er ist in der dritten Staffel und ich habe heute die ersten drei Folgen der ersten Staffel geschafft, bevor ich eingeschlafen bin.

Ob Sydney das wohl schon gesehen hat? Falls nicht, würde ich am liebsten noch einmal von vorne anfangen und es mit ihr gemeinsam schauen.

Ich nehme mein Handy und sehe zwei neue Nachrichten von Warren, außerdem je eine von Maggie, Brennan und Sydney. Die lese ich als erste.

Sydney: Ich hab mir den Song angehört und musste heulen. Der ist echt gut, Ridge.

 

Ridge: Ich glaube, du bist nicht objektiv, weil du in mich verliebt bist.

Sie antwortet sofort.

Sydney: Nein. Der Song würde mir genauso gut gefallen, wenn ich dich überhaupt nicht kennen würde.

 

Ridge: Du bist nicht gut für mein Ego. Wann kommst du?

 

Sydney: Bin schon unterwegs. Sind Warren und Bridgette auch zu Hause?

 

Ridge: Ich bin ziemlich sicher, dass beide heute Abend arbeiten müssen.

 

Sydney: Perfekt. Bis gleich.

Ich schließe den Chat mit Sydney und gehe zu Warrens Nachricht.

Warren: Brennan hat mir den neuen Song geschickt. Gefällt mir gut.

 

Ridge: Danke. Hab heute mit Game of Thrones angefangen. Gefällt mir gut.

 

Warren: DASWIRDVERDAMMTNOCHMALABERAUCHZEIT!! Bist du schon bei der Folge, wo sie Stark vor den Augen seiner Töchter enthaupten?

Ich drücke das Handy gegen meine Brust und schließe die Augen. Manchmal hasse ich ihn. So richtig!

Ridge: Du bist so ein blödes Arschloch.

 

Warren: Mann, Alter, das ist die beste Folge!

Ich werfe das Handy auf den Sofatisch und stehe auf. In der Küche öffne ich den Kühlschrank auf der Suche nach einer neuen Methode, um mich an ihm zu rächen. Ich hoffe, dass das nur ein Scherz von Warren war. Ned Stark? Echt jetzt??

In der Schublade liegt ein Stück von Bridgettes Edelkäse. Ich hole es heraus und öffne die Verpackung. Irgendein ganz besonderer Weichkäse mit Spinatstückchen drin. Riecht beschissen, aber ohne Verpackung sieht er genau aus wie ein Stück Seife. Ich bringe ihn in Warrens Bad, nehme seine Seife aus der Dusche und ersetze sie durch den Käse.

Ned wird enthauptet? Ich schwöre bei Gott, wenn das wirklich passiert, werfe ich meinen Fernseher aus dem Fenster.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkomme, leuchtet mein Handy auf dem Sofatisch auf. Eine Nachricht von Sydney, die mir mitteilt, sie habe soeben geparkt. Schon bin ich aus der Tür. Sie kommt mir entgegen, und sobald ich das Lächeln auf ihrem Gesicht sehe, vergesse ich die ganze Geschichte mit der Enthauptung, von der ich immer noch inständig hoffe, dass es nur ein missglückter Scherz von Warren ist.

Wir treffen uns auf dem Treppenabsatz. Sie lacht über meine Ungeduld, als ich sie sogleich gegen das Geländer schiebe und sie küsse.

Mein Gott, wie ich sie liebe. Ich schwöre, ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie mir gestern Abend nicht mit der Gebärde für »wir beide« und »immer« geantwortet hätte. Bestimmt säße ich noch immer auf dieser Bühne und würde alle traurigen Songs spielen, die mir einfallen, und dazu noch die Bar bis auf den letzten Tropfen leer trinken.

Aber dieses Worst-Case-Szenario ist nicht eingetreten – stattdessen hat sich das Best-Case-Szenario ereignet. Es hat ihr gefallen und sie liebt mich und wir sind jetzt zusammen und werden gleich einen wunderbar langweiligen Abend in meiner Wohnung verbringen, uns von irgendeinem Lieferservice etwas zu essen bringen lassen und dabei fernsehen.

Ich lasse sie los, und sie streckt die Hand aus, um mir den Lipgloss vom Mund zu wischen.

»Hast du schon Game of Thrones geschaut?«, frage ich.

Sie schüttelt den Kopf.

»Hast du Lust?«

Sie nickt. Ich nehme ihre Hand und gehe mit ihr die Treppe hinauf. Drinnen geht sie erst einmal aufs Klo. Ich nehme mein Handy und öffne die ungelesene Nachricht von Maggie.

Maggie: Ja, habe ich! Gestern. Ein »Sehr gut«!

 

Ridge: Warum überrascht mich das nicht. Ich hoffe, du feierst es angemessen.

 

Maggie: Das hab ich getan. Ich war heute Fallschirmspringen.

Fallschirmspringen? Ich hoffe, sie macht Witze. Fallschirmspringen ist wirklich so ungefähr das Letzte, was sie tun sollte. Das kann nicht gut für ihre Lunge sein. Gerade will ich ihr das schreiben, als ich innehalte. Das ist genau das, was sie an mir nicht leiden konnte. Meine ständige Besorgnis. Ich muss aufhören, mir Gedanken darüber zu machen, ob sie Dinge tut, die ihre Situation verschlimmern. Es ist ihr Leben, und sie soll es so leben können, wie sie es will.

Und so lösche ich meine angefangene Nachricht gleich wieder. Als ich aufblicke, steht Sydney neben dem Kühlschrank und beobachtet mich. »Alles okay mit dir?«, fragt sie.

Ich richte mich auf und stecke das Handy in die Hosentasche. Ich will jetzt nicht über Maggie reden, also lächele ich und verschiebe das Thema auf ein andermal. »Komm her«, sage ich.

Lächelnd kommt sie näher und schlingt ihre Arme um meinen Bauch. Ich ziehe sie an mich. »Wie war dein Tag?«

Sie grinst. »Super. Mein Freund hat einen Song für mich geschrieben.«

Ich drücke die Lippen auf ihre Stirn, lege dann den Daumen unter ihr Kinn und ziehe ihr Gesicht zu mir empor. Beim ersten Kuss packt sie mein Shirt und fängt an, rückwärts in Richtung meines Zimmers zu gehen. Wir lösen uns nicht voneinander, bis sie auf mein Bett fällt und ich mich auf sie lege.

Wir küssen uns minutenlang voll bekleidet, was ich durchaus ändern könnte, wenn ich es nicht so genießen würde. Wir haben uns nicht auf typische Weise ineinander verliebt, stattdessen folgte auf einen ersten Kuss, der uns wochenlang ein schlechtes Gewissen bereitete, eine dreimonatige Phase, in der wir überhaupt keinen Kontakt hatten, und dann sofort nach unserem Wiedersehen die erste Liebesnacht. Von null auf hundert sozusagen. Da ist es schön, wenn wir es jetzt einmal ganz langsam angehen lassen. Ich möchte sie die ganze Nacht lang so küssen, weil ich mir genau das ganze drei Monate lang vorgestellt habe.

Sie unterbricht unseren Kuss, rollt mich auf den Rücken und kniet sich über mich, um die Hände frei zu haben.

»Gestern Abend …« Sie gerät ins Stocken, da sie Schwierigkeiten mit den Gebärden hat, und weicht aufs Sprechen aus. »Es fühlt sich an, als wär es eine Ewigkeit her.«

Ich nicke zustimmend und hebe dann die Hände, um ihr die Gebärde für »Ewigkeit« zu zeigen. Ich spreche es laut aus, während sie die Bewegung imitiert. Als sie es richtig hinkriegt, nicke ich und gebärde: »Gut gemacht.«

Sie lässt sich neben mich fallen und stützt sich auf ihren Ellbogen. »Wie geht das Zeichen für taub?«

Ich mache die Gebärde für das Wort, indem ich mir mit der Hand über die Wange in Richtung meines Mundes fahre.

Sie zieht den Daumen vom Ohr zu ihrem Kinn. »So?«

Ich schüttele den Kopf, um ihr zu zeigen, dass es nicht stimmt. Dann nehme ich ihre Hand, schiebe den Daumen nach innen und strecke den Zeigefinger aus. Dann drücke ich ihn gegen ihr Ohr und fahre damit über ihre Wange zu ihrem Mund. »So«, erkläre ich. Sie wiederholt die Gebärde genau und ich muss lächeln. »Perfekt.«

Sie lässt sich auf ihr Kissen zurücksinken und strahlt mich an. Wie schön, dass sie in den drei Monaten, die wir getrennt waren, Gebärdensprache gelernt hat. Und auch wenn ich gerade verdammt sauer auf Warren bin, werde ich ihm doch nie vergessen, was er alles dafür getan hat, dass Sydney und ich ohne allzu große Hindernisse miteinander zu kommunizieren lernen. Er ist ein wirklich guter Freund … wenn er nicht gerade mal wieder ein verdammtes Arschloch ist.

Sie hat die Gebärdensprache so schnell gelernt. Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn sie etwas auf diese Weise zu mir sagt. Am liebsten hätte ich, dass sie von jetzt an alles gebärdet, während ich selbst alle Worte laut aussprechen möchte, die ich zu ihr sage.

»Jetzt bin ich dran«, sage ich. »Wie geht der Laut, den eine Katze macht?«

Es gibt noch immer so viele Wörter, die ich nicht kapiere, Tierlaute ganz besonders. Vielleicht habe ich solche Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie sie klingen sollen, weil man bei Tieren so schlecht von den Lippen ablesen kann.

»Du meinst miau?«, fragt sie.

Ich nicke und lege die Finger an ihre Kehle, sodass ich ihre Stimme spüren kann, wenn sie spricht. Sie wiederholt das Wort und dann versuche ich mein Bestes. »Mi…ou?«

Sie schüttelt den Kopf. »Der erste Teil klingt wie der Anfang von …« Sie macht die Gebärde für Milch.

»Mi …?«

Sie nickt. »Und die zweite Hälfte …« Sie hebt die Hand, um die Buchstaben J, A und U zu zeigen, während sie sie noch einmal ausspricht. Ich halte weiter die Handfläche an ihre Kehle.

»Noch einmal«, sage ich.

Sie spricht langsam. »Mi…jau.«

Ich liebe es, wie sich ihre Lippen am Ende des Lautes zu einem Kreis formen. Ich beuge mich vor und küsse sie, bevor sie den Laut noch einmal wiederholt. »Mi…jau.«

Sie grinst. »Besser.«

Ich sage es schneller. »Miau.«

»Perfekt.«

Ich mache Anstalten, sie zu fragen, warum man diesen Laut in bestimmten Situationen benutzt, vergesse aber dabei, wie neu Gebärdensprache noch für sie ist, denn sie reißt nur verwirrt die Augen auf, während sie versucht, meinen Händen zu folgen. Ich greife über sie nach meinem Handy und tippe meine Fragen.

Ridge: Klingt das Wort MIAU eigentlich sexy, wenn es laut ausgesprochen wird?

Sie lacht und errötet ein wenig, als sie sagt: »Sehr.«

Interessant.

Ridge: Und ist es auch sexy, wenn jemand wie ein Hund bellt?

Sie schüttelt den Kopf. »Nein, überhaupt nicht.«

Gesprochene Sprache ist wirklich sehr verwirrend. Aber ich möchte gerne mehr von ihr darüber lernen. Das war das Erste, was ich neben ihren körperlichen Reizen so großartig an ihr fand. Ihre Geduld mit meiner Gehörlosigkeit und ihr Eifer, alles darüber zu erfahren. Es gibt nicht so viele Menschen wie sie auf der Welt, und immer, wenn sie etwas zu mir in Gebärdensprache sagt, erinnert es mich daran, was für ein Glück ich habe.

Ich drücke sie an mich und beuge mich über ihr Ohr. »Miau.« Als ich den Kopf zurückziehe, lächelt sie nicht mehr. Sie sieht mich an, als hätte sie noch nie etwas Erotischeres gehört als diesen Laut. Und dann bestätigt sie es auch noch, indem sie mir mit den Fingern in die Haare fährt und meinen Mund auf ihren zieht. Ich lasse mich auf sie sinken und öffne ihre Lippen mit meiner Zunge, spüre, wie sie aufstöhnt, und dann bin ich verloren.

Genau wie unsere Kleidung. Von wegen, es langsamer angehen lassen …

4.Sydney

Ich verfolge mit den Augen die Spur, die Ridge mit dem Finger auf meinem Bauch zieht. Wir liegen nun schon seit fünf Minuten so da, während er in sanften Kreisen über meine Haut fährt und mich dabei beobachtet. Von Zeit zu Zeit küsst er mich, aber wir sind beide zu erschöpft für eine zweite Runde.

Ich kapiere ohnehin nicht, wie er sich überhaupt noch wach halten kann. Letzte Nacht bei mir zu Hause hat er kaum geschlafen, weil er diesen Song für mich geschrieben hat, und seitdem ich vor anderthalb Stunden hier angekommen bin, waren wir die ganze Zeit in seinem Zimmer und ziemlich beschäftigt. Jetzt ist es beinahe acht, und wenn ich nicht bald etwas zu Abend esse, schlafe ich gleich hier in seinem Bett ein.

Mein Magen knurrt, und Ridge, der die Handfläche auf meinen Bauch gelegt hat, lacht. »Hast du Hunger?«

»Konntest du das spüren?«

Er nickt. »Ich dusche schnell und überlege mir dann, was wir essen können.« Er küsst mich, steht auf und geht ins Bad. Ich angele mir sein T-Shirt und ziehe es über, um mir in der Küche etwas zu trinken zu holen. Als ich die Kühlschranktür öffne, sagt eine Stimme hinter mir: »Hi.«

Mir entfährt ein kleiner Schreckenslaut, und dann reiße ich die Kühlschranktür weit auf, um meine unbekleidete untere Körperhälfte dahinter zu verbergen. Brennan sitzt breit grinsend auf dem Sofa.

Und neben ihm zwei Typen aus seiner Band, die man mir noch nicht offiziell vorgestellt hat.

Brennan legt den Kopf schief. »Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, hattest du kein T-Shirt an. Und jetzt trägst du nichts außer einem T-Shirt.«

Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben in einer peinlicheren Situation gewesen zu sein. Ich hab noch nicht mal eine Unterhose an. Das T-Shirt von Ridge reicht mir zwar bis über den Po, aber ich weiß nicht, wie ich es von hier bis zurück in sein Zimmer schaffen soll, ohne dabei den letzten Rest meiner Würde zu verlieren.

»Hi«, sage ich und hebe die Arme, um jämmerlich über die Kühlschranktür zu winken. »Hättet ihr drei etwas dagegen wegzuschauen, damit ich mir meine Jeans anziehen kann?«

Die drei lachen, schauen aber brav zur Wand, um mir ein paar Sekunden Zeit zu geben, in Ridges Zimmer zu flitzen. Als ich gerade die Kühlschranktür schließen will, fliegt die Wohnungstür auf und Warren kommt hereingetrampelt. Ich reiße die Kühlschranktür wieder auf und gehe erneut in Deckung.

Bridgette stürmt hinter Warren in die Wohnung, bevor der die Eingangstür zuknallt. »Geh nur!«, sagt er und fuchtelt wild mit den Armen, während sie quer durchs Wohnzimmer in Richtung ihres gemeinsamen Schlafzimmers eilt. »Geh und verschanz dich in deinem Zimmer und bestrafe mich mit Schweigen, wie üblich!«

Bridgette knallt die Zimmertür hinter sich zu. Ich schaue zu Warren hinüber, der wiederum Brennan und seine beiden Freunde auf dem Sofa anstarrt. »Hey«, sagt er, ohne mich zu bemerkten. »Was geht hier ab?«

Keiner der drei schaut zu Warren, weil ich sie gebeten habe, sich wegzudrehen. Und so sagt Brennan, den Blick weiter starr auf die Wand gerichtet: »Hallo, Warren.«

»Warum starrt ihr die Wand an?«

Mit Blick zur Wand deutet Brennan auf den Kühlschrank. »Wir warten darauf, dass sie in ihr Zimmer geht und sich was anzieht.«

Erst jetzt bemerkt Warren, dass ich auch da bin. »Na, das ist ja mal ein erfreulicher Anblick«, sagt er und wirft seinen Schlüssel auf die Esstheke. »Ich weiß, wir sehen uns eh andauernd, aber hier in der Wohnung, das ist gut.«

Ich ringe um Haltung. »Es ist … auch gut, wieder hier zu sein, Warren.«

Er deutet auf die Kühlschranktür. »Du solltest die Tür wirklich nicht so lange offen stehen lassen. Ridge verlangt jetzt, dass wir uns die Nebenkosten teilen, und du vergeudest da gerade eine Menge Strom.«

Ich nicke. »Ja. Sorry. Aber ich hab quasi keine Unterhose an, und wenn du einfach da rübergehst und mit den anderen zur Wand schaust, dann kann ich die Tür zumachen und in Ridges Zimmer zurückgehen.«

Warren reckt den Hals, macht zwei Schritte auf mich zu und lehnt sich dann nach rechts, als wolle er um die Kühlschranktür herumlugen.

»Siehst du?«, kreischt Bridgette von der anderen Seite des Wohnzimmers, wo sie im offenen Türrahmen zu Warrens Zimmer steht. »Genau das meine ich, Warren! Du musst ständig mit allen flirten!« Und schon knallt sie die Tür wieder zu.

Warren lässt den Kopf kreisen und folgt ihr mit einem schweren Seufzen. Ich nutze die Gelegenheit, um blitzartig in Ridges Zimmer zurückzusausen. Dort schließe ich die Tür hinter mir, lehne mich rücklings dagegen und schlage die Hände vors Gesicht.

Da draußen kann ich mich nie wieder blicken lassen.

Auf dem Weg ins Bad kommt Ridge mir entgegen. Er trägt ein Handtuch um die Taille und rubbelt sich mit einem weiteren die Haare. Ich klammere mich an ihm fest, vergrabe das Gesicht an seiner Brust und winde mich vor Peinlichkeit, bis ich doch lachen muss. Er schiebt mich ein bisschen von sich weg.

»Was ist denn passiert?«

Ich zeige in Richtung Wohnzimmer und gebärde: »Dein Bruder. Warren. Die Band. Hier.« Dann deute ich auf meinen halb nackten Körper und die Tatsache, dass meine Pobacken unter seinem T-Shirt hervorlugen. Er mustert mich von oben bis unten und scheint sich an etwas zu erinnern.

»Als du Brennan das erste Mal getroffen hast … hattest du nur einen BH an. Jetzt bist du nur …«

»Ich weiß«, ächze ich und lasse mich auf sein Bett fallen. Lachend schlüpft Ridge in seine Jeans. Dann beugt er sich vor, doch statt des erwarteten Kusses zieht er mir nur sein T-Shirt über den Kopf und schlüpft selbst hinein. Er ist jetzt vollständig angezogen, während ich noch nackter bin als zuvor. Er reicht mir meine Klamotten, und mir geht auf, dass er mich jetzt ganz offiziell der Band vorstellen möchte. Ich dagegen will mich nur zu einer Kugel zusammenrollen und warten, bis alle gegangen sind.

Doch ich zwinge mich dazu, mich anzuziehen, weil Ridge mich angrinst, als würde ihn die ganz Geschichte köstlich amüsieren, und mich das alle Scham vergessen lässt. Ein Übriges tut der Kuss, den er mir gibt, während er mich zur Tür schiebt.

Als wir ins Wohnzimmer kommen, grinst mir Brennan oben von der Esstheke entgegen und schlenkert mit den Beinen. Es ist geradezu unheimlich, wie ähnlich er und Ridge sich sehen, obwohl sie sich so unterschiedlich bewegen. Ridge führt mich zum Sofa, wo die übrige Band gerade aufsteht, um mir die Hand zu schütteln.