fjara - Martin Preußentanz - E-Book

fjara E-Book

Martin Preußentanz

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Beschreibung

Alex wird die Todestatsache abgesprochen und Askjell ist der Mangel abhandengekommen. Im Bemühen das Nichts wieder ins Spiel zu bringen, zwischenmenschlich wie geschichtlich, kreisen sie immer wieder um den personifizierten Sehnsuchtsort "fjara". Fjara begleitet die beiden, mal als mystische Figur oder mal als gute Freundin, hat aber auch selbst mit allerlei Problemen zu kämpfen. Wie in einem Kippbild verhalten sich die Perspektiven der Brüder Askjell und Alex zueinander. In Märchen, Essays und Anekdoten werden heitere Alltagsgeschichten, Schicksalsschlagberichte und philosophische Betrachtungen miteinander verwoben und dem geneigten Leser als kaleidoskopisches Bastelkästchen dargeboten.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2021

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fjara

Strand ohne Meer

von

M. PREUßENTANZ

© 2021 Martin Preußentanz

Umschlag, Illustration: Martin Preußentanz

Lektorat, Korrektorat: Franziska Brandt

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359

Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-37342-6

Hardcover

978-3-347-37343-3

e-Book

978-3-347-37344-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Alex‘ Errettung

Askjell mag nichts Süßes

Exkurs – Abwesenheit als Öffnung

Alex darf nicht sterben

Exkurs – Abwesenheit als Lücke

Alex hört zum ersten Mal von Fjara

Askjell fliegt aus dem Fenster

Alex erzählt von Fjara

Exkurs – Abwesenheit als das Schöpferische

Askjells ToDo-List

Fjara als Mythos

Alex überlegt

Askjell muss weinen

Alex recherchiert

Askjell zockt

Alex zockt

Askjell frühstückt

Alex im Meeting

Askjell kauft drei Hosen

Alex ist arbeitslos

Alex hockt wieder in der Wüste

Exkurs – Das Ver-Antworten und die Dichterische Tugend

Alex‘ „Zuflucht“

Erste Säule - Hilfsangebot

Zweite Säule – Multimediale Szenarien

Dritte Säule – Avatar als Leerstelle

Alex verliert die Lust an Fjara

Alex’ Akteneinsicht und sein Beifall

Askjell kackt

Alex will nicht schlafen

Askjell ist verkatert

Karl Schmidt geht baden

Askjell – was macht der eigentlich?

Alex hört Nachrichten

Askjell und Arik

Alex steht vor dem Tor

Askjell und Arndis

Exkurs – Abwesenheit als Selbst- und Fremdentzug

AAA

Alex und der Herbst

Askjell hat keine Zuflucht mehr

Alex sitzt am Grab

Askjell sitzt im Büro

Askjell, ein Hund und eine Katze

Exkurs – Abwesenheit und die Drei Wege

Alex ist ernüchtert

Askjell arbeitet

Auszug aus Karl Schmidts Werk: Ein Weizenkorn mit seiner Weisheit

Alex und Anna

Askjell am Strand

Alex und die Musik

Askjell kackt nicht mehr

Askjell redet nicht mit Gaia

Alex und Ahmet

Askjell hört Geschichte

Exkurs – Leidträger

Askjells Errettung

Alex im Winterglück

Askjell darf sterben

„Wenn es also der Abwesenheit des Nichts mangelt, dann muß das Nichts (erneut) aufs Spiel gesetzt bzw. wieder ins Spiel gebracht werden, auf die Gefahr einer unablässigen internen Katastrophe hin.“

J. Baudrillard

Alex‘ Errettung

Alex gehört nicht in die Welt. Schon von vornherein soll dieser Missstand zum Verhängnis seines Lebens werden, immer an den Rand gespült zu werden. So muss er das Stranden selbst erwählen – ja ihn, den Strand, sogar zum Schutzpatron ausrufen, aber zugleich als Mahnmal ewiger Versagung annehmen. All dies muss geschehen – ja, um was eigentlich? – Antworten zu können.

Dem kleinen Alex ist elendig zumute. Er liegt mitten in der Nacht zitternd in seinem zu groß geratenem Kinderbett. Er weiß in seiner Not überhaupt nicht wohin mit sich, rollt sich unentwegt von einer Seite auf die andere und versucht schließlich sich zusammenzukrümmen und alle Glieder ganz nah an sich zu ziehen. Er möchte sich zusammenballen, um dem Schmerz möglichst wenig Angriffsfläche zu geben. Er presst seine Arme mit aller Kraft überkreuz gegen seinen Brustkorb, um Nähe, ja ein Umarmen zu erzeugen, das so entschieden ausbleibt. Das Atmen fällt ihm schwer und er ist unfähig einen Ton herauszubringen oder gar zu heulen.

„Der Mensch…“

Oft noch wird sich Alex in dieser Situation wiederfinden: mutterseelenallein im unbeschreiblichen Elend. In dieser Nacht aber wird er sich zum ersten Mal von der Welt verstoßen, geradezu von ihr abgestoßen, fühlen, verdammt sich auf ewig erratisch zu winden und keinen Platz zu finden.

„…ist stumm.“

Alex bekommt Panik, zappelt nun wie ein junger Fisch in Erwartung eines Endes, seines Todes, der sich aber gerade nicht einstellen will und Alex auf der Schwelle zwischen Leben und Tod sterben lässt: In rasender Verzweiflung, ohne ein Wort des Abschiedes, verharren zu müssen, wird Alex‘ Schicksal sein.

„Denn auch das Weinen sagt nicht, was wir meinen:“1

Der kleine Alex hockt draußen vor der Tür, vor dem Tor der Welt, in der Wüste, die keinen Namen hat und kein Ort ist. Ein riesiger Nebel zieht durch die karge, unwirkliche raue Landschaft. Er legt sich langsam, und so auch auf Alex, nieder. Der Nebel hüllt ihn ein, benetzt seine Lippen und Augen, worauf Alex bitterlich zu weinen anfangen darf – endlich. Alex weint und weint und zu seinen Füßen bildet sich eine große Pfütze, ein Teich, ein See. Im Wasser erblickt er vage, noch mit Tränen in den Augen, seine zerfließende Gestalt.

Das Wasser beginnt zu tosen und Wellen um ihn zu schlagen. Es zieht ihn langsam hinab und ebenso langsam könnte man meinen, Alex beginne sich aufzulösen, als auf einmal alles Nass von ihm abfällt und die trostlose Wüste unter ihm wieder zum Vorschein kommt.

Eine ehrfurchtsgebietende Stimme spricht zu Alex.

„Alex, du wirst hier nicht sein können.“

Die Stimme wird traurig und redet wie zu sich selbst.

„Ich fürchte um Dich. – Herr, erbarme dich meiner, dass ich meiner Aufgabe bei diesem Kind nicht nachzukommen vermag. Halte deine schützende Hand über ihn und sei ihm gnädig. …und vergib mir meinen Frevel.“

„Wer bist du?“

Nun wieder im ehrfürchtigen Ton.

„Ich bin Fjara, der ewige Strand. Tagsüber schwebe ich über allen Wassern und nachts ergieße ich mich hier draußen in der Wüste zu einem Meer, vor den Toren der Welt spüle ich alles hinfort und lasse Erinnerungen wieder zu Ideen gerinnen.

Du musst fort von hier.“

„Aber ich weiß nicht wohin.“

Unter Tränen und großer Verzweiflung.

„Bleibe bei mir. Bitte bleibe bei mir. Verlasse mich nicht.“

Fjara zögert kurz. Sie braucht einen Moment, um ihren Mut zusammenzunehmen.

„Höre Alex, heute werde ich dich auslassen.

Solange du an mir festhältst, werde ich bleiben und dich begleiten. Aber sei gewarnt: Ebenso lange wirst du immer wieder in dieser Wüste landen.“

„Ich danke dir, gütige Fjara, ewiger Strand. Ich verspreche, dich nie zu vergessen und immer von dir zu träumen.“

„So wird es geschehen.“

Alex wacht schweißgebadet auf und kann sich an nichts erinnern. Gleichwohl glüht eine tiefe Geborgenheit in seinem Herzen nach. Er möchte sie unbedingt festhalten, aber dann entfleucht sie ihm. Genauso fühlt er sich jemanden hingebungsvoll verbunden, vernimmt noch das Echo eines bedeutsamen Kennenlernens, aber in seinem Geist bleibt es nebulös und keine Gestalt, kein Adressat lässt sich ausmachen für seine Liebe.

Fjara fällt vor Glück aus allen Wolken in den geistigen Äther Alex‘ Unbewusstseins. Dort wird sie bald, im Gewahrwerden der Schlechtigkeit Alex‘, die Trennung vom Himmel als unaushaltbar schmerzlich empfinden und sich nach Hause sehnen.

Aber wie kann sie einen Menschen, der so unempfänglich ist für seine Erlösung, diese trotzdem zuteilwerden lassen, um wieder zurückkehren zu dürfen?2

1 Franz Werfel „Der Mensch ist stumm“

Askjell mag nichts Süßes

Als ich vor meiner Geburt wachte, saß ich auf der Klippe einer Landzunge, die weit ins Offene reichte. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, weil meine Eltern mich Askjell genannt haben. Selbst war ich noch nie in Norwegen. Mein Vater war Profi-Gamer und hat den erstbesten nordischen Namen zu seinem Pseudonym gemacht, den er finden konnte: Askjell. Der „Gott des Kessels“ – nicht gerade furchteinflößend. Was mich betrifft, verbinde ich damit „Ask for jells“, was wenigstens meiner Neigung zu aller Art von Gelatine gerecht wird. Gummibärchen & Co. sind dann aber auch die einzigen Süßigkeiten, die ich mag. Als kleiner Junge wurde mit mir dieser typische Geduldstest durchgeführt, in dem man einem Kind ein Stück Schokolade hinlegt und es mit der Ansage allein lässt, dass es noch eins bekommt, wenn es so lange wartet bis man wieder da ist. Ich hatte die Schokolade natürlich nicht angerührt und die Testleiterin war schier begeistert von mir. Denn Kindern mit einer derartigen Impulskontrolle sagt die Wissenschaft nachweisbar eine blendende, erfolgreiche Zukunft voraus. Als ich nun aber auch nach dem Test die Süßigkeiten nicht anrührte, also nachdem man mir mehrfach und ausdrücklich mitteilte, dass ich dies ruhig machen könnte, schwenkte die Euphorie schnell in Bedauern um. Man war nun der Meinung, dass ich wohl etwas zurückgeblieben war und die Welt um mich nicht altersgemäß wahrnehmen und verstehen würde. Mit diesem Urteil wurde ich wieder meiner Mutter übergeben. All meine kindliche Naivität, Fröhlichkeit, meine Begeisterung für den Nächsten und Neugier auf die Welt hatte von nun an den Beigeschmack des Debilen. Passiert!

Mit der Abneigung gegen Süßes war umgekehrt eine Vorliebe für Bitteres und Herbes verbunden. Deswegen hätte mir auch schon früh in der Pubertät das Bier und der Kaffee geschmeckt. Menschen mit meinen Präferenzen sagt man ja den Hang zum Psychotischen nach. Da frag ich mich natürlich, auf welche seelischen Konstitutionen andere Geschmäcker hinweisen. Sind Menschen, die Salziges mögen vielleicht tatsächlich schneller angefressen, also „salty“? Bei der Zahnarztausbildung wird man bestimmt zur Seite genommen und in den dentistischen Parawissenschaften unterrichtet. Charakter und Schicksal eines Patienten können so anhand der Zahnstellung und des Mundgeruchs orakelt werden. Das würde zwei große Geheimnisse der Menschheit erklären: Erstens, Zahnbegradigungen, wie sie inflationär nahezu bei jedem Kind durchgeführt werden, sind staatlich verordnete Anpassungsmaßnahmen – wohlmöglich manipulativer als Impfungen. Zweitens, erklärt dies die langen Wartezeiten, selbst wenn man so pünktlich kommt, wie es nur geht. Denn viele Patienten verfallen immer noch der Unsitte ihre Zähne vor dem Zahnarztbesuch besonders gründlich zu putzen, so als wöllten sie vor ihm glänzen oder von der schlechten Pflege ablenken. Deswegen muss man mindestens 1,5 – 2 Stunden im Vorraum hocken, damit sich dieser penetrante Minzgeruch der Zahnpasta legt und die Ärzte anhand der oralen Ausdünstungen sehr genau bestimmen können, mit welchen phlegmatischen, inkontinenten Neurotiker sie es gerade zu tun haben. Da fällt die Diagnose gleich viel leichter.

Seitdem ich die Dame an der Rezeption gleich mit einem überbreiten Lächeln meiner gammeligen und quasi regenbogenfarbenen Beißerchen begrüße und dabei schmerzvoll dreinblicke, setze ich mich sozusagen direkt auf den Behandlungsstuhl und gehe stets mit dem aktuellen „Wachturm“ nach Hause.

Als ich also vor meiner Geburt wachte, saß ich auf dieser Klippe, die Beine baumelnd mit einer Angel in der Hand. Es war allerdings unmöglich etwas zu fangen, denn statt eines Meeres war die Anhöhe von Leere umgeben. Kein Nicht-Nichts, eher eine tiefblaue, ein wenig blauviolette, dunkle Leere, gleich einer besonnenen Stille. Die Atmosphäre war sanft und gelassen. Obwohl ich wusste, dass ich nichts fangen konnte, hielt ich das Angeln in einer Art beruhigenden Fatalismus für genau das Richtige und war in froher Erwartung auf das Licht.

Und so gebar mich der Schoß dieser finsteren Fülle und auf einmal ging mich das Leben an.

2 „Ja, dumm gelaufen“ denkt sich Fjara und ist entsetzt über ihr Alter bzw. die damit verbundene konservative Haltung. Sie hatte ganz vergessen, dass sich die Menschen inzwischen richtig mies und böse benehmen können, ohne dass es zu einem globalen Reset à la Sintflut, Schwefelregen, Klimawandel oder Pandemien kommt. Der Regenbogenkontrakt und die entsprechenden Dienstanweisungen sagten ihr noch nie zu (Vgl. Bibel, Genesis 8, 21). Bevor sich Fjara für den sicheren Job bei der astralen Müllabfuhr entschied, lernte sie in der Ausbildung zusammen mit den künftigen Todesbotinnen. Sämtliche Winkelzüge der Traumatabeschwörung, Erzeugung von Wunsch- und Wahnvorstellungen sowie die Herbeiführung von Epiphanien und Dissoziationsstörungen hatte sie mit ihnen eingeübt. Nie hätte sie geglaubt, diesen öden Kram tatsächlich einmal zu brauchen.

Exkurs – Abwesenheit als Öffnung

„Hilf mir die Schichten abzutragen, die mein Herz verschließen.“ So möchte Askjell gerne beten, aber er hat Angst erhört zu werden. Was ist, wenn hinter den Verkrustungen nichts ist bzw. ihm die innere Lichtung inzwischen schon abhandengekommen ist, denkt sich Askjell. Sollte er angesichts dieser Gefahr trotzdem den Schritt in die Offenständigkeit wagen?

Dieses Mal ist Askjells Kummer besonders schlimm, denn das, was er sagen möchte, liegt ihm besonders am Herzen, aber ist womöglich nicht so einfach zu verstehen. Askjell befürchtet nämlich, dass es ihm und vielen anderen immer mehr an Abwesenheit mangelt. Und wo diese fehlt, stellt sich der rasende Stillstand, die Hypertrophie der Gesellschaft und das ewige Elend ein.

„Der Junge redet schon wieder wirr.“ Wenn Askjell davon erzählt, dann schauen ihn die Leute so an als hätte er Scheiße im Mund. Die fühlt er sogleich tief in der Kehle, wie sie sein Sprechen verunmöglicht und ihn nunmehr hilflos stammeln lässt. Und wenn er jemanden nach den eigenen Erfahrungen mit der Abwesenheit fragt, dann scheint demjenigen ganz unwohl zu werden, so als wolle man ihm den „Wachturm“ andrehen oder sie denken schlicht, dass Askjell einer von diesen alten, verschrobenen Spinnern ist, die sich die Welt in absurden Szenarien ausmalen, bloß, dass Askjell etwas jünger ist. Vielleicht handelt es sich auch um eine seltsame Demenz oder Dissoziationsstörung, so als würden sein Handeln und sein Sprechen nicht zusammen am gleichen Ort sein.

Die Abwesenheit hat viele Namen, die untereinander nicht ohne Bedeutungsverschiebungen auskommen. So kann je nach Topos vom Mangel, der Unverfügbarkeit oder Leere gesprochen werden. Was sie allerdings gemeinsam haben, ist ihr negativer Charakter, ohne dabei Nichts zu sein, sondern sich als Formen evidenter Abwesenheit, die eindrücklich nicht da sind, erfahren lassen.3

Klassische Phänomene der Abwesenheit sind das Fremde, der radikal Andere, das Schöpferische und das Reale sowie das Subjekt, dass wir gerade nicht sind.

„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.“

Komisch, Kinder stören sich gar nicht an der unlogischen Implikation dieser wohlbekannten Geburtstagsliedzeile, nämlich, dass nicht existente Kinder vermisst werden können. Für Kinder scheint festzustehen, dass sie schon immer irgendwie dagewesen sein müssen. Ja, man möchte behaupten, dass sie noch über einen genuinen Zugang zu ihrer Voranfänglichkeit verfügen.

Bevor sie als Körper oder gar Bewusstsein da waren, wurde ihnen bereits ein Platz zugewiesen, den sie als Lücke – als Lichtung, die wir sind bzw. gerade nicht sind – schließen.

Vielleicht wissen Kinder insgeheim um das Primat der Relation vor den Relata. Als Erwachsene haben wir wohl verlernt zu „vermissen“, weil wir am „Ich“ hängen und der Relationalität in ihrer eigentümlichen Unverfügbarkeit nicht mehr nachspüren können. Dieser Verlust an Vermissen kann als ausgezeichnetes Beispiel für die zunehmende Ermangelung an Abwesenheit dienen, die anfangs postuliert wurde.

3 Eine ungenaue Übernahme von Husserl, der das Wesen des Fremden (für uns ein Spezialfall der Abwesenheit) als etwas beschreibt, dass sich durch die zuverlässige Zugänglichkeit seiner erfahrbaren Unzugänglichkeit auszeichnet. Es handelt sich also dezidiert nicht um ein Defizit, dass lediglich noch nicht da, aber prinzipiell erkennbar ist, sondern um eine wahrhafte Abwesenheit. (Vgl. B. Waldenfels „Phänomenologie des Eigenen und des Fremden“ S.70)

Alex darf nicht sterben

Alex, weder Kind noch erwachsen, weiß wieder nicht wohin mit sich. Vollkommen verkatert nimmt er ziellos Klamotten aus dem Schrank und prügelt sie mit aller Gewalt in seinen alten Seesack, nur um sich dann auf diesen zu legen und zu versacken. So wie Alex dort liegt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er je wieder gerade und aufrecht wird stehen können. Aber das ist alles okay so. Alex fragt sich, an welchen Ort er gehen sollte, er würde sich doch nirgendwo angenommen fühlen. Es gibt für ihn einfach kein Zuhause und keine Heimat, zu der er wenigstens zurückkehren könnte.

Dieses Gefühl, um einen Platz in der Welt betrogen worden zu sein, kannte Alex sehr gut. In einer pathetischen Form ist das sozusagen der Grundton seiner Existenz. Schon als Kind hatte Alex gedacht, dass er eigentlich gar nicht hätte hier sein dürfen. Diese sozialistischen, sadistischen Ärzte und Schwestern aus der Pädiatrie mussten ihn ja unbedingt am Leben erhalten, konnten ihn nicht frei geben, sondern mussten unbedingt beweisen, wie sie der Natur trotzen, selbst wenn dies bedeuten würde, einen kleinen Jungen mit einem Tumor statt eines Gehirns ein qualvolles, unwürdiges Dasein aufzuzwingen.

Auch Alex‘ Eltern taten alles, um ihren ersten Sohn vor Schaden zu bewahren. Sie erzählten immer wieder, mehr sich selbst als Alex, dass er keine Angst zu haben braucht und so liebe Kinder wie er gar nicht sterben konnten, sondern unter einen ganz besonderen Schutz ständen – einen Zauber, der sie vor Unheil bewahrt. Alex kam das nicht richtig vor. Natürlich konnte er sich noch kein Ende vorstellen, aber er hatte die Vermutung, dass wenn ihm nichts etwas anhaben kann, dass er dann ja gar nicht richtig da ist. So wie ein Stein von Stürzen, der Kälte und dem Wind unbeeindruckt bleibt, dachte sich Alex. Der Zauber hatte Alex also in Stein verwandelt.

Alex‘ Eltern behüteten ihn gut, sehr gut sogar. So kam er kaum mit anderen Kindern zusammen, die ihn hätten mit irgendetwas anstecken können. Auch waren sie darauf bedacht, dass er keine Gefahren ausgesetzt ist, z.B. alleine im Wald spielen. Wie sie nur konnten, ließen sie all seine Wünsche in Erfüllung gehen. – „Hauptsache der Junge bleibt gesund.“

Alex wusste damals noch nicht, zumindest war ihm das nicht explizit bewusst, dass er allein war. Woher sollte er auch wissen, was ihm fehlte. Jegliches Unwohlsein wurde sofort von den Eltern befriedigt, schnell und oberflächlich, aber fürsorglich – also gut gemeint. So begriff Alex damals nicht seine Einsamkeit, sondern verlangte nach Essen, Spielzeug und Klamotten.

Der Krebs ging zwar stetig zurück, doch erst als sein kleiner Bruder Askjell geboren wurde, wurde Alex ein wenig weniger behütet. Dabei verhielt es sich nicht so, dass Alex Askjell um die Aufmerksamkeit und Zuneigung beneidete. Etwas Anderes störte Alex allerdings immens. Askjell sah ihn immer so an, als wüsste er über seinen großen Bruder Bescheid, als wüsste er genau, was Alex fehlt und wie es gelingen könnte diesen Mangel zu beheben.

Alex konnte Askjells Blick und Zeugenschaft nicht aushalten. Er versuchte sich wirklich zu beherrschen und auf Abstand zu gehen, um nicht aus Versehen seinen Bruder den Schädel einzuschlagen, seinen Hinterkopf zu packen und immer kräftig gegen die Betonwand der Garage zu prügeln, bis dieser scheiß mitleidvolle Blick endlich aufhört.

Eines Tages, beide standen auf dem Heuboden, wollte Askjell Alex ohne Vorwarnung trösten und umarmen, da versuchte Alex erschreckt und angewidert seinen kleinen Bruder abzuschütteln, da segelte dieser schon gen Boden. Ein rot gepflasterter Gartenweg rahmt vortrefflich den kleinen Leichnam, dachte sich Alex perplex, als hätte man es kommen sehen. Alex blieb ohne Reue, schließlich wollte er Askjell nicht töten, der Typ war einfach ein Trottel, der wäre früher oder später sowieso an seiner Gutgläubigkeit zugrunde gegangen. Im Grunde tat Alex ihm einen Gefallen. Allein die Tatsache, nun um die Möglichkeit eines martialischen Brudermords gebracht worden zu sein, ließ Alex Jahre später noch missmutig werden.

Exkurs – Abwesenheit als Lücke

Fangen wir einfach an: Das Abwesende ist z.B. das, was in den Pausen geschieht oder zwischen den Zeilen steht. Erst dort entfaltet sich der Klang, beginnen wir zu lachen oder erleben das Gedicht, wohl gemerkt alles vorreflexiv. Man hat das Gefühl man würde den Nachhall von etwas erfahren, die Phosphoreszenz eines erloschenen Lichts betrachten, einer Empfindung – weit weg – nachspüren. Obwohl uns diese Erfahrung mit dem Mangel allein lässt, hat sie trotzdem etwas unerwartet Überschwängliches, das sich gerade nicht fassen lässt.

Es sind diese Lücken, in denen sich im Wesentlichen unser Leben abspielt. Gerade dort, wo wir nicht Herr der Dinge sind, passiert das, was wir im Nachhinein als „lebendig“ attribuieren.

Alles andere ist Pornografie und Masturbation, jedoch nicht im sexuellen Sinn.

Alex hört zum ersten Mal von Fjara

Als Askjell fort war, erzählten die Eltern Alex das erste Mal von Fjara: „Weißt du, da ist dieses Mädchen, kaum älter als du, und die sitzt ganz allein auf der kalten, felsigen Klippe einer Landzunge, die weit ins offene Meer hineinragt. Dort sitzt sie und weint bitterlich und hat Angst, den nächsten Tag nicht mehr erleben zu dürfen. Da hat sich dein Bruder ein Herz gefasst und machte sich auf dem Weg sie zu trösten, ihr klarzumachen, was alle Welt weiß, dass Kinder, die geliebt werden, nicht sterben können.“

„Aber vielleicht will sie gar nicht gerettet werden, vielleicht will sie keinen Trost.“

„Alex, alle wollen das …und jeder freut sich, wenn er oder sie Unterstützung erfährt. Vor allem wird das Fjaras Vater freuen, der seine kleine Tochter ganz schrecklich vermisst. Leider hat seine neue Frau, also die Stiefmutter von Fjara, große Angst in ein paar Jahren von der Schönheit ihrer Stieftochter überstrahlt zu werden. Sie meint es sicher nicht böse, doch ihr Aussehen ist alles, was sie hat. Sie weiß darum, dass ihr die Zeit diese Attraktivität bald entreißen wird und so will sie wenigstens noch ein paar wenige Jahre ihren Zauber auskosten. Leider ist die Königin bei ihrem starken Temperament oft etwas voreilig und schroff in ihren Taten, so auch bei der rigorosen Verbannung Fjaras.“

„Aber warum Askjell und nicht ich?“

„Weißt du, für jeden von uns ist etwas anderes vorgesehen und Askjell liebt es einfach, sich für andere einzusetzen. Was deine Bestimmung ist, lieber Alex, wird sich mit der Zeit sicher noch offenbaren. Du musst geduldig sein. Aber sei gewiss, das Universum vergisst niemanden.“

Alex irritiert, unzufrieden und eingeschnappt: „Das ist doch doof, Askjell ist doch bloß treudoof wie ein Köter, doofes Universum.“

„Alex, du gehst sofort auf dein Zimmer und denkst darüber nach, was du gerade gesagt hast. Und komm erst wieder, wenn du dich entschuldigen willst. – Na mach schon, du sollst verschwinden, sagte ich.“

Szenen wie diese sollten sich in den kommenden Jahren für Alex häufen. Der kleine Alex verbrachte also viele Stunden alleine in seinem Zimmer, allein mit der Wut auf seine Mutter und den wachsenden Groll auf Askjell. Immer lebhafter musste er sich vorstellen, wie Fjara und Askjell am Strand und auf der Klippe ihre Zeit gemeinsam und innig verbrachten. Sie spielten am Strand und bauten große Burgen, die sie von der Gischt wieder wegspülen ließen, sie machten die hellsten und knisternsten Lagerfeuer, an denen sie sangen, sich Geschichten vorlasen und sich manchmal fast gleichzeitig, leicht die Füße verbrannten.

„Das ist alles ein einziger Fehler, Askjell ist ein einziger Fehler. Ich wünschte, sie würden lichterloh verbrennen. Ich wünschte, es hätte Askjell nie gegeben.“ Und schon erwischt ihn die flache Hand seiner ihn liebenden, überforderten Mutter. Ins Gesicht.

Mit dem wachsenden Wissen um die Sorgen, Nöte und Albernheiten der Leute begann Alex immer mehr die Geschichte um Fjara umzudichten und zu ergänzen. Dies war das Einzige, was ihm wirklich half, um seine Situation erträglicher zu gestalten. Man könnte sogar meinen, er entwickelte eine regelrechte Obsession, sich in die verklärten Fantasien hinein zu katapultieren, so sehr, dass er sogar begann davon zu träumen. Und jedes Mal überkam Alex ein wahnsinniger Zorn, wenn die Träume seinen Wunschvorstellungen widersprachen – das Glück seines kleinen Bruders, das für ihn nicht auszuhalten ist. Also brauchte es seinerseits eine andere Erzählung.

Askjell fliegt aus dem Fenster

„Nichts ist so lächerlich wie der Trotz, die alberne Fratze der Grausamkeit und aller Dämonen.“ So sollte meine späte Abrechnung mit der Welt beginnen. Mal schauen, was mir zuerst in den Kopf schießt:

Mir scheint als gäbe es zwei Sachverhalte, die von vielen, vielleicht sogar von allen, Religionen streng verboten werden und in unserer Gesellschaft zumindest toleriert werden: das Nein zu Zins und Selbstmord. Beide verstoßen gegen das Gesetz der Unverfügbarkeit.

Das Leben wurde dir geschenkt und du bist nicht Herr im eignen Haus. Es geht mir nicht darum zu diskutieren, ob man leidende Menschen die Gnade es Todes zuteilwerden lässt oder nicht – sondern lediglich um die Hybris, die Illusion von Souveränität und Machbarkeit verbunden mit der einhergehenden Verachtung wider das Leben.

Der Zins gilt als Schuldzuweisung im Namen der Zeit, er hätte niemals erhoben werden dürfen. Es gibt keinen Anspruch auf Zeit und keine Möglichkeit sie zu tauschen.

Diese beiden Verbote können als uneingeschränktes Ja zum Leben verstanden werden, weil sie seiner grundlegenden Unverfügbarkeit Rechnung tragen. Freitod und Zins bringen uns in eine unmögliche Lage, weil wir uns so von der pathischen Dimension unseres Daseins abschneiden.

„Das Nichts wird die Seinen wiedererkennen.“ Die reine Positivität unserer Lebensverachtung hat tatsächlich das Nichts als Kehrseite, als Pfand. Das Nichts ist das Gegenteil von Abwesenheit. Es ist die totale Verlassenheit. In der resultierenden Verzweiflung bleibt nur der Trotz als der wahrhaftigste Ausdruck unserer Idiotie. Ein Schreibfehler, der das gesamte Buch samt Autor zerstören will. Der Morgenstern, der um Gott weiß und seinen Fall gegen die Schöpfung richtet. Die Metastasen der Erde, die sich dessen bewusst, diese vernichten – wollen. Macht und Wachstum haben ihren unwiderruflichen Höhepunkt gerade in der Vertilgung ihrer Welt zu erreichen.

Unser exponiertes Dasein werfen wir dem Sein selbst entgegen in der ultimativen Illusion, dass wir über Tod als solches bestimmen könnten. Dabei verhält es sich nicht so, dass wir absichtlich bösartig agieren. Wir handeln nicht aus einer Wahrheit heraus, sondern aus der Ideologie dieses idiotischen Trotzes. Die selbstbestimmte, verkaufte Zukunft soll vorweggenommen und gesichert werden, uns gegen den Einfall des Realen schützen – sozusagen eine säkularisierte Ablehnung des Heiligen Geistes.

„Ich wähle den Tod und so soll er der meinige sein – da auf Vergebung zu hoffen, ich aufgegeben habe.“

Aufgang Fjara

Fjara kamen meine Gedanken zu Trotz und Tod interessant, aber im Grunde albern vor. „Die Idee von der Verdrängung des Todes und dessen unaufhaltbaren ‚Zurückschlagens‘ als aufkommende Leere klingt spannend. Der trotzige Mensch müsste allerdings vollkommen lächerlich sein, außer die gesamte Gesellschaft ist absurd. Das wäre so, als würde man sich aus Angst vor dem Tod umbringen.

Askjell, sind das nicht bloß infantile Projektionen von dir? – weil du dir einbildest, dir hätte in der Kindheit etwas gefehlt oder fühlst du dich vom Leben betrogen? So allein gelassen – mit zu viel Pathos.“

„Ich hasse es, wenn du immer alles auf eine persönliche Ebene reduzieren musst.“

„Und ich mag nicht gerne über die Welt und das Leben reden, wenn ich dir zuhören könnte, wie es dir in deiner Welt und mit deinem Leben ergeht. Außerdem unterstütze ich keinen Eskapismus ins Pseudo-Philosophische.“