Flammenriss - Sandra Gernt - E-Book

Flammenriss E-Book

Sandra Gernt

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Beschreibung

Als ein alter Zauberer einen kleinen Jungen vom Hof seiner Eltern stiehlt, weil er etwas Besonderes in ihm erkannt hat, könnte dies das Ende der Geschichte sein. Doch sie beginnt erst Jahrzehnte später, als Jardies, inzwischen erwachsen, erneut gestohlen wird, diesmal von einem Mann, der seine eigene Bürde zu tragen hat. Rovénn ist dem Tode nah, als er auf Jardies trifft. Jung, naiv, ahnungslos, was die Welt dort draußen betrifft. Seine Magie könnte Rovénn retten – oder die Welt in Flammen setzen. Ca. 74.000 Wörter Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte knapp 360 Seiten

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gay Romantasy

Als ein alter Zauberer einen kleinen Jungen vom Hof seiner Eltern stiehlt, weil er etwas Besonderes in ihm erkannt hat, könnte dies das Ende der Geschichte sein.

Doch sie beginnt erst Jahrzehnte später, als Jardies, inzwischen erwachsen, erneut gestohlen wird, diesmal von einem Mann, der seine eigene Bürde zu tragen hat.

Rovénn ist dem Tode nah, als er auf Jardies trifft. Jung, naiv, ahnungslos, was die Welt dort draußen betrifft. Seine Magie könnte Rovénn retten – oder die Welt in Flammen setzen.

Ca. 74.000 Wörter

Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte knapp 360 Seiten

von

Sandra Gernt

Inhalt

Prolog: Wie alles begann …

Kapitel 1: Gefährliche Ideen

Kapitel 2: Finstere Pläne

Kapitel 3: Wort gegen Wort

Kapitel 4: Jenseits der Angst

Kapitel 5: Begegnungen

Kapitel 6: Erwachen

Kapitel 7: Badespaß

Kapitel 8: Gestohlene Zeit

Kapitel 9: Verfluchte Geschichten

Kapitel 10: Aufbruch

Kapitel 11: Pferdehandel

Kapitel 12: Familientreffen

Kapitel 13: In der Stadt

Kapitel 14: Regen

Kapitel 15: Ein guter Tag

Kapitel 16: Flammenriss

Epilog: Was noch zu sagen war

Wie alles begann …

s war ein Tag wie jeder andere.

Die Luft atmete sich klar und frisch nach dem Wintersturm in der Sonnenwendnacht. Die Sonne schien auf gefrorenes, raureifbedecktes Land. Kein Schnee weit und breit, der Sturm hatte mit Gewitter und Hagelschauern und sturzbachartigem Regen eine ungewöhnliche Wärmefront fortgejagt.

Taluz wanderte auf der Hauptstraße, zu Fuß und allein, seine weltliche Habe auf den Rücken geschnallt. Schwer musste er sich auf seinen Stab stützen. Ein hübsch geschnitzter Wanderstock in den Augen der Ahnungslosen, gemacht, um einen dürren, alten Graubart zu stützen. Eine Waffe der Macht, geweiht in der heiligen Quelle von Arnú, für diejenigen, die einen Zauberer erkannten, wenn sie ihn sahen.

Es war eine Schande, wie ein einst für sein Talent und seine Weisheit gerühmter Meistermagier einsam durch das Land wandern und auf die Mildtätigkeit jener Menschen hoffen musste, die sich früher vor Angst weinend vor ihm in den Dreck geworfen hätten. Doch so war es, das Schicksal, es nahm mit vollen Händen, was es zuvor nur widerwillig hergegeben hatte. Ihm hatte es den größten Teil seiner Macht genommen und praktisch nichts übrig gelassen.

Vor ihm tauchte endlich das Haus auf, das er seit mindestens einer Stunde gesucht hatte. Dünne Rauchfahnen hatten ihm gezeigt, dass irgendwo Menschen in dieser Einöde lebten, die er gerade durchstreifte. Es wurde höchste Zeit, seit drei Tagen hatte er keine Möglichkeit mehr gehabt, seine Vorräte aufzufüllen. Taluz hatte gewusst, welches Risiko er einging, im häufig stürmischen Frühwinter in die karg besiedelten Täler und Wälder der Umé-Provinz zu wandern. Hoch im Norden des Königreiches Antun, wohin selbst die Händler ungern zogen, weil außer undurchdringliche Nadelwälder wenig zu finden war.

Dennoch hatten seine Füße ihn unweigerlich hierher getragen, gedrängt von einer instinktiven, geradezu traumhaften Ahnung, dass die schmalen Waldpfade ihn an ein Ziel bringen würden, das er jetzt noch nicht kannte. Immerhin waren diese Karren- und Trampelpfade ein deutliches Zeichen für Menschen, die der Einsamkeit trotzten. Die fern von Städten und Dörfern und jeglicher Art von Hilfe versuchten, ihr Leben zu bestreiten.

Oft waren es Flüchtlinge, von Krieg und Gewalt aus der Heimat vertrieben, zu zerstört, um es noch mit anderen Menschen aufnehmen zu wollen; sowie deren Nachkommen, die nie ein anderes Leben kennengelernt hatten und entsprechend wunderlich genannt werden mussten. Andere waren Verbrecher, gebrandmarkt und darum unfähig, in der Gesellschaft zu leben, oder sie wurden wegen ihrer Taten gesucht.

Taluz fürchtete sie nicht. Dürre alte Männer wurden mit Respekt behandelt. Es war schließlich hart genug in dieser Welt, alt zu werden. Wann genau das geschehen war, wann er selbst zu einem klapprigen Greis geworden war, den er früher bemitleidet hätte, das wusste er nicht. Jeden Morgen, wenn er sein runzliges Gesicht und die altersfleckigen Hände in irgendeinem klaren Gebirgsbach wusch – sofern er einen finden konnte, versteht sich – wunderte er sich still. Wohin sie geflossen waren, diese Jahre der Jugend, er wusste es nicht.

Während er sich dem Haus mitten im Wald langsam näherte, so dankbar über den Frost, der den zuvor schlammigen Pfad in einen gut begehbaren Weg gehärtet hatte, erkannte er die Ausmaße der Behausung. Ein riesiges Gehöft war es, mit Ställen und zahlreichen Nebengebäuden sowie einem Mühlrad am Fluss, das allerdings nicht mehr in Betrieb zu sein schien. Taluz sah Rinder, Schafe und Schweine auf abgezäunten Weiden, bewacht von einem ganzen Rudel Hunde. Die Tiere musterten ihn, er spürte es trotz der großen Entfernung. Wie üblich verbellten sie ihn nicht, sondern zogen sich furchtsam oder misstrauisch zurück. Für Raubtiere fühlte sich die magische Aura wie Feuer an. Weidetiere reagierten weniger panisch, dennoch mieden sie Magier nach Möglichkeit. Oder zumindest ihn mieden sie, er wusste im Moment nicht einmal sicher, wie sie auf andere Magier reagierten. Hexen sollten sie sogar mögen, wie es hieß.

Hm, seine Erinnerung war nicht mehr so gut, wie sie einst gewesen war, das musste er zugeben. Es hatte ihn sehr mitgenommen, die Gemeinschaft seines Magierordens verlassen zu müssen.

Taluz ließ die Schultern noch tiefer hängen, beugte den Rücken noch runder, bewegte sich bewusst langsamer und unsicherer, sobald er die Hoftore aufstieß. Hier lebte sicherlich eine Familiengemeinschaft aus mehreren Generationen, und wahrscheinlich gab es in der Umgebung irgendwo ein Dorf. Solch große Tierherden wurden nicht von Flüchtlingen gezüchtet. Leider waren gerade diejenigen, die mehr als genug besaßen, oft übellauniger und geiziger, wenn jemand anklopfte und um ein paar Brotkrumen bettelte. Nicht auszuschließen, dass man ihn davonjagte, insbesondere wenn den Bewohnern auffallen sollte, wie sehr sich die Hofhunde vor ihm fürchteten. Zauberer, die sich nicht selbst verteidigen konnten, verschwanden nicht selten in der Güllegrube. Das abergläubische Volk, jaja …

„HEDA!“ Eine gereizte Frauenstimme. Momente später stand sie bereits vor ihm, wie ein lebendig gewordener Todesgeist, eine Axt in der Hand. Vielleicht vierzig Jahre alt, das einst schwarze Haar, gebändigt in zwei langen, aufgesteckten Zöpfen, zeigte zahlreiche graue Strähnen. Es war der wilde Ausdruck in ihrem rundlichen Gesicht, der an Dämonen denken ließ; ein Blick, der ihm einen grausamen Tod versprach, sollte er eine falsche Bewegung wagen.

Sie entspannte sich allerdings bereits, noch bevor Taluz etwas sagen konnte. Hatte erkannt, dass er ein harmloser Greis war. Ein alter Mann, allein auf der Straße.

„Wer seid Ihr?“, fragte sie nun und ließ die Mordwaffe sinken. Mit einem Griff rückte sie das Wolltuch zurecht, das sie locker um Kopf und Schultern geschlungen hatte. Ihre Röcke und die Stiefel waren von Schlamm und Stalldreck beschmutzt, doch von guter, dicker Qualität. Anständig genährt war sie, sichtlich stark in Armen und Schultern. Niemand, mit dem er sich freiwillig streiten wollte.

„Taluz ist mein Name, gute Frau“, flüsterte er darum mit bescheiden gesenktem Blick und zittrigen Händen, sich schwer auf seinen Stock stützend. „Heimatlos und vertrieben, auf der Suche nach einem Happen zu Essen, vielleicht ein Nachtlager im Stroh, bevor ich weiterziehe … Ich will Elsrabad erreichen, dort sind Verwandte.“ Elsrabad war eine Stadt an der südwestlichen Grenze der Provinz, früher reich geworden durch Handel, von hier vielleicht sechzig Wegstunden entfernt.

Das Misstrauen verschwand gänzlich aus den Augen der Frau. „Kommt ins Haus“, sagte sie, etwas barscher als dringend notwendig, was vermutlich ihre Art zu reden war. „Ihr könnt einen Becher heiße Brühe und eine Schüssel Gerstenbrei haben. Zum Übernachten lauft Ihr allerdings weiter. Kiersch liegt nur etwas drei Wegstunden von hier, im Osten, ein Dorf mit Tempel. Der Priester wird Euch aufnehmen.“

„Den Dank der Götter über Euch, gute Frau“, murmelte Taluz. Etwas Gutes zu Essen war schon ein Grund für Dankbarkeit und mehr, als er erwartet hatte; auch wenn sie ihn bewusst in die falsche Richtung weiterjagen wollte.

„Jaja“, erwiderte sie ungeduldig und wartete, bis er vor ihr her in die Stube gehumpelt war. Taluz durfte sich in der Nähe des Herdfeuers niederlassen, an einem grob beschlagenen Tisch, der Platz für zwanzig Männer bot. Töpfe, Pfannen und Kessel, die er von seinem Platz aus erkennen konnte, waren ebenfalls für Großfamilien gedacht. „Hier, nehmt.“ Sie stellte das versprochene Essen vor ihm ab, eine recht großzügig gefüllte Schüssel mit lauwarmem Getreidebrei. Der war gut gewürzt, genau wie die Fleischbrühe, die als Nächstes folgte, in einem handgeschnitzten Becher.

„Ihr habt eine große Familie, gute Frau, ja?“, fragte Taluz, als er sich halb durch seine Mahlzeit gearbeitet hatte und der wütende Hunger in seinem Bauch verstummte. Die ganze Zeit hantierte sie herum, ließ ihn keinen Moment allein.

„Der Sturm hat uns einen Weidezaun zerlegt“, erwiderte sie. „Mein Mann ist mit unseren Söhnen draußen, um ihn zu reparieren. Die Schwiegertöchter sind mit den Kleinen im Wald, um Holz zu sammeln.“ Sie hatte sich selbst einen Becher mit Brühe gefüllt und setzte sich nun ihm gegenüber. Anscheinend war es das erste Mal heute, dass sie zum Sitzen kam, sie wirkte erschöpft.

„Wie heißt Ihr, Kind?“, fragte Taluz freundlich.

„Maurel.“ Sie setzte an, um noch mehr zu sagen, doch in diesem Moment kam ein Kleinkind in die Küche gewankt. Kaum zwei Jahre konnte der winzige Junge zählen. Dunkle Locken rahmten ein niedliches, rundes Gesicht ein, riesige dunkelbraune Augen richteten sich erstaunt auf den Fremden in seinem Reich. Seine speckige Miniaturfaust umklammerte etwas, das ihm anscheinend kostbar war.

„Jardies!“ Maurel seufzte, als sie das Kind musterte. „Du solltest noch schlafen.“

„Babababa!“, brabbelte der Junge und lachte dabei glücklich.

„Euer Enkel?“, fragte Taluz. Irgendetwas war mit diesem Jungen. Er spürte es.

„Nein. Die Götter haben mich spät gesegnet. Ich hoffe, es war das Letzte, er hätte mich fast ins Dunkelreich geschickt.“ Ob das der Grund war, warum sie ihren eigenen Sohn eher ablehnend und missbilligend anstarrte?

„Wärt Ihr so gütig, für eine kurze Weile auf ihn aufzupassen?“, fragte Maurel, als draußen ein schriller Ruf von einem Tier erklang, der sie zusammenfahren ließ. „Ich muss in den Stall, wir haben eine Kuh, die zur falschen Zeit kalbt und sich schwertut. Ich bin rasch zurück und Jardies wird brav sein.“

„Es wäre mir eine Freude“, erwiderte Taluz und lächelte großväterlich. Normalerweise vermied er die Nähe von unfertigen Menschen. Sie waren laut und dreckig und taten unsinniges Zeug und in diesem Alter strömten Körpersäfte ungehindert aus sämtlichen Öffnungen. Wobei Jardies nicht erkältet zu sein schien, er war jedenfalls nicht verrotzt, wie sonst alle Bälger, die Taluz jemals gesehen hatte.

Maurel verließ den Raum, was den Jungen nicht beeindruckte. Er hatte sich zu Boden fallen lassen und starrte auf das, was er in seiner Hand verborgen hatte. Etwas, das schwache Magie ausstrahlte. Sie juckte Taluz auf der Haut und kribbelte in der Nase. Was mochte dieses Kind aufgeklaubt haben? Magische Steine waren extrem selten.

„Jardies!“, sagte er scharf, sobald er sicher war, dass sich dessen Mutter außer Hörweite befand. „Komm her. Setz dich zu mir.“ Er klopfte auf die Bank neben sich. Der Junge gehorchte widerstandslos, stand umständlich auf, torkelte zu ihm hinüber, kletterte die Bank hinauf. Dazu benötigte er Hilfe, er hatte wieder die Finger um seinen Schatz geschlossen.

„Was hast du da?“, fragte Taluz und wischte sich leicht angewidert die Hände an einem herumliegenden Tuch ab. Immerhin war die Haut des Kindes trocken und sauber, er mochte es dennoch nicht, es berühren zu müssen. Wobei – irgendetwas war mit dem Kleinen.

Jardies blickte zu ihm auf, lachte ohne jeden Grund freundlich und öffnete dann das Händchen. Darin befand sich etwas rundes, rotes. Etwa so groß wie eine Haselnuss. Es war … Ihr Götter! War das etwa ein Ei? Ein …

Bevor Taluz den Gedanken zu Ende verfolgen konnte, knackte es laut und vernehmlich. Das Ei brach! Und das war ganz gewiss kein gewöhnliches Ei, sonst hätte die ungelenke Misshandlung durch die Kinderhand es längst zerstört.

Minutenlang starrten Jardies und Taluz schweigend auf das Ei hinab, in dessen Schale sich tiefe Risse auszuweiten begannen. Eine winzige Klaue wurde sichtbar. Dann rote Schuppen. Schließlich wand sich ein zartes Geschöpf heraus, wohl geborgen in Jardies‘ Handfläche.

Ein Drache! Leuchtend rote Schuppen verrieten, dass es ein männlicher Feuerspucker sein musste. Bei allen Dämonen der Finsterlande! Nie hätte Taluz vermutet, dass diese unglaublich seltenen Geschöpfe derartig klein beim Schlüpfen waren. Sie wuchsen immerhin im Verlauf von Jahrhunderten zu stattlichen Bestien heran, wenn es gut für sie lief, größer als das Haus, in dem Taluz sich gerade befand. Der possierliche kleine Schlüpfling umklammerte Jardies‘ Zeigefinger, gurrte hauchleise und ließ den Blick aus riesigen schwarzen Augen nicht von dem Jungen. Dann krümmte er sich mit einem Mal – und nieste lautstark. Heftig genug, um abzurutschen und von Jardies aufgefangen werden zu müssen, der unglaublich behutsam mit diesem magischen Tier umging.

„Haschpu!“, rief Jardies und lachte leise. „Haschpu, Haschpu, Haschpu!“

Womit der Drache wohl offenkundig seinen Namen gewonnen hatte. Zum Glück würde es wohl noch einige Jahrhunderte dauern, bevor dieses Geschöpf sich vermutlich daran stören könnte, wie man es benannt hatte.

„Wo hast du ihn gefunden?“, fragte Taluz sanft. Er ging nicht wirklich davon aus, dass das Kind schon weit genug entwickelt war, um ihn verstehen und antworten zu können. Doch der Junge blickte auf und wies vage zum Fenster. Was wohl so viel wie „da draußen“ heißen sollte.

Taluz stand auf, zog den ledernen Vorhang beiseite, der die kalte Luft halbwegs abhielt. Würde es noch kälter oder erneut stürmisch werden, gab es Holzläden, die von innen eingepasst werden konnten; er sah sie auf dem Boden, an die Wand gelehnt. Diese Menschen kannten den Winter und wussten mit ihm umzugehen. Als er rausblickte, sah er eine Krähe, die auf einem Holzpfosten hockte und ihrerseits ihn anstarrte. Oder hatte sie etwas anderes im Sinn? Taluz wandte sich um. Betrachtete Jardies, der völlig versunken auf der Bank saß, die kurzen Beinchen baumeln ließ und den Drachenschlüpfling angurrte. War es die überaus schwache Magie des Dracheneis gewesen, die Taluz hergeführt hatte? Drachen waren extrem selten, aus guten Gründen. Alte Drachen gab es gar nicht mehr, sie hatten sich gegenseitig vernichtet oder waren von Magiern besiegt und getötet worden, zumeist unter entsetzlichen Verlusten. Die wenigen Jungdrachen, die es noch gab, überlebten kaum jemals die ersten Jahre bis zur Reife. Natürlich konnte es sein, dass die Drachenmagie ihn gelockt hatte, es war sogar wahrscheinlich.

Doch wie wahrscheinlich war es, dass das Drachenei offen auf dem Hof gelegen hatte, wo Tierhufe, Hundepfoten und Menschenstiefel es zerstört hätten? Immerhin dauerte es Jahrzehnte, bis ein Jungdrache bereit zum Schlüpfen war. Wie konnte ein kaum lauffähiges Kleinkind ein Drachenei finden und verborgen halten, bis sein Bewohner schlüpfte?

„Narr“, murmelte er sich selbst zu. Magie zeigte sich in Menschen für gewöhnlich erst während der Reifezeit. Es gab einige wenige Ausnahmen. Starke Naturmagie zum Beispiel. Naturmagie war ein hilfloser Begriff für jene Art von Zauberern oder Hexen, die ihre Kraft einfach so besaßen und nutzten, ohne es erst lernen zu müssen. Die meisten von ihnen waren so schwach, dass sie nie als magisch begabt entdeckt wurden, doch es gab Ausnahmen. Aus diesen wurden Heiler, oder sie beeinflussten das Wetter, die Pflanzen, die Tiere … Taluz schauderte. Er konnte nicht gut denken und Nebel lag über seinem Verstand. Wieso hatte er nicht längst gespürt, dass es Magie war, die er hier auf dem Hof überall wahrnahm? Die er an diesem Jungen wahrnahm?

„Jardies“, sagte er, ging zu dem Kind und hob es mitsamt Mini-Drachen hoch, um es zum Fenster zu tragen. „Siehst du den Vogel?“, fragte er und wies hinaus zu dem Pfosten.

„Krah-Krah“, erwiderte Jardies vergnügt und winkte der Krähe zu. Sie senkte und hob den Schnabel ein wenig, als würde sie die Geste beantworten wollen.

„Sag Krah-Krah, er soll hereinkommen. Hier gibt es Futter.“ Taluz trug den Kleinen zum Tisch und setzte ihn kurzerhand auf die Platte. Jardies betrachtete ihn verblüfft. Von seiner Position aus konnte er den Vogel nun nicht mehr sehen. Dennoch nahm sein zartes Gesichtchen einen konzentrierten Ausdruck an. Kein Laut war zu hören und dennoch flatterte die Krähe keinen Augenblick später durch das Fenster und landete neben Jardies.

Taluz öffnete blindlings eine Dose, die neben der Feuerstelle auf einem Regal stand. Darin befanden sich Getreidekörner, Weizen vor allem, sehr schön. Er ließ eine Handvoll davon auf den Tisch rieseln. Die Krähe pickte jedes Korn einzeln auf, beachtete Taluz überhaupt nicht, blieb dicht bei dem Jungen. Der sah ihr zu, streichelte dabei unentwegt über den Bauch des kleinen Drachen. Als nichts mehr übrig war, nickte Taluz dem Jungen zu.

„Schick sie weg. Es ist nicht sicher für sie hier drinnen. Deine Mutter kommt bald.“

Jardies zuckte sichtlich zusammen, seine erschrockenen Augen füllten sich mit Tränen. Die Krähe flatterte stumm auf und verschwand auf demselben Weg, wie sie gekommen war.

„Jari böse, neinneinnein“, flüsterte der Kleine. „Tier neinnein.“

So hatte Taluz es sich gedacht. Die Familie hatte bereits bemerkt, dass der Jüngste nicht normal war. Gerade das Landvolk fürchtete sich vor Magie, erzählte sich finsterte Legenden und Mythen, die größtenteils nicht einmal ein Körnchen an Wahrheit enthielten. Vermutlich schlugen sie Jardies, wenn dieser Kontrolle über Tiere ausübte und hielten ihn im Haus gefangen, soweit das überhaupt möglich war.

Taluz dachte nach. Ein Naturmagier wäre ein unerwarteter Segen für ihn. Ein Kleinkind mit erheblichen Bedürfnissen, von denen die meisten sehr schmutzig und übelriechend waren, bedeutete allerdings eine extreme Last für ihn. Aber nun, Jardies hatte einen Drachen beschützt, obwohl er kaum laufen oder sprechen konnte! Hunger würden sie nie wieder leiden, und es gäbe so viele andere Vorteile …

„Ich habe mir schon auf schlimmere Weise die Hände schmutzig gemacht, nicht wahr?“, murmelte er. Dann hob er kurzentschlossen das Kind wieder hoch. Es war erstaunlich, der Kleine protestierte wirklich keinen Moment dagegen, von einem Fremden angefasst, herumkommandiert und getragen zu werden. War er so vertrauensselig? Oder so sehr ausgehungert nach Aufmerksamkeit?

„Zeig mir dein Bett“, befahl Taluz und verließ die Küche. Jardies leitete ihn die Treppe hinauf, in einen engen, fensterlosen Raum – für sich allein statt bei den Eltern, ein deutliches Zeichen, wie sehr der Kleine abgelehnt wurde. In dem Raum, kaum mehr als ein Loch in der Wand, befand sich ein handgezimmertes Bett und eine Truhe, in der Taluz einige Kleidungsstücke entdeckte. Die zog er dem Kind über, um es vor der Kälte zu schützen. Jardies ließ es klaglos zu, blieb die ganze Zeit über auf Haschpu konzentriert, der mittlerweile eingeschlafen war und gelegentlich possierliche Rauchwölkchen ausschnaubte. Es würde zum Glück noch Jahrzehnte bis zu den ersten Flammen dauern. Taluz beeilte sich, streifte dem Kleinen mehrere Lagen Wollsocken über, da er keine Schuhe zu besitzen schien, sämtliche anderen Kleidungsstücke dazu, und hüllte ihn schließlich in die Wolldecke vom Bett als Ersatz für einen Mantel. Ein halbes Dutzend sauberer Windeln steckte er in seine eigene Manteltasche. Dann hob er den Jungen wieder hoch, hielt ihn rücklings an seine Brust gedrückt.

„Wir gehen auf ein Abenteuer“, sagte er zu ihm. Jardies betrachtete ihn, lächelte scheu, verstand offenkundig nichts und sah wieder hinab zum schlafenden Drachen. „Hier, warte.“ Taluz knotete die dünne Decke dergestalt, dass eine Kuhle entstand, groß genug, um Haschpu warm und sicher zu halten. „Eine Wiege für Haschpu.“

„Wiege. Wiege. Haschpu-Haschpu-Haschpu“, brabbelte der Kleine und legte seinen Drachenfreund vorsichtig in die Kuhle. Er wippte ein wenig mit den Beinen und hatte wohl nichts dagegen, die Treppe hinabgetragen zu werden, rücklings an Taluz‘ Brust gelehnt. Zum Glück war er derartig leicht und klein, dass es selbst für einen alten Mann wie ihm ein keine Mühe bedeutete, ihn für längere Zeit zu tragen und dabei eine Hand am Stock zu belassen.

Von Maurel war nichts zu sehen oder zu hören. Aus einem der Stelle klang lautes Muhen. Das Kalb war also auf dem Weg. Alle anderen Familienmitglieder waren ebenfalls beschäftigt. Niemand bemerkte, dass ihr Jüngster gerade gestohlen wurde.

„Sie haben dich nicht verdient“, murmelte Taluz. „Sie werden dich suchen, ja, ein bisschen trauern vielleicht. Niemand wird laut aussprechen, wie erleichtert sie sind, dich losgeworden zu sein. Ein Magier in der Familie, das macht ihnen Angst.“

„Dadabababa“, brabbelte der Kleine. Es klang schläfrig. Taluz wandte sich noch einmal um, kehrte in die Küche zurück, um Essen an sich zu raffen.

Minuten später war er im Wald verschwunden, ohne auf dem gefrorenen Boden die geringsten Spuren zu hinterlassen.

Taluz blickte auf das friedlich schlafende Kind hinab. Sie befanden sich mitten im finsteren Wald, und nur das Licht seines Stabes spendete ihnen Licht. Er hatte Jardies auf seinen Tragbeutel gebettet, den er so bequem wie möglich zwischen verschlungenen Baumwurzeln eingefügt hatte. Es könnte Einbildung oder Wunschdenken sein, doch ihm schien es, als würde der Baum sich nach Kräften bemühen, das Wurzelgeflecht breiter und flexibler zu belassen, damit der Kleine es gemütlich hatte.

Überall sah und spürte er neugierige Augen. Mehrere Eulen waren bereits über ihre Köpfe hinweggeflogen. Eichhörnchen verharrten unschlüssig auf den Baumstämmen, und falls er sich nicht irrte, befand sich ein Fuchs in der Nähe. Keines der Tiere würde irgendetwas tun, um ihnen zu schaden. Solange Taluz den Jungen bei sich trug, würde der Wald selbst sein Möglichstes geben, um sie beide sicher zu halten. Jardies war ein Geschenk!

Und das auf solch vielfältige Weise … Warum hatte die Familie das nicht begriffen? Taluz hatte Spuren von Gewalt und Vernachlässigung auf dem kleinen Körper gefunden, als er Jardies‘ Windel gewechselt hatte. Angst und Ignoranz hatten diese Leute geblendet, die auf unvorstellbare Weise von ihrem kostbarsten Schatz hätten profitieren können. Vermutlich hatten sie dennoch profitiert und würden bald feststellen, dass die Gesundheit ihrer Tiere nachließ und die Ernte schmaler als erhofft ausfiel. Wobei Jardies noch nicht lange genug lebte, um deutlich spürbaren Segen über sein Zuhause gebracht haben zu können …

Unwichtig.

Der Kleine war sauber, abgefüttert und schlief selig, mit seinem Haschpu auf der Brust, der ebenfalls schön schlief. Es war unendlich vorteilhaft, dass Drachen Allesfresser waren und frisch nach dem Schlüpfen tatsächlich Getreide oder Nüsse bevorzugten. Wären sie tatsächlich die fleischfressenden Monster, zu denen die Legenden sie machten, wäre die gesamte Tierwelt schon vor Äonen ausgerottet worden, bis die Riesenbestien sich gegenseitig hätten fressen müssen, damit der Stärkste und Brutalste unter ihnen dann elendig verhungerte. So war es hingegen einfach gewesen, Haschpu mit einem kleinen Stück Walnuss zu sättigen, was Jardies glücklich gurrend überwacht hatte.

Nun schlief er also … Und Taluz musste nichts weiter tun, als sich zu nehmen, was hilflos vor ihm lag. Er legte die rechte Hand flach auf Jardies‘ Brust. Spürte das Herz, wie es gleichmäßig unter den dicken Lagen an Stoff und Wolle wummerte. Spürte die Atemzüge, leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.

„Es wird weder schmerzen noch wird ihm irgendetwas fehlen“, murmelte er, als er das Gefühl hatte, dass die beobachtenden Augen um ihn herum misstrauisch zusammengekniffen wurden. „Es wird ihm nicht im Geringsten schaden. Im Gegenteil, was ich von ihm nehme, kann ich nutzen, um uns beide in Sicherheit zu tragen. Meine Kraft ist viel zu gering, um ihn ohne Magie durch den Winter zu bringen. Ich selbst besitze kaum noch etwas von dem, was ihn durchdringt. Wie soll ein wackliger Greis also eine Hütte bauen, die Sturm und Schneemassen trotzen kann? Wie sonst soll ich eine magische Barriere erschaffen, die verhindert, dass Menschen uns finden und belästigen? Seine Familie hat große Hunde, die uns verfolgen können, und wir können nicht sicher sein, dass sie die Suche rasch aufgeben.“

Er öffnete sich für die Magie des Jungen. Halb erwartete er, kaum mehr als eine zartes Rinnsal vorzufinden, mit ein paar Strömungen hier und dort, sodass er kaum mehr als einen Fingerhut voll abschöpfen konnte, ohne den Kleinen zu gefährden. Was sich hingegen vor ihm öffnete, war eine unendlich tiefe Quelle ohne Grund und Boden, und starke Stromgebiete durch den gesamten winzigen Körper.

„Ihr Götter!“, murmelte er, vollkommen erschüttert. Selbst bei Meistermagiern und Großhexen in der Blüte ihrer Kraft war so etwas höchst selten. Unglaublich! Kaum vorstellbar, dass diese Macht nicht nach außen zu spüren war. Er hatte bis zum letzten Moment nicht sicher gewusst, ob Jardies tatsächlich eigene Magie besaß. Auch jetzt spürte er sie nicht, obwohl er sie vor sich sah. „Wir Narren wissen gar nichts über Naturmagie“, sagte er und griff nun unerschrocken zu. Es war mühelos. Er konnte sich an dem Jungen satttrinken, sich mit Magie füllen, ohne den Kleinen in Gefahr zu bringen! Ein wenig müde würde er davon sein. Ähnlich, als hätte er einige Stunden damit zugebracht, rastlos umherzurennen, wie kleine Kinder es taten. Kein Schaden war zu befürchten. Nicht direkt jedenfalls.

Nebel lichtete sich. Erinnerungen kehrten zurück, gemeinsam mit dem Wissen um die Macht, die einst durch seine vertrockneten Adern geflossen war. Es gab nach wie vor einiges, was er nicht mehr fassen konnte … Doch er wusste nun, dass er seine Kräfte nicht durch das Alter verloren hatte.

Mit einem traurigen Lächeln strich Taluz Jardies einige dunkle Strähnen aus der Stirn. Er würde von nun an abhängig von diesem Kind sein. Mit ihm an seiner Seite würde er Kraft und Ausdauer und ungehemmte magische Macht besitzen, die sich allerdings rasch verbrauchen würden. Sobald er den Jungen verlor, würde er vergehen wie eine niedergebrannte Kerze. Er musste ihn um jeden Preis bei sich behalten! Das war alles sehr einfach, solange Jardies ein Wickelkind war, begierig danach, geliebt und versorgt zu werden. In wenigen Jahren hingegen …

„Ach, mach dir keine Gedanken, du alter Narr!“, schalt er sich selbst. Er schob den Magierstab auf den Rücken, band sich das schlafende Kind mit seiner Decke und viel Einfallsreichtum sowie etwas Magie vor seinen Bauch und marschierte mit federnder Leichtigkeit los. Die alten Knochen staunten über die Kraft, die er nun plötzlich besaß, und trugen ihn unermüdlich durch die Nacht, ohne zu stolpern, ohne von Unterholz und Wurzelwerk gehindert zu werden. Er sah mühelos jedes Detail, trotz der Dunkelheit, roch das modrige Holz, die alten Blätter, die Kraft der Bäume, die gefrorene Erde, die zahllosen Tiere, die ihnen folgten. Und was er alles hörte!

Wegstunde um Wegstunde schmolz unter seinen Stiefeln dahin. Zwischendurch rastete er für kurze Zeit, aß von den Vorräten, bediente sich ungeniert weiter von der kindlichen Magie, trug und versorgte den Jungen, der fast die gesamte Zeit schlief, bis er nach Tagen in wegeloser Wildnis spürte, dass er sein Ziel erreicht hatte.

Ein großzügiges Tal, umgeben von hohen, unüberwindlichen Felsen. Nur ein einfacher Zugang gewährte Menschen Einlass. Hohe Bäume. Eine Lichtung an einem munter sprudelnden Bach mit glasklarem Wasser. Buschwerk, das zur gegebenen Zeit Nüsse und Obst tragen würde. Ein Himmelsgeschenk!

„Wir sind zu Hause, Jardies“, flüsterte er und legte den Jungen sicher am Boden ab. Sofort kam eine junge Wölfin ohne Furcht heran und legte sich dicht neben dem Kleinen nieder, als wollte sie sagen: „Tu du, was immer du tun musst. Ich halte ihn warm und sicher.“ Vögel landeten. Kleingetier huschte heran, das sich normalerweise nicht in die Nähe jener Tiere wagen würde, die sie gerade im Winter mit Freuden jagten. In Jardies‘ Nähe galt bedingungsloser Waffenstillstand, so viel hatte er bereits beobachten und bestaunen können.

Taluz schöpfte einmal mehr eine Handvoll magischer Energien von dem Kind, dann begann er sein Werk.

Als Erstes schuf er den magischen Schutzkreis. Tiere waren willkommen, sie würden ihnen nicht gefährlich werden. Menschen hingegen konnten den Eingang nicht passieren, es sei denn, Taluz oder Jardies gestatteten es ihnen. Die Hunde von Jardies‘ Geburtsfamilie würden ihrer Witterung nicht folgen können. Außerdem schützte Taluz dieses Tal vor Stürmen, Feuer und allzu harscher Kälte. Winterkälte, Frost und Schnee gehörten zum natürlichen Lauf der Dinge, doch es musste keine bedrohlichen Ausmaße annehmen. Den Bach beschwor er, sodass dieser im Frühjahr nicht durch die Schneeschmelze überfluten und zum reißenden Strom werden konnte. Kurz dachte Taluz über einen Segen nach, der die Ernte der Strauchfrüchte verbessern würde, doch das war Kraftverschwendung. Jardies‘ Anwesenheit genügte bereits, um das gesamte Tal in dieser Hinsicht zu segnen, da hatte er weder Sorgen noch Zweifel.

Als Nächstes ging es an das Meisterwerk. Unter seinem beschwörend hochgereckten Zauberstab erhoben sich Felsbrocken von der Erde, die das Tal üppig bedeckten. Sie fügten sich, folgten seinem Willen, bauten kerzengerade, dicke Wände, indem sie sich übereinanderlegten. Magie bannte sie an Ort und Stelle, ließ Aussparungen für Fenster und Türen. Totes Astwerk und umgestürzte Bäume folgten seinem Ruf, stabilisierten das Haus, bildeten ein Dach, Fensterläden, formten sich zu Möbeln, ohne dass ein Axthieb nötig wurde, um das Holz zu spalten. Tisch, Stühle, Betten, Kleidertruhen, Regale, eine gewundene Wendeltreppe … Es war bildschön, dieses Wunder des Erschaffens.

Als er getan hatte, was ihm mit den natürlichen Materialien möglich war, ging es an das deutlich weniger schöne Wunder des Stehlens. Sie brauchten schließlich Kochgeschirr, Besteck, Werkzeug, allerlei Dinge und Ausrüstung, um ein angenehmes Leben genießen zu können. Und weil Taluz schon dabei war, hörte er nicht auf, denn es war leicht. Leichter als es jemals in seinen langen, langen Jahren als Meistermagier gewesen war, konnte er sich nehmen, was immer er begehrte. Bücher, hunderte Wunderwerke des Wissens, füllten die Regale im oberen Stock des neuen Hauses. Pergament stapelte sich auf seinem frisch erschaffenen Schreibpult. Federkiele und Tintenfässer, dutzende davon. Dazu praktisches Gerät aus Kupfer und Stahl, das ein Magier gern nutzte, um sich in Astrologie und Alchemie zu befleißigen.

Taluz nahm und nahm, lachend, erfüllt von Gier und Befriedigung … Bis seine Arme zu zittern begannen und er schlagartig erschöpft in die Knie sank. Knie, die schmerzten. Ein Körper, der alt und verbraucht war. Er hatte verschwendet, was Jardies ihm geschenkt hatte.

Nein.

Falsch. Er hatte verschwendet, was er gestohlen hatte. Der Junge konnte ihm nichts schenken. Keine willige Entscheidung treffen. Er war Taluz vollständig ausgeliefert.

Mühsam nach Atem röchelnd kroch Taluz zu dem schlafenden Kind. Die Wölfin grollte leise eine Warnung – sie würde ihn nicht aufhalten, doch falls er es diesmal aus Erschöpfung übertrieb, war ein Angriff unausweichlich.

„Keine Sorge“, flüsterte Taluz. „Ich sauge ihn nicht leer. Nur ein bisschen … Genug, um ihn in sein Bett zu tragen. Bloß ein Narr würde einen Apfelbaum leerräumen, ausreißen und verbrennen, statt sich lediglich zu nehmen, was er braucht, und dann auf die neue Ernte zu warten.“ Sanft legte er die Hand auf Jardies‘ Körper. Stahl ihm weitere kostbare Magie, vorsichtig, behutsam. Gerade genug, um die Erschöpfung zu bezwingen.

Dann hob er das Kind hoch und drückte es an sich. Der kleine Drache, der die letzten Tage ebenso wie Jardies zumeist schlafend verbracht hatte und sich nur kurz zur Nahrungsaufnahme geregt hatte, war erwacht, betrachtete Taluz mit einer seltsam intensiven Traurigkeit.

„Hallo, Haschpu“, sagte Taluz. „Für dich habe ich ein eigenes Bettchen erschaffen. Du wirst es mögen.“ Er trug Jardies über die Schwelle, betrat den großzügig geschnittenen Raum, der ausgestattet war wie für einen Prinzen. Ein großes Bett mit weicher Matratze und warmer Decke, Spielzeug, bunte Bilder von Tieren an den Wänden. Sonne flutete durch die Butzenglas-Fenster und sorgte für warme, helle Gemütlichkeit.

Im Bett befand sich ein Weidenkörbchen, ausgepolstert mit einem goldfädigen Kissen. Das war eines Drachen würdig, wie Taluz fand. Er bettete den Jungen auf dem flachen Kissen nieder. Jardies gab lediglich einen kleinen Laut von sich. Der diesmalige Magiediebstahl hatte ihn zu sehr erschöpft, Taluz musste vorsichtiger sein. Nun, er wollte nicht jeden Tag ein Haus erschaffen, das eines Meistermagiers würdig war …

Die Wölfin war ihnen gefolgt und sprang ans Fußende des Bettes. Ihr Blick war eindeutig, sie würde den Schlaf des Jungen bewachen. Nun, das war ihm recht, er hatte nicht vor, mit einem Raubtier zu streiten. Rasch aß er die Reste von seiner gestohlenen Beute. Proviant, der Maurel und ihre Familie nicht aushungern würde. Ab morgen würde er selbst für Nahrung in diesem Haus sorgen.

Dann wusch er sich und legte sich begeistert seufzend in sein eigenes Bett. Oh, wie lange war es her, dass er so behaglich liegen durfte!

Wie lange war es her, dass er solche Macht durch seine vertrockneten Adern hatte fließen lassen? Die Narren seines Ordens hätten ihm das nicht antun dürfen! Alles, was gerade geschah, hatten sie selbst zu verantworten. Ihre eigene Schuld, dass Taluz ihre stolze Bibliothek leergeräumt hatte!

Mit dem wundervollen Gefühl, die Welt in Ordnung gebracht zu haben, schloss er die Augen. Niemand wusste, wie viel Zeit ihm bleiben würde. Er würde jede einzelne Minute davon auskosten.

Gefährliche Ideen

aschpu! Komm her!“, befahl Jardies und hatte Mühe, streng zu klingen. Sein kleiner Drachenfreund kämpfte gerade mit sehr viel Kampfeinsatz, Knurren und angespannt wippenden Flügelchen gegen …

… eine völlig wehrlose Baumwurzel. Es war schon in Ordnung, Haschpu war schließlich auch erst zweiundzwanzig Jahre alt. Für einen Drachen bedeutete es, dass er nach wie vor ein Schlüpfling war, der noch nicht einmal die menschliche Sprache gemeistert hatte, seine Magie nicht ausüben konnte und noch lange würde warten müssen, bevor er den ersten Flammenstoß vollbrachte. Ans Fliegen war auch noch nicht zu denken. Immerhin war er ordentlich gewachsen und schaffte es von den possierlichen Stirnhöckern, die sich irgendwann zu gewaltigen Hörnern auswachsen würden, bis zur rotgeschuppten Schwanzspitze auf etwa Dreiviertel von Jardies‘ Unterarmlänge.

Damit würde er sich nach wie vor in tödlicher Gefahr befinden, würde er draußen in der feindlichen Welt zurechtkommen müssen, er war zu klein, insbesondere seine Bauchschuppen noch zu weich. Doch hier, im friedlichen Tal, das Jardies seine Heimat nannte, waren sie alle sicher. In diesem Tal starb kein Lebewesen eines gewaltsamen Todes. Nicht einmal Insekten, Würmer oder Fische. Wenn einer von Jardies‘ tierischen Freunden auf die Jagd gehen wollte, musste er dazu das Tal verlassen. Dies waren die unausgesprochenen Regeln und sie wurden bedingungslos befolgt.

„Haschpu.“ Mit einem energischen Griff in den Nacken pflückte Jardies den Drachen vom Boden und brachte ihn so dazu, die arme Wurzel der Fichte in Frieden zu lassen. Haschpu ließ sofort alle Flügel und Gliedmaßen hängen und blickte aus seinen riesigen, stets traurig wirkenden schwarzen Augen zu Jardies auf. „Mein Bester, du verletzt den Baum. Das tut ihm doch auch weh“, sagte Jardies sanft tadelnd und streichelte seinem Drachenfreund dabei liebevoll den Kopf.

Er setzte sich Haschpu auf die Schulter und ging zum Bach hinab, um Wasser zu schöpfen. Statt danach sofort mit dem Eimer ins Haus zurückzukehren, setzte er sich auf einen Findling und betrachtete das Tal. Die Sonne schien von einem zart wolkenverschleierten blauen Himmel. Der Wind schmeichelte Jardies mit warmer Brise und köstlichem Duft, denn der Frühling war in vollem Gang. Sämtliche Obstbäume und -büsche waren zu einem Meer aus Blüten gewandelt, die Blumen überboten sich gegenseitig damit, die Felsenhänge mit bunten Farben zu schmücken, das junge Gras leuchtete in sattem Grün. Insekten umschwirrten die Blüten, Vögel zwitscherten, zwei Nebelkrähen zankten sich laut krächzend, ein kleiner schwarzer Drache genoss die warmen Aufwinde …

Es war warm, friedlich und wundervoll vertraut. Genau wie immer. Die ersten Schmetterlinge begrüßten Jardies, er spürte die Nähe eines Bärenmännchens, der aus dem Winterschlaf erwacht war, und ein Fisch hüpfte kurz aus dem Wasser, um ihm mit der Schwanzflosse zuzuwinken. Er seufzte, verwirrt, warum ihn diese Szenerie voll Schönheit und Frieden mit Traurigkeit und innerer Leere zurückließ. So etwas kannte er gar nicht.

Ein leises Rauschen warnte ihn vor, Jardies streckte rechtzeitig den linken Arm aus, um Zziddra einen Platz zum Landen zu bieten. Sie war ein Feuerdrachenweibchen, schwarz geschuppt, wie es üblich war, mit sehr ungewöhnlichen hellgrünen Rückenhöckern. Obwohl Zziddra etwa genauso groß wie Haschpu war, kaum halb so breit und vielleicht ein Drittel von seinem Gewicht aufbrachte, war sie deutlich älter, schon beinahe hundert Jahre alt. Sie konnte darum gelehrt mit ihm sprechen, sehr gut fliegen und auch schon Flammen speien, wenn sie sich anstrengte. Vor einer Weile war sie im Tal gelandet, hatte eine verwirrende Geschichte darüber erzählt, aus einer völlig anderen Welt zu stammen und aufgrund eines Zeitparadoxes hier gelandet zu sein. Sie wollte zurückkehren, sobald sie genügend Magie aufgestaut hatte, um eine solche Großtat vollbringen zu können.

Ob sie log, die Wahrheit sprach oder womöglich halluzinierte, konnten weder Jardies noch sein Vater sagen. Jedenfalls war sie eine spannende kleine Persönlichkeit – und mit chronischer Übellaunigkeit gestraft.

„Hey, Zziddra“, sagte er freundlich, was mit einem „Hmpf!“ beantwortet wurde. „Was ärgert dich diesmal?“

„Es ist langweilig. Und sag mir nicht, dass du es nicht ebenfalls spürst. Gerade eben habe ich eine deutliche Welle von knochenzermahlender Langeweile von dir gespürt. Hier passiert nie etwas. Absolut gar nichts. Alles ist immer friedlich, nett, perfekt und liebenswert. So etwas ist ungesund!“

„Aber nein, das ist eine gute Sache!“, widersprach Jardies. „Ich will gar nicht, dass irgendetwas geschieht. Das würde bedeuten, dass jemand leidet oder etwas kaputtgeht. Für Aufregung habe ich meine Bücher.“ Sein Vater hatte ihn früh Lesen und Schreiben gelehrt. Jardies durfte zwar die meisten großen Magiebücher nicht anfassen, weil er dafür nicht geistig reif genug war, doch er hatte sehr viel über Sterne und ihre Laufbahnen, Pflanzen, Tiere, Heilkunde, fremde Sprachen, Kulturen und vieles mehr gelernt.

Leider war er hoffnungslos, was Mathematik betraf. Sein Vater verzweifelte darüber still, denn ohne Mathematik konnte man die tieferen Geheimnisse der Magie nicht erkunden. Man musste dazu mit hohen Zahlen, geometrischen Linien und allen möglichen anderen Dingen umgehen, die für Jardies hartnäckig ein Geheimnis blieben, weil er bereits Schwierigkeiten hatte, sobald er es mit mehr Zahlen als Finger an beiden Händen zu tun bekam. Grundsätzlich verstand er zwar die Prinzipien hinter Addieren, Subtrahieren, Teilen, Vervielfältigen. Immerhin hatte er unermüdlich Kieselsteine sortieren müssen, um an diesen Punkt zu kommen. Er wusste genau, wie ein Kreis aussah, ein Quadrat, ein Dreieck. Bei Winkeln hingegen fühlte er sich sehr hilflos, und sobald sein Vater von Prozenten und Wurzeln sprach, oder Dingen, die keine Zahlen, sondern etwas Unbekanntes waren, erlitt er sofort Kopfschmerzen und ihm wurde schwindelig und sämtliche Tiere in seiner Nähe wurden sehr, sehr nervös. Einmal hatten sein Vater und er für eine dieser Lektionen unter einem Baum gesessen und dieser hatte mit toten Ästen nach seinem Vater geworfen.

Seitdem redeten sie nicht mehr so viel über Mathematik und Geometrie und solche Dinge und er durfte stattdessen bei den Dingen bleiben, die ihm Freude bereiteten. Neben allem, was zur Natur gehörte, waren dies Bücher über die Funktion und den Aufbau des Körpers – und das Knüpfen von Wandteppichen mit aufwändigen Bildern.

„Jardies!“ Die Stimme seines Vaters ließ ihn zusammenfahren. Er war zu lange faul gewesen, das schätzte sein Vater gar nicht. Ein untätiger Körper öffnet das Tor für unflätige Ideen, pflegte er zu sagen. Man musste entweder die Hände oder den Geist ununterbrochen beschäftigt halten, alles andere war unnatürlich. Dumm herumsitzen und in den Himmel starren, oder zu viel Zeit damit verschwenden, seinen tierischen Gefährten beim Spielen zuzuschauen, das führte zu Enttäuschung seines geliebten Vaters, zu Strafaufgaben, die größtenteils sehr unangenehm waren und langen Predigten über Dinge, die Jardies schon mehr als häufig genug gehört hatte.

„Ich komme, Vater!“, rief er darum und sprang hastig auf, um mit dem vollen Wassereimer ins Haus zu eilen. Haschpu saß weiterhin fest auf seiner Schulter und Zziddra folgte ihnen, obwohl sie wusste, dass Jardies Vater sie nicht gerne sah. Er hielt nicht viel von Kreaturen, die Widerworte geben konnte, war die einzige Erklärung, die Jardies dazu erhalten hatte.

„Wann gibt es Essen?“, rief sein Vater von seinem Studierzimmer im ersten Stock aus. Dort hielt er sich den größten Teil des Tages auf, seit er erkannt hatte, dass Jardies wohl niemals ein großer Magiemeister wie er werden konnte. Wie auch? Er wusste, dass er gewaltige Magiemengen in sich trug, es war das große Leid, das sein gesamtes Dasein überschattete. Diese Magie konnte er bloß nicht vernünftig nutzen. Er konnte kein Feuer entzünden, keinen Sturm beschwören, nichts mit seinen Gedanken bewegen, verändern, umformen oder aus großer Ferne herbeiholen, wie sein Vater es mit Leichtigkeit vermochte. Dafür sprach er mit Tieren und brachte Pflanzen dazu, schneller zu wachsen. All dies hatte seinen Nutzen und war durchaus hübsch. Große, kontrollierbare Magie war es hingegen nicht und somit eine weitere Enttäuschung für seinen armen alten Vater.

„Ich werde mich beeilen!“, rief er und füllte den Kochkessel. Sein Vater hatte große Steine zu magischen Artefakten geformt, die unglaublich nützlich waren. Man musste lediglich laut „Feuer!“ rufen, während man sie mit der Hand berührte, und schon wurden sie nach wenigen Momenten so heiß, dass sie einen hoch mit Wasser gefüllten Kessel in Windeseile zum Kochen brachten.

Jardies füllte Bohnen, Gemüse, Pilze, sämige Knollen und Zwiebeln in den Kessel, während dieser bereits zu blubbern begann, fügte Kräuter und Salz hinzu. Letzteres beschaffte sein Vater magisch, es war eine kostbare Zutat, die sie hier im Tal nicht beschaffen könnten. Sobald der Eintopf fertig war, konzentrierte er sich auf die Hitzesteine und rief „Stopp!“, was sie abkühlen ließ.

Dann füllte er mehrere Holzschalen mit dem köstlich duftenden Mahl. Zziddra bekam ihren Anteil, Haschpu natürlich ebenfalls, und Jardies trug eine Schale hinaus für die Krähen – die hatte er bereits aus dem Kessel genommen, bevor er das Salz und diverse andere Gewürze zugefügt hatte. Stattdessen streute er Samen und Nüsse darüber, um seinen allesfressenden Freunden eine gute Mahlzeit bieten zu können.

Erst danach rief er seinen Vater zu Tisch, den Jardies bereits gedeckt hatte. Mehrere Talglichter sorgten für Behaglichkeit, und er klopfte noch rasch die Kissen für den Stuhl seines Vaters auf, bevor er Platz nahm und auf ihn wartete.

Es dauerte ein bisschen, sein Vater bewegte sich langsam und schwerfällig die Treppe hinab, auf den Stab gestützt, den er sonst kaum benötigte. Sein sorgfältig getrimmter Vollbart war eisgrau, das faltenzerknitterte Gesicht ebenfalls, die Augen trüb.

„Oh! Vater, du hättest viel früher kommen müssen!“, rief Jardies und eilte zu ihm, um ihm die letzten Stufen hinab zu helfen. „Hattest du aufwändige Experimente?“

„Sinnlos vertane Zeit, es ist nichts gelungen, wie es sollte“, brummte sein Vater und ließ sich stöhnend auf seinen Stuhl fallen. Er musste nichts weiter sagen, Jardies kniete neben ihm nieder und präsentierte seinen Oberkörper. Die Hand am unteren Rippenbogen, dort, wo sich das große Nervengeflecht befand, war ihm beinahe vertrauter als seine eigene. Das sachte Gefühl von Schwäche, wenn seine Magie in größerer Menge abgeschöpft wurde, gehörte zu ihm, war ebenso notwendiger Teil seines Daseins wie Atmen, Schlafen und Essen. Es störte ihn kaum, in wenigen Momenten war das schon wieder vorbei.

Sein Vater hatte es ihm erklärt, sobald Jardies alt genug gewesen war, um es verstehen zu können. Bei seiner Zeugung war aufgrund einer ungünstigen Sternenkonstellation unnatürlich viel Magie auf ihn übergegangen. Magie, die ihm gar nichts nutzte, sogar schädlich für ihn sein konnte, wenn er sie nicht regelmäßig abfließen ließ, damit sie sich nicht zu sehr staute. Sein Vater hatte es nicht verhindern können, seine Mutter hatte die Geburt nicht überlebt.

Das war eine Schuld, mit der Jardies fertigwerden musste. Er bemühte sich, nicht zu häufig daran zu denken, und selbstverständlich stand er jederzeit bereit, um seinen Vater mit magischer Energie zu versorgen, wenn dieser sich verausgabt hatte, zusätzlich zu dem, was er ihm täglich gab, damit er nicht zu viel anstaute. Es nutzte ihnen beiden, das war der wichtigste Punkt daran.

Wie immer dauerte es kaum ein paar Atemzüge, bis sich die Augen seines Vaters aufhellten und klärten, das Gesicht weitestgehend glättete, der Bart dichter und dunkler wirkte, spürbar Kraft in den fragilen Körper zurückkehrte. Als er Jardies losließ, war er um wenigstens vier Jahrzehnte verjüngt. Jardies war so froh, ihn wieder in gewohnter Macht und Stärke zu sehen. Er erhob sich, setzte sich an seinen Platz zurück.

„Nun, was hast du heute geleistet?“, fragte sein Vater, während er sich den Eintopf schmecken ließ.

---ENDE DER LESEPROBE---