Trunken vor Glück - Sandra Gernt - E-Book

Trunken vor Glück E-Book

Sandra Gernt

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Beschreibung

Was haben Voltaire und der Schornsteinfeger Ande gemeinsam? Beide lieben einen Alkoholiker. Es entsteht eine verrückte Dreiecksbeziehung, in der jeder lernt, dass er seinen Halt im Leben nur bei den anderen beiden findet. Was macht es da schon, wenn sich einer für Karlsson vom Dach hält, der andere bellt und der Dritte lediglich für sein Motorrad nüchtern ist? Gay Romance

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Seitenzahl: 357

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Sandra Gernt & Sandra Busch

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the authors

www.sandra-busch.jimdo.de

www.sandra-gernt.de

Korrektur: Brigitte Melchers

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© underdogstudios – fotolia.com

© morrbyte – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-44-7 (print)

ISBN 978-3-944737-45-4 (epub)

TRUNKEN VOR GLÜCK 

„Die Menschen suchen ihr Glück, ohne zu wissen, auf welche Art sie es finden können: Wie Betrunkene ihr Haus suchen, im unklaren Bewusstsein, eins zu haben.“

Voltaire, französischer Philosoph, 1694-1778

Gekonnt hangelte er sich durch das geöffnete Gaubenfenster. Der Rucksack, den er auf seinem Rücken trug, störte ihn dabei nicht im Mindesten, denn er hatte diese Kletterei bereits Tausende Male durch die verschiedensten Fenster hinter sich gebracht. Mit der Geschicklichkeit eines Eichhörnchens bewegte er sich über die Dachziegel, bis er sich bequem auf die Gaube setzen konnte. Den Rucksack nahm er vorsichtig ab und zog einen Thermobecher mit Kaffee und mehrere belegte Brötchen hervor. Herzhaft biss er in eines hinein und lehnte sich entspannt zurück. Die Morgensonne hatte die Dachziegel bereits leicht erwärmt, die Luft war frisch und klar und in der Dachrinne unter ihm zankten sich ein paar Spatzen um irgendeinen Happen, die sie dort gefunden hatten. Ande blinzelte in den blauen Himmel hinauf. Es würde ein schöner Sonntag werden. In der Nähe begannen die Kirchenglocken zu läuten. Auf der Straße liefen ein paar Leute mit ihren Hunden entlang, die an jeder Laterne schnüffelten und fleißig ihre Beine hoben. Eine Frau schob einen Kinderwagen, blieb alle paar Meter stehen und schien das arme Kind mit ihrem „gutschi-gutschi“ zu bespaßen.

Ande griff in den Rucksack und holte ein zweites Brötchen heraus, das mit Nutella und Banane belegt war. Er genoss es, sein Frühstück auf dem Dach zu sich zu nehmen. Als Schornsteinfeger befand er sich ohnehin häufig auf den Dächern. Hier oben fühlte er sich frei und schwerelos. Höhenangst hatte er keine. Schon als kleiner Junge war er gerne auf schmalen Geländern balanciert und in die höchsten Bäume geklettert. Wenn es nach ihm ginge, würde er auf dem Dach wohnen. Schornsteinfeger zu werden lag daher nahe, auch wenn sich die Aufgaben in diesem Beruf ziemlich gewandelt hatten. Brand- und Umweltschutz standen genauso in seinem Arbeitsplan wie Sicherheitsberatung, Messen, Kehren und Reinigen sowie Erstabnahmen von neu errichteten Feuerungsanlagen.

Da sein derzeitiger Meister allerdings schnell in Erfahrung gebracht hatte, wie gerne er auf Dächern herumturnte, waren ihre Aufgaben inzwischen genau verteilt. Ande grinste zufrieden. Mit seinem Chef hatte er richtig Glück gehabt. Bei seinem spontanen Umzug in eine fremde Stadt war ein miesepetriger Arbeitgeber seine größte Sorge gewesen.

Sein Blick glitt über die benachbarten Häuser und blieb an dem offenstehenden Badfenster gegenüber hängen. Dort tauchte soeben ziemlich eilig ein junger Mann auf, bis auf einen schwarzen Slip nackt, die Hand vor den Mund geschlagen und mit deutlich grünem Teint. Im letzten Moment gelang es ihm, den Klodeckel hochzuklappen, bevor er sich herzhaft übergab. Dabei klammerte er sich mit beiden Händen an der Keramik fest, sonst wäre er bei dem krampfhaften Spucken glatt abgetaucht. Mitleid stieg in Ande auf, als er den Fremden beim Würgen beobachtete. Es ging gerade irgend so ein fieser Virus rum. Auch die Tochter seines Chefs hatte es erwischt. Ande beugte sich vor, um den Fremden besser betrachten zu können. Er hockte nun neben der Toilette am Boden und hatte den Kopf gegen ein Schränkchen gelehnt. Hellbraunes Haar stand wirr in allen Richtungen ab. Schlank, sportlich … Ande leckte sich unwillkürlich über die Lippen. Hätte er gewusst, dass sich eine derartige Sahneschnitte in seiner Umgebung befand, hätte er sich mit dem Umzug bestimmt beeilt.

Jetzt erhob sich der Fremde. Er taumelte etwas, als er sein Bad verließ. Himmel! Was für ein knackiger Hintern. Der Slip war ein wenig verrutscht und gewährte einen frivolen Blick auf den oberen Spalt. Dann war die Sahneschnitte außer Sicht.

Schade! Ande seufzte enttäuscht. Gleich darauf merkte er allerdings auf. Der tolle Typ erschien nämlich im anliegenden Zimmer und ließ sich auf ein Sofa fallen. Schlaff hing er in den Polstern und legte den Kopf auf die Lehne. Ande konnte ihn direkt stöhnen hören. Doch plötzlich zuckte er enttäuscht zusammen. Seine Anteilnahme schwand schlagartig, als er die leeren Flaschen auf dem Couchtisch entdeckte. Kein Virus. Die Sahneschnitte hatte einen ausgewachsenen Kater. Er schnaubte abfällig und schaute wieder auf die Straße hinunter. Mit Säufern hatte er kein Mitleid. Er selbst mied Alkohol, hatte nie mehr einen Tropfen angerührt, nachdem seine Mutter das Kind überfahren hatte.

„Nur eine kleine Hausfrauenparty“, hatte sie sich damals versucht herauszureden. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich angetüdelt war.“ Mit 1,2 Promille war man nicht mehr angetüdelt, sondern seiner Meinung nach total betrunken. Trotzdem war sie ins Auto gestiegen. Dem Kind hatte sie nicht mehr ausweichen können. Angeblich hatte sie es auf dem Zebrastreifen nicht gesehen und zum Bremsen war es zu spät gewesen. Andes Mutter verlor den Führerschein, den gut bezahlten Job als stellvertretende Geschäftsführerin eines Kaffeehauses, ihre Freundinnen und sich selbst in Depressionen. Zwei Jahre später schrieb sie ihm einen Abschiedsbrief und sprang von der Autobahnbrücke. Der Brief war voller Ich-konnte-doch-nicht-dafür’s und Ihr-seid-alle-Schuld-an-meinem-Leben. Ande hatte ihn voller Wut gelesen, zerknüllt und hinterher verbrannt. Seine Mutter hatte volltrunken ein Kind überfahren und anschließend alle Verantwortung von sich geschoben. Feige war sie gewesen.

Der Rest der Familie machte ihm heftige Vorwürfe. Er hätte doch merken müssen, in welchem Zustand seine Mutter gewesen war und dass sie zum Selbstmord neigte. Warum er nicht auf sie eingegangen und sich ihre Probleme angehört hätte. Ande fragte sich bis heute, wo die liebe Familie war, als er die vollgepinkelten Sachen seiner Mutter waschen durfte oder ihr Erbrochenes aus dem Teppich schrubben musste. Warum war es immer an ihm hängen geblieben, sie total besoffen aus der Kneipe abzuholen? Und das zu dem Klatsch und Tratsch der Nachbarn, die schlimmer als Paparazzi waren und ohnehin alles besser wussten. Zwei Jahre hatte er es in seiner alten Wohngegend ausgehalten. Dann waren ihm die ständigen „Das ist der, dessen Mutter das Kind totgefahren und sich deswegen selbst umgebracht hat“ endgültig auf die Nerven gegangen und er hatte dem kleinen Ort Osteel zwischen Norden und Aurich den Rücken gekehrt.

Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen loszuwerden. Wie war er nur auf diese düsteren Gedanken gekommen? Vor ihm in der Dachrinne hockte die hungrige Spatzenmeute und starrte ihn lauernd an. Er brach ein Stück von seinem Brötchen ab und warf es ihnen zu. Schon waren sie wie verrückt am Tschilpen und Flügelschlagen. Jeder wollte einen Krumen erhaschen.

Eine Bewegung gegenüber erregte erneut seine Aufmerksamkeit. Die Sahneschnitte wischte mit einem nicht hörbaren Fluch die Flaschen vom Tisch. Mindestens eine ging zu Bruch, genau konnte Ande es von seinem Platz aus nicht erkennen.

Er muss ja kein Säufer sein, dachte er. Vielleicht hatte er gestern einen Grund zum Feiern gehabt. Seinen Geburtstag oder so. Aber hätten in diesem Fall nicht auch die Reste von Knabbereien zu sehen sein müssen? Gläser und ein paar Flaschen mehr?

Was kümmert dich der Typ? Nur weil er in dein Beuteschema passt, muss er nicht automatisch schwul sein.

Ande stopfte den leer getrunkenen Thermobecher in seinen Rucksack und krabbelte über die Ziegel und durch das offene Fenster zurück in das Zimmer seiner sparsam möblierten Wohnung. Mit Sicherheit würde es in dieser Stadt noch andere heiße Kerle geben. Männer, die nicht an der Flasche nuckelten.

~*~

Tilo starrte an die Decke. Der Raum drehte sich nicht mehr um ihn und er hatte auch nicht länger das Bedürfnis, sich die Seele aus dem Leib zu kotzen. Oder das, was von seiner Seele übrig war. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es erstaunlich früh war, für seine Verhältnisse jedenfalls – noch nicht einmal zehn Uhr morgens. Liebend gerne würde er die Augen schließen und weitere drei bis fünf Stunden im seligen Koma zubringen. Irgendetwas in ihm weigerte sich allerdings, weiter liegen zu bleiben, also schwang er sich von der Couch und schlurfte in Richtung Dusche. Zehn Minuten hielt er es unter dem eiskalten Wasserstrahl aus, bevor sein ausgekühlter Körper stärker schmerzte als sein Schädel. Danach zog er sich einen frischen Slip über, diesmal einen weißen, schleppte sich in die Küche und bereitete sich einen extrastarken Kaffee zu, mit dem er drei Aspirin gleichzeitig runterspülte.

„Sagt Hallo zum Magengeschwür“, murmelte er zynisch. Noch hatte er keines. Ob er an blutenden Geschwüren oder kaputter Leber hopps gehen würde, war ihm scheißegal. Tilo war alles scheißegal. Sein Leben war versaut, na und? Irgendwann würde sein Vater das auch einsehen und aufhören, ihm jeden Monat Geld zu überweisen. Auch wenn das ungemein praktisch war, andernfalls würde Tilo längst auf der Straße hocken.

Um sich von den düsteren Gedanken und der allzu bekannten, verhassten Unruhe abzulenken, die jetzt, wo der Alkoholnebel sie nicht mehr hinderte, wie wild zu kreisen begannen, legte er sich mit einem ärgerlichen Zischen auf die Hantelbank und begann zu trainieren. Manchmal gelang es ihm, sich dabei so stark zu verausgaben, dass er vor Erschöpfung einschlief. Ganz ohne Unterstützung von Mr. Walker, Beam oder Daniels. Als ihn zwischendurch Hunger überfiel, warf er sich eine Spinatpizza in den Backofen. Sein Tiefkühlfach war voll davon. Alle dieselbe Sorte. Warum es ausgerechnet Spinat sein musste, wusste er selbst nicht. Eigentlich konnte er das Zeug nicht ausstehen. Na ja, beim nächsten Großeinkauf würde er vielleicht auf Schinken oder Thunfisch umsteigen. Oder auch nicht.

Sein Herz begann wie wild zu pochen. Arme und Beine kribbelten, wurden schwer. Sein Atem ging pfeifend, er bekam keine Luft, gleichgültig, wie heftig er darum rang. Er starrte auf die zitternden Hände, wusste, was kommen würde, konnte nichts dagegen tun. Schon brach ihm am ganzen Körper kalter Schweiß aus und er musste sich beeilen, sich auf den Boden sacken zu lassen, bevor er ohnmächtig wurde und stürzte. Panik schüttelte ihn durch, grauenhafte, alles beherrschende Angst. Die verfluchten Attacken kamen und gingen, wie sie wollten, ohne erkennbaren Auslöser. Seit Monaten quälten sie ihn. Stöhnend wand sich Tilo über das Parkett, seinem amoklaufenden Körper hilflos ausgeliefert. Es tat so weh …

Als es vorbei war, blieb er erschöpft liegen, bis er den Gestank der verbrannten Pizza nicht länger ignorieren konnte. Fluchend riss er erst die Backofentür, dann sämtliche Fenster auf, warf das verkohlte Etwas, das sein Frühstück werden sollte, in die Spüle, ertränkte es in kaltem Wasser und taumelte anschließend zurück zur Couch. Er zitterte weiter am ganzen Leib, bis es ihm endlich gelang, unter den am Boden verstreuten Flaschen eine zu finden, die noch nicht geleert war. In tiefen Zügen schluckte er den Schnaps, als wäre es Limo. Es entspannte ihn sofort, er konnte sich ausstrecken. Die Flasche rollte aus seiner Hand, es war ihm gleichgültig. Tilo legte einen Arm über das Gesicht und kämpfte gegen die sinnlosen Tränen. Er war zweiundzwanzig, ein Säufer, ein Loser, komplett am Arsch. Herrgott im Himmel, er konnte nicht mehr. Wollte nicht mehr. Nichts davon!

Die Nachttischkommode fiel ihm ein. Dort hatte er nach der ersten Woche mit Panikattacken zwanzig Schachteln verschiedenster Schlafmittel eingelagert, jede stammte aus einer anderen Apotheke. Nur eine einzige Apothekerin war nicht auf seine Geschichte von der krebskranken, bettlägerigen Omi, die ein bisschen Unterstützung beim Schlaf brauchte, angesprungen und hatte ihm gesagt, dass Omis Hausarzt ihr etwas verschreiben sollte. Alle anderen hatten mitleidig genickt und frei verkäufliche Mittel über die Ladentheke wandern lassen. Fast alle auf Pflanzenbasis, niedrig dosiert.

Er würde vermutlich sämtliche Tabletten auf einmal nehmen müssen, um sich damit umbringen zu können, aber zusammen mit der richtigen Menge Alkohol müsste es gehen.

Seit Tilo die Schachteln in dieser Schublade hatte, schlief er nachts nicht mehr in seinem Bett. Er wollte die Dinger nicht in Griffweite haben … Im Moment jedenfalls war er zu müde, zu antriebslos, um sich ins Schlafzimmer zu schleppen und seinem Elend ein Ende zu setzen.

Suchend tastete er über den Boden, bis er eine zweite Flasche mit Restinhalt fand. Am Rande seines Bewusstseins lauerten die Erinnerungen. Die Geister, die er nicht gerufen hatte und trotzdem nicht loswurde.

„Du bist und bleibst ein Versager, du warst von Geburt an eine einzige Enttäuschung!“

Die bittere Miene seines Vaters, als er die Schule abgebrochen hatte. Es hätte ihn nicht überraschen sollen, schließlich waren Tilos Noten seit der sechsten Klasse stetig bergab gegangen. Ein Wunder, dass er es überhaupt bis in die Oberstufe geschafft hatte. Das Abi hätte er nie gepackt, nie im Leben! Er war nun mal nicht so schlau wie sein Alter, der Herr Wirtschaftsingenieur mit Doktortitel in Immobilienwirtschaft.

Die ständigen Vorwürfe, wechselnde Nachhilfelehrer, die Schläge … Letzteres nur einmal, gefolgt von stundenlangen Entschuldigungen und Erklärungen, die alle darauf hinausliefen, dass Tilo selbst daran schuld war. Jedes bisschen Spaß hatte sein Vater ihm missgönnt, ihn aus dem Fußballclub abgemeldet, sämtliche Partys verboten, damit er lernen, lernen, lernen sollte. Als Tilo es nicht mehr ausgehalten hatte, war es ein Befreiungsschlag gewesen, die Schule zu schmeißen. Er hatte mit Gebrüll gerechnet. Mit der Tracht Prügel seines Lebens. Dass sein Erzeuger ihn am Kragen packen und durchschütteln würde, um ihm danach irgendetwas Neues aufzuzwingen, was zu seinem Besten sein sollte. Stattdessen hatte sein Vater ihn bloß bitter angeschaut, sich stumm abgewandt und von da an nichts mehr zu ihm gesagt. Gar nichts. Kein einziges Wort. Erst, als Tilo sich diese Wohnung hier genommen hatte, meldete er sich gelegentlich. Kurze Telefonate, um ihm Dampf unterm Hintern zu machen. Er überwies ihm außerdem monatlich ein nettes Geldsümmchen, ohne dafür etwas von ihm zu verlangen, das war alles. Es war vermutlich die Rücksicherung für seinen Vater, damit ihm niemand Vorwürfe machen konnte, sollte Tilo sich umbringen. Oder anderweitigen Blödsinn veranstalten. Er könnte beweisen, dass er ihn immer unterstützt hatte. Na ja, ein Makler und Sachverständiger von Luxusimmobilien konnte sich keinen Sohn leisten, der als Penner auf der Straße hockte.

Wenn er die Kraft hätte, würde Tilo das Konto kündigen oder das beschissene Geld einfach nicht mehr anrühren, leider brauchte er es. Seit seinem Auszug schwebte er im Nichts. Halbherzige Versuche, Jobs anzunehmen, waren allesamt gescheitert. Er war zu langsam, zu ungeschickt, zu faul, zu unpünktlich. Ein Versager eben. Über eine Ausbildung hatte er nachgedacht, aber welche? Er konnte doch nichts. Hatte keine Talente, keinen Ehrgeiz. In diesem Leben hatte er noch nichts Gutes zustande gebracht und würde es sicherlich auch nicht mehr schaffen. Vor einem guten Dreivierteljahr kamen die Panikattacken dazu, deren Ursache er nicht kannte. Sie ließen sich mit Alk und Hanteltraining einigermaßen zurückhalten, doch auch das klappte nicht immer.

Tilo starrte auf seine Arme. Durch das exzessive Gewichte stemmen sah er äußerlich besser aus, als es ihm wirklich ging. Muskelpakete entwickelte er nicht, dafür ernährte er sich zu schlecht. Nein, er wirkte eher sehnig. Kraft besaß er, sinnlose Kraft. Nicht genug, um sich selbst auf dem Sumpf zu ziehen.

Die Sonne störte ihn, außerdem standen weiterhin alle Fenster offen. Tilo quälte sich hoch, schaffte es bis in die Küche, wo er die nächste Spinatpizza aus dem Tiefkühlfach nahm und diesmal in die Mikrowelle steckte. Eigentlich musste sie ja bloß aufgetaut sein, er hatte nichts gegen weich und labbrig einzuwenden, solange es ihm den Magen stopfte. Zudem nahm er zwei neue Schnapsflaschen aus dem Kühlschrank – das Ding war ausschließlich mit Flaschen gefüllt. Als er ans Fenster trat, um die Jalousien herabzulassen, bemerkte er auf der Straße diesen Typ, der häufig auf dem Dach hockte, als wäre das eine Parkbank. Und seine Freunde, deren Besuch er um ein Haar vergessen hätte.

~*~

Was tat man an einem sonnigen Tag in einer Stadt, wenn man keine Freunde besaß und noch dabei war, Fuß zu fassen? Ande hatte keine Ahnung, aber in seiner Bude wollte er heute nicht versauern. Er war gerne an der frischen Luft. In Osteel war alles sehr übersichtlich gewesen. Highlights des Ortes waren die Bahnlinie zwischen Norddeich Mole und Emden sowie die zweitälteste Kirchenorgel von Ostfriesland. Da er sich weder für Eisenbahn noch für Kirchenmusik interessierte, war er viel Fahrrad gefahren. Seine Mutter hatte ihm ein richtiges Superrad gekauft, mit dem er etliche Kilometer durch die Natur geradelt war. Sie hatte für den Drahtesel einen Haufen Geld gelassen. Als wollte sie sich damit von seinen stillen Vorwürfen freikaufen. Ande seufzte. Der Verlust des Rades schmerzte ihn wirklich. Er hatte es verkaufen müssen, um seinen Umzug zu finanzieren. Achthundert Euro hatte er von dem Käufer bekommen und war dafür zum Fußgänger mutiert. Sein Chef, der schnauzbärtige Wilfried Degert, von allen nur Will genannt, stellte ihm für seine Arbeitswege einen weißen Kangoo zur Verfügung, der mit schwarzen Schornsteinfegern und Kleeblättern beklebt war. Ob er Will mal nach dem klapprigen Hollandrad fragen sollte, das in dessen Schuppen Spinnweben ansetze? Vielleicht durfte er sich das einmal ausleihen.

Ande schnappte sich die Schlüssel und verließ seine Wohnung. Vor der Tür stieß er beinahe mit einer Gruppe Gleichaltriger zusammen, die lachend und miteinander kabbelnd den kompletten Gehweg blockierten. Unsanft wurde er angerempelt, bevor er in den Hauseingang zurückweichen konnte.

„Kannst du nicht aufpassen, du Assi?“

Assi? Er hatte sich wohl verhört.

„Was heißt denn hier Assi? Und wenn ich mich nicht ganz stark irre, hast du mich mit Absicht geschubst.“

Die jungen Leute bildeten einen Kreis um ihn, offenbar froh über die nette Abwechslung, die er ihnen gerade bot.

„Macht der dich etwa an, Holger?“, fragte ein blondiertes Möchtegern-Model kaugummikauend.

„Ich mache niemanden an, aber ich möchte auch nicht beleidigt werden.“ Als Ande versuchte, sich an den Fremden vorbeizuschieben, bekam er einen Stoß vor die Brust, der ihn gegen die Hausmauer warf. Der, der mit Holger angesprochen worden war, baute sich provozierend vor ihm auf. Sein mittelbraunes Haar hatte er durch blonde Strähnen aufpeppen lassen und eine breite Goldkette um seinen Hals glänzte auffällig im Sonnenlicht. Das passende Gegenstück trug er an dem linken Handgelenk, das nicht von einer teuren Uhr geschmückt war. Sein rotes, wild gemustertes T-Shirt wies ihn als Einkäufer bei Cavalli aus. Eine Ray-Ban-Sonnenbrille hing ihm dazu am Kragen seines Shirts. Er war größer als Ande, was allerdings keine Kunst war. Die meisten Männer waren größer als er, viele Frauen übrigens auch.

„Niemand stellt sich mir in den Weg, verstehst du? Und niemand rempelt mich an. Und solltest du das Maul aufreißen, dann bekommst du eine drauf, kapiert?“, fuhr ihn diese wandelnde Labelwerbung an. Ande schwieg und musterte ihn nur aufmerksam. Die sechs Jugendlichen waren alle Anfang zwanzig. Auffällig war, dass jeder von ihnen gut und teuer gekleidet war. Pöbelten die ihn etwa an, weil er No-Name-Kleidung trug und deshalb für die gleich ein Asozialer war?

„Hast du plötzlich deine Zunge verschluckt?“

„Nein, aber ich merke schon, wenn eine Diskussion fruchtlos verlaufen würde.“

„Nein, wie gewählt er sich ausdrückt.“ Holger lachte spöttisch und seine Clique stimmte mit ein.

„Ich möchte jetzt vorbei.“ Ande startete einen erneuten Versuch, zwischen den sechs Idioten hindurchzuschlüpfen und landete erneut an der Wand. Dieses Mal tat es weh.

„Habe ich dir erlaubt zu gehen?“ Holger zog eine finstere Miene und einer seiner Freunde rückte noch näher heran.

„Soll ich ihm eine auf die Fresse geben?“, fragte er.

„Das ist so kleingeistig, auf diese Weise Streit zu suchen. Langweilt ihr euch vielleicht?“ Ande verdrehte genervt die Augen, womit er sein leichtes Magenflattern verbergen wollte. Auf eine Schlägerei hatte er partout keine Lust, obwohl er sich durchaus zu wehren wusste.

„Der riskiert eine ganz schön dicke Lippe“, nuschelte das zweite Mädel aus dieser Clique, eine etwas pummelige Brünette mit einem Haufen klirrender Goldreifen an den Armen.

„Ich will lediglich …“

„Hey! Lasst den Spackel in Ruhe und kommt rauf!“, rief jemand. Alle drehten sich um. Auf der anderen Straßenseite stand jemand am offenen Fenster. Ausgerechnet die Sahneschnitte schaute raus und winkte.

Spackel, Assi … die hatten ja alle einen Sockenschuss.

„Glück gehabt“, raunte ihm Holger ins Ohr, tätschelte grob seine Wange und führte sein Gefolge mit viel Gehabe über die Straße. Das Geräusch eines Türsummers erklang und schon verschwanden die Sechs in einem dunklen Treppenhaus.

„Ist alles in Ordnung?“

Beinahe hätte Ande einen erschrockenen Satz in die Höhe gemacht. Doch es war nur Herr Büttner, der in seinem Haus im Erdgeschoss wohnte, und nun mit dem Rollator herangeschlurft kam. Sein Rauhaardackel mit dem klangvollen Namen Voltaire von Upgant-Schott hob an der Straßenlaterne das Bein und markierte sein Revier, bevor er Ande schwanzwedelnd begrüßte und sich dann neben den Rollator setzte.

„Nichts passiert, Herr Büttner, danke der Nachfrage.“

„Pfefferminz?“ Der Rentner hielt Ande eine Bonbontüte entgegen.

„Gerne.“ Er nahm sich ein Pfefferminz und wickelte es aus dem Papier.

„Die eine eben, die blonde Zicke, das war die Ines“, erzählte Herr Büttner. „Die ist die Tochter des Schulrektors von dem Geschwister-Scholl-Gymnasium. Und in der Partei ist er auch. Bei der SPD. Oder war es die CDU? Ist ja nicht wichtig … Eine kleine Diva ist die Ines, genauso zickig wie ihre Mutter.“ Herr Büttner lutschte lautstark an seinem Bonbon. „Kann sein, dass er auch bei den Linken ist.“ Er zog die Bremse an seinem Rollator an und fügte ein: „Ist ja nicht wichtig“, hinzu.

„Kennen Sie auch den Kerl, den sie dort drüben besuchen?“ Ein bisschen neugierig war Ande schon und wenn Herr Büttner gerade in Auskunftslaune war, wollte er die Chance unbedingt nutzen, um etwas über die Sahneschnitte zu erfahren.

„Tilo Hövler heißt der. Zu dem kam letzte Woche die Ambulanz. Seine Nachbarin hat ihn volltrunken im Treppenhaus gefunden. Er soll nicht mehr ansprechbar gewesen sein. Und gespuckt hat er auch. Das ganze Treppenhaus war voll. Eine totale Schweinerei, wie die Frau Grünberg sagte. Ist ja nicht wichtig.“

„Trinkt der öfter?“ Allein der Gedanke an die nicht so wichtige Schweinerei brachte Ande dazu, sich zu schütteln.

„Noch ein Pfefferminz?“

Die Tüte tauchte erneut vor seiner Nase auf.

„Nein, danke, Herr Büttner, ich habe noch.“

Der Rentner bohrte sich mit dem Zeigefinger im Ohr und tat die Bonbons in den Korb seines Rollators zurück. Voltaire kratzte sich hinter seinen Schlappohren und ließ sein Herrchen keine Sekunde aus dem dunklen Hundeblick.

„Ist ja nicht wichtig“, murmelte Herr Büttner.

„Trinkt der Tilo öfters?“, wiederholte Ande geduldig seine Frage. Der alte Mann war nett, er hatte schon ab und an kleine Besorgungen für ihn erledigt und hin und wieder mit ihm Schach gespielt. Ande konnte ihn gut leiden.

„Hm, ja, soweit ich weiß. Frau Grünberg sagt, dass der Vater daran schuld ist. Die kennt den irgendwoher, als Putze kommt man eben genauso herum wie als Postbote. Ein richtiger Choleriker soll der sein. Also der Vater, nicht der Tilo. Der brüllt immer gleich los, der vornehme Herr. Ist ja nicht wichtig. Und was hast du heute vor, Ande?“

Er schob sich die Hände in die Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nichts Bestimmtes. Ich wollte mal ein bisschen durch den Park schlendern, das schöne Wetter nutzen.“

Herr Büttner strahlte ihn an. „Magst du den Voltaire mitnehmen? Der kommt heute etwas kurz. Meine Knie machen wieder Ärger …“

Wie konnte er da Nein sagen. Und Voltaire war brav, mit dem Dackel war er schon ein paar Mal Gassi.

„Gern.“

Ande bekam die Leine ausgehändigt. „Bis später, Herr Büttner.“ Er winkte und wartete, bis der Rentner Voltaire noch kurz das Köpfchen gestreichelt hatte, und machte sich zusammen mit dem Vierbeiner zum Park auf.

Soso, der Tilo hat also einen Grund, um zu saufen. Und bis ins Krankenhaus hat er es mit seinen Pullen bereits geschafft. Respekt! Ande schnaufte abfällig. Er wusste genau, wohin das führte. Zu überfahrenen Kindern und dick gedruckten Schlagzeilen. Und das wiederum führte zu Selbstmord und noch fetteren Schlagzeilen. Wenn diese Schnapsdrossel nur nicht derartig … sexy wäre.

~*~

Es war nur seiner antrainierten Routine zu verdanken, dass er es geschafft hatte, sich anzuziehen, die verbrannte Pizza zu entsorgen, alle leeren Flaschen zu verstecken und eine halbwegs ordentliche Bude sowie ein Strahlelächeln zu präsentieren, bevor seine Freunde in der Tür standen. Wobei Freunde vielleicht zu viel der Ehre war. Tilo wusste genau, sie würden ihn sofort fallen lassen, wenn er nicht länger das Geld hätte, gelegentlich mit ihnen abzuhängen. Oder wenn sie ahnen würden, wie kaputt er tatsächlich war. Die glaubten alle, er würde aufs Abendgymnasium gehen und dort sein Abi nachholen. Er war tatsächlich zwei Mal dort gewesen, mit der festen Absicht, sich anzumelden. Beim zweiten Mal hatte er sogar die Formulare ausgehändigt bekommen. Ausgefüllt hatte er sie nicht. Wozu auch? Er würde es nicht schaffen. Nicht jeder war dafür gemacht, ein Schlaukopf zu sein, studieren zu gehen und die Welt mit seinen Talenten zu bereichern. Weil seine Freunde hier die letzten Menschen dieser Erde waren, die überhaupt noch Interesse hatten, sich mit ihm abzugeben, hielt er die Lüge fleißig aufrecht. Jedes Mal, wenn sie fortgingen, arrangierte er seine Bücher, vollgekritzelte Collegeblöcke und Notizzettel komplett um, damit sie beim nächsten Mal die Veränderung bemerken konnten. Anekdoten erfinden fiel ihm leicht, Tilo könnte die Truppe auch drei Stunden am Stück mit irgendwelchen angeblichen Schulerlebnissen unterhalten. Recht bedacht besaß er also doch ein Talent: Er war ein begnadeter Lügner.

Ich sollte Politiker werden, dachte er flüchtig, während er routiniert mit Ines flirtete, Angie Komplimente für ihre neue Haarfarbe machte und sich von Holger auf den neuesten Stand bringen ließ. Viel gab es da nicht, jedenfalls nichts, was Tilo wirklich interessierte. Der Uni-Klatsch langweilte ihn, und welcher ihrer gemeinsamen Bekannten gerade mit wem ins Bett hüpfte, wollte er auch nicht wirklich wissen. Trotzdem lachte er, grinste, gab bissige Kommentare ab und achtete darauf, Ines in regelmäßigen Abständen zu kitzeln, damit die sich wahrgenommen fühlte. Er kannte sie seit ihrer Zeit beim gleichen Nachhilfeinstitut, wo sie beide für Mathe gepaukt hatten, Ines allerdings mit sehr viel mehr Erfolg als er, trotz aller Mühe war er nie über eine Vier hinausgekommen. Sie war weitaus weniger oberflächlich und dumm, als sie vorgab zu sein – was aus ihr leider trotzdem keinen tiefgründigen Menschen machte. Holger wusste, dass er ihm keine Konkurrenz machte und Ines eher als kleine Schwester ansah, darum duldete er das Geplänkel zwischen ihnen.

„Ist deine Mutter eigentlich immer noch auf der Fanta-Farm?“, fragte Rico plötzlich.

Alle lachten, auch Tilo, während er bestätigend nickte. Seine Mutter war seit fast einem Jahr in einer Entziehungsklinik. Mal wieder. Seine Freunde fanden das lustig, nicht einmal Ines konnte er begreiflich machen, was Alkoholsucht wirklich bedeutete. Dass es überhaupt nicht witzig war, täglich die Kontrolle über sich zu verlieren, ständig in Pfützen seiner eigenen Körperflüssigkeiten zu schwimmen, ausschließlich für den nächsten Schluck zu leben …

„Wollen wir was machen?“, fragte er, als die Truppe ins Schweigen verfiel. Eigentlich wollte er nichts sehnlicher, als das sie alle abhauten. Ihn in Frieden ließen. Es war anstrengend, den gut gelaunten Clown zu spielen. Andererseits dankte er für jede Minute, die er in ihrer Gesellschaft verbrachte. Es ließ den Tag vergehen. Das Abendprogramm stand fest, sie würden zum Steinbruch gehen und Motorradrennen fahren. Natürlich würde er daran teilnehmen, der Adrenalinrausch half, sich wenigstens für einige Minuten lebendig zu fühlen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb noch einiges an Zeit, die totgeschlagen werden musste.

„Ich hab Lust auf Kuchen“, sagte Angie.

Das Mädel futterte ständig süßes Zeug, nur um anschließend zu klagen, dass sie dringend neue Klamotten shoppen musste, weil die alten nicht mehr lange passen würden. Da keiner einen besseren Vorschlag hatte, machten sie sich auf. Es gab ein neues Eiscafé am Ostausgang des Parks, das die Mädels ausprobieren wollten. Tilo kramte zwischen seinen Lehrbüchern herum, vorgeblich auf der Suche nach seinem Portemonnaie. Niemand achtete darauf, dass er dabei sein Umsortierungsprogramm durchzog. Er sollte sich demnächst ein, zwei neue Bücher kaufen, es wäre verdächtig, immer den gleichen Kram draußen liegen zu haben. Fassade hochhalten war alles.

~*~

Ande spazierte gemütlich durch den Park. Voltaire schnüffelte eifrig an jedem Grashalm, markierte jeden Busch und Mülleimer und trabte ansonsten brav auf seinen kurzen Beinchen neben ihm her. Wie sein Herrchen war er nicht mehr der Jüngste und hatte es darum auch nicht allzu eilig. Ande überlegte kurz, ob er mit ihm zum Badesee durchmarschieren sollte, dort gab es einen Strandabschnitt, wo sich Hunde austoben durften. Da Voltaire sich bereits jetzt fast schon auf seine Zunge trat und ein bisschen altersschwach vor sich hinjapste, ließ er die Idee schnell wieder fallen. Er hatte wenig Lust, den Dackel anschließend nach Hause zu tragen. Oder Herrn Büttner erklären zu müssen, warum sein kleiner Liebling einem Herzinfarkt erlegen war. Also schlenderte er bloß über die hübsche Holzbrücke in der Parkmitte, die über ein schmales Rinnsaal führte, blieb dort ein Weilchen stehen, um den Enten zuzuschauen und ging dann weiter. Es war viel los, kein Wunder bei dem schönen Wetter. Auf Schritt und Tritt schloss er neue Bekanntschaften mit anderen Hundebesitzern, von denen viele Voltaire kannten und sich besorgt nach seinem Herrchen erkundigten. Zum Glück war der Dackel ein friedlicher Hund und hatte nichts dagegen, ständig von Artgenossen beschnuppert zu werden. An einer Wegkreuzung entschied Ande sich für einen schattigen Seitenpfad, der weniger belebt war. Den kannte er noch nicht und er wollte für einige Minuten seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne angesprochen zu werden. Der Weg führte an einer großen Wiese vorbei, die von den Parkgärtnern offenbar ignoriert wurde, denn das Gras stand hüfthoch. Hier wuchsen uralte Kastanien und andere Bäume von beachtlichem Umfang. Nachts war es vermutlich weniger heimelig, aber jetzt über Tag gefiel Ande die etwas düstere Atmosphäre und stille Einsamkeit in dieser Ecke.

Plötzlich blieb Voltaire wie angenagelt stehen und begann zu knurren. Vielleicht war da ein Fuchs im Gebüsch? Hoffentlich kein tollwütiges Viech!

Bis zu diesem Punkt war Ande mit seinen Überlegungen gekommen, als er einen schwarzen Schatten auf sich zuhuschen sah. Ein großer, viel zu schneller und lauthals bellender Schatten. Ein Kampfhund!

Ohne nachzudenken schnappte er sich Voltaire und saß bereits mehrere Meter über dem Boden auf einem der dicken alten Bäume, bevor der Rottweiler-Bulldogge-oder-was-auch-immer sie erreicht hatte. Der Dackel kläffte und kämpfte aus Leibeskräften gegen Andes Griff an. Offenbar hatte er vergessen, dass er ein süßer kleiner Wauzi war und diesem bedrohlich knurrenden Monster unter ihnen höchstens als Vorspeise dienen konnte; Voltaire schien entschlossen, ihn zu verteidigen und den Kampf aufzunehmen.

„Hey!“, brüllte Ande aufs Geratewohl. Die Töle unter ihm war nicht angeleint, doch sie besaß ein dickes Halsband. Irgendwo musste also der Besitzer abhängen.

Schritte näherten sich eilig. Einen Moment später kam eine schlanke Gestalt in Sicht – die Sahneschnitte! Was machte der Kerl denn hier? War das etwa sein Hund?

~*~

Tilo wusste selbst nicht, warum er plötzlich losgerannt war, als er wütendes Hundegebell und eine panisch klingende männliche Stimme hörte. Als er einen kräftig gebauten Rottweiler erblickte, der an einem Baumstamm hochsprang, auf den sich ein Spaziergänger gerettet hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Er hatte einen Heidenrespekt vor Hunden dieser Größe, vor allem, wenn sie ohne Leine unterwegs waren. Was sollte er jetzt tun?

„Wotan, aus!“, brüllte in dem Moment eine neue Stimme. Ein bulliger Kerl erschien wie aus dem Nichts. Der Rottweiler kuschte sofort, trabte zum Herrchen und ließ sich anleinen.

„Sie hab’n ja wohl ’nen Schaden, den können Sie doch nicht frei rumlaufen lassen!“, rief Tilo, bevor er sich auf die Zunge beißen konnte.

Die Miene des Bullen verdüsterte sich drastisch. Er befestigte Wotans Leine an einem Baum, marschierte auf Tilo zu und baute sich wie ein Turm vor ihm auf. Der glatzköpfige Kerl trug trotz der Hitze eine schwarze Motorradkluft, war einen Kopf größer als er selbst und ungefähr doppelt so breit. Immerhin war er freundlich genug, seine Töle aus dem Spiel zu lassen …

„Suchst du Stress, Kleiner?“, dröhnte er.

Tilo überdachte seine Optionen. Mittlerweile waren seine Freunde in Sichtweite. Was war besser – vor dem Penner da zu fliehen und sich dafür hänseln zu lassen oder sich mit ihm anzulegen, mit der Gefahr, die nächsten sechs Wochen aus einer Schnabeltasse trinken zu müssen?

Verdammt, Holger schaut schon komisch. Wenn ich jetzt einen Rückzieher mache, bin ich der Loser des Jahres.

„Stress könnten Sie bekommen, wenn Sie Ihre Töle auf Spaziergänger hetzen“, sagte er in einem Anflug von Mut.

„Hä? Auf wen habe ich meinen Hund gehetzt?“

„Auf ihn.“ Tilo deutete auf den Typen im Baum, der sein knurrendes Etwas an sich gepresst hielt und ihn wie das achte Weltwunder anglotzte.

„Freundchen, ich habe meinen Hund auf niemanden gehetzt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“

„Wir haben das genau beobachtet“, mischte sich Holger ein und Jannis, Rico und Dennis nickten hastig dazu, während die beiden Mädchen besorgt den wütend bellenden Rottweiler beobachteten, der an seiner Leine zog und zerrte. „Und wir sollten Sie sofort anzeigen. Dann wird Ihr beschissener Köter unverzüglich eingeschläfert.“

„Ihr habt sie ja wohl nicht mehr alle“, blaffte der Bullige.

Demonstrativ zückte Tilo sein Handy und tat, als würde er eine Nummer eingeben. Normalerweise benutzte er das Gerät kaum. Wer sollte ihn anrufen, abgesehen von seinen Freunden? Und bei wem sollte er sich melden? Dieses Ding klingelte genau drei Mal im Jahr. Zunächst an seinem Geburtstag im November, wenn sein Vater ihm gratulierte und im selben Atemzug erwähnte, wie erfolgreich er bereits in diesem Alter gewesen war. Ein weiteres Mal bimmelte es zu Weihnachten. Da wünschte ihm sein Vater ein gesegnetes Fest und bedauerte, dass sie es nicht gemeinsam begehen konnten, weil er gerade wieder wegen einer Immobilienbesichtigung unterwegs war und dass es wirklich erschreckend sei, wie oft er geschäftsmäßig außer Haus wäre. Das dritte Läuten erfolgte zu Silvester und leitete den Neujahrsgruß seines Vaters ein, der für ihn ein ertragreiches neues Jahr herbei ersehnte und fragte, welche Vorsätze Tilo gefasst hätte.

Das Handy wegzuwerfen. Obwohl es ihm gerade gute Dienste leistete, denn der Bullige wurde plötzlich ganz kleinlaut.

„Das muss ein Missverständnis sein“, brummte er, drehte um und machte sich mit seinem Köter aus dem Staub.

„Mann, Tilo.“ Holger klopfte ihm auf die Schulter, als er das Handy wieder einsteckte. „Hätte ich nicht von dir gedacht, dass du dich mit dem anlegst.“

„Kann mir jemand kurz den Hund abnehmen?“

„Du hast ja geholfen.“ Tilo wusste genau, was Holger hören wollte, sonnte sich aber dennoch in seinem Lob.

„Nur ganz kurz den Hund abnehmen?“

„Der konnte gar nicht schnell genug wegkommen.“ Dennis und Jannis lachten albern, lediglich Rico knutschte schon wieder Angie und Ines hatte sich bei Holger eingehakt und himmelte ihn an.

„Hallo? Erde? Hört mich jemand?“

Tilo stöhnte. „Mann, du nervst!“ Er fuhr zu dem Typen im Baum herum. „Was willst du denn?“

„Ich würde gerne von diesem Ast herunter. Wenn also jemand von euch so gütig wäre, mir kurz Voltaire abzunehmen, könnten die Eichhörnchen wieder alleine hier wohnen.“

Tilo runzelte die Stirn. Irgendwie kam ihm der Typ bekannt vor, wie er da so oben im Baum saß. Das hellblonde Haar leuchtete ihm doch neuerdings häufig entgegen, wenn er aus dem Fenster schaute.

„Hey, das ist ja der Assi.“ Holger grinste zu dem Blonden hinauf. „Haben wir dich gerettet, ja? Dann musst du jetzt artig Danke sagen.“

„Hund!“, knurrte es nun ärgerlich aus dem Laub. Unwillkürlich streckte Tilo die Arme aus und bekam den Dackel gereicht, der sofort eifrig mit dem Schwanz wedelte und ihm das Gesicht ableckte. Niedlich! Am liebsten hätte er das knuffige Kerlchen gestreichelt, aber vor Holger und dessen Clique traute er sich nicht. Geschmeidig sprang der nicht ganz so Fremde von dem Ast herunter und nahm ihm den Dackel ab.

„Danke“, sagte er speziell zu ihm und ignorierte Holger dabei völlig. „Das war ein netter Zug von dir.“

„Das ist keine große Sache, dir den Waldi abzunehmen.“

„Voltaire heißt der Kleine und ich meinte eigentlich die Nummer mit dem Rottweiler. Vielen Dank für deinen Beistand.“

„Gleich fallen sie sich in die Arme und küssen sich.“ Holger lachte dreckig und seine Freunde stimmten wie gewohnt mit ein. Tilo ignorierte sie.

„Sag mal, bist du nicht der Spackel, der dauernd auf dem Dach hockt?“

„Jein.“

„Jein?“

„Ja, ich sitze gerne auf dem Dach und nein, ich bin kein Spackel. Mein Name ist Ande und ich wohne dir genau gegenüber.“

„Hey, wollt ihr euch etwa gleich verbrüdern?“ Holger drängte sich zwischen sie. „Wir waren auf dem Weg ins Eiscafé. Schon vergessen?“

Tilo schüttelte den Kopf und musste förmlich den Blick von dem schwanzwedelnden Schnuffi losreißen. Einen Hund hatte er immer gerne haben wollen. So wie früher, als er mit den beiden Schäferhunden seines Opas über den Hof tollte. Ging aber nicht, weil sein Vater der Meinung war, aufstrebende Leute hätten für einen derartigen Firlefanz keine Zeit.

„Ein Eis wäre toll, leider muss ich Voltaire zurückbringen.“ Der Spackel schaute dabei weiterhin ihn und nicht Holger an.

„Du warst nicht eingeladen, Assi“, zischte Holger und Tilo hörte sich sagen: „Geh mir endlich aus der Sonne, Spackel.“ Er schob den Blonden – Ande – einfach zur Seite und spazierte mit Holger und dessen feixendem Gefolge an dem merkwürdigen Typen vorbei. Er wusste, wo sein Platz sein sollte: bei den Reichen und den Angesehenen, bei den Businessmenschen und Geschäftsmännern. Und keineswegs bei Karlsson vom Dach. Tilo warf einen letzten raschen Blick über die Schulter. Wollte er wirklich einen Platz in der High Society?

~*~

Ande schaute Tilo und seinen dämlichen Freunden fassungslos hinterher. Tilo drehte sich noch einmal kurz zu ihm um und starrte ihn an. Triumphierend? Herablassend? Neugierig?

„Geh mir aus der Sonne, Spackel? Der spinnt ja wohl! Und dem Arsch leckst du das Gesicht?“, sagte er vorwurfsvoll zu dem hechelnden Voltaire.

Ich würde ihm noch etwas ganz anderes lecken … Pfui! Böse Gedanken! Ganz, ganz böse Gedanken.

Abrupt wandte er sich ab, setzte den Dackel zu Boden und marschierte in genau die entgegengesetzte Richtung. Nicht dass er diesem Blödmann noch einmal begegnete.

„Spackel! Also wirklich. Ich tituliere ihn ja auch nicht als Schnapsdrossel. Und bei ihm würde es sogar noch stimmen.“

„Wuff“, stimmte ihm Voltaire zu.

„Komm mir nicht auf die Tour, Kleiner. Du hast ihm eben noch Küsschen gegeben.“ Für drei Sekunden wünschte sich Ande, er wäre ein Hund und hätte heiße Küsse verteilen können. Tilo wirkte Voltaire gegenüber gar nicht abgeneigt. Das Lächeln, das er dem Rauhaardackel geschenkt hatte, brachte südliche Regionen in Wallung, Gesichter zum Glühen und Herzen zum Schmelzen. Und diese großen braunen Augen … Wie angewurzelt blieb Ande stehen. Herzen zum Schmelzen? Du liebe Güte, hatte er unbewusst ein paar Pillen eingeworfen oder etwas geraucht? Wenn das so weiter ging, würde er Tilo demnächst Rosen pflücken und ihm Pralinen schenken. Brrrr!

„Aber toll sieht der schon aus, nicht wahr, Voltaire?“

„Wuff!“

„Mehr ein Wau, als wie ein Wuff. Der ist bestimmt ein Model. Das würde mit seinem Trinken zusammenpassen. Models sollen ja alle Drogen nehmen, Saufgelage abhalten und mit dem Fotografen schlafen. Warum habe ich eigentlich keine Kamera?“

Voltaire blickte entschuldigend zu ihm hoch. Ande seufzte und versank wie so oft in Tagträumereien. Und ein gewisser Tilo, der sich in aufregenden Pants vor einer Kamera räkelte, spielte dabei die Hauptrolle.

~*~

„Hey, alles klar?“, fragte Holger und musterte ihn aufmerksam. Tilo verschluckte sich beinahe an seinem Cappuccino – hatte er sich verraten? Die Fassade fallen lassen?

„Du hattest gerade einen total verträumten Gesichtsausdruck. Kenn ich ja gar nicht von dir.“

„Müsstest du aber eigentlich“, murmelte Tilo und mühte sich um Lässigkeit. „Ich war mit dem Kopf schon im Steinbruch. Ich kann gar nicht erwarten zu sehen, welche geilen Maschinen du für uns diesmal organisiert hast.“

Natürlich organisierte Holger gar nichts, auch wenn er bei seinem Onkel nebenbei mitarbeitete, doch er war sehr empfänglich für solche Schmeicheleien. Sein Onkel war vorgeblich ein stinklangweiliger Anzugträger, der in irgendwelchen wichtigen Gremien irgendwelche wichtige Dinge entschied. In seiner Freizeit hingegen kaufte er gebrauchte Motorräder, pimpte die Maschinen auf, bis sie wie Raketen abzischten, und veranstaltete, sofern das Wetter es irgendwie zuließ, vom Spätfrühling bis zum Frost alle vierzehn Tage Motocrossrennen im alten Steinbruch, der praktischerweise ihm gehörte. Tilo fuhr seit Jahren mit und hatte schon einige Male gewonnen. Die Konkurrenz war verdammt gut, ihm ging es allerdings nicht darum, den Sieg zu erkämpfen. Holger war besser als er, eine Tatsache, die er schulterzuckend hinnehmen konnte. Was ihn reizte, war das Wahnsinnsgefühl, die kraftvolle Maschine voller Ungeduld unter sich vibrieren zu spüren, den Nervenkitzel, wenn er für Sekundenbruchteile die Kontrolle verlor, diesen Moment der Freiheit, wenn er mit beiden Reifen keinen Bodenkontakt mehr hatte und scheinbar schwerelos durch die Luft sauste. Der Rausch der Geschwindigkeit, das war … Freiheit. Ja. Frei von Panik, Alkohol und dieser quälenden Leere in ihm. Wirklich cool an der Sache war, dass Holger stets die erste Wahl bei den Maschinen hatte und für ihn auch eine aussuchte. Die Vorfreude darauf, welche Schönheit ihn diesmal erwarten würde, brachte bereits das lebendige Kribbeln, das sich sonst vollständig aus seinem Leben verabschiedet hatte. Heute Abend würde er sich nicht bis zur Besinnungslosigkeit besaufen müssen, heute Nacht konnte er sich am Gestank von Benzin, brennendem Gummi und dem gnadenlosen Überschreiten jeglicher Tempolimits berauschen.

Alles Misstrauen war aus Holgers Gesicht verschwunden. Sie fachsimpelten gemeinsam mit Jannis und Dennis über diverse Crossbikes und deren Eigenschaften, während Angie Rico in Beschlag nahm. Offenbar war sie fest entschlossen, die zugeführten Kalorien in Form von Sahnekuchen und heißer Schokolade mit noch mehr Sahne mittels exzessiver Knutscherei zu verbrennen. Ines hatte sich abgesetzt, ihr war ein Nagel abgebrochen. Das verlangte nach sofortiger Notoperation im Fachstudio, was garantiert mehrere Stunden an Anspruch nehmen würde.

Das alles lenkte Tilo wirkungsvoll von der Tatsache ab, dass er weder an Yamaha noch Honda und schon gar nicht Kawasaki gedacht hatte, sondern an einen gewissen Spackel mit intensiv blickenden dunkelblauen Augen, diesen nackenlangen blonden Haaren, die er sich strähnenweise hinter die Ohren geklemmt hatte und dadurch völlig verwuschelt aussah. Ande. Ein seltsamer Name, der gut zu ihm passte. Ein seltsamer Typ, der wie eine Katze klettern konnte und auf Dächern abhing. Warum dachte er ausgerechnet an ihn? Ande war kleiner als er, ein Stück über eins siebzig, schlaksig, das Gesicht schmal. Er hatte etwas an sich, das ihn verletzlich wirken ließ, und strahlte zugleich eine wütende Kraft aus, die ihm sicherlich nicht selbst bewusst war. Dieser kampfbereite Trotz war vermutlich der Hauptgrund, warum Holger und die anderen aggressiv und ablehnend auf ihn reagiert hatten. Normalerweise ignorierten sie solche Kerle, deren billige Kleidung und das gesamte Gehabe verrieten, dass sie aus den unteren Schichten der Gesellschaft stammten.

Herrgott noch mal, der Spackel wollte ihm nicht aus dem Kopf. Ein Kopf, der heftig schmerzte. Zeit sich ebenfalls abzusetzen und Nachschub an Schmerzmitteln und Kaffee zu organisieren. Er würde möglichst nüchtern auf sein Motorrad steigen, das war eine Regel, die Tilo noch niemals gebrochen hatte. Ohne Koffein in hoher Dosis und einem Schmerzkiller würde er es allerdings nicht einmal bis zum Steinbruch schaffen.

Ich bin erbärmlich. Ein absolut erbärmlicher Versager. Papa hat eben immer recht …

~*~

Das Dröhnen der Motoren war wie Musik in seinen Ohren. Tilo war mittlerweile ganz aufgeregt. Herr Mökenbrecher, Holgers Onkel, hatte eine ganze Reihe Kawasakis aufgekauft, die Motoren überholt und neue Reifen gesponsert. Jetzt standen die Maschinen in neuem Glanz in einer Reihe und warteten nur darauf, durch das Gelände gejagt zu werden.