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Als Cory mit 17 Jahren ihr kleines englisches Provinznest verlässt, um in Deutschland, dem Land ihrer Vorfahren, eine Karriere als Musikerin zu starten, ahnt sie nichts von Liebe, Verlust, Entbehrungen und Freundschaft. Sie stürzt sich blind in diese Welt des Glamours und hat Erfolg. Ihr Talent wird entdeckt und ihr Ehrgeiz hilft ihr, einen steilen Aufstieg hinzulegen. Manchmal stößt sie an Grenzen, die sie glaubt, nicht übertreten zu können, weil ihr der Preis für den Ruhm zu hoch erscheint. Sie muss sich entscheiden zwischen Liebe und Erfolg. Warum kann sie nicht beides haben?
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2026
TEIL 1
TEIL 2
TEIL 3
TEIL 4
TEIL 5
TEIL 6
Für meinen Mannund meine SöhneHannes und Elmoin Liebe
TEIL 1
Ich bin Corinna, genannt Cory, 17 Jahre alt und ganz aufgeregt. Was ich mir noch vor wenigen Monaten nicht hätte vorstellen können, passiert genau heute. Ich bin auf den Weg zu einem Abenteuer, das mein gesamtes Leben für immer ändern wird. Das weiß ich genau. Meine Eltern haben mich schweren Herzens, aber mit der Gewissheit, dass sie mich gehen lassen müssen, am Flughafen Heathrow verabschiedet. Meine Mutter hat geweint, mein Vater hat schwer gegen die Tränen gekämpft und mein kleiner Bruder Josh hat gebettelt, dass er doch bitte mitkommen darf. Gleich geht mein Flug in Richtung Hannover – Deutschland. Mein Traum kann sich erfüllen, wenn ich genügend Talent haben sollte, denn ich möchte Musikerin werden. Nun werde ich nach Deutschland zu meiner Oma ziehen, die in Magdeburg lebte, woher schlussendlich auch meine Mutter und mein Vater kamen.
Sie waren irgendwann nach Südengland gegangen, wo ich dann geboren wurde. Meine Mutter hatte schon früh mein Talent für die Musik erkannt und hat mir alles beigebracht, was sie konnte, wofür ich ihr sehr dankbar bin, aber letztlich will ich mehr. Ich möchte einmal so groß sein wie Billie Eilish oder Amy Winehouse. Zwar bin ich ein völlig anderer Typ, und ich möchte auch kein Double einer der beiden werden, aber so berühmt wollte ich schon sein. Durch meine Oma habe ich nun diese Chance. Sie hat mich mal spielen und singen hören, und so kam das Gespräch zustande, in dem der Gedanke geboren wurde, dass ich nach Magdeburg kommen soll, um dort das Handwerkszeug für mein ehrgeiziges Ziel zu erwerben.
Als ich den Flughafen verließ, hätte ich am liebsten laut geschrien:
„Welt, ich komme.“
Und da bin ich nun. Der Flug ist im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge vergangen. Als der Flieger den Ärmelkanal erreicht hatte, wurde mir erst so richtig bewusst, wie schön meine Heimat ist. Erst als die berühmten und so eindrucksvollen Kreidefelsen hinter mir verschwunden waren, konnte ich mich tatsächlich auf alles, was vor mir lag, konzentrieren. Nicht mehr lange und ich würde im Land meiner Vorfahren landen, denn wenn ich auch in einem verschlafenen Nest in England aufgewachsen bin, stammen alle meine Leute, auch meine Eltern, aus Deutschland. Gleich würde mich meine Oma in Empfang nehmen. Ich freue mich ja so.
Mein Kind, endlich, da bist du ja.“
Typisch Oma, sie kann einfach nicht akzeptieren, dass ich kein kleines Kind mehr bin. Aber na ja, was soll's,
ich freute mich ja auch, sie zu sehen. Wir umarmten uns und ich gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie war schließlich maßgeblich daran beteiligt, dass ich überhaupt hier war.
„Ich freue mich ja so. Wie war denn der Flug? Dass du dich getraut hast, so alleine zu kommen. Reife Leistung.“
Ich glaube, das sollte ein Kompliment sein. Ich ließ es so stehen. Aber was war denn schon dabei? In London haben mich meine Eltern sozusagen abgegeben und hier wurde ich von ihr abgeholt.
Wir fuhren mit ihrem Wagen von Hannover nach Magdeburg. Ich kannte die Stadt bereits so einigermaßen, weil ich eigentlich jedes Jahr die Sommerferien bei ihr verbracht hatte. Ganz besonders mochte ich den Stadtpark und den Elbauenpark mit seinem schiefen Turm. Aber jetzt würde ich sie erst richtig kennenlernen, denn es wäre ab heute meine neue Heimat. Dass ich in Deutschland und zumindest vorläufig in Magdeburg bleiben wollte, stand für mich von Anfang an fest. Diese Stadt hatte den Ruf, ein klein wenig provinziell zu sein, aber wer genau hinsah, wusste, dass das nicht stimmte. Ich war zwar noch jung, aber seit meinem 3. oder 4. Lebensjahr war ich regelmäßig bei meiner Oma. Sicher habe ich anfangs nichts mitbekommen, aber das änderte sich, als ich zur Schule ging und nur noch in den Ferien in Deutschland war. Na, jedenfalls liebte ich diese Stadt und hier wollte ich durchstarten. Einige wenige Kontakte hatte ich in den Jahren schon geknüpft und daran würde ich weiterarbeiten. Das würde mir sicher nicht schwerfallen. Auf alle Fälle hatte Magdeburg angesagte Klubs, denen ich meine Aufmerksamkeit zuerst widmen würde. Ich wollte als Musikerin durchstarten. In England hatte ich bereits bei einer Band gespielt, aber die Jungs wurden mir im Laufe der Zeit immer verrückter. Sie waren eben genauso jung wie ich selbst. Da mussten sie eben ihren Weg erst entdecken, und der war nicht meiner. Ich wollte in einer ernsthaften Band arbeiten, der ihre Musik als Erstes kam, und nicht in so einer, die glaubt, Sex, Drugs & Rock 'n' Roll wären die Voraussetzung dafür, erfolgreich zu sein.
Mittlerweile waren wir in Magdeburg angekommen und Oma präsentierte mir stolz das Zimmer, welches sie extra für mich vorbereitet hatte. Zum Glück kannte sie mich gut genug, um zu wissen, dass ich keinen großen Schnickschnack mochte. Die Wände waren einfach weiß und völlig leer. Die Möbel stammten bestimmt von Ikea. Wichtig war ihr das Bett, und auch das war neu und sah sehr bequem aus. Für das alles fiel ich ihr um den Hals und bedankte mich. Ich weiß, dass sie nicht gerade im Geld schwamm. Meine Mutter hatte sie alleine großgezogen, weil sie nie geheiratet hatte. Ich habe nie mit ihr darüber gesprochen, aber ich wusste, dass sie den Vater meiner Mutter sehr geliebt hat, aber aus irgendeinem Grund nicht mit ihm zusammengeblieben war. Meine Mutter hat mir lediglich einmal bestätigt, dass ihr Vater sich nie um sie oder Oma gekümmert hat.
Am Abend saßen wir gemeinsam vor dem Fernsehgerät, sahen aber nicht hin, weil wir uns ganz viel zu erzählen hatten. Ich hörte da mit großem Erstaunen, dass Oma einmal ein Edelfan einer damals sehr angesagten Band in Magdeburg war. Da lag für mich natürlich die Vermutung sehr nah, dass der Vater meiner Mutter, quasi mein Opa, einer der Musiker der Truppe war. Nach einer Weile nannte mir meine Oma sogar den Namen der Band. Sie hieß „Bigtown Boys“. Als sie mir das erzählte, hatte sie ganz verträumte Augen. Sollte meine
Vermutung richtig sein, wäre das eine Erklärung für mein musikalisches Talent und meine Besessenheit dafür. Da wir so offen über Dinge sprachen, für die wir bisher einfach auch nicht genügend Zeit gehabt hatten und ich vielleicht auch noch zu jung gewesen war, stellte ich ihr einfach die sehr persönliche Frage:
„Ist also mein Opa ein Rocker gewesen? Und lebt er noch? Weißt du das?“
„Ach Mädel, du stellst aber auch Fragen. Darüber habe ich nicht mal mit deiner Mutter gesprochen. Andererseits ist das alles schon so lange her, und wenn ich es recht betrachte, hast du sogar ein Recht darauf, zu wissen, wer dein Opa war. Einigen wir uns aber vorerst darauf, dass du recht hast? Er war einer der Musiker und wir haben eine kurze Affäre gehabt. Er war Student und verlobt. Seine Verlobte studierte im Ausland. Wenn du so willst, war ich nur ein Ersatz in der Zeit, die er sonst allein hätte verbringen müssen. Ich habe wohl auch zu sehr geklammert. Er hat mir nie Hoffnung auf mehr gemacht, aber ich war verliebt und konnte nicht glauben, dass ich jederzeit verlassen werden könnte.“
Wieder verlor sich ihr Blick in diese Vergangenheit.
„Und als du schwanger geworden warst, hat er sich davongemacht, oder?“
„Nicht ganz. Die Verlobte kam zurück und damit war ich eine Person non grata. Er hat mich nur kurz informiert, dass es ihm leidtäte, aber nun passiere das, was er mir immer gesagt hat. Es war aus. Erst danach habe ich gemerkt, dass ich ein Baby bekommen würde.“
„Hast du es ihm gesagt?“
„Nein, habe ich nicht. Ich habe mich nicht getraut und außerdem wollte ich ihn nicht in Schwierigkeiten bringen. Ich habe ihn eben geliebt.“
„Mensch Oma, das ist ja richtig traurig.“
„Das war es damals. Jetzt ist das schon so lange her, dass ich nicht mehr daran denken muss. Damals ja, da war es richtig traurig.“
„Lebt der noch?“
„Ja, er macht sogar immer noch Musik und lebt immer noch in Magdeburg. Aber nun frag nicht weiter. Ich werde dir nicht verraten, wer es ist. Eigentlich habe ich schon zu viel gesagt.“
Ich hätte gern noch weiter gefragt, aber ich wusste auch, dass sie vorher noch nie so viel über ihre Vergangenheit preisgegeben hatte. Im Prinzip wusste ich nun vermutlich mehr als meine Mutter. Außerdem hatte sie mir eine Information gegeben, mit der ich auch alleine herausbe-kommen konnte, um welchen Musiker es sich handelt. Wenn ich es denn wollte. Wollte ich? Natürlich wollte ich. Irgendwann, jetzt hatte ich Wichtigeres vor. Zuerst galt es, Connection aufzubauen. Die richtigen Leute zu kennen, war quasi die Voraussetzung für alles, was ich vorhatte.
Viele der Musikclubs, die meine Oma in ihrer Jugend besucht hatte, gab es mittlerweile natürlich nicht mehr. Leider war der Trend, handgemachte Musik durch Discos zu ersetzen, ziemlich radikal gewesen. Oma schwärmte noch heute in den höchsten Tönen vom „Impro“. Das war ein kleiner Klub, in dem aber große Künstler aufgetreten sind. Unter anderem Hans Berthold,
Caroline Webster, Jürgen Heider, Manfred Krug usw. die musikalischen Größen ihrer Zeit eben. Einfach weg. Aber es gab dennoch ein paar dieser Live Klubs. Die würde ich der Reihe nach besuchen und auf jeden Fall immer meine Gitarre dabeihaben. Wenn es mir gelang, ein oder zwei Titel mit der jeweiligen Band zu jammen, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nichts für mich dabei herauskommen würde. Ich wusste ja, dass ich gut war.
Die Durchführung meines Plans gestaltete sich allerdings schwieriger, als ich es mir gedacht hatte. Natürlich fiel ich auf, wenn ich mit meiner Gitarre auftauchte und diese demonstrativ neben mir abstellte. Aber nicht die Musiker kamen neugierig auf mich zu, nein – es waren einige Gäste. Die halfen mir aber nicht weiter. Anfangs bin ich dann also von mir aus zur Bühne gegangen, in der Hoffnung, mit den Musikern ins Gespräch zu kommen. Fehlanzeige. Ich habe meistens nichts weiter erreicht, als dass sie mich als einen weiteren Fan behandelten. In manchen Fällen lag mir aber nichts ferner. Wenn ich ehrlich bin, haben mir nur sehr wenige Truppen wirklich gefallen. Genau betrachtet, war es eigentlich nur eine Band, die mich wirklich beeindruckt hat. „The Next Generation“ war ihr Name. Es waren alles junge, für ihre Musik brennende Musiker aus Magdeburg. Die rockten dermaßen frisch und lebendig, dass ich einfach nur auf meinem Platz saß und gebannt lauschte. Beinahe hätte ich vergessen, dass ich nicht nur hier war, um gute Musik zu hören, sondern um genau so eine Band für mich selbst zu finden.
Da ich nach all den frustrierenden Erfahrungen der letzten Versuche gelernt hatte, stellte ich es diesmal anders an. Nach einer Pause, als sie wieder auf die Bühne kamen, stand ich schon mit Gitarre vor dem Bauch da. Natürlich wusste ich, dass das für mich sehr riskant war, denn da ich nicht an die Anlage angeschlossen war, konnte ich auch nicht spielen, aber ich konnte einfach trocken mitspielen und mich einfach ganz in die Nähe eines Mikrofons stellen, um mitzusingen. Wenn ich Glück hatte, bekam ich vielleicht so ihre Aufmerksamkeit.
Zumindest schickten sie mich nicht gleich wieder empört von der Bühne. Einer von ihnen, der Gitarrist und Sänger nämlich, fragte mich wenigstens:
„Hi, wer bist du denn?“
„Hi, ich bin Cory.“
„Und was machst du hier? Willst du mitspielen?“
„Naja, ich habe gedacht, dass ich es ja mal versuchen kann. Wenn es euch nicht gefällt, zieht ihr einfach den Stecker.“
Mittlerweile standen alle um mich herum und nun mussten sie lachen. Ich fand, dass es kein arrogantes, abwertendes Lachen war, sondern tatsächlich ein ehrliches.
Noch äußerte sich niemand von ihnen, was ich so auch nicht erwartet hatte. Mir war wichtig, dass ich ihre Aufmerksamkeit hatte.
Der Gitarrist sagte aber dann:
„Tolles Teil hast du da. Fender! Nicht schlecht. Wenn du die nicht nur zum Angeben hast, sollten wir es auf jeden Fall mal versuchen.“
Alle nickten. Innerlich machte ich eine Faust und rief laut „Strike“
„Das Problem könnte nur sein, dass wir nur eigene Songs spielen. Die wirst du vermutlich nicht kennen.Oder kannst du Noten?“
Ich bejahte und er reichte mir ein Notenblatt. Es war die Rhythmusgitarrenstimme. Auf den ersten Blick erkannte ich, dass dies keine Hürde für mich war. Ich nickte zustimmend.
„Also gut, versuchen wir es einfach mal.“
Der eigentliche Rhythmusgitarrist zog die Klinke seiner Gitarre aus der Box und ich stöpselte mich ein. Ich gestehe, dass mir das Lampenfieber ein klein wenig Sorge machte. Schließlich kannte ich den Song in der Tat nicht und von diesem Augenblick hing einiges ab. Dass die vielleicht gar kein Interesse an einer Verstärkung hatten, kam mir nicht in den Sinn. Die Situation ließ mir aber nicht viel Zeit zum Überlegen. Der Drummer zählte vor und los ging es. Wie gesagt, mein Part war nicht übermäßig kompliziert. Es war ein langsamer, von einer starken Melodie getragener Song. Wie der Gitarrist und Sänger hieß, wusste ich noch nicht, aber er war großartig. Nach dem zweiten Hauptteil sang ich ohne Mikrofon den Refrain mit. Ich war in meinem Element und spielte, als wäre ich bereits Mitglied dieser Band.
Als wir geendet hatten, war nach meiner Meinung der Applaus ein wenig stärker als er bisher gewesen war. Kann natürlich auch meine Einbildung gewesen sein. Jedenfalls war ich sehr zufrieden mit mir. Ich hatte meine Sache gut gemacht. Nun wollte ich die Bühne wieder verlassen und unten abwarten, ob sich noch was ergeben würde. Aber da kam auch schon der Gitarrist auf mich zu und meinte:
„Kannst du unten warten? Jetzt müssen wir erstmal weitermachen. Ich glaube, wir haben noch was zu bereten. Okay?“
Ich nickte nur, weil mir die Kehle wie zugeschnürt war. Wenn das mit ‚bereden‘ gemeint war, was ich glaubte und hoffte, könnte es sein, dass ich es schon nach wenigen Stippvisiten in den Klubs der Stadt geschafft hatte.
Der Abend war noch jung und ich hatte Gelegenheit, noch jede Menge Musik dieser jungen Band zu hören. Es war einfach grandios. Die spielten genau den Stil, den ich so liebte. Der Gitarrist war auch der Sänger und überhaupt schien er der Kopf der Band zu sein. Ich wusste noch nicht einmal, wie er hieß. Aber das war mein geringstes Problem, das würde ich schon noch erfahren.
An meinem Tisch saß eine für mich schon ältere Frau. Älter heißt, dass sie viel älter als die Bandmitglieder war und auch älter als der Durchschnitt des Publikums. Wir kamen ins
Gespräch und sie erzählte mir, dass dies die beliebteste Band der Stadt war. Wenn man hier eine Karte bekommen hatte, gehörte man zu den Glückspilzen oder man hatte genügend Beziehungen zu irgendjemandem.
„Zu welcher Kategorie gehörst du denn?“, wollte sie wissen.
„Wenn das so ist, bin ich wohl ein Glückspilz. Ich kenne hier niemanden. Ich hatte aber dennoch absolut keine Schwierigkeiten, hier reinzukommen.“
„Vielleicht liegt das an deiner Gitarre? War übrigens stark, was du da hingelegt hast.“
„Ach, ich habe doch nur gespielt, was auf dem Blatt stand. Alles andere regelt sich doch in der Musik von alleine.“
„Na, du bist ja ein bescheidenes Sonnenscheinchen. Wenn du das Stück vorher nicht mal gekannt hast, war das sehr bemerkenswert. Bist du Profi?“
„Nee, ich bin auf dem Weg dahin, das ist sozusagen mein Ziel. Wenn ich hier bei denen einsteigen könnte, wäre das schon die halbe Miete.“
„Ich bin übrigens Caroline und du?“
„Cory“, stellte ich mich kurz und bündig vor.
„Wo kommst du her? Von hier bist du doch nicht, oder?“
Nein, ich bin vor ein paar Wochen aus Old England gekommen.“
„Waaas? Du kommst aus England ausgerechnet hierher? Welcher Teufel hat dich denn da geritten? Wenn es wenigstens Berlin, Hamburg,
München oder Leipzig gewesen wäre,aber Magdeburg?“
„Wieso nicht Magdeburg? Hierwohnt meine Oma und da wohne ichjetzt auch. In Berlin und so laufen sichdie Talente doch gegenseitig um. Hierhabe ich vielleicht noch eine Chance.“
„Clever bist du also auch noch.Mein Gott, wenn aus dir nichts wird,fress ich einen Besen.“
Da ich nichts darauf zu sagenwusste, lachte ich und grinste nur ver-legen vor mich hin.
Am Ende des Abends stand ichan der Straßenbahnhaltestelle undhatte ein sehr attraktives Angebot inder Tasche. Ich konnte es noch garnicht fassen. Als die Band wieder einekleine Pause eingelegt hatte, fragtemich der Chef, ob ich ganz unverbindlich zur nächsten Probe kommen könnte. Einfach so. Dort würde ich Gelegenheit haben, mich der Truppe näher bekannt zu machen, meine Titel und mein Können mit so vielen Facetten wie möglich vorzustellen. Das war für mich wie ein Sechser im Lotto. Durch Caroline hatte ich noch so einiges über die Band erfahren. Das war schon alles sehr beeindruckend. Wenn ich da einsteigen konnte, wüsste ich nicht, was meiner Karriere noch im Weg stehen sollte.
Oma war natürlich schon längst im Bett, es war immerhin bereits nach 2:00 Uhr. Dennoch konnte ich nicht schlafen. Erst, als ich mich meinen Träumen hingab, gelang es mir irgendwann. Scheinbar ohne Übergang war ich in ihnen versunken und wachte am nächsten Tag mit den schönsten Erinnerungen an alles auf.
Oma war schon auf den Beinen. Es roch herrlich nach frisch gebrühtem Kaffee, und auch ansonsten war der Tisch mit sehr verlockenden Sachen gedeckt. Es war schön, so verwöhnt zu werden. Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und setzte mich.
„Na? Wie war's?“
„Einfach super“, brachte ich mit vollem Mund heraus.
„Die Band ist oberklasse, die Musik genau meine und vor allem: Ich treffe mich mit ihnen zur nächsten Probe. Bis dahin muss ich noch ein bisschen arbeiten. Ich muss da den besten Eindruck aller Zeiten hinterlassen. Wenn ich da landen kann, schaffe ich es auf jeden Fall. Ach Oma, das Leben ist ja so schön.“
„Das freut mich für dich. Wie heißen die denn? Und wie alt sind sie?“
„The Next Generation“ ist ihr Name. Klingt gut, oder? Die sind auch alle so in etwa in meinem Alter, naja, ein bisschen älter vielleicht. Ich habe da eine Frau kennengelernt, die war mindestens schon 40, wenn das mal reicht. Die hat mir erzählt, dass diese Jungs der aufgehende Stern am Himmel sind. Ich glaube, die hat recht.“
„Toll, dann drücke ich dir sämtliche Daumen. Du schaffst das, das weiß ich ganz genau. Bist ja schließlich meine Enkelin und die eines Musikers.
Dabei wanderten ihre Augen wieder in irgendeine Ferne, die nur sie sehen konnte.
In den nächsten Tagen zog ich mich in mein Zimmer zurück und überarbeitete noch einmal meine alten Titel. Eigentlich gab es da nichts zu überarbeiten, aber ich wollte ganz sicher gehen, dass ich das absolute Beste vortragen würde. Dass ich notenfest war, hatte ich ja schon bewiesen. Da war ich meiner Lehrerin für Musik sehr dankbar, dass sie mir noch extra Nachhilfe gegeben hat. Privat sozusagen. Ich war zwar auch im Unterricht eine eifrige Schülerin, aber da das Niveau der gesamten Klasse eher niedrig war, hätte ich da auch nicht viel mitnehmen können. Jetzt zahlten sich die Extrastunden aus. Ich würde ihr einen Brief schreiben, damit sie sehen kann, dass sich der Aufwand gelohnt hat.
Ich nahm die Vorbereitung auf diese Probe, die für die Musiker nur eine Probe war, für mich aber eine riesige Chance darstellte, so ernst, dass mich meine Oma fragte, ob ich mich für mein erstes Konzert vorbereite. Ich sah sie etwas irritiert an, weil ich nicht wusste, was sie meinte.
„Na, die Frage ist doch verständlich. Für eine Probe brauchst du doch nicht so zu arbeiten. Wenn ich nicht aufpassen würde, kämst du nicht zum Essen oder Schlafen.“ „Es ist für mich so wichtig, wie mein erstes Konzert. Wenn ich die Probe vermassele, rückt dieses Konzert in unbestimmbare Ferne. Da muss einfach alles stimmen.“
„Mädel, hab mal mehr Selbstvertrauen. Du bist spitze, und das werden die Jungs auch erkennen, wenn sie so gut sind, wie du sagst.“
Wahrscheinlich hatte Oma recht, aber mir war die Sache so wichtig, dass ich lieber so pingelig noch einmal alles durchsah.
Erst danach war ich mit mir zufrieden. Alles, was jetzt kam, konnte ich nicht mehr beeinflussen.
An einem Donnerstag war es so weit. Ich war so furchtbar aufgeregt, dass ich nicht essen konnte und laufend meine Tasche kontrollierte, damit ich ja nichts vergaß. Oma schüttelte nur mit dem Kopf.
Der Weg bis zum Proberaum war erträglich. Der Raum sah aus, wie ich mir einen Proberaum vorgestellt hatte. Auf dem Boden lagen ausgediente Teppiche. Darauf standen bereits die Instrumente. Die Wände waren zum Teil gepolstert und abgerundet wurde das Ganze durch einige bequeme, ausgemusterte Sitzmöbel. Als ich eintrat, wurde ich mit „Hallo“ begrüßt. Aber nicht übertrieben. Alle waren noch mit dem Aufbau der Anlage beschäftigt. Da ich noch keine eigene Anlage hatte – noch nicht –, stellte man mir einen Verstärker leihweise zur Verfügung. Dafür war ich dankbar.
Durch dieses organisierte Gewusel nahm meine Nervosität erst einmal noch zu. Als Höhepunkt ließ ich die Mappe mit den Notenblättern fallen und es dauerte, ehe ich alles wieder eingeräumt hatte. Zum Glück machte aber niemand eine dumme Bemerkung. Aber als dann die ersten Takte gespielt waren, wurde ich ruhig und alles klappte wie am Schnürchen. Nachdem wir erst ein paar der bandeigenen Songs gespielt hatten, verteilte ich meine Noten an jeden Einzelnen, und dann ging es auch schon los. Die Titel stellten alle durch die Bank keine großen Hürden dar. Eigentlich kam es dabei am meisten auf meinen Gesang an und die Gitarrensoli. Bei einem Lied, einem schön langsamen „Schlüpferstürmer“, wie sowas in der Welt der Musiker genannt wurde, schlug Jonas, der Bandleader, Gitarrist und Sänger, vor, die Sologitarrenstimme zu doppeln. Das heißt, Jonas spielte unisono mit mir das Solo. Der hatte so ein gutes Gehör, dass er ohne weitere Probe diese Stelle mitspielte, als würden wir das schon jahrelang gemeinsam tun. Dieser Sound war ein Gewinn für meinen Titel. Und so arbeiteten wir einen Song nach dem anderen durch und es kamen hier und da einige Verbesserungen dabei heraus. Schon hier ahnte ich, dass sich mein Traum erfüllen würde.
Am Ende der Probe saßen wir alle noch bei einem Bier oder was auch immer beisammen und werteten sozusagen die letzten Stunden aus. Insgesamt waren wir uns einig, dass es eine gute Probe war. Und dann kam die für mich alles entscheidende Frage von Jonas:
„Was sagt ihr dazu, Cory aufzunehmen? Ich würde es sehr begrüßen. Sie ist menschlich und vor allem musikalisch eine echte Bereicherung.“
Alle, ausnahmslos alle, nickten. Ich war so glücklich, dass ich vor Aufregung einen roten Kopf bekam. Mein erster Schritt auf der Karriereleiter war getan.
Für mich begann eine Zeit, die durch ständige Veränderungen geprägt war. Es war nicht nur eitel Sonnenschein. Da wir noch eine junge Band waren, die sich erst in der Musikwelt etablieren musste, hatten wir viel zu tun. Jonas kümmerte sich um fast alles. Er schrieb Titel, plante und organisierte alles, was anfiel. Proben, Konzerte, Unterkünfte während der wenigen kleinen Tourneen usw. Während der Muggen (musikalische Gelegenheitsgeschäfte) mussten wir alles selbst stemmen. Am schwierigsten fand ich das Abbauen und Verladen der gesamten Anlage nach den Konzerten. Ich war dann müde und musste mich sehr zusammenreißen, alles zu schaffen. Meine Aufgabe war z. B. das ordentliche Aufrollen der vielen Strippen, Zusammenpacken der Mikro- und Notenständer – also des sogenannten Kleinkrams. Und dann dieses verdammte Schleppen, bis endlich alles in unserem Kleinbus verstaut war. Wir hatten eben keine Roadys. Ich war jedes Mal völlig am Ende. Oft schlief ich dann auf der Heimfahrt auch ein. Aber das gehörte nun mal alles dazu.
Matthias, unser Drummer, versuchte mich so manches Mal zu entlasten, indem er die eine oder andere Kiste für mich schleppte. Dem machte das absolut nichts aus. Er war ja auch ein kräftiger Typ. Wenn er mir mal wieder zu Hilfe kam, meinte er jedes Mal:
„Lass Papa mal ran. Eines Tages schaffst du das auch. Dann kannst du ja meinen Kram mitnehmen.“
Ich lachte mich regelmäßig fast tot, weil erstens er nicht älter als ich war, oder vielleicht höchstens ein oder zwei Jahre, und zweitens schon die Vorstellung, dass ich sein Schlagzeug auch nur berühre, lustig war. Niemand durfte das, außer er selbst. Jonas hat mir mal erzählt, dass Matthias sich das Geld für dieses gute Stück selbst zusammengespart hatte. Deshalb hütete er es auch wie seinen Augapfel. Mit dieser Einstellung lag er auf der gleichen Welle wie meine Großmutter. Die meinte immer, dass nur das, was man sich vom Mund abgespart hatte, auch einen Wert hatte.
Nach wenigen Monaten war für mich auch alles mehr oder weniger Routine. Nur die Auftritte selber nicht. Die waren nach wie vor jedes Mal wie das erste Mal. Ich beneidete die, denen das alles nichts ausmachte. Mir war fast jedes Mal schlecht vor dem Auftritt. Seltsamerweise war es am schlimmsten, wenn wir vor einem verhältnismäßig kleinen Publikum auftraten. Man konnte fast jedes einzelne Gesicht sehen, und wehe, ich entdeckte jemanden, der nicht begeistert aussah. Dann war ich sofort davon überzeugt, dass ich nicht gut genug war. Bei einem großen Saal war das Publikum nur eine anonyme Masse. Wenn die nicht alle gemeinsam anfingen zu pfeifen, war alles in Ordnung. Jonas meinte, das würde sich im Laufe der Zeit schon ändern. Der hatte gut reden.
