Flaschenpost im Wüstensand - Berthold Thiel - E-Book

Flaschenpost im Wüstensand E-Book

Berthold Thiel

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Beschreibung

Notizen und Gedankensplitter eines sich als "später Bürger" (Horkheimer) verstehenden Autors, die größtenteils in seinen Jahren auf der Schwäb'schen Alb entstanden sind. Die Texte, die bislang nur in seinem engsten Freundes- und Bekanntenkreis kursierten, befassen sich mit Alltag und Kultur der 'postmodernen' Gesellschaft bis hinein ins Politische und Ökonomische und reichen in ihrer Kürze vom Mini-Essay bis zum hochverdichtenden, mitunter koanartigen Zweizeiler. Mit seinen Noten im dialektischen Kraftfeld zwischen Eindrücken, destruktiver Kritik und spekulativer Konstruktion, in denen er auch immer wieder Sprachkritik - hierin Karl Kraus folgend - als Ideologiekritik betreibt, will der Autor weniger überzeugen als anregen und mit den Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen.

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Ursula

Berthold Thiel

Flaschenpost im Wüstensand

Anregungen eines urbanen Landeis zum Selber-Denken

© 2021 Berthold Thiel

[email protected]

Lektorat: Ursula M. Franke

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-32482-4

Hardcover

978-3-347-32483-1

e-Book

978-3-347-32484-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Fotomania

Hip-Hop

Auchmenschen

Zerstreuung

Gentleman

Kultur (Aufblaspuppe)

Flüchtlinge

Geheimnis (Vergiß es, Baby!)

Kommunikation (Sprachlosigkeit)

Idyll (Trostlosigkeit)

Europa und die Flüchtlinge

„Fluchtursachen bekämpfen!“

Identität

Kultur (II): Lüge und Wahrheit

Stefans Bilder

Pilotom, Koan und Kapital

Ideologie

Mainstream

Kritisch

Auf den Hund gekommen

Gott

Erfahrung

Meinung (I)

Meinung (II)

Foto-Tourismus

Direkte Demokratie

Bürgerliche Gesellschaft

Eigenheim (mühsam erarbeitetes)

Mit sich im Reinen sein

Kommunismus

Weltanschauung

Gute Ratschläge

Äußerlichkeiten (I)

Reife

Porno

„Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet.“

Selbstfindung

Äußerlichkeiten (II)

Sich täglich neu erfinden

Begeisterung

Erlebnis

Lifestyle

Team

Erfahrung (II)

Konservativ

Sich selber akzeptieren

Kunst

Äußerlichkeiten (III)

Autonome

Erfahrung (III)

Äußerlichkeiten (IV)

Christentum

Späne

Bildung

Engagement

Äußerlichkeiten (V)

Europa

Dialektik

Denken und Wirklichkeit

Seltsam?

Politik und Moral

Werte

Inspiration

Dialektik der Medien

Sinnfrage

Kommen

Bildung (II)

Äußerlichkeiten (VI)

Depression

Atheismus

Lebenslanges Lernen

Gelassenheit

Werte (II)

Team (II)

Loriot

Dialektik von Gesetz und Erlösung

Achtsamkeit

Motivation

Markt und Plan

Gesundheit

Lohnarbeiter et al

Konformismus

Kapitalismus

Mitleid

Antiautoritarismus

Lebenslanges Lernen (II)

Karl Kraus

Denken und Kritik

Descartes

Geld

Ethik und Ästhetik

Unheilige deutsche Allianz

Kapital und Krise

Bildung (III)

Linker Antisemitismus

Frieden

Sozialstaat

Fortschritt

Die Ferne so nah

Mord und Sprache

Aus Leidenschaft

Genie der Sprache

Kommunismus (II)

Reisen bildet

Lancia

Öde und langweilig

Die Grünen

Politik

Kulturbereicherung

Klamotten

Graffiti

Kapitalismus (II)

AfD

Die deutsche Linke

Leib und Seele

Ladenpack (Hilfe!)

Fotomania

Die Manie, unaufhörlich und allerorten alles und jeden mit Kamera oder Smartphone in ein Bild zu bannen, verbindet in sich den Allmachtswahn des modernen Subjekts mit der rituellen Bewältigung, der unsere Urahnen aus grauer Vorzeit ihre Angst vor dem Unbekannten unterzogen: Indem alle Welt geknipst wird, wird sie in Bann geschlagen und festgehalten, auf daß keine Gefahr mehr ausgehe von ihr.

Die fotografische Weltherrschaft über Landschaften, Dinge und Personen läßt diese in den Besitz des Fotokraten übergehen und hält sie ihm gleichzeitig vom Leibe. So halten denn Urlaubsfotos insbesondere von einem Stück Natur oder Architektur nicht die schönsten, sondern die schlimmsten Augenblicke fest: Noch ehe das Objekt seinen Zauber auf ihn auszuüben, ihn in eine besondere Stimmung zu versetzen vermag, hat der Fotomane schon sein Bild geschossen – und ist fertig: Eiaculatio praecox. Woran wird ihn die betreffende Aufnahme beim späteren Betrachten erinnern? Daran, daß er sie geknipst hat: Dementia praecox der besonderen Art: das Vergessene hat nicht einmal existiert.

Etwas anders – und doch nicht völlig unähnlich – scheint es sich mir mit dem ebenfalls weitverbreiteten Usus zu verhalten, sich selbst und seine Freunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit – gern in ausgelassener Stimmung, gern in Gruppenformation – zu fotografieren. Das mutet an, als wären solche Menschen von der Angst getrieben, ihr Leben für eine Illusion halten zu müssen, wenn sie Situationen gemeinsamer Ausgelassenheit nicht als beweiskräftiges Dokument ihrer Lebensfreude festhielten. Nicht von ungefähr ist diese Art der Fotomanie besonders unter Jugendlichen verbreitet: Wenn junge Menschen, die noch mitten in der Ausbildung ihrer Persönlichkeit sich befinden, der heutzutage nach Kräften geschürten Zwangsvorstellung aufsitzen, sie bedürften dafür nicht der Auseinandersetzung mit der Welt, sondern die Welt hätte grad auf sie gewartet, und sich mit ihresgleichen zusammentun, um „was zu erleben“, dann besteht die Lebensfreude, die darin aufkommt, häufig genug im Zusammenwirken lauter kleiner Wirbelwinde, die je um ein Zentrum kreisen, worin die Ahnung davon keimt, daß so das Leben, welches man genießen will, nicht ist, und zugleich der unbedingte Wille west, die eigene und der anderen Ausgelassenheit doch unerschütterlich als Lebensfreude („pur“) zu nehmen – weshalb die Beteiligten ihre Illusion gegen jene Ahnung rigide ins Recht setzen, indem sie sie unanfechtbar im Bild festhalten. Man muß zu diesen Menschen gehören oder mit dem einen oder anderen der Abgelichteten befreundet oder gut bekannt sein – andernfalls findet man in der Regel solche Fotos auf eine sehr grundlegende Weise nichtssagend und langweilig.

(22.08.2014)

Hip-Hop

„Hip-Hop ist Nazi-Musik!“, bemerkte Freund Alfred W. Hilmarson neulich in einem Gespräch mit mir; und wie meist noch seine maßlosesten Übertreibungen enthält auch diese hier nicht nur ein Körnchen Wahrheit, sondern einen dicken, harten wahren Kern: Sofern nämlich im Hip-Hop – vielleicht durchaus im Gegensatz zu seinen möglicherweise ursprünglich vorhanden gewesenen sozialprotestlerischen Intentionen – die Verherrlichung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Ghettoelends samt antisemitischem, homophobem und frauenfeindlichem Gangstertum betrieben wird, eignet ihm durchaus etwas Völkisches, Faschistoides. Und der Musikstil mit seiner uniformen dilettantischen Rhythmik und seiner deutlichen Tendenz zur Gleichschaltung wie auch zur ästhetischen Vernichtung (– der Hip-Hop-Stil vernichtet dabei auch alles, was er coveringshalber an Fremdem sich einverleibt –) verleiht solchem Fascho-Kitsch den angemessenen (un)ästhetischen Klangteppich.

(24.08.2014)

Auchmenschen

Immer wieder gern werden in Debatten und Diskussionen sog. Auchmenschen erwähnt – von den einen aus Gedankenlosigkeit, von anderen, um gleich zu einem großen Aber überzuleiten. Wer da nicht alles zu den Auchmenschen zählt! Hier ein paar Beispiele:

• Andersfarbige sind Auchmenschen;

• Andersgläubige sind Auchmenschen;

• Androgyne Frauen und Männer sind Auchmenschen;

• Ausländer sind Auchmenschen;

• Behinderte sind Auchmenschen;

• Frauen sind Auchmenschen;

• Homo- und Bisexuelle sind Auchmenschen;

• Juden sind Auchmenschen.

Was den Auchmenschen, bei aller Heterogenität der in diese Kategorie fallenden Individuen, grundsätzlich auszeichnet, ist, daß es sich bei ihm um keinen richtigen Vollmenschen handelt: als Auchmensch, d. h. als eine Art Android, als Quasi-Mensch steht er immer mehr oder weniger unterhalb des eigentlichen Menschen – was den einen oder anderen vom Auchmenschen auch schon mal als einem Untermenschen sprechen läßt.

(16.09.2014)

Zerstreuung

Man zerstreut sich: bei Spiel und Spaß, beim Internet- und Fernseh-Kucken oder im Kino, auf dem Rummelplatz oder im Erlebnispark, in Café und Kneipe; beim spontanen Gespräch mit Freunden, beim Spaziergang, beim Lesen der Zeitung oder eines Romans … Man zerstreut sich, wenn und indem man weder ganz bei sich ist noch einem oder mehreren Menschen, einer Sache, einer Leidenschaft oder einer Situation ganz sich hingibt. Man war vielleicht konzentriert: auf eine Arbeit, bei der Lektüre eines philosophischen Buches oder involviert in eine politische Debatte; vielleicht hat man grad intensiv geliebt oder hat einer sonstigen Leidenschaft glühend gefrönt – und nun zerstreuen sich die vorher auf Eines konzentrierten Kräfte, der Körper entspannt sich, die Sinne fliegen aus, sich anderem zu öffnen, und wohlig ermattet liegt man neben der oder dem Liebsten oder sitzt bei Sonnenschein draußen am Tisch eines Straßencafés vor einem Cappuccino oder einem frischen Bier und steckt sich ’ne Lulle ins Gesicht … Wie auch immer: jetzt gibt es nicht Zweck noch Ziel, Gedanken und Sinne vagabundieren durch die Weltgeschichte und lassen sich gleich oder bald wieder gefangennehmen durch verschiedenes, was sich ihnen rundherum, auf dem Schirm, auf Papier, aus Lautsprechern oder im eigenen Kopf darbietet – aber ohne sofort wieder vollständig sich zu konzentrieren oder wirklich sich hinzugeben. Das Ich dissoziiert vor sich hin und ist nirgends so recht.

Konzentration oder Hingabe einerseits, Zerstreuung andererseits: beider Zustände im ständigen Wechsel bedarf es. Fehlt das eine oder das andere oder kommt es zu kurz, mangelt es an (Kontur der) Persönlichkeit oder an Aufgeschlossenheit: Man wird zum Getriebenen der Sinne und inneren Impulse im einen, zum Besessenen oder zum komischen Kauz im andern Fall. (Beides bedeutet Unfreiheit.)

Konzentration und Hingabe werden heute wohlzwar häufig eingefordert – allein: die Zerstreuung wird mehr und mehr zum einzigen Prinzip, zur Grundverfassung des Geistes. So blöde die Rede von der Freizeitgesellschaft auch ist: ihr eignet immerhin die Registrierung des tatsächlichen Sachverhalts, daß die Freizeit – in ebendieser Rede immer als Gegenpol, als Komplementärstück zur Erwerbsarbeit verstanden – den spielerischen und entspannenden Ausgleich zur ernsten und angespannten Arbeit darstellt und als dieser Ausgleich eine immer gewichtigere, immer umfassendere Rolle spielt. Das hat natürlich und wesentlich mit der zunehmenden Bedeutung des Freizeit- und Unterhaltungsmarktes zu tun: Das Bedürfnis, sich von der Arbeit zu erholen, ist vom Gegenpart der Arbeit, dem Kapital, als Geschäftssphäre entdeckt worden und wird von ihm in immer vielfältigerer und raffinierterer Weise bedient. Hand in Hand einher damit – ohne daß man recht zu urteilen vermöchte, was Ursache, was Wirkung sei – geht die „Erholisierung“ des Geistes: Mehr und mehr meinen die Menschen in der modernen und postmodernen Gesellschaft, die in der Arbeit ganz außer sich sind, in der bloßen Erholung, in der reinen Zerstreuung endlich ganz bei sich zu sein. Ausgerechnet! Sind sie im Arbeitsleben zur Gänze Bedingungen ausgesetzt, die sie nicht in der eigenen Hand haben, und Zwecken unterworfen, die nicht die ihren sind, so lassen sie sich in ihrer Freizeit zum Spielball von diffusen Eindrücken und Impulsen machen; ihr Ich zerstreut sich und ist überall und nirgends. Da wird pizzaessenderweise mitunter gleichzeitig getwittert, telefoniert, ferngesehn, Musik aus dem Netz gesaugt, per Facebook oder via eMail ein Date vereinbart und nebenher womöglich noch an der Bachelor-Arbeit rumgedoktert.

Diese Tendenz treibt in der Welt der modernen Medien besonders extreme Blüten, die auf den Geist zurückwirken: Smartphone, Facebook und Twitter sind Werkzeuge und Medien, die die Persönlichkeit zur völligen Zerstreuung: nämlich zur vollendeten Zerstreutheit, zur Auflösung verführen bzw. so etwas wie Persönlichkeit möglicherweise gar nicht erst heranreifen lassen: Das Ich verliert sich in der virtuellen Welt. Die Bemerkung Adornos in seiner Minima Moralia, daß es „bei vielen Menschen … bereits eine Unverschämtheit [ist], wenn sie Ich sagen“, stellt in der heutigen (nach-)bürgerlichen Gesellschaft Wahrheit nicht mehr, wie zu Adornos Zeiten, bloß über „viele“, sondern über womöglich die Mehrheit der in ihr lebenden Menschen dar.