Fliehen-Kämpfen-Kapitulieren - Mareike Pohl - E-Book

Fliehen-Kämpfen-Kapitulieren E-Book

Mareike Pohl

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Beschreibung

Das Mittelalter ist anders, fremd und für uns heute oft unverständlich & viele Forschungen der letzten Jahre befassten sich intensiv mit der Alterität, der Andersartigkeit des Mittelalters und seiner Akteure. Vielfach wird davon ausgegangen, dass im Mittelalter mehr die Symbolik als das rationale Handeln die Politik der Regierenden bestimmte. Handelte aber ein Herrscher wie Friedrich Barbarossa auch gegen den "gesunden Menschenverstand", um seine Ehre zu verteidigen? Oftmals gerät dabei aus dem Blick, dass es auch zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen heute und damals gibt, gerade wenn es um Entscheidungen mittelalterlicher Akteure geht. Mithilfe moderner soziologischer Theorien über menschliches Handeln wie der Rational-Choice-Theorie wird auf Grundlage der soliden Quellenbasis und -kenntnis gezeigt, dass rationales Handeln entgegen bisheriger Annahmen doch sehr viel wahrscheinlicher war, als bislang geglaubt. Anhand zentraler Themenfelder der Barbarossazeit wie Handeln in Schlachten (Fliehen, Kämpfen ausweichen, Kämpfen auch bei klarer Unterlegenheit) oder Geld als Tauschgut (auch und gerade gegen Ehre, Lösegeld oder Gnade) wird diesen Leitfragen nachgegangen und gezeigt, dass symbolhaftes und zweckrationales Handeln sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, sich einander im besten Fall sogar ergänzen.

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Seitenzahl: 583

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Das Mittelalter ist anders, fremd und für uns heute oft unverständlich & viele Forschungen der letzten Jahre befassten sich intensiv mit der Alterität, der Andersartigkeit des Mittelalters und seiner Akteure. Vielfach wird davon ausgegangen, dass im Mittelalter mehr die Symbolik als das rationale Handeln die Politik der Regierenden bestimmte. Handelte aber ein Herrscher wie Friedrich Barbarossa auch gegen den 'gesunden Menschenverstand>, um seine Ehre zu verteidigen? Oftmals gerät dabei aus dem Blick, dass es auch zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen heute und damals gibt, gerade wenn es um Entscheidungen mittelalterlicher Akteure geht. Mithilfe moderner soziologischer Theorien über menschliches Handeln wie der Rational-Choice-Theorie wird auf Grundlage der soliden Quellenbasis und -kenntnis gezeigt, dass rationales Handeln entgegen bisheriger Annahmen doch sehr viel wahrscheinlicher war, als bislang geglaubt. Anhand zentraler Themenfelder der Barbarossazeit wie Handeln in Schlachten (Fliehen, Kämpfen ausweichen, Kämpfen auch bei klarer Unterlegenheit) oder Geld als Tauschgut (auch und gerade gegen Ehre, Lösegeld oder Gnade) wird diesen Leitfragen nachgegangen und gezeigt, dass symbolhaftes und zweckrationales Handeln sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, sich einander im besten Fall sogar ergänzen.

WEGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Herausgegeben von Hans-Henning Kortüm, Wolfram Pyta, Manfred Rudersdorf und Christoph Schäfer

Mareike Pohl

FLIEHEN – KÄMPFEN – KAPITULIEREN

Rationales Handeln im Zeitalter Friedrich Barbarossas

Verlag W. Kohlhammer

Für Mathilde Pohl

Die vorliegende Arbeit wurde im Juli 2012 von der Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften der Universität Regensburg als Dissertation angenommen. Die Studienstiftung des deutschen Volkes förderte die Arbeit mit einem Promotionsstipendium.

D 355 Alle Rechte vorbehalten © 2014 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-023418-5

E-Book-Formate

epub:

978-3-17-027214-9

mobi:

978-3-17-027215-6

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

1.1 Menschliches Handeln – Alterität oder Kontinuität?

1.2 Methode und Theorie

1.2.1 Probleme und Grenzen der Quellenanalyse

1.2.2 Quellenbasis

1.2.3 Methode

1.2.4 Austauschtheorie nach George C. Homans

1.2.5 Rational-Choice-Theorie

1.3 Überlegungen zum Forschungsstand

1.3.1 Rituale und symbolische Kommunikation

1.3.2 Historische Biographie

1.3.3 Honor imperii – Ehre als „typisch mittelalterliches“ Handlungsmotiv?

2 KAMPF ODER NICHT KAMPF? – EINE FRAGE DER ERFOLGSCHANCEN

2.1 Handeln in Situationen ohne Fluchtmöglichkeit

2.1.1 Tatort Tusculum – Zwei Erzbischöfe in Bedrängnis

2.2 Handeln in aussichtslosen Situationen – (K)ein Kampf bis zum letzten Mann

2.2.1 Die Räuber von Verona

2.2.2 Flucht statt Ehrsucht

2.3 Carcano 1160 und Legnano 1176 – Zwei Niederlagen im Vergleich

2.3.1 Legnano 1176

2.3.2 Carcano 1160

3 UNERWÜNSCHTE ALLEINGÄNGE – EINZELNE GEFÄHRDEN DEN KOLLEKTIVNUTZEN

3.1 Zu viel Wagemut

3.1.1 Marktrecht für Lodi – kein Anlass zur Freude

3.1.2 Tadel für Lodi – audacia ist nicht erwünscht

3.1.3 Gescheiterte Provokation am Ufer der Adda

3.1.4 Das tragische „Schicksal“ des Grafen Ekbert

3.1.5 Heldendämmerung?

3.2 Zu wenig Wagemut

3.2.1 Misslungener Generalangriff vor Crema

3.2.2 Keine Lust auf Krieg

3.2.3 Kriegsmüde? – Kriegsbegeistert?

3.3 Zwischen kollektiver Disziplin und individuellem Profitstreben

3.3.1 Die Lagergesetze Barbarossas

3.3.2 Beute – Lizenz zum Plündern

3.3.3 Grenzen der Nutzenmaximierung: Versorgungsprobleme

3.4 Venedig 1177 – Das Problem der antagonistischen Kooperation

3.4.1 Unzuverlässige Bündnispartner – Risiko für den Frieden

3.4.2 Verhandlungen mit dem Papst

3.4.3 Verhandlungen mit den Venezianern

4 SCHMUTZIGE TRICKS UND LISTEN ALS STRATEGIEN

4.1 Die Belagerung Cremas als Chicken Game

4.2 Kampf um Tortona

4.2.1 Technik und psychologische Kriegsführung

4.2.2 Parteiisches Handeln

4.2.3 Erwartungen an den Herrscher – Das Konzept der Treue

4.2.4 Zerstörung wider Willen oder Kriegslist?

4.3 „Wer andern eine Grube gräbt“ – Gescheiterte List vor Alessandria

4.4 Angriff aus dem Hinterhalt

5 KAPITULATION – EINE RATIONALE ENTSCHEIDUNG

5.1 Brescia 1158

5.2 Mailand 1158

5.3 Crema 1160

5.4 Mailand 1162

5.5 Brescia, Piacenza und Bologna 1162

5.6 Kapitulationsbedingungen und allgemeines Situationsmodell

6 „PECUNIA NON OLET“ – GELD ALS VIELSEITIGES TAUSCHGUT

6.1 Geld und Ehre

6.2 Geld gegen Gnade

6.3 Geld gegen Soldaten

6.4 Lösegeld – tot oder lebend!

6.5 Geld gegen Technik

7 SCHLUSSBETRACHTUNG

BIBLIOGRAPHIE

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 EINLEITUNG

1.1 Menschliches Handeln – Alterität oder Kontinuität?

Als Vinzenz von Prag, böhmischer Chronist und Teilnehmer des zweiten Italienzugs Barbarossas im Jahr 1158 an den Ufern der Adda vor den reißenden Fluten stand, die es zu überqueren galt, gingen seine Gedanken in folgende Richtung:

„Ich aber, Vinzenz, sah es für schlecht an, mich in solche Gefahr zu stürzen und zögerte. Ich dachte darüber nach, was in solch einer Situation zu tun nötig sei, und ließ mir eher vom Wohlergehen als vom Wagemut raten. Und so zog ich mit meinen Reisegefährten weiter, zusammen mit den Pavesen, die das Heer mit Lebensmitteln versorgten, und denen Wege und Brücken bekannt waren, zum Lager des Herzogs von Kärnten, der flussaufwärts eine starke Festung gegenüber der Burg Trezzo bezogen hatte, und verbrachte so die Nacht, wie es die Umstände erforderten. Am nächsten Morgen, am Fest des Heiligen Jakobus, überschritten ich und meine Gefährten unbeschadet all unserer Habe auf der Brücke des Kaisers sicher den Fluss. So kamen wir zum Lager unseres Königs [der Böhmen] und des Herrn Bischofs [von Prag], wo wir erfuhren, dass viele ertrunken waren, darunter auch Mladorka, der Schildträger unseres Bischofs.“1

Vinzenz hatte Angst, sich in die Fluten zu stürzen. Sein Leben, sein physisches Wohlbefinden war gefährdet. Dieses Risiko beurteilt er als malum, die Sicherung seines Lebens (salus) erhält den Vorzug vor Kühnheit (audacia). Die naheliegende Alternative, an Ort und Stelle den Fluss zu überqueren, war wenig verheißungsvoll. Die Wahrscheinlichkeit dabei zu ertrinken erschien Vinzenz viel zu hoch, so dass er begann, über mögliche Alternativen nachzudenken. Was konnte er tun, um das Risiko zu minimieren? Es musste einen besseren, einfacheren Weg über den Fluss geben. Und was ist in solch einer Situation naheliegender, als sich um weitere Informationen an Ortskundige zu wenden, in diesem Fall an einige im Heer mitziehende Bewohner der Stadt Pavia.

In der Tat offenbarte sich die Entscheidung als weise. Der sichere Übergang, ohne Verlust an Leben und Gütern, gelang über die flussaufwärts gelegene Brücke bei Cassano, über die auch Barbarossa selbst zog, der sich ebenfalls nicht blindlings in Gefahr begab.2 Die Nachricht vom Ertrinken einiger Landsleute bestätigte Vinzenz im Nachhinein, dass sein Handeln klug war. Diese sehr persönliche Beschreibung von Vinzenz‘ Ängsten, seinen Überlegungen und Bemühungen, der womöglich lebensgefährlichen Situation zu entrinnen, und schließlich die Strategie, mit der er die Lage meisterte, sind für den heutigen Leser unmittelbar eingängig und bedürfen eigentlich keiner weiteren Interpretation, um verstanden zu werden. Die „Fremdheit“ des mittelalterlichen Akteurs und seiner Handlungsweise sucht man in dieser Stelle vergeblich.

In der jüngeren Forschung wurde und wird wiederholt diese Fremdheit und Andersartigkeit, die „Alterität“ des Mittelalters betont.3 Im Wissen um die Gefahr, die eigenen Verhältnisse unkritisch auf die Vergangenheit zu übertragen, betonten Mittelalterhistoriker oft mehr die Unterschiede zur eigenen Gegenwart als die Gemeinsamkeiten. Diese Forschungstradition lenkte den Blick auf bis dahin kaum wahrgenommene, wichtige Aspekte des mittelalterlichen Lebens und half, das Bewusstsein der Forschung für das Risiko anachronistischer Fehlschlüsse zu sensibilisieren.

Die Fremdheit und bunte Exotik des Mittelalters erklärt auch, warum sich gerade diese Epoche, gewissermaßen als Utopie ferner Zeiten, in breiten Schichten der Bevölkerung so großer Beliebtheit erfreut. Nicht nur in unzähligen historischen Romanen, sondern auch auf „mittelalterlichen“ Events werden Klischees und Vorstellungen über das Mittelalter kolportiert. Damals habe man noch im Einklang mit der Natur gelebt, alles war bunt, das Leben einfach und überschaubar. Es war eine Welt, in der es noch echte Helden gab, die auf edlen Rössern in schimmernder Rüstung mit bunten Wimpeln in die Schlacht zogen, um für die Ehre zu kämpfen. Eine Zeit, in der es noch echte Werte gab, fernab von Kapitalismus und Zweckdenken. Der andere Aspekt, der den Erfolg des Mittelalters besonders in Buch und Film möglich macht, ist aber genau der der Ähnlichkeit. Handlungen, Entscheidungen und Gefühle müssen nachvollziehbar sein, damit sich der heutige Betrachter mit der Roman- oder Filmfigur identifizieren kann. Der Mensch des Mittelalters war eben doch nicht zu anders, hatte im Prinzip dieselben Probleme wie wir heute, so die Botschaft vieler historischer Romane und Filme.

Gerne wird in der Forschung die Fremdheit des Mittelalters betont, die Schwierigkeit, das Denken und Handeln mittelalterlicher Menschen nachzuvollziehen. Einen Herrscher etwa als Individuum zu fassen, sei fast unmöglich, man müsse ihn „aus seiner Zeit heraus“ verstehen.4 Doch so lange niemand eine Zeitmaschine erfindet, mit der wir eventuell bessere Chancen dazu hätten, ist doch sehr fraglich, ob wir das überhaupt können und ob es auf Dauer Sinn macht, eine solche Forderung wieder und wieder zu stellen. Unter der Prämisse der Alterität läuft man auch als Historiker Gefahr, das Mittelalter als scheinbaren Gegenentwurf zu unserer Zeit wahrzunehmen oder gar zu konstruieren. Hier beginnt sich langsam eine Trendwende abzuzeichnen. Der Germanist Manuel Braun aus Stuttgart setzt sich kritisch mit dem Alteritätskonzept auseinander und warnt: „Die Mediävistik verzeichnet das Bild vom Mittelalter, wenn sie dieses nur noch unter der Perspektive der Alterität wahrnimmt.“5 Er fordert daher „die Gegenperspektive einzunehmen und zu fragen, ob unser Bild vom Mittelalter nicht klarer und kompletter wird, wenn wir wieder stärker auf Konstanten achten.“6

Die vorliegende Dissertation befasst sich unter anderem auch mit dieser eigentlich grundlegenden methodischen Frage: Wenn das Mittelalter wirklich so anders war, haben wir dann überhaupt eine Chance, mittelalterliche Akteure und ihr Handeln zu verstehen? Und wenn ja, warum? Es erscheint daher sinnvoll, nach der Kontinuität von Handeln, nach Gemeinsamkeiten und anthropologischen Konstanten zu suchen, und nicht unbedingt in erster Linie nach dem, was „anders“ war. Denn wirkliche, nicht nur konstruierte Alterität, können wir heute sowieso nur schwer verstehen und erklären, wir können sie oft nur feststellen. Wir haben kein Problem, einem römischen Feldherrn wie Cäsar rationales Zweckdenken und kaltes Kalkül zu unterstellen, bei mittelalterlichen Akteuren tun wir uns damit viel schwerer. Ist es vielleicht an der Zeit, sich von beliebten und unbewusst gehegten Klischees zu befreien?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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