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Dieses Buch ist ein Vademecum für Pianisten und alle, die sich für Musiktheorie im Allgemeinen und für die kompositorische Welt Schumanns im Speziellen interessieren. Es zeigt, wie die Geisteswelt der Romantik sich in diesem Werk spiegelt, dessen Anlage von den zwei Seelen, die in der Brust Schumanns wohnen, bestimmt wird: Florestan und Eusebius.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Delphine
Prolog
Florestan und Eusebius
Außermusikalisch und innermusikalisch
1. Satz, Allegro affettuoso
Der Anfang
Die sich entwickelnde Variation
Freigabe, Vorgang
Im Legendenton
Intermezzo
Barform
Der Tanz
Aus uralten Zeiten
Der Schlußtaumel
Epilog
Was ist Romantik? Was ist romantisch?
Der romantische Mensch und mit ihm der romantische Künstler verliert sich in seinen Gefühlen und seinen Sehnsüchten. Er sucht das Bessere in einer anderen Welt. Er macht sich auf den Weg, die blaue Blume zu finden. Er ist dem Leben ausgeliefert, er zerfließt, er „kommt der Welt abhanden“...
Nicht das Gefühl sucht er, sondern die Befreiung davon, die Befreiung von der Qual. Er sucht seine Wurzeln, seine Heimat, die Ruhe. Er findet sie in der blauen Blume, unter dem Lindenbaum, selbst im Tode findet er sie oder nur dort in letztlicher Konsequenz, dann nämlich, wenn der Bach den müden Wanderer mit seinen Fluten umarmt. Doch was ist, wenn auch der Totenacker kein Wirtshaus mehr ist, wo er sich endlich zur Ruhe legen könnte nach langer und vergeblicher Wanderschaft, was ist, wenn diese unbarmherzige Schänke ihn abweist und er weiter muß, immer weiter? Sind die Nebensonnen, die in Schuberts „Winterreise“ dem „Wirtshaus“ folgen, ein seelisches „Whiteout“, eine Erblindung im Weißen, wie man es im Winter im Gebirg erlebt, wenn der Nebel das Weiße der Schneefläche mit dem Himmel verschmelzen läßt und es keinen Horizont mehr gibt, keine verheißungsvolle Ferne? Und was kommt dann? Wer ist der Leiermann, der alles gehen läßt, wie es will? Ist es jener Gott, der schon längst totgegaubt war?...
Der romantische Mensch hat keine Wurzeln mehr. Er ist sich selbst und seiner Welt fremd geworden. Das Wort „fremd“ ist eines der wichtigsten überhaupt im 19. Jahrhundert. Das erste Wort der „Winterreise“ Schuberts: „Fremd bin ich eingezogen“, setzt auf dem höchsten Ton der Melodie an. „In der Fremde“ heißt ein Gedicht Eichdorffs, das ist das erste Lied des Zyklus „Liederkreis“ von Schumann:
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
da kommen die Wolken her
Aber Vater und Mutter sind lange tot
es kennt mich dort keiner mehr.
Und später:
...und über mir rauscht die stille Waldeinsamkeit...
Der Blick geht plötzlich in die Natur, ein unvermittelter Kameraschwenk von der Innen- zur Außenwelt. Doch sind Innen- und Außenwelt identisch. Was ist denn die Natur anderes als ein Abbild der Seele des Wanderers? Mehr noch, sie ist seine Seele, durch die er wandert. Fremde, Natur, Wanderer, drei Idiome der Romantik. Den Wanderer finden wir in der „Winterreise“ und der „Schönen Müllerin“, ebenso wie in dem harmlosen Zyklus „Songs of Travel“ von Vaughn-Williams („Whither must I wander“), und, natürlich, in Wagners gigantischem Ring. Denn auch Wotan, der traurige Gott, wird der „Wanderer“ genannt, und als solcher erscheint er Siegmund und Siegfried. Er wandert durch seine schöne neue frühindustrielle Welt, die dem Untergang geweiht ist durch Gier, Vertragsbruch und moralische Schwäche - alles seine Schuld, denn er hört nicht auf die Urwalla Erda, er „hütet“ sich nicht.
Der fremde, entwurzelte, heimatlose Wanderer streift durch die Natur und damit durch seine Seele, denn die Natur ist nichts als das Abbild seiner Seele:
Was ist die Welt so ruhig? Was ist die Welt so licht?
Als noch die Sürme tobten war ich so elend nicht
heißt es in dem Gedicht „Einsamkeit“ von Wilhelm Müller aus der „Winterreise“, und später, im „Stürmischen Morgen“, wird es ganz klar:
Dein Herz sieht an dem Himmel
gemalt sein eignes Bild
Es ist nichts als der Winter
Der Winter kalt und wild
Ich finde es interessant, daß dieses romantische Vokabular sich bis in die Gleichheit von Gedichttiteln fortpflanzt. Denn auch von Heine gibt es ein Gedicht mit dem Titel „In der Fremde“, mit dem gleichen Titel also wie das obige von Josef v. Eichendorff:
Es treibt dich fort von Ort zu Ort,
Du weißt nicht mal warum;
Im Winde klingt ein sanftes Wort,
Schaust dich verwundert um.
Die Liebe, die dahinten blieb,
Sie ruft dich sanft zurück:
O komm zurück, ich hab dich lieb,
Du bist mein einzges Glück!
Doch weiter, weiter, sonder Rast,
Du darfst nicht stillestehn;
Was du so sehr geliebet hast,
Sollst du nicht wiedersehn.
Mit dem Idiom der Fremde und des Wanderns geht Hand in Hand der bittere Abschied. Wie im letzten Lied „Der Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“ von Mahler, der das Originalgedicht von Wang Wei so übersetzte:
Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin
Er führe und auch warum es müßte sein.
Er sprach, seine Stimme war umflort: Du, mein Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!
Wohin ich geh? Ich geh, ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte.
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!
Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig
Blauen licht die Fernen!
Ewig... ewig...
Zurückkehren in die Heimat: „du fändest Ruhe dort“ rauscht der Lindenbaum verheißungsvoll dem Winterreisen-Wanderer in dem Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ entgegen, aus holder Jugendzeit. Doch: „Holde Jugend, kehrst nie mehr zu mir zurück“, so klagt es in einem Lied von Robert Stolz, das meine Großmutter oft beim Bügeln sang. Eine lächelnde Klage, eine ergebene Klage, mit einer Träne und einem Achselzucken, jenem Achselzucken der Marschallin am Schluß des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss, als sie Abschied nimmt vom blutjungen Oktavian, dem Gesetz des Lebens folgend, dem Gesetz des Alterns und des Abschieds...“Ja, Ja“, mehr gibt es für sie nicht mehr zu sagen, so segnet sie ihren Geliebten...
Der Abschied, die Wanderung in die Fremde, der Verlust der Heimat und die Erinnerung daran, die Sehnsucht, das sind die großen Themen der Romantik. Dieses auch in weiterem Sinne: der Abschied vom Leben, die Fremdheit im Leben selbst (wobei das Leben die Wanderung ist, wandernd leben wir), die Suche nach etwas Besserem, Erlösendem jenseits des Lebens, als Ziel der Wanderung. Der Tod nicht als etwas Bedrohliches also, sondern als Erlösung, als friedvolle Verheißung - das sind die Transzendenzen, die aus dem vierten Rückertlied Gustav Mahlers hervorscheinen, siehe unten. Und der Schlußakkord, eigenartig offen bei aller Geschlossenheit mit hinzugefügter Sexte, läßt Mahler nicht los. Er greift ihn auf am Schluß des Adagiettos der 5. Sinfonie, ein Selbstzitat zweifellos, und auch Alban Berg endet sein Violinkonzert mit ihm. Er weiß um die Assoziationskraft dieses Akkordes, klanggewordener Abschied, eine eingefrorene Melodie, die auf der sechsten Stufe stillsteht, doch gleichzeitig zur Auflösung, zur 5. Stufe, erklingt: kaum noch Dissonanz zu nennen, ein weicher, sanfter Abschied, mit lächelndem Winken am Schluß, fast tröstlich, so unbeschreiblich hart es auch immer sei: dem Andenken eines Engels.
Hier der Text des vierten Rückert-Liedes von Mahler:
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange von mir nichts vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
...
Ich bin gestorben dem Weltgewimmel
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet.
Ich leb‘ allein in mir und meinem Himmel
In meinem Lieben, in meinem Lied.
Welche Auswirkungen hat das alles auf die Zeit im Allgemeinen, dann auf die Musik und das Musikverständnis im Allgemeinen, dann Schumann im Speziellen, schließlich auf sein Klavierkonzert?
Der romantische Mensch antwortet auf zweierlei Weisen auf seine Zeit. Darauf, daß nichts mehr ist, wie es war, daß alle Wurzeln verloren sind, die vertrauten Strukturen, der Glaube. Darauf, daß der Mensch allein ist, auf sich allein gestellt. Darauf, daß er seinen Weg allein gehen muß in eine neue Zeit. (Und mancher hat die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hellsichtig kommen sehen, Nietzsche zum Beispiel.) Darauf, daß wir „von Klippe zu Klippe geworfen sind“, wie Hölderlin sagt.
Wie also reagiert der romantische Mensch?
Einerseits rückgewandt: Er sehnt sich nach der Ferne, nach der Heimat. Dieses räumlich („hinter der Blitzen rot“) oder zeitlich: Die „gute alte Zeit“ wird zum kollektiven Affekt. Die Haltung des Großvaters, der seinen Enkeln von seiner Jugend erzählt oder „ein Märchen aus uralten Zeiten“ (Heine, Loreley) wird zum gesellschaftlichen und kulturellen Phänomen. „Es war einmal“, so beginnen alle Märchen der Gebrüder Grimm aus dem 19. Jahrhundert. „Im Legendenton“, so heißt es bei Schumann in seiner Fantasie op.17. „Eingeschlafen auf der Lauer droben ist der alte Ritter“, so beginnt das Gedicht „Auf der Burg“ Eichendorffs. Oder hier ein anderes von ihm, die erste Strofe aus dem Gedicht „Schöne Fremde“:
Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund
Um die halbversunknen Mauern
Die alten Götter die Rund.
Und im „Lyrischen Intermezzo“ von Heine heißt es:
Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland
Dieser Aspekt der Romantik heißt „Historismus“. Die Sehnsucht nach der Heimat aus der Fremde ist hier zeitlich, geschichtsverklärend; wohlgemerkt eine kollektive Strömung in Deutschland, keine vereinzelte. Es werden Möbel gebaut, die ausschauen wie der Thron Pippin des Kurzen. Gebäude erinnern an Romanik oder Gotik. Das Gemälde „Der Sängerkrieg“ auf der Wartburg von Moritz v. Schwind erinnert an ein byzantinisches Fresco. Die Musik träumt von vor-Bach‘scher „Reinheit“. Man sehnt sich nach Palestrina, freilich ohne ihn zu wirklich zu kennen.
