14,90 €
Das Leben mit einem Kind — eine Aufgabe. Das Leben mit einem hochbegabten Kind — eine herausfordernde Aufgabe. Das Leben mit einem höchstbegabten Kind — eine Herausforderung! Als Bastian im Juli 2000 zur Welt kam, freuten sich die Eltern auf eine spannende Zeit. Auf vieles hatten sie sich vorbereitet. Doch von Beginn an hielt das Leben mit Bastian viele Überraschungen bereit. Mit zwei Jahren las er die ersten Buchstaben, mit vier wollte er unbedingt Chinesisch lernen, mit sieben war er schulisch am Anfang der fünften Klasse (Schweizer Schulsystem), mit zehn Jahren sprach er acht Sprachen und in seinem dreizehnten Lebensjahr war er auf dem Weg, die britische Matura abzuschließen. Dies verlangte von den Eltern immer wieder unkonventionelle Lösungen wie einen Aufenthalt in Singapur, Flexibilität beim Wechseln von Schulen, Durchsetzungsvermögen im Kampf mit Behörden und Lehrkräften und nicht zuletzt ein dickes Fell im Umgang mit den Mitmenschen. Jedes Kind will in seiner Entwicklung gefordert und gefördert werden. Was aber, wenn dies das übliche Maß bis weit über die Schmerzgrenze hinaus übersteigt? Das Buch ist der Erfahrungsbericht einer Mutter mit ihrem höchstbegabten Jungen und zeigt, dass Hochbegabung zugleich Fluch als auch Segen sein kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2014
Renate Eichenberger
Fluch oder Segen?
Das Leben mit einem hochbegabten Kind
Copyright: © 2014 Renate Eichenberger
Lektorat: Erik Kinting, buchlektorat.net
Umschlaggestaltung: Erik Kinting mit Kurt Meier, studioart.ch
Foto: Kurt Meier
Collage auf Umschlag: Bastian Eichenberger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
Vorwort von Susanna Pap, Bastians Privatlehrerin
Prolog
13 Jahre 10 Monate
Geburt
Die ersten Tage zu Hause
2 Wochen
3 Wochen
4 Wochen
5 Wochen
6 Wochen
7 Wochen
2 Monate
3 Monate
4 Monate
5 Monate
6 Monate
7 Monate
9 Monate
1 Jahr
1 Jahr 1 Monat
1 Jahr 2 Monate
1 Jahr 3 Monate
1 Jahr 4 Monate
1 Jahr 6 Monate
1 Jahr 9 Monate
2 Jahre
2 Jahre 5 Monate
2 Jahre 6 Monate
2 Jahre 7 Monate
2 Jahre 8 Monate
2 Jahre 9 Monate
3 Jahre
3 Jahre 1 Monat
3 Jahre 2 Monate
3 Jahre 3 Monate
3 Jahre 4 Monate
3 Jahre 8 Monate
3 Jahre 9 Monate
3 Jahre 10 Monate
3 Jahre 11 Monate
4 Jahre
4 Jahre 3 Monate
4 Jahre 4 Monate
4 Jahre 6 Monate
4 Jahre 7 Monate
4 Jahre 8 Monate
4 Jahre 9 Monate
4 Jahre 10 Monate
4 Jahre 11 Monate
5 Jahre
5 Jahre 1 Monat
5 Jahre 2 Monate
5 Jahre 3 Monate
5 Jahre 4 Monate
5 Jahre 5 Monate
5 Jahre 6 Monate
5 Jahre 7 Monate
5 Jahre 9 Monate
5 Jahre 10 Monate
5 Jahre 11 Monate
6 Jahre
6 Jahre 1 Monat
6 Jahre 2 Monate
6 Jahre 3 Monate
6 Jahre 4 Monate
6 Jahre 5 Monate
6 Jahre 7 Monate
6 Jahre 8 Monate
6 Jahre 9 Monate
6 Jahre 10 Monate
6 Jahre 11 Monate
7 Jahre
7 Jahre 1 Monat
7 Jahre 2 Monate
7 Jahre 3 Monate
7 Jahre 4 Monate
7 Jahre 5 Monate
7 Jahre 6 Monate
7 Jahre 9 Monate
7 Jahre 10 Monate
7 Jahre 11 Monate
8 Jahre
8 Jahre 1 Monat
8 Jahre 2 Monate
8 Jahre 3 Monate
8 Jahre 4 Monate
8 Jahre 5 Monate
8 Jahre 6 Monate
8 Jahre 7 Monate
8 Jahre 8 Monate
8 Jahre 9 Monate
8 Jahre 10 Monate
8 Jahre 11 Monate
9 Jahre
9 Jahre 1 Monat
9 Jahre 2 Monate
9 Jahre 3 Monate
9 Jahre 5 Monate
9 Jahre 6 Monate
9 Jahre 7 Monate
9 Jahre 10 Monate
9 Jahre 11 Monate
10 Jahre
10 Jahre 6 Monate
10 Jahre 8 Monate
10 Jahre 9 Monate
10 Jahre 11 Monate
11 Jahre
11 Jahre 2 Monate
11 Jahre 3 Monate
11 Jahre 4 Monate
11 Jahre 5 Monate
11 Jahre 6 Monate
11 Jahre 7 Monate
11 Jahre 8 Monate
11 Jahre 9 Monate
11 Jahre 10 Monate
11 Jahre 11 Monate
12 Jahre
12 Jahre 1 Monat
12 Jahre 2 Monate
12 Jahre 3 Monate
12 Jahre 4 Monate
12 Jahre 5 Monate
12 Jahre 6 Monate
12 Jahre 8 Monate
12 Jahre 9 Monate
12 Jahre 10 Monate
12 Jahre 11 Monate
13 Jahre
15. August 2013 — Übergabe der Noten
13 Jahre 1 Monat
13 Jahre 2 Monate
13 Jahre 3 Monate
13 Jahre 5 Monate
13 Jahre 6 Monate
13 Jahre 7 Monate
13 Jahre 8 Monate
13 Jahre 10 Monate
Epilog
Die Autorin
Vorwort
In den letzten Jahren häuften sich die Nachfragen, was mein Sohn im Leben so mache und wie es ihm gehe. Dies motivierte mich dazu, Bastians Geschichte niederzuschreiben.
Ich widme dieses Buch den zwei wichtigsten Personen in meinem Leben: meinem Ehemann und meinem Sohn. Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles gemeinsam durchgemacht!
Mein Mann Manuel — Tausende von Stunden haben wir uns in den letzten Jahren mit unserem Sohn und seiner Hochbegabung auseinandergesetzt. Manuel hat zugehört, Geduld gehabt, Nerven gezeigt, wenn meine schon lange blank lagen, und mich in meinen Entscheidungen immer unterstützt.
Mein Sohn Bastian — er, der mir den Grund gab dieses Buch zu schreiben und mit seiner Hochbegabung im Leben zurechtkommen muss. Dabei hat er mir immer wieder gezeigt, wie glücklich er ist, dass ich ihn auf seinem steinigen Weg unterstütze.
Die folgende Geschichte ließ mich in den letzten Jahren alle Gefühlslagen erleben. Sie hat mich geprägt, gequält, aber auch amüsiert. Herzlichen Dank, Manuel und Bastian, dass ich dieses Buch schreiben durfte.
Der Inhalt dieses Buches ist eine Nacherzählung des Lebens meines Sohnes. Ich erzähle die Geschichte aus meiner Perspektive — so, wie ich die Situationen als Mutter erlebt habe. Alle Namen — außer denen meines Sohnes, meines Mannes und meinem — wurden geändert.
Die meisten Zitate wurden aus dem Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt.
Rückmeldungen sind willkommen unter: [email protected].
Ich freue mich auf Ihr Feedback und grüße Sie herzlich.
Renate Eichenberger
Vorwort von Susanna Pap, Bastians Privatlehrerin
Kürzlich führte ich mit einem Schüler das folgende Gespräch:
Frau Pap, gibt es eigentlich heutzutage noch richtige Helden? — Ja, aber sie sind sehr selten, wahrscheinlich waren sie das immer. Die meisten sehen übrigens nicht aus wie Herkules, manchmal sind sie sogar ziemlich klein. — So wie Yoda aus Star Wars? — Ja genau, ein grosser Geist kann eben auch in einem kleinen Körper stecken.
Ein hochbegabtes Kind, für das es keinen Platz zu geben scheint in unserer Gesellschaft, das zeitweise zu zerbrechen droht an der Sturheit und Beschränktheit unserer Systeme, Eltern, die an den Rand der Verzweiflung getrieben werden, aber auch eine unglaubliche Stärke, mit der diese Familie diese spezielle Herausforderung meistert … Die Schule ist für ein solches Kind eine Art Folter — sterben vor Langeweile wird von einer rhetorischen Floskel zur reellen Gefahr. Dies alles wirft einen Schatten auf die Idee der allgemeinen Schulpflicht, die hierzulande kaum diskutiert wird. Dabei gäbe es, gerade in Fällen von besonderer Begabung, durchaus andere Möglichkeiten.
Was haben Thomas Edison, Leonhard Euler, Blaise Pascal und Pierre Curie — um nur einige wenige zu nennen — gemeinsam? Sie gingen nicht zur Schule!
Der Entdeckergeist und das kreative Denken gehen verloren im routinemässigen Lehrbetrieb.
Albert Einstein
In England, USA und Australien besteht statt der Schulpflicht eine Bildungspflicht. Die Eltern müssen nachweisen, dass sie ihren Kindern eine angemessene Bildung zukommen lassen — wie sie das tun, ist ihnen überlassen. In unserem Land hingegen richtet sich alles nach einer von Bürokraten definierten Norm. Wer nicht hineinpasst wird zurechtgestutzt.
Dies ist die Geschichte von einem, der sich nicht zurechtstutzen lässt. Sie ist noch lange nicht zu Ende.
Viel Glück, kleiner Held!
Prolog
Liebe Leserin, lieber Leser. Was tun Sie, wenn Ihnen der Magen knurrt? Essen. — Was, wenn Ihnen die Augen im Stehen zufallen? Schlafen. — Wenn Sie Schmerzen haben? Zum Arzt gehen und Medikamente schlucken. — Was geschieht, wenn Sie diese Bedürfnisse nicht stillen? Es geht Ihnen nicht gut. Sie fühlen sich unwohl.
Was meinen Sie, wie es Menschen geht, die die Gabe haben in einzelnen oder mehreren Gebieten problemlos zu lernen, zu speichern, zu kombinieren, wenn sie nicht lernen beziehungsweise sich kein Wissen aneignen dürfen? Genau: Es geht ihnen nicht gut. Sie fühlen sich unwohl.
Ich spreche von hochbegabten Menschen. Sie gehören nicht ins Bild unserer Gesellschaft. Sie sind eine Randgruppe. Sie stehen abseits. Man grenzt sie aus. Viele von uns können nur schwer akzeptieren, wenn uns jemand im Denken einen Schritt voraus ist. Hochbegabte Menschen leiden in unserer Gesellschaft sehr stark unter vielen Vorurteilen, die über sie erzählt werden. Streber seien sie oder würden mit ihrem Wissen prahlen. Sie gelten als Personen, die angetrieben werden. Leute, die sich nichts gönnen. Das Lernen stehe immer im Vordergrund.
Ist dem wirklich so? Oder könnte es sein, dass der Kopf, das Gehirn von begabten Menschen einfach nur nach Nahrung, also nach Wissen verlangt?
Und was ist mit dem Know-how, mit dem unglaublichen Wissen und Potenzial dieser Menschen? Was ist mit ihren schier unbegrenzten Fähigkeiten? Wollen wir all das brachliegen lassen? Sollten wir es uns nicht zunutze machen, über unseren Schatten springen und als Eltern, Verwandte, Vorgesetzter oder Lehrer akzeptieren, wenn jüngere, weniger ausgebildete, weniger erfahrene Personen schon über mehr Wissen verfügen? Es ist keine Schmach, keine Niederlage, wenn man weniger weiß. Es ist eine tolle Fähigkeit, in der Lage zu sein, die Stärken anderer zu sehen und diese zu nutzen. Ich weiß, dass vieles im Zusammenhang mit dem Thema Hochbegabung unerklärlich, unbegreiflich und unrealistisch erscheint. Vieles habe ich als Mutter eines hochbegabten Sohnes in den letzten Jahren miterlebt, durchgemacht und gelernt. Diese Erfahrungen möchte ich teilen und vielleicht können auch Sie etwas lernen?
Auf den folgenden Seiten tauchen Sie ein, in die ersten Lebensjahre eines außergewöhnlichen und doch gewöhnlichen Jungen. Viel Spaß!
13 Jahre 10 Monate
Bastian ist dreizehn Jahre und zehn Monate alt, liebt Judo, Golf, Boxen, Curling und Tennis sowie das Klavierspiel. Er ministriert, ist Mitglied der Jugendfeuerwehr, hat ein unglaublich breites Allgemeinwissen, spricht acht Sprachen — Deutsch, Englisch, Chinesisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rätoromanisch und Latein — hat bereits den größten Teil der britischen Matura (Abitur) abgeschlossen und bereitet sich derzeit auf seine letzten Prüfungen in Biologie für den schulischen Abschluss vor. Doch wie kam es dazu?
Geburt
Montag, 24. Juli 2000, 20.17 Uhr. Ein Junge erblickte das Licht der Welt — unser Sohn Bastian.
Begonnen hatte alles schon ungefähr zehn Monate früher — in Paris. Doch die Details hierzu erspare ich Ihnen. Nur soviel: der Geburt voraus ging eine unkomplizierte, schöne und spannende Schwangerschaft. Ich hatte das ungeheure Glück und Privileg, dass ich die vorgeburtliche Zeit dem Ungeborenen und mir widmen durfte, ohne irgendeinem Berufsstress ausgesetzt gewesen zu sein. Ich hatte meinen Job als kaufmännische Angestellte im dritten Schwangerschaftsmonat an den Nagel gehängt und unterrichtete nur noch ein paar Schwimmstunden. So entstand eine enge Bindung zwischen meinem Bauch und mir.
Ich wusste lange Zeit nichts von der Schwangerschaft. Ich ahnte es, aber es gab keine Beweise. Ich wurde unmittelbar nach dem Absetzen der Pille schwanger. Schwangerschaftstests zeigten nie einen positiven Befund und mein Frauenarzt erklärte mich bei meinem ersten Besuch, ungefähr vier Wochen nach dem Ausbleiben der Periode, für paranoid. Er erklärte mir — ohne eine Untersuchung zu machen — dass es üblich sei, dass Blutungen nach dem Absetzen der Pille ausbleiben würden. Ich solle mir darüber keine Gedanken machen. Doch wer spürt besser als eine Frau, dass sich in ihrem Körper etwas verändert?
Nachdem sich nach drei Monaten immer noch keine Periode eingestellt hatte und sich weiter kein Schwangerschaftstest entsprechend verfärbte, suchte ich Dr. Meierhans ein weiteres Mal auf. Er meinte, dass wir wohl einmal einen Ultraschall machen sollten, denn drei Monate ohne Blutungen seien nun doch etwas lang. Und was entdeckte er auf dem Bildschirm? Er sah ganz deutlich ein menschliches Wesen in meinem Bauch. — Ich war im dritten Monat schwanger!
Errechneter Geburtstermin war Mitte Juli 2000. Herr Meierhans war zu dieser Zeit in den Ferien und ließ alle ärztlichen Unterlagen seinem Stellvertreter zukommen. Er war fest davon überzeugt, dass unser noch geschlechtsneutrales Kind termingerecht das Licht der Welt erblicken würde. Doch für den Fall, dass es anders kommen sollte, vereinbarten der Gynäkologe und ich einen erneuten Untersuchungstermin gleich nach seiner Rückkehr. Diesen nahm ich tatsächlich noch wahr, denn unser Nachwuchs ließ sich Zeit — viel Zeit.
Es war der 24. Juli 2000. Der Himmel versprach einen wunderschönen, lauwarmen Sommertag. Der Arzttermin war auf neun Uhr angesetzt. Ich erwachte früh an diesem Morgen und entschied mich deshalb, den Weg von unserem Wohnort Oberwil zum Arzt zu Fuß zurückzulegen. Oberwil liegt in der Schweiz, im Kanton Basel- Landschaft und gehört zur Agglomeration Basel. Mit einem Umweg spazierte ich gute zwei Stunden.
Bei meiner Ankunft in der Arztpraxis herrschte großes Staunen, denn man hatte nicht erwartet, mich noch einmal mit einem dicken Bauch zu sehen. Man glaubte mir auch nicht, dass es mir ausgezeichnet ging und ich zu Fuß gekommen war.
Herr Meierhans untersuchte mich und meinte, es sei nun wohl an der Zeit, dass wir etwas nachhelfen müssten. Er gab mir ein Zäpfchen, das die Geburt einleiten sollte. Ich erkundigte mich, wie lange es nun voraussichtlich dauern würde, bis die Wehen einsetzten. —Ungefähr 24 Stunden.
Ich informierte meinen 80 Kilometer entfernt arbeitenden Ehemann — er arbeitete zu jener Zeit als Betriebsökonom in einer Großbank — und stellte mich auf einen geruhsamen Nachmittag ein. Auf dem Weg nach Hause machte ich mir Gedanken, wie ich die letzten Stunden ohne Verpflichtungen genießen wollte. Während dieser Gedanken meldete sich der Hunger und so entschied ich kurzerhand im nächsten Laden einen Zwischenstopp einzulegen. Ich hatte unwahrscheinlich Appetit auf Sulzpastete — die kleinen Pastetchen mit viel Füllung und Teig.
Im Laden und auf dem weiteren Fußmarsch begann es in meinem Unterleib zu ziehen. Zu Hause verstärkte sich dieser Zug und wurde schließlich zu einem Schmerz. Waren das Wehen? Ich erinnerte mich daran, dass in einem der von mir mit großer Vorfreude gelesenen Schwangerschaftsbücher stand, dass ein Bad Linderung verschaffen würde. Ich legte mich in die mit lauwarmem Wasser gefüllte Wanne und verdrückte mit nur noch halb so viel Appetit ein Sulzpastetchen. Linderung verschaffte das Bad indes nicht. Ich versuchte mich abzulenken und legte die am frühen Morgen gewaschene Wäsche zusammen. Doch es nützte nichts.
So entschied ich mich, den Arzt telefonisch zu kontaktieren, um nachzufragen, ob es sich tatsächlich um Wehen handeln könnte. Er meinte ganz locker: „Ihren Schilderungen nach zu urteilen — ja.“ Es folgte als Nächstes ein Telefonat mit meinem Mann, er solle den nächsten Zug nehmen, sein Kind wolle auf die Welt kommen. Ich wies ihn zudem an, er solle mir sogleich ein Taxi nach Hause bestellen. Ich weiß nicht, ob ich die Adresse noch hätte durchgeben können. Gefühle von Schmerz und Vorfreude, Unsicherheit und Erleichterung, Angst und Unglaube wechselten sich blitzschnell ab.
Die wenigen Minuten, die ich auf die Ankunft meines Taxis warten musste, empfand ich als Ewigkeit. Das Ziehen im Bauch wurde mit jeder Minute stärker und schmerzhafter. Endlich kam mein Abholservice und brachte mich auf dem angeblich schnellsten Weg ins Geburtshaus nach Basel. Der Fahrer muss wohl gespürt haben, dass es mir nicht gut ging. Er quasselte unaufhörlich von seinen Töchtern und deren Geburten. Ich versuchte zwar möglichst höflich zu bleiben, doch nach Small Talk war mir definitiv nicht mehr zumute. Im Spital erwartete man mich. Bevor ich jedoch einen Gebärsaal beziehen dürfe, müsse ich ein paar Formulare ausfüllen, hieß es. Mir platzte fast der Kragen. Ich krümmte mich vor Schmerzen und sollte tatsächlich noch Unterlagen unterschreiben? Dies kam mir in Anbetracht der Tatsache, dass ich schon seit einigen Monaten für die Geburt angemeldet war, völlig daneben vor. Wahrscheinlich war ich auch nicht mehr wirklich freundlich und habe den Angestellten kurz und bündig mitgeteilt, dass sie mich jetzt in ein Bett bringen sollten und mein Mann oder ich diesen Papierkram später erledigen würden. — „Ich werde schon nicht davonlaufen!“ — Das half.
Über ein Wirrwarr von Treppen und Gängen wurde ich in ein Gebärzimmer gelotst. Später konnte ich mich weder daran erinnern, wo es lang ging, noch wie ich es geschafft hatte, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
Irgendwann lag ich auf weißen Lacken und atmete wie nach einem Hundertmeterlauf. Die Schmerzen waren unglaublich und das erste und bisher einzige Mal im meinem Leben wünschte ich mir, in Ohnmacht zu fallen und erst wieder aufzuwachen, wenn die Schmerzen vorüber wären.
Drei Hebammen kümmerten sich um mich. Die Damen stellten etwas überrascht fest, dass ich Sturmwehen hatte. Sturmwehen bedeuten, dass sich eine Wehe an die Nächste reiht — ohne Pause. Dies ist nicht nur schmerzhaft für die Gebärende, sondern erlaubt auch dem ungeborenen Kind keine Pause. Dies wiederum bedeutet, dass das ungeborene Lebewesen keine Chance hat das Licht der Welt zu erblicken und der dadurch entstehende Stress sein Leben gefährdet. Die Geburtshelferinnen meinten, sie müssten wohl meinen Arzt kontaktieren, um nachzufragen, was sie jetzt machen sollten. Ich schrie sie an, sie sollten mir endlich etwas gegen die Schmerzen geben. — Ich ertrage viel, aber dieser Schmerz war übermächtig. Zuerst müsse Herr Meierhans sein Einverständnis geben, hieß es.
„Dann gebt mir diesen Zettel, ich unterschreibe! Doch macht etwas!“
„Es tut uns leid, aber wir müssen da den ordentlichen Weg gehen.“
Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrich — es war sowieso viel zu viel — bis es plötzlich hieß, man dürfe mir eine PDA (Periduralanästhesie — eine Betäubung durch eine Spritze in die Wirbelsäule) verabreichen.
„Wow, endlich! Macht schon!“
Das dürfe nur eine Fachperson für Anästhesie durchführen und die sei gerade in einer Operation beschäftigt, hieß es nun. Ich glaubte, ich spinne. Es hieß weiteratmen und beten.
Plötzlich öffnete sich die Tür und mein Mann kam herein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn in diesem Moment nicht lieber auf den Mond geschossen hätte, denn für ihn hatte ich keine Nerven. Zudem trug er eine gemusterte Krawatte — absolut modisch zu jener Zeit, doch für meinen Zustand furchtbar. Statt ihn zu begrüßen, schrie ich ihn an, er solle diesen doofen Bändel um den Hals sofort ablegen. — Nein, gab keine Ehekrise; als alles vorüber war, habe ich mich für mein Benehmen entschuldigt und heute lachen wird darüber.
Etwas später traf endlich die Narkoseärztin ein. Eine nette Dame, die mich noch über Risiken und Nebenwirkungen aufklärte. Endlich bekam ich, wonach ich mich sehnte und nach etlichen Stunden konnte ich das erste Mal wieder ruhig, in normalem Rhythmus atmen. Ich hatte Zeit mich umzusehen und kurz zur Ruhe zu kommen.
Dann traf mein Gynäkologe ein. Er sah sich die ganze Sache in Ruhe an und wartete. Es verstrich mehr als eine Stunde, bis ihn eine Hebamme darauf aufmerksam machte, dass er sich vielleicht umziehen sollte, da es jeden Moment so weit sein konnte mit der Geburt. Irritiert stand er auf und verschwand. Nach einer Weile kam er tatsächlich in spitalüblicher Kleidung zurück. Mein Mann und ich machten uns schon unsere Gedanken und fragten uns, ob es wohl das erste Mal sei, dass dieser nette Herr einem Kind auf die Welt half.
Die Amüsements gingen weiter. Das anwesende Personal erkundigte sich bei Herrn Meierhans, wie er wohl gedenke dieses Kind zu holen. Zu holen? — Die Zeit wird es schon selber bringen, oder so ähnlich muss in diesem Moment wohl durch den Kopf des Halbgottes in Weiß gerauscht sein. Wieder verstrichen ein paar Minuten, die er vermutlich nutzte um seine Gedanken zu ordnen, um schließlich die Entscheidung zu treffen, dass er Werkzeug brauche. Werkzeug? In welcher Werkstatt waren wir denn da gelandet? Eine Zange! Ah, eine Zange. Er bekam das Gewünschte von den Hebammen und wollte zwei steril verpackte Teile zusammensetzen. Dies gelang nicht und in diesem Moment fragte ich mich endgültig, wer da vor mir saß. Ein Arzt? Eine studierte Person? Zu meiner Erleichterung stellte sich heraus, dass beim Verpacken der Zangen ein Fehler unterlaufen war und tatsächlich zwei gleiche Teile zusammen verpackt wurden, die nicht aufeinander passten. Es folgte ein zweiter Versuch. Es gelang. Nun konnte es ans Werk gehen.
Sechs Stunden später, um 20.17 Uhr war es dann soweit. Bastian erblickte das Licht der Welt. Ein kurzer Schrei und dann riss er die Augen auf.
Das kleine Lebewesen wurde mir auf den Bauch gelegt und ich war unendlich glücklich. Alles war dran! Welch kleine Hände und Füße … aber was für einen großen Kopf dieses Kerlchen da hatte. Ich war ganz stumm, doch in mir tobte es. Was für ein Wunder war da geschehen?
Für die nächsten Schritte wäre ich am liebsten aufgesprungen, doch diese blieben meinem Mann und den Hebammen vorbehalten. Ein erstes Bad, wiegen und messen: 3750 Gramm, 51 Zentimeter, Kopfumfang 41 Zentimeter. Er wurde angezogen und dann war Fototermin.
Dutzende Fotos von Füssen, Händen sowie Porträts wurden geschossen. Wir brauchten diese Bilder für die geplante Geburtsanzeige. Mein Mann hatte die glorreiche Idee, unserem Sohn seine erste Identitätskarte zu verpassen. In A5-Format wurde diese an unsere Freunde, Verwandten und sonstige Interessierte versandt. Selbstverständlich nur mit dem einen Ziel, möglichst viele Geschenke zu kriegen …
Nun gut, die Geburt war vorüber, die ersten Glücksgefühle verflogen, der Alltag konnte beginnen. Aus diesem Grund sollten wir den Gebärsaal gegen ein normales Spitalzimmer eintauschen. Wir hatten beschlossen, dass ich vier Tage diesen Hotelservice genießen würde, um anschließend fit und ausgeruht nach Hause gehen zu können. Doch bevor wir zu dritt diesen Zimmerwechsel vollziehen durften, nahmen die Hebammen — eine nach der anderen — unseren Sohn auf die Arme und jede machte eine Bemerkung: „Ein außergewöhnlicher Junge!“ — „Was für ein hübsches Baby!“ — „Welch aufmerksames Wesen!“ Mein Mann und ich hörten diese Sätze und waren stolz, waren wir doch gleicher Meinung. Doch wirklich ernst nahmen wir die Worte nicht. Wir taten sie mit dem Gedanken ab, dass das wohl über jedes Neugeborene gesagt würde. Kleine Kinder ziehen magisch an und den sowieso schon stolzen Eltern bereitet man so eine Freude.
Dann tauschten wir die vier Wände. Unser Sohn nahm unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Das erste Mal hatten mein Mann und ich die Gelegenheit, für ein paar Minuten mit dem Neugeborenen alleine zu sein. Wir genossen das. Doch langsam meldeten sich Bastians Bedürfnisse. Das erste Mal gab ich ihm die Brust. Ein enges, vertrautes Gefühl zwischen Sohn und Mutter, auch wenn bei diesem ersten Versuchen noch nicht viel Milch in den Magen des hungrigen Kerlchens zu fließen schien. Noch klappte es nicht ganz ohne Probleme.
Spät in dieser Nacht verabschiedete sich mein Mann, um zu Hause ein paar Minuten Schlaf zu bekommen. Er borgte sich meinen Hausschlüssel, denn vor lauter Aufregung hatte er den seinen im Büro liegen gelassen. Wir vereinbarten, dass Manuel am kommenden Abend wieder nach uns sehen würde — er wollte die vier Tage, die ich im Spital zubrachte arbeiten, um anschließend 14 Tage Urlaub zu nehmen.
Bastian war in ein kleines Bettchen mit Rollen gebettet und so schob ich ihn ganz dicht an mein Bett heran. Er schlief ohne nennenswerte Probleme und meldete sich nur einmal in jener Nacht, weil er Hunger hatte.
Der nächste Morgen kam schnell und geschlafen hatte ich nicht wirklich. Zu aufgewühlt und zu glücklich war ich. Zudem gab die Geburt mir einen echten Adrenalinschub, sodass ich kein Schlafmanko verspürte. Gebannt sah ich ins kleine Bett neben mir. Friedlich und zufrieden — gerade so, als ob nichts in der Welt ihn erschüttern könnte — lag Bastian auf der Seite und schlief. Ich beobachtete ihn und stellte fest, dass er einen unglaublich großen Hinterkopf hatte. Sonst fand ich ihn einfach nur herzig, toll, zum Anbeißen und war total in das kleine Wesen vernarrt.
Während ich in meinen Gedanken versunken war, öffnete sich die Zimmertür und mein Mann stand wieder da — mit kleinen Augen, die strahlten. Er hatte nicht bis zum Abend warten können, er wollte uns sehen. So stolz war er, der frischgebackene Vater.
An diesem Vormittag kam eine Schwester nach der anderen in mein Zimmer. Zu Beginn überlegte ich mir noch, dass da enorme Kosten im Gesundheitswesen gespart werden könnten, denn nicht jede Person hatte wirklich viel mit meinem Sohn, mir oder dem Zimmer zu tun. Doch schnell merkte ich, dass es sich hier um ein regelrechtes Babywatching handelte. Ich begriff zwar nicht, warum alle so entzückt waren, duldete aber die Besuche ohne zu murren, denn schließlich war da ja ein klein wenig Mutterstolz.
Bastian wurde an diesem Morgen von einem Kinderarzt des Spitals untersucht. Der Herr konnte nichts Außergewöhnliches feststellen und notierte auf seinem Formular: Alles in Ordnung. Darüber war ich sehr erfreut und erleichtert, denn ich litt im Vorfeld der Schwangerschaft über zehn Jahre lang an Magersucht und hatte Angst, dass mein Kind dadurch Schaden nehmen könnte.
Am Nachmittag dieses Dienstages ging der Besucherstress weiter. Allerdings waren es dann die ersten persönlichen Schaulustigen: Verwandte, die Bastian die Ehre erwiesen.
In der zweiten Nacht merkte ich, dass ich müde war. Bastian hingegen fand, man könne die Nacht zum Tag machen und war die ganze Zeit wach. Irgendwann nach Mitternacht — mir fielen die Augen im Sitzen zu — befasste ich mich ernsthaft mit dem Gedanken, ob ich Bastian wohl auf die Station geben sollte. Für so was war ich ja schließlich im Spital. Die Nachtschwestern würden für ein paar Stunden einen Blick auf das junge Lebewesen haben und ich mich erholen. Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf: Bin ich dann nicht eine Rabenmutter? — Mir geht es ja gut! — Sei nur keine Mimose, zu Hause musst du auch selber klarkommen! — Ja, aber jetzt hätte ich noch die Möglichkeit. — Nein, das tut man nicht!
Ein erstes Mal zerriss es meine Muttergefühle. In aller Erschöpfung begannen mir die Tränen über die Wangen zu laufen. Ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte — mitten in der Nacht. Kurzerhand wählte ich unsere Telefonnummer und weckte meinen selber übermüdeten Mann, was gleich einen neuen Schub von schlechtem Gewissen auslöste. Er unterstütze mich bei der Idee, Bastian den Schwestern zu geben. Nur so würde ich Ende der Woche das Spital einigermaßen ausgeruht verlassen können.
Schweren Herzens und aus Vernunftsgründen klingelte ich und übergab Bastian der Obhut Fremder. Im Nachhinein war dies eine gute Entscheidung.
Die Tage im Spital vergingen wie im Flug. Bastian war mehr oder weniger die ganze Zeit wach, ruhig und zufrieden. Einzig mit der Nahrungsaufnahme klappte es noch nicht ganz. Ich schien zu wenig nahrhafte Milch zu haben und so war der Appetit des Jungen jeweils nur für kurze Zeit gestillt. Damit er nicht hungern musste, versuchte ich ihn mit ein paar Löffeln eines kohlenhydratangereicherten Fencheltees zu füttern. Doch das mundete nicht. Nebenbei konnten Bastian und ich uns aneinander gewöhnen, den Umgang üben und vor allem die Scheu verlieren, dass bei einem so feinen Wesen etwas in die Brüche gehen könnte, wenn man es anfasst.
Endlich war Freitag. Ein letztes, erfrischendes Bad und eine abschließende kinderärztliche Untersuchung standen an. Alles war in Ordnung und so konnte es nach Hause gehen. Möglichst schnell wollte ich raus aus den Spitalmauern, doch der Weg zum Ausgang wurde beinahe zum Spießrutenlauf. Jeder und jede — wobei die weiblichen Personen eindeutig in der Überzahl waren — wollte sich von unserem Wonnepropen verabschieden. Langsam begannen mein Mann und ich uns zu fragen, was das Ganze sollte. Wir fragten nach, ob eine solche Verabschiedung üblich sei. Die Antwort überraschte uns: Bastian sei ein ganz spezielles Kind. Was genau mit speziell gemeint war, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen.
Bastian war während dieser Abschlusszeremonie die ganze Zeit über hellwach und es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, nein, er schien es zu genießen. Dass Bastian oft wach war, war mir schon in den vergangenen Tagen aufgefallen. Entgegen den Berichten in den Nachschlagewerken, schlief unser Spross pro Tag — wenn es hochkam — zehn Stunden. Die restliche Zeit sah er mit weit aufgerissenen Augen umher, gerade so, als würde er alles sehen, aufnehmen und beim Schlafen etwas verpassen.
Die ersten Tage zu Hause
Nach einer kurzen Autofahrt kamen wir zu Hause an. Ich freute mich riesig auf die eigene Wohnung, auf die Ruhe, die Gemeinsamkeit als Familie und darauf, wieder etwas unternehmen zu können und mich endlich wieder bewegen zu dürfen. Zum Joggen war es noch etwas früh, doch zügiges Gehen — mehr als nur in den Spitalgängen hin und her — das war schon mal was.
Bastian nahm den Ortswechsel gelassen hin. Mein Mann hielt ihn — wie eine zerbrechliche Puppe oder eine gewonnene Trophäe — voller Ehrfurcht in seinen Armen und war ganz angetan vom Werk der Natur. Bastian seinerseits genoss die Nähe sichtlich. Auch von seinem neuen Zuhause schien er angetan. Obschon vermutlich nicht viel von diesen Erlebnissen für sein restliches Leben hängen blieb, riss Bastian die Augen auf und begutachtete an den Wänden in seinem Zimmer viele verschiedene Hampelmänner.
Daraufhin fand ich, dass ich einen weiteren Tapetenwechsel ertragen und gerne unseren Kühlschrank mit Inhalt bestücken würde. Wir packten unseren Nachwuchs ein und begaben uns auf Einkaufstour ins nahegelegene Einkaufszentrum.
Wir waren mit Bastian ab dem ersten Tag zu Hause aktiv und unterwegs. Gerne unternahmen wir jeweils Spaziergänge in die Stadt oder über Felder und Wiesen. Da ich stillte, war die Nahrungsversorgung für Bastian stets gewährleistet. Ich fühlte mich damit unabhängig und frei. Zudem klappte das Stillen inzwischen ganz gut. Einzig der Rhythmus war eine Sache für sich: Jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte einen Rhythmus zu haben, fand Bastian, die Rhythmen seien da, um verändert zu werden.
Für unsere Aktivitäten hatten wir uns im Vorfeld ein Tragetuch besorgt, das uns nun einen tollen Dienst erweisen sollte. Der Kinderwagen diente eigentlich nur zum Joggen und für den Fall, dass eine andere Person mit dem Jungen unterwegs war. Für uns hatte das Herumtragen von Bastian nichts mit Verwöhnen zu tun, im Gegenteil. Auf der einen Seite betrachteten wir es als etwas völlig Natürliches — das machen uns die Affen doch vor — auf der anderen Seite fanden wir es die einfachste Variante ein Kind zu transportieren. Bastian fühlte stets unsere Körpernähe, die Geborgenheit, sah von Beginn weg alles aus senkrechter Perspektive und es hatte zu guter Letzt den tollen Nebeneffekt für mich, die Hände freizuhaben.
In diesen ersten Tagen zu Hause lief mit Bastian alles problemlos. Er war ein auffällig ruhiges Kind. Ich hatte mich in der Schwangerschaft genau auf das Gegenteil eingestellt, sodass ich es jetzt umso mehr genoss. Der kleine Mann weinte nur, wobei es eigentlich mehr ein Wimmern war, wenn er Hunger hatte. Ansonsten weinte er genauso wenig wie er schlief.
2 Wochen
Zwei Wochen nach der Geburt holten wir das erste Mal das Fahrrad hervor. Zur Geburt hatten wir uns einen Fahrradanhänger angeschafft, mit dem wir in den kommenden Jahren noch unzählige Kilometer zurücklegen sollten. Bevor wir starten konnten, mussten wir mit Span-Sets den Kindersitz fixieren, denn zu jener Zeit waren Fahrradanhänger noch nicht für ganz kleine Kinder gedacht. Die erste Ausfahrt gefiel Bastian allerdings nicht sehr. Sein Magen entleerte sich — leider in die falsche Richtung. Ob es am Gerüttel, an der Wärme oder an etwas Unbekanntem lag — wir werden es nie erfahren. Doch da es sich bei diesem Unglück um das einzige dieser Art handelte, gingen wir davon aus, dass Bastian das Anhängerfahren nicht schaden würde. Dies wurde später durch Plappern und Singen bestätigt.
Für mich war dieses Transportmittel der absolute Traum: Schnell, unabhängig, an der frischen Luft und mit viel Bewegung — was wollte ich mehr? Fortan ging es von A nach B per Fahrrad und dann weiter im Tragetuch. Zwischendurch stieg ich auch einmal in die öffentlichen Verkehrsmittel.
3 Wochen
Drei Wochen nach der Niederkunft schaffte es Bastian, seinen Kopf selbstständig zu heben, wenn er auf dem Bauch lag. Ab sofort brauchten wir sein Haupt nicht mehr ständig zu stützen. Wir entschieden uns deshalb, Bastian andersherum im Tragetuch zu tragen. Das heißt, der kleine Mann sah sich von unserer Brusthöhe aus die Umwelt an. Da es zudem in den klimatischen Zonen, in denen sich die Schweiz befindet, nicht immer sommerlich warm ist und die Temperaturen ab und an das Tragen wärmerer Kleidung erfordern, trugen wir Eltern jeweils eine große Jacke und schlossen diese über dem Tragetuch. Somit musste unser kleiner, bereits ziemlich kräftiger Nachwuchs draußen nicht frieren und wir mussten ihm nicht jedes Mal mehrere Kleiderschichten an- und ausziehen. Das Bild, das sich da bot, glich einem Känguru — ist doch bei diesen Tieren von den Jungen auch des Öfteren nur der Kopf über dem Beutel der Mutter zu sehen. Bastian streckte seinen Kopf betont nach vorne, sodass er das Geschehen um sich herum gut aufnehmen konnte. Dieses Bild schien die Mitmenschen zu beeindrucken oder zu amüsieren, bescherte es uns doch viele Kommentare.
4 Wochen
Nach den ersten vier Wochen besuchte ich gleich dreimal — nämlich das erste, einzige und letzte Mal zugleich — die Mütterberatung in unserem Dorf. Ich dachte damals, dort vielleicht etwas lernen zu können.
Die Beraterin wog unseren Sohn und sah ihn sich an. Ihr Kommentar: „Alles in der Norm.“ Was das auch immer bedeutete. Allerdings habe sie noch nie ein so kleines Kind mit einem derart großen Kopf gesehen! Ich war zufrieden und ernüchtert zugleich.
Da Bastian sehr wenig schlief, war ich dankbar, dass sich Bastians Großmutter väterlicherseits — Großmutti — ab und zu anbot, den Kleinen zu hüten. Sie rief immer wieder unaufgefordert an und fragte nach, ob ich gerade gestillt hätte, sie käme vorbei, um die nächsten paar Stunden mit ihrem Enkel zu verbringen.
Zum einen wollte ich meiner Schwiegermutter den Gefallen tun, dass sie ihren Enkel oft sehen durfte — ich erhoffte mir dadurch eine tolle Beziehung zwischen den beiden — und zum anderen fand ich das großartig, denn so blieb mir zwischendurch Zeit, die alltäglichen Dinge zu erledigen — den Haushalt nämlich.
Mit dem Tag der Aufgabe meines Bürojobs wurde ich automatisch Hausfrau. Gegen diese Bezeichnung lehne ich mich seither energisch auf, denn ich bin Mutter — mein Hausfrauen-Dasein läuft nebenher. Die meiste Zeit verbringe ich bis heute mit der Aufgabe, meinem Sohn eine gute Mutter zu sein, damit ich ihm möglichst vieles mit auf seinen Lebensweg geben und für ihn da sein kann, wann immer er mich nötig hat.
Ich genoss die Zeit ohne Bastian jeweils unter anderem mit Sporttreiben und Ruhen. Da mein Sohn sehr wenig schlief, legte ich mich, wenn ich alleine war, gerne für ein paar Minuten schlafen. Im Gegensatz zu meinem Sohn brauchte ich einige Stunden Schlaf, um das Leben genießen zu können. Bastian hingegen erwachte gerne und oft nachts und wollte dann nur schwer begreifen, warum er sogleich wieder einschlafen sollte. Das Leben war doch dazu da, um etwas zu entdecken. Nicht selten schritt ich nachts mit dem Kleinen auf den Armen und mit leiser Stimme summend die Räume unserer Wohnung ab.
Damit ich in der Nacht zu möglichst viel Schlaf kam, legten mein Mann und ich uns ein System zurecht. Bis ein Uhr in der Frühe war Papa-Zeit. Das heißt: wenn Bastian bis dahin nicht schlief, trug Manuel seinen Sohn herum und zögerte auch die Nahrungsaufnahme möglichst lange hinaus. Ungesüßter Tee, Wasser oder an Papas Finger lutschen erwiesen sich als hilfreiche Tricks. Um ein Uhr legte sich dann mein Mann hin und schlief so tief, dass auch zehn schreiende Bastians ihn nicht mehr aufgeweckt hätten und ich übernahm den Jungen.
5 Wochen
Fünf Wochen dauerte es und dann schlief Bastian in der Nacht fünf Stunden ohne Unterbruch. Meine Nächte wurden damit etwas geruhsamer. Doch nach diesen fünf Stunden fand Bastian jeweils, dass genug geschlafen sei. Und erstaunlicherweise reichten ihm diese fünf Stunden tatsächlich bis zum Mittag aus. Nach einer Mahlzeit in Milchform, schlief er noch einmal ungefähr eineinhalb Stunden. Das war es dann! Das heißt, Bastian schlief zu jener Zeit insgesamt ungefähr sechs bis sieben Stunden pro Tag.
Zur selben Zeit stellten wir fest, dass Bastian, wenn wir mit ihm auf dem Sofa oder dem Boden saßen, unbedingt stehen wollte. Fortwährend suchte er mit seinen Füßen den Kontakt zum Boden. Wir sprachen diese Erscheinung bei einer Routinekontrolle bei Bastians Kinderarzt an. Er tat dies mit der Erklärung ab, es handle sich um Reflexe, die sich verwachsen würden. Wir gaben uns damit zufrieden, genossen es aber, mit welchem Willen und Krafteinsatz dieser junge Mensch aufrecht zu sein versuchte.
6 Wochen
Etwas mehr als einen Monat war Bastian nun auf der Welt. An einem schönen Sonntagvormittag Anfang September wurde er in der katholischen Kirche Oberwil — im Beisein seiner Eltern, Großeltern sowie den Paten — vom ortsansässigen Pfarrer auf den Namen Bastian getauft. Das anschließende Essen durften wir alle zusammen bei Bastians Großeltern väterlicherseits einnehmen. Die tollen, teils mit unglaublicher Liebe selbst hergestellten Geschenke erfreuten Bastian — wenn auch erst später in seinem Leben.
Bereits zur damaligen Zeit unternahmen wir mit Bastian immer wieder und gerne Ausflüge. So besuchten wir die Großeltern mütterlicherseits am Thunersee, reisten nach Zürich, Lugano oder Genf. Um von einem Ort zum anderen zu gelangen, bevorzugten wir den Zug. Autofahren war ein Graus. Solange Bastian im Wagen schlief, war die Welt zwar in Ordnung, doch wehe, er wachte vor der Ankunft auf. Ich glaube, alle anderen Verkehrsteilnehmer hätten wegen Lärmbelästigung die Polizei gerufen. Zetermordio schrie unser Junge — ja, er konnte tatsächlich schreien.
7 Wochen
Bastian war gerade einmal ein paar Wochen alt, als wir seinen Kinderarzt, Herrn Fäller, ein erstes Mal wegen einer Krankheit aufsuchen mussten. Bastian litt ein paar Tage lang an einer starken Erkältung und die Augen wiesen einen eitrigen Ausfluss auf. Der Doktor diagnostizierte eine Mittelohrentzündung. Eine solche komme bei Säuglingen öfters vor. Bastian hätte sicher die letzte Nacht laut geweint oder gar geschrien, denn diese Erkrankung sei sehr schmerzhaft. Geschrien? Keinen außergewöhnlichen Ton hatte er von sich gegeben. Etwas unruhig geschlafen vielleicht, aber sonst? Meinem Schlafbedürfnis sollte es recht gewesen sein. Der Arzt verordnete Antibiotika.
Kaum hatte sich Bastian von seiner ersten Mittelohrenentzündung erholt, zeigten sich wieder die gleichen Krankheitssymptome. Das Spiel begann wieder von vorne und es schien kein Ende zu nehmen. Bastian erkrankte — Arztbesuch — Antibiotika — Genesung — zwei Wochen Ruhe — Bastian erkrankte — Arztbesuch und so weiter.
Beim vierten oder fünften Mal fragte ich Bastians Kinderarzt, ob das normal sei. Das könne bei Säuglingen schon vorkommen und verwachse sich irgendwann, meinte er. Wir glaubten dem Fachmann und verfuhren weiter wie bisher. Den ganzen Fortschritten in Bastians Entwicklung tat das medizinische Kabarett indes keinen Abbruch.
Mit acht Wochen war mein Sohn ein Sonnenschein. Unaufgefordert schenkte er seiner Umgebung sein gewinnendstes Lächeln. Er schien zu verstehen, wie man den Charme einsetzen muss und machte sich so fast nur Freunde.
Wenn er nicht schlief, aß oder unterwegs war, spielte Bastian mit seinen Extremitäten. Hände und Füße waren etwas Faszinierendes. Auch alles Farbige bereitete ihm Freude und ebenso Dinge, die durch die Luft geworfen werden konnten. Die Erdanziehung testete er jeweils während der Mahlzeiten. Da Bastian so früh den Kopf selbstständig halten konnte, setzte ich ihn bereits in einen Kindersitz, den ich mit einem Lammfell gepolstert hatte. Er sah mir beim Kochen zu und ich erzählte, was ich tat — und dabei gab ich ihm öfters einen Kochlöffel in die Hand. Dieser wurde dann mit Vorliebe auf den Boden fallen gelassen und dazu gekreischt.
2 Monate
Die Tage vergingen. Jede Stunde versuchte ich zu genießen, denn ich wusste, diese Zeit würde nie wieder zurückkommen. Ich stillte weiter, doch die Milch als einzige Nahrungszufuhr reichte dem jungen Herrn bald nicht mehr aus. Er wollte mehr. Er schrie nie, doch er saugte mit einer Intensität an der Brust, dass ich spürte, dass diese Mahlzeiten nicht genügend Energie hergaben. Nach zwei Monaten versuchte ich — allen Berichten und Ratschlägen zum Trotz — Bastian die erste zerdrückte Banane, mit Muttermilch angereichert, zu verfüttern. Ja, ich kam mir tatsächlich vor wie im Affenhaus. Das Warten auf das Futter löste bei Bastian affenähnliche Laute aus. Er verschlang das Mus mit tierischem Appetit und verlangte gleich Nachschub. Er hatte im Nachhinein keine Probleme mit diesem neuen Essen, sodass wir die Banane fix in unseren Menüplan integrierten. Darauf begannen wir wöchentlich etwas Neues dazuzunehmen. Als Erstes vermischten wir es jeweils mit Altbewährtem, um es bei guter Verträglichkeit alleine zu verabreichen. Auf die Bananen folgten Äpfel, dann Karotten, Kartoffeln und nach sechs Monaten aß Bastian alles mit Ausnahme von Zwiebeln. Das war toll. Selbstverständlich gab es zu dieser Zeit alles püriert — fehlten doch die Zähne. Und so kam es, dass ich exakt sieben Monate nach Bastians Niederkunft mein Leben als Milchkuh einstellte.
Ich habe die Stillzeit sehr genossen. Die Nähe, die Zweisamkeit sowie die praktischen Vorteile waren unglaublich schön und ich möchte dies nicht missen. Aber so wie alles im Leben sich ändert und wendet, waren für mich zweihundertfünfzehn Tage stillen genug.
Doch während ich stillte, passierte noch einiges.
3 Monate
Exakt drei Monate nach der Geburt schaffte es Bastian sich vom Bauch auf den Rücken zu drehen und ein paar Tage später gelang es ihm auch umgekehrt, das heißt vom Rücken auf den Bauch. Nichts war mehr, wie es einmal war. Plötzlich konnte sich Bastian vorwärtsbewegen — drehend. Wir sicherten aufgrund von Bastians neu gewonnener Mobilität alle Steckdosen. Was den Rest betraf, waren wir uns einig, dass zu einem Leben Erfahrungen dazugehören. Dennoch waren die Augen nun noch öfter auf Bastian gerichtet.
Ich genoss die Zeit mit Bastian. Zwischenzeitlich hatte ich wieder begonnen Schwimmunterricht zu erteilen. Dies tat ich schon seit Jahren. Zuerst als Nebenbeschäftigung zum Beruf, und nun als Beschäftigung neben dem Kind. Entweder nahm ich Bastian zum Unterricht mit und gab ihn einer Kollegin in Obhut, deren Mädchen ich unterrichtete, woraus eine tolle Freundschaft entstand, oder Bastian verbrachte die Zeit bei seiner Großmutti. Wenn ich Aqua-Fit unterrichtete, tat ich dies am Abend und spannte meinen Mann für die väterlichen Pflichten ein.
Ansonsten hatte ich Zeit für meinen Sohn. Viel Zeit, die ich intensiv mit ihm verbrachte. Zoobesuche, Ausflüge jeglicher Art, Malen, Spielen, Basteln (bereits in diesen jungen Tagen) waren mir ein Vergnügen. Zudem sprach ich viel mit ihm. Ich erklärte ihm alles und vermied dabei ganz bewusst die in der Schweiz so verbreitete Lili-Sprache (Diminutiv: Kuhli, Hundli, Breili … ). Zudem gab ich allem den richtigen Namen. So war ein Hund immer ein Hund und nie ein Wauwau.
Bei uns gab es nie schlechtes Wetter. Jeden Tag, ob nun die Sonne schien, der Regen auf die Erde niederprasselte oder Schnee und Kälte unsere Landschaft verzauberten, verbrachten wir mehrere Stunden an der frischen Luft und dies meist zweimal am Tag. Was ich hingegen überhaupt nicht mochte, war mit anderen Müttern spazieren zu gehen oder mit ihnen auf einem Spielplatz zu sitzen. Gerne nahm ich weitere Kinder mit auf unsere Ausflüge. Doch Müttergetratsche war nichts für mich. Ich hatte kein Interesse daran, meinen Sohn mit anderen zu vergleichen oder ihn allenfalls noch in ein besseres Licht stellen zu müssen, damit ich mithalten konnte. Irgendwie würde Bastian seinen Weg machen.
Wenn ich dennoch jemandem begegnete oder aus sozialem Anstand einen Ausflug mit einer — dieser zum Teil anscheinend leidgeplagten — Mütter machte, bekam ich ständig zu hören, was ich für einen tollen, aufgeweckten, hübschen Jungen hätte. Und: „Er ist doch schon viel älter, als du behauptest.“
Bei unseren Ausflügen fuhren wir ab und zu mit der Tram. An ein Erlebnis kann ich mich besonders gut erinnern: In der Straßenbahn nahm ich Bastian aus dem Tragetuch auf meinen Schoß und ließ ihn seinen Reflex des Aufstehens ausleben. Sein zum Stehen war ungebrochen. Wir saßen, beziehungsweise standen also in der Tram, als sich eine ältere Dame neben uns setzte. Sie sprach uns an: „Aus diesem Jungen wird einmal ein ganz, ganz Schlauer.“ Irritiert sah ich die Dame an. „Dieser große Hinterkopf — das haben nur die Schlauen!“
Mir war es ein großes Anliegen, dass Bastian nicht aufwachsen musste, ohne seinen Vater zu sehen oder nur am Wochenende. Da mein Mann abends jedoch erst zwischen sieben und acht Uhr nach Hause kam, legte ich den Schlaf-Rhythmus meines Juniors so, dass er erst um zehn Uhr ins Bett ging. Er schlief ja sowieso nicht viel. So aßen wir alle schon früh gemeinsam zu Abend. Zudem übertrug ich meinem Mann die Aufgaben Bastian zu baden und ins Bett zu bringen. Dabei bauten meine beiden Männer eine enge Bindung zueinander auf und mir ermöglichte es, die Verantwortung abzugeben und nicht unabkömmlich zu sein. Ich genoss dieses Gefühl, zwischendurch frei sein zu dürfen.
Damit mein Mann und ich auch Zweisamkeit erleben durften, versuchten wir eine enge Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkind zu unterhalten. Das gab uns die Möglichkeit, Bastian zwischendurch in deren Obhut zu geben und zu zweit etwas zu unternehmen. Diese Freiheiten genossen wir sehr und hatten so die Kraft, wieder voll für unseren Kleinen da zu sein.
4 Monate
Bastians Patenonkel — Manuels Bruder — lebte in Wien. Warum nicht alles einpacken und für ein paar Tage dorthin reisen — mit dem Flugzeug? Gesagt, getan. Da Bastian jedoch immer wieder mit Ohrenproblemen zu kämpfen hatte, entschied ich mich, am Tag vor dem Abflug den Arzt aufzusuchen. Ich wollte die Gewissheit haben, dass keine Entzündung vorlag, die beim Fliegen Schmerzen bereiten konnte. Alles in Ordnung, hieß es. Wir freuten uns auf diesen Tapetenwechsel.
Ein erstes Mal fand sich Bastian über den Wolken wieder. Der Hinflug verlief ohne nennenswerte Probleme. Die Tage in der österreichischen Metropole waren wunderschön. Wir besichtigten einige eindrucksvolle Bauten und statteten dem Weihnachtsmarkt einen Besuch ab. Dort genehmigten wir uns einen Orangenpunsch. Da mich dieser wohlig wärmte, entschied ich mich — obschon ich sonst nur ganz selten alkoholhaltige Getränke zu mir nahm — noch einen zweiten zu trinken. Dieser Konsum ging nicht ganz spurlos an mir vorüber und ich lachte den ganzen Abend. Auch Bastian schien von meinen Eskapaden angetan. Nachdem ich ihn am Abend mit Muttermilch versorgt hatte, schlief er beinahe acht Stunden am Stück.
Der Rückflug entpuppte sich als Tortur. Sobald sich das Flugzeug in Bewegung setzte, begann Bastian zu weinen. Eineinhalb Stunden ohne Pause schrie unser Sohn. Nichts half — kein Trinken, Spielen, Schwatzen — nichts. Ich litt. Mein Mann war eine große Stütze, kümmerte er sich doch rührend und ohne mit der Wimper zu zucken um Bastian. Kaum hatten wir wieder Boden unter den Füßen, war alles vorbei. Kein Geschrei — nicht einen Ton mehr. Und nein, Bastian war nicht eingeschlafen.
Am folgenden Tag fand ich mich erneut in der Arztpraxis wieder und wie hätte es anders sein können: Diagnose Mittelohrenentzündung.
In der Zwischenzeit lernte Bastian viel Neues. Seine erlernten Drehungen waren so ausgereift, dass er in der ganzen Wohnung herumtollte. Ja, vier Monate reichten dafür. Und alles, was ihm dabei in die Finger kam, wurde inspiziert. Am liebsten Zeitungspapier, das konnte wunderbar in Fetzen gerissen und in den Mund gesteckt werden.
5 Monate
Bastians erstes Weihnachtsfest stand an. Wir hatten bereits das erste Mal Geschenke gebastelt. Die kleinen Hände eigneten sich großartig als Stempelvorlage. Ich entschied mich, Küchentücher damit zu verzieren. Allerdings waren auf den Tüchern eher Fäustchen zu sehen. Aller Anfang ist schwer! Weihnachten hingegen, das schien spannend zu sein. Keiner ist zu klein, um sich an Geschenken zu erfreuen. Doch war es bei Bastian wohl weniger der Inhalt als viel mehr die Verpackung, die von großem Reiz war. Eine der Überraschungen dieses Festes sollte Bastian anschließend viel und intensiv benutzen: eine selbst genähte Krabbeldecke von seiner Patentante; wunderschön und praktisch.
In der Schweiz fällt im Winter ab und zu Schnee. Und mit dem ersten Ausflug in die weiße Pracht verknüpften wir eine besondere Begebenheit: Fünf Monate und zwei Wochen lag Bastian hilflos in unseren Armen oder drehte sich auf dem Boden. Dann war ein weiterer großer Entwicklungsschritt vollzogen: selbstständig sitzen.
Mit dem Sitzen begann ein neues Kapitel. Weitere Freiheiten wurden entdeckt. So war sitzen im Kindersitz beim Esstisch nun ein wahres Vergnügen. Die Anzahl der Küchenutensilien zum Spielen wurden um Salatbesteck oder Tupperware erweitert und der kleine, am Kindersitz angebrachte Tisch verwandelte sich in eine Trommel — das machte Spaß. Bastian strahlte über das ganze Gesicht.
Dann brachen die ersten Zähne durch Bastians Zahnfleisch. Ohne große (zumindest hörbare) Schmerzen kam ein Beißerchen nach dem anderen zum Vorschein. So war es bald möglich, Bastian die ersten — für meine Begriffe etwas verkochten — nicht pürierten Karottenstücke zu servieren. Immer öfter griff Bastian dabei zum Besteck. Obschon am Anfang vieles neben dem Mund landete, übte Bastian fleißig und hatte bald den Dreh raus.
Ich lernte, auch wenn ich diese Kontakte nicht wirklich suchte, immer wieder Mütter oder Eltern mit Gleichaltrigen kennen. In diesem Alter sind Wochen zum Teil entscheidend, was den Entwicklungsstand der Kinder betrifft. Ungewollt, jedoch zugegebenermaßen mit der Zeit dennoch fasziniert, beobachtete ich die Unterschiede. Ich stellte immer wieder fest, dass Bastian im Vergleich enorme Fortschritte aufwies. Insgeheim war ich stolz, versuchte aber möglichst nicht darauf einzugehen und schon gar nicht über Bastians Können zu sprechen. Ich wollte nicht speziell sein, nicht auffallen und dennoch konnte ich es mir am Abend nicht verkneifen, meinen Mann freudig darüber zu informieren.
Doch je öfter ich diese Unterschiede feststellte, umso gezielter suchte ich nur noch Kontakt zu Müttern mit älteren Kindern. Dies vor allem auch deshalb, weil natürlich auch mein Sohn — argwöhnisch — verglichen wurde.
6 Monate
Kaum konnte Bastian sitzen, entdeckte er auch gleich, wie man sich aufsetzen konnte. Und kurz darauf zog er sich überall hoch. Mit seiner Kraft und seinem Willen schaffte er es bald auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Auch versuchte er zu krabbeln und ich hatte das Gefühl, dass ihm zu diesem Durchbruch nicht mehr viel fehlte. Um ihm etwas auf die Sprünge zu helfen, verteilte ich überall in der Wohnung Türme aus Holzklötzen. Welches Kind liebt es nicht, solche Türme umzuwerfen? Ich machte mir diese Freude zu nutzen und es klappte. Bastian krabbelte, zu Beginn mit Mühe und Anstrengung, von einem Turm zum nächsten. Immer schneller ging es und nach ein paar Minuten hatte er es voll im Griff. Von da an kroch er wie der Blitz auf allen vieren durch die Wohnung.
Eines hatte ich vor lauter Freude darüber wohl vergessen: Diese Mobilität brachte für mich mehr Arbeit. Aus war es mit dem Hinsetzen an einem Platz — plötzlich war Bastian im Nu irgendwo anders und nichts war mehr sicher vor ihm. Unsere Aufmerksamkeit musste auch außer Haus erhöht werden. Allerdings stellten wir schnell fest, dass Bastian sehr, sehr vorsichtig war. So stoppte und wartete er zum Beispiel von sich aus vor einer Treppe. Es kam mir vor, als sähe er, dass da Gefahr lauerte.
Wenn man das so liest, könnte man meinen, dass wir mit Bastian überhaupt keine Probleme hatten. Abgesehen von seinen vielen Mittelohrenentzündungen war dem tatsächlich so. Doch dies änderte sich mit zunehmendem Alter und wachsender Mobilität schlagartig. Bastians Wille wurde immer wieder zu einem Problem. Dieser war groß und sein Verständnis, wenn etwas nicht klappte, nur ganz klein. Er trotzte und wollte nicht auf jemand anderen hören. Doch im Großen und Ganzen war er tatsächlich ein Engel. Ganz toll fand er es, wenn man sich mit ihm beschäftigte und zum Beispiel Bücher ansah. Er zeigte auf alles und ließ es sich freudig erklären. Ich ging damals davon aus, dass Bastian davon nicht allzu viel mitkriegen würde. Aber die Freude an seiner Begeisterung reichte schon aus.
7 Monate
Die Wochen verstrichen. Sitzend, krabbelnd, drehend, stehend, strahlend, ausprobierend, umwerfend, lärmend, zerreißend, in den Mund steckend, quietschend und lachend erkundete unser Sohn die Welt. Bei so viel Lebensfreude dachte ich mir, dass es möglich sein sollte, einen Teil dieser Freude bis ins Erwachsenenalter weiterleben zu lassen. Ich fasste einen Vorsatz: Mein Ziel sollte es sein, Bastians Lebensfreude bis ins Erwachsenenalter zu erhalten.
Nachdem Bastian das Sitzen und Krabbeln gelernt hatte und sich seither überall hochzog, um stehen zu können, kam es immer öfter vor, dass er gehen wollte. Das übte er zum Beispiel mithilfe des Sofas. Er zog sich auf der einen Seite des Sitzes hoch und hangelte sich bis ans andere Ende. Oder er streckte uns Erwachsenen die Hände entgegen und versuchte mit unserer Unterstützung einige Schritte zu gehen.
Und dann war da noch eine Neuheit: Bastian erkannte sich auf Fotos oder im Spiegel. Er zeigte jeweils auf sich dann auf das Bild und dann wieder lachend auf sich.
Und dann standen die drey scheenschte Dääg an. In Basel war — wie alle Jahre — Fasnacht. Die Basler Fasnacht ist eine der bekanntesten und größten in der Schweiz. Das Besondere daran sind die Pfyffer (Piccoloflöten-Spieler) und Drummler (Trommler). An den Abenden kann man von den Schnitzelbänggler in Versform hören, welche bedeutenden regionalen und nationalen Ereignisse sich im vergangenen Jahr zugetragen haben. Auch wir machten der Fasnacht unsere Aufwartung und verkleideten Bastian als kleinen Waggis, eine traditionelle Verkleidung an der Basler Fasnacht.
9 Monate
Im April 2001 war ich auf einem Weiterbildungskurs für Wassergymnastik. Meinen Sohn ließ ich mit meinem Mann an den Thunersee zu meinen Eltern fahren. Es war ein Samstagabend. Ich hatte gerade einen Tag im Wasser hinter mir und war reif fürs Bett. Da klingelte mein Mobiltelefon. Mein Mann teilte mir mit, dass unser — noch nicht einmal ganz neun Monate alter — Junge die ersten wackeligen Schritte alleine gewagt hatte! Vorbei war es mit meiner Müdigkeit. Freude herrschte — und Trauer. Jetzt hatte ich Bastian so viele Stunden begleitet und gerade bei einem so wichtigen Schritt war ich nicht dabei. Doch die Freude siegte, denn der Verstand machte mir klar, dass dies wohl nicht der letzte Schritt in der Entwicklung von Bastian sein würde, den ich verpasste.
Dann ging es ganz schnell und Bastian spazierte ohne fremde Hilfe in der Welt herum — lachend und zufrieden mit sich selbst und der Welt. Ich ging daher so oft ich konnte mit Bastian nach draußen und ließ ihn üben. Damit er auch entlang von befahrenen Straßen alleine gehen durfte, schaute ich jeweils, dass ich zwischen ihm und der Straße spazierte. So versuchte ich zu verhindern, dass er plötzlich unter ein Auto geriet. Bemerkenswert war, dass Bastian nur ein einziges Mal umfiel und sich den Kopf anschlug. Diese Erfahrung schien ihm zu reichen.
Auch in anderen Bereichen hatte sich Bastian in den vorangegangenen Monaten sehr weit entwickelt. So war zum Beispiel seine Feinmotorik exzellent. Spielend blätterte er Seite um Seite in Büchern mit dünnen Seiten um. Auch Spiele, bei denen die Gegenstände in passende Öffnungen eingesetzt werden mussten, waren für ihn ein Leichtes. Zudem war er bereits in der Lage einfache Puzzles selbstständig zusammenzusetzen.
1 Jahr
Bastians erster Geburtstag stand an. Bevor die große Feier steigen konnte, backten wir einen Kuchen. Daraus bastelten wir einen Schmetterling — doch ich glaube, diese Form und Mühe war mehr für die Besucher und mich. Bastians größter Gefallen bestand darin, den restlichen Teig aus der Schüssel zu schlecken. Die Festlichkeiten sollten am Nachmittag über die Bühne gehen. Vorher gab es für den kleinen Strahlemann, der genau zu wissen schien, was Geburtstag bedeutet — er streckte auch allen, die es sehen wollten, einen Finger entgegen — das Mittagessen. Gehackter Spinat und Kartoffeln standen auf der Speisekarte. Während Bastian mit dem Löffel die Speisen zum Mund führte, verzierte ich den Kuchen. Alles sollte für die Gäste bereit sein. Doch Bastian schien in meinen Zeitplan noch ein wenig Arbeit einbauen zu wollen. Plötzlich schlug er mit seiner Faust mitten in den Spinat. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht. Bevor ich diesem Treiben ein Ende bereiten konnte, war die grüne Masse bereits in einem Großteil der Küche und insbesondere an deren Decke verteilt. Ein Ereignis, an das man sich noch Jahre später erinnert.
Ein Jahr schon begleitete uns dieser junge Mann. Einen wichtigen Einschnitt in das Leben meines Mannes und mir hatte er gebracht — einen wunderschönen. Ein Jahr zuvor war Bastian gerade auf die Welt gekommen und alles war neu und fremd. Nun war er ein Teil unserer Familie. Zwölf Monate vorher gab sich Bastian mit Muttermilch, ein wenig Schlafen und Umhersehen zufrieden — nun spazierte er auf zwei Beinen, hatte seinen eigenen Willen und aß alles, was ihm zwischen die Zähne kam. Unglaubliche Veränderungen und Fortschritte waren geschehen. So feierten wir mit Verwandten und der Nachbarschaft das einjährige Jubiläum.
1 Jahr 1 Monat
Bei all den zahlreichen und freudigen Fortschritten, die Bastian machte, vergaßen wir beinahe, dass er nicht allzu viele Laute von sich gab. Er schrie nur ganz selten und plapperte und sang nicht oft. Und er sprach mit Ausnahme von eiß, was so viel bedeutete wie heiß, kein einziges Wort. So wirklich als Problem sah ich das nicht. Kinder lernen ja unterschiedlich und der Spracherwerb konnte vom Alter her variieren. Allerdings war mir — wenn auch eher unbewusst — aufgefallen, dass Bastian nur auf meine Stimme reagierte, wenn er Blickkontakt zu mir hatte.
Als er am 1. August — die Schweiz feierte ihren Geburtstag — bei keinem einzigen Feuerwerksknall zusammenzuckte, wurde ich stutzig. Da war doch etwas nicht in Ordnung?
Beim nächsten Arztbesuch — einmal mehr wegen einer Mitteohrenentzündung (andere Krankheiten kannte Bastian bis dahin nicht), wollte ich sowohl die ewigen Entzündungen in den Ohren, als auch meine Beobachtungen geklärt haben. Diesmal ließ ich mich nicht mit irgendwelchen Verwachsungsgeschichten abspeisen. Unser ansonsten toller Kinderarzt machte einen etwas überraschten Eindruck, doch er meinte dann, er könne uns an einen Spezialisten für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten ins nahegelegene Spital überweisen. Das war ganz in meinem Sinne.
Ein paar Tage später hatten wir dort den ersten Termin. Untersuchungen verschiedenster Art wurden durchgeführt. Am Schluss hieß es, dass irgendetwas im Gehörgang nicht so war, wie es sein sollte. Das hatte zu den Mittelohrenentzündungen geführt. Dann sagte man uns: „Bastian hört auf beiden Ohren beinahe nichts.“ Schock? Nein. Eher Erleichterung machte sich breit. Nach nur einer halben Stunde war klar, weshalb Bastian nicht auf Geräusche reagierte. Doch in den nächsten Sekunden überschlugen sich die Gedanken. Warum hatte das bis dahin noch niemand bemerkt? Mich eingeschlossen. Warum ausgerechnet Bastian? Was nun?
Der Arzt im Spital erklärte mir detailliert, wie es vermutlich dazu gekommen war, und dass es etwas sei, das öfter vorkomme. Er machte gleich zwei Lösungsvorschläge. Erstens eine baldige Operation. Dies hätte zur Folge, dass eine Chance bestünde, dass Bastian sofort wieder vollständig hören würde und seine sprachliche Entwicklung einen — wenn auch etwas verzögerten — normalen Verlauf nehmen könnte. Allerdings sei eine Operation mit Vollnarkose unumgänglich, was nie ohne Risiko sei, auch oder besonders bei kleinen Kindern nicht. Die andere Variante bedeutete zu warten, in der Hoffnung — die durch die medizinischen Erfahrungen berechtigt waren — dass sich die Sache binnen der nächsten fünf Jahre auswachsen würde. Allerdings sei hier die sprachliche Entwicklung mit Sicherheit verzögert.
Ich hielt meinen, von den Untersuchungen ermüdeten, jungen Mann auf meinem Schoss und sah zwischen ihm und dem Arzt hin und her. Nach ein paar Gedankenspagaten fällte ich eine intuitive Entscheidung: Operation! In der Hoffnung, dass dieser Entschluss richtig sein möge.
Der Doktor unterrichtete mich noch über das weitere Vorgehen. Von diesen Informationen wusste ich jedoch später offen gestanden nicht mehr alles. Dann gingen mein Sohn und ich Hand in Hand
