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Die Begegnung mit ihrem Exverlobten erweckt in Linda alte Sehnsüchte und neue Zweifel an ihrer abgestandenen Ehe. Und eine rätselhafte Erkrankung ruft in ihr abergläubische Ängste hervor. Sie hegt einen unerhörten Verdacht: Dem Schlamassel muss ein Fluch zugrunde liegen. Steckt ihre herrschsüchtige Mutter dahinter, zu der Linda alle Verbindungen gekappt hat? Und was soll sie von dem Orientalisten Holger halten, ihrem neuen Verehrer, der im Fokus einer Mordermittlung steht und in dessen Haus es angeblich spukt? Dunkle Mächte scheinen sich gegen die Kleinstadtidylle verschworen zu haben. Eine resolute Anwältin will dem aberwitzigen Humbug ein Ende bereiten und stürzt sich in ein unüberschaubares Dickicht okkulter Obsessionen. Ein Roman über Kontaktabbruch, Sprachlosigkeit und die beklemmende Leere, die zurückbleibt, wenn die Vergangenheit zur Spielwiese esoterischer Spurensuche wird.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Zu diesem Buch
Können sich Dinge beeinflussen, die in keinem kausalen Zusammenhang zueinander stehen? Der Verstand sagt Nein. Trotzdem zögert die Mathematikerin Linda, diese Frage eindeutig zu beantworten. Denn ihre private Algebra steckt voller Rätsel.
Die Begegnung mit ihrer einstigen großen Liebe stürzt Linda in ein Dilemma. Dem Wiedersehen, einem höchst unwahrscheinlichen Zufall, misst sie eine transzendente Bedeutung bei. Mit Albert war sie vor vielen Jahren verlobt, die Hochzeit platzte durch eine Verkettung unglücklicher Umstände. Das Schicksal hat es sich wohl anders überlegt und will sie nun ihrer ursprünglichen Bestimmung zuführen. Doch wie deutet man die verschlüsselten Botschaften des Himmels?
Der Übersetzer Holger, der sich in Linda verliebt hat, hält jede Episode seiner Biografie für die Fortsetzung einer Pechsträhne, die ihn seit seiner Kindheit verfolgt. Schreiben höhere Wesen das aberwitzige Drehbuch seiner Lebensgeschichte? Die Erfahrung hat ihn gelehrt, den freien Willen und die Reihenfolge von Ursache und Wirkung infrage zu stellen. Und er ahnt: Dem Teufelskreis kann er nur entkommen, wenn es ihm gelingt, das Muster zu entschlüsseln, das seinen Lebensweg und seine Entscheidungen schon immer geprägt hat.
Die Anwältin Noemi ist fest davon überzeugt, dass es für alles zwischen Himmel und Erde eine logische Erklärung gibt, und setzt auf den gesunden Menschenverstand. Sie sortiert Fakten, zerpflückt Indizien und stellt sich dem Duell mit dem Unheimlichen.
„Fluchangst“ erzählt von der Kapitulation der Vernunft vor der Übermacht irrationaler Ängste und nimmt den modernen Okkultismus auf die Schippe.
Für Melinda
Fluchangst – Aberwitz und Aberglaube
Nachwort
Kapitelübersicht
Die Protagonisten
Dummheit ist keine Sünde. Sie ist eine Gnade.
Im abgestandenen Schlummerdunst der Morgendämmerung lauschte Linda der Stimme ihres Vaters. Sie begegnete ihm oft in den rußgrauen Stunden vor Tagesanbruch, wenn die schattenhaften Gäste der Nacht ihre letzte Vorstellung gaben. Sie krallte sich fest an der dünnen Leinwand ihrer Hellträume, um dem Schlaf nicht zu entgleiten, um dem großen Auftritt der Geister beizuwohnen, dem unverwechselbar echten, lebendigen, schillernden Augenblick wahren Erlebens.
Das viele Denken und Nachsinnen macht nur unglücklich, sagte er.
Die heruntergelassenen Rollläden ächzten im Dunkeln. Linda schlug die Augen auf und nahm verwundert zur Kenntnis, dass sie nicht unter ihrem Nussbaum saß, angelehnt an Vaters Schulter. Draußen lief der Wind Amok. Es war noch früh, der Radiowecker zeigte bereits die Sommerzeit an. Ihr Mann schmatzte sich durch einen aufregenden Traum und grunzte vergnügt. Liebte er sie noch?
Linda schloss die Augen. Sie atmete flach und glitt einem zeitlosen Wachtraum in die Arme. Das Jahr drohte auseinanderzubrechen. Sie musste ihr Leben endlich wieder ins Lot bringen. Nichts stimmte mehr.
Linda legte sich auf die Bank ihrer Kindheit und blickte in den Himmel. Die Vergangenheit nistete still in der nackten Baumkrone. Manchmal schwieg sie, manchmal sang sie ihre alten Lieder. Weisen, die einen einst bewegten und jetzt kalt ließen, die Melodien des Lebens, fröhliche und wehmütige, heute hohl und bar jeder Leidenschaft. Übrig blieb nur ein einsam in den Wolken umherschweifender Refrain, der leise verhallte im Takt der Jahrzehnte.
Bald würden die Knospen platzen. Linda beobachtete, wie sich die Krone mit zarter Vergänglichkeit füllte, wie die Zweige, die leise im Wind schaukelten, den Wandervogel der Erinnerung herbeiwinkten. Diese Chimäre mit Riesenflügeln saß Linda erneut im Nacken, wie fast jeden Morgen. Sie wedelte rastlos mit den Federn, um Linda daran zu erinnern, dass kein Blatt aus ihrem geheimen Sündenregister vom Winde jemals davongeweht werde.
Auf der Terrasse ein zaghaftes Kratzen, gefolgt von einem dumpfen Knall. Der Winter gab sich noch nicht geschlagen, er bäumte sich noch einmal auf, mit allerletzter Kraft. Dieses Sturmtief würde Schnee bringen. Ausgerechnet jetzt vor Ostern. Die kalte Jahreszeit hatte sich festgebissen, bereit für eine letzte große Abrechnung. Linda wandte sich auf die rechte Seite, weg von ihrem Mann, und zog die Decke hoch bis ans Kinn. Ihre Seele fröstelte. Was fehlte ihm? Er verschloss sich ihr in letzter Zeit.
Lindas Leben war festgefroren. Der Winter klebte am Fensterbrett, hauchte mit gefletschten Zähnen Bosheiten an die Scheibe und ließ die Gefühle zu Eiskristallen schrumpfen. Neunzehn Jahre Glück. Warum jetzt diese Kälte? Hatte er eine andere? Neunzehn Jahre … Die Zahl ergab keinen Sinn. Nicht einmal in der Numerologie. Der Schicksalszyklus umfasste angeblich 18 Jahre. Sie war mit sechzehn verlobt, heiratete mit dreißig, wurde sieben Jahre später Mutter. Obwohl … Die Astrologie lehrte, dass der Mond 18 bis 19 Jahre brauchte, um den Tierkreis einmal zu durchlaufen. War jetzt ein Zyklus zu Ende? Die sorgenfreien Tage flatterten unwiederbringlich davon.
Versuch einmal, an nichts zu denken, sagte ihr Vater. Das Nichtdenken ist eine große Leistung. Es macht glücklich und frei.
Der Nussbaum, der seine Jahresringe nicht mehr zählen konnte. Die Bank, die das Warten verlernt hatte. Lindas Vater, der in den Träumen seiner Tochter lebte. Wie fern das stumme Erinnerungsbild, wie winzig klein, wie unvorstellbar einsam und unerreichbar, verbannt in eine unzugängliche, für immer verschlossene Falte der Raumzeit. Das Gedächtnis verzerrte das Erlebte, sein Erfahrungsschmuck verlor die Farben und die Lebenskraft, zerfiel zu Staub. Zarte Zweige vor grauem Himmel. Die Vergangenheit stand entblättert vor Lindas innerem Auge und stellte ein halbes Leben in seiner ganzen unerträglichen Nacktheit zur Schau. Linda wollte nur das Schöne behalten. Doch die Erinnerung legte alle Geheimnisse frei, enthüllte Trauer und Niederlagen, die Momente brennender Schmach. Der dunkle Vogel einsamer Jahre saß da oben im mageren Geäst, blickte vorwurfsvoll auf Linda und ließ sich nicht verscheuchen. Er saß und schwieg. Und Linda tat so, als würde sie den alten flügellahmen Begleiter ihrer Jugend nicht bemerken. Sie zeigte ihm die kalte Schulter.
Darin war sie geübt. Dinge, die einem wehtaten, musste man so lange ignorieren, bis sie es satt hatten, einen zu piesacken. Linda ging unerbittlich vor, mit mathematischer Sorgfalt. Nichts überließ sie dem Zufall. Unbestimmtheiten hatten in ihrem Leben keinen Platz. Sie begegnete ihnen mit stichhaltigen Argumenten, klaren Formeln und einer gehörigen Prise Gleichgültigkeit. Für Linda gab es nur Zahlen und logische Erklärungen, für alles, was auf der Welt geschah. Und auch für das, was die menschliche Fassungsgabe überstieg.
Die lächerlichen Weisheiten ihrer abergläubischen Mutter, die stets wusste, was ein Mädchen durfte und was nicht ... nein, darauf pfiff Linda ungeniert, seit eh und je. Sie tat es trotzig, sogar mit unverhohlenem Hohn. Linda lachte Agnes aus, erst recht, wenn ihre Vorhersagen in Erfüllung gingen, warum denn nicht, im Rahmen der Wahrscheinlichkeit war ja einiges möglich. Sogar zwingend notwendig. Eine endlose innere Schau überkam sie bei jeder erdenklichen Tageszeit mit ungestümer Wucht. Agnes und ihre mahnenden Sprüche. Agnes und die Angst vor dem bösen Blick. Vor Missgeschicken und schädlichen Einflüssen. Vor Hexen und Dämonen. Wie entsetzt sie reagierte, wenn ihre ahnungslose Tochter das Verbotene tat, immer wieder aufs Neue. Linda konnte sich wirklich nichts merken. Nicht einmal, dass sie keine Lebensmittel anschneiden durfte. Als Unverheiratete musste man sich in Acht nehmen, denn fast alles war falsch, was man so tat, wenn man die Dinge nur anfasste. In der Küche sowieso. Hier vagabundierten unheilvolle Schwingungen herum, kosmische Gravitationsfelder, die alles Künftige bestimmten.
Linda versuchte vergeblich, die wiederkehrenden Bilder zurückzudrängen, die in den Morgenstunden das Gedächtnis fluteten. Die Rückkehr aus Klausenburg nach bestandener Magisterprüfung. Ein oft abgespielter Clip. Linda schickte sich an, das Festessen vorzubereiten. An jenem Nachmittag sollte man ihren Erfolg feiern. Sie hatte eine gute Stelle bekommen am Gymnasium in Marienburg, das war doch ein Volltreffer, unweit von Oderhellen, es lief ja alles wie am Schnürchen in Lindas Leben. Fast. Agnes hatte beinahe geheult, als Linda das Messer ansetzte, nein, um Gottes willen, wenn eine Unverheiratete den Käse anschneidet, muss sie noch ganze sieben Jahre auf einen Mann warten, leg das Messer bitte weg, sofort. Linda griff zum Wecken, nein das auch nicht, eine Jungfrau dürfe weder frischen Wecken noch Butter anschneiden. Noch heikle Themen. Sieben Jahre Einsamkeit seien die Strafe. Linda brach in Lachen aus und schnitt an. Jungfrau, von wegen, Agnes wusste doch, dass sie es schon lange nicht mehr war, sie machte sich nur lächerlich mit ihrem Geheimwissen aus Omas Hexenlexikon. Wie diese Margit, die konnte auch keinen klaren Gedanken fassen, ohne die Boten der Schattenwelt zu Rate zu ziehen, aber wirklich. Ihre Busenfreundin war versessen auf Abc-Spiele, Linda machte aus Langeweile mit, vergaß aber im Handumdrehen, was die Launen des Zufalls zutage förderten. Bis auf den Anfangsbuchstaben ihres künftigen Mannes. Zum Totlachen. Margit kritzelte mit einem Kreidestück das Alphabet an die Tür, Linda musste mit verbundenen Augen danach stoßen. Der Zufall steuerte Lindas Stock auf das U.
Unsinn, lachte Linda, völlig ausgeschlossen, es gibt ja keinen männlichen ungarischen Vornamen, der mit U anfängt.
Sie durfte das Spiel wiederholen, nachdem Margit sie dreimal um ihre Achse gedreht hatte, und, na ja, halt dich fest, schon wieder U.
Schaust du, es bleibt dabei, triumphierte Margit. Eine weitere Wiederholung lehnte Linda ab. Margit schmollte, strengte sich an, überlegte – und strahlte plötzlich übers ganze Gesicht: Du heiratest einen Deutschen. Udo.
Sie kannte aber keinen Udo. Nur den Jürgens. Und in Oderhellen gab es nur eine Handvoll Sachsen. Nichts als Hokuspokus. Aber jeder Zweifel, der sich einmal im Kopf einnistete, blieb für immer dort, wie ein Virus, der nur darauf wartete, dass die Seele des Wirts endlich Immunschwäche zeigte.
Schwäche? Sie doch nicht. Die Fliehkraft okkulter Überzeugungen, die in jeden Winkel des Lebens hineinwirkte und alles bewegte, zumindest dort, in ihrer alten Welt, vermochte Linda nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nein, sie blieb standhaft. Die Mahnungen ihrer Mutter Agnes quittierte sie mit galligem Zynismus. Wie herrlich, ihr ins Gesicht zu lachen, wenn sie mal wieder ihr Repertoire bemühte. Wie oft hatte sie schon den Zeigefinger erhoben, schleckt ein Mädchen den Kochlöffel ab, heiratet sie ins Ausland. Ach wirklich? Deine Überheblichkeit holt dich eines Tages noch ein, meine Liebe, ob du es glaubst oder nicht. Die Welt besteht aus mehr Schatten als Licht, predigte Agnes, deine Mathematik berechnet nur die Beschaffenheit von Formen und Oberflächen, Inhalte kann sie nicht ergründen.
Linda gab keinen Millimeter nach: alles dummes Geschwätz. Sie glaubte fest an den gesunden Menschenverstand. Doch wie fest war eigentlich fest? Wie eisern die inneren Durchhalteparolen? Im wabernden Kraftfeld krankhafter Überzeugungen blieb man nicht lange heil im Kopf. Agnes thronte über allem, ihr schwerer Atem hinterließ in jedem Winkel des Hauses die verseuchte Luft des Aberglaubens. Es gab kein Entkommen. Mütter waren einfach stärker. Auch im Unrecht.
Im Laufe der Jahre gewann die Verunsicherung unmerklich die Oberhand über Lindas sattelfeste Nüchternheit. Sie musste sich eines Tages eingestehen, dass sie schon lange an der Unerschütterlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zweifelte. Schon nach der Auflösung ihrer Verlobung hatte sie ein banges Gefühl beschlichen, dass an dem vielen okkulten Nonsens, der ihre jungen Jahre begleitet hatte, vielleicht doch was dran sein durfte, zu sehr haben sich Erwartungen und Ängste in ihrem Kopf verheddert, zu viele Vorhersagen erfüllt. Es waren wirklich sieben Jahre. Und geheiratet hatte sie ins Ausland. Aber was bewies das schon? Sie konnte das Irrationale lange gut unter Verschluss halten. Doch ihre innere Stärke zerbröckelte, die dünne Mauer ihres logischen Denkens drohte einzubrechen. Für etliche Erfahrungen der letzten Jahre gab es einfach keine rationale Erklärung, meistens nicht. Das Leben wurde zu einer kaum lösbaren Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Linda hatte sich vorgenommen, stärker zu sein als die Zahlen, stärker als die verstörenden Gebilde, die den Verstand in die Defensive drängten. Die Realität war nun mal nicht so einfach gestrickt, wie wir sie gerne hätten. Sogar die Mathematik enthüllte Muster, die den Verstand im Dreieck springen ließen. Die höherdimensionalen Gebilde, diese fesselnden, ins Dreidimensionale projizierten Schatten regelmäßiger Polytope oder die komplexen Körper, die aus Hunderten von Tetraedern bestehen, das war doch alles viel zu fantastisch, um wahr … um nicht wahr zu sein.
Doch da war noch was. Ein Tabu, an das man nicht rühren durfte. Sie wollte nie wieder daran erinnert werden, nie, und hatte es auch ihrem Mann verboten, es je wieder zu erwähnen. Den Skiurlaub im Pinzgau, vor 15 Jahren. Ein Todesstoß aus dem Äther, der die Ratio ins Koma beförderte. Eine verstörende Erfahrung, die sie bis ins Mark erschüttert hatte und seitdem in ihr schlummerte wie ein Ungeheuer, das man eingeschläfert hatte, das aber jederzeit zu erwachen drohte, wie eine Naturgewalt. Die Risse, die ihr Weltbild bekam, waren nicht mehr zu kitten. Am liebsten hätte sie geglaubt, es sei ein Traum gewesen. Gäbe es die Fotos nicht. Das Wetter zeigte sich von seiner überirdischen Seite, der Schnee glitzerte in der gleißenden Sonne, ihr war fast schwindlig von dieser Herrlichkeit vor dem Kitzsteinhorn. Die Gletscherbahn sollte in wenigen Minuten abfahren, ihr Mann brannte vor Ungeduld und rannte geschäftig hin und her, suchte für seine Schnappschüsse ausgefallene Perspektiven. Linda hatte plötzlich weiche Knie bekommen, musste sich setzen. Das Frühstück, entschuldigte sie sich, geh nur. Sie sah ihm nach, wie er immer wieder stehen blieb, in die Hocke ging und den Auslöser drückte. Dann setzte sich eine nette alte Frau zu ihr und fragte, Ihr Mann? Linda nickte und versuchte zu lächeln, sagte aber nichts, Small Talk war nun mal nicht ihre Stärke. Die grauhaarige Unbekannte machte einen langen Senf, scherzte und lachte, Linda stimmte ein, obwohl sie die Pointen nicht immer verstand, die Dame sprach ein seltsames Mittelbayrisch. Aus heiterem Himmel wollte die Fremde wissen, wie es ihren Kindern denn ging, ach ne, die hatte wohl einen Sprung in der Schüssel, dachte Linda, die Alte fragte sie über ihre Söhne aus, die Zwillinge. Tja, was für Zwillinge denn, sie hatte ja doch gar keine Kinder. Damals nicht. Die Frau musste sie verwechselt haben, wirkte etwas überkandidelt, sogar verwirrt. Als sie bemerkte, dass Lindas Mann sich näherte, stand sie plötzlich auf und sagte, diese Bahn dürfen Sie nicht besteigen, auf keinen Fall. Linda wurde schwarz vor den Augen. Als sie zu sich kam, lag sie in den Armen ihres Mannes. Er blickte sie besorgt an und fragte, ist dir schlecht? Linda blinzelte ihn verdattert an und stotterte, ich steige nicht ein … wir steigen nicht ein, hör zu, wir nehmen besser die nächste Bahn. Ich kann nicht … Sie hielt sich den Schal vor den Mund, als wollte sie sich vor einem eigenartigen Geruch schützen, der nur ihre Nase bedrängte und vor einer Gefahr warnte. Sie blieben sitzen und beobachteten die Fahrgäste. Deutsche und Österreicher, deren Dialekt sie nicht unterscheiden konnte, sie sprachen ja alle Bayrisch. Japaner, Engländer, Slawen. Und Kinder, viele Kinder. Die Türen schlossen sich, Linda sah den Fahrgästen in die Augen, als sich der Zug in Bewegung setzte, sie waren laut und euphorisch. Wo fuhren sie hin? Um Gottes willen, bitte alle aussteigen, dachte sie. Linda sah sich aufspringen und wild vor den verschlossenen Türen fuchteln … Sie blieb aber stumm auf ihrer Bank sitzen, mit einem bangen Gefühl in der Brust, sie verliere ihren Verstand. Minuten später stieg Rauch aus dem Tunnel, Linda konnte nicht viel sehen, der Zug sei im Tunnel stehen geblieben, erzählte man. Es hatte einen Brand gegeben, fast alle Passagiere seien durch Rauchgasvergiftung ums Leben gekommen. Ein Mysterium. Eine plausible Erklärung hatte sie dafür nicht, bis zum heutigen Tag. Und eine Grauhaarige hatte ihr Mann an Lindas Seite auch nicht gesehen, er habe sie keine Minute aus den Augen gelassen. Sah sie Gespenster? Oder war sie ihrem Schutzengel begegnet? Die Episode hätte sie am liebsten ganz aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Nein. Sie hatte keine Visionen. Das hätte noch gefehlt.
Und jetzt, was war aus ihrem Leben geworden? Was von ihren Träumen geblieben? Nur Sorgen. Sie schlafwandelte in einem fremden Leben. Dunkle Mächte zogen hinter den Kulissen die Fäden und machten sich über sie lustig. Der Alltag wuchs ihr über den Kopf. Sie hatte zu viele Eisen im Feuer. Unterricht und Nachhilfe für diese Versager mit oder ohne Abschluss. Eltern, die mit den Noten ihrer Kinder unzufrieden waren und mit dem Anwalt drohten. Ein Ehemann, der sich von ihr abwandte. Zwei Söhne, die sich von einer kleinen Fee vereinnahmen ließen. Eine verrückte Mutter, die ihre Tochter fernzusteuern versuchte und ihr mit andauernden Anrufen und Klagen die Wochenenden versaute. Ihr Exverlobter, der wie ein Phantom auf Altdorfs Straßen wandelte. Und zu allem Überdruss dieser Holger. War er wirklich in sie verliebt? Oder suchte er nur ein Abenteuer? Wie komisch er sie Ende Dezember beim Griechen angeschaut hatte, etwas verunsichert und frech, er flirtete mit Noemi und schenkte zugleich Linda lange Blicke. Auf der Faschingsparty wich er nicht von ihrer Seite. Kreuzte alle zwei Tage in der Schule auf. Es gab nun wirklich keinen Grund, wegen seiner Nichte Mira die Lehrer zu konsultieren, sie war gut, überdurchschnittlich begabt. Und ä Schnörrn, wie die Französischlehrerin sagte. Sorgen musste man sich machen eher um diese verstörten Heranwachsenden aus Crystal-Meth-Familien. Drogen in gutbürgerlichen Haushalten, gütiger Himmel. Was für Vorbilder hatten diese Kinder? Eltern, die tagtäglich die große Bruchlandung hinlegten, weil der Alltagsstress alle Lebensenergie aufzehrte. Ach, wann traf sich das Netzwerk Kinderschutz im Nürnberger Land wieder, unbedingt nachschauen, gleich, sobald sich die Nachtgedanken verzogen hatten. Den Termin durfte sie nicht verpassen.
Vergeblich. Es gab Dinge, die sie konsequent verdrängte. An die sie partout nicht denken wollte. Warum Albert? Wieso tauchte er jetzt nach so vielen Jahren hier auf, ausgerechnet in Altdorf, am Samstag auf dem Bauernmarkt? Alles nur Zufall? Nein, es gab keine Zufälle. Altdorf, ihre nach außen ach so glückliche Familie, ihre Söhne und diese kleine Dompteuse Mira, die ihre Buben verhext hatte, sie alle waren kein Zufall. Tim wollte einst Zirkuslöwe werden, Mira zuliebe. Heute Wallenstein. Und Tom nach wie vor Panzerfahrer. Jetzt bettelten sie um einen Blauschimmel-Cocker-Spaniel. Um ihn mit Titzi zu verheiraten. Diesen Floh hatte ihnen bestimmt Mira ins Ohr gesetzt. Ihre Katze brauchte einen Bräutigam. Holgers Nichte kam ständig auf solche Furzideen. Sie hatte die Zwillinge um den kleinen Finger gewickelt, sie waren diesem Wildfang in blindem Gehorsam ergeben. Die drei hingen zusammen wie Kletten. Die Lust am Schabernack stand Mira förmlich auf der Stirn geschrieben. Sie wusste nicht, wie gut sie es hatte. Schlug ständig über die Stränge. Weil sie Narrenfreiheit genoss. Ihr Vater saß im Rollstuhl, hatte MS und überließ die Erziehung seinem Halbbruder Holger, diesem sanftmütigen Trottel, der sie gewähren ließ, Autorität war wirklich nicht seine Stärke. Das konnte kein gutes Ende nehmen. Ja, der hübschen Mira saßen die Augen nicht richtig im Kopf, sie drehten sich vor lauter Übermut und Gerissenheit wie Kugeln in einem Spielautomaten, der stets den Jackpot verheißt, aber das Versprechen nie einlöst.
Linda rückte ihr Kissen zurecht und setzte sich auf. Der Kloß neben ihr grunzte zweimal kurz, regte sich aber nicht.
„Schläfst du noch?“
„Ja“, stöhnte ihr Mann. Linda hob seine Decke und schmiegte sich an seinen breiten Rücken. „Wie spät ist es?“
„Viertel acht“, sagte sie. Es wird ein schlechter Tag.“
„Warum?“
„Die Quersumme der Uhrzeit ist dreizehn.“
„Du kannst es nicht lassen.“
Nein, das war ihre schlechte Angewohnheit, seit Kindertagen. Von wegen immun gegen Aberglauben. Die Zahlen verfolgten sie. Er sollte bloß nicht sagen, dass ihre Berechnungen und die Wirklichkeit in keinem Zusammenhang zueinander stünden. Das wusste sie ja. Und doch glaubte sie insgeheim an eine geheime Formel, die es zu ergründen galt, um tückischen Konjunktionen auszuweichen. Wie sollte man sonst dem Pech aus dem Weg gehen?
„Weiß du, wem ich gestern begegnet bin?“
„Natürlich.“
„Wem?“
„Wie soll ich das wissen. Blöde Frage. Sag schon.“
„Meinem ehemaligen Verlobten.“
„Verlobten? Wann warst du denn verlobt?“
„Ich war noch sehr jung. In Klausenburg.“
„Ach so …“
Sie schwieg. Warum hakte er nicht nach? „Und? Willst du es nicht wissen?“
„Nein. Was geht mich das an?“
„Wusste ich doch. Du bist kein bisschen eifersüchtig?“
„Warum denn? Wozu soll das gut sein? Würde es dir schmeicheln?“
„Komm, nur ein bisschen“, bettelte sie. Ihr Mann schnaufte gelangweilt. „Frag mich, wie er heißt.“
„Ich frag dich, wie um Himmels willen kannst du hier in Altdorf deinem Klausenburger Verlobten begegnen. Hast du ihn vielleicht verwechselt?“
„Nein. Er war es. Albert.“
„Was hat er gesagt? Hat er sich gefreut, dich zu sehen?“
„Nein. Er hat mich nicht erkannt.“
„Bist dir sicher?“
„Absolut.“ Linda schüttelte die Decke. „Du schwitzt. Macht es dich nervös?“
„Ich schwitz, weil du auf mir liegst.“
„Und ich dachte, endlich bist du ein wenig eifersüchtig.“
„Ist das so üblich in Klausenburg?“
„Wieso Klausenburg?“
„Die Ungarn. Haben doch Paprika im Blut, oder?“
„Im Arsch. Unsinn. Die Ungarn sind genauso wie die Sachsen. Die Städter zumindest. Gleiche Mentalität. Es gibt nun mal Eifersüchtige und solche wie dich. Phlegmatiker.“ Linda öffnete die Augen und sah noch einmal auf die Uhr. „Sieben Uhr vierundzwanzig. Schlechte Zahl, schlechter Tag.“
„Quersumme dreizehn? Du bist echt bescheuert.“
„Ich weiß.“ Plötzlich ein gewaltiger Knall. Linda sprang aus dem Bett. „Was war denn das?“ Ihr Puls verdoppelte sich. „Um Gottes willen, wer macht denn so einen Höllenkrach in aller Herrgotts Frühe?“
„Das ist dieser Orkan aus Island.“
„Es klang … wie ein Schuss“, entgegnete Linda. Sie trat ans Fenster und zog die Rollos hoch.
„Ich dachte, es wäre was Schweres umgefallen.“
„Das kann auch sein“, überlegte sie. „Aber ich hätte schwören können, es war ein Schuss. Meinst du, Gangster ballern hier in Altdorf herum?“
„Ne. Unsinn.“
Linda legte sich wieder hin und deckte sich zu. „Musst du nicht aufstehen?“, fragte sie. Nein, fiel ihr ein, er hatte sich ja freigenommen.
„Lass mich noch ein bisschen“, bettelte er.
„Willst du noch etwas zu Ende träumen?“
„Ja.“
„Was? … Sag schon ... Sex?“
„Mhm.“
„Mit mir?“
„Kannst du bitte ein paar Minuten schweigen?“
„Blödmann.“ Linda schlug die Decke zurück, scharrte mit den Füßen nach den Hausschuhen und trottete ins Bad.
„Erwarte bloß nicht, dass ich dir dabei helfe“, brummte sie. „Das hättest du wohl gern, was?“ Sie setzte sich auf die Klobrille und entspannte sich. Na wart. Ich werde dich schon ablenken von deinem erotischen Abenteuer. „Albert hat mich nicht erkannt. Hörst du mich?“ Sie wollte nicht zu laut reden, um die Zwillinge nicht zu wecken. Sie schliefen im Dachgeschoss, ganz praktisch dieses Haus Ilona, hier im Erdgeschoss waren Linda und ihr Mann ungestört, und die Kinder hatten oben ihr eigenes Reich samt Bad. „Er ist einfach an mir vorbeigegangen, gestern bei der Alten Nagelschmiede. Sein leerer Blick verriet es. Wie denn auch? Ich sehe ganz anders aus als damals in Klausenburg. Ich war ziemlich pummelig. Wog sechsundsiebzig Kilo, eine schlechte Zahl, hörst du mich, ich musste fünfzehn Kilo loswerden. Du glaubst mir nicht?“ Melinda horchte. Im Schlafzimmer rührte sich nichts. Kein Laut. Sie stöhnte leise. Auch dies hörte er nicht. „Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ausgerechnet hier in Altdorf. Er sieht immer noch gut aus. Kräftig. Schönes Haar. Hat aber einen Bauchansatz.“
Nein, er würde nicht aufstehen. Früher, wenn sie sich duschte und die Brause abstellte, erschien er prompt im Bad, um ihren Po zu segnen. Er küsste zuerst die linke Backe, sagte Urbi …, und dann die rechte, et Orbi. Manchmal galt das Ritual ihren Brüsten. Und abends, wenn sie sich nach dem Arbeitstag begrüßten, schloss er sie in die Arme, streichelte ihren Po und fragte, was macht denn dein Tuttichen? Tutt, wieder mal so ein komisches Wort aus dem Dialekt seiner Mutter. Mein Tuttichen?, fragte sie keck zurück. Es lässt dich schön grüßen.
Jetzt blieb er immer im Bett liegen, bis sie die Kleiderschranktüren aufriss. Vorher stand er nicht auf. Schon lange nicht mehr.
Linda ging ins Wohnzimmer, zog den Vorhang beiseite und sah hinaus. Im Garten tobte der Wind. Er zerrte an den blassen Zypressen, flaute kurz ab, um noch einmal aufzuspringen und die Baumkronen wie Derwische tanzen zu lassen. Der weiße Sonnenschirmfuß war weggetrippelt, er ruhte sich auf einem der Trittsteine im Gras aus. Nur die Liege des Nachbarn stand noch da wie angewurzelt, als wäre der lange Winter eine dreiste Lüge gewesen. Hoffentlich flog sie dem Zwetschgenbaum nicht um die Ohren. Linda hörte immer wieder Geräusche von umfallenden Gegenständen, der Wind heulte in wilder Entschlossenheit, seine Botschaft war unmissverständlich, die Wetterdämonen drohten, die Welt aus den Angeln zu heben, und kündigten ein Jahr des Missvergnügens an.
Er liebte die ruhigen Wochen nach Weihnachten, die Unternächte. Keine Termine, keine Verabredungen. Stille Tage mit einem schönen Buch und einer warmen Tasse Tee, Spaziergänge im tiefen Schnee, draußen im Fürstenschlag oder im Röthenbacher Holz, wenn der Himmel gähnte und die Wolken verträumt dahinzogen, mit geschlossenen Augen und gespreizten Flügeln.
Holger stand am Fenster und sehnte die einsamen Winterabende herbei, wenn der Schnee in dicken Flocken trieb und über den Hausdächern flatterte wie ein zerrissener Vorhang im Wind, das Vertraute mit kühn entfesseltem Pinsel verfremdete und in eine magische Kulisse verwandelte. Wie letztes Jahr. Und die Jahre davor.
Doch in diesem Dezember tanzten die Elemente aus der Reihe. Geschneit hatte es zum ersten Mal am zweiten Weihnachtstag. Und dann immer wieder mit Unterbrechungen, wochenlang. Der Winter gab sich mürrisch dieses Jahr, geradezu lustlos, zuweilen reizbar. Der Schnee lag nass und schwer auf Gehwegen und in den Gärten bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt, klumpte und schmolz, bildete schnell schmutzige Krusten. Er saugte sich langsam voll mit dem trägen Saft der Erde, den abgestorbenen Zellen gehäuteter Tage, und nahm beharrlich die stumpfe Melancholie der Verwesung in sich auf. Die triefende Schwermut schlug aufs Gemüt. Ihm und seiner Mutter. Holger wandte sich um und blickte auf den leeren Sessel, in dem sie an den Tagen vor Weihnachten die Stunden ihrer Schlaflosigkeit verbracht hatte, mit einem Buch offen in ihrem Schoß. Ihr Blick ruhte abwesend zwischen den Seiten, sie schien dem Atem des Winters zu lauschen, enttäuscht und verunsichert, als habe die weiße Jahreszeit vergessen, ein großes Versprechen einzulösen. Wie einsilbig sie war. Ist er wirklich so langweilig, dein Roman, hatte er gefragt. Keineswegs, blinzelte sie, schon kurzweilig, aber schlampig geschrieben. Das nervt. Eigentlich esoterischer Unsinn, sagte sie und zeigte den Umschlag: Die Prophezeiungen von Celestine.
Jetzt saß sie bei Mira und Fred, wollte nicht mehr bei ihm übernachten. Wozu denn auch? Sie hatten die Tage eh bei Fred verbracht, mit Mira gekocht und gebacken, bis die Küche rauchte wie eine alte Dampflokomotive. Ihm war dort sowieso öde. Freds düstere Weissagungen hatte er über. Holger stellte die Ohren auf Durchfahrt, wenn sein Halbbruder eines seiner Lamentos über den Untergang anstimmte. Die echten Kalamitäten brauten sich woanders zusammen.
Was würde ihm das nächste Jahr bringen? Er war Mitte vierzig, bildete sich ein, zehn Jahre jünger auszusehen und über reichlich Potenzial für einen Neuanfang zu verfügen, sein Leben könnte sich doch noch zum Besseren wenden. Es gab aber zu viele Baustellen, zu viele offene Fragen und Sorgen. Nadine würde sich nicht anders besinnen, kaum vorstellbar. Und der Rechtsstreit mit der Baufirma?
Zwei Wochen waren es her, dass er durch Nürnberg irrte, er schlenderte von der Lorenzkirche über die Pegnitz bis zur Frauenkirche, bog rechts ab, geriet in ein Gassengewirr und blieb vor einer kleinen Tür stehen. Er trat näher. Kaum lesbar auf einem Kupferschild: „Astrologin“. Ohne viel nachzudenken, drückte er die Klinke und trat ein. Ein verrauchtes Hexennest, das war klar. Schummriges Licht, viel Geglitzer, flackernde Kerzen und unruhige Schatten. In einer Ecke saß regungslos wie eine Statue eine stark geschminkte Frau mit schwarzen Haaren, sie waren gefärbt, das hatte Holger sofort erkannt, ihre hellen Augenbrauen verrieten es. Ihr Alter? Unbestimmt. „Kommen Sie doch näher“, hauchte sie verführerisch, „womit kann ich dienen?“
Selten im Leben hatte sich Holger so selbstsicher gefühlt wie in dieser Gruft hohler Versprechungen und schamlosen Bluffs. „Hallo“, sagte er, „ich wollte mal schauen, ob Sie so gut sind wie ihr Ruf, Sie können aus den Sternen lesen …“
„So einfach ist das nicht, mein Herr. Ich bin Samantha. Wie soll ich Sie nennen?“
„Holger. Tierkreis Widder“, log er und setzte sich. „Ich hätte gern gewusst, was mir das nächste Jahr blüht. Ob meine Ehe noch zu retten ist. Und wie der Rechtsstreit mit einem Bauunternehmen ausgeht. Droht uns eine Finanzkrise?“
„Nicht so schnell, junger Mann.“
„So jung bin ich nicht mehr, das sieht man doch.“
„Nein. Vor mir sehe ich einen jungen Mann mit guter Aura. Aber was Sie gerade angesprochen haben, kann man nicht so mir nix dir nix aus den Sternen herauslesen.“
„Was dann? Können Sie vielleicht mal einen Blick werfen in Ihre Kristallkugel? Oder ist sie aus billigem Glas?“
„Na, wenn Sie mir so kommen, können wir die Sitzung gleich abbrechen. Sie sind ganz schön frech, muss ich sagen. Ihre Dreistigkeit verrät im Grunde Ihre tiefe Verunsicherung.“ Touché.
„Verzeihung, ich wollte Sie nicht verletzen. Was müssen Sie über mich wissen, um die Sterne für mich zu deuten. Oder meinetwegen diese Kristallkugel zu bemühen?“
„Sie stellen sich die Sache recht einfach vor. Ich bin keine Amateurin, wenn Sie es wissen möchten. Erstens: der Tierkreis dient nur als Messkreis für das zu erstellende Horoskop. Sie versuchen den Eindruck zu vermitteln, dass Sie sich gut auskennen. Tun Sie das?“
„Ich hatte Experten in der Familie, aber ich selber …“
„Schon klar. Also. Was hätten Sie gern: ein Geburtshoroskop, ein Elektionshoroskop oder ein Partnerschaftshoroskop. Ich habe verstanden, es gibt Probleme mit Ihrer Frau …“
„Geht es vielleicht auch einfacher?“
„Geben Sie mir bitte Ihre Hände.“
Holger kam der Aufforderung nach, Samantha stellte die Kristallkugel in die Mitte und schlug seine Hände auf. Ihre warmen Finger berührten seine Handteller. Sie blickte in die Kugel, mitunter auch auf seine Handflächen und schwieg lange. „Ihre Frau ist unzufrieden, sogar … irgendwie gleichgültig. Ihre Ehe ist in Gefahr. Sie müssen auf sie zugehen, einen Kompromiss finden. Ihre Seele wird bald zur Ruhe kommen. Sie müssen nur Geduld haben. Die Zufriedenheit, die Sie suchen, werden Sie nicht so schnell finden. Um Ihren Rechtsstreit steht es nicht gut. Sie haben zwar beste Karten, aber … ich sehe da ein Hindernis. Die Sache wird ins Stocken geraten, eine baldige Lösung ist nicht in Sicht. Sie treffen sich mit der Gegenseite vor Gericht. Das Urteil sehe ich nicht, ich sehe nur … nein … beide Parteien kämpfen mit harten Bandagen und wollen nicht nachgeben, eine Pattsituation.“
„Keine weiteren großen Ereignisse?“
„Doch, viele Ereignisse, aber im Rahmen des Alltäglichen, nichts Herausragendes. Nichts, was sie seelisch aus der Bahn wirft. Nein, keine seelischen Erschütterungen. Nur eine lange anhaltende Anspannung. Sie fahren Achterbahn.“
„Was wird aus meiner Geliebten?“
„Eine Geliebte …“ Samantha stockte. „Eine Geliebte sehe ich nicht. Haben Sie wirklich eine?“ Sie blickte Holger in die Augen. Er zuckte mit keiner Wimper. „Ich sehe eine Frau, die Sie verehren. Aber … konzentrieren Sie sich besser auf Ihre Gattin.“
„Und der Aktienmarkt?“
„Wie bitte? Meinen Sie die Börse?“
„Ja. Wie entwickeln sich die Kurse im nächsten Jahr?“
„Das gehört aber nicht zu Ihrem persönlichen Profil, das ist nicht Teil unserer Abmachung.“
„Abmachung? Wir haben doch nichts ausgemacht. Und die Frage habe ich gleich gestellt.“
„Daran kann ich mich nicht erinnern, es tut mir leid.“
„Doch, ich fragte, ob es eine erneute Finanzkrise gibt.“
„Ach so, ja, Finanzen … tatsächlich. Also gut. Ich kann Ihnen nur eine grobe Prognose geben, die Angelegenheit ist zu komplex, hängt von viel zu vielen Faktoren ab.“ Sie sah erneut in ihre Kugel und drückte Holgers Hände. „Sie haben Aktien. Pharma läuft nicht so gut. Alles andere können Sie halten, es wird sich nicht viel ändern.“
„Soll ich also meine Pharmaaktien verkaufen?“
„Das habe ich nicht gesagt. Empfehlungen kann ich Ihnen keine geben. Soll ich Ihnen vielleicht aus den Karten lesen? Aber das kostet dann extra.“
„Ein andermal“, lehnte Holger ab.
Er zahlte, schimpfte im Stillen über seine Dummheit und ging. Viel Geld für nichts. Samantha wollte also andeuten, ohne sich aber festzulegen, dass der Rechtsstreit mit einem Vergleich ausgehen würde. Mit dieser schlau formulierten Prognose konnte sie nicht falsch liegen. Alles sprach dafür. Zumal er kaum Pulver hatte für eine große Schlacht. Von wo denn auch? Sein Arsch war doch keine Münzanstalt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm der Atem ausging. Darauf spekulierte wohl die Gegenseite. Und Nadine? Ein Kompromiss ... Soll das ein Witz sein? Mumpitz. Die Wahrsagerin hat das Muster nicht erkannt. Hat ihn auf den Besen geladen wie einen Grünschnabel.
Das Muster. Genau darum ging es. Dieser Gedanke schoss ihm durch den Kopf, als er seinen beim Amtsgericht abgestellten Wagen aufschloss. Und genau derselbe Gedanke durchzuckte ihn erneut, zwei Wochen später, als er am Fenster stand und auf seine Verabredung wartete. Das Muster war eine Art Fluch, ganz gewiss. Es ging nicht nur um Nadine. Sondern auch um Yvonne. Und um Noemi.
Sollte er wieder zur Wahrsagerin gehen? Ihr mal ordentlich Bescheid stoßen? Vielleicht im Januar. Den Besuch schrieb er als Fehlinvestition ab. Eine der vielen in seinem missratenen Leben. Er war als Pechvogel aus dem Ei geschlüpft. Holger war derjenige, dem eine Taube auf den Kopf schiss, wenn er sich mit seinen Schulfreunden am Neuen Friedhof eine Zigarette anzündete, trotz aller Mahnungen und inständiger Bitten seiner Mutter, vom Tabak die Finger zu lassen. Ihm ging die schöne Schweizer Uhr verloren, die er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ausgerechnet dem Physiklehrer musste er begegnen, prompt nachdem er dessen Stunde geschwänzt hatte. Und pünktlich vor dem Schulausflug nach Österreich musste er sich den Knöchel verknacksen. Das Unglück folgte ihm wie ein Schatten. Warum? Weil Gott dich prüft, pflegte seine Mutter zu sagen. Aber warum ausgerechnet ihn? Weil er jene prüft, die er liebt, mein Bopperl. Du musst brav beten. Holger betete eifrig jeden Tag. Lieber Gott, flüsterte er abends mit gefalteten Händen vor dem Bett kniend, ich rufe zu Dir und bitte Dich, mir endlich eine Abschlussnote zu geben und die Prüfung zu beenden, zu Dir seufze ich und bitte Dich um eine Entscheidung, vor dir knie ich als sündiger Bub, der alles bereut, und bitte Dich, gütiger Gott, mich endlich zu erlösen.
Vergeblich. Seine Gebete blieben unerhört. Er zog das Pech an, die Erlösung ließ unerbittlich auf sich warten. Im Moment ging es in seiner Seele drunter und drüber. Nadine, Noemi. Und auch noch diese Mathematiklehrerin, Linda. Nein, das war ein richtiger emotionaler Schlamassel.
Holger sah auf die Uhr. 17.11 Uhr, bald traf er Noemi Bartenstein, Linda Armbruster, Paula Wieczorek, Judith Hellmannsberger und Manfred Thellmann beim Griechen, vielleicht verspäteten sie sich, die Lehrer kamen von der letzten diesjährigen Sitzung des Netzwerks Kinderschutz im Nürnberger Land, und Noemi hütete bis halb sechs ihre Kanzlei. Mandanten hatte sie nur wenige, Holger gehörte zu ihren ersten Kunden, die große Konkurrenz in Altdorf verhieß Juristen keine goldene Zukunft. Noemi hielt allerdings alle Trümpfe in der Hand: Sie war die Einzige auf Baurecht spezialisierte Rechtsanwältin mit reichlich Ahnung von Bautechnik, ihr Vater war ja Bauingenieur. Die boomende Bauwirtschaft versprach Fachleuten ihres Kalibers volle Auftragsbücher.
Wenn ich auf dem Zebrastreifen stehenbleiben muss, dachte Holger auf dem Weg in die Innenstadt, wird der heutige Abend ein Reinfall. Das Würfeln mit spontanen Wenn-Fragen hatte sich bewährt. Die Prognosen trafen praktisch immer zu. An Prophezeiungen glaubte er eigentlich nicht. Und schon gar nicht an den Grundsatz der Logik, die Wirkung sei die Konsequenz einer Ursache. In unserem Denken vielleicht. Ansonsten war die kausale Chronologie nur eine Täuschung. Die Zeit entstand im Kopf, um Dinge zu sortieren. Die Realität jenseits der Wahrnehmung existierte hingegen als zeitloser Zustand, den unser Verstand zu ordnen versuchte. Die Wenn-Frage folgte demnach stets nach der Antwort, weil Letztere schon vorher feststand. Sie war eine präkognitive Einflüsterung. Möglicherweise.
Der ampellose Fußgängerüberweg an der Laufer Straße war mit einem Fluch belegt, ganz klar. Jedes zweite Mal schnitt ihm eine Autofahrerin den Weg ab. Als wäre er unsichtbar. Es saßen immer Frauen am Steuer. Glaubten wohl, dass er ihnen eine Höflichkeit schuldete.
Holger näherte sich dem Zebrastreifen, blieb stehen. Ein Kleinwagen tuckerte heran, war aber noch weit weg. Holger marschierte los. Tat noch ein paar Schritte … und sah entsetzt ins Scheinwerferlicht, das ihn anzuspringen drohte. Er blieb im letzten Augenblick stehen. Sein Herz auch. Mein lieber Mann, das war knapp. Am Lenkrad saß eine entrüstet dreinblickende alte Schachtel. Fast wäre sie ihm über die Zehen gefahren. Na dann. Jetzt hatte er die Botschaft: Die Damen des heutigen Abends würden ihn allesamt verschmähen.
Am reservierten Tisch beim Griechen saß noch keine Seele. Holger machte es sich gemütlich an einem Platz, von dem aus er die Eingangstür im Blick hatte, und bestellte ein Pils. Als der Kellner das Glas auf den Tisch stellte, ging die Tür auf. Die letzte, die hereinkommt, gehört mir, würfelte er wider besseres Wissen. Es waren tatsächlich die Damen, als letzte betrat … Noemi das Lokal. Mit Linda. Oder beide zugleich? Holger winkte. Noemi ... Schön wär’s. Aber daraus wird wohl nichts. Zu Noemi hatte er einfach keinen Zugang.
„Und Manfred?“, fragte er.
„Er entschuldigt sich, er muss mal wieder nach Hause wegen seiner kranken Frau“, seufzte Paula, die Chemielehrerin.
„Die Alzheimerkranke?“
„Ja. Die Schwiegermutter seines Sohnes passt auf sie auf, aber diese Tage soll Frau Thellmann sehr unruhig gewesen sein“, klärte ihn Linda auf. Aus ihr wurde er nicht ganz schlau. Die schmucke Blondine hatte eine schöne Stimme, geradezu erotisch, ihre Aussprache verriet keinen Dialekt. Eine Fränkin war sie sicherlich nicht. Eine Berlinerin wohl auch nicht, sie hatte dort nur gearbeitet, vor Jahren. Er musste ihr auf den Zahn fühlen. War sie überhaupt verheiratet? Einen Ring trug sie nicht.
„Wie war es im Netzwerk?“, fragte er.
„Ein Trauerspiel“, sagte Paula.
„Mittlerweile eine Epidemie“, seufzte Judith.
„Na, nicht übertreiben“, widersprach Linda.
„Ist die Droge eigentlich billig?“, hakte Holger nach.
„Crystal Meth ist leicht verfügbar“, sagte Paula.
„Aus Tschechien?“
„Von überall. Labore hat man hier in Bayern schon Dutzende ausgehoben.“
„Die Konsumenten … auch Akademiker?“
„Alle Schichten“, warf Judith ein. „Gestresste Angsthasen.“
„… oder hoffnungslos verschuldete Bauherren“, sagte Paula.
„Man betäubt also die Angst …“
„Wen einmal der Teufel geritten hat“, zwinkerte
Judith, „der hat seine Seele verloren.“
„Eine Suchtfalle …“
„Und Sex-Aufputschmittel …“
„Für viele ein Schlankheitselixier …“
„Wirklich?“, fragte Holger ins Stimmengewirr. „Wa …“
„Es drosselt den Appetit“, schoss eine Stimme von links.
„Ach so …“
„Manche macht es hellwach ...“
„… und aggressiv.“
„Frisst übrigens die Zähne, man sieht dann aus wie ein Halloween-Kürbis …“, lachte Judith.
„Was wird aus diesen Kindern“, fragte Holger. „Meine Nichte erzählt, im Schulhof liefen lauter Tyrannen herum. Was wollen wir bestellen?“ Der Kellner stand am Tisch und nahm die Bestellung auf, Fasolakia für Holger, Mousakas und Rotwein für die Damen.
„Was? Auf dem Schulhof … handelt man mit Drogen?“
Holger blickte auf, konnte die Stimme aber niemandem zuordnen. Alle schnatterten gleichzeitig. Er sah verstohlen auf Judith. Recht attraktiv, diese kleine Nymphe. Er wusste nicht viel über sie. Französischlehrerin? Liiert?
„Bitte nicht verallgemeinern“, protestierte Linda. „Ein paar Verhaltensgestörte gibt es schon …“
„Nicht nur unter den Problemkindern ...“, grinste Judith.
„Viele sind verhätschelt“, sagte Paula, „verweigern sich, Leistung ist für sie ein Fremdwort. Man setzt ihnen keine Grenzen.“
„Und bietet ihnen keine Wertorientierung“, fuhr Linda dazwischen.
„Mira beschwert sich …“, setzte Holger an
„Zu viele Freiheiten …“
„Und keine Handhabe …“
„Mira sagt“, versuchte Holger noch einmal den Faden aufzunehmen, „viele Kinder seien widerborstig, störrisch und launisch ohne ersichtlichen Grund …“
„Ja, ja“, nickte Paula, „Sozialverhalten wie bei den Affen. Die problematischen Kinder kommen eigentlich aus ordentlichen Familien, die meisten haben gute Eltern …“
„Gute? Nachsicht gehört nicht zum Gutsein“, schaltete sich Noemi ein. Hm. Sie hatte wohl recht. Denn Mira … Ja, seine Nichte fiel auch unangenehm auf, manchmal, mit ihrer forschen Art. Hatte einen eisernen Willen. War nicht zu bremsen. Ja, Frechheit gehörte zu ihren Tugenden. Man hätte die Zügel straffer anziehen müssen. Wenn man es gekonnt hätte. Ihr Nachbar, dieser schmierige Anwalt, drohte, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit man sie in die Psychiatrie einwies. Nur, weil sie an seine Tür gehämmert hatte. Nicht ohne Grund. Diesem abgefeimten Juristen war wirklich alles zuzutrauen. Das Böse war seine stärkste Triebfeder. Er wollte nur schaden, jedem, und sich am Elend seiner Opfer laben. Am besten, man räumte ihn aus dem Weg.
„Manfred meint … schade, dass er nicht da ist“, sagte Linda, „Manfred glaubt, wir hätten kein grundsätzliches Problem. Es sei gut, dass gerade diese Eltern, die meisten sind Akademiker, viele, auf jeden Fall, mit guter Ausbildung, also im Großen und Ganzen zivilisierte Zeitgenossen, dass diese Leute also Kinder haben, weil sie es sich leisten können, man muss sie nur aus dieser Bredouille irgendwie hinausmanövrieren …“
„Mir klingt es ein wenig nach Verdummung, mit Verlaub“, wandte Noemi ein, „wenn sich die Leute so gehen lassen. Aber wenn Manfred meint, es sei alles in Ordnung, dann wird es ja wohl stimmen.“
„Eher Verweichlichung als Verdummung, wenn du mich fragst“, sagte Holger. „Die Welt geht deshalb nicht unter.“ Was werden diese Damen wohl für Unterwäsche anhaben, fragte plötzlich eine fremde Stimme in seinem Kopf. Linda vielleicht schwarze. Schön, aber eher zurückhaltend. Judith? Wahrscheinlich eine Stringtanga. Alles schön rasiert. Noemi? Exquisite Reizwäsche und schicke Intimfrisur. Und Paula? Eher bieder. Weiß und schlicht.
Noemi schmunzelte. Dann tuschelte sie mit Linda und blickte kurz in seine Richtung. Holger fühlte sich ausgeschlossen. Konnte sie von seinem Gesicht ablesen, was er dachte? Ein komischer Gedanke beschlich ihn. Was, wenn sie wusste, was ihm durch den Kopf ging? Sie und alle anderen am Tisch. Was, wenn es Menschen gab, die Gedanken lesen konnten? Gedanken, die sich selbständig machten und ums Haupt herumschwirrten wie Schwärme lästiger Schmeißfliegen über einem stinkigen Haufen, die jeder sehen konnte. Jeder außer ihm. Noemi verfügte über diese Fähigkeit, darauf hätte er gewettet. Und verachtete ihn für das, was er gerade dachte. Wie lächerlich, wie dumm und erniedrigend, so nackt vor aller Welt zu stehen. Wenn es denn stimmte.
„Man kann noch so viel lamentieren, aber letzten Endes ist es eine Frage der Evolution, wohin wir steuern“, wandte Paula ein.
„Und wenn unsere Gesellschaft ihre Mitglieder nicht mehr schützen kann“, beeilte sich Noemi anzumerken, „wenn die Menschen einfach abrutschen ins Verderben, dann handelt es sich meines Erachtens um … wie soll ich sagen … um Auslese … selbstverschuldet. Auch Gesellschaften, Gesellschaftsformen konkurrieren miteinander. Für uns könnte dieser Konkurrenzkampf fatal sei, zumal in einer Zeit, in der wir immer weniger Kinder bekommen.“
„Sag bloß nicht, wir schaffen uns ab“, prustete Holger.
„Nein, so war das nicht gemeint“, lachte Noemi. „Man muss solche Entwicklungen rechtzeitig eindämmen. Wir befinden uns zivilisationsgeschichtlich auf dem absteigenden Ast, wir sind zu weich und träge …“
„Den Untergang des Abendlandes haben ja schon viele prophezeit“, schmatzte Holger.
„Untergang und Aufstieg, solche Zyklen hat es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben“, fuhr Noemi fort. „Schon im alten Babylon beschwerten sich die Menschen über die Zuchtlosigkeit der jungen Generation …“
„Das geht immer mit dem Wohlstand einher“, wandte Linda ein.
„Gewiss. Die babylonische Jugend war verweichlicht, verweiblicht, viele Männer trugen Frauenkleider und Schminke.“
„Und das hat sich in der Geschichte der Menschheit unzählige Male wiederholt“, sagte Paula.
„Wir sind trotzdem noch da, in bester Verfassung“, blinzelte Linda vergnügt. „Etwas mehr Disziplin bräuchten wir aber doch.“
„Zucht und Ordnung …“, deklamierte Holger mit Hitler-Aussprache.
„Nee“, protestierten die Frauen unisono und lachten, „nicht so.“
„Manfred … ist er nicht Geschichtslehrer?“, fragte Noemi.
„… und Englisch“, antwortete Paula.
„Also, ich finde, bei all seinem Idealismus und seiner Menschenliebe verdrängt er einen wesentlichen Aspekt. In den vergangenen Epochen beschwerte sich die ältere Generation über die Verlotterung der Jüngeren. Diesmal verlottern bereits die Eltern, bevor sie ihre Kinder großgezogen haben, das heißt, wenn sie sich den Drogen hingeben. Der Verfall beginnt nicht beim Nachwuchs …“
„Sondern bereits bei den Alten. Der Nachwuchs fällt dem Zerfall der Gesellschaft zum Opfer.“
„Na, Zerfall ist doch zu hoch gestochen. Sucht hat es schon immer gegeben“, widersprach Linda. „Früher griff man zur Flasche, heute zur Pille. Crystal Meth, das ist ein neues Phänomen, Rauschgift ist nur ein moderner Ersatz.“
„Ein Fluch …“, kam es aus einer Ecke.
„Wie … Fluch …“
„Halt, halt, wir haben sicherlich ein Problem, aber bitte nicht überdramatisieren“, rief Linda. „Die Gesellschaft zerfällt nicht, so weit sind wir noch lange nicht. Eine ernstzunehmende Gefahr sehe ich wirklich nicht. Fluch … Wer spricht hier von Fluch?“
„Im übertragenen Sinne?“, fragte Holger.
„Vielleicht auch nicht“, sagte Judith.
„Fluch hin oder her“, sagte Paula, „ein paar Eltern sitzen in der Tinte, das stimmt, aber insgesamt ist die soziale Struktur hierzulande meines Erachtens intakt. Holger, Noemi, ihr habt was falsch verstanden. Kinder von Drogenkonsumenten … die meisten kommen mit dem Schulalltag ganz gut zurecht. Tyrannenkinder gibt es vor allem in den unauffälligen Familien.“
„Du meinst die besseren, die wohlhabenden …“, sagte Linda.
„Teils, teils. Die Frage ist also, wie und zu was wir die neue Generation erziehen. Draußen im Leben muss man was leisten.“
„Erziehung des Charakters, das fehlt im heutigen Schulsystem“, sagte Linda.
„Und die Stärkung der Urteilskraft“, ergänzte Noemi, „des kritischen Denkens.“
„Unbedingt“, sagte Paula. „Manfred hält im Übrigen den Aberglauben für gefährlicher als Rauschgift.“
„Opium …“, kicherte jemand und verschluckte zwei weitere Silben.
„Dagegen ist kein Kraut gewachsen“, lachte Holger. Seine Worte wären ihm fast im Hals stecken geblieben. Wenn sie nur wüssten, wie krank er im Kopf war. Vielleicht hatten ihn diese Wunderweiber mit Röntgenblick schon längst durchschaut.
„Manfred behauptet, Aberglaube schlägt Wissenschaft“, sagte Paula. „Der Obskurantismus sei unbesiegbar.“
„Glaube ich nicht“, widersprach Noemi.
„Bildung ist der Schlüssel …“, sagte Linda.
„Gewiss, die richtige. Eigentliche Bildung bedeutet die Verknüpfung von Erkenntnis und Urteil, aber dazu sind nur wenige fähig.“
„Glauben ist bequemer als verstehen.“, warf Linda augenzwinkernd ein.
„Die meisten Menschen muss man formen …“, fuhr Noemi fort.
„Abrichten“, deklamierte Holger.
„Das hast du aus deinem Philosophie-Studium“, unterbrach Paula.
„Philosophie?“, wunderte sich Holger.
„Ja, eine Jugendsünde“, blinzelte Noemi und nahm einen Schluck Wein, „nach drei Semestern Philosophie bin ich auf Jura umgestiegen. Wenn man es genauer haben will, auch die Verdummungstheorie ist nicht neu … Schopenhauer meinte zum Beispiel, dass die Natur lediglich für die Erhaltung der Gattung sorge und gleichgültig sei gegen den Untergang der Individuen.“
„Das heißt, der Stärkere überlebt, egal wie dumm“, fragte Holger.
„Vielleicht, das ist aber nicht der Punkt. Die Natur beweist Geiz bei der intellektuellen Ausstattung der Individuen, behauptet Schopenhauer, und Verschwendung, wo es um die Gattung geht. Frei nach dem Grundsatz: lex parsimoniae naturae – das Gesetz der Sparsamkeit der Natur; die Natur schafft nichts Überflüssiges und schenkt nichts.“
Holger nickte bewundernd. Linda stellte ihr Weinglas auf den Tisch und sagte, „die Menschheit verdummt, weil ein zu hoher Grad an Intelligenz der Erhaltung der Gattung schadet.“
„Ach, wirklich?“ staunte Paula.
„Das stimmt schon“, nickte Noemi. „Das liegt daran, dass der Mensch der Sinnlosigkeit seiner Existenz bewusst wurde und den Lebenswillen verloren hat.“
„Nihilismus?“
„Das heißt, nützlicher für die Gattung sind Primitivlinge, die sich fleißig vermehren und mit mörderischer Eifersucht ihre Religion verteidigen.“ Holger sah um sich, alle schwiegen. „Oder sehe ich das falsch?“
„Lass die Religion aus dem Spiel“, wehrte Noemi ab. „Das Problem ist nicht die Religion, sondern der Fanatismus. Fanatisch waren auch die Christen. Und die Juden erst recht.“
Holger zuckte zusammen und sah sie verdutzt an.
„Was ist? Stört dich die Judenschelte? Ich darf über die Juden schimpfen, ich bin schließlich selber eine, wusstest du das nicht?“
Nein. Aber er hatte es irgendwie geahnt. Etwas stimmte nicht mit dieser Frau. Sie war anders, sie war überdurchschnittlich, das war ihm klar, bevor er sich in sie verguckt hatte, schon gleich beim ersten Beratungstermin in ihrer Kanzlei. Er saß ihr gegenüber, konnte sich an den mediterranen Konturen ihres hübschen Gesichts nicht sattsehen und wagte es kaum, den Blick über ihren Körper irren zu lassen, den festen, nicht allzu großen Busen, die schlanke Taille. Und unter dem Tisch die zierlichen Beine. Ja, ihm ging es endlich auf. Sie passte auch ins Muster. Sie war nicht für ihn bestimmt, weil sie zu intelligent war. Welche Frau will schon einen Mann, der ihr intellektuell unterlegen ist?
Die Frauen seines Lebens hatten mitsamt etwas Fremdes an sich, zumindest den Namen. Nicht nur die Japanerin, diese grazile Kaori. Die erste kleine Katastrophe seines Lebens. Er schüttelte immer entgeistert den Kopf, wenn sie ihm einfiel, und stöhnte leise, o Gott. Er hatte sie während seines Praktikums im Ausländeramt entdeckt, eine Cellistin, die eine Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis beantragte. Holger hätte sie vom Fleck weg geheiratet. Vor der Idee war er geradezu besessen. Sich ihren Namen zu merken war nicht so einfach wie herauszufinden, wo sie wohnte. Er wusste schnell, wie er es am geschicktesten anstellen würde, sie kennenzulernen. Er hatte schon einen halbwegs durchführbaren Plan. Doch die Ausländerbehörde durchkreuzte seine Tagträume. Kaori wurde abgeschoben. Aus Wut bekam Holger Dünnpfiff. Er saß stundenlang auf dem Klo und haderte mit einer Welt, die er nicht mehr verstand. Wen in Gottes Namen hatte es gestört, dass diese liebenswürdige junge Frau aus einem der zivilisiertesten Länder der Welt in der Bundesrepublik lebte? Die deutsche Bürokratie war wirklich ein dummes, herzloses Monster. Er heulte innerlich wie ein angeschossener Wolf, der sich von allen Waldgeistern im Stich gelassen fühlte. Und so folgte die nächste Katastrophe seines Lebens, mithin die größte, auf den Fuß. Noch in Heilbronn. Yvonne hatte sich ihm schier auf dem Tablett angeboten. Damals, als er seinem ehemaligen Schulfreund Sven auf dem Nachhauseweg am Stadtgarten begegnet war. Sie stand plötzlich da, Svens Bekannte, und verströmte den süßlichen Duft einer verführerischen Giftpflanze, die all ihre Kraft daran setzte, in Holgers Leben Wurzeln zu schlagen. Sie stellte sich mit einer einladenden Geste vor, einem Lächeln, in dem ein unmissverständliches Versprechen aufblitzte, aber auch Gier, Skrupellosigkeit und Verrat. Auf dem rechten Verstand war er aber blind. Er sah was anderes. Vor ihm stand die bedingungslose Nacktheit, die niemals versiegende Wonne. Er schlackerte förmlich mit den Ohren. Wie oft sich dieser verhängnisvolle Augenblick in seinen Alpträumen noch wiederholen sollte. Dabei hatte er an eine glückliche Fügung geglaubt. Das Schicksal schien ihm wohlgesonnen, drechselte alles zu Holgers Gunsten. Sein neues Leben nach dem Gymnasium fing mit dem Praktikumsplatz im Rathaus an, ein unglaublicher Zufall brachte diese Wende in seiner Biografie. Und dann bekam er die seltene Chance, als Sachbearbeiter einzusteigen. Seine Pläne, Journalistik zu studieren, ließ er sausen. Wozu denn? Er war ja ein gemachter Mann. Und geriet wohl nur deshalb in Yvonnes Fänge. Sie hatte was falsch verstanden, er war ja kein Beamter. Erstes Rendezvous gleich am Wochenende. Liebe die ganze Nacht. Die reinste Porno-Show. Sie trafen sich alle zwei oder drei Tage. Sie kam ihm freizügig entgegen, Holger kriegte alles, was seine unzüchtige Fantasie begehrte. Ein Erinnerungsbild an jene Stunden reichte, um den schlummernden Teufel in seiner Hose zu wecken, auch jetzt, Jahrzehnte danach. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Sechs Wochen später war sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Absolute Funkstille. Holger wusste nicht mehr, was unten und oben ist. Lange hatte er gerätselt, was er falsch gemacht hatte. Monate vergingen, Yvonne verblich in seiner Erinnerung. Eines Tages, zehn Monate später, flatterte ein Anwaltsschreiben ins Haus. Ein Winkeladvokat forderte Holger auf, für seine uneheliche Tochter aufzukommen, und drohte mit Klage. Krass. Yvonne wollte also nur geschwängert werden. Und den Unterhalt. Die Zahlungen hätten ihn fast ruiniert, wäre seine verwitwete Mama nicht so großzügig gewesen, ihm aus der Patsche zu helfen. Sie fühlte sich für ihr Enkelkind verantwortlich und wollte ihrer Großmutterrolle gerecht werden. Eine kaum zu stemmende Aufgabe. Als Buchhändlerin verdiente sie gerade genug, um nicht am Hungertuch zu nagen. Und trotzdem hatte sie Geld übrig für die Enkelin. Und auch sonst, wenn es darauf ankam. Schon merkwürdig.
Und Nadine? Wieder so ein Name. Eine Schwäbin wie Yvonne, oder Halbschwäbin, nur der Vorname französisch. Und der Vater unbekannt. Angeblich ein irischer Gastarbeiter. Nein, Pech war diese einzigartige Liebe nicht gewesen, keineswegs. Und ohne die Vaterschaft hätte er Nadine wohl nie kennengelernt. Zwei Jahre hatte er Unterhalt gezahlt, von Mamas Geld, dann 1991 seine Stelle gekündigt, um zu studieren. Was er von Anfang an hätte tun sollen. Hätte er bloß auf Vesna gehört, seine gleichaltrige Schulfreundin und Nachbarin, die ihm auf dem Nachhauseweg aus der Schule oft auflauerte, mit der er aber nichts zu tun haben und schon gar nicht gesehen werden wollte. Weil sie ein kluges Mädchen war. Eine Streberin. Er blickte verschämt an ihr vorbei, wenn sie ihn abpasste. Meistens schloss sie sich ihm an und fing an zu reden, bevor er in Hörweite war, als würde sie einen bereits angefangenen und nur kurz unterbrochenen Vortrag nahtlos wiederaufnehmen. So gingen sie nebeneinander her. Öfter, als ihm lieb war. Sie quasselte, er schwieg. Ihrem unverständlichen Gezeter und trockenem Humor entzog er sich durch verstocktes Weghören. Ihr bissiger Sarkasmus überforderte ihn. Sie lästerte über alles. Über die Erwachsenen und ihre dummen Anschauungen. Über infantile Väter, die sich als Haustyrannen verwirklichten, und abergläubische Ehefrauen, die nichts anderes im Sinn hatten, als wichtigtuerisch mit dem Arsch zu wackeln, Karten zu legen und ihren Gatten Hörner aufzusetzen. Sie würde nie heiraten. Kein Mann würde sie knechten und hintergehen. Sie würde lernen, um aus sich etwas zu machen, das müsse auch Holger tun, damit er sein Leben nicht in einer Autowerkstatt oder am Fließband verbringe. Könne er sich das überhaupt vorstellen, was es bedeute, ein Leben lang? Sie würde natürlich Ärztin werden. Oder zumindest Richterin. Und Holger? Er hatte keinen blassen Schimmer, wozu er taugte. Er erkannte lediglich, dass dieses kroatische Teufelsweib gescheiter war als er. Um Lichtjahre. Wie überhaupt die meisten Mädchen, die er kannte. Während die grauen Zellen der Jungs beim dämlichen Gequatsche über Fußball und Autos verdorrten, machten sich die Mädchen Gedanken über Gott und die Welt, über die Liebe und die schwierige Kunst, den richtigen Mann zu angeln und an sich zu binden wie einen treuen Hund. Vesna hatte er nicht geliebt. Sie war zu groß für ihn. Und trotzdem spukte sie unentwegt in seinen erotischen Träumen, saß auf einem hohen Thron, einer Göttin gleich, unerreichbar und abweisend. Sie hätte Kinder gewollt, aber keinen Mann. Wie das denn ginge, wunderte sich Holger. Du bist so dumm, zischte sie, so wie man es eben macht. Mit wem auch immer, sagte sie augenzwinkernd und lächelte ihn teuflisch an, als hätte sie ihn dafür ausersehen. Einmal würde es ja reichen. Er konnte sie nicht beim Wort nehmen, aber bei ihrem frechen Grinsen, und sah sie zum ersten Mal als Frau an. Sie mochten dreizehn gewesen sein, höchstens vierzehn. Holger betrachtete ihren schönen Mund, die grünen Augen und die nackenlangen hellbraunen Haare, ihre schlanke, aber irgendwie unnatürlich langgezogene Figur, gleichsam aus Gummi, sie war hübsch und begehrenswert, das erkannte er jetzt, ein einzigartiges Mädchen, das wie eine erwachsene Frau daherkam. Neben ihr, diesem langen Elend, wirkte er wie ein Knirps. Holger stellte sich oft vor, wie er ihr ein Kind machen würde, das Wunder dieses einen Males. Er würde auf ihr liegen, den Kopf zwischen ihren hübschen Titten, sie war ja einen Kopf größer, er hätte sie nicht gleichzeitig küssen und besamen können, und weil er ihr nur einmal hätte die Ehre erweisen dürfen, hätte er es bis in die Unendlichkeit hinausgezögert, damit es nie aufhörte. Aufgehört hatte es nie. Weil sie ihn nie rangelassen hatte. Wie denn auch. Er hatte sie nie umworben. Nicht einmal geküsst. Nein, das hätte er nicht gewagt, weil er sich hätte auf die Zehen stellen müssen, um ihren Mund zu erreichen, wie lächerlich. Jetzt führte sie ein anderes Leben in einer anderen Welt. In ihrer. Vesna studierte in Tübingen, Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Marketing. Und erinnerte sich wohl kaum mehr an den kleinen Tölpel, der sie hoffnungslos anschmachtete.
Erwachsen war man erst, wenn man sich erwachsen fühlte. Oder wenn man sich einredete, es zu sein, aus Furcht, die Persönlichkeitsentwicklung würde in der Pubertät steckenbleiben und verkümmern. Mit vierundzwanzig glaubte Holger, endlich zum Manne gereift zu sein, zumindest einigermaßen, mit etlichen Jahren Verspätung. Höchste Zeit, sich ordentlich ins Geschirr zu legen und etwas zu studieren. Journalistik? Eher nicht. Vielleicht etwas mit Sprachen. Englisch und Französisch zählten im Gymnasium zu seinen Lieblingsfächern. Aber als Studienfach? Um später als Lehrer zu versauern? Doch nicht. Oder als Übersetzer? Das schon eher. Mehr wusste Frau Müller, diese hinreißende Freundin seiner Mutter, die beim Amtsgericht Heilbronn arbeitete, als Justizangestellte. Sie klärte ihn auf. Als Übersetzer und Dolmetscher würde er kaum was verdienen. Mit Englisch und Französisch erst recht nicht. Eher mit einer exotischen Sprache. Zum Beispiel Arabisch. Warum nicht, dachte sich Holger und beschloss, in Tübingen Orientalistik zu studieren.
Erster Tag an der Eberhard-Karls-Universität. So was vergaß man nie. Das Schicksal saß bereits in der Wilhelmstraße auf dem Randstein und schrieb das nächste Kapitel in Holgers Biografie. Es legte ihm zunächst ein schier unüberwindbares Hindernis in den Weg, aus dramaturgischem Kalkül, natürlich. Der große Studentenparkplatz, den Holger ansteuerte, war zum Bersten voll. Er blieb verdutzt stehen. Was nun? Zurück an den Stadtrand? Als er sich anschickte, den Rückwärtsgang einzulegen, winkte ihn eine Studentin herein, wies mit dem linken Zeigefinger nach rechts, da lang. Er kurbelte das Fenster seines Fiesta herunter und fragte ungläubig, wohin denn? Einfach hinter den letzten in die Fahrgasse, Auto im Leerlauf abstellen, abschließen und tschüs. Wer seine Parklücke nicht verlassen konnte, schob die in der Mitte Gestrandeten einfach weg. Erste Lektion in Tübingen. Seine Lehrerin sah ihm neugierig zu und nickte, gut so. Sie stellte sich als Nadine vor. Ebenfalls Anfängerin. Dafür aber schlauer als Holger, das musste er ihr lassen, auch wenn sie vier Jahre jünger war. Sie erzählte gleich ungefragt, dass sie Sinologie studierte und aus Feucht kam. Sein Blick muss verwundert geflackert haben, als sie ihre Heimatstadt nannte, eine Reaktion, die sie offensichtlich kannte. Ein kaum zu unterdrückendes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, als sie ergänzte, Feucht bei Nürnberg. Ach so. Er mochte auf Anhieb ihre Art, ihre wachen, neugierigen Augen, das aufrichtige, etwas zurückhaltende Lächeln, das ihre stark konturierten, etwas gierig anmutenden Lippen nur leicht verformte und schnell wieder losließ. Kontraste, die verwirrten. Das dunkle lange Haar umkränzte ein leichenblasses Gesicht, der warme Schimmer in ihren graublauen Pupillen kam ihm unergründlich vor.
Eine Zeit ohne sie hatte es in Tübingen nicht gegeben. Nadine hatte an jenem Oktobertag auf ihn gewartet, um ihn an die Leine zu nehmen. Eine höhere Macht hatte das so verfügt, ganz klar. Sie lagen bereits auf derselben Wellenlänge, bevor sie sich dessen bewusst wurden. Mussten nicht lange über Dinge debattieren, nickten Entscheidungen ab, bevor der andere seine Argumentation zu Ende geführt hatte. Sie dachten synchron und bewegten sich auch so. Doch Nadine lag gleichzeitig auf einer zweiten, verborgenen Wellenlänge. Diese oft ignorierte Beobachtung reifte in ihm nur langsam zu einer zunächst diffusen, aber eines Tages nicht mehr von der Hand zu weisenden, beunruhigenden Erkenntnis. Er kannte lediglich Nadines Sonnenseite. Und die andere Seite? Sicherlich nur das weibliche Mysterium, versuchte er sich selbst zu beschwichtigen, nichts weiter. Stutzig machten ihn ihre nächtlichen Ausflüge. Sie klagte schon damals in Tübingen über Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Es beunruhigte ihn, wenn sie manchmal mitten in der Nacht aufstand, sich anzog und die Wohnung verließ, um ihre Migräne zu lüften. Von ihren Nachtwanderungen brachte sie Tabakqualm mit ins Ehebett. Und zittrige Hände. Gefolgt war er ihr nur einmal, später, in Altdorf. Nadine ging auf den Friedhof. Setzte sich auf einen Grabstein, zündete sich eine Zigarette an und stierte vor sich hin. Er blieb draußen in der Schießhausstraße stehen. Ferne Geräusche durchbrachen gelegentlich die Stille. Manchmal der Ruf einer Eule, manchmal das ängstliche Schleichen eines Tieres im Gebüsch. Und dann ein kaum vernehmbares, beharrliches Murmeln. Aus Nadines Richtung. Ja, sie bewegte die Lippen. Schien zu beten. Vielleicht sprach sie einfach nur so mit sich selber, um ihre wilden Gedanken zu bändigen. Sie kramte in ihrer Handtasche, hantierte mit einem kleinen Gegenstand und, aha, zog die Lippen nach. Plötzlich stand sie auf. Sie blickte aufgeschreckt nach rechts zum Tor, sie wirkte etwas verwirrt, blickte ein paar Sekunden unverwandt in eine dunkle Ecke und setzte sich dann wieder. Zeit, nach Hause zu gehen, dachte Holger, bevor Nadine aufbrach. Brauchte sie diese Einsamkeit? Diesen Freiraum, um der alltäglichen Enge zu entkommen? Sie verbrachten praktisch 24 Stunden am Tag zusammen. Das Übersetzungsbüro gehörte zu Nadines kühnem Lebensentwurf. Und Holger auch. Das eine konnte man vom anderen nicht trennen. Was dann? Was steckte hinter ihren nächtlichen Wanderungen?
Die Fragen blieben unbeantwortet. Bis zum Schluss. Jetzt, achtzehn Jahre nach dem Jawort, sagte sie Nein. Sie machte sich wenige Monate nach der Fertigstellung ihres gemeinsamen Hauses aus dem Staub. Nadine ließ durchblicken, sie habe schon seit Jahren eine Affäre. Wohl nicht die erste. Vielleicht hoffte sie, von einem anderen schwanger zu werden, bevor es zu spät war. Es war aber zu spät, sowieso. Was um Himmels willen hatte die Wahrsagerin in ihrer blöden Kristallkugel bloß gesehen? „Ihre Frau ist unzufrieden, Ihre Ehe in Gefahr. Sie müssen auf sie zugehen, einen Kompromiss finden.“ Larifari. Nadine hatte damals, als er bei Samantha saß, bereits die Scheidung eingereicht.
Und Noemi?
