Treibwut - Viktor Brenner - E-Book

Treibwut E-Book

Viktor Brenner

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Beschreibung

"Treibwut" ist ein Genre-Mix aus Liebes- und Familiengeschichte, Thriller und Tragödie. Die verschiedenen Formen der Diskriminierung - von der Ausgrenzung bis zur Aussonderung - bilden das zentrale Motiv des Romans. Geschichte als Mythenbildung, verdeckter Staatsterrorismus und die kulturellen Gegensätze in ethnisch heterogenen Gesellschaften ergänzen die Thematik des verschachtelt angelegten Epos. Im Mittelpunkt steht das innere Drama von Menschen in Ausnahmesituationen. In einer mittelfränkischen Kleinstadt kreuzen sich die Lebenswege von Menschen, die zunächst nichts zu verbinden scheint. Albert, ein IT-Experte für verdeckte Informationsbeschaffung, kommt bei der Lösung einiger ungeklärter Fragen nicht voran. Warum hat sich der Drehbuchautor Jens Thellmann nach Ozeanien abgesetzt? Oder sitzt er gegen seinen Willen auf einer Pazifikinsel fest? Und hat sich Jens' Vater durch eine Urlaubsbekanntschaft wirklich in eine undurchsichtige Affäre hereinziehen lassen? Noch mehr beschäftigen Albert die Schicksalsgeheimnisse seiner Eltern. Er steckt in einer Sinnkrise, seit er weiß, dass sein Leben das Resultat eines traurigen Zufalls ist. Schlüsselfigur ist Nori, die Auserwählte seines Vaters, die im osteuropäischen Nationalkommunismus wegen ihrer sozialen Herkunft diskriminiert und aus der Gesellschaft aussortiert wurde. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen und träumte von einem freien Leben auf einer Insel der Glückseligen. Albert misst dieser Liebe, der er seine Existenz verdankt, eine übergeordnete Bedeutung bei. Er ist geneigt zu glauben, dass sie einem höheren Zweck diente. Die Geschichten von Jens, Nori, Albert und ihren Familien verweben sich zu einem vielstimmigen Roman über existenzielle Verunsicherung in einer von Massenwanderungen, völkischen Anfeindungen und ethnisch-sozialer Selektion geprägten Zeit.

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Seitenzahl: 780

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zu diesem Buch

Der Filmautor Jens Thellmann stößt bei Recherchen auf eine merkwürdige Geschichte, die er zu einem Drehbuch verarbeitet. Der Hintergrund seines als Fiktion entworfenen Thrillers entpuppt sich als wahr. Die Rechte am Film erwirbt die Regierung eines Pazifikarchipels, die sich im Drehbuch wiedererkennt und die Enthüllung ihrer geheimen Pläne zur Lösung des globalen Bevölkerungsproblems befürchtet. Die Sicherheitsbehörde des Inselstaats lockt den vermeintlichen Mitwisser und Geheimnisträger Jens in eine Falle und setzt ihn fest – für unbestimmte Zeit.

Der verdeckte Ermittler Albert Bogner wird auf den Fall angesetzt. Seine Untersuchungen fördern ganz andere Zusammenhänge zutage, als von offizieller Seite vermutet. Noch mehr Rätsel gibt ihm die Vergangenheit seines Vaters auf. Dessen Auserwählte Nori durfte im osteuropäischen Nationalkommunismus weder arbeiten noch ihre Schulausbildung abschließen. Doch ihr Leben und Handeln wirken bis in die Gegenwart fort.

Die Geschichten von Jens, Nori, Albert und ihren Familien verweben sich zu einem vielstimmigen Roman über existenzielle Verunsicherung in einer von Massenwanderungen, völkischen Anfeindungen und ethnisch-sozialer Selektion geprägten Zeit.

Für Cecília Czimbalmos

Inhaltsverzeichnis

Auserwählt und ausgesondert

Nachwort und Danksagung

Dramatis Personae

Chronologisches Verzeichnis der Kapitel

Limassol, Zypern, 26. Oktober 2001, Mischa

Der Sand glühte, die winzigen Körner kitzelten. Mischa strich behutsam mit den Zehenspitzen über die feine Oberfläche, erwiderte das Kitzeln, zog dann den Fuß überrascht zurück. Der Sand fühlte sich anders an als am Ladogasee bei Sankt Petersburg, nicht so nass, kalt und brüchig, nicht so fest.

Halt still, schüttelte ihn seine Mutter, ich bin noch nicht fertig. Mischa fügte sich, ohne aufzuhören zu strampeln, und ließ sich ausziehen.

Wie tief ist das Meer? Reicht es bis zum Hals?

Du gehst noch nicht ins Wasser, es ist zu kalt. Im Oktober kann man nicht baden, nicht so wie im Sommer.

Der Kleine riss sich los, rannte auf das Wasser zu. Bleib hier, rief seine Mutter. Mischa verlangsamte seinen Galopp, seine Sohlen tasteten über den nassen Sand, wichen vor der schäumenden Zunge einer trägen Welle zurück. Ich geh nicht rein, rief er und drehte sich um. Seine Mutter breitete ein riesiges Frotteetuch aus und entledigte sich ihrer Sachen. Komm, sei lieb, ich muss dich zuerst eincremen. Bitte, sofort.

Er tauchte die Fußspitze prüfend ins davoneilende Wasser, nur kurz, machte plötzlich kehrt und landete mit einem Sprung vor Lisas Füßen.

Mischa spürte die kräftigen Finger seiner Mutter auf dem Rücken, die glitschige Creme, die sie auf seiner Haut verteilte, und betrachtete den fast menschenleeren Strand. Rechter Hand, außer Hörweite, lag ein älteres Paar. Die Frau hatte nur einen Slip an. Wie Lisa. Ihre Haut war dunkel. Du wirst wieder schön braun, sagte Lisa. Aber nur, wenn ich dir die Haut mit Sonnenöl einreibe. Halt still.

Mischa zappelte. Hörst du?

Er plumpste auf das ausgebreitete Handtuch, schaute zu, wie Lisa auf allen Vieren in ihrer Tasche wühlte, in ihrer Poritze verschwand ein Strick, Tanga nennt man das, hatte sie gesagt. So wird der Po schön braun. Sie rieb ihm den Bauch und die Schultern ein. Dreh dich um.

Mischa fügte sich, seine Blicke wanderten vom blass schimmernden Sand zum Meer. Zarte Wellen leckten das nasse Ufer. Weiter links saß ein Mann im Strandsessel unter einem schütteren Baum. Seine Haare kurz und hell, sein Bart auch, fast weiß. Um ihn herum eine Festung, die das schmächtige Mädchen gebaut hatte. Sie war dunkelbraun. Schön wie Schokolade. Und sah auch so süß aus.

Wie lange muss man in der Sonne liegen, um so braun zu werden, Mama?

Lisa sah verstohlen auf das schlanke Kind, zeig nicht mit dem Finger, Mischa. Sehr lange, lachte sie. So dunkel wirst du nie. Die Déwotschka ist so geboren. Sie ist wahrscheinlich Afrikanerin.

Ja?, wunderte sich Mischa. Seine Mama nahm den bärtigen Opa und das dunkle Kind in Augenschein. Und warum ist dann ihr Opa so weiß?

Mischa sprang auf und trippelte auf die Sandburg zu, dann verlangsamte er etwas verunsichert die Schritte. Bleib da, Mischa. Das Mädchen wird mit dir nicht spielen wollen, du bist zu klein für sie. Aber er stand schon vor ihr und betrachtete schweigsam ihr Kunstwerk. Die tüchtige Baumeisterin blickte auf, ihre dunklen Augen streiften schüchtern Mischas krummes Geschlechtsteil, dann wandte sie den Kopf dem Opa zu. Der las unverwandt in seinem Buch, die Augen hinter der Sonnenbrille unsichtbar. Vielleicht schlief er. Dann schielte der Opa über das Gestell herüber, na, kleiner Nackedei, willst du mitspielen, lächelte er, aber Mischa trabte bereits zurück zu seiner Mama.

Lass die Leute in Ruhe, Mädchen spielen nicht mit Jungen. Sind das Russen, Mischa?

Der Junge schüttelte den Kopf. Der Déduschka sagt was von spielen. Ach, Nemtsy, sagt Lisa, das sind Deutsche. Und sag nicht Déduschka, der Mann ist noch jung.

Dann ist er der Papa? Mischa holte sein Baugerät aus der Strandtasche. Ich mache eine Zitadelle.

Prima. Lisa legte sich auf das Tuch und schloss die Augen. Sag, ist der Bärtige ihr Papa? Lisa stützte sich auf, blinzelte noch einmal auf die merkwürdige Kleinfamilie. Ich weiß es nicht, das Mädchen ist vielleicht nur halb schwarz ... Ihre Haut hat die Farbe dunklen Honigs. Ich weiß es nicht. Schon möglich.

Schokoladig, sagte Mischa. Er grub eifrig und stieß auf einen tiefen, schmalen Gang. Schau, Mama, was für ein Loch. Er steckte den Stiel seiner Schaufel in die Öffnung, schau wie tief, wohnt da ein Tier? Lisa stand auf und begutachtete die Entdeckung. Vielleicht, wer weiß.

Ein paar Schritte weiter links fand er ein weiteres Loch. Schau, auch hier. Und auch hier. Lauter Löcher. Wer hat sie gebohrt? Schlangen?

Lisa lachte. Sag nicht so etwas. Unsinn.

Mischa ergründete mit dem Schaufelstiel das nächste Loch. Unglaublich tief. Als er so duckte, stellte er zufrieden fest, dass das Mädchen, das im Sand kniete, sein Treiben neugierig taxierte. Sie stand auf und näherte sich vorsichtig.

Was fragte sie denn? Die Worte verstand er nicht, den Sinn schon. Er wusste, was sie meinte, und erzählte ihr von seinen Entdeckungen. Komm, wir suchen einen Stock. Er breitete die Arme aus, um zu zeigen, wie lang der Stock sein soll. Das Mädchen wies auf das fahlbraun verbrannte Schilf oberhalb der Promenade, komm. Die beiden liefen über den Steg auf den kleinen steinigen Hügel, zerrten am trockenen Schilf und rissen lange Stämme aus dem Boden.

Mischa schwenkte seinen Speer und schickte sich an, die im Sand versteckten Ungeheuer anzugreifen, pass bitte auf, Mischa, du verletzt das Mädchen. Er ließ sich aber nicht beirren. Lisa stand auf und lief auf ihren Sohn zu, Mischa, was habe ich dir gesagt, Mischa!

Der Opa betrachtete die beiden Kinder, schien aufstehen zu wollen, zögerte und wandte das Gesicht der halbnackten Russin zu.

Lisa näherte sich mit sich wiegenden Brüsten, Mischa, pass bitte auf, excuse us, sagt sie zum Opa, he is a good boy, but sometimes rather naughty. Der Deutsche lächelte erleichtert, it’s all right, my daughter won’t do any harm either. Lisa nahm das Schilf und riss die überflüssigen Blätter ab, du stichst dem Mädchen die Augen aus, wenn du so weitermachst.

Her name is Gertrud, fügte der Opa noch hinzu. Lisa reichte Mischa den Stock, schlenderte zurück zu ihrem Tuch, den Opa beachtete sie nicht mehr.

Mischa und die Kleine stocherten alle Löcher durch, alle der Reihe nach. Das Mädchen folgte ihm zaghaft, machte immer ein paar Schritte nach hinten, wenn der Stock ganz tief im Loch steckte, als befürchtete sie, ein Ungeheuer, das Mischa in erregter Erwartung bereits sehr gut nachahmen konnte, werde sich in seinem Bau belästigt fühlen und zum Angriff auf die Störenfriede übergehen.

Als er so über einem Loch duckte und gespannt auf das Erscheinen eines gestörten Lochbewohners wartete, spürte er kalte Spritzer auf dem Rücken. Gertrud stand im seichten Wasser und setzte ihren Überraschungsangriff beherzt fort. Ich will auch baden, Mama, siehst du, das Mädchen darf es. Lustlos hob Lisa den Kopf, schon gut, geh ein bisschen rein. Sie schlenderte dann hin, mied aber den Blickkontakt mit dem Opa, eigentlich könnte ich jetzt auch ein wenig baden, lass mich vorgehen, Mischa, wart auf mich.

Lisa watete in das kalte Wasser und legte sich gleich auf den Rücken, komm, ich halte dich. Mischa folgte ihr mit spitzen Schreien, das Mädchen hinter ihm. Siehst du die kleinen Fische, schau auf den Boden, Mischa, und wirble den Sand nicht so auf. Er war schon bis zum Bauch im Meer, machte große Schwimmbewegungen und trampelte mit den Füßen. Siehst du, das Mädchen kann schon schwimmen, sie zeigte auf Gertrud. Komm, versuch’s, ich helfe dir.

Gertrud winkte ihrem Papa, forderte ihn auf, ihr zu folgen. Der große Mann stand auf, blieb aber vor seiner Liege stehen, gab eine einsilbige Antwort und machte keine Anstalten, sein Revier zu verlassen.

Dann sagte Lisa etwas, dessen Bedeutung Mischa nicht nachvollziehen konnte: Wenn der Mann, ihr Papa, auch ins Wasser kommt, dann müssen wir raus, hast du mich verstanden, keine Widerrede. Lisa versuchte zu lächeln.

Ist er böse, fragte er.

Komm, schwimm, er ist nicht böse, aber er ist ein Fremder. Erwachsene reden nicht mit Fremden.

Du hast ja schon mit ihm geredet, entgegnete Mischa.

Aus Höflichkeit redet man ein bisschen. Aber nicht im Wasser.

Der fremde Mann blieb bei seiner Liege. Darf ich den Kopf ins Wasser stecken?

Lisa zog ihn schon raus. Es war genug. Am Anfang darf man nicht zu lange im Wasser bleiben, komm. Mischa folgte ihr, blieb stehen und wartete auf Gertrud, warf dann einen scheelen Blick auf den Alten. Der stand mit einem jungen Pärchen auf der Promenade, sie winkten Gertrud zu, und das Mädchen erklärte Mischa, wer die beiden waren. Mischa ergriff ihre kleine schwarze Hand und lief mit ihr den Strand entlang, seine pummeligen Füßchen wirbelten den Sand auf. Sie hatten sich viel zu erzählen, sie auf Deutsch, er auf Russisch. Mischa konnte es kaum erwarten, endlich in die Schule zu gehen, so bald wie möglich, auch wenn er nur vier war. Vielleicht mit fünf. Die Buchstaben kannte er schon. Doch was er in den Sand zeichnete, ließ das Mädchen herzlich auflachen und den Kopf schütteln. Was machte er falsch?

Altdorf, 27. Juli 1998, Jens

Ein Mann mittleren Alters, in schickem Anzug und adrett gestutzt, wedelt verzweifelt mit einer schwarzen Damenunterhose. Sein rot angelaufenes Gesicht ist aufgedunsen vor Wut, die aufgerissenen Augen zeichnen scharfe Blitze durch die Luft, klagen an, flehen um Hilfe. Zwei Polizisten schauen ihm verdutzt zu und versuchen zu erfassen, was der aufgebrachte Herr mit den hochgezogenen Augenbrauen, die zwei dunkle Halbmonde bilden, von ihnen erwartet. „Sie wollen meine Tochter verführen“, ruft er mit bebender Stimme. „Zuerst hat der Vater sein Glück bei ihr versucht. Und jetzt ist der Sohn hinter ihr her.“ Er fährt mit einer unverständlichen Tirade fort, Wortfetzen fliegen durch die Luft, prallen wie aufgeschreckte Fledermäuse gegen die Fassaden der Reihenhaussiedlung, krachen an die Fensterscheiben und wecken die Neugierde, die rastlos schläft hinter zugezogenen Kleinstadtvorhängen.

Das Leben ist manchmal ein Witz, denkt Jens, als er so dasteht und sich nicht sicher ist, ob die Bredouille, in der er nun steckt, zum Lachen ist oder zum Heulen. Zweifelsohne zum Lachen, wenn man als Außenstehender der haarsträubenden Situation beiwohnt. Nicht aber, wenn man selber Gegenstand eines Witzes ist. „Wer über sich selbst nicht lachen kann, hat keinen Sinn für Humor“, pflegte sein Vater zu sagen. „Und wer zu viel über sich selbst lacht, neigt zu Masochismus“, hatte Jens einmal erwidert. Sein Vater fixierte ihn kurz und konterte: „Das gilt, wenn man sich lächerlich fühlt und nichts dagegen tut.“ Dazu war es jetzt zu spät. Ein Zufall hatte die Finger im Spiel. Er kam mit unschuldigem Gesicht daher, wie ein scheinheilig grinsendes Teufelchen, das alles daran setzt, das Leben aus dem Takt zu bringen.

Dumme Zufälle wie dieser gehören zum Panoptikum der Wahrscheinlichkeiten, überlegte Jens und versuchte sich an einem Erklärungsmuster. Die Welt zerfällt in zwei Realitäten, wenn man aneinander vorbei lebt, wenn die widerstreitenden Selbstverständlichkeiten unterschiedlicher Kulturen sich argwöhnisch ins Auge starren und den Geist lähmen, wenn sich Alltagsbanalitäten und irrationale Ängste kreuzen. Die Bruchstelle zwischen diesen widerstrebenden Bezugsebenen ist das, was die Humoristen Pointe nennen. Das Unbehagen, das solche Begegnungen heraufbeschwören, stellt die Wirklichkeit in Frage, deutet sie neu. Ein geheimnisvoller Schwaden umhüllt die Worte und verwandelt sie in Zauberformeln zur Erklärung dunkler Verschwörungen, wo keine sind.

Vor einer halben Stunde war die Welt noch in Ordnung. Fast. Ein Missgeschick hatte die verzinkten Karten des Schicksals neu gemischt. Jens war mit Nursel auf dem Weg nach Hagenhausen. Bei der Suche nach den Hügelgräbern kam sein Zeitsinn abhanden. Hinter dem Reitverein, wo der Schotterweg in die Neumarkter Straße mündet, verriet seine Freundin, dass sie sich in einer Notlage befand. Jens musste sie auf kürzestem Weg zu einer Toilette bringen. Nun saß Nursel im Gästeklo des Thellmannschen Reihenhauses mit einem kaum lösbaren Problem. Sie brauchte frische Unterwäsche. Und eine Hose. Eine Jeans von seiner Schwester Marion hielt Jens für eine zumutbare Lösung, nicht aber eine Unterhose, auch wenn Nursel und Marion beste Freundinnen waren. „Ich komme gleich“, sagte er und ging, bevor er genau wusste, wie er Nursel aus diesem Schlamassel befreien konnte, von der Tillystraße schnurstracks zum Modeausstatter Soldner. Zum Überlegen gab es nicht viel Zeit, er beschloss, ein schwarzes Panty würde gut zu ihr passen. Davon, was Nursel unten für gewöhnlich trug, hatte er allerdings keine blasse Ahnung.

In seiner Schussligkeit nahm er den Weg durch die Altstadt zur Laufer Straße, wo die Gökdals wohnten, und bewunderte die Zuckerwattewolken, die lustige Grimassen am Himmel schnitten, um sich unverhofft in düstere Fratzen zu verwandeln. Ihm war schwindlig vor Ungeduld, die Fachwerkhäuser drohten das Gleichgewicht zu verlieren und ihm auf den Kopf zu stürzen, als ihm bewusst wurde, dass er in die falsche Richtung ging, er musste zurück zum Unteren Turm, Nursel saß ja bei ihm zu Hause auf der Toilette.

Als er um die Ecke bog, trat zunächst ein Streifenwagen in sein Blickfeld, dann dieser unbekannte Mann mit Bauchansatz, der theatralisch gestikulierte. „Sie müssen sie da rausholen“, flehte er die Beamten an. Das war bestimmt Herr Gökdal. „Diese Lüstlinge halten sie dort fest.“ An der Tür erschien Jens’ Mutter, die versicherte, dass Nursel gleich da sein werde, sie brauche noch ein paar Minuten. Die Tüte mit dem Panty reichte Jens seiner Mutter, die zwischen den Polizisten und Herrn Gökdal stand. Dieser schnappte sich die Ware, als er Jens „für Nursel“ nuscheln hörte, holte erstaunt den Inhalt heraus, hielt das hübsche Wäschestück, das er mit düsterer Miene betrachtete, wie ein Corpus Delicti zwischen Zeigefinger und Daumen und setzte sein Lamento fort. „Dies ist Reizwäsche für Nutten, sehen Sie“, spuckte er mit aufrichtiger Empörung, seine Augen drohten zu platzen. „Sie wollen meine Tochter verführen. Zuerst hat der Vater sein Glück bei ihr versucht“, schnaufte er. „Und jetzt ist der Sohn hinter ihr her.“

So hatte es angefangen. Das war also der Mann, der schon seit Jahren in Jens’ Biografie herumspukte, wie eine Urgewalt, der niemand Einhalt gebieten konnte.

„Sie können Anzeige erstatten, wenn Sie wollen, Herr Gök“, klärte ihn einer der Beamten auf.

„Gökdal“, verbesserte er, „darauf können Sie einen lassen“, bekräftigte er und stieß weitere Drohungen aus. Vor Aufregung verhedderten sich die Worte in seinem Mund, wurden zu schleimigen Klößen, an denen er würgen musste, seine ansonsten beflissene Zunge versagte den Dienst und lallte Unzusammenhängendes über verletzte Ehre und Gerechtigkeit. Dabei wedelte er unverdrossen weiter mit der schwarzen Unterwäsche und bemerkte Frau Thellmanns geschickte Hand nicht, die das Panty von seinen Fingern löste, um unbemerkt zu verschwinden.

Doch so unbekümmert wie Frau Thellmann war ihr Sohn nicht. Jens wusste, dass mit den Gökdals nicht zu spaßen war, die Erinnerung an die Katastrophe vor vier Jahren saß ihm noch tief in den Knochen. Direkt vor seiner Nase drohte plötzlich die Spitze eines fleischigen Zeigefingers: „Und du, du bringst nur Unglück“, knurrte Gökdal mit vorgerecktem Kinn und erhobener Stirn, aber mit der Haltung eines unterlegenen Boxkämpfers, der sich seine Niederlage nicht einzugestehen vermochte und auf einen Sieg nach falsch gezählten Punkten hoffte, der Erklärungen für Geschehenes nicht im Rationalen suchte, sondern im Magischen. Gökdal würde nie auf die Idee kommen, räsonierte Jens, dass er am Tod seines Sohnes vielleicht doch einen beträchtlichen Anteil Schuld trug. Doch Argumente drangen zu ihm offensichtlich nicht durch. Gökdal wehrte alles mit einem kategorischen Nein ab, noch bevor er wissen konnte, worum es eigentlich ging, bevor er die Fakten zur Kenntnis genommen hatte, denn Fakten spielten für solche Tragödienhelden wie ihn keine Rolle, in ihren Sphären zogen unsichtbare, böse Mächte die Fäden, nur der Glaube an okkulten Zauber hielt ihr von Rissen verzerrtes Weltbild noch zusammen. Dem ausgezählten Nervenbündel fehlte wohl die Fähigkeit, die Realität gegenüber Trugbildern abzugrenzen. In seiner Welt gab es keine Zwischentöne, keinen Raum für Ungenauigkeiten, keinen Sinn für Zweideutigkeiten. Gökdal gehörte zu jenen, die keine Nachsicht kannten für die Fehlbarkeit des Menschen. Ihm ging jedes Verständnis für die Unberechenbarkeiten des irdischen Daseins ab, die Schwäche für die Unbestimmtheiten, die das Leben leichter und süßer machten. Wer keinen Sinn für Humor hat, ist zu allem fähig. Mit einer Mischung aus Furcht und Mitleid betrachtete Jens Nursels Vater, einen von einer wilden Meute tief sitzender Ängste in die Enge getriebenen Gejagten, der sich an Strohhalme klammerte und entschlossen war, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen.

„Also, kommen Sie mit aufs Revier?“

„Gewiss“, antwortete Dursun Gökdal und folgte den streng dreinblickenden Polizisten.

Tja, Pech gehabt. Nach diesem Tag durfte sich Jens mit Nursel nicht mehr treffen, und daran war nicht zu rütteln. Nein, das war unmöglich. Seine Wut hatte einen großen Rachen, sie schrie einen ganzen Nachmittag lang, brüllte den alten Gökdal an, stumm und verkrampft wie eine lächerlich verzerrte Comicfigur. Jetzt quollen ihm die Augen aus dem Kopf, der Frust nagte an seinem Magen mit scharfen Zähnen, riss ihm die Seele aus dem Leib. Es kam nicht in Frage, sich damit abzufinden. Er würde Mittel und Wege finden, um das Verbot zu umgehen. Und Patrick musste ihm dabei helfen.

„Die Mützen haben dabei vermittelt?“, fragte Patrick ungläubig, als er am Abend in Jens’ Zimmer saß, „ist das ihre Aufgabe?“

„Für eine Strafanzeige hätte es nicht gereicht“, sagte Jens und trug die Ausführungen seines Vaters noch einmal vor. Er habe beim Gespräch im Revier gleich darauf hingewiesen, dass Nursel längst volljährig sei, sie könne tun und lassen, was sie wolle. Nicht in der Türkei, unterbrach Herr Gökdal, Mädchen seien erst volljährig, wenn sie einen Mann hätten. „Und genau das ist die Pointe in diesem makabren Witz“, schloss Jens seine Zusammenfassung ab.

„Pointe? Wie meinst du das?“

„Die Überschneidung unterschiedlicher Bezugsebenen, der Widersinn, der an der Bruchstelle aufblitzt und einen zum Lachen bringt. Gökdal lebt hier, ignoriert aber die deutsche Realität, tut so, als gälten überall die Gesetze seiner Gegenwelt.“

„Einer Gegenwelt des Todernsten …“, ergänzte Patrick.

„Und nicht wie im Witz des Unernsten. Die Assoziationsebenen überschneiden sich bei Gökdal gar nicht …“

„Schließen sich eher aus. Vielleicht blödelt er sich nur einen ab.“

„So schlau ist er nun auch nicht. Hat keinen Sinn für Humor. Charakter und Anstand kann man ihm nicht absprechen. Sein Fall ist eher pathologisch“, sagte Jens. „Eine Krankheit.“

„Echt spulig“, schüttelte Patrick den Kopf. „Ich glaube, er schiebt Filme.“

„Er erschafft sich seine eigenen Spielregeln, seine eigene aberwitzige Welt“.

„Voll schizo. Und was sagten die Bullen dazu?“, hakte Patrick nach.

„Zur Belehrung über die Sitten in der Türkei? Nichts. Papa erzählt, die Beamten hätten sich nur sauer angelächelt und den Kopf geschüttelt. Er erinnerte seinen Kontrahenten, dass bei uns die deutschen Gesetze gelten, unabhängig von der Konfession. Dann wandte er sich an die Polizisten und fragte, wäre das nicht Freiheitsberaubung, wenn der Vater die erwachsene Tochter einsperrte? Somit eine Straftat? Die beiden nickten.“

„Das heißt, eine unverheiratete Muslima ist unmündig, auch wenn sie längst erwachsen ist? Das dreht mir den Helm um“, schnaufte Patrick. „So ein Käse. Der Gökdal reihert die Welt voll. Sein süßes Töchterchen darf also ohne seine Erlaubnis nicht einmal …“

„Nichts darf sie“, lachte Jens verlegen.

„Na, sei nicht so scheinheilig, hast du ihre ...“

„Fresse, du Spast! In deinem Hirn ist mehr Sex als Verstand.“

„Bist ein Verklemmi. Mit Nursel wäre ich schon längst in die Kiste gehüpft“, schwadronierte Patrick. Seine pornografischen Sprüche wären jetzt fehl am Platz. Aber wirklich. „Und weiter?“

„Gökdal hat mit Anwalt gedroht, mit einstweiliger Verfügung wegen Stalking und Anzeige.“

„Schweres Geschütz“, schüttelte Patrick den Kopf. „Was hätte das für Folgen?“

„Einen Prozess. Wer verliert, zahlt.“

„Was soll man zahlen?“, wunderte sich Patrick.

„Den Regelstreitwert, die Verfahrenskosten. Aber dazu wird es nicht kommen. So blöd ist der Gökdal nun auch nicht. Er müsste zunächst den Verfügungsanspruch und den Grund glaubhaft machen, durch eidesstattliche Versicherung. Er müsste Beweise vorlegen, eine Dokumentation der Ereignisse. Und das hat er nicht. Wie dem auch sei. Die Väter haben sich geeinigt, sich aus dem Weg zu gehen. Papa hat versprochen, dass wir um die Laufer Straße einen großen Bogen machen.“

„Wie verbindlich ist so eine Zusage?“

„Rechtlich gar nicht. Aber angesichts der Drohung strikt einzuhalten. Wir haben schon genug Ärger mit den Gökdals gehabt. Und ihr, Patrick, erst recht.“

„Tja. Solche Leute kommen auf ihre Betriebstemperatur erst, wenn sie sich beleidigt fühlen. Empörung ist ihr Lebenselixier.“

„Und sie sind unglücklich, wenn sie keinen Grund haben, beleidigt zu sein.“

„Natürlich, jeder Vorwand ist ihnen recht. Sie zelebrieren die Empörung, schwelgen in ihrem Zorn. Wollen uns das Gefühl vermitteln, dass wir ihnen Unrecht antun, ihnen was schulden. Bewunderung. Ehrerbietung. Ich wüsste nicht, für was. Das ist eher Selbstausgrenzung. Aber sag mal, du hast einen Masterplan erwähnt ...“

„Ja, und dazu brauche ich dich. Ich kaufe ein Prepaid-Handy für Nursel. Wir können sie einmal abpassen, beim Einkaufen mit ihrer Mutter.“

„Du meinst, Jens, wir stehen tagelang herum und warten, bis die beiden irgendwann heranrollen?“

„Ich weiß, dass sie für gewöhnlich montags die Lebensmittelläden abklappern, vormittags. Du musst nicht in der Nürnberger Straße herumlungern, ich rufe dich an, wenn es so weit ist.“

„Vor dem Discounter?“

„Ja. Du gehst dann hinein, ihre Mutter dürfte dich nicht kennen, und in einem günstigen Augenblick ...“

„Die kennt mich vielleicht vom Begräbnis“, kratzte sich Patrick den Kopf. „Das ist aber egal, ich habe ja kein Verbot, mich in ihrer Nähe aufzuhalten. Mensch, mit Nursel hätte ich gern mal gebrettert.“

„Und mit wem nicht“, erwiderte Jens.

„Du bist genauso ein Schlappschwanz wie dein Vater“, stichelte Patrick. „Den Gökdal, wie er mit dem Panty wedelt … das hätte ich gern gesehen. Darauf kommt es also an. Der tiefere Sinn des Lebens steckt in einer Damenunterhose. Und das nennt man Ehre?“

Altdorf, 11. Mai 1994, Albert

Ab heute werde ich alles besser machen, dachte Albert. Er saß am Steuer des Umzugswagens, den er in Ludwigsburg gemietet hatte, und wartete mit geistesabwesender Gelassenheit auf ein Ende des kleinen Staus, den eine von der Laufer Straße in die Altenfurter abbiegende Autokolonne verursachte. Endlich in Altdorf. Eine ruhige Ecke, ideal gelegen zwischen Neumarkt in der Oberpfalz und Erlangen. Gut für Melanie und gut für ihn. Eine steile Karriere war ihr sicher. Stellvertretende Filialleiterin der IQ-Bank in Neumarkt, bei ihrem Onkel Justus Hansen, das hätte sie sich noch vor wenigen Monaten nicht träumen lassen. Ein Glückskind war sie, erst siebenundzwanzig. Und er würde in Erlangen Informatik studieren. Neu anfangen. Vor allem die Dummheiten seines bisherigen Lebens hinter sich lassen. Und wenn möglich seinem Quälgeist, dem BKA-Mann Tschechnitzki, endlich entkommen.

Die Fahrzeugkolonne kroch nur langsam voran. Seltsam, dachte Albert. Er war schon zum dritten Mal in Altdorf, einmal die Wohnung besichtigen in der Altenfurter Straße, einmal um den Mietvertrag zu unterzeichnen. So viel Verkehr hatte er hier noch nie erlebt.

„Die sind alle in Schwarz“, sagte Melanie.

„Wer, wen meinscht’?“, fragte der Schwiegervater, der hinten saß.

„Die Leute in den Autos.“ Auf dem Schoß hielt Melanie einen Stadtplan von Altdorf, „vielleicht fahren sie zum Waldfriedhof.“

„Na siehsch, Berti, du hasch ‘ne gscheite Frau“, grinste Hartmut Blanchard.

„Das habe ich nie bezweifelt“, antwortete Albert, den leicht ironischen Ton konnte er sich nicht verkneifen. In seiner Stimme klang aber auch Anerkennung mit. Melanie war einfach klüger als er, davon war er überzeugt, einfach schlauer. Sie hatte in ihrem Leben alles richtig gemacht. Im Gegensatz zu ihm.

An die Dummheiten seines Lebens erinnerte er sich stets mit einem sauren Grummeln im Magen. Sie quälten ihn, verfolgten ihn oft auch nach Jahren, tauchten wie Fratzen auf, die ihn verspotteten, ihm die Schamröte ins Gesicht trieben. Er musste sich eingestehen, dass er sich in manchen Situationen als hoffnungslos naiv erwiesen hatte. Er neigte dazu, einfach alles zu glauben, was man ihm so auftischte, fiel immer wieder auf die Winkelzüge falscher Freunde herein. Sozial ungeschickt, das war er. Zuweilen unfähig, die Äußerungen seiner Mitmenschen zu sortieren und ihre Absichten zu durchschauen. Wie denn auch? Noch war er ein wenig fremd hier, wie auch seine Eltern immer und überall ein bisschen fremd waren. Fremd in Klausenburg, fremd in Stuttgart. Das Kind von Eltern, die aus Mischehen stammten. Albert kannte die kleinen Brüche und großen Gräben, die zwischen den Völkern klafften. Sein Vater auch, aus Erfahrung. Béla sinnierte gern über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Lustig fand er die Unterschiede, wichtig die Gemeinsamkeiten. „Die Schwaben sind also nur ein bisschen anders als wir“, resümierte er neulich die Ausführungen seines Sohnes, der seit acht Jahren im Schwabenland lebte. Mit Melanie Blanchard. „Hat deine Frau französische Vorfahren?“, wunderte er sich einmal. Für Alberts Schwiegereltern eine Zumutung, so was zu fragen. Auch heute noch spürte er einen Kloß im Hals, wenn er an seine ersten Jahre in Ludwigsburg und Stuttgart zurückdachte, an die vielen peinlichen Missverständnisse. Es stimmte, die Schwaben waren nicht wesentlich anders als die Ungarn, doch die kleinen Feinheiten gaben den Ausschlag. Sie reichten, um ihn unverhofft in Fettnäpfchen tappen zu lassen, wo er keine vermutete. Die Deutschen hielt er für einen vertrauten Menschenschlag, den er aus seiner Verwandtschaft bestens kannte. Doch Westdeutschland entpuppte sich schließlich als eine andere Welt als die vom Aussterben bedrohte Gemeinschaft der Sachsen, Banater Schwaben und Deutschösterreicher in Siebenbürgen. Der Eifer, sich so schnell wie möglich anzupassen, hatte ihn mit einer mentalen Fehlsichtigkeit bestraft, von der er sich nur langsam erholte.

„Der Justus wartet schon bestimmt“, sagte Blanchard. „Der wohnt da hinten“, zeigte er, „in der Praetoriusstraße. Melanie, kannst du dich noch erinnern? Wir waren vor drei Jahren hier auf Theas Konfirmation.“

Melanie hatte auch diesmal recht. Der kleine Stau am Steigerturm hatte sich bald wieder aufgelöst, die Zukunft in der neuen Wohnung rückte einen Schritt näher. Was Melanie erzählte, verkündete und beschloss, stellte Albert nie in Frage. Seine Frau übernahm wie selbstverständlich die Führung in der Familie, Albert fügte sich und behielt den gelegentlichen Ärger für sich. Auch seine Eifersucht. Melanie war selten zu Hause. Ging auch abends aus, ohne ihn, pflegte ihre gesellschaftlichen Kontakte. Derweil machte er Karriere als Babysitter. Und Gelegenheitsdetektiv. Eine willkommene Abwechslung. Sein Nachbar Schönberger, ein echter Profi, hatte ihm die Aufträge zugeschanzt. Fälle, die zu wenig abwarfen und ihn langweilten. Ausschließlich Observationen von untreuen Ehemännern und Ehefrauen. Albert musste nur Fotos machen. Einmal setzte er auf dem Schlossplatz in Stuttgart seine kleine Leni neben ein Paar, das auf einer Bank Zärtlichkeiten austauschte, und machte Schnappschüsse. Die Zielpersonen lächelten glücklich in die Kamera und küssten sich. Das war von da an eine seiner Maschen. Der Tourist mit seiner Tochter, funktionierte immer gut. Ansonsten füllten sich seine Filmrollen mit Teleaufnahmen von Stadtlandschaften, die er gerne in einer Kunstausstellung gesehen hätte.

Leni liebte die Detektivspiele, verstand offensichtlich mehr von dem, was vor sich ging, als ihrem Vater lieb war. „Du würdest nur Mama küssen“, sagte sie einmal auf dem Nachhauseweg, „und mich.“ Ja, natürlich, versicherte er. „Du bist anders“, fuhr sie auf ihre entwaffnende altkluge Art fort. „Aber manche Männer wollen alle Frauen küssen, nicht wahr?“ Sie hatte sich in letzter Zeit von Melanie gelöst und war ganz auf ihren Papa fixiert. Solche Phasen seien nichts Außergewöhnliches in ihrem Alter, meinte Ursula, die Schwiegermutter, und fand die Enkelin völlig normal. Sie war ganz vernarrt in die Kleine. Wie auch Alberts Mutter. Sie vergoss immer heiße Tränen, wenn sie ihre Enkelin an ihren Busen drückte und seufzte, jaj, mein süßes Herz. Leni löcherte alle mit Fragen über die Welt, widersprach oft, wenn ihr eine Antwort missfiel, wenn sie glaubte, die Erwachsenen würden ihr was vorenthalten, unangenehme Wahrheiten, die sie zu kennen schien aus verschütteten Erinnerungen an ein imaginäres Leben, das ein Rätsel war und sich der rationalen Betrachtung entzog. In ihrer Welt gab es weder Monster noch Ungeheuer, dafür aber einen Popanz. Er erschien in Gestalt eines Nachbarn, des Streifenpolizisten Epple. Aber nur, wenn dieser seine Tellerkappe aufhatte. Leni geriet beim Anblick des Uniformierten immer in helle Aufregung und lief in Panik davon oder klammerte sich vor Furcht zitternd an ihren Begleiter. Ansonsten nahm sie den Beamten kaum wahr. Recht kinky, fand Melanie. Albert sah in den Rückspiegel und wünschte, Leni säße hinten neben ihrem Opa und würde ihn anschauen. Die Augen klug und geheimnisvoll, ihr Blick versonnen und abgeklärt, als wäre die Wirklichkeit eine Begegnung mit alten Schatten, die wiedererkannt werden wollten. Wie sanft und ausgeglichen ihr Gemüt. Sie war zwar eigensinnig, aber nie störrisch. Für eine Siebenjährige zu ruhig. Neigte sie vielleicht zu Melancholie?

In Gedanken lud Albert schon die Möbel ab, schraubte Regale und Schränke zusammen, richtete die Wohnung ein. Alles andere kam in den Keller, das Sperrige, das er aus der Vergangenheit mit sich herumschleppte, Altlasten und Ängste, Enttäuschungen und Kränkungen, die in keinen Raum passten, in keine Schublade, in keine Truhe. Wohin mit dem Ordner seines Vaters, einem auf schreibmaschinengetippten Seiten verfassten Lebensbericht? „Lies bitte meine Biografie erst, wenn ich tot bin“, hatte Béla gesagt, als er ihm seine Memoiren übergab. „Du wirst vieles verstehen, was ich dir jetzt nicht erzählen kann.“ Albert musste ihm aber nichts versprechen, damals, vor einem Jahr, als er in Klausenburg zu Besuch war und einige seiner alten Erinnerungsstücke in den Kofferraum quetschte. Er hatte nun einen ganzen Sommer vor sich, um mit seiner Kindheit und Jugend endlich aufzuräumen. An Urlaub war für Melanie zunächst nicht zu denken. Der Ordner konnte ihm Antworten liefern auf Fragen, die ihn ein Leben lang verfolgt hatten, Schattenwesen mit toten Augen und ohne Mund. Das Schweigen über die Tante, Mutters Schwester. Und das Schweigen über Alberts Bruder Tibi, der sich erhängt hatte, als Albert zwölf war.

Seine Eltern waren nicht wie andere Eltern. Das hatte er schon immer gespürt, bereits als Kind. Sie stritten nie. Nicht so wie die Väter und Mütter seiner Freunde. Alberts Eltern sprachen mit einer sanften Stimme miteinander, mit ängstlicher Zurückhaltung, als könnten sich zu laut ausgesprochene Worte in scharfkantige Gegenstände verwandeln, die schmerzhafte Abdrücke in der Seele hinterließen. Unbeteiligte hätten gedacht, sie seien bloß Freunde, die Höflichkeitsregeln beherzigten, die niemand mehr kannte. Manchmal spielten sie stundenlang Schach oder Rummy und sprachen kaum ein Wort. Sie waren auf eine derart altmodische Weise liebevoll zueinander, dass ihre Umgangsformen einem Fremden schon fast verdächtig vorkommen mussten. Ihre Behutsamkeit verweichlichte die Sprache, es gab kaum ein Hauptwort, das keine verniedlichende Endung bekam. Seine Mutter war ein Jahr älter als der Vater. Das fand Albert eigenartig. Er erzählte es niemandem, aus Scham. Denn er hätte nie auf ein Mädel aus einem höheren Jahrgang geschaut. Hatte Béla keine Jüngere gefunden?

Alberts Vater galt als Ungar, hatte eine deutsche Mutter und war in beiden Kulturen zu Hause. Doch unter zugereisten Rumänen fühlte er sich oft unwohl. Béla erzählte manchmal vom unguten Gefühl, nicht dazuzugehören. Einem Gefühl der Fremdheit, das er später als kulturelle Verlegenheit in einer unbekannten oder weniger vertrauten Umgebung bezeichnete, als Unbehagen vor Gepflogenheiten, die man nicht kannte und die ihn in eine Außenseiterecke stellten. „Weißt du, Albert, ich verstehe, was die Rumänen sagen, aber oft nicht, was sie meinen, warum sie lachen, wenn sie sich über etwas lustig machen. Witze versteht man überall auf der Welt, oder fast überall, aber Ironie versteht man nur im eigenen Kulturkreis. Die Ironie kokettiert mit Selbstverständlichkeiten. Ich kenne aber die rumänischen Selbstverständlichkeiten nicht, weil ich die rumänische Mentalität nicht kenne. Und nicht nachvollziehen kann. Eine lustige, durchaus sympathische, aber völlig fremde Welt. Hier in Klausenburg gab es früher kaum Rumänen.“ Nur unter Ungarn fühlte sich Béla heimisch – und am wenigsten fremd. Aber einer von ihnen war er nie wirklich, urteilte Albert schon als Heranwachsender, auch wenn Béla fest daran glaubte und seine Identität nie in Frage stellte. Er war ein deutscher Ungar und ein ungarischer Deutscher, der Sohn der Erika Bogner, die ihren Mann im Krieg verloren hatte. Alberts Mutter war auch gemischter Abstammung. Sie war halb armenisch. „Ach, wirklich? Das hätte ich nicht gedacht“, war die übliche Reaktion, wenn Fremde davon erfuhren, „die Armenier sind doch dunkel, und Sie sind blond.“ Im Vergleich zu seinem Vater war sie aber eine echte Ungarin.

Das große Rätsel seines Lebens waren die stillen Jahre nach Tibis Tod. Seine Eltern hatten sich vom Schicksalsschlag nie erholt. Sie nahmen ab, wurden schweigsam, noch weicher in ihrer Art, noch leiser in ihren Gesprächen. Sie flüsterten nur noch miteinander, als hätten sie Angst, das Haus könnte von ihren Stimmen Risse bekommen, die schweren Möbel aus dem Leim gehen, die Trauer im Herzen zerbrechen. Sie sagten, noch ein Teil ihrer Seele sei mit in den Himmel geflogen. Noch ein Teil, ein weiterer? Was meinten sie damit? Die ungeborene Tochter?

„Manche Menschen werden aussortiert, und andere sortieren sich selber aus“, sagte sein Vater, als er ihm ein Jahr zuvor seine Aufzeichnungen überreichte.

„Meinst du die Selektionen im Dritten Reich?“

„Ja, auch“, antwortete Béla Csíkszentmihályi, „und die Wahl, sich für die Freiheit zu entscheiden. Tibi hatte recht.“ Selbst wenn die Freiheit Freitod bedeutete. „Auch uns hat die Geschichte aussortiert. Trianon hat uns als Ethnie aufgelöst, der Kommunismus hat viele von uns wegen unserer sozialen Abstammung als Klassenfeind ausgesondert. Und wer das nicht aushalten konnte, hat sich selbst aus der Gesellschaft und diesem irdischen Dasein aussortiert.“

Das waren späte Einsichten. „Papa ist so naiv“, klagte Tibi oft. „Er glaubt im Ernst, bald kommen die Russen und geben Siebenbürgen den Ungarn zurück. Ausgerechnet die Russen. Die und die Franzosen stecken letzten Endes hinter dem Schwindel. Es war nichts weiter als ein Kuhhandel mit Bukarest. Wenn die Rumänen in den Krieg eintreten, bekommen sie im Falle eines Sieges Siebenbürgen. Das war es. Ein taktischer Schachzug, um deutsche Einheiten zu binden. Ein Geschäft. Von wegen Selbstbestimmungsrecht der Völker. Und mit Nordsiebenbürgen war es 1945 nicht anders. Zurückgeben, wozu denn? Siebenbürgen müsste unabhängig sein. Kapierst du das? Wir haben hier keine Zukunft mehr, du kleiner Depp, schreib dir das hinter die Ohren.“

Nach Tibis Tod stürzte Bélas Himmel ein. Er streckte die Waffen. Gab den ›stummen Widerstand‹, dieses Phantom der ungarischen Intellektuellen, endgültig auf, den Widerstand gegen die Ungerechtigkeit von Trianon und den Nationalkommunismus. Er war mit allem einverstanden, mit Alberts Lebensentscheidungen ebenso wie mit den Marotten seiner eitlen Frau. Gegen Alberts Wunsch, den Namen seiner Großmutter anzunehmen, hatte er nichts einzuwenden. „Den Namen Csíkszentmihályi kann man in Deutschland weder lesen noch aussprechen“, argumentierte Albert. „Und Mamas Mädchenname Lantos wäre ...“

„Bogner ist besser“, unterbrach ihn Béla, „das ist letzten Endes auch unser Name. Wir leben im Haus deiner deutschen Großeltern, für die Nachbarn sind wir immer noch die Bogners. Auch gestern rief der Alte von nebenan über den Zaun, Hallo Herr Bogner, und grinste.“

„Wer? Brenner, der stille Kauz?“

„Ja, Sepp, der alte Depp, so stellt er sich neuerdings vor.“

„Der singt manchmal mitten in der Nacht Lili Marleen.“

„Das erinnert ihn wohl an seine Söhne …“

„Die im Krieg gefallen sind …“

„Ja. Zwei sind gefallen, einer hat überlebt. Sie waren in der Wehrmacht.“

„Nicht Waffen-SS?“, wunderte sich Albert.

„Ich glaube Wehrmacht. Oder in der ungarischen Armee, ich weiß es nicht mehr. Klausenburg gehörte damals zu Ungarn. Aus der Kriegsgefangenschaft hat man den Ältesten direkt nach Deutschland entlassen. Der Alte lebt allein, verliert allmählich den Verstand. Ihm bleibt nur Lili Marleen. Und du musst dich jetzt auf die Reifeprüfung konzentrieren, Melanie läuft dir nicht weg. Ich bin froh, dass sie hier war, ich mag sie sehr. Besser als Melinda. Weißt du, die Liebe verträgt keine großen Entfernungen. Melanie ist so weit weg, aber ihr seid jetzt sozusagen verlobt. Ich finde, sie ist reif und zuverlässig, sie hat einen festen Charakter und wird dich nicht im Stich lassen. Wenn man sich aus den Augen verliert ... Als ich zum Studium nach Russland aufbrach, hatte ich eine Freundin, wir wollten heiraten, eine gewisse Anna Petrovics. Das war 1950, wir waren schon vor meinem Abitur ein halbes Jahr zusammen. Als ich ein Jahr später in den Sommerferien heimkam, fand ich sie mit einem Verehrer vor. Sie wand sich hin und her, versuchte, das lädierte Vertrauen zu flicken, aber ich wusste, es war vorbei. Nach dem Bruch begegnete ich einer Kindergartenliebe wieder. Wir haben uns versprochen, uns zu schreiben. Aber ihre Briefe wurden immer lustloser, ich dachte, sie verlor das Interesse an mir. Ein fatales, unverzeihliches Missverständnis. Das ist aber eine lange Geschichte, Albi. Du wirst eines Tages die Wahrheit erfahren.“

„Aber du und Mama, ihr habt euch nicht aus den Augen verloren.“

„Ja. Es war aber nicht einfach, nicht so, wie du vielleicht denkst. Ich erzähle dir ein andermal, was uns zusammengeschweißt hat.“

Ein andermal? Wann? Béla schob gerne Entscheidungen auf, die Zeit war nie reif genug, erinnerte sich Albert. Und nun war er hier in Altdorf, seiner neuen Wahlheimat. Am Straßenrand erblickte er Justus Hansen, Melanies Onkel. Er wartete schon vor dem Haus in der Altenfurter Straße, er stand neben seinem frisch polierten Mercedes und las das Handelsblatt, seine Frau Helga nuckelte an einer Sprudelflasche. Sie war Laborantin, hatte Chemie studiert, aber keine Lust, im Lehramt zu versauern.

Ein Wunder, dass er uns hilft, schmunzelte Albert, und keine seiner Bankangestellten herangezogen hat. Justus war mit Melanies Tante verheiratet, die Siska-Schwestern Ursula und Helga stammten aus dem Sudetenland, Justus aus Lübeck.

Albert stellte den Motor ab. Justus, der Macher mit dem Überblick, gab bereits Anweisungen. Zuerst dies, dann das, dann jenes. „Und wann bringt ihr die Kleine“, wollte er wissen.

„Ich fahre mit Papa zurück“, sagte Melanie, „und komme nächste Woche dann mit Leni.“

„Leni muss unbedingt zu Frau Thellmann in die Klasse“, beschloss Justus, „die ist die Beste hier in Altdorf. Seid ihr da vorne im Stau gestanden?“

„Ja, aber nicht lange“, sagte Blanchard. „Ein Begräbnis?“

„Eine schreckliche Sache“, seufzte Helga. „Ein Lehrer und seine Lebensgefährtin, sie sind letzte Woche bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Aber Albert, wo ist dein schöner Schnurrbart geblieben? Du siehst gar nicht mehr wie ein Ungar aus.“

„Melanie hat mich assimiliert“, schmunzelte Albert. „Ich bin jetzt ein Schwabe.“

„Du bist aber sehr anpassungsfähig“, lächelte Helga anerkennend.

„Anpassung ist eine Tugend“, erwiderte Albert. „Und ein Gebot der Höflichkeit.“

Frankfurt, 20. Mai 2011, Jens

Der Mensch hat es entwicklungsgeschichtlich bis zum Zwangsneurotiker gebracht. Zum Gipfel der stumpfsinnigen Beharrlichkeit in seinem krankhaften Streben, die Vielfalt des Lebens einzuebnen. Seit Jahrtausenden versucht er, der Natur seine einfältige Ordnung aufzuzwingen, und ist unfähig, seine Vorstellungen den Gesetzen des Universums unterzuordnen. Dieser Wesenszug ist die Voraussetzung für seinen Aufstieg zum vermeintlichen Herrscher eines kosmischen Staubkorns. Aber auch sein Verhängnis, dachte Jens. Die Welt als Unwille und Wahn. Als Zwang zur Vereinheitlichung.

Immer wieder diese ungelösten Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, wenn er am Gang der Welt zweifelte. Die Natur als Ware, nach Nutzwert sortiert, alles zum Schleuderpreis.

Die Welt ist weder Wille noch Vorstellung, sondern der enge Pfad dazwischen. Ein Seiltanz der Kompromisse. Wer die Natur bezwingen will, ist ein Fantast. Man muss sie sich zur Komplizin der Fortschrittslüge machen. Alles andere ist Blendung.

Jens lauschte dem sonderbaren Eigenleben seiner Gedanken, die in einsamen Augenblicken richtungslos in seinem Kopf herumgeisterten. Ängste, Zweifel und Zuversicht lieferten sich endlose Diskussionen, widersprachen sich, keiften sich an.

Der Mensch ist ein Spielzeug unsichtbarer Mächte, aber keiner übersinnlichen. Er vermag sie zu erkennen, nur wenn er das Übernatürliche ins Reich der Fantasie verbannt. Er hat die Wahl zwischen Realität und Okkultismus. Doch ohne Wunder und Magie ist unser Himmel erschreckend langweilig. Die Welt als Wagnis. Als eiserner Wille zum blinden Glauben.

Metaphysik war jetzt allerdings fehl am Platz. Jens musste hier in diesem Glaspalast in Frankfurt sein Drehbuch vorstellen. Endlich die Chance auf den Durchbruch ergreifen. Gespräche lagen ihm nicht, Jens glaubte, sein Verstand sei zu langsam, seine Worte fanden nur mühsam den Weg zum klaren Ausdruck.

Würde man ihn zu seinem Lebenslauf befragen? Die bisherige Bilanz seiner Karriere durfte keine Neider auf den Plan rufen: Die Nachmittagsserie, die er entwickelt hatte, lief nicht schlecht, war aber nur eine Soap. Und die Kinderserie ging zwar in die dritte Staffel, eine vierte war geplant, mehr aber nicht. Nun dieses Filmdrama, sein erstes. Ein Hirngespinst? Zukunftsvisionen sind immer realitätsfremde Fantasien – bis Prophezeiungen in Erfüllung gehen. Er musste noch einmal überlegen, eine einfache Formel finden. Worum ging es in seinem Film?

Um eine Art modernen Krieg.

Moderne Kriege finden im Verborgenen statt. Keiner merkt sie, keiner will sie wahrhaben. Man schaut nur hin, wenn es kracht. Verhängnisvoller sind die Brände, die im Stillen die Welt verheeren. Das ist die Story. Es geht um einen unsichtbaren Feuersturm, der den Planeten verwüstet hat. Übrig geblieben ist eine gespenstische Ruhe, in der das Kranke unauffällig wieder gedeiht. Ratlosigkeit, Niedergeschlagenheit, rasendes Entsetzen. Ist denn nun wirklich alles vorüber? Mit dieser Frage, mit diesem bedrückenden Gefühl wird man den Kinosaal verlassen, wenn der Abspann vor rostig-verdorrter Landschaft über die Leinwand flimmert. Jens hatte keine endgültigen Antworten. Nur skizzenhafte Szenarien. Er verließ sich auf die suggestive Kraft bizarrer Episoden und unauffälliger Vorzeichen, das flüchtige Innehalten beklemmender Bilder. Jens zeichnete ein Panorama vom Leben davor, von gigantischen Plänen und Lebensentwürfen. Die Vision eines Aufbruchs zu neuen Ufern, der keine Hindernisse kannte. Beschwor die Stimmung übermütiger Sorglosigkeit herauf. Überall war Lärm, viel Lärm, Tamtam und Gerassel mitten in der halsbrecherischen Beschleunigung des Lebens, grenzenlose Begeisterung, Ekstase – und dann das Erwachen, die plötzliche Leere danach.

Jens wollte die Jahre vor der schleichenden Katastrophe zeigen. Eine Zeit der Euphorie, der wilden Gelüste, der hemmungslosen Vermehrung. Es war ein endloses Fest entfesselter Sinne, zügelloser Gier. Ein bunter Rausch, in dem die Eroberung neuer Seinsbereiche von schleichender Selbstzerstörung nicht zu unterscheiden war. Und im Hintergrund wummerte der tiefe Bass allgegenwärtiger Bedrohung, fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, trotzdem hörbar, aber nicht erhört, weil die Hybris größer war als das Ego, weil es zu viel Selbstverliebtheit gab, zu viel Selbstgerechtigkeit. Zu viel Hass.

Die Welt als Zwischenstation zum Paradies, die es zu erobern galt. Ausschließlich für sich. Man brachte Ordnung in die grüne Wildnis, lichtete das Dickicht. Säuberte. Das blutrünstige Aufräumen brach erneut über das üppige Treiben herein. Im Garten Eden durfte es nur einen Gott geben. Alles andere war Unkraut, überflüssige Vielfalt, Verderbnis. Es folgte die Zeit des großen Jätens. Und im Epilog das Grauen. Über die erloschene Grausamkeit ließ man ein Totentuch aus hartnäckigem, zähem Grün wachsen. Und wie immer betrachtete man das neue Blühen der alles verschlingenden Unersättlichkeit mit dem trägen Auge des Vergessens. Die Resignation fraß das Gedächtnis auf. Das Grün wich allmählich der Verwesung, im Paradies ließ sich der Herbst nieder und sah zu, wie die einstige Pracht verkümmerte. Die bunte Vielfalt trocknete dahin, der Boden büßte seine Nährstoffe ein, und die Seele des Dschungels verweigerte sich dem künstlichen Leben, das alles, was atmete, vernichten wollte.

Was war also wirklich geschehen in dieser Filmapokalypse? Wer steckte dahinter, wessen Wille wurde hier materialisierte Vorstellung? Es hatte einen echten globalen Krieg gegeben, das würde man eines Tages feststellen. Nicht den lauten, der mit Krach und Donner alles in Schutt und Asche legte. Sondern einen stillen, der alles Leben langsam und unerbittlich von innen verzehrte. So viel zur grauen Theorie. Die realen Schlachten würden eigentlich laut, grausam und primitiv vonstattengehen.

Um sechs nach dem Krieg trifft sich wohl keiner mehr.

„Herr Thellmann?“ Die Produktionsassistentin kam ihn abholen. Sie reichte ihm die Hand, die sich weich und feucht anfühlte. Jens folgte ihr und dachte, nein, dies ist nicht die richtige Beschreibung meiner Geschichte. Die Story war viel einfacher. Es ging um den Wahn des Menschen, seine Artgenossen ständig zu sortieren, zu normieren. Nach ihrer Nützlichkeit. Sie einzuspannen für einen Zweck, ihre Kraft zu verwerten, ihre Lebensenergie anzuzapfen, bis zum letzten Tropfen Blut, die Tüchtigen zu manipulieren und auszubeuten. Und die anderen, die Nutzlosen auszusondern, als wertlos abzuschreiben.

Nutzlos? Wertlos? Eine innere Stimme erhob Einspruch.

Schon gut. Es gibt Dinge, die man nicht sagen darf. Das waren nicht seine Worte. So dachten nur Tyrannen.

Und Personalchefs, hehe, kicherte sein innerer Hofnarr.

Ja, machthungrige Psychopathen, die auf dem Weg zur Menschwerdung auf halber Strecke kehrtmachen, um Gott zu spielen. Selbstverliebte Primitivlinge, die das Ich-Sein mit der Auserwähltheit verwechseln. Wo kein Hirn kein Verstand. Nur messianische Visionen von ewiger Herrlichkeit. Und der Triebwille zur globalen Zerstörung, wenn die Welt im Wege steht.

Red bitte keinen Unsinn. Die Zeit der Späße ist vorbei. In der menschlichen Gesellschaft verliert man schnell seinen Wert. Und wenn der Wert des Menschen mitsamt dem Nutzen aufgebraucht ist, verliert man auch das Leben.

Klingt wie Menschenmaterial, flüsterte der Hüter seines mentalen Archivs. Ein Dostojewskij-Begriff?

Kann wohl sein. Menschenmaterial. Arbeitsvieh. Kanonenfutter. Der Mensch wird, wenn er Pech hat, restlos verbraucht, verheizt, verwurstet. Die Weltgeschichte ist ein Blick in die hohlen Augen Abertausender von Arbeitssklaven. Ihr Soundtrack, die Begleitmelodie der Jahrtausende, ist der Schrei des sinnlosen, qualvollen Vergehens. Der sterbende Lebensgeist ermatteter KZ-Häftlinge, das blutleere Schweigen ausgemergelter Zwangsarbeiter, das stumme Entsetzen von Gefangenen wie jenen, die der bis heute verehrte Dschingis Khan als lebendes Baumaterial für Minarettfundamente verwendete.

Jens betrat das Zimmer der Produzentin. Nein, dies ist nicht der Sinn meiner Geschichte. Heute sind die Methoden der Nutzbarmachung des Menschen viel subtiler.

„Herr Thellmann, ich komme gleich zur Sache“, sagte Frau Guck nach einem kurzen Geplänkel bei Kaffee, Sprudel und Kleingebäck. Sie lächelte verhalten und schenkte ihm einen jener unverbindlich freundlichen Blicke, die gutaussehende Geschäftsfrauen bestens beherrschen und die Jens nicht so recht deuten konnte. Sie war wohl über fünfzig, wirkte aber jünger. Jede Bewegung präzise und tadellos wie ihre Frisur, die Schminke, das Outfit. Sie hatte ihre Gefühle offensichtlich im Griff, ein leichtes Zucken im Mundwinkel verriet eine gewisse Nervosität, als habe sie sich nach einem heftigen Streit gerade gesammelt. „Ihr Drehbuch könnten wir umsetzen, das sage ich jetzt aber unter Vorbehalt. Ich würde gerne ein paar Sachen ändern. Kürzen, wenn Sie nichts dagegen haben. Und vereinfachen. Denn so viel Geld wie in Hollywood steht uns nicht zur Verfügung.“ Sie hielt inne, schmatzte einmal nachdenklich und fuhr fort. „Die Hauptfigur bereitet mir ein wenig Magengrimmen. Eine Art Hitler. Problematisch ist für die deutschen Filmemacher der ambivalente Charakter des Inselkönigs: Er will etwas Positives herbeiführen, das heißt, Hass, Kriege und Völkermord unterbinden, indem er der Menschheit etwas Schreckliches antut. Er ist zwar kein Massenmörder, aber ein Verbrecher, der die Menschen eines Menschenrechts beraubt, der Möglichkeit, sich zu vermehren, und zwar durch ein gentechnisch hergestelltes Gift. Rechtlich ist sein Verbrechen als eine Art Vorstufe zur Abtreibung zu betrachten, und das macht ihn zu einem vermeintlichen Idealisten. Ethisch gesehen ist er der Urheber eines neuen Holocausts – er vernichtet ganze Zivilisationen und Kulturen. Eine subversive Geschichte.“ Sie räusperte sich. „Was ich nicht ganz verstehe … wie will diese Sekte auf einer Pazifikinsel die Menschheit, nein, die menschlichen Kulturen ausrotten? Es fehlt der wissenschaftliche Hintergrund. Wie soll zum Beispiel das Trinkwasser weltweit so manipuliert werden, dass die Menschheit unfruchtbar wird? Mit Viralen Vektoren? Was sind das?“

„Transportmittel für Genmaterial. Sie werden in der Gentherapie verwendet, auch für Impfungen. Virale Vektoren können sich unabhängig vom Hauptgenom der Empfängerzelle replizieren, stark vermehren. Sie werden normalerweise zur Immunisierung eingesetzt, können aber natürlich auch Krankheitserreger transportieren. Erreger zum Beispiel, die unfruchtbar machen. Es handelt sich allerdings nicht nur um ein Gift. Was der Menschheit am Ende den Garaus macht, ist eine Designerseuche.“

„Ich fände es gut, diesen Aspekt konkreter auszuarbeiten. Technische Einzelheiten, die Chemie …“

Jens sah ihr nachdenklich zu, versuchte, eine Grimasse zu unterdrücken. Ist das so wichtig, die chemische Formel? Es gibt sicherlich viele Verrückte auf dieser Welt, die daran arbeiten. „Ich kann das natürlich gerne zu Ende recherchieren und von Fachleuten überprüfen lassen, das ist kein Problem, bis auf ...“ Da stockte er. „Egal.“ Dass er es schon getan hatte und damit ins Visier der NSA geraten war, wollte er hier nicht ausbreiten. Warum er observiert wurde, war ihm nicht ganz klar. Er hatte bestimmte Torwebseiten und Suchmaschinen benutzt. Er war vorgewarnt, Albert Bogner hatte es seinem Vater gesteckt. Oder auch nicht, wer weiß? Vielleicht wollte Albert nur angeben mit seiner unglaublichen Geschichte von Jugendsünden im Chaos Computer Club und seiner ersten Karriere als Detektiv. Und von einem Strafverfahren, bei dem ihm eine Freiheitsstrafe drohte, es sei denn, er arbeite mit einem BND-Mann zusammen. Was er angeblich auch jahrelang getan habe, aus Dummheit, er habe sich einschüchtern lassen. Das Ganze sei ein Bluff gewesen, das habe Albert zu spät erkannt. Zu spät, um auszusteigen? Albert soll an dem KGB-Hack beteiligt gewesen sein. Er habe Kontakt zur Hamburger Szene und zum damaligen Strippenzieher Karl Koch gehabt, einem Drogensüchtigen, der 1989 verbrannt aufgefunden wurde, angeblich nach einer Vernehmung durch den Verfassungsschutz. Das BKA machte auch bei Albert eine Hausdurchsuchung, ein gewisser Tschechnitzky habe ihn unter Druck gesetzt. So Alberts Version, die Jens von seinem Vater erfahren hatte. Eins stand fest: Albert wusste zu viel. Zu viele Einzelheiten über Jens’ Arbeit, seine Recherchen. Davon hatte Jens niemandem erzählt. Es musste etwas dran gewesen sein.

„Also, liefern Sie uns ein paar spannende wissenschaftlichtechnische Details ...“

„Ein bisschen Abrakadabra, meinen Sie ...“ Dumm nur, dass er Abe Sagron nicht mehr erreichen konnte. Dass er ihm damals nicht zugehört hatte. Und dass die Telefonnummer auf der Visitenkarte mittlerweile nicht mehr erreichbar war.

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, Hauptsache, die Story klingt authentisch, real. Wobei ich sagen muss, der Stoff ist recht ungewöhnlich. Aber wenn ich denke ... Wenn jemand vor 2001 die Geschichte vom elften September erzählt hätte, man hätte ihn ausgelacht. Völlig unplausibel, finden Sie nicht?“

„Doch. Und der Holocaust? Hitler, Stalin, Nationalsozialismus und Kommunismus? Unfassbar.“

„Tja, echte Gruselgeschichten“, seufzte die Produzentin.

„Für meine Begriffe Science-Fiction-Horror. Unvorstellbar und trotzdem real.“

„Wie man es sieht. Die Perspektiven ändern sich. Was ist schon die Realität“, lächelte Frau Guck. „Also …“ Den Rest wollte sie zusammenstreichen, damit die Handlung in ein gängiges Fernsehformat von 90 Minuten passte. Und natürlich die Dialoge ein wenig aufpeppen.

„Der Vertrag sieht dann so aus. Wir kaufen ihr Drehbuch, das heißt die Rechte. Das bedeutet aber nicht, dass wir es auch verfilmen. Wir behalten uns auch das Recht vor, die Story zu verkaufen. Wir bieten Ihnen 20 000 Euro dafür. Die weitere Vorgehensweise besprechen wir in zwei Monaten. Sie kommen ja zu den Filmfestspielen. Reicht Ihnen die Zeit?“

„Klar“, sagte Jens. 20 000 Euro, zwar wesentlich weniger als in Hollywood, aber für deutsche Verhältnisse recht üppig.

„Ich schicke Ihnen eine Einladung. In welchem Altdorf wohnen Sie? Es gibt ja etliche in Deutschland.“

„Bei Nürnberg.“

„Ach so, Sie sind ein Franke?“

„Ja.“

„Verheiratet?“

„Ja.“

„Wie heißt Ihre Frau ... ich meine, wegen der Einladung ...“

„Ursel.“

„Fahren Sie jetzt gleich heim?“

„Leider nicht, erst morgen. Ich habe noch einen Auftrag.“

„Hätten Sie Lust auf ein Jazz-Konzert?“

„Was können Sie mir empfehlen?“

„Five Pieces im Summa-Summarum-Musikkeller oder Friday Live Jazz in der Frankfurter Art Bar. Ich brauche einen Begleiter. Um neun. Kommen Sie mit?“

„Gern. Damit wäre der Abend gerettet.“

„Was haben Sie denn für einen Auftrag, wenn ich neugierig sein darf?“

„Es geht um eine private Sache. Ich muss zum Flughafen. Mein Vater erwartet Besuch ... aus dem Ausland. Eine Urlaubsbekanntschaft, schon zehn Jahre her.“

„Eine Romanze?“

„Hoffentlich nicht. Meine Eltern leben glücklich zusammen, schon seit über dreißig Jahren.“

Es trifft sich gut, hatte sein Vater gesagt, als Jens von seinem Termin in Frankfurt erzählte. Am nächsten Tag konnte er ja die Gäste am Flughafen abholen. Es traf sich aber gar nicht gut. Jens wäre am liebsten in sein Auto gestiegen, in vier Stunden säße er zu Hause bei seiner Familie und würde mit seinen Söhnen auf dem Teppich toben. Aber nicht am Freitag. Nicht am Freitagabend über die A3 von Würzburg nach Nürnberg.

Was in aller Welt konnte man allein in der Großstadt unternehmen? Dreiviertel fünf. Jens ging von der Zeil zur alten Mainbrücke und über den Eisernen Steg zum Römer. Er betrachtete gebannt die Fassaden, fand aber alles hohl und bedeutungslos. Schön war die Welt nur, wenn er sie mit den neugierigen Augen seiner Frau betrachten konnte. Er überlegte, noch einmal ins Hotel zu gehen, duschen und gegen halb sieben aufzubrechen. Ein bisschen bummeln, eine Kleinigkeit essen. Und dann um halb neun zum Rendezvous in die Klappergasse.

Er schlenderte durchs Bankenviertel und sah in die Gesichter der Vorbeieilenden. Ganze Heere von unbekannten Passanten. Frauen und Männer im Anzug, ernst, nachdenklich, hastig. In ihren Augen: Zahlen, Kalkulationen, Bilanzen. Einser und Nullen. Sie verwalteten endlose Zahlenkolonnen, stofflose Reichtümer in einer digitalen Fata Morgana.

In den Spiegelungen glänzender Glasfassaden kam sich Jens fremd vor. Hier in dieser virtuellen Festung, dachte er, wird die Zukunft entschieden, der Krieg der Zahlen ausgetragen. Doch vielleicht haben die Viren auch diesen Krieg schon längst gewonnen, nur merkt es niemand, weil die Zahlen ihren geisterhaften Zaubertanz erst beenden, wenn der Stecker gezogen ist.

Klausenburg, Siebenbürgen, 3. September 1952, Nóri

Allein durch die schummrigen Gassen der Großstadt. Wie seltsam, sich geborgen zu fühlen in der Anonymität, in der schaurigen Illusion, verwandt zu sein mit all den fahlgesichtigen Fremden, die verschreckt vorbeihuschten.

Nóri lebte erst seit einigen Wochen in Klausenburg. Niemand kannte sie hier. Und trotzdem musste sie sich verstecken, sich und ihre Angst, vor dem bösen Blick der Diktatur.

Mit ehrfürchtiger Neugierde betrachtete sie die prächtigen Patrizierhäuser, das Bánffy-Palais, die gotische Kathedrale St. Michael und die kleineren Kirchen, katholische, evangelische und reformierte, beobachtete die Vorbeieilenden, schaute ihnen in die Augen. Hunderte und Aberhunderte von Menschen gingen an ihr vorbei. Die Sorgen standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie waren nicht glücklich, keiner war es. Gerne hätte sie gewusst, was sie dachten, was sie bewegte. Manche schlenderten gedankenverloren vorbei, andere gleichgültig. Viele wirkten traurig und müde wie nach einem schlechten Traum, aus dem man erwachte, um festzustellen, dass der böse Traum sich in der Realität fortsetzte. Und dennoch: es gab auch Menschen, die dem Grauen trotzten, sie lachten kurz und schuldbewusst auf, bevor sie im dämmrigen Straßengewühl verschwanden. Doch die meisten, die gingen nur. Sie gingen. Vielleicht ohne Ziel, wie Nóri? Was hatten sie für Geheimnisse? Was erwarteten sie vom Leben?

Der Herbst hatte es noch nicht eilig, dem Sommer den Rang streitig zu machen. Es wehte eine laue Luft. Nóri durchstreifte die Straßen, mutterseelenallein, und suchte Zuflucht im Park. Das Grün der Bäume ermattete. Nóri hatte Träume. Sie hatte den Ehrgeiz, den Willen. Hatte sie aber auch genügend Kraft, dem Kraken die Stirn zu bieten, der eine ganze Gesellschaft niederdrückte und wie ein entlaufener Irrer würgte, bis zur Bewusstlosigkeit? Genug Kraft, sich gegen die Vorverurteilung als Klassenfeind zu stemmen? Gegen die Ausgrenzung, die Diskriminierung, die Verbote?

Menschen schlichen an ihr vorbei, wie mit Watte ausgestopfte Puppen, mit ausdruckslosem Gesicht. Lebende Tote. Marionetten. Wesen, die ihre Seele versteckten, zwischen einer trockenen Scheibe Brot und stummer Resignation, um stoisch zu erdulden, was die neuen Machthaber der schweigenden Mehrheit aufzuzwingen versuchten, ein Leben aus dem Lehrbuch von Wahnsinnigen, nach einem großen Plan, den niemand verstand und der keinen Sinn ergab.

Wenn man nur leben könnte, einfach leben ohne Sorgen, fleißig lernen, um dann später einer sinnvollen und nützlichen Arbeit nachzugehen. Eine Familie gründen, Kinder erziehen. Mehr nicht.

Und dennoch. So ein Leben, eine einfache Existenz, war nicht möglich, nicht hier, weil diese neue Ordnung irreal war, sie sprach der menschlichen Zivilisation Hohn. Nein, die bescheidene Zukunft, von der Nóri träumte, lag jenseits der Wirklichkeit, jenseits der Grenzen des Machbaren. Die Realität war ein düsteres Experiment, von Verrückten durchgeführt. Die Hölle einer Welt, die 1918 untergegangen war und deren Ende mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig besiegelt wurde. Eine unsichtbare Macht zog die Fäden. Die neuen Herrscher lebten von der Jagd nach neuen Staatsfeinden, fütterten ihre Bluthunde mit der Angst, die sie den neuen Sündenböcken abgetrotzt hatten. Den Kulaken.

Ein böses Wort aus dem Russischen, Kulak, der neue Klassenfeind. Ein Schimpfwort für Menschen wie Nóri. Sie war gebrandmarkt wie ein Vieh, ausgesondert, aus dem Leben ausgesperrt. Wie ein Verbrecher, weil ihr Vater einst Richter war und Großgrundbesitzer. Von wegen Großbauer. Ein Kulak musste nun ganz unten sein. Ihm waren Arbeit, Studium und Glück von Amts wegen versagt. Er durfte nur noch leiden, damit sich die ehemals Besitzlosen das Vergnügen hatten, sich an seinem Leid zu ergötzen. Für Sünden, die ihm Bürokraten in den Lebenslauf geschrieben hatten.

Warum? Wem verschaffte es Genugtuung? Welche teuflische Ethik lag dieser Grausamkeit zugrunde?

Menschen irrten durch die Straßen, mit aufgeriebenen Nerven, schleppten ein Leben mit sich herum, das seine Richtung verloren hatte, weil die Zukunft ein Märchen war, an das niemand mehr glaubte. Alle, allesamt: sie waren lebende Tote.

Und trotzdem. Man musste kämpfen. Und ein bisschen träumen, das durfte man auch, um dem Irrgarten des Schreckens zu entfliehen. Man durfte sich Fantasien hingeben, Pläne schmieden und die Sorgen mit neuen Hoffnungen betäuben. Ihre ältere Schwester hatte es doch auch geschafft, hatte noch rechtzeitig die Matura gemacht, bevor der Terror begonnen hatte, und verdiente nun ihr eigenes Geld als Buchhalterin. Doch was würde aus Nóri werden? Das Geld reichte kaum noch für Miete und ein wenig Essen. An neue Kleider war nicht zu denken. Mutter verkaufte alles, was im Haus noch vorhanden war, was die Kommunisten nicht beschlagnahmt hatten. Hoffentlich konnte sie das Radio noch retten. Doch bald würde das Haus leer stehen. Und dann?

Ich werde es trotzdem schaffen! Ich muss es. Denn ich habe einen eisernen Willen! Ich werde meinen Grundsätzen treu bleiben! Mir und Béla zuliebe.

Schule ... Hin durfte sie nicht mehr. Alle Wege waren ihr versperrt. Nur ein einziger, blasser Hoffnungsstrahl blieb: Abendgymnasium für Arbeiter. Dazu brauchte sie eine Arbeitsstelle, egal was. Eine Bescheinigung, dass sie einer Beschäftigung nachging. Und wenn es nicht gelang, was dann?

Sie musste es versuchen! Sie musste all ihre Kraft aufbieten! Und ihren Idealen treu bleiben.

Der erste Schritt war ja schon getan.

Vor zwei Tagen war sie im Abendgymnasium beim Direktor. Nóri Lantos erlebte immer wieder die eigenartige Stimmung, die ihre Seele beschlich, als sie das Schulgebäude betrat und auf den verwaisten Korridoren dahinschritt zum Vorzimmer der Allmacht. Sie erlebte erneut die Minuten des bangen Wartens vor der riesigen Tür, die nicht aufgehen wollte. Sie stand da, verloren und verschüchtert, von tausend Gedanken bedrängt. Sie war mit sich selbst im Reinen. Sie wusste, man kam nicht drum rum, man musste alles erzählen, die ganze Wahrheit. Und sich dem Urteil stellen.

Ja, mein Vater war Großgrundbesitzer. Was kann ich dafür? Ich will lernen und arbeiten. Nützlich sein. Einen Sinn, ein Ziel im Leben haben, wie jeder normale Mensch.

Der Direktor sah sie nachdenklich an und nickte. Mit seiner schlichten Antwort hätte Nóri allerdings nicht gerechnet:

„Bringen Sie uns Ihre Unterlagen“, ermunterte er sie, „mal schauen, was ich für Sie tun kann, wir versuchen es.“

Als sie das Schulgebäude verließ, hatte sie das Gefühl, über dem Gehsteig zu schweben: Es wird klappen! Alles sang in ihr, die Seele, das Herz. Wie gern sie Béla alles erzählt hätte. Béla. Er war Tage zuvor aufgebrochen. Jetzt war er weit weg, entsetzlich weit in einem unbekannten Land und schrieb ihr vielleicht ein paar Zeilen.

Sie würde ihm auch einen Brief schreiben. Sie würde ihm erzählen, was er nicht sehen konnte, wie die Jahreszeiten seine Stadt veränderten.

Klausenburg hat seine Farben verloren, Béla, alles ist blass und verdorrt. Bei uns in der Hargita leuchten die Farben anders. Intensiver, leidenschaftlicher, das Gras ist dünn und dicht, nicht wie die zerzausten Gräser hier in Klausenburg, zerlumpte Vagabunden, die sich in wilden Büschen am Samoschufer aneinanderlehnen, um ihren Sommerrausch auszuschlafen. Die Bergwiesen im Szeklerland, die zwischen den Felsen endlose Teppiche weben, funkeln schön dunkelgrün, auch jetzt noch im September, und die Tannen, die ihre Köpfe zusammenstecken und kleine Kränzchen bilden, prahlen stolz mit ihrem dunkelblauen Gewand. In Klausenburg hat nur der Stadtpark seine natürliche Pracht bewahrt und bietet einsamen Seelen wie mir Geborgenheit im Schatten der Kastanienbäume.

Ja, das würde sie ihm schreiben. Es gab aber auch vieles, worüber man nicht schreiben durfte, viele verbotene Gedanken. Dinge, die sie im Radio gehört hatte bei ihrer Schwester.