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Vor einer halben Ewigkeit verschwand Sophie aus Richards Leben. Einfach so, ohne ein Wort des Abschieds. Fast zwanzig Jahre später taucht sie wieder auf. Auf einer Urlaubsreise wollen die beiden die Grenzen ihrer Affinitäten noch einmal ausloten. Doch eine seltsame Begegnung in der Wildnis bringt ihre zögerliche Annäherung völlig aus dem Takt: Das Herz will, der Verstand bockt. Und so stolpern die beiden unversehens in ein Dickicht aus Misstrauen, Streit und Hass. In mehreren ineinander verwobenen Erzählsträngen kreuzen sich die Schicksale von Paaren, die in einem Malstrom aus Lügen, Verdächtigungen und Missverständnissen gefangen sind. Was sie verbindet, ist ihr gestörtes Verhältnis zur inneren Wahrheit - ein Vexierspiel, das zur tröstlichen Fiktion gerinnt. "Notlügner - Die Nostalgie des Selbstbetrugs" ist Teil der Altdorf-Trilogie, die aus drei eigenständigen Romanen mit abgeschlossener Handlung besteht. Zur Einheit wird der Dreiteiler durch die thematische Klammer: Hauptschauplatz der drei Romane ist Altdorf, Klausenburg einer der Nebenschauplätze; in jedem geht es um Liebe, Trennung und Verlust; in allen drei Romanen sitzt einer der Protagonisten im Rollstuhl, was in Altdorf zum Stadtbild gehört. Und in den Schicksalen der Charaktere spiegeln sich die Probleme und Konflikte einer Gegenwart, mit deren rasantem Wandel kaum jemand Schritt halten kann. Die Geschichten sind fiktiv und nicht autobiografisch. Viele Einzelheiten sind aber dem wahren Leben abgelauscht. Altdorf dient lediglich als Lebensmittelpunkt für einsame Seelen in einer globalisierten Welt voller unüberschaubarer Kontingenzen. Eine Provinz-Milieustudie war nicht beabsichtigt.
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Seitenzahl: 636
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Wahrheiten kann man zurechtbiegen, wenn sie den eigenen Vorurteilen und Ansprüchen nicht genügen. Mit ihrer Lebenswirklichkeit überfordert, gestalten Sophie und Richard ihre von Fehlern gesäumte Vergangenheit mit blindem Eifer neu. Und auch die unmittelbare Realität muss eitlen Wunschvorstellungen weichen: ihr Inhalt unterliegt einer laufenden inneren Revision. Elke und Ulrich ergeht es ähnlich. Von Winnie und Patrick ganz zu schweigen. Sie stellen all das, was sie erleben und ihre Existenz mit dem bunten Ballast der Jahre füllt, infrage. Sie sperren ihre Erinnerungen in Käfige ein, die zu eng sind für die Unermesslichkeit der Sehnsüchte, die ihrer Erfüllung harren. Zu spät geht diesen Paaren auf, dass nicht die leuchtenden Ziele dem Leben Sinn verleihen, sondern das beharrliche Streben nach dem Unerreichbaren und die hübschen Unvollkommenheiten des Alltags, die man mit stoischer Selbstaufopferung hätschelt. Denn Erreichtes verliert schnell seine Bedeutung: Sobald der Tag zu Ende ist, erblicken wir im grauen Spiegel der Erkenntnis unsere unfassbare innere Endlichkeit.
Viktor Brenner ist Journalist, hat Medienwissenschaft studiert und als Redakteur gearbeitet. Seine Romane „Fluchangst – Aberwitz und Aberglaube“ und „Treibwut – Auserwählt und ausgesondert“ sind 2017 beziehungsweise 2018 erschienen.
Für Katharina B.
Notlügner
Nachwort
Handelnde Personen
Kapitelübersicht
Triggerwarnung
Das Buch enthält einige verbale und szenische Grausamkeiten sowie politische Inkorrektheiten, die die Gefühle empfindlicher Leser verletzten könnten.
Es ist immer Abend. Der Tag ist lediglich das, woran man sich erinnert. Die Stunden, die vergehen und nie wieder kommen, weil sie das Leben satt haben, die Welt, die sich einsam dreht, sich von der Langeweile nährt und durch sie gedeiht, wächst und quillt, bis sie platzt, wo sind sie geblieben, die Stunden und die Welt? Wo ist die Zeit des Tages, das Kostbarste, das wir je besessen zu haben glauben, das uns aber nie gehört hat?
Richard legte sich ins Doppelbett. Neben ihm eine Fremde. Ihr rötlich brauner Schopf lag im Kissen versunken. Seine Finger wollten sie berühren, scheuten aber die Zurückweisung. Ihr schöner Rücken entzückte nicht. Kaum hörbar ihr schwerer Atem, der in die Daunen drückte. Würde er morgen wieder neben ihr erwachen, hier in diesem Ferienappartement im Kleinwalsertal? Oder allein in seiner Junggesellenwohnung in Altdorf nach einem luziden Traum, einem jener wahren Träume, denen er mit konzentrierter Inbrunst beiwohnte und die schöner waren als die Wirklichkeit.
Fremd und doch vertraut. Seine alte Liebe, fast vergessen wie ein Schmerz, den man verdrängt, der aber nie vergeht.
Er knipste das Licht aus und dachte, vielleicht war es ein Fehler, sie mitzunehmen.
Irren ist keine Sünde. Das Verharren im Irrtum schon.
Die Welt ist nicht das, was sie sein sollte. Sondern das, was von unseren Träumen übrig bleibt.
Und dies war die Welt, die ihm die angstschweißtreibende Nostalgie vorgaukelte: die Allgäuer Alpen im gleißenden Licht herbstlichen Sonnenscheins. Ein weites, makellos grünes Tal im Schutz steinerner Kolosse, das sich Wiesen mit Nadel- und Laubbäumen friedlich teilen. Am Himmel kein Wölkchen. Sein Herz so rein wie das Wasser, das fröhlich im Gemstelbach plätschert. Eine einzigartige Filmkulisse. Er, ein Mann in den besten Jahren, hält die Frau an der Hand, die er schon immer geliebt hat. Du Trottel. Ein junger Mann, der vergnügt vor sich hin pfeift und mit beiden Beinen im Leben steht. Er hört seiner Angebeteten zu, wie sie erzählt und lacht, und der Klang ihrer Stimme erfüllt ihn mit einer Seligkeit, die ihm Flügel verleiht. Hörst du auch Geigen, du Volldepp? Er weiß, das Schicksal meint es gut mit ihm. Die Liebe und das Leben dauern, bis der Weltgeist beschließt, die Lichter der Ewigkeit auszuknipsen, um die entfesselte Phantasie endlich in ihre Schranken zu weisen.
Und die Wirklichkeit? Eine ganz andere Geschichte. Sie ist nicht alles, was der Fall ist. Oder alles, was kaum der Fall sein kann.
Der Himmel war still. Niemand lachte. Höchstens die Götter, über ihn und seine unerschütterliche Arglosigkeit. Von seinen Träumen war vielleicht doch noch was übrig geblieben. Aber wie viel oder wenig, entzog sich seiner Kenntnis. Das Leben könnte doch so … Nein, eben nicht. Das Leben kann gar nichts. Es lässt Dinge geschehen, so, wie sie kommen. Und gehen. Wir nehmen Abkürzungen, um ans Ziel zu kommen, aber das Leben liegt abseits der Flugrouten freier Gedanken. Wir flitzen an ihm vorbei und wundern uns, dass es nicht da ist, wo es sein sollte, wo wir es in unserer kindlichen Begeisterung anzutreffen glaubten, und dass es nicht so will, wie es wollen könnte. Nur das Denken kennt Abkürzungen. Das Leben nicht. Richards Traum war eine Abkürzung – über Abgründe und Illusionen, zuweilen über das Nichts. Er war ein Mann, der mit beiden Füßen fest auf einer Wolke stand.
Richard betrachtete die Frau, die federleicht wie eine himmlische Erscheinung ein paar Schritte vor ihm her den Schotterweg zur Gemstelklamm entlangging. Er torkelte ihr hinterher und hörte sein Herz stolpern, das unbändige Tier in ihm, das gegen die Verzweiflung des Fleisches ankämpfte. Sophie. Er hatte sie geliebt. Liebte er sie immer noch? Ja. Seine Liebe war real. Aber diese Frau, die ihm davoneilte, liebte er nicht. Sie war eine Lüge, die ihm das Leben so oft erzählt hatte, dass er mittlerweile geneigt war, an sie zu glauben. Die neue alte Sophie war nicht echt. Nicht die von damals, die einzige, die er je wirklich geliebt hatte. Dafür gab es unwiderlegbare Beweise. Ihr Po zum Beispiel. Er war eindeutig verfremdet, wie von einer unsichtbaren Künstlerhand neu modelliert, irgendwie verfälscht. Zwar immer noch hinreißend, aber anders. Vielleicht etwas breiter und nicht mehr so schön rund. Aber die Proportionen stimmten. Die Figur perfekt, sie hätte sich mit einer zwanzigjährigen Schönheit durchaus messen können.
Er betrachtete ihren Rücken, die Beine, die resolut voranschritten. Sie schien es darauf angelegt zu haben, ihm zu enteilen. Ihn zu provozieren. Gönnte ihm die wenigen Sekunden nicht, um von der Breitachbrücke aus den Baader Höhenweg und das Walmendinger Horn zu knipsen.
Eine alte Liebe erkennt man an ihrem Geruch. An dem, was die Brust wohlig erwärmt. Sophie roch anders. Nicht nach Vanille, Rum und Kardamom, nicht nach junger Haut und blauem Junihimmel. So muss sie damals gerochen haben. Nach weicher, zeitloser Frische. Aber vielleicht täuschte ihn das Gedächtnis. Sie duftete auch ungewaschen wie ein Engel, damals in Erlangen, ein frecher mit kleinen Hörnern, wild und würzig wie ein knuspriger Traum. Die Zeit hatte alles dahingeweht, fort in den Orkus der Unwiederbringlichkeit. Diese Frau hatte mit der jungen Sophie nichts gemein. Sie zog eine sanfte Brise aus dezenten Düften hinter sich her, aus künstlichen, verlogenen, diskret aufgetragenen aus einer Kosmetikbüchse voller teuflischer Täuschungen.
Sie waren sich fremd, flüsterte sein Herz. Sie und er. Fremd, obwohl sie sich einst einen Kokon geteilt hatten. Nun kämpften sie beide gegen eine Verlegenheit, die sich wie ein missmutiger Klabautermann zwischen sie stellte und ihre Gefühle mit Argwohn musterte. Die Situation fühlte sich unwirklich an. Die Stimmung war vergiftet. Schon während der Fahrt zerbrach Sophie das wenige Porzellan, das im großen Schrank der Nostalgie noch übrig geblieben war. Ihr ging die Geduld ab, sie gab falsche Anweisungen, war später aber nicht bereit zuzugeben, sich vertan zu haben.
Er auch nicht, damals. Jetzt schon. Es hätte … nichts hätte anders ausgehen können. Sie hatten sich verfahren und standen nun weit voneinander entfernt an völlig falschen Zielorten.
Der Mensch macht es sich einfach. Das Leben nicht. Das Gebäude unserer Anschauungen sitzt auf einer stabilen Statik, die eine bestechende Logik mit guten Argumenten verbindet, vor allem aber mit Halbwahrheiten, an denen wir leidenschaftlich hängen und die wir mit Klauen und Zähnen zu verteidigen bereit sind. Das Leben kennt aber keine menschliche Logik, sondern nur Notwendigkeiten, die keine sind und jeglicher Logik entbehren, meistens. Es besteht aus den Widersprüchen und Unstimmigkeiten, die im Meer der Kontingenz hin und her schwappen. All dies gehört zum Grundgerüst der Realität. Was wir Logik nennen, ist bloß ein Instrument der Selbsttäuschung. Die Lüge bedient sich einer lückenlosen Logik. Die Realität so gut wie nie. Sie braucht keine. Und wenn, dann nur bedingt. Weil sie nicht so rund ist wie unsere selbstgerechte Phantasie.
Richard hatte die ganze Nacht an sie gedacht. Diese Nacht und auch in jener vor der Abreise. Er lag hellwach in seinem weichen Bett in Altdorf und ließ sich in der zwiespältigen Vorfreude auf den bevorstehenden Wanderurlaub von all den alten Leidenschaften und Obsessionen zu schwindelerregenden Drehbuchszenarien hinreißen. Die alte, wiedererstandene Begierde brachte ihn um den Schlaf. Sie war hellwach und zwang ihn, sich in lasziven Bildern vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie wieder im selben Bett schliefen, wie es war und wie es wieder sein sollte, ihre betörende Nacktheit, ihre unbezwingbare Lust, ihre grenzenlose Ekstase.
Während er all die verstörenden Schnappschüsse anstarrte, die tief in seinem Gedächtnis schlummerten, warf sich Richard im Bett hin und her, rang mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungen für Entscheidungen, die heute bar jeder Bedeutung waren, vom Wind verwehte Spelzen selbstmitleidiger Resignation.
Er stellte sich vor, wie es sein würde nach der Ankunft in der Ferienwohnung. Wie sie den Abend, die Nacht verbringen würden. Er sah in die Dunkelheit, betrachtete sich und Sophie, er konnte nichts anderes sehen als die Zügellosigkeit junger Verliebtheit, die alles auskosten wollte, und wünschte sich, all die herrlichen Momente von einst mit ihr wieder zu erleben. Einzelheiten zogen an der Leinwand seiner aufgeschreckten Sinne vorbei. Nahaufnahmen, Close-ups. Details wie unter dem Brennglas. Ihre Haut, ihr nackter Busen, die Küsse, die ihren Bauch bedeckten. Die Gänsehaut, wenn er die Innenseite ihrer Schenkel mit den Lippen berührte. Gespenstische Schauerwellen aus einer anderen Galaxie. Wie die nasse Rauheit ihrer Zunge, ihr heißer Atem an seinem Körper.
Doch das war nun alles erkaltet. Gestorben schon auf ihrer ersten Wanderung. Er trug eine mumifizierte Leidenschaft mit sich herum, eine erschlaffte Begierde, von der sich der Blick fassungslos abwandte. Er fühlte nichts mehr. Seine Seele war kalt, weil ihre schlechte Laune seine Begierde getötet hatte. Die Bilder der Lust gerannen zu Banalitäten. Ihre Haut? Wie jede Haut, bar jeder sentimentaler Überhöhung. Und ihre kecken Brustwarzen, ach Gott, diese fabelhaften Titten …
Sie gingen nicht an der Hand, wie er sich das noch vor dem Aufbruch ausgemalt und gewünscht hatte, wie denn auch, nicht wie dieses Paar vor ihnen mit der kleinen lärmenden Kinderhorde, wie viele waren es denn eigentlich? Wohl auch Neffen und Nichten im Schlepptau, ein idyllisches Ensemble. Richard und Sophie hatten sich kein einziges Mal berührt. Am Vortag nicht, und jetzt flatterte zwischen ihnen ein eisig kalter Vorhang des Schweigens.
Wo befanden sie sich eigentlich? Er war ganz und gar woanders. Richard hatte sich zu Hause vergessen. Sein wahres Selbst war weit von ihm entfernt, in einem vertrauten Raum unerschütterlicher Gewissheiten, die nun plötzlich davonzuschweben schienen. Der echte Richard saß an seinem Küchentisch in Altdorf, trank gerade seinen Morgenkaffee und hörte Kenny Wheeler, den versoffen-wehmütigen Klang eines launischen Flügelhorns, das spitzbübisch seufzend zwischen Resignation und Gleichmut lavierte. Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, es hatte was mit Zeit und Gedächtnis zu tun, den Spuren, die sie im wachträumenden Ego hinterließen. Es fühlte sich unheimlich an, eine beunruhigende Vermutung, ein Schauder, ein Anflug von Panik, der nicht lange währte, ein verdutztes Innehalten im Ungewissen. Die Vergangenheit gehörte ihm nicht mehr. Sie war ihm fremd, eine Galerie lästiger Heimsuchungen in den matten Glassplittern der Erinnerung, wie plötzlich aufblitzende Spiegelungen, die sich rasch veränderten, um noch schneller zu verschwinden. Nichts konnte sie halten, das Verlorene entzog sich der inneren Revision. Sophie gehörte zu jenem anderen Leben, das einst falsch abgebogen war und sich nie wieder fand.
Einsam mit Sophie. Ihr hellbraunes, leicht gewelltes Haar leuchtete kupfern im schräg einfallenden Licht des wolkenlosen Herbstvormittags, es funkelte im Schein einer Sonne, die kalt blieb, gleichgültig, verführerisch und treulos wie sie nur im Oktober sein konnte. Er wünschte, Sophie würde stehenbleiben und sich umdrehen. Er sah sie in der Erinnerung, wie sie ihm das blasse Gesicht zuwandte, damals, das erste Mal in der Erlanger Konditorei, erlebte aufs Neue das Überraschungsmoment, ja, das kindliche Staunen, nicht wie erwartet in ein sommersprossiges Antlitz zu blicken, sondern in ein bleiches und glattes, wie aus Porzellan gegossenes Gesicht mit ebenmäßigen Zügen, deren Schlichtheit wie seraphische Unschuld anmutete.
Zwischen damals und jetzt die faltbare Zeit. Die tote Zeit der Gedanken, die um sich selbst kreisten, weil nichts mehr verging, kein Schmerz, kein Seufzer, kein Zweifel an der ewigen Wiederkehr des in einem Augenblick der plötzlichen Erkenntnis eingefrorenen Entsetzens.
Sophie blieb nicht stehen. Wandte sich kein einziges Mal um, rief kein Wort, als wären sie gar nicht zusammen unterwegs zur Widdersteinhütte. Sie war eine jener Halbwahrheiten, die mitunter schlimmer sind als eine glatte Lüge, weil sie die wesentlichen Fakten ausblenden.
Ein Irrtum, natürlich, wie konnte ihm das passieren? Richard hatte eine kurze Zündschnur an diesem Vormittag nach einer rastlosen Nacht und einem Tag, der ihn an die Schmerzgrenze schicksalsergebener Selbstverleugnung gebracht hatte.
Am besten gleich auf dem Absatz kehrtmachen, zurück nach Riezlern, die Ferienwohnung bezahlen und umgehend nach Hause fahren. Sie aus seinem Leben aussperren, so wie sie es getan hatte vor so vielen Jahren. Sie hatte ihn ohne Vorwarnung im Stich gelassen, war einfach verschwunden, ohne ein Abschiedswort. Angeblich nach Prag sei sie gefahren. Mehr wussten ihre Eltern nicht. Auch Wochen später nicht, als Sophie die Funkstille aufrechterhielt. Sie sei in Sicherheit, hieß es. In Sicherheit, vor wem denn? Das hatte er nie begriffen. Es gehe ihr gut. Mehr nicht.
Nein, das habe er ihr nie verzeihen können. Und jetzt, fast zwanzig Jahre später, in seinem Leben wieder aufzutauchen, das grenzte an Unverfrorenheit.
So fühlte sich Überforderung an. Vor einer Woche waren sie sich in Langwasser begegnet im großen Einkaufswunderland, er stand vor der Wurst- und Käsetheke und beäugte die Bedienung, die mit ihren Latexhandschuhen an einem zerknitterten grauen Papiertaschentuch nestelte, eine noch nicht durchlöcherte Stelle suchte und dann eine gewaltige Ladung Rotz hineintrompetete, es dann wieder zusammenknüllte, um es in ihre Kitteltasche zu stopfen. Sie lächelte ihn an, als sie ihn vor der Theke stehen sah, fuhr sich mit den behandschuhten Fingern durch die fettigen Haare, die sich zu schmierigen Kringeln verklumpten, und fragte ihn mit unschuldiger Miene, was darf es denn sein? Er betrachtete sie entgeistert und stellte sich vor, wie ihre mit grünem Rotz und ranzigem Haarschmalz verschmierten Hygienehandschuhe, die sie wohl nicht einmal auf dem stillen Örtchen auszog, gleich den Wacholderschinken berühren würden, dann den Emmentaler … Ihre emsigen Rotzbazillen durfte sie mittlerweile übers ganze Sortiment verteilt haben, diesen dringenden Tatverdacht konnte Richard nicht beiseite wischen, beim besten Willen nicht. Ihm blieb die Spucke weg. Von rechts näherte sich eine Gestalt, eine Kundin, die er erleichtert kurz anblinzelte, gleichsam die Rettung aus dieser unappetitlichen Zwickmühle, und nuschelte vor sich hin, Sie dürfen die Dame zuerst bedienen, wandte sich verlegen ab, als ihm allmählich aufging, dass er die Dame eigentlich kannte, natürlich kannte er sie, aber nein, sie konnte es nicht sein, sie war ein Phantom aus alten Zeiten, er schielte noch einmal nach rechts, fasste sich ein Herz und wandte sich ihr voll zu. Große Augen hinter einer schicken Brille. Rotbraun, genau die Farbe ihrer Haare. Er starrte in das verwunderte Gesicht dieser Frau, seiner ehemaligen, ja, ehemaligen was? Freundin? Geliebten? Verlobten? Hm. Sophie? Unmöglich. Wirklich? Aber ja. Sie war es. Leibhaftig, anders konnte man es nicht denken. Mit dir habe ich aber wirklich nicht gerechnet, hatte er gestottert.
Sie erwiderte sein höfliches Lächeln, stutzte kurz, bevor sie ihn erkannte. Oder tat nur so. Vielleicht hatte sie ihn bereits vorher erkannt. Schon bevor sie die Theke angesteuert hatte. Oder schon draußen auf der Straße. Nein, das konnte er ausschließen. Es war reiner Zufall, wirklich. Kein Flirt mit dem Schicksal. Und sie, was hatte sie gesagt? Sie wechselten ein paar freundliche Worte, Geplänkel ohne Bedeutung, Gemeinplätze, die peinlich daherkamen. Sie standen da vor den Wurst- und Schinkenbergen, der fettige Geruch verschlug ihm allmählich den Atem, plötzlich gab es nichts mehr zu sagen, sie schwiegen, während die Zunge im verschlossenen Mund nach Worten suchte, und blickten beide ungläubig in das fremde Gesicht der Vergangenheit. Tja, was nun? Sie brachten es nicht fertig, Tschüs zu sagen. Und als er sich zum Gehen wandte, ohne Emmentaler und Wacholderschinken im Einkaufswagen, fragte sie unverhofft, wo er denn im Urlaub war dieses Jahr. Urlaub, überlegte er und wunderte sich kein bisschen, dass sie ihm folgte, noch nirgends, sagte er, ich habe soeben eine Ferienwohnung im Kleinwalsertal gebucht. Allein, fragte sie. Ja, ich bin Single, seufzte er verlegen. Und dann sagte sie, ich war auch noch nie dort, vielleicht eines Tages, erzähl mir später einmal, wie es war, und es entfuhr ihm wie eine Zeile aus einem Theaterstück, das er nicht zu Ende gelesen hatte, hätte sie denn vielleicht Lust, nein, nicht mitzukommen, um Gottes willen, welch dummer Gedanke, nein, ob sie denn Lust hätte auf einen Kaffee, gleich nebenan im Frankenzentrum, er lade sie ein. Im Wirbelwind des Gedächtnisses kreisten Wortfetzen und Bildschnipsel, die keiner inneren Ordnung mehr gehorchten.
Es war ein nasser Herbsttag in Nürnberg, Ende September. Die Luft zitterte unter dem gleichmäßigen Peitschen der Regentropfen, er befand sich wieder auf der einzigen begehbaren Straße auf der Landkarte seines Herzens, die zu einem Abgrund führte, an eine Stelle, an der das Schicksal seinen bedrohlichen Schlund zeigte und ihn vom Leben abschnitt. Er kannte diese Weggabelungen ins Unglück. Es ging ihm auf, dass er immer noch dastand, schon seit fast zwanzig Jahren, einen Schritt entfernt vom Nichtsein. Sophie folgte ihm in die undefinierbare Richtung des Ungeschehenen, und dann saßen sie an einem kleinen Tisch, wagten kaum, sich in die Augen zu sehen, blickten verschämt auf ihre Hände mitten in einer Frage, seit wann bist du denn wieder in … Deutschland … wo wohnst du? In Altdorf, sagte sie. Komisch, dachte Richard laut nach, komisch, dass wir uns noch nie begegnet sind, ausgerechnet in Altdorf. Und behielt die nächsten Gedanken für sich, er hatte ja gewusst, als er in die Stadt seines besten Freundes Jens gezogen war, dass Sophie auch dort gewohnt hatte und ihre ältere Schwester auch. Beide in Lübeck geboren. Ob sie wieder hier zu Hause war? Das wusste er nicht. Nicht damals, als er hierhin zog, weil so günstig zum Pendeln, und auch nachher nicht. Vielleicht schlummerte diese Information wie ein Murmeltier in seinem impliziten Gedächtnis. Seit knapp zehn Jahren, sagte sie, beruflich ..., aber auch die Nähe zu ihrer Schwester Sabine und ihren Eltern sei ja entscheidend gewesen, und du, arbeitest du nicht in einer Agentur? Ja, nickte Richard und blickte über die Schulter, als könne man das Ärztehaus, dessen letztes Stockwerk die Agentur gemietet hatte, durch die Wände sehen, du weißt es also, hier in Langwasser, von Altdorf ein Katzensprung über die Autobahn. Er nickte nachdenklich und wurde gewahr, dass sein Mundwerk sich verselbständigte, seine Zunge war direkt verbunden mit dem Kleinhirn oder einem Areal des Großhirns, das sich von jeglicher innerer Kontrolle losgelöst hatte, und plötzlich plapperte sein Herz unzensiert, wollte wohl witzig sein, er wusste auch nicht warum er dann auf einmal laut nachdachte, Kleinwalsertal, dies wäre doch die Gelegenheit, hm, und sie lächelte zustimmend, vielleicht wusste sie auch nicht genau, was sie wollte, und noch weniger, was sie nicht wollte, wer hätte gedacht, dass sie sich so kurzfristig freinehmen konnte, ich würde dich gerne begleiten, wenn ich noch die alte wäre, die junge Frau von damals, sagte sie verlegen, aber eigentlich, warum nicht, ich habe nächste Woche sowieso frei, und wenn du mich noch einmal fragst. Aber gerne, sagte er sichtlich erschrocken, das würde mich freuen. Von wegen freuen, biss er sich fast auf die Zunge, eine Schnapsidee. Die Nostalgie war mit ihm durchgegangen. Nichts mehr verband sie. Sie waren zwei Gestrandete im Niemandsland der Selbsttäuschung.
Und jetzt war Schluss.
Am Himmel über den Allgäuer Alpen kein Wölkchen, der Horizont leuchtete weißlich über den graumelierten Schläfen der Bergspitzen. In die Felsfalten der Hänge schmiegten sich matte Strähnen vom letztjährigen Schnee.
Richard betrachtete die Bergrücken, die das Tal flankierten und sich wie zwei Schenkel zur Klamm hin verengten. In der Ferne schlossen sie sich, wurden zu einer Falle, in die man sehenden Auges zu tappen drohte. Sein Blick blieb auf dem Wasserfall ruhen, der linker Hand in die Tiefe stürzte, hörte aber nichts, nur ein Rauschen im Kopf. Im Brustkorb heftiges Rumpeln. Und in der Seele stumpfe Schläge, ein Aufruhr im Bauch, in den Schläfen, hinter dem pochenden Brustbein. Wozu die alte Geschichte wieder aufschnüren? Er hatte doch seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Schwärte sie immer noch unter den vernarbten Kränkungen? Die Seele schüttelte den Kopf. Er verstand nichts mehr. Sich nicht, und diese Frau noch weniger. Diese Fremde war die misslungene, verblasste Blaupause seiner unreifen Wunschvorstellungen. Sophie? Sie war es – und dann doch wieder nicht, damals nicht, und jetzt erst recht nicht. Er wusste nicht mehr zu unterscheiden zwischen naiver Phantasie und später Erkenntnis, die wohl auch nichts mit der realen Person zu tun hatte, nichts mit der Frau, die im Mittelpunkt seines Lebens gestanden hatte, damals, vor so vielen Jahren, nein, die neue Sophie bestand lediglich aus Negationen, aus dem, was sie nicht verkörperte. Er musste sich noch einmal zusammenreißen, tief durchatmen, sich umdrehen und den Weg zurück zur Bushaltestelle gehen. Vorhang zu, diese unsägliche Komödie wäre dann endgültig überstanden.
Fadi hatte einen wilden Blick an diesem frühen Morgen. Einen vorwurfsvollen, als würde sie ihm was schulden. Er tigerte durch die Gänge und schielte ständig durch die Glastür in ihr Büro. Winnie mied den Blickkontakt, versuchte, die Fassung zu wahren, während sie das nervöse Zittern, das sie durchlief, kaum unter Kontrolle zu halten vermochte. Seine blutunterlaufenen Augen zeugten von einer schlaflosen Nacht. Er wollte was von ihr. Na was denn? Was alle Männer von ihr wollten und sie ihnen nicht geben konnte. Das hätte sie ihm nicht verklickern können. Sie war mit ihm allein, eine unendlich lange halbe Stunde, bevor der Volontär aufkreuzte.
Winnie saß mit dem Rücken zum Fenster. Sie hatte ihren Schreibtisch umstellen lassen, damit sie nicht das Frankenzentrum im Blickfeld hatte. Sie stand auf, sah hinunter auf den Verkehr, der um diese Zeit immer lauter wurde, schon wegen der Ampel gleich vor dem Haus, an der sich die Blechkolonnen zu manchen Tageszeiten ärgerlich anschnauften.
Ein herrlicher Oktobertag. Gleißender Sonnenschein und kein Wölkchen über Nürnberg. Hoffentlich auch im Kleinwalsertal, das hätte sie ihrem Chef aus ganzem Herzen gegönnt. Sie setzte sich wieder und sah auf den Gang. Von ihrem Platz aus konnte ihr nichts entgehen, sie bekam alles mit, was in den Büroräumen vor sich ging, sie registrierte ganz genau, wer die Agentur betrat und wer sich aus dem Staub machte. Oliver, der Volontär, versuchte Fadi abzuschütteln. Der hatte wieder Fragen. Wohl privater Natur, unanständige sicherlich, denn er sprach leise und blinzelte dabei immer wieder in Winnies Richtung. Klar, sie war das Gesprächsthema. Was konnte Oli schon erzählen über sie? Er kannte sie kaum. Er war ein paar Wochen nach ihr zum Redaktionsteam gestoßen. Ein Germanist. Richard hatte ihn aus Mitleid eingestellt, wie sie später erfuhr. Denn Richard war selber Germanist und hatte einst erfolglos versucht, eine Volontärstelle zu finden. Was, Germanist? Um Gottes willen. Das war angeblich die Reaktion der Ressortleiter, bei denen er angeklopft hatte. Germanisten galten als Spinner. Träumer, denen der Organisationssinn fehlte. Richard hatte Oli geprüft. In einem Text voller versteckter Fehler hatte der frischgebackene Magister alle Unstimmigkeiten entdeckt, sogar einen übersehenen Tippfehler. Sie hatte ihm die Daumen gedrückt. Denn sie wusste, nein, sie hätte es nicht wissen können, sie ahnte aber, dass sie mit ihm als Büroleidensgenossen gut auskommen würde. Besser als mit Vesna, die nun ihr eigenes winziges Zimmer bekommen hat. Vesna war ein alter Profi, arbeitete schnell und ungemein präzise. Kam von einer großen Tageszeitung. Dort hatte sie sich mit ihrem Chef verkracht, aus ethischen Gründen, wie es hieß. Sie war irgendwie zu streng. Wie ein Feldwebel. Mit ihr musste man sich kurz fassen und gleich zur Sache kommen.
Oli war wirklich spitze im Redigieren. Und hatte auch ein untrügliches Gespür für Textstruktur und gute Formulierungen. Er war ihr eine große Hilfe. Schreiben war nicht ihre Stärke. Aber ihr Schicksal. Sie wollte unbedingt nach Nürnberg, wegen ihres Vaters, der in der Nähe wohnte, doch als Biologin fand sie keine Stelle. Drei Monate hatte sie Anfang des Jahres in einem Verlag für TV-Beilagen durchgehalten. Nette Kollegen, aber eine gereizte Stimmung, alle standen unter Strom. Stress und Zeitdruck, technische Probleme, oft nicht logisch durchdachte Arbeitsabläufe. Der Selbsterhaltungstrieb befahl ihr, erneut Stellenanzeigen zu durchforsten. Die Agentur Humiqx brauchte eine Kraft mit Kompetenz in Naturwissenschaften. Das war ihre Chance. Sie würde schon schreiben lernen, erste Erfahrungen konnte sie ja immerhin vorweisen. Sie hatte sich bereits einige Erklärungen und Ausreden fürs Vorstellungsgespräch zurechtgelegt, aber Richard erwies sich als unkonventioneller Gesprächspartner, der es unterließ, all die dummen Fragen zu stellen, die sie aus den einschlägigen Büchern kannte. Über Film und Fernsehen zu schreiben sei nicht ihr Ding gewesen. Mit diesem Argument wollte sie ihre Gründe für den Stellenwechsel erläutern. Aber dazu kam es erst gar nicht. Nach nicht einmal zehn Minuten war die Sache in trockenen Tüchern. Und Richard machte ihr Mut. Was ihr schwaches Selbstbewusstsein dringend brauchte.
Eigentlich ein gemütliches Team. Die vielen Horrorgeschichten über Mobbing, Hackordnung und Rivalitäten am Arbeitsplatz, von denen sie schon so oft gehört hatte, nicht nur von ihrer Mutter Yvonne, blieben ihr auch in der Agentur erspart. Der Ton machte wohl die Musik, und den Ton gab hier nun mal Richard an. Aber ihre Mutter glaubte ihr nicht, drängte, sie solle schleunigst zurück nach Heilbronn. Dass sie nicht lachte. Fünfundzwanzig Jahre als Tochter einer gefühlskalten Intrigantin waren mehr, als ihr Ego unbeschadet überstehen konnte. Winnie brauchte Abstand. Entgiftung von einer Kindheit voller Lügen und hinterhältiger Manipulation. Sie wollte nicht mehr so sein wie ihre Mutter, die Bäffzg. Nicht mehr ihr breites Schwäbisch schwätzen und über die halbe Welt lästern. Sie wollte die Menschen lieben. Das war doch so einfach, so beflügelnd. Hier mochte sie alle. Ja, sie liebte sie. Sie liebte Richard, weil er so geduldig war und nie die Fassung verlor. Sie liebte auch Oli, weil er so hilfsbereit war, so aufrichtig nett, ohne Hintergedanken. Sie liebte auch Vesna, weil sie ein gutes Herz hatte, auch wenn sie manchmal kurz angebunden war. Und vor allem liebte sie Patrick, den Netzwerkadministrator, weil er mit Erfahrung und Weisheit gesegnet war und zu wissen schien, worauf es im Leben ankam, ohne damit anzugeben. Sogar Fadi mochte sie, aber lieb hatte sie ihn nicht, schon der Gedanke an ihn stürzte sie in ein Wechselbad der Gefühle. Weil sie Angst vor ihm hatte. Vor seinen feurigen, fordernden Augen, die alles sofort haben wollten und keinen Aufschub duldeten. Er war ein hitzköpfiger Saubangerd, seine Leidenschaft grenzte zuweilen an Geistesgestörtheit. Ja, sie hatte ihn gleich am ersten Tag in ihr Herz geschlossen. War aber klug genug, ihre inneren Regungen zu verbergen. Schnell hatte sie erkannt, dass sie mit ihm nicht hätte leben können. Und deshalb hatte sie ein bisschen auch Angst. Es war die Bangigkeit, die sie nicht nur in seinem Beisein befiel. Ein beklemmendes Gefühl, das sie von klein auf kannte. Die Gefahr, die um die Ecke lauerte. Etwas Falsches, das sie tun musste, weil man es von ihr erwartete. Aber hier in der Agentur fühlte sie sich geborgen. Das waren alles patente Leute. Nicht wie ihre Mutter. Ihre Mama war ein Lombadier. Hatte Haare auf den Zähnen. Und sie, Winnie, war früher genauso. Mit der alden Schraub zog sie um die Läden, um Beute zu machen. Nicht dass sie kein Geld hatten. Zwar nicht viel, aber genug, um über die Runden zu kommen. Sie bekamen schließlich Zahlungen von der Oma väterlicherseits. Die Streifzüge am Wochenende. Davor hatte sie schon freitags mächtig Muffe. Angst, auf frischer Tat ertappt zu werden. Angst vor den verächtlichen Augen der Öffentlichkeit, vor der Schande, am Pranger zu stehen. Ihre Mutter führte sie in das heimliche Gewerbe des Klauens ein. Vornehmlich im Kaufhof. Klamotten, Kosmetika, Küchenutensilien. Man musste die Verkäufer im Auge behalten und niemals direkt anschauen, bloß keinen Verdacht wecken. Dann ging man mit der Beute an die Kasse, ließ alles in einem Beutel oder in den Taschen verschwinden, meistens wenn man an der Rolltreppe vorbeiging an einer Stelle, die von allen Augen abgeschirmt war, und an der Kasse zahlte man für einen Artikel, den billigsten, und konnte dann mit engelhafter Unschuldsmiene das Kaufhaus wieder verlassen. Die ersten Versuche … oh Gott … sie mussten gründlich in die Hose gehen. Der brave Engel in ihr weigerte sich einfach mitzumachen. Die Scham setzte sie schachmatt. Davor hatte sie wirklich Todesbammel. Vor der Blamage. Doch die alte Henkerin wusste, wie der Wille eines unbedarften kleinen Mädchens zu brechen war. Mit einem dünnen Ledergürtel hatte sie ihr nach dem ersten misslungenen Streifzug den zarten Mädchenpo blutig versohlt. Es war nicht nur ein Schlag. Oder zwei. Sondern zum Zählen einfach zu viele. Zunächst hatte Winnie gehofft, der zehnte würde auch der letzte sein. Aber den letzten hatte sie gar nicht mehr erlebt, weil sie nicht mehr denken konnte. Sie brüllte aus allen Leibeskräften, sie solle doch endlich aufhören, sonst bringe sie sich um. Damit hatte die alte Giftnudel wohl nicht gerechnet. Und hörte plötzlich auf, fluchend und drohend, aber irgendwie doch seltsam überrascht und verstört. Seitdem hing der dünne Gürtel auf dem Kleiderständer im Flur, immer am Wochenende, bevor sie aufbrachen. Winnie hatte keine andere Wahl. Sie musste sich fügen. Wenn sie nicht pariere, werde die böse Mama dafür sorgen, dass der schwarze Mann sie hole. Lange hatte Winnie ihre Mutter nachgeahmt, in allem, in der Sprache, in der Gestik, in ihren giftigen Affekten. Keifen konnte Winnie fast schon besser als die Mama. Erst spät, im Gymnasium, ging es ihr endlich auf. Plötzlich sah sie sich mit fremden Augen. Sie war eine böse, grantige, abstoßende junge Frau. Eine elende Beißzang. Vielleicht noch böser als ihre Mutter. Doch Bosheit war nicht ihre angeborene Natur. Sie wusste, sie war alles andere als liebenswert, wenn sie die Rolle ihrer Mutter spielte. Doch in ihrem Inneren wohnte ein anderes Wesen. Dieses Wesen entdeckte Winnie erst, als sie erwachsen wurde, als sie allmählich begann, ihre Mutter zu hassen. Sie war der einzige Mensch auf der Welt, den sie nicht liebte. Und niemals lieben würde. Sie liebte ihren unbekannten Vater, den „Trottel“, der alles mit sich machen ließ. Ausgerechnet diesen liebenswürdigen Hamballe so auszunutzen. Eine hundsgemeine Schande. Und von Yvonnes krummen Machenschaften wusste die ganze Welt. Winnie konnte sich vor ihrer abgrundtiefen Scham nicht verstecken. Sie war überall. Die Menschen sahen sie an und wussten. Sie wussten, wessen Brut sie war, lächelten und schwiegen. Nirgends fühlte sie sich vor bösen Blicken sicher, nirgends vor vernichtenden Urteilen. Außer in ihrem geheimen Raum der Geborgenheit, den sie von innen abschließen konnte und niemandem zeigte.
Ach, da schau her. Patrick war endlich da. Er ging an ihrer geschlossenen Glastür vorbei, winkte ihr kurz zu und verschwand in seinem Kabuff, das er mit Fadi teilte, seiner neuen Vertretung und Verstärkung. Ihn fand sie am nettesten von allen. Aber irgendwie kauzig. Er mochte sie, vielleicht liebte er sie sogar ein bisschen, das spürte Winnie, auch wenn er einen Rückzieher gemacht hatte, nachdem … Na, ja. Schade, sie hätte ihn eigentlich gerne gewollt. Fadi aber nicht, diesen Matador, der so beflissen Süßholz raspelte. Die Araber waren nun mal so, sagte Oli. Keine Panik, das sei nur Show und Drama.
Patrick klopfte coole Sprüche, erzählte aber nichts über sein Privatleben. Hatte angeblich keine Freundin. Ob das wirklich stimmte? Vielleicht unterhielt Patrick irgendeine verbotene Liaison. Mit einer Verheirateten, wer konnte das schon wissen. Wo diese Vermutung herrührte, hätte sie nicht sagen können. Reine Intuition. Unbewusste Beobachtungen. Bei manchen Themen wandte er sich verlegen ab und schwieg. Was hatte Patrick zu verbergen?
Oli riss sie aus ihren Morgengedanken. Seine besorgte Miene signalisierte Gefahr im Verzug.
„Wir haben wieder Ärger am Hals“, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Das Kieler Börsenblatt beanstandet, dass wir die Genderkorrektheit ignorieren.“
„Das hatten wir ja schon, oder?“, fragte Winnie.
„Ja, die sind nicht die einzigen, die spinnen. Alle wollen so furchtbar artig sein.“
„Und? Was sollen wir nun machen? Die neue Ausgabe ist ja so gut wie fertig, übermorgen ist Freigabe. Alles noch einmal durchgehen?“
„Tja, wer übernimmt die Verantwortung“, seufzte Oli. „Ich glaube, ich werde unseren Chef anrufen. Dies ist nun wirklich ein Notfall. Was denkst du, Vanessa?“
„Nur zu, das wäre die beste Lösung. Und nenn mich bitte nicht Vanessa.“ Sie hasste ihren Namen. Und noch mehr den Nachnamen. Vanessa Krähenbühler. So hieß doch kein normaler Mensch. Für die Redaktion und ihre Kunden war sie Winnie Bühler, darauf hatten sie sich ja schon längst geeinigt. Vanessa war die böse Frau, die sie in Heilbronn zurückgelassen hatte. Jetzt war sie die gute Winnie. Und wollte es auch bleiben, für immer.
„Tschuldigung, Winnie. Eine Vanessa haben wir ja schon.“ Er meinte wohl Vesna. Oli nahm den Hörer und wählte die hinterlegte Mobilnummer von Richard. „Es tut mir furchtbar leid, dass wir Sie stören müssen“, fing er an und erklärte kurz, worum es ging. Na, duzten sie sich nicht? „Hallo, hören Sie mich?“, rief er laut in den Hörer. Und dann zu Winnie: „Die Verbindung ist weg. War eh schlecht.“
„Wohl ein Funkloch. Er wird ja zurückrufen.“
Ganz bestimmt. Richard war nicht der selbstgefällige Boss, der seine Mitarbeiter hängen ließ.
Patrick öffnete die Tür und sagte, „ich bin mal eine Weile unten im Keller“. Im klimatisierten Serverraum, in dem er sich vornehmlich im Sommer gerne aufhielt.
„Vergiss deine Jacke nicht“, rief sie hinterher, „sonst holst du dir noch den Erkältungstod.“
„Morgen um vier?“, fragte Patrick.
„Eher übermorgen. Einzelheiten später.“
„Auch gut“, winkte Patrick. Winnie strahlte übers ganze Gesicht.
Patrick wäre ein guter Lebenspartner. Winnie brauchte Freunde, aber keinen Mann. Und auch keine Frau. Sie brauchte einen Kumpel, jemanden zum Kuscheln. Aber Männer wollten mehr. Eine Frau, der es Spaß macht, die dabei stöhnt und sich vor Vergnügen im Bett wälzt und windet. Aber sie … Sie spürte nichts. Manchmal dachte sie, es wäre vielleicht eine gute Lösung, Lust vorzutäuschen. Abends hatte sie in den vergangenen Wochen geübt, wie es wäre, dieses unbekannte Gefühl durch lustvolle Laute zu artikulieren. Aber was ihrer Kehle entschlüpfte, war an Komik kaum zu überbieten. Nach ein paar theatralischen Jauchzern, Ah, ah, ah, verfiel sie in ein hysterisches Lachen, das aufrichtiger war als jedes Orgasmusgejohle. Die Wiederholung der Übung führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Vielleicht würde sie es für Patrick tun. Aber zunächst musste sie herausfinden, wie er seine Wochenenden verbrachte. Mit wem? Was war sein Geheimnis? Hatte er wirklich keine? Oder war er ein Lügner, wie all die anderen Männer ihrer Studentenzeit?
„Wie weit bist du mit der Avocado-Geschichte“, fragte Vesna, die plötzlich vor Winnies Tisch stand. Sie war völlig unbemerkt ins Büro geschlichen. Nicht im Stechschritt.
„Nicht viel …“, fing Winnie an, „eigentlich nichts.“
„Schon komisch, diese Anweisung von Richard. Ich kann sie nicht ganz nachvollziehen.“
„Er meinte, es gäbe ein Problem mit den sogenannten vorgereiften Avocados, die seien möglicherweise ungesund, weil teils noch unreif, teils aber schon überreif, das heißt unterschiedlich reif innen und außen. Aber dazu habe ich keine Fakten.“
„Und ökologisch?“
„Na ja, hoher Wasserverbrauch, lange Transportwege. Düngemittel und Pestizide. Das Übliche, eben.“
„Und in den Krankenhäusern? Hast du dich mal umgehört, Winnie?“
„Ja. Mit mäßigem Erfolg. Das heißt, bekannt sind nur Fälle von Handverletzungen, oft rutscht beim Aufschneiden der Frucht das Messer in die falsche Richtung.“
„Ach, das finde ich ganz spannend. Das ist einmal wirklich was Negatives, wie die Anweisung lautet. Das andere kannst du vielleicht spekulativ erwähnen, aber darin bin ich nicht kompetent, du bist ja die Biologin.“
„Am Freitagabend hat wieder dieser Herr Doromelli angerufen, von der Agentur GES.“
„Ja, ich weiß, Winnie, er hat immer wieder was für unsere Medizinseite, aber die Anweisung ist klar: keine Zusammenarbeit mit … Wie heißt sie noch einmal, die Agentur, GES?“
„Ja. Genetic Engineering Solutions. Alles klar. Ich werde ihn wieder abwimmeln.“
Olivers Festnetz läutete. „Ach, Herr Falkner … ja … genau … und?“ Der Volontär stand auf und ging ans Fenster. „Ach so … Alles klar, machen wir.“ Er legte auf und plumpste in seinen Bürosessel.
„Bist du mit Patrick verabredet?“, fragte er.
„Ja, wir gehen ins Kino. Unter deutschen Betten. Hast du ihn gesehen?“
„Mit Veronica Ferres? Nein. Interessiert mich nicht.“
„Oli … bevor du mir erzählst, was Richard gesagt hat … da hätte ich eine Frage an dich. Zuvor … mit dem Fadi … habt ihr über mich geredet?“
„Wieso … nein … nur so …“, stotterte Oli.
„Also doch.“ Warum wich er ihr aus?
„Allgemein. Er hat Fragen … über Paarbildungen in Deutschland. Ob du mit Patrick irgendwie verbandelt bist.“
„Und, was hast du ihm erzählt?“
„Nichts. Ich weiß ja nichts über euch, und es geht mich auch nichts an. Das habe ich auch Fadi gesagt.“
„Und, hat er dir geglaubt?“
„Warum nicht … Du meinst …“ Er schlug die Augen nieder.
„Komm, raus mit der Sprache.“
„Ehrlich, ich hab ihm gesagt, man lässt hierzulande die Finger von den Kollegen … wir trennen Berufliches von Privatem …“
„Richtig. Und weiter nichts?“ Ihre Wangen wurden plötzlich heiß. „Es ging ja hauptsächlich um mich, mach mir nichts vor, ich habe euch zugesehen beim minutenlangen Debattieren. Ihr habt immer zu mir herübergeschaut. Was will er von mir?“
„Wie soll ich denn das wissen? Interesse hätte er schon. Aber eher so … Er glaubt, hier knattert jede mit jedem … im Rudel.“
„Oh je. Kein Sex unter Arbeitskollegen, das kennt er offensichtlich nicht. Das heißt, ich muss mich in Acht nehmen, oder habe ich was falsch verstanden?“
„Ja, auf jeden Fall. Sei auf der Hut. Wer weiß … nicht, dass er auf dumme Gedanken kommt.“
„So, und jetzt Richard. Was schlägt er vor?“
„Also, die Sache mit der gendergerechten Sprache … Richard meint …“
Die unverdaute Morgenstunde hatte eindeutig Mundgeruch. Absolut scheußlich dieser bittersaure Geschmack auf der Zunge. Der Killer allen Begehrens. Ihre Lippen gehörten in Quarantäne. Mund zu. Bloß nicht aushauchen. Ihr Gesicht im Badezimmerspiegel hatte beim Zähneputzen recht zerknittert gewirkt. Und leicht aufgedunsen, ausgerechnet an diesem Tag, wovon denn? Vielleicht vom eiskalten Gebläse in Richards schickem Schlitten.
Sie machte alles falsch. Kriegte wirklich nichts auf die Reihe. Und ihr Herz wollte ihr weismachen, dass jedem Anfang ein Zaudern innewohnte. Von wegen. Höchstens ein jämmerliches Schaudern. Wie jedem Neuanfang, der keiner ist. Es sei denn, man glaubt an die Auferstehung. Nein, so durfte sie sich Richard nicht zeigen. Auf keinen Fall von Angesicht zu Angesicht. Ein Wort, ein Hauch würde reichen, und er fiele in Ohnmacht. Das wäre der Zauber, der einzig vorstellbare, wenn man die Dehnbarkeit der Realität nicht überstrapazierte. Sie war schließlich nicht mehr das supergeile Mädchen von damals.
Frauen kennen die Vergänglichkeit. Auf ihrer inneren Instrumententafel steht sie genau in der Mitte, schön ablesbar auf einer riesigen Uhr. Sie erkennen die Vergänglichkeit als unumstößliche Grundform der Existenz. Sie kämpfen nicht offen gegen sie an, sondern schließen einen Waffenstillstand ab, versuchen mit allerlei Tricks, sie übers Ohr zu hauen, was ihnen meistens auch gelingt, eine Weile zumindest. Sie trotzen ihr durch die Flucht vor der Beständigkeit. Rastlosigkeit bestimmt ihr Leben. Sie suchen die Bewegung, die Abwechslung, die Ablenkung durch Hyperaktivität, durch Neugierde für alles, was dem Stillstand ein Schnippchen schlagen könnte. Sie sind ständig unterwegs, summen sich durchs Leben wie die Bienen über Obstgärten und Blumenwiesen, sammeln, was das Leben hergibt, Erfahrungen und Emotionen, Erinnerungen und Erlebniskicks.
Die Zähne hatte sie sich gründlich geputzt. Die Zunge auch. Mit Richards Zahnpasta. Ihre hatte sie zu Hause vergessen. Was er nicht erfahren durfte. Ihre Schusslichkeit hatte er doch immer missbilligt. Ein Ordnungsfanatiker, der an alles dachte. Roch sie trotzdem noch aus dem Mund? Kaugummis hatte sie keine dabei, Richard hasste menschliche Wiederkäuer.
Bald würde ihr Gesicht wieder Farbe bekommen, aufblühen und sie in ihrer unverwüstlichen Jugend erstrahlen lassen. Die Falten verschwanden für gewöhnlich gegen zehn. Dann war sie wieder die spillerige Zwanzigjährige, die Richard angebetet hatte.
Das hätte sie ihm irgendwie verklickern müssen. Anstatt wie eine blöde Kuh vor ihm her zu trotten durch dieses herrliche Tal im herbstlichen Sonnenschein, nein, das ging wirklich nicht, sie musste ihm die Gelegenheit bieten, sie einzuholen. Sophie verlangsamte ihre Schritte, drehte sich aber nicht um.
Richard würde das nicht verstehen. Er sah prächtig aus, der Flegel. Eins einundachtzig und kein bisschen Bauchansatz. Schöne glatte Haut, reine klassische Züge, keine Falten, einfach tadellos. Er hielt sehr auf gutes Aussehen und ahnte wohl nicht, was die Zeit mit dem Körper anrichten kann. Noch nicht. Den Männern geht das Gefühl für die Vergänglichkeit ab. Sie glauben wie die unreifen Jünglinge an die Unsterblichkeit. Kennen keine innere Uhr, die laut tickt, um sie vor den Tücken der Zeit zu warnen. Sie hören nichts und bleiben in einer Seele gefangen, die die Zeit als Form der Erkenntnis völlig ignoriert. Sie sehen nicht, auch im fortgeschrittenen Alter, dass der Fremde im Spiegel dem jungen Mann, der sie einst waren, gar nicht mehr ähnelt. Weil das Herz jung geblieben ist, zumal wenn die Weisheit einen großen Bogen macht um ihre lächerliche Eitelkeit, die schnell verblüht. Männer suchen die Beständigkeit. Sie schlagen Wurzeln, sind die ewigen Heimkehrer, auch wenn das Abenteuer ruft. In jungen Jahren ist es das Brodeln des Testosterons, der Jagdinstinkt, der je nach Hormonhaushalt unterschiedlich wild um sich greift. Doch die Schwerkraft des Alters erweist sich schließlich als Anker, der sie an der Flucht aus ihrer eitlen Illusion hindert. Sie werden anhänglich, klammern, vergraben sich in ihrer Zweisamkeitshöhle, die sie für die ewige Glückseligkeit halten, bis dass der Schlaganfall uns scheidet.
Eine WhatsApp pfiff sie aus der Melancholie der Abrechnung mit den eigenen Illusionen. Andreas. Küss die Hand, gnädige Frau. Wie ist dein erster Tag im wilden Alpenland? Und wenn er Küss die Hand schreibe, meine er ihre Muschi, hatte er einmal gesagt. Der Schuft. Log wie gedruckt. Von wegen Scheidung von seiner Frau. Sie lebten nicht einmal voneinander getrennt. Aber sie würde ihn sich warm halten. Für ein bisschen Sex, ab und zu mal. Er war ja ein erstklassiger Liebhaber, der Hallodri. Sie würde ihm vorläufig nicht antworten. Was, wenn er ein Foto von ihr und ihrer Freundin wollte?
Richard schwieg. Was dachte er? Hatte er sich intellektuell gewandelt? Oder frönte er immer noch seinen alten, in Stein gemeißelten Ansichten. Er wirkte reifer. Vielleicht hatte er seine konservativen Anschauungen revidiert. Ein toller Mann. Aber warum so zurückhaltend? Weil sie am Vortag so schnell eingeschlafen war? Sophie fühlte sich zurückgewiesen. Sie hatte eine Weile zugehört, wie er sich im Bad für die Nacht fertig machte. Er pupste einmal leise, schüchtern wie früher, sie kannte diese dezenten Pupser aus irgendeinem Nebenraum. Vor ihr hatte er aber noch nie die Winde losgelassen. Nur um die Ecke. Vielleicht stand der Körper der Begierde im Weg. Oder er ahnte, dass ihr schwerer Atem nur billiges Schauspiel war.
Ihr Smartphone pfiff erneut seine freche Melodie. Nachricht von Noemi. Habt ihr schönes Wetter? In Altdorf scheint die Sonne, schrieb ihre Busenfreundin. Hier scheinen zwei, eine am Himmel und eine an meiner Seite, tickerte Sophie zurück. Wie war die erste Nacht, kam prompt die nächste Frage. Mega, tippte sie und steckte das Gerät in die Jackentasche. Der Neid soll sie holen. Sie und ihren Holger, diesen abergläubischen Wackernagel.
Ein weites grünes Tal im Schutz mächtiger Bergwände. Jedes Rinnsal, das von den Felsen herabeilte, konnte sich in sein eigenes Bett wälzen, Purzelbäume schlagen und genüsslich gurgeln, bis es der unersättlichen Breitach in den Rachen stürzte. Sophie atmete die kühle Bergluft tief ein und spitzte die Ohren. Irgendetwas fehlte. Das Schlurfen der Wanderstiefel auf dem Schotterweg hinter ihr hatte sich in bedrohlicher Stille aufgelöst. Richard. Folgte er ihr? Nein. Er würde das Weite suchen. Natürlich. Sie hatte es wieder vermasselt. Eine großzügige Fügung des Schicksals, und nun dieses Schmierentheater. Ihre Augen liefen über. Sophie blieb stehen, nahm ihre Brille ab, trocknete sich die Tränen und wandte sich um. Da stand er. Mit dem Rücken zu ihr, halb abgewandt, als würde er was überlegen. Was nun? Richard schenkte ihr einen jener seltsamen Blicke, die nichts Gutes verheißen, einen düsteren, als wäre er der letzte, den man einer Frau, die man wirklich geliebt hatte, schenken kann. Er wirkte irgendwie verloren. Sie kannte diesen doppelsinnigen Gesichtsausdruck, den er zu unterdrücken versuchte, den Schatten, der über seine Augen huschte, wenn die überstrapazierte Geduld ihn endgültig zu verlassen drohte, das Einsacken des Gemüts, wenn das untröstliche Bedauern im Angesicht der unvermeidlichen Kapitulation sich seiner bemächtigte. Doch war noch nichts verloren. Sie legte in aller Unschuld den Kopf schief und sagte, „verzeih, ich bin noch nicht so richtig wach … irgendwie durch den Wind … und diese Landschaft mutet wie eine Traumkulisse an, ich komme mir vor wie in einem anderen Leben, das mir nicht gehört. Gib mir noch ein paar Minuten, Richard, komm, wir trinken einen Schluck von deinem Kräutertee.“
Richard holte sein Smartphone aus der Brusttasche und tat, als er das Gespräch annahm, ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung. Dabei winkte er, er müsse ein paar Meter zurück. Was er sagte, verstand sie nicht. Ein kurzes Gespräch, das offensichtlich abgebrochen wurde.
„Kein Empfang“, seufzte er und wies auf die Bank, an der sie soeben vorbeigegangen waren, „vielleicht haben wir da mehr Glück.“
Er reichte ihr ein wasserundurchlässiges Kissen und setzte sich auf ein zweites, das er seinem Rucksack entnahm. Bevor er Tee einschenkte, hielt er beim Aufschrauben des Thermoskannnenverschlusses inne und schaute auf ihre Wanderstiefel. „Gib mal her“, sagte er und zeigte auf ihren linken Fuß. Aha, die Schnürsenkel hatten sich gelöst, wieder mal, ihre linkische Lässigkeit. Und gleich würde er bemerken, dass sie ihr schönes neues Wanderhemd falsch zugeknöpft hatte, um ein Knopfloch versetzt, was ihr schon unten in Riezlern aufgefallen war. Doch aus Bequemlichkeit hatte sie es dabei belassen. Vorsichtshalber zog sie den Reißverschluss ihrer Fleecejacke bis zum Adamsapfel zu.
„Wie eigenartig die Bäume am Hang gegenüber. Siehst du, Richard, die Laubbäume? Manche haben ihre gelben Blätter noch nicht abgeworfen, andere sind ganz kahl. Und die Farben, ein Wunder, der Oktober führt den Pinsel“, seufzte sie. „Schau, die Tannen, dieses intensive Grün neben dem reinen Gelb der Birken. Sind das Birken?“
„Ja. Ich denk schon.“
Warmes Licht flutete über den Bergkamm ins Tal. Es ist so schön hier mit dir, das würde sie ihm ins Ohr flüstern, gleich. Und ihn an der Hand nehmen, wenn sie erneut aufbrachen. Aber warum sagte er nichts? Wer hat ihn angerufen, seine Freundin? Vielleicht hat er Sophie belogen und war gar nicht Single. Sondern nur zerstritten. Und die Vorsehung hatte ihn zu einer Zwangspause verdonnert, damit er zur Besinnung kommt. Aber da ging es nicht um seine Tusse, wenn er denn eine hatte. Sondern um etwas Höheres. Um Vergangenes, um den falschen Ort, an dem man den möglichen Wahrheiten nicht mehr begegnen konnte. Um sie und ihn. Das Nichtgewordene war im Geiste doch immer noch möglich. Man musste nur die Augen schließen, und die Vergangenheit war wieder da, lebendig, als harrende Gegenwart, das konnte er doch nicht leugnen. Sie, Sophie, war die einzig Richtige. Wie oft er das früher beteuert hatte. Sie gehörten zusammen. Die zwanzig Jahre der Trennung … fast zwanzig, was für eine Verschwendung von Lebenszeit. Aber sie war schuld. Sie allein. Sie hatte es verbockt. Mit diesem verfluchten Odino. Dem größten Münchhausen aller Zeiten. Aber jetzt, das war jetzt vorbei. Und sie war eifersüchtig, weil sie ahnte, dass Richard nichts mehr empfand, nichts mehr für sie und für ihre verfehlte Existenz. Ein Fehler, mit ihm Urlaub zu machen. Sie stellte sich saublöd an, jetzt, wo sie doch endlich die Gelegenheit hatte, ja, die einmalige Chance, das Schicksal beim Schopf zu packen. Sie müsste ihm entgegenkommen, den ersten Schritt tun.
„Wer war das? Ein Geheimnis?“, hörte sie sich sagen. Mit Silkes Stimme.
„Von wegen, nein. Mein Volontär.“
„Aha. Was ist passiert?“
„Eine Beschwerde wegen angeblich unkorrekter Gendernennung.“
„Du meinst diese Plural-Doppelbenennungen?“
„Ja, männlich und weiblich. Manche Kunden legen Wert darauf. Weil sie zu faul sind, die Texte zu bearbeiten. Sie übernehmen unsere Beiträge eins zu eins.“
„Und, was willst du tun?“
„Nichts. Unsere Kunden meckern um die Wette. Dies hat aber eine neue Qualität. Genderwahn. Das ist radikalfeministischer Schwindel. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll. Eine Verunstaltung der deutschen Sprache, diese Kakophonie.“
„Wie wäre es mit dem generischen Femininum für alles, wie an der Uni Leipzig.“
„Wie … was … alles weiblich?“, sah er sie entsetzt an.
„Ja, dort werden auch die Professoren als Professorin angesprochen.“
„Verarsche. Das glaube ich nicht. Das wäre Nötigung.“
„Doch, Richard. Wirklich. In Kiel ist das generische Maskulinum verboten.“
„Verboten? Gschmarre. Das wäre verfassungswidrig.“
„Doch. In der Stadtverwaltung. In Formularen und Veröffentlichungen muss man beide Geschlechter nennen.“
„Und ich dachte, nur hier in Österreich grassiert diese degenerative Form von Genderitis. Eine Angstpsychose.“
„Angst? Vor wem denn, Richard?“
„Vor dem Pranger. Vor dem Zensor, der mit dem Holzhammer hinter dem Bluescreen hockt.“
„Im Fernsehen?“
„In allen Medien. Als würden sie am Gender-TouretteSyndrom leiden. Man kriegt Dauermigräne davon.“
„An den österreichischen Unis gibt es meines Wissens Punkteabzug, wenn man das Gendern unterlässt.“
„Aha. Politische Verfolgung der Inkorrekten? Oder wie soll man das nennen, Sophie? Diskriminierung, Intoleranz? Das österreichische Grundgesetz kenne ich nicht. Aber so eine Vorschrift verstieße gegen die Menschenrechte. Man darf niemandem vorschreiben, was und wie er sprechen soll. Das wäre ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Psychoterror. Eine Verletzung der Menschenwürde.“
„Das gilt aber auch umgekehrt, Richard. Was ist mit der Würde der Frauen, die sich verletzt fühlen, weil sie in der Sprache nicht angemessen abgebildet werden?“
„So ist es nicht, Sophie, dein Pferd ist am Schwanz aufgezäumt. Die wollen was von uns, und nicht wir von ihnen. Sie wollen Selbstverständlichkeiten ändern, neue Regeln einführen, eigenmächtig, mit der Brechstange. Sie nötigen uns eine neue Sprache auf. Die Moralterroristen begründen ihren Angriff auf die Gesellschaft damit, dass sie zutiefst verletzt sind, wenn du nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Und die Beleidigung ist nach ihrer fanatischen Lesart ein Kapitalverbrechen, Ähnliches hatten wir ja schon, denk an die Wehrkraftzersetzung im Dritten Reich, ein falsches Wort, und schon lagst du unter dem Fallbeil.“
„Um Gottes willen, Richard, jetzt bitte nicht übertreiben. Dir bricht doch kein Zacken aus der Krone wegen einer weiblichen Endung, was ist daran so schwer?“
„Eine Zumutung. Es geht nur oberflächlich um Endungen, Sophie, in Wirklichkeit um infantile Machtphantasien. Die Moralrowdys beanspruchen für sich eine Extrawurscht. Das ist das Problem. Sonderrechte sprengen das System.“
„Halt, eins nach dem anderen, Richard, welches System?“
„Unser freiheitliches System. Vereinfacht gesagt ist es so: Der Demokratie verdanken wir ein Maximum an Liberalität, aber die hat ihren Preis. Im großen Kuchen der Rechte, Freiheiten und Ansprüche gibt es genauso viele Pflichten, die den zähen Teig zusammenhalten. Das Malheur sind die Privilegien, die sich manche erschleichen wollen, auf Kosten der Gesellschaft. Sonderrechte, allein für sich. Die Pflichten haben die anderen. Die Vertreter von Gruppeninteressen heben mit ihren dreisten Forderungen die Gleichberechtigung auf.“
„Die Gleichberechtigung ist graue Theorie, Richard. Mehr Freiheit für alle, das wäre doch die Lösung, warum nicht?“
„Nein. Weil das Gleichgewicht von Rechten und Pflichten ins Wanken gerät. Mehr Freiheit für alle bedeutet in der Summe weit mehr als hundert Prozent von dem, was die große Rosinenpickerei der Demokratie bieten könnte. Freiheit ist Verzicht und Kompromiss. Verzicht auf aggressive Triebentfaltung. Auf dem Spielt steht der Zusammenhalt der Gesellschaft, die Zivilisation insgesamt. Übrig bleiben zwei Möglichkeiten: Die Einschränkung allgemeiner gesellschaftlicher Freiheiten oder die Ausweitung der absoluten individuellen Freiheit bis hin zur Anarchie.“
„Du meinst, weil jeder mehr darf, als die Freiheit erlaubt?“
„Kann man sagen. Ein Schneeballsystem der Selbstermächtigung. Das ist dann praktisch die Willkürherrschaft der eingebildeten Beleidigten, die ihre Empfindlichkeiten zelebrieren. Und ihren Opferstatus. Anarchie, weil nun die Bedeutung von Freiheit und Menschenwürde beliebig verrenkt werden kann. Nur ein Beispiel. Der türkische Schwiegervater meines besten Freundes fühlte sich in seiner Menschenwürde verletzt, nur weil mein Kumpel nicht bereit war, ihm die Hand zu küssen.“
„Wenn das bei denen so üblich ist … warum nicht?“
„Herrschaftszeiten, Sophie, wir leben doch nicht in Anatolien. Wo kämen wir denn hin, wenn wir freiwillig begännen, hier orientalische Sitten einzuführen? Was noch? Was, wenn der Baba erwartet, dass der Schwiegersohn ihm die Füße küsst? Oder den Arsch? Sich fügen, nur damit die Menschenwürde des Schwiegervaters keinen Schaden nimmt? Und wie steht es dann um die Menschenwürde des deutschen Schwiegersohns? Na? Sag schon. Ach … entschuldige, Sophie … Verzeih mir meine Unbeherrschtheit. Wenn es so wäre, wie du sagst, tja, eigentlich … hm, das ist schließlich jedem seine Sache, aber bitte freiwillig. Hände Küssen, Kotau machen, Substantive doppeln, all das ist nicht verboten. An der gendersensiblen Sprache wäre an und für sich nichts auszusetzen, außer, dass sie bescheuert klingt und für Verwirrung sorgt. Einfach ungenießbar. Und blöd. Grammatisch unsinnig. Nein, es tut mir leid. Ich verstehe, dass es diese Erwartung gibt, aber ich halte diese unversöhnlichen, keinen Widerspruch duldenden Forderungen, den militanten Stil der einseitigen Debatte für eine Grenzüberschreitung. Zwang ist letzten Endes ein Diktat. Dann lieber schweigen.“
„Meinst du Diktatur?“, fragte sie.
„Bevormundung. Manche Interessensgruppen maßen sich an, neue Gebote und Verbote aussprechen zu dürfen, für alle Lebensbereiche. Staat, Gesetze, Sitten und Leitkultur spielen keine Rolle. Das nennt man Anarchie. An den Bruchstellen zwischen den Interessensgruppen zerfällt allmählich unsere Gesellschaft. Zuerst brechen die Ränder weg, dann die Mitte. Gesellschaftszersetzung. Hm, du sagst, alle Plural-Substantive weiblich? Meinetwegen … dies könnte der Königsweg sein. Oder wäre dir eine Königin lieber?“ Er stand auf, ging ein paar Schritte talabwärts, brummte noch, als er an seinem Wischkasten fingerte, aber nicht weit genug, um nicht gehört zu werden, „absurd … die Vernichtung der deutschen Sprache, von nun an spreche ich nur noch Bairisch. Regensburgerisch ohne Genderschoaß, ist ja nicht verboten.“ Aha. Er hatte doch keine Geheimnisse. Und? Ein Loch im Funkloch? „Oliver, jetzt schnell, bevor die Verbindung wieder abbricht, setzt bitte alle Substantive in die weibliche Form …“ Richard schnaufte, nickte, setzte seinen Sonnenhut ab, den er unter den rechten Arm klemmte, und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ja, genau … Macht nichts … Gut, dass du angerufen hast … Schön … Tschüs.“
Sophie war aufgestanden, steckte die Thermosflasche in Richards Rucksack, der etwas windschief auf der Bank saß, und stellte sich brav in Habachtstellung, sie sei bereit, weiterzumarschieren.
„Die Wanderstöcke, brauchen wir sie wirklich?“
„Und ob. Es geht bald steil aufwärts, Sophie.“
„Sag mal, deine Agentur, was macht ihr da eigentlich?“
„Es ist nicht meine Agentur, ich bin nur Geschäftsführer und Chefredakteur in Personalunion. Wir beliefern Tageszeitungen mit Wirtschaftsinformationen, fertigen Berichte über alle möglichen Themen, Ernährung, Gesundheit, Medizin, Börse, Energiegewinnung, Rohstoffe, Landwirtschaft, Klima, praktisch alles, was die Welt bewegt. Wir werten Agenturinformationen aus, ordnen sie ein, sortieren sie nach ihrer Bedeutung, Relevanz und Brisanz.“ Richard setzte seinen Hut wieder auf.
„Auswerten, was heißt das?“
„Von Zahlen und Mengen. Prognosen. Auswirkungen auf die verschiedenen Branchen oder die Umwelt. Unsere Biologin kann sagen, ob eine Ernte gut ist oder schlecht. Oder gar katastrophal. Zahlen allein bedeuten nichts. Nicht für den Leser. Themen wie Klimawandel und Umweltverseuchung finden in der Presse kaum Beachtung. Haben wohl keine Priorität, weil in der Öffentlichkeit eher nebensächlich, zu abstrakt, zu weit weg. Eine Illusion, dass die Klimaengel den Untergang des Planeten nicht zulassen werden. Es ist schon fünf nach zwölf.“
Sophie blieb stehen, faltete die Wanderkarte auf und sah sich die Strecke an. „Dies ist jetzt die Bernhardsgemstelhütte, oder?“
„Ja. Ich bin gespannt, wie weit diese Großfamilie kommt. Es müssen Siebenbürger Sachen sein.“
„Sachsen? Von wo weißt du das? Kennst du sie?“
„Nein. Ich kenne ihre Aussprache, die Sprachmelodie. Ich habe Freunde … Der Opa meines besten Freundes Jens spricht so ähnlich, sein Vater ein bisschen auch, aber nicht so auffällig.“
„Und das sind Sachsen?“
„Die Ungarn nannten sie Sachsen, sie sind eigentlich Westfranken.“
Hinter der Bernhardsgemstelhütte wich der Schotterweg einem Geröllpfad und steilen Felsenstufen. Sophie ging vor und zog ihre Wanderstöcke fest. „Jetzt wird es ernst“, sagte sie. „Hier können wir nicht nebeneinander her gehen“, entschuldigte sie sich und löste sich von Richard, der ihr etwas gemächlich folgte. Hoffentlich hat er sie nicht falsch verstanden, dachte sie. Es gab so viel zu besprechen. So viele Erinnerungen. Offene Fragen. Rätsel. Erklärungen, die sie ihm schuldete. Von damals, als sie abgehauen war. Mit Odino. Aber wollte er das wirklich wissen? Sie blieb noch einmal auf einem felsigen Vorsprung stehen, stützte sich auf ihre Wanderstöcke und lächelte ihn an. „Auf diesem anstrengenden Aufstieg muss ich meinen Rhythmus halten, sonst schaffe ich es nicht bis hinauf.“
„Es wird noch steiler“, warnte Richard. „Hast du immer noch Höhenangst?“
„Ich denke schon. Warum?“
„Der Weg wurde in den Fels gesprengt, nicht, dass es dir schwindlig wird. Halt dich oben am Stahlseilgeländer fest und schau nicht in die Tiefe, die Schlucht fällt senkrecht ab.“
„Oh, je, dann muss ich mich an dir festhalten.“
„Das wird zu eng, glaube ich. Du musst dich an meinen Rucksack festkrallen.“
„Warst du schon mal da?“
„Nein. Mein Freund … Jens hat mir davon erzählt.“ Sein Freund, aha. Vielleicht war er mit einer anderen hier gewesen, früher einmal. Und gevögelt hat er sie in dem Bett, das sie sich jetzt teilten. Oder auch nicht. Jeder schlief für sich allein.
Nach der nervtötenden Fahrt am Vortag hatten ihr die Augen vor Müdigkeit gebrannt. Sie hatte sich in ihr Schneckenhaus verkrochen, und bei ihm waren auch alle Schotten dicht. Alle Lust war ihnen vergangen. Die Lust auf Urlaub. Und die Lust aufeinander. Die Schuld daran trug sie allein. Aber wirklich.
Den Blick vom Pfad bloß nicht abwenden. Rechts die schroffe Bergflanke, von Latschenkiefern und Birkenskeletten gesäumt, links der dunkle Schlund der Klamm. Zwischen dem schmalen Pfad und dem Abgrund bloß Drahtseile, paarweise gezogen, um den drohenden Drehschwindel in die Schranken zu weisen. Die dünne Luft ließ den Atem kürzer gehen.
Tja, gestern. Sie waren über die A6 losgefahren, wollten dann bei Feuchtwangen auf die A7 nach Kempten. Doch die A6 war voll gesperrt, wegen eines Unfalls. Bei Roth mussten sie die Autobahn verlassen. Und hinter Weißenburg blickten sie nicht mehr durch. Warum er denn kein Navi dabei hatte, wollte sie wissen. Weil er über die Autobahn keins gebraucht hätte. Und nun sollte sie ihn mit einer alten Straßenkarte lotsen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die vielen Ortsnamen, die sie nicht kannte … Und am Ende hatte sie sogar Günzburg mit Gunzenhausen verwechselt. Hinter Donauwörth wurde es haarig. Man muss auf die Bundesstraße nach Gundelfingen, sagte er. Wie lautet die Nummer?
Wie soll ich es wissen, keifte sie.
Es ist die Zahl im gelben Knopf auf der Bundesstraße.
Hier ist aber kein gelber Knopf.
Auf dem roten Strich, sagte er, von Donauwörth nach Gundelfingen.
Ach so. Die Sechzehn.
Sie waren richtig. Ach, schon wieder diese übermütigen Kinder. Westfranken, hatte er gesagt, aus Sachsen. Hinter Gunzenhausen, nein Gundelfingen wurde es erst recht unübersichtlich. Er reagierte zu langsam, verpasste Ausfahrten, Abbiegungen. Und dann waren sie plötzlich mitten im Nirgendwo. Sie machten Pause, sie musste dringend pinkeln. Er auch. Es war um die Mittagszeit, und Augsburg lag irgendwo hinter dem Horizont. Sie aßen die Schinkenbrote, die Richard zu Hause eingepackt hatte, dann studierten sie noch einmal die Straßenkarte. Die Irrfahrt endete bei Giengen, aber dann kamen sie doch auf die richtige Autobahn. Schweigend, alle beide. Die Stimmung rutschte in den Keller. Weil man mit Richard nicht streiten konnte. Er blieb ruhig, aber sein Gesicht war starr vor Unmut, sie spürte, wie ihm der Kamm vor Zorn stieg.
„Und, wo bleiben denn diese atemberaubenden Felsen, der Widderstein?“, fragte Sophie, die kurz stehenblieb und sich umwandte, damit Richard sie einholen konnte. Ihr Blick schweifte zurück über das Tal. Zwischen den bewaldeten Bergflanken ein breiter grüner Teppich, auf dem sich der Schotterweg gemächlich schlängelte und zum Norden hin im Schatten der Bäume untertauchte, während der letzte Abschnitt im Geröll versank, um sich mit den felsigen Pfaden des steilen Anstiegs zu vereinen. Unbedingt knipsen.
„Ach, du hast recht“, sagte er. „Die Perspektive … hier etwas ungünstig. Stimmt. Ich habe dir gestern vom atemberaubenden Gipfelaufbau des Widdersteins erzählt, aber wir hätten am Ende des Talbodens in Richtung Widdersteinhütte gehen sollen, ich bin dir blind gefolgt …“
„Und ich der Kinderhorde, die uns zuvor eingeholt hat. Kehren wir um?“
„Diese Strecke bietet auch einige Sehenswürdigkeiten, wie du willst.“
„Ach komm, der Widderstein läuft uns nicht weg, vielleicht ein andermal, über das Bärgunttal.“
„Den schönsten Blickwinkel auf den Widderstein erhascht man eigentlich von der Südseite des Walser Geishorns.“
„Auf der deutschen Seite?“
