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Sommer 1944 in Ostpreußen. Während überall im Deutschen Reich Bomben fallen, ist es in Ostpreußen verhältnismäßig ruhig. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Mathilde genießt mit ihren vier Kindern noch ein paar Tage Urlaub an der Inster. Es soll das letzte Mal sein, dass sie das kann. Die Front rückt von Tag zu Tag näher. Als in Nemmersdorf, einer kleinen Gemeinde im Osten Ostpreußens, sowjetische Soldaten eine Gräueltat begehen, bekommt sie einen Vorgeschmack von dem, was passieren kann, wenn man in Ostpreußen bleibt. Im Januar 1945 entschließt sie sich, ihre Heimat zu verlassen, um mit ihren Kindern Richtung Westen zu fliehen. In Bayern hofft sie, einen sicheren Ort finden zu können, wo sie bis zum Kriegsende bleiben kann. Der Fluchtweg bis dorthin ist allerdings lang. Viel Schreckliches erlebt sie unterwegs. In Niederbayern angekommen, muss sie auch noch erfahren, dass sie mit ihren Kindern nicht willkommen ist. Von einer Willkommenskultur scheint man noch nichts zu wissen. Flüchtlinge aus dem Osten, auch wenn sie Deutsche sind, sieht man nicht gerne im Land. Es soll eine gewisse Zeit dauern, bis sich das ändert und es eine Hilfsbereitschaft gibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Egon Harings
© 2017 Egon Harings
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-4399-5
Hardcover:
978-3-7439-4400-8
e-Book:
978-3-7439-4401-5
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Für Mathilde, Mutter von vier Kindern, war es eine glückliche Zeit, die sie in Ostpreußen verbrachte. Es war ihre Heimat, dieses wunderschöne Land in der norddeutschen Tiefebene mit seinem Seenreichtum und seinen Hügeln in der Südhälfte, die eine Höhe von über 300 m erreichten; Ostpreußen, das Land mit seinen Nehrungen an der Küste, deren Sanden Flugsandebene und Wanderdünen bildeten. An der Küste des Samlandes wurde Bernstein, das Gold der Ostsee, gewonnen. Ostpreußen, das Land vieler bekannter Seebäder, Ostpreußen, ein Land von Schifffahrtskanälen, wie der Elbing-Oderländische Kanal, der Große Friedrichsgraben, der Seckenburger Kanal, der Königsberger Seekanal und einige andere mehr. Ostpreußen, das Land des Philosophen Immanuel Kant. Ostpreußen, das ihre Heimat war, war auch das Land der Wälder, in denen Kiefer und Fichte vorherrschten. Die Eibe war hier als Unterholz verbreitet. Aber auch Laubbäume traf man hier an, wie die Erle, Birke, Eiche, Linde und Esche. Rotbuche und Bergahorn hatten im Osten ihre Nordgrenze. Seltene Tiere fanden in Ostpreußen ihren Lebensraum, wie der Elch, der Schwarze Storch, der Kormoran, der Kolkrabe, der Uhu und der Schlangenadler. Der Wolf kam in harten Winterzeiten aus Litauen und Polen über die Grenze. Die masurischen Seen waren sehr fischreich. Ostpreußen, ihre Heimat, war ein Naturparadies, in dem sich jeder wohlfühlte, das kaum jemand verlassen wollte, ein Land mit langer deutscher Geschichte.
Die Heimat von über 2 Millionen Deutschen – jeder wünschte sich, dass es immer so bleibt – wollte auch Mathilde nicht verlassen. Warum auch? In Kalthof, vor den Toren der Altstadt von Königsberg, wohnte sie glücklich mit ihrem Mann und ihren vier Kindern. Dann begann der grausame Krieg. Ostpreußen schien davon aber verschont zu bleiben. Dann geschah es doch, erst ein Luftangriff auf Königsberg, dann überschritten sowjetische Soldaten die Grenze und richteten ein Blutbad an. Diese Soldaten wurden zwar wieder vertrieben, aber die sowjetische Front rückte näher. Ostpreußen war in Gefahr. Mathilde musste sich entscheiden, bleibe ich und setze ich mich und meine Kinder den Gräueltaten aus, von denen sie schon gehört hatte, oder bringe ich mich und meine Kinder in Sicherheit. Die Entscheidung traf sie alleine, da ihr Mann an der Westfront kämpfte. Im Januar 1945 verlässt sie ihre Heimatstadt. Nun begann eine Odyssee, eine Odyssee des Schreckens. Letztendlich landete sie in Bayern, das Land der hohen Berge, von denen sie schon mal geträumt hatte. Was sagte Xenophon einmal:
Sieh ein Gebirge, einen Berg, ein Meer, einen Fluss – und du hast alles gesehen.
Xenophon lebte von 425 bis 355 v. Chr. Er war griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller und verfasste eine philosophiegeschichtliche Schrift.
Im Krieg verhält sich der Mensch wie ein Dinosaurier
Er ist dann ein gefräßiges Ungeheuer auf Erden hier
Lässt sich nur leiten von seiner schrecklichen Gier
Nichts ist ihm heilig, er ist schlimmer als ein wildes Tier
Es war ein schöner Sommer. Die Sonne verwöhnte Ostpreußen im Jahre 1944. Viel war zu hören von dem Krieg, der um Deutschland tobte. Ostpreußen war bisher verschont geblieben von dem Gräuel, den der Krieg mit sich brachte. Alle in diesem Teil des deutschen Reiches hofften, dass es dabei bleibt.
Mathilde hatte die Stadt verlassen, um mit ihren vier Kindern einige Tage an der Inster zu verbringen. Insterburg, diese Stadt am Knotenpunkt der Bahn Königsberg-Eydtkuhnen, lag nur einen Steinwurf entfernt … Eydtkuhnen wurde bereits im 16. Jahrhundert von Deutschen besiedelt. 1860 baute man bis hierher die Preußische Ostbahn aus. Die normalspurige Ostbahn stieß in dem Ort auf die russische Breitspurbahn. Da wegen der unterschiedlichen Spurweiten keine durchgängige Zugverbindung von St. Petersburg nach Königsberg bestand, stiegen die Fahrgäste aus Russland am selben Bahnsteig in einen preußischen Zug mit Normalspur um; Fahrgäste, die aus Königsberg mit dem Zug anreisten und beabsichtigen, nach St. Petersburg weiterzufahren, fuhren dagegen bis zum russischen Grenzort Wirballen, der nur 2 km von Eydtkuhnen entfernt lag, weiter und wechselten dort auf dem Spurwechselbahnhof den Zug. Nun, im Jahre 1944, gab es keinen Zugverkehr, die Front lag bereits zu nahe, weshalb man den Zugverkehr eingestellt hatte. Aber das interessierte Mathilde nicht. Sie war mit den Kindern in der Nähe von Insterburg und hoffte, ruhige Tage hier verbringen zu können.
Insterburg, hier wurde bereits 1337 eine Burg vom Deutschen Orden gebaut. 1583 erhielt die Siedlung, die danach gegründet wurde, Stadtrechte. Vom 24. August ab bis 11. September 1914 wurde die Stadt von Russen besetzt und war Hauptquartier von Paul von Rennekampff, dem General der russischen Kavallerie und Generaladjutant von Zar Nikolaus II. Die russische Besetzung der Stadt geschah während der Kämpfe um die masurischen Seen. Diese Zeit lag aber schon lange zurück. Nun hoffte man, dass Ostpreußen dies nicht mehr erleben muss, obwohl die Front bedrohlich näher rückte. Mathilde wollte daran aber nicht denken. Ihre Eltern hatten es im Ersten Weltkrieg erlebt, was heißt, wenn Krieg direkt vor der Haustür stattfindet. Das sollte ihr doch erspart bleiben. Hitler hatte nämlich versprochen, dass kein fremder Soldat je wieder deutschen Boden betreten werde. Aber er hielt sein Versprechen nicht wie sich Monate später herausstellen sollte.
Hinter den Bäumen des gegenüberliegenden Ufers versank die Sonne in einem Spektakel aus grellem Orange. Dann verfärbte sich der Himmel glutrot, die Farben spiegelten sich auf der Wasseroberfläche wider. Ein perfekter Moment, wie jeden Abend an der Inster. Mathilde genoss solche Momente. Sie tat es immer, wollte nichts vom Krieg hören, wollte nur die zauberhafte Natur in sich aufnehmen, den Abendwind übers Gesicht streichen lassen und den Kindern zusehen, wie auch sie, ahnungslos was im doch so fernen Reich geschah, diesen Urlaub genossen.
„Kinder, es wird dunkel und gegessen haben wir auch noch nichts“, rief Mathilde und zeigte in Richtung der untergehenden Sonne. „Aber es ist gerade so schön hier. Wir möchten noch etwas bleiben“, erwiderte Mathildes Ältester. „Keine Widerrede, wir brechen auf, schließlich haben wir bis nach Insterburg noch einen langen Weg vor uns.“ Langen Weg? Na ja, es waren etwas mehr als 2 km, die sie zurücklegen mussten, um den Ort zu erreichen, und der Jüngste war gerade mal 5 Jahre alt. In Georgenburg, wo sie sich gerade befanden, gab es keine Möglichkeit der Einkehr, in Insterburg dafür mehrere Einkehrmöglichkeiten. Dort kannten sie den Gasthof „Beim alten Fritz“, wo sie bei ihrer Ankunft schon mal eingekehrt waren, und in dem es vorzügliche „Königsberger Klopse“ gab, die die Kinder gerne aßen, und in diesem Lokal auch schon gegessen hatten. Sie waren zwar nicht so gut wie bei Muttern zu Hause, aber sie hatten geschmeckt. Wie sollte es auch anders sein, wenn der Magen knurrte. – Murrend folgten Mathildes Kinder ihrer Anweisung. Alle machten sich nun auf den Weg nach Insterburg, wobei sie wehmütig noch einen Blick auf Georgenburg mit dem Schloss auf dem Nordufer der Inster warfen; dann ging’s schnell schnurstracks weiter. Sie befürchteten nämlich, wegen der fortgeschrittenen Stunde nichts mehr „Beim alten Fritz“ zu bekommen.
Unterwegs beobachteten sie auf einer Koppel die Trakehner, die zum Gestüt Georgenburg gehörten. Landstallmeister war seit einigen Jahren dort Martin Heling, der sich um die Trakehner Warmbluthengste und einige rheinische Kaltbluthengste kümmerte. Schloss Georgenburg war 1709 als Domäne verpachtet worden. Der Pächter begann hier anschließend mit der berühmten Pferdezucht; später entstand dann hier das größte ostpreußische Privatgestüt mit vorwiegend reinrassigen Trakehnern. 1899 übernahm der preußische Staat das Gestüt Georgenburg und machte es zum Sitz des Landgestüts Insterburg. Die Geschichte des Ortes Georgenburg reicht jedoch bis ins Hochmittelalter hinein. Bereits im 14. Jahrhundert gab es eine Burg mit einer Stuterei, die zu einem Gut der Bischöfe des Samlandes gehörte. Es war die Zeit, als die Gegend unter dem Einfluss des Deutschen Ordens stand. Für Geschichte interessierte sich Mathilde aber nicht. Für sie war es wichtig, dass ihre Kinder die herrliche Natur Ostpreußens kennenlernten und sie genossen, wie sie es tat. Und nun, … sie spürte den Hunger, den sie bisher unterdrückte. Sie hatte es deshalb plötzlich eilig, den Gasthof „Beim alten Fritz“ zu erreichen. Und, … sie wunderte sich, dass sich ihre Liebsten noch nicht geäußert hatten, um ihren Hunger anzumelden, obwohl sie den ganzen Nachmittag am Ufer der Inster herumgetollt hatten. Aber das sollte sich bald ändern. Noch auf dem Weg nach Insterburg hörte sie ihre beiden Ältesten immer wieder rufen: „Wir haben Hunger, Hunger, Hunger … Wir haben Hunger, Hunger, Hunger … Wir haben …“
Kaum hatten sie den Gasthof „Beim alten Fritz“ erreicht, meinte Mathildes Ältester: „Mama, meinen Kohldampf halte ich nicht mehr aus. Wann gibt es denn endlich die Klopse?“ „Kind, wir sind doch gerade hier angekommen. Musst dich schon etwas gedulden, denn bestellt haben wir auch noch nicht.“ „Guten Abend, Herrschaften. Womit kann ich dienen?“ Dumme Frage. Der Wirt muss doch wissen, womit er dienen kann. Natürlich, 5 große Portionen Königsberger Klopse für fünf hungrige Mäuler, was sonst. Trotzdem fragte Mathilde: „Kriegen wir noch ein Essen zu dieser Stunde bei Ihnen? Oder ist es schon zu spät dafür?“ „Ach Gottchen, essen wollen‘s noch. Und dann so spät auch noch mit den Kindern unterwegs … Aber warten‘s mal … Ich hab‘ da einen Vorschlag, den‘s sicher annehmen, Gnädigste. Speck, Fladen, Holzgurken, getrocknete Birnen oder gebratenen Fisch wollen’s bestimmt nicht, wenn ich richtig liege. Oder?“ „Sie liegen richtig … Aber Königsberger Klopse, wenn Sie diese noch zu dieser späten Stunde uns machen könnten.“ „Liebe Frau, die wollte ich Ihnen gerade anbieten, dazu einen Apfelsaft für die Kleinen und für Sie ein kräftiges Bier aus unserer schönen Hauptstadt Königsberg.“ „Sie entsprechen voll unseren Wünschen.“ „Sehen‘s, ich wusste es doch“, und schon war der Wirt wieder verschwunden, um das vorzubereiten, was den Herzen der hungrigen Gesellschaft entsprach.
Es war kaum eine halbe Stunde verstrichen, da stand das Gewünschte schon auf dem Tisch. „Frauchen, bitte schön, alles wie gewünscht, für die zwei jungen Herren, für die beiden jungen Marjellchen und für Sie, Hoheit … Nun lasst’s euch schmecken.“ „Danke, das tut es sicher bei diesem Hunger, den wir haben.“ Die Klopse schmeckten, wie beim ersten Mal in diesem Gasthof. Aber wie schon gesagt, bei Mutter schmeckten sie noch besser. Das wusste Mutter Mathilde auch, dass ihre Klopse Spitze waren, unschlagbar gegen die, die sie gerade aßen, obwohl diese keinen Grund zu einer Beschwerde gaben.
Den Magen gefüllt, zufrieden mit dem, was sie am Tage erlebt hatten, kehrten sie zu ihrer Pension zurück. Als sie sich vom Wirt verabschiedeten, wollte dieser noch wissen: „Wo ist eijentlich Gevatterchen, doch wohl nich irgendwo an der Front dieses schrecklichen Krieges?“ „Leider doch“, antwortete Mathilde. „Oh, er kämpft fürs Vaterland … na dann Heil Hitler.“ Das Heil Hitler hätte er sich sparen können, ging’s Mathilde durch den Kopf. Dieser Wahnsinnige ist doch gerade dabei, eine stolze Nation ins Verderben zu schicken.
Es war ein schöner Tag gewesen, dort in Georgenburg, da wo sich Inster mit der Angerapp zur Pegel vereinte, da wo es das schöne Schloss gab, das als Burg in den Jahren 1385 bis 1390 als Ziegelbau mit Rautenmuster auf hohem Feldsteinsockel mit tiefen Kellern errichtet worden war, und das sich lohnte, zumindest aus der Ferne anzusehen. Es stand nämlich der Öffentlichkeit zur Besichtigung nicht zur Verfügung. Gerne hätte Mathilde das mit ihren Kindern aber getan. Es war nämlich die Nachfolgeburg des berühmten pruzzischen Kriegers Kaminswißkis, von dem sie schon gehört hatte, und der sich hier in der Landschaft, die man „owe“ nannte, mitten in einem großen Wald, zu dem die Pruzzen „gars“ sagten, einen Ort gründeten, den sie Garsowe nannten, woraus später Georgenburg wurde. Dieses Georgenburg vermittelte nun in den Sommertagen des Jahres 1944 eine friedliche Stimmung, eine Stimmung, die zu diesem wunderschönen Land mit seinen Weiten passte, obwohl die Front immer näher rückte. Bald sollten auch die ersten Flüchtlinge aus dem Osten eintreffen, Flüchtlinge aus dem Baltikum und wenig später auch schon aus dem Memelland. Aber noch war es nicht so weit, noch wurde die Ruhe nicht gestört, noch war der Krieg weit weg.
Die Tage vergingen wie im Flug, Tage die man nie vergisst, zumal es die letzten Tage waren, in denen man die herrliche Natur Ostpreußens genießen konnte. Mit Insterburg endete die friedliche Zeit für Mathilde in Ostpreußen, nach Insterburg begann die Hölle. Aber bis dahin sollten noch Wochen vergehen, in denen sie sich an die Urlaube erinnerte, die sie mit ihren Eltern in Masuren verbrachte. Es waren herrliche Urlaube, damals als sie heranwuchs, damals als die Nazis noch nicht das Sagen über das Reich hatten. Masuren, ja, wer dieses Fleckchen Erde kennt, wird es nie mehr vergessen. Jetzt, wieder zurück auf der Boelcke-Straße in Königsberg, unweit des Festungswalles, der einst die Stadt schützte, wurden die Erinnerungen wieder wach … Masuren, dieser hügelige, wald- und seenreiche Teil Ostpreußens war immer ein Anziehungspunkt für Leute, die Ruhe und Erholung suchten. In diesem Landstrich mit seiner Bevölkerung, von denen ein großer Teil die masurische Sprache sprach, eine polnische Mundart, fühlte man sich geborgen, fühlte man sich einfach wohl. Allenstein galt als Hauptort dieses Landstriches mit einer slawischen Bevölkerung, die deutsch gesinnt war. Allenstein besuchte Mathilde mit ihren Eltern oft. Es geschah aber immer dann, wenn sie ihren Urlaub an einem der vielen masurischen Seen verbrachten. Allenstein an der Alle mit seinem großen Stadtwald und dem Domkapitelschloss aus dem 14. Jahrhundert war dann ein Anziehungspunkt, der nach einem Besuch verlangte. Für den Vater war es das Bier, das ihm hier besonders schmeckte. Wie konnte es auch anders sein, schließlich befand sich bei Allenstein ein großes Hopfenanbaugebiet.
Wenn über Masuren gesprochen wurde, erfuhr Mathilde auch viel über die ersten Wochen des Ersten Weltkrieges in Ostpreußen. 1914, direkt nach Beginn des Krieges, marschierten deutsche Kräfte gegen die 1. russische Armee auf. Es war die 8. deutsche Armee, die sich nach der Schlacht bei Gumbinnen, die am 19. und 20. August stattfand, auf die Masurische Seenplatte zurückzog, dort nur schwache Sicherungen zurückließ und gegen die 2. russische Armee aufmarschierte. Bei Tannenberg vernichtete Hindenburg dann zwischen dem 23. und 31. August diese russische Armee und wandte sich danach mit seiner aus dem Westen verstärkten Armee gegen die sich in der Linie Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg befindenden russischen Kräfte, die aus 20 Divisionen bestanden. Diese starken russischen Streitkräfte hatten es nicht gewagt, mit Königsberg im Rücken ihrer Armee bei Tannenberg zu Hilfe zu kommen. Am 5. September marschierten die deutschen Streitkräfte zur Schlacht bei Insterburg auf, die dann zwischen dem 5. und 15. September stattfand. Die Russen wurden geschlagen, Reste ihrer Divisionen fanden im Wald- und Sumpfgebiet westlich von Olita-Kowno-Wilenz Zuflucht. Bis Ende Oktober war Masuren frei von feindlichen russischen Truppen. Danach erschien die 10. russische Armee, die die deutsche 8. Armee nun angriff. Nun erschien die neue 10. deutsche Armee, die bei Tilsit in der Winterschlacht vom 4. bis 22. Februar 1915 den rechten Flügel der 10. russischen Armee umfasste, während die 8. deutsche Armee am 7. Februar 1915 bei Johannesburg die russischen Streitkräfte umfassend angriff. Am 14. Februar befand sich die russische Armee in der Linie Rajgrod-Sentken-Raczki-Suwalki-Sejny halbkreisförmig umstellt. Nur Reste der russischen Armee entkamen in die Wälder bei Augustow und Suwalki. Ostpreußen war endgültig befreit … Mathildes Vater berichtete oft stolz über die ruhmreichen Schlachten in Ostpreußen. Dabei erzählte er auch ausführlich über die Heldentaten Hindenburgs, der später Reichspräsident werden sollte und Hitler zur Macht half. Dieser Hitler, der nun dabei war, das Reich zu vernichten.
Tannenberg ... War da nicht noch etwas anderes? Etwas was Jahrhunderte zurücklag? Etwas was mit diesem Ort zu tun hat? Ja, hier besiegten Polen und Litauer 1410 das deutsche Ordensheer.
Der Alltag hatte sie wieder. Mathilde sorgte sich um die Kinder, sah zu, dass sie morgens pünktlich zur Schule kamen, wobei die Jüngste dies noch nicht brauchte, während ihr Mann im Westen gegen die Alliierten kämpfte. Post von der Westfront kam regelmäßig; so erfuhr sie, dass es ihm verhältnismäßig gut ging, was sie beruhigte. Wäre da nicht dieser schreckliche Krieg, wäre sie sogar der zufriedenste Mensch auf dieser Erde. Jetzt hatte sie nur das Glück, dass Ostpreußen von dem schrecklichen Krieg verschont blieb. Aber wie lange noch? Wie lange noch bekommt sie die Gräueltaten, die ein solcher Krieg mit sich bringt, nicht mit? Wie lange wird es noch dauern, bis auch sie weiß, was Bombardierung mit seinen Folgen von Tod und Schrecken bedeutet? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Es begann in den Nächten vom 26. zum 27. August und vom 29. zum 30 August. Mathilde war mit ihren Kindern gerade aus dem Urlaub zurück. Britische Bomberverbände griffen die Stadt an und zerstörten große Teile. Mathilde musste im Keller ihres Hauses auf der Boelcke-Straße Schutz vor dem Bombenhagel suchen. Zum Glück wurde ihr Haus von keiner Bombe getroffen. Es lag dafür auch schon zu weit von der Innenstadt entfernt. So gehörte sie in diesen Augustnächten nicht zu den 200.000 Obdachlosen, die diese Angriffe brachten. – Dann wenige Wochen später, die ersten Flüchtlinge aus dem Baltikum zogen durch die Boelcke-Straße. Es waren die Ärmsten der Armen, die auf klapprigen Pferdewagen saßen oder Handkarren mit ihren Habseligkeiten hinter sich herzogen. Ein schreckliches Bild, das sich bot. Diese Menschen mussten schon einiges mitgemacht haben. Bevor Mathilde dieses erste jämmerliche Bild eines Flüchtlingsstroms jedoch wahrnahm, wurde sie von einer Nachricht aufgeschreckt, die für Ostpreußen schon das Schlimmste befürchten ließ. Bei Nemmersdorf hatten sowjetische Truppen erstmals deutschen Boden erreicht und ein Blutbad angerichtet. Es war der 21. Oktober, als sowjetische Soldaten dort in Häuser eindrangen und die Menschen wie Vieh abschlachteten. Zwei Tage später eroberten Soldaten der deutschen Wehrmacht den Ort zurück. Was sich ihnen bot, war grausam. Dorfbewohner, die nicht rechtzeitig fliehen konnten und brutal ermordet wurden, lagen verstreut in den Gassen. Fast alle waren Frauen, Kinder und alte Menschen, die Opfer dieses sinnlosen Krieges wurden. Die schrecklichen Bilder, die man in den Zeitungen sah, zeigten, wozu sowjetische Soldaten in ihrem Hass auf Deutsche fähig waren. Diese Bilder sollten es auch. Sie sollten zeigen, dass man sich gegen den sowjetischen Feind schützen muss, indem man die Bereitschaft zur Verteidigung des Vaterlandes steigert. Aber was war da noch zu verteidigen? Im Westen, so wie im Osten, brachen die Fronten zusammen, deutsche Truppen mussten sich überall auf breiter Front zurückziehen. Und, was man eigentlich schon ahnen konnte, der Zusammenbruch des gesamten Reiches konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Bevölkerung merkte es. Nur die Wahnsinnigen in Berlin wollten es nicht wissen, verlangten immer mehr Opfer von der leidenden Bevölkerung. Bis auf die britischen Luftangriffe im August des Jahres 1944 und den kleinen Vorgeschmack, der sich durch die ersten Flüchtlinge aus dem Baltikum ergab, merkte die Bevölkerung von Königsberg im Herbst dieses Jahres noch nichts von der Katastrophe, die bald über diese Stadt hereinbrechen sollte.
Weihnachten stand vor der Tür. Mathilde hatte gehofft, dass ihr Mann für einige Tage Urlaub von der Front bekommt. Leider hatte sie vergebens gehofft. Hitler hatte die Ardennenoffensive befohlen. Ihr Mann kämpfte dort gegen die Alliierten. Diese Offensive kurz vor Weihnachten kam jedoch nach einigen Tagen zum Stehen. 75.000 deutsche Soldaten, darunter auch viele Kinder, gerade mal 14 oder 15 Jahre alt, sowie alte Männer, die als letztes Aufgebot Hitlers einrückten, kamen bei dem verzweifelten Versuch, den Vormarsch der Alliierten noch vor der deutschen Grenze zu stoppen, ums Leben. Mathildes Mann, der Vater ihrer vier Kinder, geriet dabei in britische Gefangenschaft, wovon Mathilde erst nach Ende des Krieges erfuhr.
Weihnachten in Königsberg; aber Weihnachten ohne den geliebten Vater, das konnten sich Mathildes Kinder nicht vorstellen. Diese Erfahrung mussten sie jetzt aber machen. Am Heiligabend, unter dem Tannenbaum, den Nachbarn aus den großen Wäldern Ostpreußens mitgebracht hatten, weinten alle. Es war traurig, zumal der Mittelpunkt der Familie fehlte. Dafür waren aber Mathildes Eltern aus Allenburg erschienen. Ein kleiner Trost, mehr nicht. Nichts konnte nämlich den geliebten Vater ersetzen. Mit den Kindern und den Eltern sang Mathilde nun die altbekannten Weihnachtslieder. Trotz Bemühens wollte keine Stimmung aufkommen. Kaum war das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ angestimmt, hörte man nur noch ein Schluchzen. Keiner konnte das Lied zu Ende singen. Zur späten Stunde sang die Großmutter, Mathildes Mutter, dann das Weihnachtslied, das einst Martin Luther geschrieben hatte.
Vom Himmel hoch da komm‘ ich her
Ich bring‘ euch gute neue Mär
Der guten Mär bring‘ ich so viel
Davon ich sing’n und sagen will
Euch ist ein Kindlein heut‘ geboren
…
Weiter kam sie mit ihrem Gesang nicht. Keiner sang mit, nur Großvater bemerkte, und das im lauten Ton: „Vom Himmel hoch, da kommt jetzt das Unheil … und die ach so gute Mär, die gibt es nicht, deswegen möchte ich jetzt auch nichts mehr davon hören … denn das Unheil steht schon vor der Tür, das Unheil aus dem Osten, das Unheil, das unser ach so große Führer verursacht hat.“ Damit war die weihnachtliche Stimmung endgültig hin. Eine trostlose Weihnacht.
Mathilde fühlte sich glücklich, dass zumindest ihre Eltern über die Feiertage bei ihr waren und auch erst Anfang Januar vorhatten, nach Allenburg zurückzufahren, was auch nur möglich war, weil Mathildes Nachbar ein Motorrad mit Beiwagen besaß und gerade für ein paar Tage vor dem „Endsieg“ als Soldat des „letzten Aufgebots Hitlers“ beurlaubt worden war. In Allenburg, in dieser Stadt, wo ihre Eltern wohnten, war sie oft mit ihren Kindern gewesen. Bei Oma und Opa hatten die Kinder immer Spaß. Hier konnten sie herumtoben, an der Alle spielen, an warmen Sommertagen in ihrem Wasser plantschen. Diese Möglichkeiten bot Königsberg nicht. – Als nun der Abschied kam, ahnte keiner, dass es ein Abschied für immer sein sollte. Mathilde drückte mit Tränen in den Augen zuerst ihren Vater, dann ihre Mutter. Nun nahmen ihre Eltern ihre Enkel nacheinander in die Arme, drückten auch sie fest und gaben jedem einen Kuss. „Ihr werdet bald nach Allenburg kommen. Nicht wahr?“ „Nein, Mutter“, antwortete Mathilde, „ich werde in den nächsten Tagen Königsberg mit meinen Kindern verlassen. Mir hat man schon nahegelegt, dies schnell zu tun. Bisher habe ich das immer abgelehnt. Aber die russische Front rückt näher, und ich muss an meine Kinder denken. Ihnen darf nichts passieren. Und in Königsberg bin ich nicht mehr sicher. Mit irgendeinem Zug werde ich in die Mitte des Reiches fahren, dahin, wo ich die Russen nicht fürchten brauche. Die Russen hassen uns, deshalb ist keiner mehr sicher vor ihnen … Ich würde mich freuen, wenn ihr mit uns kämet.“ „Kind, alte Leute verpflanzt man nicht. Und, … wir haben den Russen nichts angetan, also werden die Russen auch uns nicht antun.“ Da irrten sich Mathildes Eltern jedoch.
Ende Januar verließen die letzten Züge Königsberg Richtung Westen. Mathilde hatte Glück, in einem dieser Züge noch mitfahren zu können. In den Zug zu kommen war allerdings schwierig. Sie konnte sich nur hineindrängen, das Nötigste gerade noch mitnehmend. Als sie in einem Abteil war, vermisste sie jedoch ihre Kinder. Sie standen noch vor dem Zug. Eine drängende Menschenmasse versperrte die Türen. Mathilde schrie. Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, wurden ihre Kinder hastig durch ein Abteilfenster ins Zuginnere geschoben. Sie atmete auf und schloss überglücklich ihre Liebsten in die Arme. Alle mussten weinen. Sie bekamen so nicht mit, was sich auf dem Bahnsteig abspielte. Vielen Müttern war es umgekehrt ergangen. Ihre Kinder waren bereits im Zug, als dieser anfuhr. Verzweifelt versuchten sie zu ihren Kindern zu kommen. Sie klammerten sich von außen an die Waggons. Die Kälte verlangte nun während der Fahrt seinen Tribut. Bei heftigem Schneesturm und eisigem Wind verließen die Kräfte viele Frauen. Mit ihren kalten Fingern fanden sie keinen Halt mehr an der Außenwand der Waggons. Sie rutschten ab und ihre Körper schlugen hart auf den gefrorenen Boden auf. Viele Mütter überstanden diesen Sturz nicht. Sie blieben liegen. Keiner kümmerte sich um sie. Es war schrecklich, was Mathilde sah und jetzt auch mitmachen musste.
Jagdbomber beschossen mehrmals den Zug. Jedes Mal stoppte er deshalb auf freier Strecke. Alle stürzten aus den Waggons, um irgendwo in der weißen Winterlandschaft Deckung zu suchen. Ein großes Aufatmen, wenn der Zug sich nach einem solchen Angriff wieder in Bewegung setzte. – Elbing war erreicht. Aber schlechte Nachricht vom südlichen Abschnitt der Ostfront. Im Eiltempo stieß die 2. sowjetische Armee von Warschau und Rozan Richtung Westpreußen und Danzig vor. Elbing war somit kein sicherer Ort. Der Leidens- und Schreckensweg musste fortgesetzt werden. Auf diesem Weg wurden nun sowjetische Gräueltaten bekannt. Auch die folgenden Worte des bekannten russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg erfuhren nun alle: „Die Deutschen sind keine Menschen.“ Was das zu bedeuten hatte, konnte sich jeder vorstellen.
Mathilde war mit ihren Kindern auf dem Weg nach Westen, als in Ostpreußen starker Frost herrschte. Noch saßen Menschen an den Bahnsteigen auf dem Boden und warteten auf Züge. Es kamen aber keine Züge mehr. Auch der Fluchtweg übers Land nach Westen war abgeschnitten. Nur übers Eis des Haffs bestand noch die Möglichkeit, der Hölle zu entkommen. Tausende versuchten das übers Frische Haff. Danzig und Pillau waren ihre Ziele. Eines dieser Ziele versuchte auch Mathildes Schwester Ende Januar von Königsberg aus zu erreichen. Der direkte Landweg war bereits abgeschnitten. Also versuchte sie es übers Haff. Sie schloss sich einem Flüchtlingstreck an. Auf einem alten Treckwagen, auf dem das Hab und Gut lag, das in der Schnelle eingepackt werden konnte, fand sie Platz und musste bald das Grauen erleben. Durch die eisige Kälte und bei starkem Schneefall bahnten sie sich noch den Weg nach Westen, als das Schlimme geschah. Ein sowjetischer Panzerverband hatte den Treck erreicht, war einfach über ihn hinweggerollt, hatte einfach die Menschen auf den Treckwagen niedergewalzt und ein Bild des Schreckens hinterlassen. Mathildes Schwester gelang es noch rechtzeitig vom Treckwagen abzuspringen. Hinter einem dicken Baum hatte sie gerade Schutz gefunden, als das geschah, was sie nicht mehr vergessen sollte. Als die Panzer am Horizont verschwunden waren, verließ sie ihre Deckung. Ihr wurde schlecht. Vor sich sah sie zerquetschte leblose Menschen- und Pferdekörper, während viele der noch lebenden Menschen in Blutlachen lagen und vor Schmerzen schrien, weil ihnen Beine oder Arme abgetrennt oder zerquetscht worden waren. Einige tierische Körper zuckten noch. Es waren die letzten Zuckungen der sterbenden Pferde. Pferde, die sich vom Gespann losreißen konnten, liefen ängstlich davon. Man konnte sie nicht mehr einfangen. Die Ladungen der Treckwagen lagen weit verstreut in der weißen Landschaft und in einer Kälte, die einen erstarren ließ. Mathildes Schwester war unfähig den Leidenden, die nun Hilfe benötigten, zu helfen. Sie hockte sich nieder und zitterte am ganzen Körper. Dann brach sie in Tränen aus, Tränen, die nicht versiegen wollten. So harrte sie Stunden aus, Stunden, die kein Ende zu nehmen schienen. Erst als Menschen sie berührten und darauf hinwiesen, dass der Treck, zumindest das, was von ihm noch übrig geblieben war, weiterziehen wird, wurde ihr bewusst, dass sie sich zusammennehmen muss, um hier nicht zu sterben. Das Leben musste schließlich weitergehen, egal wie.
Nachdem man die Toten auf die Schnelle im eisigen Boden regelrecht verscharrt hatte, bewegte sich der nun stark geschrumpfte Treck Richtung Frisches Haff. Auf dem Weg dorthin schaute jeder mal kurz nach oben, denn das Unheil drohte nicht nur auf dem Boden, sondern auch aus der Luft auf einen hereinzubrechen, was jedem bewusst war.
Ununterbrochen schneite es auf dem Weg zum Frischen Haff. Alle waren froh, als Heiligenbeil erreicht wurde. Hier hatten sich allerdings bereits schon mehrere Trecks eingefunden. Gemeinsam versuchte man nun, Wagen an Wagen übers zugefrorene Haff zur Frischen Nehrung zu kommen. Manche Treckwagen waren jedoch so schwer beladen, dass sie im Eis einbrachen, was zu Staus führte. Mit vereinten Kräften und mit Hilfe zusätzlicher Pferde versuchte man sie wieder flott zu machen, was nicht immer gelang, auch nicht, als man sie von ihrer Last befreit hatte. Oft musste in solchen Fällen die gesamte Habseligkeit zurückgelassen werden, wenn sie nicht schon unter der Eisdecke verschwunden war. Auch manchen Pferden erging es so. Waren sie in der Eisdecke eingebrochen und konnten nicht mehr befreit werden, mussten sie erschlagen werden. Falls eine Schusswaffe zur Verfügung stand, wurden sie erschossen. In solchen Fällen fanden die Tiere zumindest keinen schmerzhaften Tod.
Für Jagdbomber boten diese Trecks auf dem Eis ein gutes Ziel. Einen ihrer Angriffe erlebte nun die Schwester von Mathilde mit. Für sie wieder etwas Schreckliches, was ihrem Nervenkostüm schadete. Im Tiefflug näherten sich mehrere Bomber und feuerten auf alles, was sich auf dem Eis bewegte. Bald bildeten sich große Blutlachen auf der weißen Fläche. Viele Menschen rührten sich nicht mehr. Sie waren tot. Viele Menschen schrien. Sie waren verletzt, während andere Menschen nur noch kurz vor ihrem letzten Atemzug zuckten. Andere Menschen fanden einen qualvollen Tod erst nach Minuten, so wie es auch vielen Pferden erging. Findet das Grauen kein Ende? Dies fragte sich Mathildes Schwester. Soll es so weitergehen? Nein, das kann Gott doch nicht wollen, ging es ihr durch den Kopf. Sie kniete nieder und betete. Nach einer Weile stand sie auf und schaute um sich, um zu sehen, ob sie irgendeinem helfen konnte, auch wenn es nur seelische Hilfe sein sollte. Ihre Hilfe brauchte jedoch keiner. Die Toten hatte man bereits auf die Treckwagen gelegt, um sie auf dem Frischen Haff zu begraben. Langsam hatte sich der Treck auch schon wieder in Bewegung gesetzt. Zur Trauer fehlte die Zeit. Ein längerer Aufenthalt auf der Eisfläche konnte die Gefahr weiterer Jagbomberangriffe mit sich bringen.
Der Rest des langen Trecks hatte die Frische Nehrung erreicht und bewegte sich nun auf Kahlberg zu. Von hier ging’s weiter über Hickelswald und Schiewenhorst nach Danzig, wo sich ein großes Heer von Flüchtlingen bereits versammelt hatte. Als man hier nun erfuhr, dass von Gotenhafen Schiffe bald auslaufen werden, machten sich viele auf den Weg dorthin. So auch Mathildes Schwester.
Es war der 24. Januar 1945, als Mathildes Schwester in Gotenhafen ankam. Hier erfuhr sie, dass eines der letzten Schiffe, das Gotenhafen verlassen wird, die Wilhelm Gustloff sein soll. Am 30. Januar soll sie ablegen. Und danach? Kein Schiff mehr. Also war die Gustloff die letzte Rettungsmöglichkeit. In einem Schuppen in Oxhöft, nahe der Anlegestelle, verbrachte sie nun einen Tag. Hier gab es auch eine Suppe, die sie bei Kräften hielt. Marinehelferinnen bereiteten sie zu. Diese Suppe bestand hauptsächlich aus Kartoffeln, das Einzige, was noch ausreichend vorhanden war.
Der Tag der Abreise näherte sich. Als Mathildes Schwester am nächsten Tag zur Anlegestelle der Gustloff ging, erschrak sie. Auf dem Boden lagen Menschen, … zugeschneit. Dass es Menschen waren, bemerkte sie aber erst, als sich unter dem, was wie zugeschneite Gepäckstücke aussah, etwas bewegte. Es waren Menschen, die bei einer Temperatur unter minus 20 Grad hier schon Tage ausharrten, um möglichst nahe dem Schiff zu sein, mit dem sie der Hölle entgehen konnten. Zudem war die Wilhelm Gustloff das größte Schiff, das noch Flüchtlinge aufnahm. 6.000 waren geplant. Es wurden schließlich aber mehr Flüchtlinge, die sich an Bord der Gustloff drängten … Die Wilhelm Gustloff war ein Erholungsschiff. Viele kannten es aus den Wochenschauen. Es wurde nach dem schweizerischen Nazi-Führer genannt, der am 4. Februar 1936 in Davos ermordet wurde. Er war eigentlich ein Deutscher, wurde am 30. Januar 1895 in Schwerin geboren. 1917 siedelte er nach Davos über, wo er 1932 Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz wurde. Es waren hier nicht nur Auslandsdeutsche, die dieser Organisation beitraten, sondern auch viele Schweizer. Hitler ließ den Leichnam Gustloffs in einem Sarg mit einem Sonderzug nach Schwerin bringen, wo ein Staatsbegräbnis stattfand.
Dass Mathildes Schwester einen Unterschlupf in einem Schuppen bis zum Ablegen der Gustloff gefunden hatte, war ein Glücksfall. Viele Menschen hatten nicht das Glück. Viele wollten aber auch nahe dem rettenden Schiff sein, wie schon berichtet. Sie verbrachten so die frostigen Tage im Freien, ohne jeglichen Schutz gegen die Kälte. Es gab Mütter, die ihre erfrorenen Kinder in den Armen hielten. Ihnen war nicht bewusst, dass sie nicht mehr lebten. Erst als es an Bord des Schiffes ging, waren sie bereit, die kleinen toten Körper Helfern zu übergeben, die sie zu einer Stelle brachten, wo sie zumindest ehrenvoll beerdigt werden konnten.
Als am 25. Januar die Wilhelm Gustloff für die Flüchtlinge freigegeben wurde, durften nur die das Schiff betreten, die über einen gültigen Fahrschein verfügten. Die einen solchen Schein besaßen drängten sich nun vor, nahmen keine Rücksicht auf die, die nicht zu den Glücklichen gehörten. Es waren aber keine 6.000, die einen Fahrschein besaßen, sondern nur wenige Menschen, die sich einen schon Tage vorher gekauft hatten. Diese Glücklichen waren an Bord. Nun wurde vor allem Müttern mit Kindern erlaubt, an Bord zu kommen, ihre leeren Kinderwagen und Handkarren, mit denen sie ihre Habseligkeiten noch transportiert hatten, zurücklassend. So staute sich vor der Anlegestelle eine unübersehbare Masse klappriger kleiner Transportmittel. Viele Mütter wollten ihre Halbwüchsigen nicht zurücklassen. Es gab Streit mit den Matrosen und Marinehelferinnen der Wilhelm Gustloff. Als die Mütter versicherten, dass sie ohne ihre größeren Kinder, die bei der Betreuung der kleineren helfen würden, nicht in der Lage wären, die Strapazen der Flucht zu überstehen, erbarmten sich die Marinehelferinnen und ließen auch die Halbwüchsigen an Bord. Für Mathildes Schwester sah es allerdings noch schlechter aus, um an Bord der Wilhelm Gustloff zu kommen. Sie war alleine, ohne ein Kind. Aber wie es im Leben nun mal kommt, gibt es auch glückliche Zufälle. Hier jedoch glückliche Zufälle? … Wie sich noch herausstellen sollte, war es für keinen ein glücklicher Fall, einen Platz auf dem Schiff ergattert zu haben … Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hatte sich verspätet, während alle Mütter mit Kleinstkindern bereits an Bord waren. Es war Gottes Fügung, dass diese Mutter gerade vor Mathildes Schwester erschien. „Lieber Gott, ich danke Dir“, schrie sie himmelwärts, als sie ihre Chance sah, an Bord des rettenden Schiffes zu kommen. Rettendes Schiff? Nein, denn sie konnte nicht ahnen, dass sie wenige Stunden später nicht mehr leben wird.
„Darf ich Ihnen helfen und eines Ihrer zwei Liebsten an Bord tragen“, fragte Mathildes Schwester die Mutter mit den zwei kleinen Kindern. Die Mutter nickte und dankte für die angebotene Hilfe, die sie gerne annahm. Sie war erst wenige Stunden vorher in Gotenhafen angekommen, hatte sich den Weg zur Anlegestelle mühsam durch die Menschenmassen freikämpfen müssen, ein Kind auf dem Arm, das andere an der Hand. Sie war gezwungen, ihre Habseligkeiten, die sich auf einem Handkarren befanden, zurückzulassen. So besaß sie nur noch das, was sie am Leibe trug und ihre beiden Kinder … Zwei Mütter mit je einem kleinen Kind auf dem Arm, da konnten die Marinehelferinnen unmöglich den Weg an Bord versperren, obwohl sich schon wesentlich mehr als die ursprünglich geplanten 6.000 Menschen auf der Wilhelm Gustloff befanden. Und noch immer drängten weitere Menschen nach, die man nicht mehr zurückhalten konnte. Auch Verwundete von der Front mussten noch aufgenommen werden. Der Bauch des Schiffes war schließlich voll von Menschen. Aus der Musikhalle, dem Theaterraum und dem Festsaal hatte man in der Eile das Mobiliar entfernt, um der Menschenmasse Platz zu bieten. Im Theaterraum fanden nun auch Mathildes Schwester mit der Mutter und den zwei kleinen Kindern einen Platz.
Am 30. Januar, um 13 Uhr, glitt die Wilhelm Gustloff aus dem Hafenbecken von Gotenhafen-Oxhöft. Starke Schnee- und Hagelschauer begleiteten das Schiff. Wenig später nahm es langsam Fahrt auf. Als Ziel war Kiel oder Flensburg vorgesehen. Zwei Tage sollte die Fahrt in die Sicherheit dauern.
Um 19 Uhr begann das, was zur Katastrophe führte. Der Kapitän eines sowjetischen U-Boots sah Lichter, die nicht zur Küste gehörten, die sich unweit befand. Es musste also ein Schiff sein, das seine Positionslichter gesetzt hatte. War dies ein lohnendes Ziel, wonach er seit Tagen suchte? Ja, so einen Brocken vor die Kanone zu bekommen, das gibt es nicht jeden Tag, sagte sich der sowjetische U-Boot-Kommandant. Als er aber feststellte, dass dem Riesen ein kleiner Begleiter folgte, entschloss er sich, einen großen Bogen um den kleinen feindlichen Verband zu machen, um sich diesem dann von der Landseite zu nähern, von der aus man mit Sicherheit kein feindliches U-Boot vermutete. Es war zwar ein Risiko, sich von der Landseite zu nähern, weil das Wasser an der Küste vermint war, aber was macht man schon für ein so lohnendes Ziel, dessen Vernichtung zu Ehre und Anerkennung in der Heimat führte. Während das sowjetische U-Boot um die beiden Schiffe herumfuhr, bereitete man sich auf der Wilhelm Gustloff bereits für die Nacht vor. So lagen Matratzen im Theaterraum, auf denen es sich Mathildes Schwester und die Mutter mit ihren Kindern bequem machten, soweit man von bequem überhaupt sprechen konnte, denn Matratze lag an Matratze. Auf jeder lag ein Mensch, manchmal sogar zwei. Alle waren aber froh, dem Schrecken der heranrückenden sowjetischen Armeen entkommen zu sein und nicht zu denen zu gehören, die noch immer in der Kälte im Hafen von Gotenhafen ausharrten.
Es war kurz nach 21 Uhr, als sich das sowjetische U-Boot von der Landseite seinem Zielobjekt näherte. Nicht einmal 15 Minuten später wurde die Wilhelm Gustloff von einer Detonation erschüttert. Sofort kam der Befehl: „Maschinen, stopp!“ Gerade war dieser Befehl ergangen, wurde die Wilhelm Gustloff zum zweiten Mal getroffen und alle Lichter fielen aus. Dann folgte auch schon die dritte Detonation. Es war die lauteste. Danach herrschte Stille. Jedem war klar, das Schiff war von Torpedos getroffen worden. Alle, die sich im unteren Bereich des Schiffes befanden, waren jetzt schon rettungslos verloren. Der erste Treffer hatte den Wohntrakt der Stammbesatzung getroffen, der zweite den Bereich, wo sich das Schwimmbecken befand. Hier befanden sich die meisten Marinehelferinnen. Keines der jungen Geschöpfe überlebte die zweite Detonation. Die dritte Detonation erfolgte in der Nähe des Maschinenraums. Hier wurde die Bordwand aufgerissen und tonnenweise strömte das Wasser in den Schiffsbauch. Innerhalb weniger Minuten senkte sich das Schiff. Schreiend eilten die, die sich im Theaterraum befanden, auf den Gang. Hier herrschte aber bereits heilloses Chaos. Glück hatten die nun, die das Deck erreichten, um dann einen Platz in den Rettungsbooten zu ergattern … Mathildes Schwester hatte sich mit der Mutter und den zwei Kindern einen Weg bis aufs Oberdeck zu den Rettungsbooten bahnen können. Hier sollten nun alle vier über eine Strickleiter in eines dieser Boote klettern. Zuerst die Mutter. Sie brauchte beide Hände, um dies zu schaffen. Ein Matrose reichte ihr ihren Jüngsten runter, dann legte das Boot auch schon ab. Sie schrie: „Mein anderes Kind befindet sich noch an Bord.“ Darauf wurde keine Rücksicht genommen.
Man konnte es auch nicht. Das Boot war voll, andere mussten noch gerettet werden und das Schiff drohte zu sinken.
