Und immer ruft Südwest - Egon Harings - E-Book

Und immer ruft Südwest E-Book

Egon Harings

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Namibia vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Familie vom Niederrhein folgt dem Ruf Afrikas und findet in Deutsch-Südwestafrika eine neue Heimat. Sie erlebt die Aufstände der Hereros und anderer Stämme dort und wird selbst von Schicksalsschlägen hart getroffen. Eine Geschichte, geschrieben nach wahren Begebenheiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Egon Harings

Und immer ruft Südwest

Schicksalsjahre einer Familie in Deutsch-Südwestafrika

© 2017 Egon Harings

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-5370-3

Hardcover:

978-3-7439-5371-0

e-Book:

978-3-7439-5372-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Wer einmal in Südwest (-Afrika) war, kann verstehen, warum es einen immer wieder in dieses Land zieht, das man heute Namibia nennt. Es ist ein Land, das fasziniert, ein Land aber auch, das nur zwei Jahreszeiten kennt. Der Sommer reicht von September bis April und beginnt mit heißen Winden, denen Gewitterwolken folgen. Der Winter, der im Mai beginnt und Ende August endet, ist ohne Regen und Taubildung. Die Gegenden am Kubango- und Tschobe-Fluss sind während der Regenzeit undurchdringliche Sümpfe. Es ist der Norden des Landes, der reichlich Wasser hat. Das übrige Land ist durch Trockenheit und Niederschlagsarmut gekennzeichnet. Es gibt einige wenige Malariagebiete, ansonsten ist es ein Land mit gesundem Klima, das von Deutschen gerne als Siedlungskolonie genutzt wird. Der Pflanzenwuchs ist der Hitze und Trockenheit angepasst. Im Gebiet des Sommerregens dehnen sich Steppen aus und die Akazien herrschen vor. Es sind meistens Sträucher, aber auch Akazienbäume sieht man vereinzelt. Die wenigen Flussbetten, die das Land hat, werden von Waldstreifen begleitet. Die Tierwelt besteht aus Elefanten, Löwen, Giraffen, Zebras, Oryx-Antilopen und Springböcken.

An der Küste des Traumlandes vieler Deutschen fuhren zuerst die Portugiesen vorbei. 1486 entdeckte der portugiesische Seefahrer Bartolomëu Diaz dabei die Bucht Angra Pequena.1804 kamen dann hierhin deutsche Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft. 1883 kaufte der Bremer Großkaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz von Josef Frederik, der Häuptling des Volksstammes der Namas war, den Küstenstreifen am Oranje-Fluss und legte im Hafen von Angra Pequena eine Handelsniederlassung an. 1886 befuhr er den Unterlauf des Oranje-Flusses, um die Schiffbarkeit des Flusses herauszufinden. Er verunglückte dabei in der Küstenbrandung und blieb verschollen. – Am 24. April 1884 kommt Lüderitzland, wie der Küstenstreifen nach der Besitznahme des Bremer Großkaufmanns nun hieß, unter den Schutz des Deutschen Reiches und wurde danach noch ausgedehnt, bis Ende 1886 mit Portugal und 1890 mit England die endgültigen Grenzen dieser (nun) deutschen Kolonie festgelegt wurden. Von England wurde der Caprivizipfel erworben. Es ist der schmale nordöstliche Ausläufer der Kolonie zwischen dem portugiesischem Angola und der britischen Kolonie Betschuanaland (dem heutigen Botswana), der nach dem deutschen Reichskanzler Leo Graf von Caprivi genannt wurde. Wer die Weiten des Landes Südwest liebt, wer die unberührte Natur liebt, wer die Einsamkeit liebt, wer eine Landschaft voller Gegensätze liebt, den hält es in der deutschen Kolonie fest. So drückt es auch Heinz A. Klein-Werner in der dritten Strophe seines Südwester-Liedes aus:

Und kommst du selber in unser Land

Und hast seine Weiten gesehn,

und hat uns’re Sonne ins Herz dir gebrannt,

dann kannst du nicht wieder gehn.

Und sollte man dich fragen:

Was hält dich denn hier fest?

Du könntest nur sagen:

Ich liebe Südwest!

1

Südwestafrika ist ein dünn besiedeltes Land. Die eingeborene Bevölkerung umfasst Bantu und Hottentotten, die sich lange bekämpften. Zu den Bantu zählen die Ovambos, die Ackerbauern sind, und die Hereros, ein Stamm von Viehzüchtern. Aber auch Bergdamaras, die die Sprache der Hottentotten sprechen, zählt man noch zu den Bantus. Dann gibt es noch die Buschmänner, die über das ganze Land verstreut sind und räuberisch und unstet umherziehen. — Die Hereros sind Einwanderer, die spät den Boden Südwestafrikas betreten. Ihre Ursprungsheimat ist das Gebiet um den Tanganjika-See. Mit riesigen Viehherden zogen sie einst nach Südwesten und erreichten um 1700 das Kaoko-Veld und rotteten dort die Urbevölkerung aus. Im Kaoko-Veld, im Nordwesten von Südwestafrika, südlich des Kunene-Flusses bis zum Ugabfluss, siedelten sich dann einige von ihnen dauerhaft an, während der größte Teil dieses Stammes gegen Ende des 18. Jahrhunderts weiter südwärts zog. In ihrem neuen Gebiet, das sie in Besitz nahmen, erschlugen sie die einheimische Bevölkerung, oder versklavte oder verjagte sie. Die Hereros waren nun die Herren im Land. Als wenig später die Hottentotten unter der Führung von Jonker Afrikaaner mit Gewehren aus dem Kapland kamen, begann ein Krieg, der sechzig Jahre andauern sollte. Die Deutschen versuchten bei ihrem Erscheinen im Jahre 1883 dem Morden ein Ende zu bereiten. Sie schafften es Monat später auch; zumindest für einige Jahre.

Es war im Jahre 1885, als Reichskommissar Dr. Heinrich Göring mit sechs Begleitern beim Großkapitän der Hereros, Maharero, erscheint, um einen Schutzvertrag abzuschließen. Da die Deutschen ohne Waffen erscheinen, traut Maharero ihnen nicht zu, dass sie ihn und sein Volk schützen können. Deutsche, das sind für ihn nur Missionare und Handwerker, aber keine Soldaten.

Wenige Tage später kommt es zur Schlacht zwischen Hereros und Witboois, einem Stamm der Hottentotten, bei Osona. Die Hereros siegen und machen große Beute, müssen aber auch viele Opfer beklagen. Als sie nach Okahandja kommen, sind sie überrascht, dort Dr. Göring anzutreffen. Maharero ist nun erfreut, dass sich die Deutschen der Verwundeten seines Volkes annehmen. Dies macht auf ihn einen so großen Eindruck, dass er den Schutzvertrag unterschreibt. Damit ist Deutsch Südwest (Afrika) geboren.

Deutsch-Südwestafrika ist ins Leben gerufen. Nun muss es von Deutschen auch besiedelt werden, wie es die Regierung in Berlin wünscht. – In der Nähe von Rheydt am Niederrhein wohnt die Familie Schmitz. Es ist eine Bauernfamilie, deren Vorfahren einst über große Ackerflächen verfügten, die im Laufe der Zeit jedoch unter den Erben immer wieder aufgeteilt wurden. Heinrich ist der älteste Sohn der Bauernfamilie, die noch einige Ackerflächen bei Rheydt besitzt. Er hat gerade geheiratet und denkt an seine Zukunft. Was er einmal erben soll, ist nicht das, wovon er eine Familie ernähren kann. Er möchte Kinder haben, für die er am Niederrhein keine Zukunft sieht. Südwestafrika ist das Land, das viele Deutsche lockt, die sich eine neue Existenz aufbauen wollen. Warum sollte er sich dort nicht auch mit seiner Frau niederlassen, um eine Farm aufzubauen und Rinder zu züchten? Sie sind beide jung. In einem anderen Land ein neues Leben zu starten, muss doch reizvoll sein. Noch hat er nicht den Entschluss gefasst, Deutschland zu verlassen. Er spielt aber mit diesem Gedanken. Nur wann? Er braucht Zeit. Hals über Kopf will er einen Schritt, der sein Leben und das seiner Frau ändern wird, nicht tun.

Das Gehöft der Familie Schmitz befindet sich unweit des Schlosses vor den Toren der Stadt, das die Herren von Rheydt mit der Ortschaft 1180 dem erzbischöflichen Burgensammler Philipp von Heinsberg überlassen mussten. Schon im Mittelalter, als Rheydt als vorgeschobene Bastion zur Festungslinie des Erzbistums Köln gehörte, waren die Vorfahren Bauern, die als Lehnsleute der „Herren zu Reide“ Ackerland gegen bestimmte Verpflichtungen zur Verfügung gestellt bekommen hatten. Seit 1388, dem Jahr, als Herzog Wilhelm von Jülich Johann II von Rheydt mit dem „Huys zu Reide und mit allen vestynghen so darin begriffen“ selbst belehnte, beackert die Familie Schmitz die Felder, die einmal ihr Eigentum werden sollen. Bis dahin vergehen aber Jahrhunderte. – Von den schweren Jahren seiner Vorfahren als Lehnsleute weiß Heinrich nur von Erzählungen seiner Großeltern her. Aber auch jetzt ist nicht alles Sonnenschein, auch jetzt muss fürs Überleben hart gearbeitet werden. Es muss aber auch eine Basis vorhanden sein, die man ausbauen kann, um das Leben zu gewährleisten das man sich wünscht. Und diese Basis ist für Heinrich am Niederrhein nicht vorhanden. Südwestafrika, dieses große, fast menschenleere Land bietet in den Augen von Heinrich jedoch die Möglichkeit, die er sich wünscht, um mit seiner Familie ein zufriedenes Leben führen zu können.

Südwestafrika wurde vom Deutschen Reich gezielt als Rohstoff- und Arbeitskräftereservoir sowie als Absatzmarkt für heimische Industrieprodukte erobert. Das Finanzkapital sah hier die Möglichkeit, rasch große Profite zu machen. Deshalb erwarb auch Lüderitz den Landstreifen an der Atlantikküste von Südwestafrika, wo er seine Handelsniederlassung gründete. Diesen Landstreifen übernahm wenig später ein Konsortium von deutschen Großbanken von Lüderitz, der in Geldnot geraten war. Deutsche Unternehmen beuteten diesen Küstenstreifen und das Land, das noch erworben wurde und danach mit dem Lüderitzgebiet die Kolonie Deutsch-Südwestafrika bildete, privatwirtschaftlich aus. Ausbeuten will Heinrich das Land seiner Träume aber nicht. Sein Bestreben ist, für das Land etwas Positives zu schaffen. Er will mit den Einheimischen friedlich zusammen leben, sich um Völkerverständigung kümmern. Sein Wunsch ist es auch, den Volksgruppen in Südwest die Möglichkeit zu bieten, an dem Wohlstand, den er sich durch seine Leistung erwirtschaften will, partizipieren zu können. Vorstellungen, wie er im fernen Afrika erfolgreich beginnen kann, hat er. Pläne sind genug vorhanden. Aber Dr. Göring (er ist Vater von Hermann Göring, dem Reichsmarschall und späteren Stellvertreter Hitlers) hat gerade den Schutzvertrag mit Maharero abgeschlossen, und da waren noch die Kämpfe mit den Hottentotten; ein unruhiges Land also, in das sich bisher auch nur wenige Deutsche trauten. Auch der Schutz, den Göring namens des Deutschen Kaisers versrochen hat, steht nur auf dem Papier. Noch gibt es keine deutschen Soldaten im Land; auch hat Hendrik, der Häuptling der Witboois, es abgelehnt, einen Vertrag mit den Deutschen zu unterschreiben. Seinen Feind Maharero hat er sogar davor gewarnt. Im April 1888 greifen die Witboois die Hereros erneut an. In der deutschen Kolonie herrscht also Krieg; somit ist es unmöglich, dort momentan ein neues, friedliches Leben zu beginnen. Im Übrigen fehlt auch noch die Zugverbindung von der Küste ins Hinterland. Der gesamte Überlandtransport erfolgt mit Ochsenwagen. Erst nach einer Rinderpest entschließt sich das Deutsche Reich eine Bahnstrecke vom Hafen Swakopmund nach Windhuk zu bauen. Im September 1897 beginnt dann eine Eisenbahnbrigade mit dem Bau. Zu dieser Zeit ist Heinrich mit seiner Frau aber schon lange im Land seiner Träume.

1887 wurde Heinrich Vater. Seine Frau Barbara gebar eine Tochter, die sie Ina nennen. Nun, im Jahre 1889, denkt er daran, beiden eine neue Heimat zu geben. Der Zeitpunkt für den Aufbruch in die neue Welt rückt näher. Er möchte endlich das realisieren, was er sich einmal vorgenommen hat. Da auch die deutsche Kolonie Südwestafrika eine Schutztruppe bekommen soll, sieht er keine Gefahr mehr für seine kleine Familie sich dort für immer niederzulassen. Ein Vermessungs- und Forschungsoffizier namens Curt von François ist von der Deutschen Kolonialgesellschaft beauftragt worden, eine Schutztruppe aufzubauen. Curt von François entstammt einer französischen Hugenottenfamilie, der 1689 in Brandenburg Asylrecht gewährt wurde. Es war Nicolas le François, ein Tuchfabrikant, der sich in Cölln auf der Schlossfreiheit (heute Berlin) niederließ und Jahre später nach Frankfurt/Oder zog. Später wurde die Familie von Kaiser Joseph II geadelt. – Curt von François übernimmt Anfang Juni 1889 auf Teneriffa eine kleine Truppe, die er nun beabsichtigt, zum Schutz der Interessen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Südwestafrika einzusetzen. Es ist eine Truppe von 21 Soldaten; 8 Soldaten stammen aus der kaiserlichen Armee, 13 sind Freiwillige. Diese kleine Privatarmee soll nun unter staatlicher Führung Polizeiaufgaben in Südwest erledigen. Eine Erweiterung dieser Kompetenz ist nicht geplant. Ende Juni landet die Truppe im Hafen von Walvis Bay, der unter englischer Hoheit steht. Anfang Juli errichtet Curt von François sein Hauptquartier in Otjimbingwe. – Otjimbingwe ist zu dieser Zeit Hauptstadt von Deutsch-Südwestafrika. Der kleine Ort, der am Zufluss des Omusema-Flusses in den Swakop-Fluss liegt (beide führen nur zeitweise Wasser), spielte aber schon vorher eine Rolle in der Geschichte von Südwest. Er war Sitz des Zeraua-Königshauses der Hereros. Otjimbingwe war zudem öfter Zufluchtsort für die Herero-Führer, so für Maharero, aber auch Schauplatz der Raubzüge anderer Stämme von Südwest. Die Rheinische Mission hatte dort viele Jahre vor Besitznahme der Deutschen bereits eine Missionsstation. So wurde die Rheinische Missionskirche, die es heute dort noch gibt, im Jahre 1867 erbaut. – Im Herbst 1890 verlegt Curt von François seinen Sitz weiter ins Landesinnere, in die zerstörte Missionsstation Klein-Windhuk, wo er mit dem Bau der Feste Groß Windhuk beginnt, die man dann auch zur Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Südwestafrika erhebt. 1891 wird er Reichskommissar von Südwestafrika …Viele Wochen vorher betrat Heinrich mit seiner Familie den Boden von Südwest. Im Spätsommer des Jahres 1890 hatte er mit ihr den Niederrhein verlassen.

Wir schreiben also das Jahr 1890, als Heinrich seinen Vater anspricht. „Vater, die Zeit ist gekommen. Ich verlasse mit meiner Frau und deiner Enkelin Deutschland.“ Heinrichs Vater ist geschockt, als er eines Morgens das hört. Es ist Erntezeit und jede Hilfe wird gebraucht. Kein Wunder, dass er gerade zu diesem Zeitpunkt über den Entschluss seines Sohnes, die alte Heimat zu verlassen, nicht begeistert ist. Auch seine Frau will partout nicht wahrhaben, dass ihr Sohn den Niederrhein, das Fleckchen Erde auf dem seine Vorfahren schon Jahrhunderte siedelten, verlässt. Ein Land, in dem sich einst die Römer wohlfühlten, ein Land mit alter Kultur. Die Löwenzahnweiden im Frühling, die zeitlos sind, die vielen Wasserburgen, die meistens versteckt in der Landschaft liegen, dieses grüne Land mit langer Geschichte in dem es Weidevieh gibt, das es in seiner Vielartigkeit in Südwest sicherlich nicht gibt, soll nicht mehr seine Heimat sein? Sie kann und will es nicht verstehen. Aber was zieht ihn denn nach Südwest, ein Land, das vor wenigen Jahren kaum jemand kannte? Es muss also etwas sein, was das bewirkt. Aber was, das wird sie nie erfahren.

Heinrich packt mit seiner Frau Barbara mehrere Kisten mit Kleidung und Hausrat voll. Von Gladbach aus wollen sie mit dem Zug nach Bremerhaven fahren, wo sie beabsichtigen, an Bord eines Dampfschiffes zu gehen, das sie nach Südwestafrika bringt. „Vater, kannst du uns mit der Kutsche zum Bahnhof von Gladbach bringen?“ „Ist es soweit?“, fragt sein Vater, dem es schwerfällt, überhaupt ein Wort zu sprechen, denn er weiß, was vor ihm steht, ein Abschied für immer. Er kämpft mit sich, um die Worte, die er neben der Frage gerne noch sagen möchte. Ihm fehlt die Kraft dazu aber. „Ja“, antwortet Heinrich. Es dauert eine Weile, dann sagt auch sein Vater nicht leichten Herzens: „Selbstverständlich bringe ich euch zum Bahnhof.“ Weitere Worte kommen jedoch nicht über seine Lippen. Er kann nichts mehr sagen, er hat ein Kloß im Hals. Auch Heinrichs Mutter, die einige Worte mitbekam, ist nicht in der Lage, etwas zu sagen. Erst am Abend fragt sie ihren Mann, um mehr als das, was sie akustisch gerade noch verstand, zu erfahren. Aber der winkt nur ab. Sie ist hartnäckig, drängt ihn immer wieder, sich zu äußern, denn es ist ihr Sohn, der Erstgeborene, der das Haus für immer verlassen will. „Meine Liebe, ich wollte es dir nicht sagen, aber in drei Tagen ist es bereits soweit.“ „Nein, bitte sage, dass es nicht wahr ist.“ „Doch, meine Liebe. Nichts hält ihn zurück. Er sieht für sich und seine Familie am Niederrhein keine Zukunft mehr. Es ruft Südwest.“ Heinrichs Mutter bricht in Tränen aus. Sie ist nicht fähig, zu ihrem Sohn zu laufen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, was sie gerne möchte. Sie weiß, dass er, wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, auch realisiert. Aber, ist Südwest wirklich das gelobte Land, das er sich vorstellt? Südwest, ist das das Land, das ihn glücklich macht? Südwest, ist das das Land, das für ihn und seine Familie Zukunft bedeutet? Sie bezweifelt es.

Morgens in der Früh wird die Kutsche mit all den Sachen beladen, die Heinrich mit seiner kleinen Familie mit auf die große Reise nehmen will. Alles befindet sich in den Kisten, die er mit seiner Frau Barbara drei Tage vorher vollgepackt hat. Als Heinrich sich von seiner Mutter verabschieden will, sagte diese: „Mein Sohn, das brauchst du hier nicht zu tun. Ich fahre mit zum Bahnhof“, und schon sitzt sie auf dem Bock neben ihrem Mann, während Heinrich und seine Frau Barbara auf den hinteren Sitzen Platz nehmen, wobei Barbara die kleine Ina auf den Arm nimmt. Schnell erreichen sie den Bahnhof von Gladbach, den Ort, der zwei Jahre vorher (1888) seinen Namen geändert hat. Nun trägt er den Namen München-Gladbach – 1950 ändert der Ort erneut den Namen. Er heißt Mönchen Gladbach; diese Schreibweise wird 1960 in Mönchengladbach umgewandelt – Vor dem Bahnhof von München-Gladbach werden die Kisten abgeladen. Sie sind schwer. Heinrich hat Mühe, mit seinem Vater die vollgeladenen Kisten auf den Bahnsteig zu bringen. Es dauert eine Zeit, bis sie es geschafft haben. Nun warten alle auf den Zug. Heinrich hält die Hand seiner Mutter fest. Immer wieder wendet sie sich zu ihm, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Es wird das letzte Mal sein, wo sie dazu die Möglichkeit hat. Nur, jetzt in den letzten Minuten des Zusammenseins möchte sie nicht daran denken. Dann kommt der Moment des Abschiednehmens, für sie zu plötzlich und viel zu schnell. Der Zug fährt ein, der Zug, durch den eine Familie auseinandergerissen wird.

Heinrich drückt seine Mutter fest an sich. Sie weint. Mit tränenerstickter Stimme sagt sie immer wieder: „Bitte, bitte, bleib‘ hier. Hör‘ auf deine Mutter, bitte … bleib‘ hier.“ „Mutter, du kennst mich doch … Ich kann nicht … Und wie sagt der Volksmund: Reisende soll man nicht aufhalten.“ Er lächelt ein bisschen dabei, als er die letzten Worte sagt. „Ja, ich weiß … Aber … es ist schrecklich, dich zu verlieren.“ „Du wirst mich nicht verlieren. Wir bleiben in Kontakt, auch wenn es nur schriftlich sein wird.“ „Eben, nur schriftlich …“ Sie schluckt. Tränen laufen über ihre Wangen. Heinrich hält sie noch immer fest in seinen Armen und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. In diesem Moment hält der Zug vor ihnen. – Der Gepäckwagen befindet sich am Ende des Zuges. Noch einmal wird die Manneskraft von Heinrich und seinem Vater gefordert. Sie tragen die schweren Kisten nach hinten, wo die Schiebetür des Gepäckwagens geöffnet ist. Mit Hilfe des zuständigen Mannes im Gepäckwagen wuchten sie die Kisten in den Wagen, wo wiederum ein anderer Mann sie entgegennimmt und in eine Ecke schiebt. Geschafft. Heinrich geht sofort zu seiner Mutter, um sie erneut in die Arme zu nehmen. Sie bleiben so lange eng umschlungen stehen, bis der Bahnhofsvorsteher das Zeichen zur Abfahrt gibt. In den letzten Minuten vor der Abfahrt hält auch Heinrichs Vater seine Enkelin auf dem Arm. „Opa, werden wir uns wiedersehen?“, fragt die Kleine wie eine Erwachsene, obwohl sie gerade mal 3 Jahre alt ist. „Aber sicher doch … Vielleicht komme ich euch in Afrika besuchen.“ „Oh fein, ich freue mich.“ Er übergibt seine Enkelin der Mutter, die sich mit einem festen Händedruck bei ihm dafür bedankt, dass er ihre Tochter so lange auf dem Arm gehalten hat. „Schwiegervater, es ist soweit … auf ein Wiedersehen in Afrika“, sagt Barbara, wendet sich noch kurz ihrer Schwiegermutter zu, um ihr zum Abschied die Hand zu reichen, und steigt dann mit Ina auf dem Arm in den Zug. Heinrich hatte erst Sekunden vorher seine Mutter aus seinen Armen gelassen, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Eine kurze Umarmung, ein Händedruck, noch einmal der Körper der Mutter an sich drücken, ihr zum letzten Mal einen Kuss auf die Stirn geben, dann steigt auch er in den Zug, der sich schon langsam in Bewegung gesetzt hat. Er läuft zum Abteilfenster, reißt es runter, und reckt sich weit raus, um so lange zu winken, bis er seine Eltern nicht mehr sieht. Auch diese winken dem Zug so lange nach, bis er außer Sichtweite ist. Was alle in diesem Moment nicht ahnen, sie werden sich nie wiedersehen.

Barbara, Heinrich und Ina sitzen in einem Abteil Dritter Klasse. Es sind harte Sitze, bestehend aus Holzlatten, auf denen sie Platz genommen haben. Ekelhaft ist, dass sie vor einem Spucknapf sitzen, der seit Tagen nicht gereinigt worden zu sein scheint. „Nicht hingucken“, meint Heinrich, als er sieht, dass es seiner Frau übel wird. „Das Personal scheint sehr vergesslich zu sein, sonst wäre der Napf nicht so versaut, wie er jetzt aussieht.“ „Bitte, sprech‘ nicht darüber. Mir dreht sich jetzt schon alles im Magen rum, da möchte ich nicht auch noch hören, welche Schweinerei sich vor mir befindet“, erwidert Barbara und schaut durchs Fenster, um die Landschaft, die ihr die Möglichkeit bietet, auf andere Gedanken zu kommen, vorbeigleiten zu lassen.

Auf dem Weg nach Bremerhaven fahren sie durch die Norddeutsche Tiefebene. Sie lassen das Abteilfenster geschlossen, um das Eindringen von Rußpartikeln der Dampflok zu verhindern. Alle schauen aber nach draußen. Keiner spricht jedoch ein Wort. Sie wollen genießen, was die Augen erfassen. Es ist ein grünes Land mit Weiden; vereinzelt sieht man Bauernhöfe, die von hohen Bäumen umgeben sind. Die Bauart der Gehöfte kennt Heinrich nicht. Das, was er sieht, ist neu für ihn. „Die Bauernhäuser hier sehen ganz anders aus als bei uns am Niederrhein“, meint er. „Schatz, gräfteumgebene Bauernhöfe gibt es aber auch bei uns“, antwortet Barbara darauf. „Schon, aber am Niederrhein nicht so viele wie hier, bei denen auch noch rote Ziegelsteine in ein Eichenfachwerk eingefügt sind.“ „Woher willst du wissen, dass es Eichenfachwerk ist? Es kann doch auch Fachwerk aus einer anderen Baumart sein.“ „Kann, aber Eiche ist das bevorzugte Holz für so etwas, allein schon wegen seiner Härte.“ „Wenn du meinst.“ „Ich mein‘ es nicht, ich weiß es.“ „Schön … aber, mein lieber Mann, womit beschäftigen wir uns hier eigentlich. Wir sollten doch besser daran denken, was vor uns liegt, statt uns über Bauernhäuser zu unterhalten … Guck mal da, eine Windmühle, an der wir gerade vorbeifahren … Bitte, jetzt aber kein Vergleich mit unseren Windmühlen ziehen und nicht über den Baustil der Bauernhäuser sprechen, der eine ganz anderer ist, wie du siehst, Dächer, die nur wenige Meter vom Boden spitz nach oben verlaufen. Zudem haben diese Häuser ein großes Tor in der Mitte. Das reicht. Ich möchte nichts von dir hören. Nur, … es wird Zeit mal darüber zu reden, wie unser Haus in Südwest aussehen soll. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht?“ Nein, Heinrich hat sich noch keine Gedanken darüber gemacht. Er will erst in Südwest sein, sich die Gegend ansehen, wo sie siedeln werden, und sich dann entscheiden, wie Wohnhaus und Stallungen zu bauen sind. Es wird allerdings noch Wochen dauern, bis es so weit ist. Nun müssen sie erst einmal Bremerhaven erreichen und sehen, mit welchem Schiff sie die alte Heimat verlassen können. Nichts ist geklärt, was ihnen jetzt erst bewusst ist. Sie befürchten Schwierigkeiten, die auf sie zukommen könnten. Auf der Fahrt durch die norddeutsche Landschaft Richtung Seehafen möchten sie sich aber trotzdem nicht damit beschäftigen, was sein wird wenn …

2

In Bremerhaven am Kai stapeln sich die Kisten der Auswanderer. Auf den meisten steht mit Kreide geschrieben: New York. Nur wenige tragen den Vermerk: Südwest. – Die deutsche Kolonie Südwestafrika hat noch keinen eigenen Hafen. Im Süden gibt es zwar Angra Pequena (erst seit 1921 Lüderitzbucht genannt), aber dieser Naturhafen liegt weit im Süden, ist kaum besiedelt und besitzt keine Kais. Es ist ein Landvorsprung, der die Bucht, die mehrfach gegliedert ist, gegen die Dünung des Ozeans schützt. Selten geht hier ein Schiff vor Anker. Swakopmund ist da anders. Aber diesen Haupthafen der deutschen Kolonie gibt es noch nicht. Erst zwei Jahre später (1892) wird er 1 km nördlich der versandeten Mündung des Swakop-Flusses gegründet.

Barbara läuft in Bremerhaven nervös am Kai hin und her. Nichts ist geregelt. Ihr Mann sitzt mit der Tochter auf einer ihrer Kisten und grübelt: Was ist schiefgelaufen? Die Antwort zu finden, muss ihm doch eigentlich leichtfallen. Er hat sich um nichts gekümmert, nur gedacht, einfach den Zug besteigen und alles Weitere läuft von selbst. Aber es läuft nicht alles von selbst; da muss man sich schon bemühen, um etwas in die Richtung zu lenken, wo man das findet, was einen zufriedenstellt. Hat er das verlernt? Wahrscheinlich! Schöner Start ins neue Leben also! Und nun? „Willst du eigentlich nichts unternehmen, damit es weitergeht? Du kannst doch nicht da herumsitzen und nichts tun.“ Heinrich schreckt auf, als seine Frau plötzlich vor ihm steht und diese harten Worte zu ihm sagt. „Jaja, ich weiß. Aber …“ „Was aber?“ „… Aber einer muss uns sagen, welches Schiff den Hafen Richtung Afrika verlässt. Und dann, wir müssen wissen, wann wir an Bord gehen können, wenn man schon unsere Kisten einfach hierhin stellt." „Das wird uns sicher auch einer sagen. Nur, du musst dich schon erheben, um dich auf den Weg zu machen, um einen zu finden, von dem wir das alles erfahren.“ Murrend erhebt sich Heinrich und überlässt Barbara seinen Sitz auf der Kiste. Ina bleibt sitzen und guckt ihre Eltern nur an. „Ich bin weg.“ Schnell entfernt sich Heinrich und kommt erst nach zwei Stunden zurück.

Es dunkelt, als er mit einem Matrosen wieder erscheint. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Alles bestens … Wir dürfen schon heute an Bord. Morgen früh wird der Anker eingeholt und unsere Reise in die Zukunft beginnt. Das Schiff wird Walvis Bay anlaufen, die englische Enklave in Südwest. Was wollen wir mehr. Wenn wir dort ankommen, wird uns bestimmt einer helfen, um die Reise fortsetzen zu können.“ Anker einholen? Nicht Taue lösen? Hier stimmt was nicht, geht’s Barbara durch den Kopf. Sie macht sich aber keine weiteren Gedanken darüber, sondern sagt nur: „Du strahlst, bist also sicher, dass alles so laufen wird, wie du es dir wünscht. Schön wär’s … Oh, entschuldigen Sie, ich habe Sie noch nicht begrüßt, guten Abend …“ „Guten Abend“, erwidert der Matrose und reicht Barbara die Hand. „Aber …“, der Matrose zeigt auf die Kisten, „… diese Kisten sollen wir jetzt zum Schiff bringen? Ich glaube, es ist besser, ich besorge eine Karre, damit wir auf dem Weg, den wir zum Schiff noch zurücklegen müssen, diese schweren Kisten, wie ich vermute, nicht tragen müssen.“ Kaum gesprochen, ist der Matrose auch schon verschwunden, um eine halbe Stunde später wieder mit einer großen Handkarre zu erscheinen.

Die Kisten liegen auf der Karre, die von Heinrich und dem Matrosen gezogen wird. Bald erfährt Barbara auch, die Ina auf dem Arm trägt, warum man den Anker einholen muss und nicht die Taue gelöst werden müssen. Das Schiff liegt nicht im Hafenbecken, sondern ankert ziemlich weit draußen. Es ist eine norddeutsche Schraubenfregatte, ein Schiff mit drei voll getakelten Masten, das weit über 20 Jahre auf den Buckel hat. Ohne Aufbauten würde man in der Mitte des Rumpfes deutlich einen Schornstein sehen können, der jetzt durch die Takelage verdeckt wird. Deshalb erkennt Barbara auch nicht sofort, dass es sich hier um ein Dampfschiff handelt und nicht um einen reinen Segler. Sie stellt sich aber die Frage: Ist es überhaupt ein Passagierschiff oder handelt es sich hier um ein Frachtschiff, mit dem sie die lange Reise antreten. Und sein Äußeres? Nicht gerade ein Schiff, das beeindruckt und anregt, eine Seereise zu machen. „Mit diesem Schiff sollen wir fahren? Und, ist es überhaupt seetüchtig?“, fragt Barbara. Die Frage galt Heinrich, aber der Matrose antwortet. „Meine Dame, mit dieser Fregatte fahren wir seit vielen Jahren über die Meere, meistens nach Südafrika. Sie hat viele Stürme überstanden und uns ist nie etwas passiert dabei.“ „Wie eine alte Fregatte sieht sie auch aus. Bestimmt leidet sie bereits unter Altersschwäche, so wie ihr Äußeres erscheint.“ „Sie können beruhigt sein, an Altersschwäche leidet sie noch nicht, dafür sorgen wir, die Besatzung, schon.“ „Haben Sie denn überhaupt Passagiere an Bord?“, will nun Barbara wissen. „Ja, zwei Familien haben die Passage nach Südwestafrika gebucht, wie Sie. Und, ich gehe davon aus, dass sie mit allem, was das Schiff bietet, zufrieden sein werden. Für Sie hoffe ich es auch, denn Sie bekommen eine separate Kabine. Sie haben also die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, um ungestört zu sein, somit mehr, als den beiden anderen Familien geboten wird.“ „Das klingt ja vielversprechend. Hoffentlich ist es auch so und die Seefahrt verläuft entsprechend.“ „Gehen Sie davon aus. Die Crew sorgt für Ihr Wohlbefinden und speisen werden Sie mit dem Kapitän. Er legt großen Wert darauf, dass es seinen Passagieren gutgeht.“ – Als sie nun in ein Boot steigen, um von dem Matrosen zur Fregatte gerudert zu werden, flüstert Barbara Heinrich ins Ohr: „Ich hoffe, du hast alles Finanzielle geklärt.“ „Sei beruhigt, unsere Barmittel reichten, um die Passage bezahlen zu können. Auch bleibt uns noch genügend Geld für den Start in Südwestafrika übrig“, antwortet Heinrich leise. „Ich verlasse mich darauf“, erwidert Barbara, als sie die Strickleiter erfasst, um an Bord der Fregatte zu steigen. Oben angelangt, wird sie vom Kapitän freudig empfangen. „Bitte, die Tochter nur nach oben reichen“, ruft er Heinrich zu, der gerade im Begriff ist, mit Ina auf dem Arm auf der Strickleiter hochzusteigen. Er befolgt, was ihm geraten wird. Ina ist oben, nun steigt er nach und wird mit einem Handschlag vom Kapitän auf Deck ebenfalls freudig empfangen. Nachdem auch ihre Kisten im Laderaum verstaut worden sind, zeigt man ihnen die Kabine. Sie ist geräumig. Für drei Personen gerade richtig. Auch eine große Schale mit Wasser gefüllt gibt es, die für die Körperpflege wichtig ist. Es stellt sich in den nächsten Tagen auch heraus, dass das Schmutzwasser täglich durch Frischwasser ersetzt wird.

Am nächsten Tag, früh in den Morgenstunden, ein lautes Geräusch, als ob eine ganze Kompanie von Soldaten mit eisenbeschlagenen Schuhen über Deck laufen würde. Verursacht wird das Geräusch durch das Einholen des Ankers. Dann folgen laute Geräusche, die sich wie Donner anhören. Das Schiff wird dabei regelrecht durchgerüttelt. Diesmal ist es die Dampfmaschine im Innern des Schiffes, die das verursacht. Sie setzt die Schiffsschraube in Gang. Aus dem Schornstein steigt schwarzer Rauch in den Himmel, die Schiffsglocke läutet und die Fregatte nimmt langsam Kurs auf die Deutsche Bucht. „Das kann ja heiter werden, wenn wir das von nun an jeden Morgen haben“, meint Barbara. „Meine Liebe, es wird halb so schlimm sein. Unterwegs wird auch alles ruhiger verlaufen, denn, wenn die Maschine einmal läuft, dann läuft sie. Diesmal musste sie gestartet werden, wodurch die unangenehmen Geräusche verursacht wurden. Nun läuft die Maschine, und wir werden diese Geräusche bestimmt nicht mehr hören.“ „Deine Worte in Gottes Ohr.“

Leider verläuft die Seefahrt nicht so, wie es sich die junge Auswandererfamilie gewünscht hat. Das tägliche Dinner mit dem Kapitän genießen sie zwar, aber die andauernden Geräusche aus dem Maschinenraum empfinden sie als sehr störend, zumal sie auch nachts zu hören sind, und sie dadurch keinen Schlaf finden. Die übrigen Passagiere sind nette Leute. Wie sie sind es Bauernfamilien aus dem Rheinland, wie sie wollen auch sie ein neues Leben in Südwest beginnen.

Das Schiff fährt durch die Straße von Dover und erreicht den Ärmelkanal. Die Mannschaft setzt die Segel. Es geht auf den Atlantik hinaus, mit Kurs auf Madeira. Ruhiges Wetter verspricht zumindest für heute eine angenehme Seefahrt. Eine leichte Brise, die gehissten Segel aufgebläht, der Schiffsbug pflügt die Wellen, alle sind zufrieden. Bei einem wolkenlosen und blauen Himmel ahnt aber keiner, dass noch an diesem Tag statt Zufriedenheit Angst und Schrecken an Bord herrschen wird. Wenige Seemeilen vor Madeira geschieht nämlich etwas, womit auch der Kapitän nicht gerechnet hat. Ganz plötzlich bricht die Hölle los. Es ist ein Sturm, den man um diese Jahreszeit nicht erwartet hat, der das bewirkt. Die komplette Mannschaft hat so einen noch nie erlebt. Wellen schlagen über Deck, der starke Wind zerreißt die Segel, die nicht rechtzeitig eingeholt worden sind; alles was nicht festgebunden ist, wird von Deck gerissen und verschwindet für immer in der Gischt. Die Fregatte wird zum Spielball der Naturgewalten. Mal wird sie hochgehoben, mal ins Wellental gedrückt. Die tobende See zeigt kein Erbarmen. Zu spüren bekommen es auch die Passagiere des Schiffes, die alle noch keine Seefahrt mitgemacht haben. Und nun muss ihnen etwas passieren, was sie das Fürchten lehrt. Barbara denkt an die Gruselgeschichten, die ihr ihre Eltern oft erzählten. Schiffe, die im Sturm sinken und dabei Menschen mit in die Tiefe reißen, aus der sie nie mehr auftauchen. Soll das jetzt auch mit ihnen geschehen? Erlebt sie das, was sie von den Gruselgeschichten her kennt? Sie darf nicht weiter darüber nachdenken.

Schwarze Wolken bedecken den Himmel. Hagel, so dick wie Tennisbälle, die aber sofort wieder von Deck gespült werden, prasselt nieder. Ein Rauschen und Donnern, das nicht aufhören will, geht durchs Schiff. In den Kabinen klammern sich alle an das, was Halt verspricht. Heinrich hat vorsorglich die Wasserschale vom Wandtisch genommen. Nun sitzt er mit Barbara und Ina vor dem Bett und das Wasser in der Schale vor ihm auf dem Boden schwappt bei jeder Welle, durch die das Schiff in Schräglage gerät, über den Rand und nässt ihn. Um auf dem Kabinenboden nicht hin- und hergerissen zu werden, hält er sich an der Bettkante fest, so wie es auch seine Frau und seine Tochter tun. Eine Möglichkeit, die Wasserspritzer aus der Schale zu verhindern, hat er also nicht. Sie sind auch nicht schlimm; schlimm ist jedoch, dass es Barbara übel wird. Sie übergibt sich mehrmals. Ihr Magen ist schließlich leer, sie würgt aber weiter. Nun muss sie erfahren, was es heißt, seekrank zu sein. Von einer lustigen und schönen Schiffsfahrt kann man hier also nicht sprechen. „Will die Höllenfahrt denn kein Ende nehmen“, kommt es stockend über ihre Lippen. „Liebste, nicht sprechen …“ Mehr kann Heinrich nicht sagen. Er versucht dem Drang zu widerstehen, sich auch zu übergeben. Nur Ina scheint alles nichts auszumachen. Sie schaut sogar auf das, was der Magen ihrer Mutter freigegeben hat, ohne dass man bei ihr überhaupt ein Anzeichen von Übelkeit sieht.

Die Fahrt durch die Hölle soll noch lange dauern, obwohl im Maschinenraum alles getan wird, damit man schnell aus der Zone des Schreckens kommt. Es fehlen die Segel, die zerfetzt nur noch an den Masten hängen. Madeira, die Insel, an der sie vorbeifahren, ohne dass sie etwas von ihr sehen können, liegt schon hinter ihnen, als die Nacht hereinbricht, der Sturm aber noch nicht nachgelassen hat. Keiner auf dem Schiff schläft in dieser Nacht. Erst gegen Morgen ist der Spuk vorbei. Die Sonne scheint. Die See ist ruhig. Sie zeigt, dass sie nicht nur Unheil bringen kann, sondern auch friedlich ist, und das ist sie bis zum Erreichen der Walvis Bay.

Die Fregatte erreicht die Kanarischen Inseln. Vor der Insel Teneriffa wird der Anker heruntergelassen. „Meine Herrschaften“, beginnt der Kapitän während des Dinners seine Erklärung für den nicht vorgesehenen Zwischenstopp, „… wir müssen hier vor Anker liegen, um die zerfetzten Segel zu erneuern. Es wird drei Tage dauern, dann werden wir wieder Segel setzen und die Reise fortsetzen ... Wenn Sie wollen, kann einer der Matrosen Sie an Land bringen, damit Sie sich die größte Insel der Kanaren, vor der wir liegen, mal ansehen können. Die Stadt, die Sie vom Schiff aus sehen, heißt Santa Cruz. Es lohnt sich. Falls Sie es tun, lassen Sie sich auch mit der Kutsche nach Güimar oder Arico fahren; von dort haben Sie einen schönen Blick auf den Teide, dem mit über 3.700 Meter Höhe höchsten Berg dieser Inselgruppe.“ Für Barbara und Heinrich ist es eine Empfehlung, der sie gerne nachkommen.

Barbara, Heinrich und Ina sitzen in einem Boot, das von einem Matrosen gerudert wird und sie zum Hafen von Santa Cruz bringt. Dort legt der Matrose kurz an, lässt sie aussteigen und sagt: „Bitte, denken Sie daran, in 5 Stunden hole ich Sie hier wieder ab.“ Er legt sich wieder in die Riemen und rudert zurück. Die übrigen Passagiere sind der Empfehlung nicht nachgekommen. Sie bevorzugen, von Deck aus den schönen Blick auf die Insel und die Stadt zu genießen.

In Santa Cruz sehen sich die Ausflügler die Hafenanlagen an, finden eine kleine Hafenkneipe, die ihnen zusagt, um etwas zu trinken, und fragen den Wirt nach einer Kutsche, die sie an der Küste vorbei zum nächsten Fischerdorf bringen kann. Da sie aber der Sprache der Inselbewohner nicht mächtig sind und der Wirt wiederum die deutsche Sprache nicht versteht, versuchen sie sich beim Wirt unter zu Hilfenahme der Hände verständlich zu machen. Die Hände helfen, der Hafenwirt versteht, was sie wollen. Er zeigt in eine Richtung, wo in einer Entfernung von etwas mehr als 100 m eine Kutsche zu sehen ist, die anscheinend auf Fahrgäste wartet.

Eine knappe Stunde später sitzen sie in der Kutsche. Die Fahrt geht wunschgemäß entlang der Küste. Allen tut sie gut nach der Seefahrt durch die Hölle. Sie fahren nach Güimar … Das Ortsbild von Güimar wird von Fischern und ihren Booten bestimmt. Unweit des Ortes befindet sich ein fast 280 m hoher Vulkankegel, den die Einwohner Montana Grande nennen. Vom Ort aus ist der Pico de Teide gut zu sehen. Sein Anblick ist so faszinierend, dass Barbara und Heinrich kaum den Blick von ihm lassen können, nachdem sie im Fischerdorf eine Taverne fanden und sich dort unter einem schattenspendenden Strohdach mit ihrer Tochter niedergelassen haben. Bei einem Glas Wein und Fruchtsaft für den Nachwuchs lassen sie nun die Seele baumeln. Sie vergessen dabei fast, dass sie ja noch rechtzeitig im Hafen von Santa Cruz sein müssen, um wieder zu ihrem Schiff gebracht zu werden. Die Kutsche, mit der sie gekommen waren, steht nicht mehr zur Verfügung. Andere Gäste haben sich mit ihr nach Santa Cruz bringen lassen. Zum Glück gibt es aber noch andere Kutschen in Güimar, die auf Gäste warten. So können sie sich erst einmal zurücklehnen, um in Ruhe ihre Gläser zu leeren. Sie genießen die Minuten, die sie unter dem Strohdach der Taverne verbringen. Ohne in Hektik zu geraten, verlassen sie auch die Taverne, um sich von einem Kutscher erneut durch die wunderschöne Landschaft der Kanaren kutschieren zu lassen. In Santa Cruz bleibt ihnen sogar noch genug Zeit, um Hausrat für ihr zukünftiges Heim zu kaufen.

Pünktlich zur vereinbarten Stunde erscheint der Matrose mit dem Boot, das sie zum Schiff zurückbringt. Wieder an Bord stellen sie fest, dass man zwischenzeitlich die zerfetzten Segel von der Takelage entfernt hat. Neues Segeltuch liegt auf den Planken des Decks. Im Laufe des Tages haben es Matrosen in Santa Cruz besorgt. Nun sind sie dabei, aus ihm Segel herzustellen.

Als die Gäste abends mit dem Kapitän beim Dinner sitzen, sagt dieser: „Meiner Herrschaften, zwei Tage dauert es noch, dann werden wir Kurs auf die Kapverden nehmen.“ „Zwei Tage und nicht eher?“, fragt Heinrich. „Nein, zwei Tage, das ist schon Rekordzeit. Die Crew tut schon alles, damit es schnell weitergeht.“ Warum auch die Eile? Bei herrlichem Wetter und einer leichten Brise muss es doch schön sein, sich von Deck aus Teneriffa anzusehen. Ja, bis auf Heinrich genießen es auch alle Passagiere, Ihn zieht es ins gelobte Land, in das Land seiner Träume, wohin er schnellstens will.

Wie der Kapitän sagte, zwei Tage später werden die neuen Segel gesetzt, die Kanaren verlassen und es wird Kurs auf die Kapverden genommen. Der Wettergott meint es besonders gut mit ihnen. Blauer Himmel und eine leichte Brise, die die Segel aufbläht, macht den Aufenthalt auf Deck angenehm. Keiner der Passagiere hält sich deshalb in der Kabine auf, zumal die Geräusche, die man dort hört und die aus dem Maschinenraum kommen, nichts für empfindliche Ohren sind. Heizer, die der Maschine Kohle als Energiequelle zuführen, sorgen zwar dafür, dass das Schiff durch Maschinenkraft mehr Fahrt aufnehmen kann, aber alle hätten es lieber, wenn der Wind, der sich in den Segeln fängt, das Schiff nur antreiben würde. Leider ist das nicht möglich, wenn man schneller vorankommen will. Als ein Matrose den Gästen das erklärt, sehen sie es ein.

Abends beim Dinner kommt die folgende Frage auf, mit der man eigentlich nicht mehr rechnen konnte: Was hat das Frachtschiff geladen? Der Kapitän gibt die Antwort: „Wir haben im Frachtraum, wo auch Ihr großes Gepäck untergebracht ist, Schwellen für den Bau der Eisenbahnstrecke in Südwest von der Küste ins Landesinnere geladen, dazu Kleidungsstücke und Hausrat für die Siedler. Beliebt sind Solinger Klingen bei den Siedlern, aber auch bei den Briten in der Walvis Bay. Deshalb haben wir auch viele volle Kisten dieser aus Stahl bestehenden geschliffenen Stücke eines Messers im Frachtraum.“ Heinrich schmunzelt, als er das hört. Solinger Klingen so zu erklären, das ist ihm nämlich neu. „Und, hat der Sturm nicht alles im Laderaum durcheinandergebracht?“, fragt er nun. „Herr Schmitz, wir haben dafür gesorgt, dass alles fest verstaut ist, so dass es kein Chaos im Laderaum geben konnte.“ Alle am Tisch hören das gerne, denn alle denken an ihr großes Gepäck, das im Laderaum hätte beschädigt werden können.

Die Fregatte erreicht die Kapverden, eine Inselgruppe an der westafrikanischen Küste, die aus zwei Teilen besteht, 1441 von Genuesen entdeckt wurde und seit 1456 zu Portugal gehört. Unter Volldampf und mit gehissten Segeln geht’s durch die Kanäle, die die Gruppe teilen; rechts liegt die Gruppe über dem Winde, die die Portugiesen Barlavento nennen und links die Gruppe unter dem Winde, von den Portugiesen Sotavento genannt. Wegen der Dürre, die hier herrscht, sind alle Inseln nur dünn besiedelt. Für den Kapitän also ein Grund, hier nicht Anker zu werfen.

Die Kapverden liegen hinter ihnen. Die Fregatte ist weit auf den Atlantik hinausgefahren. Weiterhin mit gehissten Segeln und Dampfkraft lässt sie Seemeile für Seemeile hinter sich. Der Ozean zeigt sich von der friedlichen Seite. Man sieht nur einige Wolken am Himmel. Hin und wieder lassen sie etwas Regen ab. Schlechtwetterboten lassen sich aber nicht ausmachen. – Ascension, diese britische Insel mitten im Ozean, ist das nächste Ziel, wo die Fregatte allerdings für einen Tag vor Anker geht. Ascension besteht aus jungvulkanischem, pflanzenlosem Gestein. Im einzigen Ort der Insel, Georgetown, leben gerade mal 200 Menschen, dazu gibt es noch eine Garnison. 1501 wurde die Insel von Portugiesen entdeckt und 1815 von Briten in Besitz genommen. Von hier aus kontrollierten sie den Seeverkehr Richtung St. Helena, wo Napoleon I in Haft saß. „Es lohnt sich nicht, ein Boot zu Wasser zu lassen, um Sie zur Insel zu bringen“, sagt der Kapitän zu seinen Passagieren, „… Es ist ein trostloses Eiland. Wir machen hier auch nur einen kurzen Zwischenstopp, um der Mannschaft mal einen Tage Ruhe zu gönnen.“ – Nach einem Tag Ruhepause ist das Schiff auch wieder unterwegs, Richtung St. Helena.

Ein Südostpassat weht. Meistens erfolgen diese Passate hier auf dem Ozean sturmartig, diesmal ist es aber nur ein starker Wind. Der Kapitän freut sich darüber, denn er möchte nämlich nicht, dass seine Passagiere das erleben, was er schon zwischen Ascension und St. Helena erlebt hat. – Früh morgens hören alle die Schiffsglocke. Heinrich, wie auch die beiden anderen Familienväter der Auswanderer, stürmen an Deck, wo sie vom Kapitän empfangen werden. „Meine Herren, es ist nichts passiert. Ich will Ihnen nur die berühmte Insel Sankt Helena zeigen, auf der Napoleon von 1815 bis 1821 inhaftiert war. Es war aber eine angenehme Haft. Er hatte Bedienstete und wohnte komfortabel in einem Haus auf der 600 m hohen zentralen Ebene, die die Briten Longwood nennen.“ „Wem gehört die Insel?“, will nun Heinrich wissen. „Sie ist seit 1673 in britischem Besitz und wurde bis 1834 von der Englisch-Ostindischen Kompanie beherrscht.“ Als nun auch die Frauen auf Deck erscheinen, erzählt der Kapitän mehr über die Insel, an der die Fregatte langsam vorbeisegelt (Die Heizer hatten einen Tag vorher die Kohlezufuhr für den Heizkessel der Maschine eingestellt. Der Passatwind reichte, um das Schiff schnell voranzubringen) Nun erfahren alle, dass die Insel, die 1522 von den Portugiesen entdeckt wurde, von 1645 bis 1673 von Holländern besetzt war. Der ehemalige Holzreichtum sie verschwunden, sagt der Kapitän weiter. Es gäbe heute Ackerbau, der jedoch unbedeutend sei, und Viehzucht auf der Insel. Von der Hauptstadt Jamestown würden sie nichts sehen, da sie gerade an der Ostküste vorbeisegelten, und die kleine Stadt läge auf der westlichen Seite. Aber die Berge, die die Insel beherrschen und bis über 800 m hochragen, würden ein eindrucksvolles Bild von ihr abgeben … Und so ist es. Trotz des frischen Windes, der ihnen ins Gesicht bläst, genießen alle den Blick auf die Insel. Viel zu schnell ist sie wenig später auch aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Die Fregatte nimmt direkten Kurs auf Walvis Bay. Es dauert noch einige Tage, bis sie dort ankommt. Als das Schiff auf die Bucht zufährt, erblicken alle den Union Jack auf einer Anhöhe, was bedeutet, dass sie sich der britischen Enklave nähern. Hier ist für alle Auswanderer die Seereise zu Ende; von hier aus wollen sie so schnell wie möglich in die neue Heimat, die Südwest heißt, weiterreisen.

3

Die Walfischbucht (Walvis Bay) wurde von den Portugiesen entdeckt. Viele Jahre später, 1795, lag dann in der Bucht ein britisches Kriegsschiff vor Anker, danach kamen britische Händler in die Bucht, die mit der Urbevölkerung Handel betrieben. Es entstand eine Siedlung, die sich nach 1850 schnell vergrößerte. 1878 nahm die britische Krone die Siedlung und die Bucht in Besitz. – Als die Fregatte jetzt an der Pelikan-Spitze vorbei in den Naturhafen einfährt, sind alle Auswanderer auf Deck, um mitzubekommen, wie sie sich langsam der Kaianlage nähert und um die Luft der neuen Heimat genießerisch einzuatmen. Da, wo ein Jahr vorher das Schiff mit der deutschen Schutztruppe unter Führung des Hauptmanns Curt von François anlegte, legt jetzt die Fregatte mit den Auswanderern an. Barbara und Heinrich sind begeistert von dem, was sich vor ihren Augen auftut. Es reizt sie, von Bord zu gehen. „Ah, Familie Schmitz …“ Barbara und Heinrich erschrecken, als sie die Stimme des Kapitäns plötzlich hinter sich hören. Ina, die neben ihnen steht, zeigt jedoch keine Reaktion. „… Sie werden bald Gelegenheiten genug haben, sich dieses wunderschöne Land anzusehen“ „Wir hoffen es“, meint Heinrich daraufhin. „Sie werden es. Besonders der Kleinen wird es gefallen. Diese Weite, ich kann sie nicht beschreiben … Aber jetzt was anderes; sobald wir festgemacht haben, beginnen wir auch schon mit dem Kran, den Sie vor uns sehen, die Entladung vorzunehmen. Für Sie gibt es im Ort einige Gästehäuser, wo Sie übernachten können, denn Sie werden heute sicher keinen Ochsenkarren finden, mit dem Sie zur Swakopmündung, die über 30 km nördlich von hier entfernt liegt, weiterreisen können.“ „Swakopmündung? Ochsenkarre?“, fragt Heinrich überrascht. „Ja, Herr Schmitz. Da, wo sich bereits einige Siedler niedergelassen haben, ist die Stelle, wo die zuständige Einwanderungsbehörde für Deutsch-Südwestafrika ein Büro hat. 1884 setzte dort die Besatzung des deutschen Kanonenboots „Wolf“ die deutsche Flagge. Danach bauten sich an dieser Stelle einige deutsche Aussiedler, die nicht mehr ins Landesinnere wollten, Häuser. Nun ist man dabei, ein Seebad an der Mündung des Flusses entstehen zu lassen. Vielleicht gefällt Ihnen der Ort, den die Buren heute schon Swakopmund nennen, und Sie wollen nicht mehr weiterziehen … Und, was die Ochsenkarren betrifft, hier in Südwest gibt es keine Eisenbahn … Noch nicht!“ „Oh, das ist nicht gut, trotzdem glaube ich nicht, dass wir in Swakopmund bleiben werden“, erwidert Heinrich.

Während der Entladung der Fregatte bringen Matrosen die Passagiere zu einem ‚boarding-house‘, wie die Briten ihre Pensionen nennen, wo sie ‚bed and breakfast‘ (Zimmer mit Frühstück) buchen. Ihr Gepäck wird in einer Lagerhalle im Hafen untergebracht. Für den nächsten Tag ist im Hafen ein Treffen mit dem Kapitän vorgesehen. Schließlich wollen er und seine Mannschaft sich noch von den Gästen verabschieden. Mit neuer Ladung ist dann die Rückfahrt nach Bremerhaven geplant. Was geladen werden wird, weiß er noch nicht.

Der nächste Morgen. Alle Auswanderer von der Fregatte erscheinen gleichzeitig am Kai des Hafens von Walvis Bay, um sich vom Kapitän und von seiner Mannschaft zu verabschieden und die Weiterreise anzutreten. „Ich wünsche Ihnen allen einen guten Start in der neuen Heimat. Bleiben Sie gesund und helfen Sie dabei, Deutsch-Südwestafrika zum Wohle aller Bevölkerungsgruppen aufzubauen.“ „Wir werden uns bemühen“, erwidern alle erwachsenen Auswanderer gleichzeitig.

Aufgrund der fehlenden Eisenbahnverbindung zwischen Walvis Bay und der kleinen deutschen Siedlung an der Mündung des Swakops, wird das Gepäck der Auswanderer auf Ochsenkarren geladen, auch die Schwellen für eine Eisenbahnlinie, die erst Jahre später verwirklicht werden soll. „Der lange Treck von Ochsenkarren wird sicher mehr als einen Tag brauchen, bis die Swakopmündung erreicht ist. Für eine eventuelle Übernachtung unterwegs befinden sich deshalb Zelte auf einem großen Fuhrwerk. Sie können schnell aufgebaut werden. Ihre Begleitung hilft Ihnen dabei“, meint der Kapitän, als sich der Treck schon in Bewegung gesetzt hat, um entlang der Küste nordwärts zu ziehen.

Langsam, sehr langsam geht’s voran. Es gibt keine befestigte Straße, die nordwärts führt. Immer wieder geschieht es, dass die Räder der Ochsenkarren, die schwer beladen sind mit Hausrat der Auswanderer und Eisenbahnschwellen, im Sand des Pfades entlang des Küstenstreifens der Namib (-Wüste) tief einsinken. Das Vorankommen wird dadurch erschwert und Zeit geht verloren. Im Treck, der von 4 Beamten der deutschen Kolonialverwaltung, die sitzend auf Kamelen und mit Gewehren bewaffnet sind, begleitet wird, helfen alle Männer, damit der lange Treck nicht ganz zum Stehen kommt. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. Es ist nicht die Sonne, die man in Deutschland gewohnt ist. Viele fluchen, wenn erneut die Räder eines Fuhrwerks im Sand einsinken, und das kommt nun oft vor. „Konnte man diesem verdammten Pfad nicht wenigstens einen festeren Untergrund geben, damit man Fuhrwerken ein schnelleres Vorankommen ermöglicht. Ein solcher Pfad muss ja nicht unbedingt gepflastert sein. Aber so etwas wie hier … nein …“, meint Barbara, die sich alles, hoch oben auf einem beladenen Ochsenkarren sitzend, ansieht, was ihr Missfallen findet. – Der Treck hat gerade mal die Hälfte der Gesamtstrecke Walvis Bay – Swakopmund hinter sich gelassen, da bricht auch schon die Dunkelheit herein und die Zelte müssen aufgeschlagen werden. Die begleitenden Beamten des Trecks scheinen aber Erfahrung mit dem Aufbau von Zelten zu haben; schnell haben sie es nämlich geschafft und nicht einmal eine Stunde später können von allen, die sich im Treck befinden, die Zelte bezogen werden. Schlafdecken sind auch ausreichend vorhanden. Sie werden als Unterlage und zum Zudecken gebraucht, denn die Nächte in Südwest sind empfindlich kalt, womit die Auswanderer nicht gerechnet haben.

Die Kolonne, die am nächsten Morgen weiter nordwärts zieht, wird von Namas, durch deren Stammesgebiet sich der Treck gerade bewegt, argwöhnisch beobachtet. Sie trauen sich aber nicht, sich dem Treck zu nähern. Sie folgen in einem größeren Abstand der Kolonne bis zur Swakopmündung. Es sind aber nicht nur die Namas, die ein Auge auf die Kolonne werfen, sondern auch Geier, die über ihr kreisen. „Ob es die auf uns abgesehen haben?“, fragt Barbara Heinrich, der neben ihr auf dem Ochsenkarren sitzt und dabei Ina festhält. „Ich hoffe nicht; wenn, dann schon mehr auf unser Zugtier, das nervös geworden ist“; meint Heinrich und zeigt auf den Ochsen, der die Spur des vorausfahrenden Fuhrwerks verlassen hat. Er hat einfach die Zeichen des Mannes, der als sein Führer neben dem voll beladenen Karren läuft, ignoriert. „Ochsen wissen eben, woher Gefahr droht und wollen nicht die nächste Mahlzeit von Geiern sein“, ergänzt Barbara das, was aus dem Mund ihres Mannes kam. Sie weiß, dass Geier Aasfresser sind, einen kräftigen Schnabel haben und starke Gehfüße. Ihr Kopf ist nackt, bestens geeignet um tief in Leichen eindringen zu können. Wer sagt aber, dass es immer Tierleichen sein müssen, es können doch auch Tiere sein, die noch leben, vielleicht sogar Menschen, geht es ihr durch den Kopf. – Geier zu sehen ist für Barbara sowie auch für Heinrich unheimlich. Wenn schon Geier sie in der Luft begleiten, was kann dann noch Unangenehmeres auf dem Pfad, der zur Mündung des Swakopflusses führt, erscheinen, was sie in Schrecken versetzt? Die Namas, die sie immer wieder sehen, beunruhigen sie nicht, aber das Getier, das sie nun auf dem Boden sehen und das sie nicht kennen, schon. Es sind Skorpione mit ihren langen, gegliederten Hinterteilen, die als Anhang eine bewegliche Giftblase mit Endstachel tragen. Barbara hat schon darüber gelesen. Sie weiß also, dass der Stich eines solchen Bodenbewohners schmerzhaft sein kann. Es gibt Arten, deren Stich für Menschen sogar tödlich ist. Aber die, die sich unter manchen Steinen am Pfad verstecken, sind die es auch? Barbara weiß es nicht und möchte es auch nicht wissen, wenn sie hin und wieder sieht, wie eines dieser abscheulichen Kreaturen unter einem Stein hervorkriecht. Aber welches Getier gibt es in diesem gelobten Land noch, das ihr nicht geheuer ist? Sie wird es noch erfahren. Nur Getier? Nein, es sind auch größere, wilde Tiere, die ihr bald Furcht einflößen werden.

Sie kommen dem Swakop immer näher. Am Rande des Pfades zeigt sich ein Hauch von Grün, das verschiedenem Kleingetier als Lebensraum dient. Überrascht sind alle Auswanderer im Treck, als vor ihnen plötzlich ein paar Trappvögel auftauchen. „Was ist das denn für ein komisches Federvieh?“, fragt Barbara den Begleiter ihres Ochsenkarrens. „Meine Dame, das sind Trappen, die hier selten vorkommen. Als Bodenvögel ernähren sie sich vorwiegend pflanzlich und von Kleingetier. Üppig ist der Pflanzenwuchs hier gerade ja nicht und an Kleingetier mangelt es auch.“ „Aber die abscheulichen, krabbelnden Tiere, die ich an manchen Steinen sah, waren ja nicht gerade wenige.“ „Ach so, … die Skorpione. In großer Zahl tauchen sie hier auch nicht gerade auf.“ „In großer Zahl nicht? Mir reicht’s. Ich schauderte vor Angst, als sie ich sie sah.“ „Das müssen Sie nicht. Solange sie ihnen nicht zu nahe kommen, tun sie Ihnen nichts.“ „Sie haben gut reden.“ – Als nun plötzlich die Namiblerche tiriliert, sind alle im Treck begeistert. Es erinnert sie an die Lerche der alten Heimat. Ursprünglich hatten alle Auswanderer gedacht, die Küste würde ohne Leben sein. Jetzt werden sie eines Besseren belehrt. Vom Küstenpfad aus sehen sie eine Kolonie von Kormoranen; ein paar Tausend müssen es sein. Kormorane leben von Fischen und hier an der Küste der Namib befindet sich eines der fischreichsten Gestade der Welt. Es ist eine Erkenntnis, die fast alle Auswanderer jetzt erst machen. Wenig später dann eine weitere Überraschung. Pelzrobben bevölkern den Strand, womit selbst die begleitenden Beamten der Kolonialverwaltung nicht gerechnet haben, obwohl sie die Strecke Walvis Bay-Swakopmund gut kennen, denn diese Robben leben eigentlich etwas weiter nördlich, am Kreuzkap, da wo es vorgelagerte Felsklippen gibt. Passender für die Gegend hier sind schon die Flamingos, die alle wenige hundert Meter weiter am Strand beobachten können. „Schöne Tierwelt“, meint Barbara. „Ja, aber nur hier am Strand“, antwortet der Begleiter des Ochsenkarrens, als er die Worte von Barbara hört, die nicht für sein Ohr bestimmt sind. „Und warum nur hier am Strand?“, will nun Barbara wissen. „Im Landesinneren gibt es Raubtiere, die auch dem Menschen gefährlich werden können.“ Schöne Aussichten.

Swakopmund, endlich ist der Ort erreicht. Ort? Die Auswanderer sind enttäuscht. Es gibt zwar schon einige Steinhäuser hier, ansonsten sind aber nur Baracken zu sehen. „Das soll Swakopmund sein?“, fragt Heinrich, „… Und der Swakop-Fluss, der hier in den Ozean mündet, das ist doch nur ein Rinnsal.“ Ein Kolonialbeamter, der den Treck begleitete, antwortet darauf: „Das soll Swakopmund werden … Und Rinnsal, der Fluss hat noch Wasser, manchmal steigt es richtig an, nämlich dann, wenn es im Landesinneren kräftig regnet, meistens ist sein Bett aber trocken. Jetzt sehen Sie zumindest etwas Wasser in ihm. Und was den Ort betrifft, wir hoffen, dass sich hier bald viele ansiedeln werden. Es lohnt sich sicher auch, an dieser Stelle den Hafen zu bauen, den wir dringend brauchen.“ – Auf dem sandigen Platz vor einem Steingebäude sammeln sich die Ochsenkarren des Trecks. Hier sollen nun die Auswanderer erfahren, wohin ihre weitere Reise geht, wo man für sie Land vorgesehen hat, das sie erwerben können. – Eine Auswandererfamilie, die mit auf der Fregatte war, entscheidet sich, in Swakopmund, bzw. das, was man Swakopmund nennt, zu bleiben. Sie beabsichtigt, hier eine Pension aufzumachen, da sie gehört hat, dass man vorhat, an der Swakopmündung ein Seebad aufzubauen.

Alles wird von den Ochsenkarren geladen. In einer Lagerhalle aus Brettern finden die Eisenbahnschwellen ihren Platz. Hier sollen sie noch lange liegen bleiben. Kein Zeichen deutet nämlich darauf hin, dass man bald mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke beginnen will. Auch das Gepäck der Aussiedler lagert für einen Tag in dieser Hatte, die eigentlich nur ein größerer Schuppen ist.

Nach einer Übernachtung in einem großen Zelt, das man schon vor Ankunft des Trecks aufgebaut hat, werden alle von einem Beamten der Kolonialverwaltung informiert, wohin für jeden die Reise weitergeht. Wünsche wurden berücksichtigt. So entscheidet sich die zweite Auswandererfamilie fürs westlich Damaraland und bekommt ein Landstück zwischen Otjandjomboimwe und Okahandja zugewiesen, während sich Barbara und Heinrich ein Stück Land wünscht, das etwas weiter nördlich liegt. Sie haben Glück. Ihnen wird Land um Waterberg angeboten, das sie nun gerne in Besitz nehmen wollen. Alle scheinen zufrieden zu sein. Ob es wirklich für jeden das Land ist, das seinen Wunschvorstellungen entspricht, soll sich in seinem Leben noch zeigen.

4

Nach einem weiteren Tag in Swakopmund bewegt sich ein kleiner Treck Richtung Nordost. Er besteht aus zwei Ochsenkarren, beladen mit Hausrat und appertisierten Nahrungsmitteln. Diese Nahrungsmittel, die Verpflegung für die Weiterreise, stammen aus einer Fabrik in Deutschland, wo sie nach dem Verfahren des französischen Kochs François Appert konserviert wurden, um so haltbar gemacht zu werden. Das Appertisieren ist zu dieser Zeit die wirksamste und gebräuchlichste Konservierungsmethode, die auf dem Erhitzen und so Keimfreimachen der entsprechend zubereiteten Nahrungsmittel in geschlossenen Gefäßen unter Ausschluss der Außenluft beruht … Die beiden Ochsenkarren werden von den Familienvätern, die auf einem vorderen Querbrett des Karrens sitzen, gelenkt, während es sich die Familienmitglieder auf den Karren auf den Kisten mit dem Hausrat bequem gemacht haben. Die Begleitung des Trecks besteht aus zwei bewaffneten Beamten, die auf Kamelen reiten und zwei Scouts aus dem Stamm der Bergdamaras, die den Treck zu Fuß begleiten. Jede Familie verfügt über ein Gewehr mit ausreichend Munition. Die Kolonialverwaltung hat sie ihnen gegeben, da es marodierende Hereros auf ihrer Wegstrecke geben soll. Die Beamten der Kolonialverwaltung haben den beiden Familien jedoch nahe gelegt, von den Gewehren nur in einem absoluten Notfall Gebrauch zu machen. Die Bergdamaras, durch deren Gebiet sie ziehen, sollen sich friedlich verhalten. So ist es auch, wie alle im Treck wenig später erfahren werden. Sie gehören zur Urbevölkerung, die durch die Namas aus ihrer Heimat verdrängt wurden. Die deutsche Mission hat die Damaras nach ihrer Verdrängung in dem Land, das nun ihren Namen trägt, angesiedelt, wo sie Ackerbauern und Viehzüchter wurden.

Der Treck bewegt sich durch die Namib auf die Große Randstufe zu. Es ist die Kante der Hügelkette, die die niedrigere Wüstenregion entlang der Küste vom Hochplateau des Landesinneren trennt. Der Wüstenstreifen bis zur Großen Randstufe ist verhältnismäßig schnell durchquert. Danach steigt das flache Land an und es geht nur noch langsam vorwärts. Der Treck befindet sich aber nun im westlichen Grasland, da, wo es eine reichere Tierwelt gibt als in der Namib.

Während sich die Ochsenkarren weiterhin langsam fortbewegen, sitzt Ina neben ihrer Mutter auf einer Kiste und schaut von oben des Fuhrwerks auf die Landschaft und die Geschöpfe der Wildnis, die sich beim Herannahen nicht von der Stelle rühren. Sie verlassen sich auf ihre Tarnfarbe, die sich von der der umgebenden Vegetation kaum unterscheidet … Die Pad, wie jede Art von Weg hier genannt wird, ist ein Trampelpfad, auf dem viele ihren Weg ins Landesinnere nahmen. Auf einer solchen Pad befindet sich auch jetzt der kleine Treck. Es sind Springböcke und Oryx-Antilogen zu beobachten. Sie scheinen in dem kleinen Treck keine Gefahr für sich zu sehen, sonst wären sie geflüchtet. Ina zeigt immer wieder in eine Richtung und sagt zu ihrer Mutter: „Mama, da Tiere.“ Barbara freut sich darüber, dass ihre Tochter ein Auge für die Natur hier hat und erklärt ihr, was das für Tiere sind. Einige der Tiere kennt sie nämlich aus Büchern, die sie über ihre neue Heimat gelesen hat. Nun erlebt auch sie die Tierwelt von Südwest, die sie fasziniert.