Mit Napoleon nach Moskau - Egon Harings - E-Book

Mit Napoleon nach Moskau E-Book

Egon Harings

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Beschreibung

Eine Familiengeschichte in der Zeit Napoleons. In diesem Buch wird auch ausführlich über die Kriegszüge Napoleons berichtet, wie der Russlandfeldzug, die Völkerschlacht von Leipzig und Napoleons Niederlage bei Waterloo.

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mit Napoleon nach Moskau

Egon Harings

© 2022 Egon Harings

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Paperback

978-3-347-60969-3

Hardcover

978-3-347-60975-4

e-Book

978-3-347-60978-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autorverantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Prolog

Die Harings‘, eine Familiengeschichte. Während der napoleonischen Zeit verlassen zwei Brüder ihre Heimat Flandern, kommen in die Eifel, heiraten dort und bleiben auf dem Bauernhof ihrer Schwiegereltern in der Nähe von Schleiden, wo jeder von ihnen eine Familie gründet. Der Familienname Harings fasste so in Deutschland Fuß.

Das niederländische Wort Haring in die deutsche Sprache übersetzt heißt Hering und Heringe werden von Fischern auf See gefangen. Also mussten der Vater der beiden Brüder und seine Vorfahren dem Namen nach Fischer sein, die in der der Hafenstadt Zeebrugge, die an der Mündung des Brügge-Seekanals in die Nordsee liegt, wohnen. Zeebrugge ist heute eine Stadt mit ca. 3.000 Einwohnern und nach Ostende der wichtigste Fischereihafen Belgiens.

In der Familienchronik, die vor vielen Jahren unter dem “Titel Freud und Leid einer Familie“ veröffentlicht wurde, erhielten die Nachfahren der beiden Brüder den Namen Fischer, der in Deutschland ein bekannter Name ist. Es war Absicht, um eine Verbindung zum Namen Harings, den in Deutschland sicher noch viele Menschen tragen, zu vermeiden. Diesmal wird aber bewusst der Name Harings übernommen, da man den eigenen Namen ja nicht unbedingt verleugnen muss.

Die Kleinstadt Schleiden in der Nordeifel kam ins Spiel, weil es dort Fischzuchtanstalten gibt, die es dort sicher schon vor über 200 Jahren gab; also musste diese Stadt damals der Vorstellungswelt der beiden Brüder entsprechen, um sich dort am Fluss mit dem Namen Olef, im heutigen Naturpark Nordeifel, niederzulassen und zu heiraten. Der Ort wurde 1230 erstmals genannt, wurde 1575 Marktort und 1856 Stadt. 1443 bis 1593 gehörte der Ort den Grafen von Manderscheid-Blankenheim, dann den Grafen von der Mark, 1773 bis 1794 dem Herzog von Arenberg, kam 1794 zu Frankreich und wurde im Jahre 1815 nach der Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege bei Waterloo preußisch. Also passte jetzt alles, um mit dem Schreiben dieses Romans zu beginnen.

1

Es wird das Jahr 1789 geschrieben. Es ist ein heißer Sommer. In Paris gehen die Menschen auf die Straße, während man in Flandern noch nichts von dem Sturm merkt, der bald ganz Europa erfassen soll. Die Harings‘, eine Familie, die in Zeebrugge lebt, sichern ihr Dasein durch Fischfang. Die Erträge, die der Fischfang einbringt, sind jedoch kärglich. Enno, was “der mit dem Schwert kommt“ heißt, ist das Familienoberhaupt der Familie. Oft fährt er mit seinen beiden ältesten Söhnen hinaus auf die Nordsee, um für den Lebensunterhalt zu sorgen. Die Fische, die er mit dem Netz fängt, um sie danach zu verkaufen, reichen kaum um eine Familie zu ernähren.

Die Sonne brennt vom Himmel. Schon frühmorgens ist Enno mit seinen beiden Söhnen Yannick und Till auf die Nordsee hinausgefahren. Yannick, sein ältester Sohn, ist gerade 16 Jahre alt geworden, Till, der jüngere, ist 14 Jahre alt. Die Namen Yannick und Till hatte er mit seiner Frau ausgesucht, weil sie ihnen gefielen. Es sind eigentlich häufige Namen in Flandern, die für viele auch eine besondere Bedeutung haben. Yanick, in Deutsch Yannick oder Janik geschrieben, ist eine Ableitung des bretonischen Wortes Jannick, was übersetzt Johannes heißt. Johannes wiederum ist der Name eines Apostels und Evangelisten, den viele Päpste trugen. Till heißt “Herrscher des Volkes, zum Volk gehörig“. Und Till gehört zum flämischen Volk, das weiß Enno. Oft hatte er als kleiner Junge nämlich zu ihm gesagt: „Papa, ich bin Flame, werde immer Flame bleiben und nicht sein wie Yannick, der in die große Welt hinaus will.“ Leider soll sich alles mal ändern. Aber das ahnt die Familie jetzt noch nicht.

Das Netz ist wieder ausgelegt. „Hoffentlich wird es heute ein guter Fang“, sagt Enno zu seinen Söhnen, als das Netz im Wasser verschwindet. Es ist eine ruhige See, noch, denn am Horizont erscheinen bereits die ersten dunklen Wolken. Es sind schwere Gewitterwolken, die wenig später ihr Wasser ablassen. Es sind richtige Sturzbäche, die vom Himmel fallen. Petrus meint es nicht gut mit den Fischern, die sich auf See, vor der Küste von Flandern, befinden. „Verflucht sei Poseidon, dieser Gewittergott, dieser griechische Gott des Meeres, der uns dieses Unwetter schickt.“ „Vater, was schimpfst du, was benutzt du für Worte. Wir sind Christen, wir benutzen keine Worte aus der griechischen Götterwelt“, erwidert Yannick. Er sieht dabei jedoch voller Angst zum Himmel, von wo aus sich ein Blitz nach dem anderen zwischen Wolke und Wasser entlädt. „Mein Junge, ich hoffe nur, dass Gott Gnade zeigt und uns verschont, denn was von oben auf uns jetzt niederkommt, ist die Hölle. Unser Boot läuft voll Wasser und die Gefahr besteht, dass wir sinken.“ „Vater, Till und ich helfen dir beim Wasserschöpfen. Gemeinsam schaffen wir es sicher, dass wir nicht sinken“. Und so ist es. Trotz eines aufkommenden Sturms, der jetzt noch dazukommt, gelingt es den drei Menschen, mit letzter Kraft das Schlimmste zu verhindern. Als sie wenig später an der rettenden Mole anlegen, atmen alle drei auf.

Es ist ein hartes Leben für die Harings‘, dazu kommt noch die Fremdherrschaft, die die Familie nicht gerne sieht, sowie es viele Menschen im Lande auch tun. Flandern war aber nie ein freies Land gewesen. Im Jahre 1482 begann die Herrschaft der Habsburger über das Land, seit 1556 war es sogar deren spanische Linie. 1648 wurde das Gebiet Seeländisch-Flandern an die Generalstaaten, die Niederländische Republik, abgetreten. Im Pyrenäen-Frieden von 1659 wurde das Artois, eine Grafschaft, die 1493 an Habsburg gefallen war, und die südflämischen Gebiete im Frieden von Aachen 1668 und von Nimwegen 1678, französisch. 1714 wurde dann der Teil von Flandern, der sich unter spanischer Herrschaft befand, österreichisch, die Österreichischen Niederlande bis 1793. Als 1793 die Truppen der Ersten Französischen Republik in Flandern einfallen, sieht Enno die Möglichkeit für ein freies Flandern. Er ahnt nicht, dass die französische Schreckensherrschaft, die bis ins Jahr 1794 anhält und erst mit der Hinrichtung Robespierres endet, auch in Flandern Fuß fassen wird.

„Die Zeit unter den Österreichern war schon nicht schön, die Zeit, in der wir jetzt im Jahre 1794 sind, ist jedoch schlimmer, sie ist grausam“, sagt Enno zu seinen jetzt erwachsenen beiden ältesten Söhnen. „Vater, Robespierre, der Diktator, der nach dem Sturz der Girondisten im vergangenen Jahr führendes Mitglied des Jakobinerklubs war, ist hingerichtet worden. Sein Kult des Höchsten Wesens hat ein Ende gefunden, sein Terror, der nur solange von den Bürgern des Landes hingenommen wurde, wie es von der Heeren der ersten Koalition ernsthaft bedroht war, gibt es nicht mehr. Seinen Kopf hat die Guillotine vom Rumpf getrennt. Es ist die Köpf-Maschine, die im Jahre 1792 vom Konvent eingeführt wurde, nachdem der Arzt Joseph Ignace Guillotin als Mitglied der Nationalversammlung am 10. Oktober 1789 einen die Todesstrafe und ihre Ausführung betreffenden Antrag gestellt hatte.“ „Ja, Yannick“, erwidert Enno, während Till kein Wort sagt, sich nur ruhig anhört, was sein Bruder sagt. „… Ich hab‘ von diesem Arzt gehört“, fährt Enno fort, „… der das Fallbeil erfand. Aber …“ „Vater, bevor du weitersprichst, ich muss dir da widersprechen. Eine ähnliche Maschine, wie die Guillotine, kannten bereits die Perser und Römer, und in Italien wurde eine ähnliche Maschine schon vorher bei Hinrichtungen von Adligen eingesetzt. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nannte man im Mittelalter ein der Guillotine ähnliches Instrument Diele, Dolabra oder Hobel. In England wendete man im 17. Jahrhundert eine Köpf-Maschine, the gibbet, in Schottisch the maid, die Jungfer, an. 1791 wurde auf den Bericht des Sekretärs der Wundärzte, Antoine Louis, eine der englischen Köpf-Maschinen ähnliche Maschine durch den deutschen in Paris wohnenden Mechaniker mit Namen Schmitt hergestellt. Anfangs wurde diese Maschine in Frankreich nach dem eigentlichen Urheber Louisette oder petite Louison genannt. Also war Guillotin nicht der Erfinder dieser Maschine.“ „Yannick, du weißt ja mehr als ich über dieses grausame Mordinstrument, das hoffentlich nicht weiter zum Einsatz kommt, zu berichten.“ „Vater, man wird sicher die Guillotine weiterhin einsetzen. Die Franzosen haben daran Gefallen gefunden und Franzosen sind wir jetzt auch. Aber nur noch für kurze Zeit, denn bald wird es ein freies Flandern geben.“ „Ja, mein Sohn, wir sind jetzt Franzosen und das werden wir bleiben. Eine Fremdherrschaft hat die andere abgelöst. Wir werden daran nichts ändern können. Und da hört man auch schon von einem jungen Mann, der sich bei der Belagerung von Toulon auszeichnete und zum Brigadegeneral befördert wurde. Er soll Napoleone Buonaparte heißen, sein Name jetzt aber geändert haben. Buonaparte ist ein korsischer Name und auf Korsika, wo er geboren wurde, spricht man nicht Französisch. In Ajaccio wurde er geboren, in Frankreich besuchte er allerdings die Kriegsschule. Es war in Brienne, wo er sich ab 1779 ausbilden ließ. 1786 wurde er Unterleutnant in Valence, dann folgten Paris, Douai und Auronne. 1789 wurde er Oberleutnant in Grenoble. Nach dem Tod seines Vaters soll er in bedrängte Lage gekommen sein, wie ich hörte, und trat anfangs für Paoli, den Vorkämpfer der korsischen Freiheit, gegen das siegreiche Frankreich ein. Als er aber 1792 den Sturz von Louis XVI mit ansehen musste, ahnte er schon, dass er eine freie Bahn für seinen Ehrgeiz in der hereinbrechenden Anarchie hat, und wählte Frankreich zu seinem Vaterland. Er wurde zwar als Freund des jüngeren Robespierre verhaftet, befindet sich jetzt aber wieder auf freiem Fuß, was nichts Gutes bedeutet. Er ist nämlich ein Mann, der nach Macht strebt. Ich fühle es. Er wird einmal ganz Europa in eine Katastrophe führen. Und wir träumen von einem freien Flandern? Mein Sohn, das können wir vergessen. Wir können froh sein, wenn wir unsere Sprache überhaupt noch sprechen dürfen.“ „Vater, du musst nicht alles so Schwarz sehen. Bald werden wir freie Flamen sein, ein freies Volk in einem freien Land. Ich bin davon überzeugt und das solltest auch du sein.“ Yannick ahnt in diesem Moment nicht, dass er mal mit seinem jüngeren Bruder an der Seite Napoleons kämpfen wird, kämpfen als Franzose und nicht als Bürger eines freien Landes, das man Flandern nennt.

2

August 1795. „Yannick, Till, Nachrichten aus Paris. Der junge Mann, der sich Napoleon nennt, wurde im vergangenen Monat aus der Offiziersliste gestrichen. Man sagt, dass er nun ärmlich und zurückgezogen in Paris lebt.“ „Vater, das ist uns scheißegal. Wir leben in Flandern und möchten, dass sich dieses Land vom französischen Joch befreit.“ „Yannick, das wollen wir doch alle. Unsere Hoffnung kann jetzt nur sein, dass die Royalisten in Frankreich wieder an die Macht kommen, denn es rumort in der Republik. Vielleicht kommt es auch bald in der französischen Republik zu einem royalistischen Aufstand.“ „Und ihr meint, die Royalisten siegen und Flandern wird dadurch ein freies Land werden“, mischt sich jetzt Till ins Gespräch ein, „… Ihr seid Träumer. Flandern war nie frei und wird es auch in Zukunft nicht sein, dafür sorgen schon die Mächte, die in Europa das Sagen haben.“ Till soll mit seiner Meinung richtig liegen, so richtig, dass sein Vater und sein Bruder daran nicht denken möchten. Ein Jahr zuvor ist Robespierre mit 92 Anhängern enthauptet und die Schreckensherrschaft damit beendet worden und die Gemäßigten im Konvent haben die Oberhand bekommen; für Flandern hat sich aber nichts geändert. Der revolutionäre Club der Jakobiner ist aufgelöst worden, das Revolutionstribunal in Paris ist aufgehoben, die ausgestoßenen Girondisten sind aber als Reaktionäre in den Konvent zurückgekehrt und beabsichtigen nicht, auf Gebiete, die vor nicht allzu langer Zeit neu unter französischer Herrschaft kamen, zu verzichten. Französische Truppen sind siegreich. Sie gewinnen die Niederlande und das Rheinufer und haben Preußen im April 1795 zum Frieden von Basel gezwungen.

Der 5. Oktober 1795, Napoleon erhält die Gelegenheit, als Verteidiger des Konvents einen royalistischen Aufstand in der nördlichen Provinz Vendée niederzuschlagen, was er auch zur vollen Zufriedenheit der momentanen Machthaber in Frankreich schafft. Am 23. September ist jedoch eine Direktorial-Verfassung verabschiedet worden, woraufhin sich der Konvent nun im Oktober, nach der Niederwerfung der aufständischen Royalisten, auflöst und dem Direktorium Platz macht. Die neue Regierung, das Direktorium unter Lareveillière-Lépeaux, Letourneur, Rewbell, Carnot und Barras, begünstigt jetzt die Kriegspolitik, und erreicht durch Zahlungen des besiegten Auslands den Finanzen Frankreichs auszuhelfen.

Nach der Niederwerfung des Aufstandes wird Napoleon Divisionsgeneral und erhält am 27. Februar 1796 formell den Oberbefehl der italienischen Armee, den er dann Mitte März übernimmt. Im März vermählt er sich auch mit Joséphine, die Witwe des Generals Beauharnais. Mit dem italienischen Feldzug, der im April beginnt, beginnt auch Napoleons Siegeslaufbahn, die ihn, den Erben der Revolution, allmählich zum Herrscher Frankreichs macht.

„Napoleon Bonaparte, der große Heerführer, Napoleon Bonaparte, der Mann der Zukunft, Napoleon Bonaparte, der Herrscher über Europa.“ Es sind keine freudige Worte, die aus dem Mund von Enno kommen. „Napoleon Bonaparte, der mich zwischenzeitlich aber begeistern kann“, erwidert Yannick. „Und mich auch, wenn ich die Soldaten in den schicken Uniformen sehe, die durch Zeebrugge marschieren“, meldet sich Till noch zu Wort. „Ich bin überrascht und kann nur noch hoffen, dass ihr beide keine Soldaten werden wollt.“ „Doch“, kommt prompt die Antwort von Yannick und Till, wie aus einem Mund geschossen. „An Mutter habt ihr wohl nicht gedacht. Soldaten bedeuten Krieg, Krieg bedeutet Tod. Eure Mutter liebt euch, möchte keinen von euch verlieren. Ich hoffe, ihr versteht das.“ „Ja, Vater, Aber Soldat zu sein heißt auch, in die Ferne ziehen zu können, zusammen mit einem großen Mann.“ „Vater, du sprichst von Mutter, dir scheint es damit egal zu sein, was aus uns wird“, meint jetzt Till. „Nein, mein Sohn. Ihr beide seid wichtig für mich. Ich brauche euch, um meine Netze auf See auswerfen zu können. Und was den Mann betrifft, der Napoleon heißt, er ist ein kleiner Mann, kein großer, wie ich hörte.“ „Ach so, du brauchst uns nur, damit wir mit dir auf die See hinausfahren, um dann mit einem kärglichen Fang, der uns kaum ernährt, wieder im Hafen anzulegen. Und Napoleon, den du so verächtlich nennst, er ist zwar von kleiner Statur, er wird aber an Größe gewinnen, wenn man mal seine Körpergröße außer Acht lässt, und viele Herrscher unserer Zeit werden ihn festlich empfangen“, widerspricht Till. „Und ich möchte noch sagen, dass …“ „Kein weiteres Wort mehr“, unterbricht Enno seinen ältesten Sohn Yannick jetzt. „… Widersprüche mag ich nicht, wie du weißt. Und morgen werden wir wieder hinaussegeln, um auf der Nordsee das Fischnetz auszuwerfen. Verstanden.“ „Ja, Vater, Till und ich haben verstanden. Nur, wie es jetzt schon aussieht, werden wir morgen schlechtes Wetter haben. Vielleicht gibt es einen Sturm. Sturm und dann auf einem Nachen, was unser Fischerboot ja eigentlich ist, … ich weiß nicht, ob wir das überleben werden.“ „Ich möchte keinen Widerspruch mehr hören … Wir segeln morgen hinaus.“ „Ja, Vater“, antworten Yannick und Till gleichzeitig.

Der nächste Morgen. In der Ferne sieht man ein paar Wolken am Himmel, von einem Sturm ist aber nichts zu sehen. Noch nicht. Es weht nur ein leichter Wind der ausreicht, um das Segel zu setzen und hinauszufahren. Enno ist optimistisch. Ein solcher Tag wie jetzt, muss den großen Fang ermöglichen, den er sich wünscht, einen Fang, wie er ihn früher immer machte. Es soll aber alles anders kommen. Als sie lossegeln wollen, sehen sie eine Möwe auf einer sandigen Erhebung. Sie scheint sich nicht zu trauen, auf die See hinauszufliegen. Es sieht so aus, als ob sie eine böse Ahnung hätte, dass sich auf dem Wasser das zusammenbraut, was Unheil bringen könnte. Und da gibt es für sie drei Menschen, die es wagen, mit einem Fischerboot auf die raue See hinaus zu segeln, wofür sie kein Verständnis hat, zumal sich am Horizont schon schwarze Wolken einer nicht beeinflussbaren Fügung zeigen. Enno kann sich nicht vorstellen, dass es überhaupt eine Einwirkung einer übernatürlichen, schicksalhaften Macht geben kann. Seine Söhne, die mit im Boot sitzen, ahnen dies zumindest in diesem Moment, als sie das Segel setzen, um auf die Nordsee hinauszufahren.

Die Möwe auf einer sandigen Erhebung

Sie entfernen sich vom Ufer. Das Segel bläht sich auf. Bald ist von der Küste kaum noch etwas zu sehen. „Wir können das Segel einholen und das Netz auswerfen“, sagt Enno zu seinen Söhnen, als sich nur noch ein schmaler Küstenstreifen in ihrem Sichtfeld befindet.

Das Netz ist ausgeworfen. Enno scherzt mit seinen Söhnen und macht sich lustig über die Fischer, die heute nicht zu einem großen Fang hinausgesegelt sind, und das sind die meisten. Nur in einer größeren Entfernung nehmen sie wahr, dass es noch zwei Fischer gewagt haben, ihre Anlegestelle in der Hoffnung zu verlassen, den Fang ihres Lebens zu machen. Sie vermuteten es wahrscheinlich wie Enno und seine Söhne, weil das Wetter dies zu versprechen schien. Ein Wetter wie jetzt verursacht nämlich oft, dass sich Fischschwärme der Küste nähern. Und dies hoffen nun alle Fischer, die hinausgesegelt sind. Keiner von ihnen sieht aber die Wolken, die sich nähern und das Schlimmste befürchten lassen müssen. Die Fischer, die jetzt hinaus auf die Nordsee gesegelt sind, betreiben Küstenfischerei, wie Enno auch. Sie brauchen dazu Treib- und Stellnetze. Angeln werden oft zusätzlich benutzt, wie sie jetzt Enno und seine Söhne auch benutzen. Sie haben aber ein Netz ausgeworfen, ein sogenanntes Wurfnetz, wie sie es öfters beim Küstenfischfang einsetzten.

Dass sich dunkle Wolken näherten, haben sie nicht bemerkt. Oder wollten sie sie nicht sehen, haben sie einfach ignoriert? Als jetzt ein regelrechter Wolkenbruch einsetzt, ist es zu spät. Ihr Fischerboot füllt sich schnell, zu schnell mit dem, was der Himmel von oben schickt. „Himmel, Arsch und Wolkenbruch“, schreit Enno. Wie aus dem Nichts setzt auch noch ein starker Wind ein, der sich im Nu zu einem Sturm entwickelt. Zum Glück ist das Segel eingeholt worden, so dass sich der Sturmwind nicht im Segel verfangen kann. Die Katastrophe, der man hoffte zu entgehen, tritt aber wenig später ein. Mit aller Kraft versuchen die drei Männer das Wasser, das sintflutartig vom Himmel fällt, mit bloßen Händen aus dem Boot zu schöpfen, damit es nicht vollläuft. In voller Verzweiflung versucht Enno dies sogar mit einem der Ruder, die immer an Bord sind und gebraucht werden, wenn sich mal beim Hinaus- oder Zurückfahren auf der Nordsee kein Lüftchen bewegt. Aber ein Ruder zum Schöpfen von Wasser zu benutzen ist sinnlos. Enno weiß es. In seiner Verzweiflung tut er es aber trotzdem, verliert dabei das Gleichgewicht und fällt aus dem Boot in die tobende Nordsee. Yannick und Till können nicht mehr reagieren. Zu schnell geschieht alles. Sie sehen nur noch, wie ihr Vater in dem aufgewühlten Wasser der Nordsee verschwindet. Sein Kopf ragt noch für einen Moment aus dem Wasser, er ruft etwas, was seine Söhne nicht verstehen, dann wird er von der tobenden Nordsee verschluckt und kommt nicht mehr zum Vorschein. „Vater, Vater“, rufen Yannick und Till laut in den Sturm hinaus. Schnell, zu schnell schleicht sich bei ihnen das Gefühl der Hoffnungslosigkeit ein. Sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Das Boot läuft weiterhin voll Wasser, sie drohen zu sinken und das tobende Meer hat ihren Vater verschluckt. „Lieber Gott, hab‘ Erbarmen und steh‘ uns bei“, schreit Yannick, während er mit seinem Bruder nach wie vor versucht, mit den Händen das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Gott hat Erbarmen mit den zwei hilflos scheinenden jungen Männern. Er lässt den Sturm abschwächen und stellt ihn wenige Minuten sogar ein. Auch der starke Regen lässt nach. Nur noch wenige Tropfen fallen vom Himmel, bis er ganz seine Pforten schließt. Yannick und Till sind alleine, alleine auf der Nordsee, deren Wasser wie von Geisterhand geschaffen, nur noch eine glatte Wasseroberfläche zeigt.

Ein leichter Wind weht. „Wir können das Segel setzen. Vater werden wir leider nie wiedersehen“, sagt Yannick zu seinem jüngeren Bruder, während Tränen über sein Gesicht laufen. Till schluchzt nur noch. Er ist nicht in der Lage, überhaupt ein Wort über seine Lippen zu bringen. Auch ihm laufen Tränen übers Gesicht. Er nickt, was heißen soll, dass er einverstanden mit dem Segelsetzen ist. „Ich weiß nicht, wie wir es Mutter sagen sollen, dass Vater nicht mehr lebt, dass die tobende See ihn verschluckt hat“, sagt Yannick noch zu Till, der jetzt aber kurz antwortet: „Du musst es ihr sagen, ich kann es nicht.“

Langsam, sehr langsam nähern sie sich der Stelle, wo sie anlegen können. Es ist der kleine Hafen, wo das Boot immer liegt, wenn es nicht gebraucht wird. Dort angekommen springt Yannick zuerst aus dem Boot, um das Tau, das Till ihm zuwirft, an einem der vorhandenen Poller zu befestigen.

Nachdem das Boot sicher festgemacht ist, machen sich beide auf den Heimweg. Es ist ein trauriger Heimweg, ein Weg der Tränen für beide. Wie sagen wir es nur der Mutter? fragen sich Yannick und Till und keiner von ihnen findet eine Antwort.

„Na, habt ihr gut das Unwetter, das plötzlich hereinbrach, überstanden und einen großen Fang gemacht?“, fragt die Mutter Yannick und Till, als sie zu Hause erscheinen. „… Und wo ist Vater?“, will sie noch wissen. Yannick und Till antworten nicht. „Na, sagt schon was. Wo ist Vater?“ Yannick versucht zu antworten, er kann es aber nicht, während Till Tränen übers Gesicht laufen. „Ist was Schreckliches passiert?“ Ihre Mutter stellt diese Frage voller Ahnung, dass etwas Schreckliches passiert sein muss und bekommt keine Antwort. Es dauert eine Weile, dann antwortet Till. Er schluchzt dabei aber so sehr, dass seine Mutter kein Wort von dem versteht, was er sagen will. „Junge, was ist? … Yannick, dein Bruder kann nichts mehr sagen. Sag‘ du es mir. Was ist passiert? Bitte, bitte … ich möchte es wissen.“ Auch Yannick schluchzt. Voller Schmerz berichtet er jetzt aber über das, was passiert ist. Seine Mutter ist äußerst bestürzt, als sie in wenigen Worten das erfährt, was auf See geschah. Sie zittert am ganzen Körper. Fassungslos und nicht mehr wissend, was sie tun soll, läuft sie in der großen Stube des Hauses, in der sie sich mit ihren beiden ältesten Kindern befindet, hin und her und bekommt einen Weinkrampf. Als sie droht auch noch hinzufallen, nimmt Yannick sie schnell in seine Arme und tröstet sie. Langsam, sehr langsam kommt seine Mutter wieder zur Ruhe, während Till in einer Ecke der Stube hockt und nur noch vor Trauer weinen kann. Kein Wort kommt mehr über seine Lippen. Er ist zu Nichts mehr fähig. Seine Welt hat aufgehört zu bestehen.

3

Yannick und Till haben noch einen Bruder und eine Schwester, die beide jünger sind als sie. Sie trauern jetzt mit ihnen und ihrer Mutter um einen Menschen, der immer im Mittelpunkt der Familie stand. Nun lebt er nicht mehr und dem Land, das man Flandern nennt, steht eine Veränderung bevor, die von vielen nicht gewünscht wird. Napoleon, der junge Korse, hat begonnen Europa zu verändern. Er besiegt während seines Italienfeldzugs die Piemontesen bei Mondovi, die Österreicher bei Lodi und dringt bis Mantua vor, das er im Mai 1796 belagert. Diese Belagerung dauert bis Februar 1797. Entsatzversuche weist er in den Schlachten bei Castiglione, Bassano, Arcole und Rivoli ab, so dass sich die Festung ergeben muss. Nachdem er durch einen raschen Vorstoßt den Papst zum Frieden von Tolentino gezwungen hat, dringt er bis zur Steiermark vor und erzielt am 18. April 1797 den Vorfrieden von Leoben, der am 17. Oktober desselben Jahres dann in Campo Fornio bestätigt wird. Es ist ein kleiner Ort in der italienischen Provinz Udine, in dem Napoleon mit dem österreichischen Staatsmann Ludwig, Graf von Cobenzl den Frieden schließt. Cobenzl war von 1779 bis jetzt österreichischer Gesandter am russischen Hof gewesen. Er stand, bevor er nach Österreich zurückkehrte, bei der Zarin Katharina in hoher Gunst und soll noch als Staatsvizekanzler die auswärtigen Angelegenheiten Österreichs in den Jahren 1801 bis 1805 leiten. Jetzt unterzeichnet er einen Vertrag, der Österreich Gebietsverluste bringt. Österreich muss Mailand, Modena und Mantua abtreten, es erhält dafür aber von dem venezianischen Gebiet Istrien, Dalmatien und das links von der Etsch liegende Land mit der Stadt Venedig, wogegen Frankreich die Besitzungen Venedigs in Albanien und die Ionischen Inseln bekommt. Mit der Bestätigung von Campo Fornio ist die Machtteilung zwischen Österreich und Frankreich, die seit dem Vorfrieden von Leoben bestand, bestätigt worden.

„Ich bin jetzt ein Franzose und werde es auch bleiben“, sagt Yannick zu seinem jüngeren Bruder Till an einem Tag, als das Jahr 1797 zu Ende geht. „Yannick, das wolltest du doch nie sein und jetzt plötzlich diese Kehrtwende.“ „Brüderlein, Napoleon ist die Zukunft. Flandern besteht nicht mehr und hat eigentlich auch noch nie bestanden, jedenfalls nicht als freier Staat. Ich möchte in die französische Armee eintreten. Du solltest es dir überlegen, dies auch zu tun, denn wir sind keine Flamen mehr, wir sind jetzt Franzosen und unser Vaterland heißt Frankreich. Zeebrugge, unser Fischernest, ist jetzt eine französische Gemeinde, falls du es noch nicht wissen solltest. Unsere beiden Geschwister werden sicher Flamen bleiben wollen, wie ich sie kenne und Mutter ist sowieso alles egal, seit Vater tot ist.“

Im Januar 1798 tritt Yannick in die französische Armee ein. Einen Monat später folgt Till. Am Rande von Zeebrugge ist ein Militärlager, in dem sie vorerst kaserniert werden. Sie sind Soldaten Napoleons geworden. Napoleon, ihr Vorbild, hat Wochen vorher die Regierung gegen Angriffe von rechts und links gesichert, indem er 2 Direktoren und 52 Deputierte durch einen Staatsstreich, der am 4. September 1797 erfolgte, verbannen ließ. Nun soll der große Kampf gegen England beginnen, indem er den ägyptischen Feldzug unternimmt, an dem Yannick und Till nicht teilnehmen dürfen, was beide sehr bedauern.

Mit dem Feldzug gegen England in Ägypten will Napoleon Frankreich eine starke Stellung auf dem Weg nach Ostindien schaffen. Am 19. Mai 1798 schifft er sich von Toulon nach Malta ein, das sich am 13. Juni ergibt, und landet am 1. Juli bei Alexandria. Diese ägyptische Stadt fällt dann am 2. Juli. Mit einer arabischen Proklamation verkündet Napoleon nun die Befreiung von der Herrschaft der Mameluken und sichert Achtung vor Religion und Sitte zu. Am 25. Juli zieht er nach einem Sieg bei Gizeh in Kairo ein. Die Vernichtung der französischen Flotte durch die Engländer bei Abukir am 1. August zerstört seine Hoffnung, bald nach Frankreich zurückkehren zu können. Er bleibt vorerst in Ägypten und schlägt vom 21. bis 24. Oktober in Kairo einen Aufstand nieder. Im Februar 1799 rückt er dann einem türkischen Heer entgegen, das sich in Syrien gesammelt hat. Am 6. März fällt Jaffa und am 19. März trifft er vor Akkon ein und belagert die Stadt, die von dem englischen Admiral Sidney Smith verteidigt wird. Napoleon erwartet, dass die Stadt schnell kapituliert. Sturmangriffe der französischen Infanterie unter Befehl von General Albert François Deriot werden aber abgewehrt. Das sich am 16. April nahende osmanische Heer unter Dschezzar Ahmet Pascha wird in der Schlacht am Berg Tabor, ein Berg am Ostrand der Jesreelebene, eine Ebene zwischen den Bergen Galiläas und Samarias, von den zahlenmäßig unterlegenen Franzosen in die Flucht geschlagen. Dschezzar Ahmet Pascha gelingt es aber nach der Niederlage am Berg Tabor Akkon zu erreichen und damit Admiral Sidney Smith bei der Verteidigung der Stadt zu helfen. Anfang Mai trifft dann auf dem Landweg die französische Belagerungsartillerie ein und schießt schnell eine Bresche. Dem folgenden Sturmangriff halten die Verteidiger aber stand, und osmanische Verstärkungen aus Rhodos können angelandet werden. – Hunger und Pest zwingen Napoleon am 17. Mai die Belagerung nach einem letzten, vergeblichen Versuch, in die Stadt einzudringen, aufzugeben und nach Ägypten zurückzukehren, wo er am 25. Juli ein türkisches Heer bei Abukir vernichtet. Am 23. August reist er heimlich ab und übergibt den Oberbefehl an Kléber, der am 20. März 1800 bei Matarijeh den Großwesir Jusuf Pascha schlagen kann und am 14. Juni desselben Jahres in Kairo ermordet wird. Die bedrohlichen Verhältnisse in Frankreich sind der Grund, weshalb Napoleon Hals über Kopf von Ägypten abreist, wo am 1. März 1801 dann eine englische Flotte vor Alexandria erscheinen wird und den neuen französischen Oberbefehlshaber bei Abukir besiegt. Am 2. September 1801 werden die letzten französischen Soldaten noch freien Abzug erhalten und Ägypten verlassen. Bis dahin wird allerdings viel auf dem europäischen Festland geschehen.

„Napoleon, der Eroberer Ägyptens, ist zurückgekehrt. Er ist in Südfrankreich gelandet und befindet sich auf dem Weg nach Paris“, sagt Yannick erfreut zu Till. Schon morgens ging diese Meldung wie ein Lauffeuer durch das Militärlager bei Zeebrugge. „Napoleon der Große ist wieder in Frankreich“, jubeln die Soldaten im Lager. Jetzt warten Yannick und Till nur noch darauf, auch endlich mal mit dem siegreichen Helden Frankreichs ausrücken zu dürfen, um ganz Europa von unliebsamen Herrschern zu befreien. Es werden aber noch Wochen vergehen bis das geschieht. Und ob alle Herrscher unbeliebt sind, gegen die sie ziehen werden, wird fraglich sein.

Frankreich ist durch die zweite Koalition, die sich im Sommer 1798 gebildet hat und aus Russland, Österreich, England, Portugal, Neapel und der Türke besteht, bedroht. Truppen dieser Koalition haben zwischenzeitlich Süddeutschland und Italien erobert. Dies ist der eigentliche Grund, weshalb Napoleon sich gezwungen sah, seine Truppen in Ägypten im Stich zu lassen. Am 9. Oktober 1799 landete er in Fréjus. Am 9. November macht Napoleon nun der in Frankreich immer unbeliebter gewordenen Direktorialregierung, die seit September 1795 besteht, ein Ende. Das Ergebnis dieses Staatsstreichs ist jetzt eine verkappte Monarchie des großen Heerführers, der Napoleon heißt und sich jetzt zum ersten von drei Konsuln für 10 Jahre wählen lässt, womit er de facto die Alleinherrschaft erhält.

„Till weißt du, dass es eine neue Verfassung gibt, die Napoleon als Ersten Konsul die Staatsführung für 10 Jahre gewährleistet, während die beiden anderen Konsuln nur beratende Stimmen haben? Es ist Dezember, wir schreiben noch das Jahr 1799, und Napoleon beginnt mit der genialen Neuordnung des Staates, der die Rechtsgleichheit garantiert. Man munkelt auch, dass es bald gegen die Österreicher gehen wird, und wir werden sicher dabei sein, wir beide in einem französischen Heer, das von Sieg zu Sieg eilt.“ „Bruderherz, kämpfen heißt auch sterben. Hast du keine Angst zu fallen, zu fallen für Frankreich, das eigentlich nicht unsere Heimat sein sollte?“ „Till, wir sind jetzt Franzosen und Frankreich ist unsere Heimat. Flandern ist nur eine kleine, unbedeutende Provinz, die innerhalb eines großen, französischen Staates liegt.“ „Aus Flandern hat man zwei französische Departements gemacht und nicht eine französische Provinz, wie du gerade sagtest; aber Flandern ist und bleibt immer meine Heimat“, widerspricht Till.

Das Jahr 1800. Es ist Anfang Mai, als Yannick und Till das Militärlager von Zeebrugge verlassen. Einen Tag vor dem Verlassen haben sie sich noch von ihrer Mutter und ihren Geschwistern verabschiedet. Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen, als sie von ihr im Elternhaus Abschied nahmen. Ihre Geschwister nahmen es nur zur Kenntnis, ohne ein Wort zu sagen. „Bleibt gesund und gebt Acht, dass euch nichts passiert“, rief sie ihnen aber noch nach, als sie sich vom Haus entfernten.

Noch im selben Monat überqueren Yannick und Till mit der französischen Armee die Alpen. Es geht über einen verschneiten Pass des Großen St. Bernhard. Es ist kalt. Yannick und Till fluchen. Ihre französischen Uniformen bieten nicht den Schutz, den sie gegen die Kälte brauchen. „Der große Napoleon hätte daran denken müssen, dass Soldaten der Infanterie auch frieren können, wenn sie über einen verschneiten Pass marschieren müssen. Mit so einer Ausrüstung, wie er sie uns verpasst hat, scheucht man noch nicht einmal einen Hund vor die Tür, wenn draußen Schnee liegt“, flucht Till. „Ich muss dir recht geben“, erwidert Yannick nur kurz und ist schon in eine verschneite Vertiefung gestapft, aus der er alleine nicht mehr rauskommt. Sein jüngerer Bruder packt ihn unter beide Arme und versucht ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. Es gelingt nicht. Nachfolgende Infanteristen, die zuerst fluchen, als es nicht mehr vorwärts geht, helfen ihm nun murrend, seinen Bruder aus der Vertiefung zu ziehen. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, denn der Pfad, auf dem sie sich befinden, ist schmal, zu schmal, um aneinander vorbeizukommen. Jedes plötzliche Anhalten wird zudem zur Plage bei der Kälte, die herrscht. Die Unachtsamkeit von Yannick verursacht deshalb eine Verärgerung unter den nachfolgenden Infanteristen, weshalb sie das Murren nicht sein lassen können. Keiner hat aber auch beim Anstieg zum Pass damit gerechnet, dass es um diese Jahreszeit noch so kalt sein kann, dass man friert, obwohl davon auszugehen war, dass es in höheren Lagen nicht die Temperatur geben kann, wie in den Niederungen. Kälte und kein Vorwärtskommen, das muss Missmut erzeugen, der nun laut zum Ausdruck gebracht wird: „Vorwärts, nicht stehen bleiben“, schreien viele der nachfolgenden Infanteristen, und andere: „Lahme Enten können wir nicht gebrauchen. Schmeißt sie den Abhang runter.“ Sie wissen nicht, und können es auch nicht wissen, dass ein Kamerad von ihnen nur in ein Schneeloch versunken ist, aus dem er alleine nicht mehr rauskommt. Als es nun weitergeht, klatschen einige, andere rufen laut: „Es geht weiter. Ein Wunder ist geschehen.“ Andere wiederum rufen: „Wir werden in dieser Höhe nicht zu einem Eisklotz. Auch müssen wir hier nicht wie ein Tier verenden.“ Alle sind froh, als Stunden später der Pass hinter ihnen liegt, und das ohne Verluste

Es dauert einige Tage, dann haben sie die Poebene erreicht. Es ist Ende Mai. Der Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen, General Melas, ahnt nichts von Napoleons Nähern. Er befindet sich mit seinen Truppen am oberen Po, um die österreichische Belagerung der Hafenstadt Genua, die von den Franzosen gehalten wird, zu decken. Napoleon wendet sich aber zuerst einmal Richtung Osten, um Mailand, seit 1797 Zisalpinische Hauptstadt, zurückzuerobern. „Ich dachte, wir werden gegen die Österreicher ziehen, stattdessen wird nun Mailand von uns erobert“, meint Till, als er mit seinem Bruder und anderen Infanteristen in die Stadt einmarschiert. „Till, du musst nicht denken. Das tut unser großer Heerführer nämlich für uns, der die Zisalpinische Republik wieder ins Leben rufen will, die die Österreicher vernichtet haben“, erwidert Yannick, während er mit seinem Bruder und anderen französischen Infanteristen durch die eroberte Stadt marschiert. Sie ahnen dabei nicht, dass sie nicht lange in der Stadt bleiben und schwere Kämpfe noch bevorstehen werden.

Am 9. Juni greifen die Österreicher Casteggio an, den Ort in der Provinz Pavia, in dem 222 v. Chr. der römische Konsul Marcus Claudius Marcellus, auch ‘das Schwert Roms‘ genannt, den gallischen Feldherrn Virdumarus tötete. Die Franzosen unter dem Befehl von Napoleon haben eine feste Stellung bei dem Ort Stradella bezogen, wo sie die Österreicher erwarten. Als diese aber nicht angreifen, rückt Napoleon am 13. Juni in die Ebene des Tanaro vor, einem Fluss im Süden des Piemonts, der nach über 270 km in den Po mündet. Napoleon nimmt an, dass sich Melas nach der inzwischen erfolgten Eroberung von Genua in diese Stadt zurückziehen wird, um sich von dort auf der britischen Flotte, die vor der Küste liegt, einzuschiffen. Er schickt eine Division unter dem Befehl von General Louis Charles Antoine Desaix, der sich bei der Rheinarmee und in Ägypten ausgezeichnet hatte, nach Novi Ligure an der Straße nach Genua, um von dort die Lage zu erkunden. Zwei andere französische Divisionen besetzen derweil das Dorf Marengo, eine weitere Division unter Jean Lannes, der zu den engsten Freunden Napoleons zählt, bleibt in der offenen Ebene zwischen Marengo und Castel Ceriolo, während Napoleon sich selbst mit einer Division nach Torre di Garofalo zurückzieht. In dieser Division befinden sich auch Yannick und Till.

Melas, der sich mit seinen Truppen in Alessandria befindet, was Napoleon nicht weiß, hat sich inzwischen entschlossen, die feindlichen Linien zu durchbrechen, um Piacenza zu erreichen. Am 14. Juni beginnt er bei Tagesanbruch den Fluss Bormida, der in der Nähe von Alessandria in den Tanaro mündet, auf drei Brücken zu überqueren. Um 9:00 Uhr greifen die Österreicher dann die Franzosen, die in ihrer Zersplitterung auf eine Schlacht nicht vorbereitet sind, in Marengo an. Der österreichische Feldmarschallleutnant, Karl Joseph von Hadik-Futak, der die erste Hauptkolonne im Zentrum kommandiert, wird bei den schweren Kämpfen um den Bach Fontanone schwer verwundet und von seinen Soldaten nach Alessandria zurückgebracht, wo er dann am 24. Juli stirbt. – Die Franzosen schlagen am 14. Juni die Österreicher zweimal zurück. Es ist Mittag, als es den Österreichern aber gelingt, Marengo zu erstürmen und die Franzosen zum Rückzug zu zwingen. Jetzt erscheint jedoch Napoleon mit der Division Monnier und der Konsulargarde und verstärkt damit die französischen Flügel. Da das Zentrum der Franzosen aber vollständig durchbrochen worden war, zieht Napoleon seine Truppen zunächst langsam zurück. „Ist das Feigheit vor dem Feind?“, fragt Till seinen Bruder, als sie mit der Division Monnier angerückt sind. „Brüderchen, die Feuertaufe erhalten wir beide schon früh genug. Und was deine Frage betrifft: Napoleon weiß schon was er tut.“

General Louis-Charles-Antoine Desaix de Veygous

Melas ist vorerst überzeugt, dass er siegen wird. Eine leichte Verwundung und die Strapazen zwingen den alten Mann jedoch, sich nach Alessandria zurückzuziehen. Hier verkündet er jetzt seinen Erfolg, während sein Generalstabchef, Anton Freiherr von Zach, die Verfolgung des Feindes aufnimmt. Es ist Nachmittag, drei Uhr, als plötzlich Desaix auf dem Schlachtfeld erscheint. Er ist auf seinem Marsch nach Novi von Napoleon zum Schlachtfeld von Marengo beordert worden und greift nun mit 5.000 Soldaten die Österreicher sofort an, während Brigadegeneral Auguste Frédéric Louis Viesse de Marmont, Herzog von Ragusa, der die Artillerie befehligt, die Geschütze auf die vorderste Kolonne der angreifenden Österreicher richten lässt. Desaix wird von einer Kugel tödlich getroffen und die Österreicher versuchen erneut vorzudringen. François-Etienne Kellermann, ein Kavalleriegeneral, der in Metz geboren wurde, durchbricht mit seinen Dragonern die feindliche Flanke und schneidet Zach mit 2.000 Mann ab, so dass er sich mit seinen Männern ergeben muss. Es ist der Moment, wo sich die Schlacht zugunsten der Franzosen wendet. Es ist aber auch der Moment, wo Yannick und Till ihre Feuertaufe erhalten, der Moment nach dem gewünschten Sammeln aller französischen Kräfte, um den Angriff vorzutragen, dem die Österreicher nicht mehr standhalten können und zurückweichen müssen. Die österreichische Reiterei ergreift die Flucht und reißt auch das Fußvolk mit sich fort, so dass Panik ausbricht und sich die österreichischen Soldaten in wirrer Unordnung über den Fluss Bormida zu retten versuchen. Eine ganze österreichische Artillerie fällt in die Hände der Soldaten Napoleons. Weit über 6.000 tote und verwundete Österreicher liegen auf dem Schlachtfeld und 3.000 geraten in Gefangenschaft. Die Zahl der gefallenen und verwundeten Franzosen ist allerdings höher. 7.000 sind zu beklagen.

Als Yannick und Till das Schlachtfeld erschöpft verlassen, fragt Yannick: „Na, Bruderherz, hast du genug Tote und Verwundete, die wir jetzt auf dem Schlachtfeld zurücklassen, gesehen?“ „Yannick, sprich nicht so. Mir ist schlecht und ich kann nicht mehr die Schreie der Verwundeten hören, die noch da liegen, wo noch kurz vorher gekämpft wurde.“ „Brüderlein, daran musst du dich gewöhnen, wenn wir weiterhin noch Soldaten bleiben wollen, vielleicht auch müssen. Mit der Zeit stumpfen Gefühle ab. Auch die unsrigen, und wir empfinden das nicht mehr so grausam, was auf dem Schlachtfeld passiert.“ „Yannick, ich möchte jetzt nichts mehr hören. Sei deshalb bitte still. Und Trost brauche ich jetzt auch nicht. Ich hab‘ auf Menschen geschossen, weiß aber nicht, ob ich welche getroffen habe. Und das ist gut so, denn sonst würde mich mein Gewissen plagen. Und wir beide können froh sein, dass wir nicht mit dem Bajonett vorstürmen mussten, wie viele in unserer Einheit.“ – Es soll aber der Tag kommen, wo das geschieht. Es wird jedoch noch einige Jahre dauern.

4

Yannick und Till sind noch in Zeebrugge als General Moreau im April des Jahres 1800 mit 90.000 Mann den Rhein überquert. Kaum ist das geschehen, kommt es schon zu ersten Kämpfen, jedoch noch zu keiner Schlacht, die erst am 19. Juni bei Höchstädt an der Donau gegen österreichische Truppen erfolgen wird. Die österreichischen Truppen unter dem Befehl des Feldzeugmeisters Paul Kray von Krajowa, die von bayrischen und württembergischen Truppen unterstützt werden, erleiden eine Niederlage und müssen sich mit ihren Verbündeten über Ingolstadt in Richtung Inn zurückziehen. Nachdem Paul Kray von Krajowa entkommen ist, beschließt Moreau die Rückkehr auf das rechte Donauufer. Die Besetzung von Augsburg, München und den Isarbrücken soll Kray zum Rückzug hinter den Inn zwingen und für den Fall eines Waffenstillstands ein Faustpfand sichern. Der Waffenstillstand wird dann tatsächlich am 15. Juli bei Parsdorf, einem Ort 17 km östlich von München, geschlossen und am 20. September in Hohenlinden verlängert. Wien ist jedoch mit Krays Leistungen unzufrieden und entbindet ihn von seinem Kommando. Sein Nachfolger wird der erst achtzehnjährige Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich, der Bruder von Kaiser Franz II. Am 28. November wird die Waffenruhe aufgekündigt. Wenige Tage später erfolgt dann die Schlacht bei Hohenlinden.

Was im Jahre 1800 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation geschieht, davon erfahren Yannick und Till erst zu dem Zeitpunkt, als der Friede von Lunéville zwischen Österreich und Frankreich geschlossen wird. Zu diesem Zeitpunkt hat Moreau auch bereits bei Hohenlinden gesiegt. Es ist der 3. Dezember, fünf Uhr am Morgen, als die österreichische Vorhut unter General Löppert das Feuer auf französische Stellungen eröffnen ließ, während das österreichischbayerische Gros von der Ortschaft Haag aus nach Richtung Westen unterwegs ist. Als der Waffenstillstand am 28. November aufgekündigt wird, bleibt das Koalitionsheer entgegen den Erwartungen der Franzosen nicht in seiner festen Divisionsposition, sondern überschreitet in einer Stärke von 60.000 Mann den Inn. Am 1. Dezember kommt es dann zu Zusammenstößen in Oberbayern, zwischen den Ortschaften Haag und Mühldorf am Inn, woraufhin Moreau seine Truppen am 2. Dezember hinter Haag zurücknimmt und bei Hohenlinden 70.000 Mann konzentriert. Nun kommt es zu einer Fehleinschätzung der Österreicher, die davon ausgehen, dass der Weg nach München frei ist und nach Westen marschieren. Die französischen Truppen befinden sich jedoch westlich des großen Forstes von Haag. Der nördliche Flügel, der linke, steht mit zwei Divisionen auf der Linie der Orte Hohenlinden-Hörlkofen-Erding, das Zentrum mit zwei Divisionen steht östlich von Hohenlinden bei der Ortschaft Stockach und der südliche Flügel, der rechte, steht mit zwei Divisionen bei den Ortschaften Ebersberg und Steinhöring.

Jean-Victor-Marie Moreau

Jetzt, in den Morgenstunden des 3. Dezembers, ist die Schlacht voll im Gange. Die Koalitionstruppen, die auf freiem Feld biwakierten, sind durch dichten Schneefall und, wetterbedingt, schlechte Wege erschöpft. Der rechte Flügel von ihnen kann zwar im Norden bei den Orten Isen, Harhofen und Buch am Buchrain die französischen Truppen zurückdrängen, der linke Flügel bleibt jedoch im sumpfigen Gelände südöstlich der Ortschaft Maitenbeth stecken und fällt zurück. Die ersten Einheiten der Koalition erreichen gegen sieben Uhr morgens den Ausgang des Forstes und geraten östlich von Hohenlinden in Gefechte mit französischen Truppen, während die nachfolgenden Einheiten auf einer Länge von sieben Kilometern auf der Straße durch den großen Forst von Haag zusammengepfercht sind und es keine Kommunikation innerhalb der Marschkolonne mehr gibt. Obwohl die Österreicher jede am Forstausgang eintreffende Einheit sofort ins Gefecht werfen, hält die französische Linie stand. Die endgültige Entscheidung fällt schließlich da, wo sich der südliche Flügel der Franzosen befindet. Gegen 9 Uhr erfolgt der Angriff der Franzosen auf die Ortschaft Maitenbeth, die eingenommen wird, wobei Kürassiere des Regiments Nassau-Usingen bereits abgesessen überrascht und gefangen genommen werden. Damit ist das östliche Ende des Forstes unter französischer Kontrolle. Noch am späten Vormittag reiben die Franzosen die Österreicher am Forstausgang auf. Am östlichen Ende des Forstes bei Maitenbeth unternehmen Kavallerieeinheiten unter Feldmarschall Johann Joseph Fürst von Liechtenstein, Herzog von Troppau und Jägerndorf, verbissene Angriffe, um die Stellungen bei Maitenbeth wieder einzunehmen. Obwohl die dominierende französische Batterie kurzzeitig nichts erreicht und eine Haubitze erobert werden kann, können die Franzosen die Stellungen halten, bis um 15 Uhr Verstärkungen aus dem Forst zurückkehren und die Truppen von Fürst Liechtenstein zum Rückzug hinter Haag zwingen. Auch auf den Flügeln ziehen sich nun die österreichischbayerischen Truppen zurück. Die Österreicher verlieren 12.000 Mann an Toten und Gefangenen und 50 Geschütze, die Bayern 5.000 Mann und 24 Geschütze, die Franzosen etwa 5.000 Mann an Toten und Verwundeten. Die Österreicher ziehen sich nun in völliger Auflösung Richtung Österreich zurück. Sie werden von Moreau langsam verfolgt. Vom 12. bis 14. Dezember kommt es dann zur Schlacht am Walserfeld bei Salzburg. In dieser Schlacht kann die Hauptarmee unter Erzherzog Johann über einen Teil der französischen Rheinarmee einen vollständigen Sieg erringen, wobei aber gesagt werden muss, dass man wegen der Bedrohung durch die französischen Truppen aus dem Norden das Gefecht auch abgebrochen hat, um den Rückzug nach Osten anzutreten. Als den Österreichern jetzt eine Einkesselung im Raum Salzburg droht, ziehen sie sich Richtung Wien zurück, um ihre inzwischen stark dezimierten Truppen zu retten. Sie verlieren bei dieser Schlacht nämlich noch einmal 12.000 Mann und die Franzosen 10.000 Mann. Am 25. Dezember beendet der Waffenstillstand von Steyr dann den Vormarsch der Franzosen bei Melk.

5

Am Tag des Friedensabschlusses in Lunéville, es ist der 9. Februar 1801, erfahren nun Yannick und Till von Soldaten, die in ihre Einheit neu aufgenommen werden, von den Schlachten, die im Jahre 1800 im Deutschen Reich stattfanden. Yannick und Till selbst sind mit der französischen Einheit, die unter dem direkten Befehl von Napoleon steht, nach der Schlacht von Marengo nach Lunéville gekommen, in den kleinen Ort in der fruchtbaren Ebene zwischen Meurthe und Bezouse in Lothringen, in dem sich nun Kaiser Franz II und Napoleon Bonaparte im Schloss zur Unterzeichnung des Friedens treffen, durch den Frankreich die linksrheinischen Gebiete, die von französischen Truppen seit 1794 besetzt sind, bekommt. Nun werden Yannick und Till Zuschauer eines Schauspiels, das in die Weltgeschichte eingehen wird. Zwei der höchsten Vertreter großer Reiche treffen sich an einem Ort, der eigentlich unbedeutend ist, obwohl die Herzöge von Lothringen hier das Schloss besaßen, in dem jetzt das Treffen stattfindet und die Unterzeichnung eines bedeutenden Friedens erfolgt. Napoleon ist mit seiner Einheit, in der sich auch Yannick und Till befinden, einen Tag vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angereist. Die französische Einheit hat Quartier im Ort bezogen, während sich Napoleon ins Schloss begab. Nun, es ist um die Mittagszeit, reist der deutschrömische Kaiser an, begleitet von einer Eskorte. Von Kaiser Franz II ist nichts zu sehen. Die Fenster der Kutsche, in der er sitzt, sind verhangen. Kein Laut ist zu hören, als er an der Reihe französischer Soldaten, die Spalier bilden, Richtung Schloss fährt. Zu diesen Soldaten gehören auch Yannick und Till. Die Leute, die am Straßenrand stehen, um sich die Anreise eines Kaisers anzusehen, verhalten sich ruhig. Keiner wagt eine verdächtige Bewegung zu machen, als der Kaiser eines großen Reiches an ihnen vorbeifährt, französische Soldaten achten nämlich darauf, dass die Sicherheit von Franz II gewährleistet ist.

Am späten Nachmittag tut sich wieder etwas. Zuerst bewegt sich die Kutsche mit dem deutschrömischen Kaiser vom Schloss, in dem die Unterzeichnung des Friedensvertrages stattfand, durch den Ort Richtung Osten. Wenig später verlässt Napoleon Bonaparte Lunéville hoch zu Ross in Begleitung seiner Leibgarde das Schloss und wendet sich sofort Richtung Westen, ohne dabei durch eine Straße von Lunéville zu reiten. Die Infanterie-Einheit mit Yannick und Till verlassen den Ort am folgenden Tage bei leichtem Schneefall. Beide wissen nicht, dass sie Richtung Metz marschieren werden, um von dort auf dem Weitermarsch entlang des Moselufers und vorbei an Trier den kleinen Ort Ehrang zu erreichen, der da liegt, wo die Kyll in die Mosel fließt. Es ist ein Marsch, der von Lunéville bis zur Kyllmündung vier volle Tage dauert, und das bei Schneegestöber, denn kaum hatte Lunéville hinter der Marschkolonne gelegen, wandelte sich der leichte Schneefall in ein Schneegestöber, das nicht aufhören wollte.

In Ehrang wird erst im dortigen Militärlager eine Rast für zwei Tage eingelegt, bis es die Kyll aufwärts weitergeht. Yannick und Till sind froh, diese Ruhepause nach einem anstrengenden Marsch einlegen zu können. Oft genug haben sie geflucht, wenn ihnen auf dem Marsch die Schneeflocken nur so ins Gesicht schlugen und ihnen vor Kälte die Hand, die sie am Gewehr hielten, wehtat. Jetzt erholen sie sich erst einmal, bevor es durch die Eifel weitergeht. Wohin, das wissen sie allerdings nicht.

„In diesem Kaff, das sich Ehrang nennt, müssen wir uns jetzt erst einmal erholen von dem Marsch durch den Schnee, der zuletzt so hoch lag, dass wir Mühe hatten, überhaupt vorwärts zu kommen“, sagt Till zu seinem Bruder, als sie abends vor einer Scheune stehen, in der Quartier bezogen werden soll. „Ja, aber wie ich die Offiziere unserer Infanterie-Einheit kenne, wird die Erholung nicht lange dauern. Wir können aber hoffen, dass bei einem Weitermarsch kein Schnee mehr vom Himmel fällt, denn die letzten Wolken scheinen sich verzogen zu haben. Und sieh nach oben, dort ist nur noch ein sternenklarer Himmel zu sehen“, erwidert Yannick, bevor sie in die alte Scheune gehen, um dort mit Kameraden ihrer Einheit die Schlafplätze für sich und die meisten Infanteristen herzurichten, während der Rest der Einheit eine nahe Ruine beziehen muss, wo der Boden nur aus Schutt besteht, aber es zumindest ein Dach über dem Kopf gibt.

Vor der Scheune werfen beide nun einen Blick zum Abendhimmel und sind so fasziniert von ihm, dass sie noch eine Weile vor der Scheune stehen bleiben müssen. Sie erkennen die Winterfiguren in ihrer Höchststellung im Süden, wo der Himmelsjäger Orion den Meridian gerade überschritten hat. Rechts oberhalb des Orions liegt der Stier, dessen Hauptstern Aldebaran deutlich zu erkennen ist. Dicht neben Aldebaran stehen die Hyaden und noch weiter rechts die Plejaden, das Siebengestirn. Links unterhalb des Orions taucht der Große Hund auf. Sein Hauptstern Sirius steht in der Verlängerung des Orions nach links unten. Er ist jetzt der hellste Stern am wolkenlosen Abendhimmel. Winterliche Rand-Sternbilder sind der Hase unterhalb des Orions, der Fluss der Unterwelt, Eridanus, rechts unterhalb von Orion, und das Einhorn im Bereich zwischen Orion, Zwillinge, Kleinen und Großen Hund. Im Osten stehen bereits einige Frühlings-Sternbilder, wie der Löwe. Sein Hauptstern heißt Regulus, sein Schwanzstern Denebola. Auch das Sternbild der Wasserschlange ist deutlich mit dem Hauptstern Alphard zu sehen. Das Sternbild der Fische steht über dem Westhorizont. Gut sind das Sternbild des Widders, das Nördliche Dreieck, der Große Wagen und der Große Bär zu sehen, während Deneb, der Hauptstern des Schwans, gerade noch über dem Nordnord-West-Horizont erscheint. Die Milchstraße erstreckt sich jetzt vom Südsüd-Ost-Horizont über das Wintersechseck zu den Zirkumpolar-Sternenbildern Perseus, Kassiopeia und Kepheus, um im Bereich von Deneb im Schwan am Nordnord-West-Horizont zu verschwinden. Es sind die Sterne, die während der täglichen Umdrehung der Himmelskugel nicht auf- oder untergehen, wie alle Sterne, die man über den Erdpolen sieht aber nicht am Äquator. – Yannick und Till können ihr Hochblicken zum abendlichen Himmel nur schwer beenden, so begeistert sind sie von dem, was dort zu sehen ist. Erst ein Kamerad ihrer Einheit muss sie auch daran erinnern, dass was Wichtigeres zu tun ist als Sternegucken, nämlich die Herrichtung der Schlafplätze, woran die beiden Brüder während des Guckens zum Sternenhimmel nicht mehr gedacht haben. Kaum ist jetzt aber die Scheune betreten und sind die geeigneten Stellen gefunden, sind die Plätze für die Nachtruhe auch schon hergerichtet. Als sich beide danach hinlegen, fallen sie schnell in einen Tiefschlaf.

Der Name Ehrang stammt von dem Keltenführer Irus, der das Gebiet an der Mündung der Kyll in die Mosel wegen seiner günstigen Lage als Siedlung wählte. Die Siedlung nannte er Yranc. Eine wichtige keltische Handelsstraße führte seitdem über die Kyll. Die Römer bauten an dieser Stelle eine Brücke und errichteten in ihrer Nähe Denkmäler und Weihestätten. Zudem lag die Siedlung zu ihrer Zeit unweit der Grenze zwischen der Provinz Belgica und der Provinz Germania superior.

Keltische Grenzstation Belginium während der Römerzeit, gelegen auf der rechten Seite der Mosel an der Grenze zwischen Belgica und Germania superior

Aus Yranc ist später Ehrang geworden und keiner interessiert sich heute dafür, was vor weit über tausend Jahren hier mal war. Der Ort liegt nahe der Mündung der Kyll in die Mosel. Die Kyll ist ein kleiner Nebenfluss auf der linken Seite der Mosel, der durch die Eifel fließt. Das Kylltal werden Yannick und Till jetzt kennen lernen und die Eifel wird mal ihre neue Heimat sein.

Zwei Tage die zur Pflege der eigenen Waffe benutzt werden, zwei Tage die der Körperpflege dienen, zwei Ruhetage die genutzt werden, um dem Körper wieder die Kräfte zurückzugeben die er braucht, um den langen Marsch der jetzt bevorsteht zu überstehen, sind vergangen. Langer Marsch? Ja, nur davon wissen Yannick und Till noch nichts. Und das ist auch gut so, denn es wird kein Spaziergang durch das Kylltal sein, den sie am dritten Tag des Aufenthalts in Ehrang morgens, kaum dass die Sonne aufgegangen ist, in Marschordnung antreten müssen. Bei einem wolkenlosen Himmel ist mit Schneefall nicht zu rechnen, dafür ist es aber eisig kalt und es liegt noch hoher Schnee im Tal der Kyll. Es ist der Schnee, der Tage vorher gefallen ist. Yannick und Till fluchen, als sie marschbereit vor der Scheune stehen, in der sie sich zwei Tage lang erholen konnten.

Ein Kommandoruf und die Kolonne der Infanteristen setzt sich in Bewegung, um den Marsch Richtung Norden zu beginnen. Auf dem Wasser der Kyll, der Name des Flusses geht aus dem keltischen Wort gilum zurück, was Bach heißt, schwimmen Eisstücke. Im Mittelalter entstand aus dem Wort der Name Kila, woraus später dann der Name Kyll wurde. Jetzt marschiert durch das Tal dieses Flusses eine lange Kolonne von Soldaten in französischen Uniformen. Die Sonne scheint auf die rotbraunen Felsen der rechten Seite des kleinen Flusses, wo die Strahlen reflektieren. Auf dem Pfad, der durch das untere Tal führt, quälen sich die Soldaten durch den Schnee, um vorwärts zu kommen. Vereinzelt hört man einen Fluch. „Diese verdammte Quälerei, die wir mitmachen müssen, um zu einem Ziel im Nirgendwo zu kommen, das muss unser Kompanieführer uns erst einmal erklären, wofür das gut ist“, meint auch Till, indem er dies laut zu seinem Bruder sagt, der neben ihm marschiert. Sie haben dabei noch Glück, dass sie nicht in den vordersten Reihen mitmarschieren müssen. Ihre Kameraden dort drücken mit ihren Stiefeln den Schnee